er eine Bühne an, wenn die Knaben fort waren. Er übte sich im
Auftreten und im Abgang. Inszenierte die ganzen „Räuber‟, maskierte
und kostümierte sich als Karl Moor und spielte ihn. Er ging ins
Nationalmuseum, um die Gebärden der antiken Skulpturen zu sehen; legte
den Spazierstock ab, um sich auf der Straße im freien Gehen zu üben.
Seiner Schüchternheit, die ihm beinahe die Krankheit der Platzfurcht
zugezogen hatte, tat er Gewalt an: er ging jetzt mit Vorliebe über
den nächsten großen freien Platz, wo große Volkshaufen standen. Er
turnte zu Hause jeden Tag und focht mit den Schülern. Er gab acht auf
jede Bewegung der Muskel; übte sich im Gehen mit hocherhobenem Kopf und
vorgestreckter Brust, während die Arme frei herabhingen, die Hand (nach
Goethe) lose geballt war, die Finger in einer abnehmenden Reihe schön
herabfielen.
Am schlimmsten stand es um die Ausbildung der Stimme, denn er wurde
im Hause gehört, wenn er deklamierte. Da kam er darauf, aus der Stadt
herauszugehen. Und der Ort, der einzige, wo er ungestört sein konnte,
war der große Exerzierplatz im Norden der Stadt. Dort überschaute er
die ganze weite Ebene und konnte aus großer Entfernung einen Menschen
kommen sehen; dort erstarb der Laut so sehr, daß er sich anstrengen
mußte, um sich selber zu hören. Auf die Weise erhielt er eine starke
Sprechstimme.
Jeden Tag ging er dort hinaus. Dort raste er gegen Himmel und Erde. Die
Stadt, deren Kirchtürme er sehen konnte, war die Gesellschaft, während
er hier draußen in der Natur stand. Er ballte die Faust gegen Schloß,
Kirchen, Kasernen; schnaubte gegen die Truppen, die ihm bei ihren
Manövern oft zu nahe kamen. Etwas Fanatisches lag in seiner Arbeit, und
er scheute keine Mühe, um sich seine unbändigen Muskeln gehorsam zu
machen.
15.
+Wie er Aristokrat wird.+
(1869)
Im Hause verkehrte unter andern ein junger Mann, der die Bildhauerkunst
studierte. Er war aus den unteren Schichten der Gesellschaft gekommen,
war Schmiedejunge gewesen und jetzt in die Akademie eingetreten, wo er
sein Probestück machte. Er war glücklich und immer heiter, glaubte von
der Vorsehung auf seine neue Laufbahn berufen zu sein; erzählte, wie
er vom Geist geweckt und getrieben worden, im Dienst des Schönen zu
wirken. Johan hatte ihn gern, weil er weder grübelte noch sich selbst
kritisierte, sondern vollständig unbewußt war. Außerdem war er ein
Mitschuldiger, der dasselbe vermessene Ziel wie Johan verfolgte: aus
der Unterklasse herauszukommen; das Gefühl aber, daß er sich schuldig
mache, fehlte ihm, während Johan ständig davon geplagt wurde.
Der Bildhauer war auch gläubiger Christ, war fest in seinem Glauben;
wollte von einem andern Glauben nichts wissen. Die beiden jungen Leute
kamen sofort überein, den Glauben des andern zu achten. Johan hielt
diese Übereinkunft, während der Freund sie zuweilen vergaß. Der war als
Christ streng in theoretischer Moral, gab aber sonst dem Fleisch das
Seine. Johan betraf ihn eines Tages dabei, wie er mitten am Vormittage
ein Mädchen aus seinem Zimmer ließ. Ohne verlegen zu werden, erklärte
der Bildhauer ganz einfach, sein Fleisch verlange das, während er
gleichzeitig erzählte, andere Menschen lebten wie Schweine.
Johan fragte ihn einmal, wie seine Religion ihm das erlauben könne.
-- Ja, siehst du, antwortete der wahre Christ, wir, die wir in Christus
leben, wir haben alle Sünde auf Jesus geworfen.
Aber das Gesetz?
-- Das Gesetz hat Jesus für uns vervollkommnet. Keiner kann das Gesetz
erfüllen, darum ist Jesus in die Welt gekommen, um den Fluch des
Gesetzes aufzuheben. Und darum, mein lieber Johan, siehst du, nur mit
Christus kann man Freude und wahren Frieden haben!
Johan fand das kolossal. Jetzt begriff er den angeblichen Frieden der
Pietisten. Sie schoben die Schuld auf die Sünde und den Teufel, um die
Taten zerbrachen sie sich nicht weiter den Kopf. Das war eine bequeme
Religion, etwa wie Schlafrock und Pantoffeln.
-- Du bist nicht glücklich, fuhr der Freund fort, weil du unter dem
Gesetze stehst; weil du es erfüllen willst, um fehlerfrei zu werden;
das aber kann niemand.
Daran lag es also. Johan hatte immer eine Art böses Gewissen, daß er
Fehler habe. Dieses Gewissen sollte also zum Schweigen gebracht und
alles auf Jesus geworfen werden. Das aber war ungereimt: er würde also
niemals Frieden finden. Es lag etwas Humanes in solchem Pietismus, in
diesem fröhlichen Christentum, sich immer schuldfrei zu fühlen; immer
tun zu können, was man wollte, wenn man nur glaubte, Jesus sei Gott.
Das war ja moderner Determinismus, der alles entschuldigte, weil er
alles erklärte; mit der Ausnahme, daß er nur den Gläubigen zu sündigen
erlaubte; nur in Jesus durfte man sündigen und fröhlich sein.
Das sind Jesuiten, dachte Johan: wenn man mit der Partei stimmt, darf
man sündigen, kann aber streng gegen andere sein.
Eines Tages kam dieser Freund Albert zu Johan und teilte ihm mit,
er wolle nach Kopenhagen fahren, um Thorwaldsens Museum zu sehen.
Ein schlauer Unternehmer veranstalte nämlich eine Dampferfahrt nach
Kopenhagen, durch den Götakanal hin und an der Küste zurück, gegen eine
sehr geringe Summe.
-- Komm mit, sagte er.
Bald war der Entschluß gefaßt, daß Johan und einer der Knaben mitfahren
sollten. Die Veranlassung der Dampferfahrt war der Einzug der
Kronprinzessin in die dänische Hauptstadt; für sie aber war es eine
Wallfahrt nach dem Grabe Thorwaldsens.
* * * * *
An einem Augustabend sitzt Johan neben dem Bildhauer, einem der Knaben
und einem von dessen Schulkameraden auf dem Achterdeck des Dampfers.
In der Dämmerung, die schon eingetreten ist, sieht man Herren und
Damen an Bord kommen. Die Gesellschaft scheint ganz gut zu sein.
Starke Familienväter mit Fernglas und Reisetasche, Damen in hellen
Kleidern und Hüten nach der neuesten Mode. Es ist eine Bewegung und ein
Wirrwarr; man sucht seine Schlafplätze, die allen versprochen sind.
Johan und seine Begleiter sitzen ruhig da und warten ab. Sie haben
ihren Mundvorrat wie ihre Decken und fürchten nichts.
Als der Dampfer abgestoßen ist und Ordnung in das Gewirr kommt, sagt
Johan:
-- Jetzt wollen wir ein Butterbrot essen, ehe wir uns niederlegen.
Man sucht nach der Reisetasche und dem Brotkorb. Sie sind nicht zu
finden. Man entdeckt, daß sie nicht mitgekommen sind. Das war ein
harter Schlag, denn die Kasse war nicht groß, und man hatte sich auf
den vortrefflichen Mundvorrat verlassen, den die Frau Doktor besorgt.
Nun, man ißt aus dem Kasten des Bildhauers, aber da sind nur trockene
Sachen, die nicht viel verschlagen.
Dann will man sich niederlegen. Von allen Seiten wird nach
Schlafplätzen gefragt. Es gibt keine. Die Passagiere werden erregt und
Flüche hageln. Man muß sich also aufs Deck setzen. Man schreit nach dem
Veranstalter der Fahrt, aber er ist nicht an Bord. Johan legt sich aufs
bloße Deck; die Knaben ziehen eine Persenning über, denn der Tau fällt
und eine scharfe Kälte herrscht.
Sie erwachen frierend in Södertelje, denn die Matrosen hatten ihnen die
Persenning fortgenommen.
Auf dem Kanaldamm erscheint jetzt der Veranstalter, der seines Zeichens
Tapezierer ist. Die Passagiere werfen sich über ihn und schleppen
ihn an Bord, überschütten ihn mit Vorwürfen. Er verteidigt sich und
will ans Land, aber vergebens. Ein Standgericht wird abgehalten. Man
beschließt die Fahrt fortzusetzen, behält aber den Tapezierer als
Geisel.
Der Dampfer fährt durch den Kanal; als er aber eine Schleuse passiert,
schwingt sich der Veranstalter hinauf und verschwindet unter einem
Hagelschauer von Flüchen.
Die Fahrt wird fortgesetzt, und um die Mittagszeit ist man im
Götakanal. Auf dem Achterdeck wird der Mittagstisch gedeckt. Johan und
seine Begleiter nehmen Quartier im Rettungsboot, das am Achter hängt,
und essen ein einfaches Mittagsmahl aus dem Kasten des Bildhauers. Der
Bildhauer, der auf einem Ballen im Ladungsraum geschlafen hat, ist bei
guter Laune und kennt Stand und Namen aller Passagiere.
Der Mittagstisch ist jetzt besetzt. Präses ist der
Schornsteinfegermeister mit Familie. Dann kommen Pfandleiher,
Schenkwirt, Fuhrmann, Schlächter, Diener nebst Familie, eine Menge
junger Ladenburschen und einige Dirnen. Johan leidet, als er gedämpfte
Barsche und Erdbeeren, Rotwein und Sherry sieht, denn er ist durch
Luxus schon so verdorben, daß er von einfacher Nahrung krank wird. Das
ist die Oberklasse unter den Passagieren. Der Schornsteinfegermeister
spielt den großen Herrn. Er verzieht das Gesicht über den Rotwein und
schilt die Kellnerin; die erklärt aber, die Wirtin bestimme über die
Waren. Der Diener des Reichsarchivs macht den Gelehrten und scheint als
Beamter auf die Philister herabzusehen.
Beim Sherry werden Reden gehalten. Die Unterklasse vom Vorderdeck hängt
an Relingen und Geländern und lauscht. Nach den Parias im Rettungsboot
sieht niemand. Man weiß, daß sie da sind, aber man sieht sie nicht. Die
weiße Mütze wünscht man wohl gern fort, denn es sitzen zwei Augen unter
dem Schirm, die sehen, daß es keine bessern Leute sind. Johan empfindet
das. Er ist aus dieser Klasse heraus, der er von Geburt angehört, aber
er hat kein Essen und ist nichts. Er empfindet seine Unterlegenheit
und ihre Überlegenheit. Sie haben gearbeitet, und darum essen sie. Ja,
aber er hatte ebensoviel wie sie gearbeitet. Ja, aber nicht auf diese
Art. Er arbeitete und hatte Ehre von seiner Arbeit, sie nahmen das
schöne Essen und verzichteten auf die Ehre. Beides konnte man nicht
haben.
Die Leute saßen da, gesättigt und fröhlich, tranken Kaffee und Likör
und nahmen das ganze Achterdeck ein. Jetzt wurden sie kühn und machten
Bemerkungen über die Gesellschaft im Rettungsboot. Die konnte nur
schweigen und leiden, denn jene waren in der Mehrheit und Oberklasse,
weil sie konsumierten.
Johan fühlte sich in einem Element, das nicht das seine war. Eine
feindliche Luft war um ihn, ihm war schlecht zumute. Hier an Bord gab
es keine Polizei, die ihm helfen würde; auf keine Gerechtigkeit konnte
er sich berufen; kam es zu Händeln, würden alle ihn verurteilen. Er
brauchte nur eine spitzige Antwort zurückzugeben, so würde er Schläge
kriegen. Pfui Teufel, dachte er, dann lieber Offizieren und Beamten
gehorchen: die würden niemals solche Tyrannen sein wie diese Demokraten.
Später versuchte er, auf Alberts Rat, sich ihnen zu nähern, aber sie
waren unzugänglich.
Auf der Fahrt zwischen Venersborg und Göteborg kam es zum Ausbruch. Der
Hunger nahm so bedenklich zu, daß man eines Mittags beschloß, in den
Speisesalon hinunterzugehen, um vom Butterbrottisch zu essen. Johan und
die Knaben gingen. Da waren so viel Leute, daß man kaum an den Tisch
herankommen konnte. Johans Schüler behielt darum, und nach den Sitten
seiner Klasse, den Hut auf. Der Schornsteinfeger erblickte den Hut.
-- Hör mal, schrie er, ist dir das Zimmer etwa zu hoch?
Der Knabe tat, als verstehe er nicht.
-- Den Hut ab, Junge! rief man wieder.
Der Hut bleibt sitzen. Ein Ladenbursch schlägt ihn herunter. Der Knabe
nimmt den Hut auf und setzt ihn wieder auf den Kopf. Da bricht der
Sturm los. Wie ein Mann stürzen alle hin und schlagen den Hut herunter.
Dann geht es auf Johan los.
-- Und so ein Halunke hat einen Hauslehrer, der dem Jungen keinen
Anstand beibringen kann! Wir wissen schon, wer Sie sind.
Und nun hagelte es Scheltworte über die Eltern.
Johan versuchte die Gesellschaft darüber aufzuklären, daß man in
diesen Kreisen an öffentlichen Orten den Hut aufbehalte, +jenes+ also
kein Ausdruck von Geringschätzung gewesen sei. Das aber wurde übel
aufgenommen. +Jenes+ und in diesen +Kreisen+! Was schwatzte er für
Unsinn! Wollte er sie Anstand lehren?
Ja, das konnte er, da sie gerade von diesen Kreisen vor fünfundzwanzig
Jahren gelernt, den Hut abzunehmen, was jetzt nicht mehr Sitte war; und
er hätte ihnen sagen können, daß sie in fünfundzwanzig Jahren den Hut
aufbehalten würden, sobald sie nur Wind bekommen, daß es fein sei. Das
aber hatten sie noch nicht.
Sie gingen wieder auf Deck.
-- Mit diesen Leuten kann man sich nicht auseinandersetzen, sagte Johan.
Er war von dem Auftritt erschüttert. Er hatte einen Ausbruch des
Klassenhasses erlebt; hatte die Augen funkeln gesehen von Leuten,
die er nicht gekränkt; hatte den Fuß der künftigen Oberklasse auf
seiner Brust gefühlt. Also, sie waren seine Feinde geworden. Die
Brücke zwischen ihnen und ihm war abgebrochen. Aber das Blutsband war
noch da, und er hegte denselben Haß gegen die Gesellschaft und deren
unberechtigte Höhen wie sie; denselben Groll auf die Konvention, vor
der sie sich alle beugen mußten; ja, er hatte Karl Moors Worte im Ohr,
aber die, die ihn eben geschlagen hatten, waren alle Spiegelberger.
Kamen sie in die Höhe, würden sie alle treten, Große wie Kleine; kam er
in die Höhe, würde er nur die Großen treten. Das war der Unterschied
zwischen ihnen. Doch es war die Bildung, die ihn demokratischer als
sie gemacht hatte; also: hinüber zu den Gebildeten! Die würden für die
Unteren arbeiten, aber aus der Entfernung und von oben. Mit dieser
rohen, unförmlichen Masse konnte man nichts anfangen.
Der Aufenthalt an Bord wurde jetzt unerträglich. Jeden Augenblick
konnte man einen Ausbruch erwarten. Und der kam.
Johan saß auf dem oberen Deck, der Dampfer war jetzt auf dem Kattegatt,
als er unter sich einen heftigen Lärm, Stimmen, Geschrei hörte. Er
glaubt die Stimme seines Schülers zu erkennen. Er stürzt hinunter. Auf
dem Zwischendeck steht der Sünder, umgeben von einer Menschenmenge. Der
Pfandleiher fuchtelt mit den Armen und schreit. Johan fragt, was los
sei.
-- Er hat meine Mütze gestohlen! schreit der Pfandleiher.
-- Das ist doch wohl nicht möglich, sagt Johan.
-- Doch, ich habe es gesehen; er hat sie in diese Reisetasche gelegt.
Es war Johans Reisetasche.
-- Das ist meine Reisetasche, sagt Johan; bitte, sehen sie selbst nach!
Der öffnet die Reisetasche und -- da liegt die Mütze des Pfandleihers.
Allgemeine Bestürzung. Johan ist betroffen, und der Sturm will gegen
die beiden Diebe losbrechen. Ein Student, der stiehlt! Das war ein
Leckerbissen! Wie war das zugegangen? Jetzt erinnerte sich Johan. Er
hatte eine ebensolche graue Mütze wie der Pfandleiher, die er des
Nachts zum Schlafen benutzte. Er hatte dem Knaben gesagt, er solle die
in die Reisetasche legen; der Knabe hatte dann die falsche genommen.
Johan wandte sich an die Passagiere.
-- Meine Herren, begann er, halten Sie es für möglich, daß der Sohn
eines reichen Mannes eine fettige Mütze nimmt, wenn er selbst eine fast
neue besitzt? Sehen Sie nicht, daß ein Irrtum begangen ist?
-- Ja, antwortete die Unterklasse, es ist ein Irrtum.
Aber der Pfandleiher blieb bei seiner Behauptung.
-- Dann bleibt mir nur übrig, diesen Herrn für den Irrtum um
Entschuldigung zu bitten; und ich ersuche meinen Schüler, das gleiche
zu tun!
Das tat der, wenn auch widerstrebend. Allgemeine Befriedigung,
Gemurmel, das sei fein!
Damit war der Fall glücklich abgetan.
-- Siehst du, sagte Johan zu dem Knaben, die Leute lassen doch mit sich
reden!
-- Ach was! Sie fühlten sich nur geschmeichelt, weil Sie „Meine Herren‟
sagten. Ein verdammtes Pack!
-- Vielleicht, antwortete Johan, der die Demütigung zu groß für solch
eine Kleinigkeit fand.
Endlich waren sie in Kopenhagen. Hungrig, frierend, schlecht gelaunt,
saßen sie in Regenschauern vor Thorwaldsens Museum, das infolge des
Festes geschlossen war. Aber Albert schwor, er werde hineinkommen.
Nachdem sie eine Stunde neben dem Schornsteinfeger, dem Schenkwirt
und all den andern Passagieren gewartet hatten, kam ein alter Mann,
der gelehrt aussah. Der wollte hinein. Albert stürzt sich über ihn
her, nennt Molins, des schwedischen Bildhauers, Namen, und sie werden
hineingelassen; die andern Passagiere aber nicht. Albert war drinnen
hingerissen, konnte es aber nicht unterlassen, dem Schornsteinfeger,
der draußen stand, eine Fratze zu schneiden. Am meisten aber freute
sich der junge Sünder, der das Pack haßte.
-- Jetzt sind wir Herren, sagte er.
Johan war nicht in der Stimmung, Thorwaldsen herrlich zu finden. Das
war ein Künstler des Durchschnitts, gerade talentvoll genug, um so
berühmt zu werden. Albert fand die Antike verfeinert, wagte aber nicht,
zu widersprechen.
Den Einzug sahen sie nicht. Sie saßen auf dem Turm der Frauenkirche und
schauten sich die Aussicht an.
Gegen Nacht, als man müde und abgespannt war, wollten sie auf den
Dampfer gehen, um zu schlafen; der aber war nach Malmö hinübergefahren.
Sie standen im Regen auf der Straße. In ein Hotel konnten sie nicht
gehen, denn sie hatten kein Geld. Da faßte Albert den Entschluß,
geradeswegs in eine Schenke zu gehen und um Nachtlogis zu bitten. Es
war eine Seemannsschenke beim Zollhaus. Eine Herberge habe man wohl,
aber die sei nur für Seeleute. Das tut nichts, wir müssen unter Dach.
So wurden sie in ein Hofzimmer geführt. Dort standen zwei Bänke mit
Betten, aber eine Waschschüssel war nicht zu sehen; die Wände hatten
keine Tapeten, und es sah schäbig aus. Auf der einen Bank lag ein
Matrose. Wer sollte zu ihm hineinkriechen? Albert entschloß sich dazu;
bald war er entkleidet und lag neben dem Fremdling, der ein Holländer
war und mit einem Schnaps geweckt wurde. Bald schlief die ganze
Gesellschaft. Johan verwünschte das ganze Abenteuer; denn die Betten
rochen.
Die Heimfahrt, an der Küste entlang, war ein einziges, großes Leiden.
Ohne Essen und mit wenig Geld, mußte man das Leben fristen, indem man
in den kleinen Städten, die angelaufen wurden, rohe Eier kaufte und
trank. Dazu kam hartes Brot und Branntwein; das war die Diät für drei
Tage.
Albert allein fühlte sich wohl und vergnügte sich. Er schlief in der
Schanze bei den Matrosen und ergötzte sie mit Geschichten. Er war mit
ihnen verwandt und konnte ihre Sprache. Er trank mit ihnen und erhielt
warmes Essen; ja, er ging zuweilen in die Küche und erbettelte sich
einen Teller Suppe.
-- Wie leicht wird ihm das Leben, dachte Johan. Er vermißt den Luxus
nicht, weil er ihn nie gekostet hat; er wird nicht wie ein Fremdling
ausgestoßen, wenn er sich diesen Leuten nähert. Er kann schmausen,
während wir hungern. Er sieht nur Freunde überall. Aber sein Tag wird
auch kommen, wenn er nicht mehr Unterklasse ist; wenn Luxus und feine
Gewohnheiten ihn ebenso hilflos und unglücklich gemacht haben.
* * * * *
Als er heimgekehrt war, tobte er sich aus. So war es überall: die oben
standen, traten die Unteren; und die unten stehen, reißen einen zurück,
wenn man hinauf will. Was ist das für ein Gerede vom Aristokraten und
Demokraten? Die Unteren sprechen von ihrer demokratischen Denkart
wie von einer Tugend. Was ist das für eine Tugend, die zu hassen,
die oben stehen? Und was bedeutet Aristokrat? Aristos bedeutet der
Beste und krateo herrschen. Also Aristokrat ist, wer will, daß die
Besten herrschen; Demokrat, wer will, daß die Schlechtesten es tun.
Aber, da kommt ein Aber: Wer sind denn die Besten? Ist niedrige
gesellschaftliche Stellung, Armut, Unwissenheit etwas, das die
Menschen besser macht? Nein, dann würde man doch nicht der Arbeit und
der Unwissenheit entgegenarbeiten? Welchen könnte man also die Macht
überlassen, mit der Gewißheit, daß sie den am wenigsten Schlechten in
die Hände fällt? Denen, die am meisten wissen? Aber dann hat man ja die
Professorenherrschaft, dann wird Upsala -- nein, nicht die Professoren!
Wer denn? Ja, darauf konnte er nicht antworten, aber sicher nicht der
Schornsteinfeger und der Fuhrmann, die auf dem Dampfer gewesen waren.
Tiefer drang er dieses Mal nicht in die Sache ein, denn man hatte die
Frage noch nicht aufgeworfen, ob man nicht allen die gleiche Bildung
geben könne, oder ob überhaupt jemand herrschen solle.
Er war auf die schlimmste von allen Aristokratien gestoßen, auf die
Oberklasse der Unterklasse, oder, wie sie mit einem häßlichen Namen
genannt wird, den Philister. Eine schlechte Kopie der Oberklasse,
stimmte er mit der Macht, äffte die Gewohnheiten der Vornehmen nach,
bereicherte sich durch fremde Arbeit, zitierte Autoritäten, haßte
Opposition, seinen stillen Widerspruch gegen die Oberen ausgenommen.
Der Schornsteinfeger wurde reich durch die Elendesten von allen, der
Fuhrmann durch die armen Kutscher und Gäule, der Pfandleiher hatte
unbilligen Gewinn an der Not. Und so weiter.
Ein Lehrer dagegen, ein Arzt, ein Künstler konnte seine Arbeit nicht
Sklaven überlassen; der mußte sie selbst verrichten, war also kein
solcher Hai, wie die dort unten. Brachte nun die Bildung den Menschen
Glück, machte Bildung die Menschen besser, so war diese Aristokratie
berechtigt, wohltätig; konnte sich für besser halten. Aber die
Bildung bekam man für Geld oder konnte sich zu ihr durchbetteln oder
durchpumpen, wie so viele Studenten es taten. Dann war es keine Tugend
wenigstens. Nein, das war es nicht, aber man mußte sich über den
andern fühlen, wenn man mehr wußte und die Gesetze des Zusammenlebens
so beobachtete, daß man niemanden kränkte. Für die wahre Demokratie
blieb nur das Nivellieren übrig, auf daß niemand sich unten zu fühlen
brauchte und niemand oben zu sein glaubte.
16.
+Hinter dem Vorhang.+
(1869)
Das schwedische Theater war zu dieser Zeit vielen Angriffen ausgesetzt,
und wann wird das Theater nicht angegriffen? Das Theater ist eine
Miniaturgesellschaft innerhalb der Gesellschaft, ebenso wie diese
eingerichtet, mit Monarch, Ministern, Beamten, einer ganzen Reihe
Volksklassen, die eine über der andern. Ist es da sonderbar, daß diese
Gesellschaft immer den Angriffen der Unzufriedenen ausgesetzt ist?
Zu diesem Zeitpunkt aber hatten die Angriffe einen mehr praktischen
Zweck. Ein früherer Provinzschauspieler hatte das Königliche Theater
mit einer Broschüre beschossen, die höhere Gesichtspunkte nicht
aufwies, aber den Erfolg hatte, daß der Autor in die Direktion
berufen wurde. Das reizte zur Nachfolge, und viele schrieben jetzt
Abhandlungen, um in die Direktion zu kommen.
Das Königliche Theater war damals wohl weder besser noch schlechter
als früher. Aber, fragte man, ist das Theater eine Bildungsanstalt,
für die es sich ausgibt, warum setzt man denn Ungebildete zu Leitern
ein? Darauf antwortete man: Wir haben eben einen der gelehrtesten
Männer des Landes, Hyltén-Cavallius, auf dem Posten gehabt, und wie ist
es da gegangen? Trotzdem er den Vorteil besaß, nicht adelig zu sein,
wurde er doch von der demokratischen Presse, die ihn von unten beim
Rock riß, totgemacht. Heute (1886) ist die Utopie der Selbstregierung
verwirklicht, das Theater hat einen Mann vom Bau an der Spitze, und nun
ist die Zufriedenheit allgemein.
An dem bestimmten Tage ging Johan ins Theater, um sich zum Debüt
anzumelden. Nachdem er etwas gewartet hatte, erlangte er Zutritt und
wurde nach seinem Anliegen gefragt.
-- Debüt!
-- So? Haben Sie an ein besonderes Stück gedacht?
-- Karl Moor in den „Räubern‟! antwortete er, herausfordernder, als
nötig war.
Man blickte einander an und lächelte.
-- Aber es müssen drei Rollen sein. Haben Sie keine andere
vorzuschlagen?
-- Lucidor!
Man beriet und erklärte darauf, diese Stücke ständen jetzt nicht auf
dem Spielplan. Das hielt Johan nicht für stichhaltig, erhielt aber die
vernünftige Antwort, das Theater könne nicht für unerprobte Kräfte
so große Stücke in Szene setzen und seinen Spielplan erschüttern.
Darauf schlug der Direktor den „Fechter von Ravenna‟ vor. Nach solchen
Triumphen, wie sie der letzte Darsteller der Rolle gefeiert hatte, zu
kommen, nein, das wagte Johan nicht.
Das Ende war: Johan sollte mit dem Dramaturgen sprechen.
Nun begann ein Kampf, wahrscheinlich nicht der erste und nicht der
letzte auf diesem Zimmer.
-- Seien Sie vernünftig, Herr; man muß diesen Beruf ebenso lernen wie
alle andern. Niemand ist fertig geboren. Kriechen Sie, ehe Sie gehen.
Nehmen Sie zuerst eine kleine Rolle.
-- Nein, die Rolle muß so groß sein, daß sie mich trägt. In einer
kleinen Rolle muß man ein großer Künstler sein, um in die Augen zu
fallen.
-- Hören Sie auf mich, Herr, ich habe Erfahrung.
-- Andere haben in großen Rollen debütiert, ohne auf der Bühne gewesen
zu sein.
-- Aber Sie werden sich den Hals brechen!
-- Dann breche ich mir eben den Hals!