Daneben unternahm er praktische Übungen. Zu Hause beim Doktor ordnete

er eine Bühne an, wenn die Knaben fort waren. Er übte sich im

Auftreten und im Abgang. Inszenierte die ganzen „Räuber‟, maskierte

und kostümierte sich als Karl Moor und spielte ihn. Er ging ins

Nationalmuseum, um die Gebärden der antiken Skulpturen zu sehen; legte

den Spazierstock ab, um sich auf der Straße im freien Gehen zu üben.

Seiner Schüchternheit, die ihm beinahe die Krankheit der Platzfurcht

zugezogen hatte, tat er Gewalt an: er ging jetzt mit Vorliebe über

den nächsten großen freien Platz, wo große Volkshaufen standen. Er

turnte zu Hause jeden Tag und focht mit den Schülern. Er gab acht auf

jede Bewegung der Muskel; übte sich im Gehen mit hocherhobenem Kopf und

vorgestreckter Brust, während die Arme frei herabhingen, die Hand (nach

Goethe) lose geballt war, die Finger in einer abnehmenden Reihe schön

herabfielen.

Am schlimmsten stand es um die Ausbildung der Stimme, denn er wurde

im Hause gehört, wenn er deklamierte. Da kam er darauf, aus der Stadt

herauszugehen. Und der Ort, der einzige, wo er ungestört sein konnte,

war der große Exerzierplatz im Norden der Stadt. Dort überschaute er

die ganze weite Ebene und konnte aus großer Entfernung einen Menschen

kommen sehen; dort erstarb der Laut so sehr, daß er sich anstrengen

mußte, um sich selber zu hören. Auf die Weise erhielt er eine starke

Sprechstimme.

Jeden Tag ging er dort hinaus. Dort raste er gegen Himmel und Erde. Die

Stadt, deren Kirchtürme er sehen konnte, war die Gesellschaft, während

er hier draußen in der Natur stand. Er ballte die Faust gegen Schloß,

Kirchen, Kasernen; schnaubte gegen die Truppen, die ihm bei ihren

Manövern oft zu nahe kamen. Etwas Fanatisches lag in seiner Arbeit, und

er scheute keine Mühe, um sich seine unbändigen Muskeln gehorsam zu

machen.

15.

+Wie er Aristokrat wird.+

(1869)

Im Hause verkehrte unter andern ein junger Mann, der die Bildhauerkunst

studierte. Er war aus den unteren Schichten der Gesellschaft gekommen,

war Schmiedejunge gewesen und jetzt in die Akademie eingetreten, wo er

sein Probestück machte. Er war glücklich und immer heiter, glaubte von

der Vorsehung auf seine neue Laufbahn berufen zu sein; erzählte, wie

er vom Geist geweckt und getrieben worden, im Dienst des Schönen zu

wirken. Johan hatte ihn gern, weil er weder grübelte noch sich selbst

kritisierte, sondern vollständig unbewußt war. Außerdem war er ein

Mitschuldiger, der dasselbe vermessene Ziel wie Johan verfolgte: aus

der Unterklasse herauszukommen; das Gefühl aber, daß er sich schuldig

mache, fehlte ihm, während Johan ständig davon geplagt wurde.

Der Bildhauer war auch gläubiger Christ, war fest in seinem Glauben;

wollte von einem andern Glauben nichts wissen. Die beiden jungen Leute

kamen sofort überein, den Glauben des andern zu achten. Johan hielt

diese Übereinkunft, während der Freund sie zuweilen vergaß. Der war als

Christ streng in theoretischer Moral, gab aber sonst dem Fleisch das

Seine. Johan betraf ihn eines Tages dabei, wie er mitten am Vormittage

ein Mädchen aus seinem Zimmer ließ. Ohne verlegen zu werden, erklärte

der Bildhauer ganz einfach, sein Fleisch verlange das, während er

gleichzeitig erzählte, andere Menschen lebten wie Schweine.

Johan fragte ihn einmal, wie seine Religion ihm das erlauben könne.

-- Ja, siehst du, antwortete der wahre Christ, wir, die wir in Christus

leben, wir haben alle Sünde auf Jesus geworfen.

Aber das Gesetz?

-- Das Gesetz hat Jesus für uns vervollkommnet. Keiner kann das Gesetz

erfüllen, darum ist Jesus in die Welt gekommen, um den Fluch des

Gesetzes aufzuheben. Und darum, mein lieber Johan, siehst du, nur mit

Christus kann man Freude und wahren Frieden haben!

Johan fand das kolossal. Jetzt begriff er den angeblichen Frieden der

Pietisten. Sie schoben die Schuld auf die Sünde und den Teufel, um die

Taten zerbrachen sie sich nicht weiter den Kopf. Das war eine bequeme

Religion, etwa wie Schlafrock und Pantoffeln.

-- Du bist nicht glücklich, fuhr der Freund fort, weil du unter dem

Gesetze stehst; weil du es erfüllen willst, um fehlerfrei zu werden;

das aber kann niemand.

Daran lag es also. Johan hatte immer eine Art böses Gewissen, daß er

Fehler habe. Dieses Gewissen sollte also zum Schweigen gebracht und

alles auf Jesus geworfen werden. Das aber war ungereimt: er würde also

niemals Frieden finden. Es lag etwas Humanes in solchem Pietismus, in

diesem fröhlichen Christentum, sich immer schuldfrei zu fühlen; immer

tun zu können, was man wollte, wenn man nur glaubte, Jesus sei Gott.

Das war ja moderner Determinismus, der alles entschuldigte, weil er

alles erklärte; mit der Ausnahme, daß er nur den Gläubigen zu sündigen

erlaubte; nur in Jesus durfte man sündigen und fröhlich sein.

Das sind Jesuiten, dachte Johan: wenn man mit der Partei stimmt, darf

man sündigen, kann aber streng gegen andere sein.

Eines Tages kam dieser Freund Albert zu Johan und teilte ihm mit,

er wolle nach Kopenhagen fahren, um Thorwaldsens Museum zu sehen.

Ein schlauer Unternehmer veranstalte nämlich eine Dampferfahrt nach

Kopenhagen, durch den Götakanal hin und an der Küste zurück, gegen eine

sehr geringe Summe.

-- Komm mit, sagte er.

Bald war der Entschluß gefaßt, daß Johan und einer der Knaben mitfahren

sollten. Die Veranlassung der Dampferfahrt war der Einzug der

Kronprinzessin in die dänische Hauptstadt; für sie aber war es eine

Wallfahrt nach dem Grabe Thorwaldsens.

* * * * *

An einem Augustabend sitzt Johan neben dem Bildhauer, einem der Knaben

und einem von dessen Schulkameraden auf dem Achterdeck des Dampfers.

In der Dämmerung, die schon eingetreten ist, sieht man Herren und

Damen an Bord kommen. Die Gesellschaft scheint ganz gut zu sein.

Starke Familienväter mit Fernglas und Reisetasche, Damen in hellen

Kleidern und Hüten nach der neuesten Mode. Es ist eine Bewegung und ein

Wirrwarr; man sucht seine Schlafplätze, die allen versprochen sind.

Johan und seine Begleiter sitzen ruhig da und warten ab. Sie haben

ihren Mundvorrat wie ihre Decken und fürchten nichts.

Als der Dampfer abgestoßen ist und Ordnung in das Gewirr kommt, sagt

Johan:

-- Jetzt wollen wir ein Butterbrot essen, ehe wir uns niederlegen.

Man sucht nach der Reisetasche und dem Brotkorb. Sie sind nicht zu

finden. Man entdeckt, daß sie nicht mitgekommen sind. Das war ein

harter Schlag, denn die Kasse war nicht groß, und man hatte sich auf

den vortrefflichen Mundvorrat verlassen, den die Frau Doktor besorgt.

Nun, man ißt aus dem Kasten des Bildhauers, aber da sind nur trockene

Sachen, die nicht viel verschlagen.

Dann will man sich niederlegen. Von allen Seiten wird nach

Schlafplätzen gefragt. Es gibt keine. Die Passagiere werden erregt und

Flüche hageln. Man muß sich also aufs Deck setzen. Man schreit nach dem

Veranstalter der Fahrt, aber er ist nicht an Bord. Johan legt sich aufs

bloße Deck; die Knaben ziehen eine Persenning über, denn der Tau fällt

und eine scharfe Kälte herrscht.

Sie erwachen frierend in Södertelje, denn die Matrosen hatten ihnen die

Persenning fortgenommen.

Auf dem Kanaldamm erscheint jetzt der Veranstalter, der seines Zeichens

Tapezierer ist. Die Passagiere werfen sich über ihn und schleppen

ihn an Bord, überschütten ihn mit Vorwürfen. Er verteidigt sich und

will ans Land, aber vergebens. Ein Standgericht wird abgehalten. Man

beschließt die Fahrt fortzusetzen, behält aber den Tapezierer als

Geisel.

Der Dampfer fährt durch den Kanal; als er aber eine Schleuse passiert,

schwingt sich der Veranstalter hinauf und verschwindet unter einem

Hagelschauer von Flüchen.

Die Fahrt wird fortgesetzt, und um die Mittagszeit ist man im

Götakanal. Auf dem Achterdeck wird der Mittagstisch gedeckt. Johan und

seine Begleiter nehmen Quartier im Rettungsboot, das am Achter hängt,

und essen ein einfaches Mittagsmahl aus dem Kasten des Bildhauers. Der

Bildhauer, der auf einem Ballen im Ladungsraum geschlafen hat, ist bei

guter Laune und kennt Stand und Namen aller Passagiere.

Der Mittagstisch ist jetzt besetzt. Präses ist der

Schornsteinfegermeister mit Familie. Dann kommen Pfandleiher,

Schenkwirt, Fuhrmann, Schlächter, Diener nebst Familie, eine Menge

junger Ladenburschen und einige Dirnen. Johan leidet, als er gedämpfte

Barsche und Erdbeeren, Rotwein und Sherry sieht, denn er ist durch

Luxus schon so verdorben, daß er von einfacher Nahrung krank wird. Das

ist die Oberklasse unter den Passagieren. Der Schornsteinfegermeister

spielt den großen Herrn. Er verzieht das Gesicht über den Rotwein und

schilt die Kellnerin; die erklärt aber, die Wirtin bestimme über die

Waren. Der Diener des Reichsarchivs macht den Gelehrten und scheint als

Beamter auf die Philister herabzusehen.

Beim Sherry werden Reden gehalten. Die Unterklasse vom Vorderdeck hängt

an Relingen und Geländern und lauscht. Nach den Parias im Rettungsboot

sieht niemand. Man weiß, daß sie da sind, aber man sieht sie nicht. Die

weiße Mütze wünscht man wohl gern fort, denn es sitzen zwei Augen unter

dem Schirm, die sehen, daß es keine bessern Leute sind. Johan empfindet

das. Er ist aus dieser Klasse heraus, der er von Geburt angehört, aber

er hat kein Essen und ist nichts. Er empfindet seine Unterlegenheit

und ihre Überlegenheit. Sie haben gearbeitet, und darum essen sie. Ja,

aber er hatte ebensoviel wie sie gearbeitet. Ja, aber nicht auf diese

Art. Er arbeitete und hatte Ehre von seiner Arbeit, sie nahmen das

schöne Essen und verzichteten auf die Ehre. Beides konnte man nicht

haben.

Die Leute saßen da, gesättigt und fröhlich, tranken Kaffee und Likör

und nahmen das ganze Achterdeck ein. Jetzt wurden sie kühn und machten

Bemerkungen über die Gesellschaft im Rettungsboot. Die konnte nur

schweigen und leiden, denn jene waren in der Mehrheit und Oberklasse,

weil sie konsumierten.

Johan fühlte sich in einem Element, das nicht das seine war. Eine

feindliche Luft war um ihn, ihm war schlecht zumute. Hier an Bord gab

es keine Polizei, die ihm helfen würde; auf keine Gerechtigkeit konnte

er sich berufen; kam es zu Händeln, würden alle ihn verurteilen. Er

brauchte nur eine spitzige Antwort zurückzugeben, so würde er Schläge

kriegen. Pfui Teufel, dachte er, dann lieber Offizieren und Beamten

gehorchen: die würden niemals solche Tyrannen sein wie diese Demokraten.

Später versuchte er, auf Alberts Rat, sich ihnen zu nähern, aber sie

waren unzugänglich.

Auf der Fahrt zwischen Venersborg und Göteborg kam es zum Ausbruch. Der

Hunger nahm so bedenklich zu, daß man eines Mittags beschloß, in den

Speisesalon hinunterzugehen, um vom Butterbrottisch zu essen. Johan und

die Knaben gingen. Da waren so viel Leute, daß man kaum an den Tisch

herankommen konnte. Johans Schüler behielt darum, und nach den Sitten

seiner Klasse, den Hut auf. Der Schornsteinfeger erblickte den Hut.

-- Hör mal, schrie er, ist dir das Zimmer etwa zu hoch?

Der Knabe tat, als verstehe er nicht.

-- Den Hut ab, Junge! rief man wieder.

Der Hut bleibt sitzen. Ein Ladenbursch schlägt ihn herunter. Der Knabe

nimmt den Hut auf und setzt ihn wieder auf den Kopf. Da bricht der

Sturm los. Wie ein Mann stürzen alle hin und schlagen den Hut herunter.

Dann geht es auf Johan los.

-- Und so ein Halunke hat einen Hauslehrer, der dem Jungen keinen

Anstand beibringen kann! Wir wissen schon, wer Sie sind.

Und nun hagelte es Scheltworte über die Eltern.

Johan versuchte die Gesellschaft darüber aufzuklären, daß man in

diesen Kreisen an öffentlichen Orten den Hut aufbehalte, +jenes+ also

kein Ausdruck von Geringschätzung gewesen sei. Das aber wurde übel

aufgenommen. +Jenes+ und in diesen +Kreisen+! Was schwatzte er für

Unsinn! Wollte er sie Anstand lehren?

Ja, das konnte er, da sie gerade von diesen Kreisen vor fünfundzwanzig

Jahren gelernt, den Hut abzunehmen, was jetzt nicht mehr Sitte war; und

er hätte ihnen sagen können, daß sie in fünfundzwanzig Jahren den Hut

aufbehalten würden, sobald sie nur Wind bekommen, daß es fein sei. Das

aber hatten sie noch nicht.

Sie gingen wieder auf Deck.

-- Mit diesen Leuten kann man sich nicht auseinandersetzen, sagte Johan.

Er war von dem Auftritt erschüttert. Er hatte einen Ausbruch des

Klassenhasses erlebt; hatte die Augen funkeln gesehen von Leuten,

die er nicht gekränkt; hatte den Fuß der künftigen Oberklasse auf

seiner Brust gefühlt. Also, sie waren seine Feinde geworden. Die

Brücke zwischen ihnen und ihm war abgebrochen. Aber das Blutsband war

noch da, und er hegte denselben Haß gegen die Gesellschaft und deren

unberechtigte Höhen wie sie; denselben Groll auf die Konvention, vor

der sie sich alle beugen mußten; ja, er hatte Karl Moors Worte im Ohr,

aber die, die ihn eben geschlagen hatten, waren alle Spiegelberger.

Kamen sie in die Höhe, würden sie alle treten, Große wie Kleine; kam er

in die Höhe, würde er nur die Großen treten. Das war der Unterschied

zwischen ihnen. Doch es war die Bildung, die ihn demokratischer als

sie gemacht hatte; also: hinüber zu den Gebildeten! Die würden für die

Unteren arbeiten, aber aus der Entfernung und von oben. Mit dieser

rohen, unförmlichen Masse konnte man nichts anfangen.

Der Aufenthalt an Bord wurde jetzt unerträglich. Jeden Augenblick

konnte man einen Ausbruch erwarten. Und der kam.

Johan saß auf dem oberen Deck, der Dampfer war jetzt auf dem Kattegatt,

als er unter sich einen heftigen Lärm, Stimmen, Geschrei hörte. Er

glaubt die Stimme seines Schülers zu erkennen. Er stürzt hinunter. Auf

dem Zwischendeck steht der Sünder, umgeben von einer Menschenmenge. Der

Pfandleiher fuchtelt mit den Armen und schreit. Johan fragt, was los

sei.

-- Er hat meine Mütze gestohlen! schreit der Pfandleiher.

-- Das ist doch wohl nicht möglich, sagt Johan.

-- Doch, ich habe es gesehen; er hat sie in diese Reisetasche gelegt.

Es war Johans Reisetasche.

-- Das ist meine Reisetasche, sagt Johan; bitte, sehen sie selbst nach!

Der öffnet die Reisetasche und -- da liegt die Mütze des Pfandleihers.

Allgemeine Bestürzung. Johan ist betroffen, und der Sturm will gegen

die beiden Diebe losbrechen. Ein Student, der stiehlt! Das war ein

Leckerbissen! Wie war das zugegangen? Jetzt erinnerte sich Johan. Er

hatte eine ebensolche graue Mütze wie der Pfandleiher, die er des

Nachts zum Schlafen benutzte. Er hatte dem Knaben gesagt, er solle die

in die Reisetasche legen; der Knabe hatte dann die falsche genommen.

Johan wandte sich an die Passagiere.

-- Meine Herren, begann er, halten Sie es für möglich, daß der Sohn

eines reichen Mannes eine fettige Mütze nimmt, wenn er selbst eine fast

neue besitzt? Sehen Sie nicht, daß ein Irrtum begangen ist?

-- Ja, antwortete die Unterklasse, es ist ein Irrtum.

Aber der Pfandleiher blieb bei seiner Behauptung.

-- Dann bleibt mir nur übrig, diesen Herrn für den Irrtum um

Entschuldigung zu bitten; und ich ersuche meinen Schüler, das gleiche

zu tun!

Das tat der, wenn auch widerstrebend. Allgemeine Befriedigung,

Gemurmel, das sei fein!

Damit war der Fall glücklich abgetan.

-- Siehst du, sagte Johan zu dem Knaben, die Leute lassen doch mit sich

reden!

-- Ach was! Sie fühlten sich nur geschmeichelt, weil Sie „Meine Herren‟

sagten. Ein verdammtes Pack!

-- Vielleicht, antwortete Johan, der die Demütigung zu groß für solch

eine Kleinigkeit fand.

Endlich waren sie in Kopenhagen. Hungrig, frierend, schlecht gelaunt,

saßen sie in Regenschauern vor Thorwaldsens Museum, das infolge des

Festes geschlossen war. Aber Albert schwor, er werde hineinkommen.

Nachdem sie eine Stunde neben dem Schornsteinfeger, dem Schenkwirt

und all den andern Passagieren gewartet hatten, kam ein alter Mann,

der gelehrt aussah. Der wollte hinein. Albert stürzt sich über ihn

her, nennt Molins, des schwedischen Bildhauers, Namen, und sie werden

hineingelassen; die andern Passagiere aber nicht. Albert war drinnen

hingerissen, konnte es aber nicht unterlassen, dem Schornsteinfeger,

der draußen stand, eine Fratze zu schneiden. Am meisten aber freute

sich der junge Sünder, der das Pack haßte.

-- Jetzt sind wir Herren, sagte er.

Johan war nicht in der Stimmung, Thorwaldsen herrlich zu finden. Das

war ein Künstler des Durchschnitts, gerade talentvoll genug, um so

berühmt zu werden. Albert fand die Antike verfeinert, wagte aber nicht,

zu widersprechen.

Den Einzug sahen sie nicht. Sie saßen auf dem Turm der Frauenkirche und

schauten sich die Aussicht an.

Gegen Nacht, als man müde und abgespannt war, wollten sie auf den

Dampfer gehen, um zu schlafen; der aber war nach Malmö hinübergefahren.

Sie standen im Regen auf der Straße. In ein Hotel konnten sie nicht

gehen, denn sie hatten kein Geld. Da faßte Albert den Entschluß,

geradeswegs in eine Schenke zu gehen und um Nachtlogis zu bitten. Es

war eine Seemannsschenke beim Zollhaus. Eine Herberge habe man wohl,

aber die sei nur für Seeleute. Das tut nichts, wir müssen unter Dach.

So wurden sie in ein Hofzimmer geführt. Dort standen zwei Bänke mit

Betten, aber eine Waschschüssel war nicht zu sehen; die Wände hatten

keine Tapeten, und es sah schäbig aus. Auf der einen Bank lag ein

Matrose. Wer sollte zu ihm hineinkriechen? Albert entschloß sich dazu;

bald war er entkleidet und lag neben dem Fremdling, der ein Holländer

war und mit einem Schnaps geweckt wurde. Bald schlief die ganze

Gesellschaft. Johan verwünschte das ganze Abenteuer; denn die Betten

rochen.

Die Heimfahrt, an der Küste entlang, war ein einziges, großes Leiden.

Ohne Essen und mit wenig Geld, mußte man das Leben fristen, indem man

in den kleinen Städten, die angelaufen wurden, rohe Eier kaufte und

trank. Dazu kam hartes Brot und Branntwein; das war die Diät für drei

Tage.

Albert allein fühlte sich wohl und vergnügte sich. Er schlief in der

Schanze bei den Matrosen und ergötzte sie mit Geschichten. Er war mit

ihnen verwandt und konnte ihre Sprache. Er trank mit ihnen und erhielt

warmes Essen; ja, er ging zuweilen in die Küche und erbettelte sich

einen Teller Suppe.

-- Wie leicht wird ihm das Leben, dachte Johan. Er vermißt den Luxus

nicht, weil er ihn nie gekostet hat; er wird nicht wie ein Fremdling

ausgestoßen, wenn er sich diesen Leuten nähert. Er kann schmausen,

während wir hungern. Er sieht nur Freunde überall. Aber sein Tag wird

auch kommen, wenn er nicht mehr Unterklasse ist; wenn Luxus und feine

Gewohnheiten ihn ebenso hilflos und unglücklich gemacht haben.

* * * * *

Als er heimgekehrt war, tobte er sich aus. So war es überall: die oben

standen, traten die Unteren; und die unten stehen, reißen einen zurück,

wenn man hinauf will. Was ist das für ein Gerede vom Aristokraten und

Demokraten? Die Unteren sprechen von ihrer demokratischen Denkart

wie von einer Tugend. Was ist das für eine Tugend, die zu hassen,

die oben stehen? Und was bedeutet Aristokrat? Aristos bedeutet der

Beste und krateo herrschen. Also Aristokrat ist, wer will, daß die

Besten herrschen; Demokrat, wer will, daß die Schlechtesten es tun.

Aber, da kommt ein Aber: Wer sind denn die Besten? Ist niedrige

gesellschaftliche Stellung, Armut, Unwissenheit etwas, das die

Menschen besser macht? Nein, dann würde man doch nicht der Arbeit und

der Unwissenheit entgegenarbeiten? Welchen könnte man also die Macht

überlassen, mit der Gewißheit, daß sie den am wenigsten Schlechten in

die Hände fällt? Denen, die am meisten wissen? Aber dann hat man ja die

Professorenherrschaft, dann wird Upsala -- nein, nicht die Professoren!

Wer denn? Ja, darauf konnte er nicht antworten, aber sicher nicht der

Schornsteinfeger und der Fuhrmann, die auf dem Dampfer gewesen waren.

Tiefer drang er dieses Mal nicht in die Sache ein, denn man hatte die

Frage noch nicht aufgeworfen, ob man nicht allen die gleiche Bildung

geben könne, oder ob überhaupt jemand herrschen solle.

Er war auf die schlimmste von allen Aristokratien gestoßen, auf die

Oberklasse der Unterklasse, oder, wie sie mit einem häßlichen Namen

genannt wird, den Philister. Eine schlechte Kopie der Oberklasse,

stimmte er mit der Macht, äffte die Gewohnheiten der Vornehmen nach,

bereicherte sich durch fremde Arbeit, zitierte Autoritäten, haßte

Opposition, seinen stillen Widerspruch gegen die Oberen ausgenommen.

Der Schornsteinfeger wurde reich durch die Elendesten von allen, der

Fuhrmann durch die armen Kutscher und Gäule, der Pfandleiher hatte

unbilligen Gewinn an der Not. Und so weiter.

Ein Lehrer dagegen, ein Arzt, ein Künstler konnte seine Arbeit nicht

Sklaven überlassen; der mußte sie selbst verrichten, war also kein

solcher Hai, wie die dort unten. Brachte nun die Bildung den Menschen

Glück, machte Bildung die Menschen besser, so war diese Aristokratie

berechtigt, wohltätig; konnte sich für besser halten. Aber die

Bildung bekam man für Geld oder konnte sich zu ihr durchbetteln oder

durchpumpen, wie so viele Studenten es taten. Dann war es keine Tugend

wenigstens. Nein, das war es nicht, aber man mußte sich über den

andern fühlen, wenn man mehr wußte und die Gesetze des Zusammenlebens

so beobachtete, daß man niemanden kränkte. Für die wahre Demokratie

blieb nur das Nivellieren übrig, auf daß niemand sich unten zu fühlen

brauchte und niemand oben zu sein glaubte.

16.

+Hinter dem Vorhang.+

(1869)

Das schwedische Theater war zu dieser Zeit vielen Angriffen ausgesetzt,

und wann wird das Theater nicht angegriffen? Das Theater ist eine

Miniaturgesellschaft innerhalb der Gesellschaft, ebenso wie diese

eingerichtet, mit Monarch, Ministern, Beamten, einer ganzen Reihe

Volksklassen, die eine über der andern. Ist es da sonderbar, daß diese

Gesellschaft immer den Angriffen der Unzufriedenen ausgesetzt ist?

Zu diesem Zeitpunkt aber hatten die Angriffe einen mehr praktischen

Zweck. Ein früherer Provinzschauspieler hatte das Königliche Theater

mit einer Broschüre beschossen, die höhere Gesichtspunkte nicht

aufwies, aber den Erfolg hatte, daß der Autor in die Direktion

berufen wurde. Das reizte zur Nachfolge, und viele schrieben jetzt

Abhandlungen, um in die Direktion zu kommen.

Das Königliche Theater war damals wohl weder besser noch schlechter

als früher. Aber, fragte man, ist das Theater eine Bildungsanstalt,

für die es sich ausgibt, warum setzt man denn Ungebildete zu Leitern

ein? Darauf antwortete man: Wir haben eben einen der gelehrtesten

Männer des Landes, Hyltén-Cavallius, auf dem Posten gehabt, und wie ist

es da gegangen? Trotzdem er den Vorteil besaß, nicht adelig zu sein,

wurde er doch von der demokratischen Presse, die ihn von unten beim

Rock riß, totgemacht. Heute (1886) ist die Utopie der Selbstregierung

verwirklicht, das Theater hat einen Mann vom Bau an der Spitze, und nun

ist die Zufriedenheit allgemein.

An dem bestimmten Tage ging Johan ins Theater, um sich zum Debüt

anzumelden. Nachdem er etwas gewartet hatte, erlangte er Zutritt und

wurde nach seinem Anliegen gefragt.

-- Debüt!

-- So? Haben Sie an ein besonderes Stück gedacht?

-- Karl Moor in den „Räubern‟! antwortete er, herausfordernder, als

nötig war.

Man blickte einander an und lächelte.

-- Aber es müssen drei Rollen sein. Haben Sie keine andere

vorzuschlagen?

-- Lucidor!

Man beriet und erklärte darauf, diese Stücke ständen jetzt nicht auf

dem Spielplan. Das hielt Johan nicht für stichhaltig, erhielt aber die

vernünftige Antwort, das Theater könne nicht für unerprobte Kräfte

so große Stücke in Szene setzen und seinen Spielplan erschüttern.

Darauf schlug der Direktor den „Fechter von Ravenna‟ vor. Nach solchen

Triumphen, wie sie der letzte Darsteller der Rolle gefeiert hatte, zu

kommen, nein, das wagte Johan nicht.

Das Ende war: Johan sollte mit dem Dramaturgen sprechen.

Nun begann ein Kampf, wahrscheinlich nicht der erste und nicht der

letzte auf diesem Zimmer.

-- Seien Sie vernünftig, Herr; man muß diesen Beruf ebenso lernen wie

alle andern. Niemand ist fertig geboren. Kriechen Sie, ehe Sie gehen.

Nehmen Sie zuerst eine kleine Rolle.

-- Nein, die Rolle muß so groß sein, daß sie mich trägt. In einer

kleinen Rolle muß man ein großer Künstler sein, um in die Augen zu

fallen.

-- Hören Sie auf mich, Herr, ich habe Erfahrung.

-- Andere haben in großen Rollen debütiert, ohne auf der Bühne gewesen

zu sein.

-- Aber Sie werden sich den Hals brechen!

-- Dann breche ich mir eben den Hals!

Der Sohn einer Magd · 第 22 / 29 段