wollte, daß sie zu spät kam, daß sie über ihre Zeit leben wollte. Eine
schwedische Philosophie zu schaffen, war ein Unding; damit riß man sich
von dem großen Mutterstamm los, der draußen auf dem Festland wächst und
nur Samen nach der harten Erde der hyperboräischen Halbinsel sendet.
Sie kam zu spät, denn es ist Zeit nötig, um ein System zu schaffen; und
ehe das fertig wurde, war die Zeit weitergegangen.
Boström als Philosoph kam nicht wie aus einer Kanone geschossen. Alles
Wissen ist Sammelwerk und ist gefärbt von der Persönlichkeit. Boström
ist gewachsen aus Kant und Hegel, begossen von Biberg und Grubbe, um
schließlich einige ziemlich selbständige Schüsse zu treiben. Das ist
alles! Den Grundgedanken selbst scheint er aus Krauses Panentheismus
geholt zu haben, dem Versuch, die Kant-Fichtesche Philosophie und die
Schelling-Hegelsche auszugleichen. Diesen Eklektizismus hatte man schon
Grubbe vorgeworfen. Boström studierte zuerst Theologie, und diese
scheint seinen Geist zu binden, als er die spekulative Theologie
schreibt. Seine Sittenlehre bekam oder nahm er von Kant. Boström einen
originellen Philosophen nennen, ist Lokalpatriotismus. Sein Einfluß
erstreckt sich nicht über die Grenzen Schwedens und reicht nicht weiter
als bis zum Ausgang der sechziger Jahre. Seine Staatslehre war schon
1865 Altertumskunde geworden, als die Studenten noch, aus Ehrerbietung
gegen den Lehrer, in der Prüfung nach seinem Lehrbuch erklären mußten,
die Volksvertretung durch die vier Stände sei die einzig vernünftige;
später wurde das natürlich gestrichen.
Wie kam Boström auf eine solche Idee? Kann man aus dem zufälligen
Umstand schließen, daß er, der Sohn eines armen Mannes aus Norrland,
in eine zu nahe Berührung mit König Karl Johan und dem Hof kam,
nämlich als Lehrer der Prinzen? Konnte der Philosoph dem Schicksal
aller entgehen, in +gewissen+ Beziehungen persönliche Neigungen
oder hergebrachte Vorstellungen zu verallgemeinern? Wahrscheinlich
nicht. Boström war als Idealist subjektiv, so subjektiv, daß er der
Wirklichkeit ein selbständiges Dasein versagte, als er erklärte: „Sein
ist wahrgenommen werden‟ (vom Menschen). Die Welt der Erscheinungen
bestehe also nur in und durch unsere Wahrnehmung. Der Fehlschuß wurde
übersehen, und der war ein doppelter. Das System geht nämlich von
einem unbewiesenen Satz (petitio principii) aus und müßte wohl darin
berichtigt werden: die Welt der Erscheinungen besteht +für uns+ nur
durch unsere Wahrnehmung; das hindert aber nicht, daß sie für sich
besteht ohne unsere Wahrnehmung. Durch die Naturwissenschaft ist ja
bewiesen, daß die Erde mit einem sehr hohen organischen Leben bestanden
hat, ehe ein wahrnehmender Mensch da war.
Boström brach mit dem Christentum der Kirche, behielt aber, gleich
Kant und sogar wie die späteren Philosophen der Entwicklung, die
Sittenlehre des Christentums. Kant war mitten in dem kühnen Vorgehen
seines Gedankens infolge Mangels an psychologischen Kenntnissen stehen
geblieben und diktiert ganz einfach den kategorischen Imperativ
und die praktischen Postulate. Das Sittengesetz, das ja von der
Epoche abhängt und mit ihr wechselt, bleibt weiter ganz christlich
„Gottes Gebot‟. Boström stand noch „unter dem Gesetz‟, beurteilte den
sittlichen Wert oder Unwert einer Handlung nach dem Motiv; und das
einzig befriedigende Motiv ist die „Achtung vor dem unsichtbaren Wesen
des Verpflichteten‟, das sich im Gewissen offenbart. Aber Gewissen
gibt es ebenso viele wie Religionen und Volksstämme; darum wurde die
Sittenlehre ganz unfruchtbar.
Boström fördert die Entwicklung nur, als er 1864 gegen Bischof Beckman
im Kampfe um die Höllenlehre auftritt, obwohl diese Lehre schon damals
von den Gebildeten mit Hilfe der Neurationalisten verworfen war.
Hemmend für die Entwicklung wieder wurde Boström durch seine Schriften:
„Der Monarch nicht verantwortlich und heilig‟ und „Sind die Stände des
Reiches berechtigt, die sogenannte (!) Änderung der Volksvertretung im
Namen des schwedischen Volkes durchzuführen?‟
In seiner Eigenschaft als Idealist wird Boström für das heute (1886)
lebende Geschlecht nicht nur bedeutungslos, sondern auch reaktionär.
Er ist ein notwendiges Glied einzig und allein in der verwerflichen
Reaktionsphilosophie, die so verhängnisvoll und verdunkelnd der
Aufklärungsphilosophie des achtzehnten Jahrhunderts folgt. Er hat
gelebt und ist tot! Friede seiner Asche!
* * * * *
Ein anderes Barometer der geistigen Atmosphäre soll die schöne
Literatur sein. Um das aber sein zu können, muß sie die Freiheit haben,
die Fragen der Zeit behandeln zu können; das erlaubte die damalige
Ästhetik aber nicht.
Die Poesie sollte sein und war (nach Boström) ein Spiel, ebenso wie
die schönen Künste. Die Poesie wurde unter solchen Verhältnissen und
mit der üblichen Philosophie der Ichvergötterung lyrisch; drückte des
Dichters kleine persönliche Gefühle und Neigungen aus, spiegelte darum
die Zeit nur in gewissen Zügen, die vielleicht nicht die wesentlichsten
sind.
Die schwedische Poesie der sechziger Jahre war die der Signaturen. Aber
von diesen waren nur zwei von Bedeutung: Snoilsky und Björck. Snoilsky
war, um einen Ausdruck des Pietismus zu gebrauchen, „erweckt‟; Björck
war „tot‟. Beide waren, wie man zu sagen pflegt, geborene Dichter, das
heißt, ihre Anlagen zeigten sich früher als gewöhnlich. Beide machten
sich schon in der Schule bemerkbar, kamen früh zu Ehre und Ruhm, sahen
durch Geburt und Stellung das Leben von den sonnigen Höhen. Snoilsky
war, ohne es zu wissen, von den Geistern der neuern Zeit ergriffen. Von
der Furcht vor der Hölle und der Mönchsmoral befreit, es erlebend, wie
der Adel seine Vorrechte zurückgeben muß, läßt er Geist und Fleisch
frei. Er ist Revolutionär in seinen ersten Gedichten und liebt die
phrygische Mütze; er predigt die Lebensfreude des Fleisches, hat einen
gewissen Haß gegen die Überkultur als konventionelles Band. Aber als
Dichter entging er nicht dem tragischen Geschick des Dichters: nicht
ernst genommen werden. Poesie war nun einmal Poesie, und Snoilsky war
Poet.
Björck war mit einem Sinn begabt, der für starke Eindrücke nicht
empfänglich war. Harmonisch, schlaff, fertig von Anfang an, lebt er
sein Leben versunken in inneres Nachdenken; oder er bemerkt nur die
kleinen Ereignisse der äußeren Welt und schildert die hübsch und
korrekt. Die große Mehrheit, die das harmonische Leben des Automaten
lebt, glaubt, seine Poesie atme eine unendliche Liebe zum Nächsten.
Warum aber erstreckt sich diese Liebe nicht weiter, nicht über die
großen Menschenkreise hinaus, über die ganze Menschheit? Björcks
Liebe geht nicht über die persönliche Ruhe hinaus, zu welcher der
einzelne gelangt, wenn er die Pflichten von sich fern hält, die das
Zusammenleben aufstellt. Er ist mit seiner Welt zufrieden, weil die
Welt ihm hold gewesen ist; Kampf darf es nicht geben, weil der die
persönliche Ruhe stört. Björck zeigt uns den Glücklichen, dessen
Leben nicht im Streit mit seiner Erziehung steht, der vielmehr Stein
für Stein auf dem einmal gelegten Fundament aufbaut; alles geht
handwerksmäßig nach Wasserwage und Lineal; das Haus wird fertig, wie
es gezeichnet ist, ohne daß der Plan eine Änderung erfahren hat. Von
Familientyrannei gezähmt, früh Achtung und Bewunderung der Menschen
kostend, blieb er im Wachstum stehen. Den Boströmschen Kompromiß
mit dem Christentum nahm er ungesehen an; damit hatte er sein
Lebenswerk gemacht. Seine Dichtung wird besonders als die reine, die
seraphische hervorgehoben. Was ist das Reine, das heute so schroff
dem Sinnlichen gegenüber gestellt wird? Er kriegte sie nicht, das ist
das Geheimnis; wie sich Dantes himmlische Liebe zu Beatrice aus der
gleichen unfreiwilligen Ursache herleitete. Björck besingt also das
Unerreichbare, mit der stillen Milzsucht der unbefriedigten Liebe. Aber
das war doch keine Tugend, und das Reine sollte ja eine Tugend sein.
Hätte er sie nur gekriegt!
Übrigens, wie verhielt es sich mit dem Reinen in den Herzen der
Signaturen? Blühte nicht die unanständige Anekdote, wurden nicht die
„Bierstuben‟ besucht, das Dekameron übersetzt, „Geranien und Kakamoja‟
von den Signaturen herausgegeben? Alle Menschen sind wohl sinnlich
veranlagt, aber es galt damals für unrein, seine Sinnlichkeit zu
zeigen; darum mußte sie unterirdischen Abfluß haben. Snoilsky brach mit
der Heuchelei und sang sich aus; und Björck verriet sich auch, als er
erzählte, wie er die Minderjährige auf der Heimfahrt im Wagen geküßt.
Nicht das Kind küßte er, sondern das Mädchen, und das Mädchen in kurzem
Kleid. Hans Jaegers Feinde hätten das sicher für unrein, frühreif oder
etwas noch Schlimmeres gehalten. Auch gibt es Überlieferungen von der
Zeit der Signaturen, daß der seraphischeste von allen seraphischen
Dichtern ein stürmisches Leben geführt habe und daß die Engelsflügel
erst wuchsen, als das Bocksfell Haare ließ. Sie sangen Wasser, aber sie
tranken Wein, wie die Dichter von heute (1886) beschuldigt werden, daß
sie Wein singen und Wasser trinken. Immer soll das Leben des Dichters
in Mißklang zu seinen Lehren stehen. Warum? Will er beim Dichten sich
selbst loswerden und einen andern erfinden? Ist es die Sucht, sich zu
verkleiden? Ist es Schüchternheit? Die Furcht vor der Hingabe, vorm
Entblößen der Scham? Der künftigen Wissenschaft der Seele ist da eine
tüchtige Aufgabe gestellt, das herauszubringen!
Björck sang 1865 beim Reformfest in Upsala; aber die königliche
Revolution besingt er. Harmonie sieht er in allem; wenn er von der
wiederhergestellten Eintracht zwischen Schweden und Norwegen (1864)
singt, ist er lauter Wohllaut. Auch Abraham Lincoln besingt er.
Negeremanzipation und weiße Sklaverei: das ist das Freiheitsideal der
heiligen Allianz. Revolution, aber gesetzliche Revolution von Gottes
Gnaden! Nun, er wußte es nicht besser, und wenige wußten es damals
besser. Darum kein Gericht über den Mann, sondern nur ein Urteil über
seine Tat, deren Motiv für die Nachwelt gleichgültig ist.
Die Jugend las die Signaturen, viele mit großer Erbauung. Sie
verkündeten keine neue Zeit, sondern sie weissagten hinterher: jetzt
sei das Tausendjährige Reich gekommen, die Ideale verwirklicht, die
Grenzlinie aufgehoben, ein für alle Male aufgehoben. Sie sahen mit
Befriedigung auf ihr geschaffenes Werk, rieben sich die Hände und
fanden alles gut.
Ein stiller Friede hatte sich 1870 über die ganze Universitätsstadt
Upsala gebreitet; jetzt könne man bis zum Jüngsten Tage schlafen,
meinte alt und jung. Da aber sind Mißlaute zu hören, und in den Tagen
des allgemeinen Friedens gewahrt man Feuerzeichen auf den Bergspitzen
der Nachbarn. Von Norwegen signalisert man offnes Wasser, und die
Leuchttürme werden angezündet.
Rom nahm Griechenland, aber Griechenland nahm Rom ein. Schweden hatte
Norwegen genommen, jetzt aber nahm Norwegen Schweden ein.
Lorentz Dietrichson wird 1861 zum Dozenten der Universität Upsala
ernannt, und er ist der Vorbote. Er macht Schweden mit der dänischen
und norwegischen Dichtung bekannt und gründet die literarische
Gesellschaft, aus der die Signaturen hervorgingen.
Nachdem Norwegen von der dänischen Monarchie losgerissen war und
aufgehört hatte, eine Filiale des Hauptkontors von Kopenhagen zu
sein, wurde es nicht Schweden aufgepfropft, sondern kehrte bei sich
selber ein und eröffnete gleichzeitig eine direkte Verbindung mit
dem Festland. Während das Land zur Selbständigkeit erwachte, strömte
gleichzeitig ein großer Golfstrom vom Ausland unmittelbar an seine
Küsten.
Björnson war es, der Norwegen Selbstgefühl gab, und als das zu
beschränktem Patriotismus ausartete, kam Ibsen mit der Schere.
Als dieser Kampf hitziger wird und Christiania sich nicht mehr zum
Walplatz hergeben will, wird der Streit ins gastfreundliche Schweden
verlegt. Der norwegische Wein, der stark „beschnitten‟ war, eignete
sich gut zur Ausfuhr, und die Pamphlete gewannen auf der Reise über
Land und wurden in Schweden Literatur. Die Gedanken kamen an die
Oberfläche, aber die Persönlichkeiten setzten sich auf den Boden des
Gefäßes.
Ibsen und Björnson brachen in Schweden ein; Tidemand und Gude
waren Sieger in der Kunstausstellung von 66; Kierulf und Nordraak
beherrschten Lied und Klavier.
Björnson begann als Bezauberer; Ibsen als Wecker. „Zwischen den
Treffen‟ riß die Stockholmer hin, und ganz mit Recht. Den „Bund der
Jugend‟ verstand man infolge der lokalen Anspielungen nicht; ja, man
verstand nicht einmal, daß er die neuen Bestrebungen verhöhnte, denn
er verhöhnte nicht die schwedischen Verhältnisse. Man hörte munkeln,
daß Steensgaard Björnson sein solle und daß der Schauspieler sich
porträtgetreu maskiert habe; doch das ging einen nichts an. Den „17.
Mai‟ gab man preis, aber man bewunderte Dahlqvist als Aslaksen.
Dann kam „Brand‟. Der war bereits 66 erschienen, kam aber erst 69 in
Johans Hände. Er griff tief in sein altchristliches Herz, war aber
finster und streng. Das Schlußwort vom Deus Caritatis befriedigte
nicht, und der Dichter schien zu viel Sympathie für seinen Helden
gehabt zu haben, um ihn nur ironisch dem Untergang überlassen zu können.
Brand machte Johan viel Kopfzerbrechen. Er hatte das Christentum
fallen gelassen, aber die schreckliche Moral der Askese beibehalten.
Er forderte Gehorsam gegen seine alten Lehren, die nicht mehr
anzuwenden waren; er verhöhnte das Streben der Zeit nach Menschlichkeit
und Vergleich, schließt aber damit, den Gott des Vergleichs zu
empfehlen. Brand war ein Pietist, ein Fanatiker, der gegen die Welt
recht zu haben glaubte, und Johan fühlte sich verwandt mit diesem
entsetzlichen Egoisten, der obendrein unrecht hatte. Keine Halbheit,
nur drauflosgehen, alles niederbrechen, was im Wege steht, denn du
allein hast recht! Johans zartes Gewissen, das unter jedem Schritt, den
er tat, litt, weil dieser Schritt Vater oder Freunden weh tun konnte,
wurde von Brand betäubt. Alle Bande der Rücksicht, der Liebe sollten
der „Sache‟ wegen zerrissen werden.
Daß Johan jetzt nicht mehr die ungerechte Sache der Haugianer führte,
war ein Glück, sonst wäre auch er beim Bergrutsch untergegangen! Brand
aber gab ihm den Glauben an ein Gewissen, das reiner war als das, was
die Erziehung ihm gegeben hatte, und ein Recht, das höher stand als
das gewöhnliche Recht. Und er brauchte diese Eisenstange in seinem
schwachen Rücken, denn er hatte lange Perioden, in denen er sich aus
Menschlichkeit selbst unrecht und dem ersten besten recht gab; darum
war er auch sehr leicht anzuführen.
Brand war der letzte Christ, der einem alten Ideal nachgab, darum
konnte er kein Muster für den werden, der eine dunkle Aufruhrlust gegen
alle alten Ideale fühlte.
Das Stück bleibt ein schönes Gewächs, das keine Wurzel in der Zeit hat
und darum ins Herbarium gehört.
Dann kam „Peer Gynt‟. Der ist eher dunkel als tief und hat seinen
Wert als Gegengift gegen die nationale Selbstliebe. Daß Ibsen nicht
verbannt oder verfolgt wurde, nachdem er dem stolzen norwegischen Volk
so bittere Dinge gesagt hatte, zeigt, daß man in Norwegen den Streit
ehrlicher führte als in Schweden.
Die „Komödie der Liebe‟ wirkte „peinlich‟. Sie leugnete die Liebe
und zeigte die Ehe als eine Lebensversicherung für das Weib, das die
Prämien mit ihrer Gunst bezahlt. So roh wirkte damals die Wahrheit.
Ibsen galt damals als Menschenhasser und als Björnsons Neider und
Feind. Man war in zwei Lager geteilt und der Streit, welcher von beiden
der größere sei, hatte kein Ende, denn er handelte über das Problem der
Kunst: Inhalt oder Form.
Der Einfluß der norwegischen Poesie auf die schwedische Entwicklung
ist groß gewesen und zum Teil sehr wohltuend, doch war darin etwas
eigentümlich Norwegisches, das auf Schweden, ein Land mit ganz anderer
Entwicklung, nicht anzuwenden war.
In den abgesonderten Tälern Norwegens wohnte ein Volk, das aus Not
und Mangel in den Entsagungslehren des Christentums eine fertige
Askesephilosophie vorfand, die den Himmel als Entgelt fürs Entbehren
versprach. Eine schwere, düstere und karge Natur, ein feuchtes Klima,
lange Winter, große Entfernungen zwischen des Dörfern, Einsamkeit --
alles wirkte zusammen, um das Christentum in den strengen Formen des
Mittelalters zu erhalten.
Es ist auch etwas im norwegischen Charakter, das man geisteskrank
nennen könnte, von der Art des englischen Spleens; und wer weiß, ob
nicht Norwegens intime Berührung mit dem hypochondrischen Inselvolk
Spuren in die Kultur gedrückt hat. In Jonas Lies „Hellseher‟ ist diese
Geisteskrankheit dargestellt; da herrscht die gleiche unheimliche
Stimmung, die man in den isländischen Sagen trifft. Der Kampf des
Geistes gegen das physische Dunkel, gegen die Kälte. Die Schilderung
vom traurigen Schicksal des Nordländers, von sonnigen Ländern zu den
Wildnissen des Dunkels und der Kälte verwiesen zu sein, das jetzt
seine Berichtigung in der Auswanderung sucht; deren ethnographische
Bedeutung man vor der wirtschaftlichen vergessen hat. Norwegischer
Charakter ist die Frucht von vielen hundert Jahren Tyrannei,
ungerechter Behandlung, schwerem Brotkampf, Mangel an Freude.
Diese nationalen Eigentümlichkeiten hätte der Schwede nicht mit in
den Kauf nehmen sollen, aber sie haben ihn vernorwegert. In der
schwedischen Literatur spukt noch der Dovrealte; Brand läuft mit
seinen idealen Forderungen herum, die der romanisierte und heitere
Schwede nicht aufrichtig teilen kann. Darum sitzt ihm diese fremde
Volkstracht jetzt so schlecht; darum klingt die moderne schwedische
Musik so unharmonisch, als ein Nachklang der Geige von Hardanger, die
von Grieg neu gestimmt ist; darum erscheint die neue Mundartensucht so
übel gewählt; darum schnarrt das Wort von größerer sittlicher Reinheit
im Munde des lebenslustigen Schweden. Er hat nicht unter langwieriger
nationaler Unterdrückung geseufzt und braucht sich nicht in der
Vergangenheit aufzusuchen; er ist in seinem offenen flachen See- und
Flußland nicht so düster geworden, und darum kleidet ihn die saure
Miene nicht.
Als er dagegen große, neue Gedanken via Christiania oder direkt
vom Ausland durch Ibsen und Björnson bekam, hätte der Schwede das
Nettogewicht behalten, die norwegische Tara aber lassen sollen.
Das „Puppenheim‟ sogar ist norwegisch. Nora ist verwandt mit den
isländischen Frauen, die das Matriarchat mitnahmen; gehört zur Familie
der unheimlichen herrschsüchtigen Frauen der „Krieger auf Helgeland‟:
die sind reine Norwegerinnen, bei denen die Gefühle erfroren oder
durch die Familienheiraten der Jahrhunderte verwachsen sind. Die
schwedische Frauenliteratur ist norwegisch-norwegisch, mit ihrer
unbescheidenen idealen Forderung an den Mann und mit ihrem Verhätscheln
der verwöhnten Frau; mehrere junge Schriftsteller haben norwegischen
Stil in die schwedische Sprache eingeführt, und eine Schriftstellerin
hat schließlich die Handlung nach Norwegen verlegt und den Helden
norwegisch sprechen lassen. Weiter kann man nicht gehen!
Ausländisches gern, denn das ist universal; aber nicht Norwegisches,
denn das ist provinziell, und das haben wir selbst ebenso gut!
* * * * *
So war er wieder in Upsala, in dieser Universitätsstadt, aus der er vor
neun Monaten geflohen, in die er höchst ungern wieder zurückging.
Zu etwas gezwungen werden, was er nicht wollte, machte immer den
Eindruck auf ihn, als begegnete er einem persönlichen Feinde, der ihm
seine Wünsche und seine Abneigungen ablistete und ihn zwang, sich zu
beugen. Da er noch unter Gottes besonderer Aufsicht zu stehen glaubte,
nahm er das hin, als diene es zu seinem Besten. Später aber hatte er
das Gefühl, es gebe eine böse Macht. Aus diesem Gefühl entwickelte sich
dann der Glaube an zwei lenkende Mächte, eine böse und eine gute, die
sich in der Herrschaft teilten oder sich ablösten.
Er fragte sich wieder, was hast du hier zu tun? Den Doktor zu machen;
vor allem aber den Rückzug vom Theater zu decken. Insgeheim wollte er
wohl ein Stück schreiben, um sich unter dem Schutz des Erfolges dem
Examen zu entziehen.
In der ersten Zeit fühlte er sich durchaus nicht wohl auf seiner
einsamen Bodenkammer. Er war jetzt an Komfort gewöhnt, an große Zimmer,
guten Tisch, Bedienung und Gesellschaft. Gewohnt, als Mann behandelt zu
werden und mit älteren gebildeten Menschen zu verkehren, konnte er sich
schwer darein finden, wieder Student zu sein. Aber er warf sich ins
Gewimmel und hatte bald drei verschiedene Verkehrskreise.
Zuerst die Mittagsgesellschaft, die aus Medizinern und Naturforschern
bestand. Von ihnen hörte er zum ersten Male den Namen Darwin; dieser
Name flog an ihm vorbei wie eine Lehre, für die er noch nicht reif war.
Dann die Abendgesellschaft, die aus einem Theologen und einem Juristen
bestand; mit denen spielte er Karten bis tief in die Nächte hinein.
Er glaubte jetzt nur deshalb in Upsala zu sein, um zu wachsen, älter zu
werden; und daß es ziemlich einerlei war, was er tat, wenn nur die Zeit
verbracht wurde. Er warf jetzt ein Trauerspiel „Erich XIV.‟ nieder.
Fand es aber schlecht und verbrannte es, denn die Selbstkritik war
erwacht und die Forderungen gewachsen.
Später im Semester kam er in eine dritte Gesellschaft, die dann sein
besonderer Kreis wurde für die ganze Zeit in Upsala und noch länger.
Zufällig traf er eines Abends einen älteren Kameraden, mit dem er
die Privatschule besucht hatte. Sie sprachen von Literatur, und bei
einem Glase Grog wurde der Plan entworfen, einige junge Dichter zu
einer Gesellschaft zusammenzubringen. Das hieß eine Art Wirkungskreis
schaffen.
Der Plan wurde ausgeführt. Außer Johan und dem zweiten Stifter wurden
vier junge Studenten gewählt. Es waren vortreffliche Jünglinge, ideal
angelegt, wie man sagt; hatten gute Vorsätze und schwärmten für
unbekannte Ideale. Sie waren mit den Widerwärtigkeiten des Lebens
noch nicht in Berührung gekommen, hatten vermögende Eltern, keine
Sorgen und wußten noch nichts vom Kampfe ums Brot. Johan hatte eben
die unangenehmsten Verhältnisse verlassen, Menschen gesehen, die sich
immer die Zähne zeigten, eingebildete leere Schauspielereleven; jetzt
sah er sich in eine neue Welt versetzt. Da gingen die seligen Jünglinge
an ihren gedeckten Tisch, rauchten feine Zigarren, machten ihre
Spaziergänge, poetisierten schön über das schöne Leben, das sie noch
nicht kannten.
Satzungen wurden entworfen und die Verbindung nahm den Namen „Runa‟ an,
der Lied bedeutet. Daß man sie Runa nannte, kam wohl von der nordischen
Renaissance, die mit dem Skandinavismus gekommen war; von König Karl
XV. in der Poesie, von Winge und Malmström in der Malerei, von Molin
in der Bildhauerei geadelt wurde und jetzt ebenso schön in Björnsons
und Ibsens Dramen aus dem alten nordischen Leben aufgelebt war. Auch
trug das Studium der isländischen Sprache dazu bei, das eben an der
Universität eingeführt war.
Die Anzahl der Mitglieder sollte höchstens neun sein; jeder erhielt
als Bundesbruder eine Rune als Namen. Johan wurde Frö und der zweite
Stifter Ur. Alle Richtungen waren vertreten. Ur war ein großer Patriot
und verehrte Schweden mit dessen Erinnerungen. Das Land habe die
feinste Geschichte von Europa und sei immer frei gewesen. Sonst war
er ein realistisch veranlagter Mann, der einen ausgebildeten Sinn für
Statistik, Staatswissenschaft, Biographie besaß, ein strenger und
geschickter Kritiker der Form war, auch die Verwaltung des Bundes
führte. Verläßlicher Freund, guter Gesellschafter, hilfreich und
herzlich.
Auch ein vollblütiger Romantiker war da, der Heine las und Absinth
trank; ein gefühlvoller Jüngling, der noch für alle alten Ideale
schwärmte, aber am meisten für Heine.
Da war ein Seraph, der das unendlich Kleine besang, besonders die
Seligkeit der Kindheit.
Da war einer, der still die Natur verehrte.