Experimenten des ersten besten her.
Das war ein Grund. Er wolle also eine kleine Rolle nehmen. Man
entschloß sich für Härved Boson in Hedbergs „Hochzeit von Ulfåsa‟.
Zu Hause las Johan die Rolle und war verdutzt. Das war keine Rolle. Die
handelte von nichts. Er zankte nur einige Male mit seinem Schwager und
dann umarmte er seine Frau. Aber er mußte die Rolle nehmen. Man hatte
eben heruntergehandelt.
Die Proben begannen. Hohle Worte ohne Bedeutung hinauszuschreien, das
war grausam.
Nach einigen Proben erklärte der Lehrer, er habe keine Zeit mehr und
empfahl Johan, den Proben der Schauspielerschule beizuwohnen.
-- Ja, aber Schüler werde ich nicht!
-- Nein, nein.
Man sprach von der Schauspielerschule wie von einem Kindergarten oder
einer Sonntagsschule. Alle möglichen Leute wurden aufgenommen, ob sie
Schulbildung hatten oder nicht. Dahin wollte Johan nicht. Nein, nur
zuhören.
Mit schweren Schritten ging er hin. Gewohnt, selbst Lehrer zu sein,
trat er als eine Art Ehrengast ein und setzte sich auf einen Stuhl.
Aber er zog sich eine unangenehme Aufmerksamkeit zu. Die Stunde verging
damit, daß die „Milchstraße‟, die er auswendig konnte, und einige
andere Gedichte hergesagt wurden.
-- Aber davon kann man doch für die Bühne nichts lernen, wagte er dem
Lehrer zu sagen.
-- Dann kommen Sie auf die Bühne und erproben Sie das Rampenlicht,
sagte der.
-- Wie ist das möglich?
-- Als Statist.
-- Statist? Hm! Das geht abwärts, ehe es begann, dachte Johan. Aber er
beschloß, alles durchzumachen.
Eines Morgens erhielt er die Ladung, sich auf der Probe von Björnsons
„Maria Stuart‟ einzufinden. Der Bote übergab ihm ein kleines blaues
Heft, auf dem geschrieben stand: Ein Edelmann. Und inwendig auf einem
weißen Blatt las er: „Die Lords haben einen Unterhändler gesandt, der
eine Herausforderung an den Grafen Bothwell überbringt‟. Das war die
ganze Rolle. Und das war also sein Debüt!
Zu der festgesetzten Zeit betrat er die kleine Hintertreppe und
gelangte am Diener vorbei auf die Bühne. Zum ersten Male stand er
hinter den Kulissen. Das war die Kehrseite. Ein großes Magazin mit
schwarzen Wänden; ein zernagelter schmutziger Scheunenfußboden; und
diese grauen Leinwandschirme mit ihrem rohen Holz!
Von hier hatte man ihm herrliche Szenen aus der Weltgeschichte gegeben,
von hier hatte Masaniello gerufen: „Nieder mit den Tyrannen‟, während
er zitternd im vierten Rang stand. Hier hatte Hamlet gehöhnt und
gelitten; von hier hatte ja auch einmal Karl Moor sein Pfui über die
Gesellschaft und die ganze Welt gerufen. Ihm wurde bange. Wie sollte
man hier, beim Anblick des rohen Holzes und der grauen Sackleinwand,
selber Illusion bekommen? Alles sah staubig und schmutzig aus; die
Arbeiter waren arme Teufel; die Schauspieler und Schauspielerinnen
sahen in ihren bürgerlichen Kleidern nach nichts aus.
Er wurde ins Foyer geführt, wo man erst eine halbe Stunde lang die
Gavotte tanzte, die das Stück eröffnete. Es war volles Tageslicht. Auf
einem Stuhl saß der alte Musiklehrer seiner Familie und strich die
Geige. Der Ballettmeister schrie und schlug in die Hände. Man wurde
aufgestellt. Das ist nicht verabredet, dachte Johan. Aber es war zu
spät.
So befand er sich mitten in einem Wechseltanz, den er nicht konnte;
wurde gestoßen und gescholten. Nein, das mache ich nicht mit, dachte
Johan, aber er konnte nicht mehr zurück.
Ein Gefühl von Scham überkam ihn. Mitten am Vormittag tanzen: das
war keine schöne Beschäftigung. Und dann vom Lehrer zum Schüler
hinabsteigen; der Letzte hier sein: soweit war er noch nie
zurückgegangen.
Es klingelte zur Probe. Man wurde auf die Bühne getrieben. Dort stellte
man sich zur Gavotte auf. An der Rampe standen die großen Schauspieler,
welche die Hauptrollen hatten; von dort zogen sich die beiden Reihen
bis in den Hintergrund.
Das Orchester spielt. Der Tanz beginnt in langsamen feierlichen
Rhythmen. Aber unten von der Rampe hört man die tiefen Stimmen der
beiden Puritaner, die über die Verderbnis des Hofes ihr Wehe rufen.
Das war von ergreifender Wirkung; Johan fühlte, wie es ihn packte. Die
Herren hatten Hüte, Mäntel und Stöcke, die Damen Mäntel und Muffe, aber
es machte doch Eindruck.
Johan stand in der Kulisse und hörte das ganze Stück. Maria Stuart
liebte er nicht, sie war grausam und gefallsüchtig; Bothwell war zu
roh und stark; Darnley, der schwache hamletartige Mann, der niemals
aufhören konnte, diese Frau zu lieben, der vor Liebe verbrannte, trotz
allem, trotz Untreue, Hohn, Bosheit: den liebte er. Und dann Knox.
Hart wie Stein mit seiner sittlichen Forderung und seinem furchtbaren
norwegischen Christentum.
Es war doch etwas, vorzutreten und im Kleide solcher Persönlichkeiten
ein Stück Geschichte zu durchleben. Es war feierlich, wie früher in der
Kirche. Nachdem er seine Rolle gesagt hatte, ging er, entschlossen,
alles zu ertragen -- für die heilige Kunst!
* * * * *
Der Schritt war also getan. An den Vater hatte er einen exaltierten
Brief geschrieben und versprochen, er werde entweder etwas Großes
auf dieser Laufbahn werden, die er jetzt betreten, oder sich wieder
zurückziehen. Er hatte sich gelobt, nicht nach Hause zu gehen, bis er
Erfolg gehabt. Der Doktor war traurig, aber schlug keinen Lärm, denn
er sah ein, daß es unmöglich war, ihn zurückzuhalten. Aber er hatte
andere geheime Pläne zur Rettung, die er jetzt ins Werk zu setzen
begann. Zuerst hatte er Johan bewogen, einige medizinische Broschüren
zu übersetzen, für die er einen Verleger gefunden. Jetzt kam er mit
dem Vorschlag, sie sollten zusammen Artikel im „Abendblatt‟ schreiben.
Johan hatte für sich Schillers „Schaubühne als moralische Anstalt‟
übersetzt; da die Theaterfrage jetzt im Reichstag behandelt worden war,
schrieb der Doktor eine Einleitung, in der er den Bauern ernstlich ihre
Kulturfeindlichkeit vorhielt; so kam der Artikel in die Zeitung.
Eines andern Tages kam der Doktor mit einem Heft der medizinischen
Zeitschrift „The Lancet‟, das die Frage behandelte, ob die Frau
zur Ärztin tauglich sei. Ohne zu zögern, auf sein bloßes Gefühl
hin, erklärte sich Johan gegen die Bewegung. Er hatte eine
unbeschreibliche Ehrerbietung vor der Frau als Weib, Mutter, Gattin;
aber die Gesellschaft war, wie sie einmal war, auf den Mann als
Familienversorger und die Frau als Gattin und Mutter aufgebaut;
also besaß der Mann seinen Arbeitsmarkt mit vollem Recht und allen
Pflichten, die sich daraus ergaben. Jede dem Manne genommene Arbeit
wäre entweder eine Ehe weniger oder ein hart bedrängter Familienvater
mehr, denn der Trieb zur Ehe lag so tief beim Manne, daß er nie
aufhören würde, sich zu verheiraten, wenn die Not auch noch so
groß sei. Übrigens hatte das Weib seinen großen Arbeitsmarkt für
sich: es konnte Magd, Haushälterin, Näherin, Gouvernante, Lehrerin,
Schauspielerin, Künstlerin, Schriftstellerin, Königin, Kaiserin
werden, vor allem Gattin und Mutter. Aber die Unverheirateten? Für die
reichte eben der Arbeitsmarkt des Weibes. Es handelte sich also um
einen Eingriff in die Rechte des Mannes. Wollte die Frau in das Gebiet
des Mannes eindringen, so mußte der Mann auch von der Pflicht, die
Familie zu versorgen, befreit werden; durfte man die Vaterschaft nicht
ermitteln. Das aber wollte man nicht. Man begann im Gegenteil eine Jagd
auf die prostituierten Frauen, um dadurch den Mann zur Ehe zu treiben;
durch das Besitzrecht der verheirateten Frau gefesselt, würde der dann
zum Haussklaven herabsinken.
Dieses verwickelte Problem, das erst in vieljähriger Arbeit zu
entwirren war, nahm Johan instinktiv und schrieb gegen die Bewegung,
in der er den Untergang des Mannes sah. Die Frauenemanzipation hatte
in den fünfziger Jahren die wildesten Formen angenommen: der Feldruf
„Keine Herren, keine Herren‟ bezeichnete den wahren Charakter der
Bewegung, die auch in einer Komödie von Rudolf Wall, genannt „Fräulein
Garibaldi‟, lächerlich gemacht wurde. Aber während die Jahre vergingen,
hatten die Damen im stillen gearbeitet.
Groß war deshalb die Überraschung sowohl des Doktors wie Johans, als
sie ihren Artikel im „Abendblatt‟ sahen, aber so geändert, daß er für
die Bewegung sprach.
-- Der Redakteur ist in den Händen von Frauen, sagte der Doktor; damit
war die Sache erklärt.
* * * * *
Beim Theater ging es abwärts und der Krisis zu. Johan war in eine
Garderobe, in der man Branntwein trank und es unsauber war, geschickt
worden, um sich zusammen mit Statisten anzuziehen.
-- Sie wollen mich ducken, dachte er; aber nur Geduld.
Jetzt wurde er ganz einfach als Statist für die eine Oper nach der
andern befohlen. Er erklärte, er fürchte weder Rampe noch Publikum, da
er in der Kirche gepredigt habe. Es half nicht. Aber das Schlimmste
war, stundenlang auf Proben herumzulungern, ohne etwas zu tun. Las er
dann ein Buch, mußte er hören, er habe kein Interesse. Ging er fort,
schlug man Lärm.
In der Schauspielerschule wurden jetzt Rollen gelernt. Kinder, die
nur die Kleinkinderschule durchgemacht hatten, mußten Goethes Faust
lesen, natürlich, ohne etwas zu begreifen. Aber merkwürdig, ihre
Unerschrockenheit rettete sie; ja, sie kamen so gut weiter, daß man
denken könnte, der Schauspieler brauche eigentlich nicht zu begreifen,
wenn es nur so klinge.
Nach einigen Monaten hatte Johan alles satt. Das war Handwerk. Die
größten Schauspieler waren müde und gleichgültig, sprachen nie von
Kunst, nur von Engagement und Spielhonorar. Keine Spur von dem frohen
Leben hinter den Kulissen, von dem man soviel geschrieben hatte. Still
wie Arbeiter saßen sie da und warteten auf ihr Stichwort; Tänzerinnen
und Chorsängerinnen saßen in ihren Kostümen da und nähten und stickten.
Im Foyer ging man auf Zehen, sah nach der Uhr, putzte den falschen
Bart, aber sagte kein Wort.
Eines Abends, als Björnsons „Maria Stuart‟ gegeben wurde, saß Johan
allein im Foyer und las eine Zeitung. Dahlqvist, der John Knox spielte,
kam herein. Johan, der den großen Schauspieler grenzenlos verehrte,
stand auf und verbeugte sich. Wenn er mit solch einem Manne sprechen
könnte! Bei dem Gedanken zitterte er. Knox mit seinem herrlichen weißen
langen Haar, seiner schwarzen Tracht und den halberloschenen großen
Augen in dem gewaltigen, jetzt in Falten liegenden Gesicht ließ sich am
Tische nieder. Er gähnte.
-- Was ist die Uhr? fragte er mit Grabesstimme.
Johan antwortete, es sei halb zehn, während er seine burgundische
Sammetjacke aufknöpfte, um die Uhr zu suchen, die nicht vorhanden war.
-- Das geht ja heute verflucht langsam, sagte Knox und gähnte wieder.
Dann begann er über verschiedenen Klatsch zu plaudern. Es war nur eine
Ruine der früheren Größe, die einst ihre Neider gezähmt hatte, als er
Karl Moor gab. Auch er hatte alles durchschaut, auch er hatte alles
satt. Und er hatte doch einst so hoch von seiner Kunst gedacht!
Da Johan jetzt freien Eintritt ins Theater hatte, suchte er vom
Zuschauerraum aus Studien zu machen. Aber siehe da, die Illusion war
fort. Das war Herr X. und Frau Y., dort hing der Hintergrund aus
„Quentin Durward‟, dort saß Högfelt, dort hinter der Kulisse stand
Boberg. Es war aus mit der Illusion.
Und mit der kläglichen Rolle, an der er nun täglich wiederkäute, fand
sich nach und nach der Ekel ein. Aber damit kam die Reue und die
Furcht, daß er sich nicht mit Ehre aus dem Spiel ziehen könne. Endlich
faßte er sich ein Herz und ersuchte um eine Probe. Das Stück war wohl
fünfzig Male gespielt worden, und die großen Schauspieler liebten es
nicht mehr; aber sie mußten kommen.
Die Probe fand statt, ohne Kostüm, ohne Requisiten. Johan war auf
die damals übliche Schreimanier eingeübt, und er schrie wie ein
Geistlicher. Es ging schlecht.
Nach der Probe verkündete der Lehrer das Urteil. Er solle in die
Schauspielerschule eintreten. Nein, das wolle er nicht. Er weinte vor
Grimm, ging nach Hause und nahm eine Kugel Opium, die er sich lange
aufgehoben; sie wirkte aber nicht. Dann holte ihn ein Kamerad ab, und
er trank sich einen Rausch.
17.
+Er wird Dichter.+
(1869)
Am nächsten Morgen war er zerschlagen, wund, zerrissen. Die Nerven
zitterten noch; Scham und Rausch heizten den Körper. Was sollte er
tun? Die Ehre mußte gerettet werden! Er wollte einige Monate als Eleve
aushalten, um sich dann von neuem als Schauspieler zu versuchen.
Er blieb an diesem Tage zu Hause und las die „Erzählungen des
Feldschers‟ von Topelius. Wie er so las, kam es ihm vor, als habe er es
selber erlebt. Es handelte von einer Stiefmutter und einem Stiefsohn,
die sich versöhnten. Der Bruch mit seinen Eltern hatte ihn immer wie
eine Sünde gequält, und er verlangte nach Versöhnung und Frieden. Diese
Sehnsucht nahm heute einen ungewöhnlich traurigen Ausdruck an; während
er auf dem Sofa lag, begann sein Gehirn Pläne auszusinnen, wie die
Disharmonie mit dem Elternhaus zu lösen sei. Als Frauenverehrer, der er
damals war und unter dem Einfluß des „Feldschers‟ dachte er, nur ein
Weib könne ihn mit dem Vater versöhnen. Und diese schöne Rolle gab er
der Stiefmutter.
Während er so daliegt, fühlt er ein ungewöhnliches Fieber im Körper;
während dieses Fiebers arbeitet der Kopf daran, die Erinnerungen an die
Vergangenheit zu ordnen, einige auszuscheiden und andere hinzuzufügen.
Neue Nebenpersonen treten auf; er sieht, wie sie sich in die Handlung
einmischen; hört sie sprechen. Es ist, als sehe er sie auf der Bühne.
Nach einigen Stunden hat er eine Komödie in zwei Akten fertig im Kopf.
Es war eine sowohl schmerzhafte wie wollüstige Arbeit; wenn man es eine
Arbeit nennen kann, denn es ging ganz von selber, ohne seinen Willen,
ohne sein Zutun.
Jetzt aber mußte es geschrieben werden.
In vier Tagen war das Stück fertig. Zwischen Schreibtisch und Sofa
ging er hin und her; in den Zwischenstunden fiel er wie ein Lappen auf
dem Sofa zusammen. Als das Stück zu Ende war, stieß er einen tiefen
Seufzer aus, als seien Jahre von Schmerz vorüber; als sei ein Geschwür
geschnitten. Er war so froh, daß es in ihm sang. Jetzt wollte er sein
Stück dem Theater einreichen. Das war die Rettung!
Am selben Abend setzte er sich hin, um einem Angehörigen einen
Glückwunsch zu schreiben, weil er eine Stellung gefunden. Als er die
erste Zeile geschrieben hatte, schien sie wie ein Vers zu klingen. Da
fügte er die zweite Zeile hinzu, die reimte auf die erste.
Schwerer war das nicht?
In einem Zuge schrieb er einen vier Seiten langen Brief in gereimten
Versen nieder. Er konnte also auch Verse schreiben!
Schwerer war das nicht? Und einige Monate früher hatte er einen Freund
gebeten, ihm bei Versen für einen Namenstag zu helfen; hatte aber eine
ablehnende Antwort erhalten, die ihn jedoch ehrte: Er solle nicht im
Mietswagen fahren, wenn er einen eigenen besitze.
Man wird also nicht geboren, Verse zu schreiben; man lernt es auch
nicht, trotzdem man in der Schule alle Versarten lernt; sondern es
kommt -- oder kommt nicht.
Ihm schien's der Gnadenwirkung des Heiligen Geistes zu gleichen. War
die seelische Erschütterung nach seiner Niederlage als Schauspieler so
stark gewesen, daß sie das ganze Lager von Erinnerungen und Eindrücken
umgekehrt hatte? War die Einbildungskraft unter einen so starken Druck
gebracht worden, daß sie zu arbeiten anfing? Alles war ja längst
vorbereitet! War es nicht seine Phantasie, die Bilder erzeugte, wenn
er sich im Dunkeln fürchtete? Hatte er nicht in der Schule Aufsätze
geschrieben? Nicht seit Jahren Briefe? Hatte er nicht seinen Stil
durch Lektüre, Übersetzen, Schreiben für Zeitungen gebildet? Doch, so
war es wohl, aber jetzt erst merkte er das sogenannte künstlerische
Arbeitsvermögen.
Die Kunst des Schauspielers war also nicht die Form, in der er sich
ausdrücken konnte; das war ein Irrtum, der jetzt aber leicht zu
berichtigen war.
Indessen mußte er seine Schriftstellerei ziemlich geheimhalten und
bis Ende der Spielzeit als Eleve beim Theater bleiben, damit seine
Niederlage nicht allen offenbar ward. Oder bis das Stück angenommen
war; angenommen mußte es natürlich werden, da er es für gut hielt.
Doch wollte er die Probe machen, ob es wirklich gut sei. Zu diesem
Zweck lud er zwei von seinen gelehrten Bekannten ein, die außerhalb des
Theaters standen. An dem Abend, als sie kommen sollten, räumte er seine
Bodenkammer auf. Er putzte sie, zündete an Stelle der Studierlampe
zwei Stearinlichter an, deckte den Tisch mit einem reinen Tischtuch
und stellte darauf: eine Flasche Punsch mit Gläsern, Aschenbecher und
Streichhölzchen.
Es war das erste Mal, daß er Besuch hatte, und die Veranlassung war
neu und ungewöhnlich. Man hat oft die Arbeit des Dichters mit Gebären
verglichen, und der Vergleich hat eine gewisse Berechtigung. Es war wie
der Friede des Kindbettes nach dem Sturm; man hatte das Gefühl, es sei
etwas oder jemand gekommen, das oder der vorher nicht da gewesen war;
man hatte gelitten und geschrien, und jetzt war es still und friedlich
geworden!
In Festtagsstimmung befand er sich; es war wie früher zu Hause: die
Kinder waren fein gekleidet, und der Vater in seinem schwarzen Gehrock
warf den letzten Blick auf die Anordnungen, ehe der Besuch kam.
Die beiden Bekannten langten an. Unter Schweigen las er das Stück
bis zu Ende vor. Dann wurde das Urteil gefällt: die älteren Freunde
begrüßten ihn als Dichter.
Als sie wieder gegangen waren, fiel er auf seine Knie und dankte Gott,
daß er ihn aus der Bedrängnis befreit und ihm die Dichtergabe gegeben.
Sein Verkehr mit Gott war recht unregelmäßig gewesen. Eigentümlich war,
daß er in großer Not seine Kräfte sammelte und nicht gleich zum Herrn
schrie; in der Freude dagegen fühlte er ein unwillkürliches Bedürfnis,
sofort dem Geber alles Guten zu danken. Es war umgekehrt wie in der
Kindheit; und das war natürlich, da sich der Begriff von Gott zum Geber
aller guten Gaben entwickelt hatte, während der Gott der Kindheit der
Gott der Furcht gewesen war, der alles Unglück in seiner Hand hielt.
Endlich hatte er seine Bestimmung gefunden, seine Rolle im Leben, und
nun bekam sein loses Wesen ein Gerippe. Er wußte jetzt ungefähr, was er
wollte, und damit hatte er wenigstens ein Steuer auf seinem Boot. Und
nun stieß er vom Lande, um sich auf Langfahrt hinaus zu begeben, immer
bereit, abzufallen, wenn der Wind zu hart gegen den Bug stieß; aber
nicht um in See abzutreiben, sondern um im nächsten Augenblick wieder
vollen Wind zu nehmen und anzuluven.
Nachdem er sich seinen Familienkummer vom Herzen geschrieben hatte,
brach die Erinnerung an die religiösen Kämpfe in einer dreiaktigen
Komödie hervor. Die leichtete das Schifflein bedeutend.
Seine Schaffenskraft während dieser Zeit war unerhört. Das Fieber
kam jetzt tagtäglich: in nicht mehr als zwei Monaten schrieb er zwei
Komödien und eine Tragödie in Versen; außerdem schüttelte er Verse aus
dem Ärmel.
Das Trauerspiel war sein erstes eigentliches Kunstwerk, wie man es
nennt, denn es handelte nicht von etwas, das sich in seinem eigenen
Leben zugetragen hatte. Das sinkende Hellas: nicht mehr und nicht
weniger war das Thema. Die Kompostion war ganz und klar, doch waren
die Situationen nicht neu und es wurde viel deklamiert. Das einzige,
was er aus seiner eigenen Vorratskammer holte, war strenge asketische
Moral und Verachtung des ungebildeten Demagogen. So ließ er einen
alten Mann gegen die Unsittlichkeit der Zeit und gegen den Mangel an
Vaterlandsliebe wettern. Demosthenes höhnt den Demagogen auf eine Art,
die an den Schornsteinfeger und den Pfandleiher der Kopenhagener Reise
erinnerte. Der Leiter der Schauspielerschule bekam auch seinen Teil,
weil er sich oft Johan gegenüber beklagte, er habe keine genügende
Bildung erhalten. Das Stück war aristokratisch, und die Freiheit, die
hier ausposaunt wurde, war die der sechziger Jahre: die nationale
Freiheit.
Inzwischen war die Familienkomödie der Direktion des Königlichen
Theaters eingereicht worden, jedoch anonym.
Während sie da lag, tat er frohen Mutes Dienst als Statist. Wartet
nur, dachte er, bald kommt die Reihe an mich, dann habe ich ein Wort
mitzusprechen. Er war jetzt kühn auf der Bühne und fühlte sich, auch
wenn er im „Wilhelm Tell‟ den Anzug eines Bauernjungen trug, als ein
verkleideter Prinz. „Ich bin gewiß kein Schweinehirt, wenn ihr's auch
glaubt‟, summte er vor sich hin.
Die Antwort auf das Stück ließ auf sich warten. Schließlich verlor er
die Geduld und vertraute sich dem Leiter der Schauspielerschule an. Der
hatte das Stück gelesen und Talent darin gefunden, aber -- gespielt
konnte es nicht werden.
Das war ja kein Donnerschlag für ihn, da er noch das Trauerspiel besaß.
Das ward besser aufgenommen, sollte aber hier und dort umgearbeitet
werden.
Eines Abends, als die Schule schloß, bat der Lehrer ihn, zu bleiben.
-- Jetzt haben wir gesehen, wozu Sie taugen, sagte er. Sie haben eine
schöne Laufbahn vor sich: warum denn die schlechtere wählen. Daß Sie
Schauspieler werden können, ist wahrscheinlich, wenn Sie einige Jahre
arbeiten; aber warum sich abquälen auf diesem undankbaren Gebiet?
Reisen Sie nach Upsala zurück und beendigen Sie Ihr Studium! Werden Sie
dann später Schriftsteller, denn man muß erst Erfahrungen machen, ehe
man gut schreiben kann.
Schriftsteller werden, das gefiel ihm, das Theater verlassen, auch;
aber nach Upsala zurückkehren -- nein! Er haßte die Universität und sah
nicht ein, wie das Unnütze, das man dort lernte, dem Schreiben zugute
kommen könne; dafür müßte man doch das Leben selbst studieren.
Dann aber begann er nachzudenken. Da er einsah, daß er jetzt noch
nicht ein Stück zur Annahme bringen könne, um es als Rettungsbrett zu
benutzen, griff er nach dem andern Strohhalm: Upsala. Wieder Student
werden, war mit zwanzig Jahren keine Schande; und beim Theater wußte
man jetzt, daß er kein durchgefallener Anfänger war, sondern auch ein
Dichter.
Gleichzeitig erfuhr er, daß er noch ein mütterliches Erbe von einigen
hundert Kronen ausstehen habe. Mit denen konnte er das erste Semester
leben. Er ging zum Vater, nicht als verlorener Sohn, sondern als
vielversprechender Schriftsteller und Gläubiger. Es kam zu einem
heftigen Zwist, der damit endete, daß sein Erbe ihm ausgezahlt wurde.
Er hatte jetzt ein Trauerspiel mit dem gewaltigen Titel „Jesus von
Nazareth‟ entworfen. Das behandelte Jesu Leben in dramatischer Form
und sollte mit einem Schlage und für alle Zeiten das Götterbild
zerschmettern und das Christentum ausroden. Als er aber einige Szenen
vollendet hatte, sah er ein, daß der Stoff zu groß sei und langwierige
Studien verlange.
Die Spielzeit ging ihrem Ende zu. Die Schauspielerschule gab ihre
übliche Vorstellung auf der Bühne des Dramatischen Theaters. Er
hatte keine Rolle bekommen, übernahm aber das Soufflieren. Und im
Souffleurkasten schloß seine Laufbahn als Schauspieler. Soviel war
übrig geblieben von seinem Karl Moor, den er auf der Bühne des Großen
Theaters hatte spielen wollen! Verdiente er dieses Schicksal? War er
schlechter für die Bühne ausgerüstet als die andern? Das war nicht
wahrscheinlich, wurde aber nie entschieden.
Am Abend nach der Vorstellung wurde den Schülern ein Schmaus gegeben.
Johan war auch eingeladen, hielt eine Rede in Versen, um seinen Rückzug
zu decken. Berauschte sich wie gewöhnlich, betrug sich dumm und
verschwand vom Schauplatz.
18.
+Die Verbindung Runa.+
(1870)
Das Upsala der sechziger Jahre weist Zeichen des Endes und der
Auflösung einer Periode auf, die man die Boströmsche nennen könnte.
In welchem Verhältnis steht das für die Zeit geltende philosophische
System zu der Zeit selbst? Das System scheint die Gedanken der Zeit an
dem bestimmten Zeitpunkt zusammenzufassen. Der Philosoph macht nicht
die Zeit, sondern die Zeit macht den Philosophen. Der Philosoph sammelt
die Gedanken seiner Zeit; dadurch kann er auf seine Zeit wirken; darum
ist und muß seine Wirkung mit dem Ausgang der Epoche zu Ende sein.