Man konnte Empörer aus Instinkt sein, aber an die notwendige

Übergangsform zu einer besseren Staatsverfassung, der Republik, glaubte

man nicht. Man hatte in Frankreich gesehen, wie auf zwei Republiken

neue Monarchien gefolgt waren. Man war heimlich Anarchist, aber nicht

Republikaner, und man hatte sich einreden lassen, die Monarchie sei

kein Hindernis für die Entwicklung der Freiheit.

So dachten die Jungen. Die Älteren dagegen, wie der Dramatiker Blanche,

sahen die ganze Rettung in der Republik. Darum ist die altliberale

Schule heute (1886) so etwas wie konservativ republikanisch geworden.

* * * * *

Als der Doktor sah, daß die schöne Literatur seiner Frau Johans

medizinische Studien überwucherte, beschloß er, ihn in die Geheimnisse

seines Berufes blicken zu lassen; ihm einen Vorgeschmack davon

zu geben, der ihm helfen sollte, die langwierigen Vorstudien zu

überwinden, die er selbst für zu weitläufig hielt. Johan konnte jetzt

mehr Chemie und Physik als der Arzt; und der war der Ansicht, es sei

nur Bosheit, durch schwere Vorstudien den Konkurrenten die Laufbahn zu

erschweren. Warum nicht sofort wie in Amerika an der Leiche arbeiten,

da es doch ein Fachstudium war? So durfte Johan direkt von seinen

anatomischen Büchern als Amanuensis in die Praxis übergehen.

Das war ein neues, abwechslungsreiches Leben voller Wirklichkeit. Man

fuhr in eine dunkle Gasse, kam in ein Pförtnerzimmer, wo ein Weib im

Fieber lag. Trat ans Bett, zwischen arme Kinder, Großmutter und andere

Verwandte, die auf Zehen gingen und das Urteil erwarteten. Nahm die

muffige, zerlumpte Decke ab, entblößte eine eingesunkene, arbeitende

Brust, zählte die Pulsschläge. Dann griff man zu Papier und Feder.

Dann fuhr man in die Villenstraße, wurde auf weichen Teppichen durch

glänzende Zimmer in eine Schlafstube geführt, die wie ein Tempel

aussah. Hob eine blauseidene Decke, schiente das Bein eines in Spitzen

gekleideten, engelhaften Kindes. Betrachtete auf dem Rückweg eine

Gemäldesammlung und sprach von Künstlern.

Das war neu, das war interessant. Aber was für einen Zusammenhang hatte

das mit Titus Livius und der Geschichte der Philosophie?

Dann aber kamen die chirurgischen Einzelheiten. Man wird um sieben

Uhr morgens geweckt, kommt in die schwarze Kammer des Doktors, muß

beim Ausbrennen einer Wunde mit Hand anlegen; einer Wunde, die von

einer geschlechtlichen Krankheit herrührt. Das Zimmer riecht nach

Menschenfleisch und das ist widerlich bei fastendem Magen. Oder muß

einem Patienten den Kopf halten, während der Doktor mit einer Gabel

Drüsen aus dem Rachen zieht; fühlen, wie der Kopf des Patienten unter

dem Schmerz zuckt.

Daran gewöhnt man sich bald, sagte der Doktor, und das war

wahrscheinlich. Aber Johans Gedanken waren jetzt bei Goethes

Faust, Wielands leckern Romanen, George Sands sozialen Phantasien,

Chateaubriands Naturschwärmereien, Lessings verständigen Theorien. Die

Phantasie war in Bewegung gesetzt, und das Gedächtnis wollte nicht

arbeiten; die Wirklichkeit mit ihren Brandwunden und geronnenem Blut

war unschön; die Ästhetik hatte den Jüngling so gefaßt, daß das Leben

ihm traurig und abstoßend vorkam.

Der Verkehr mit Künstlern hatte seine Augen für eine neue Welt

geöffnet: eine freie Gesellschaft in der Gesellschaft. Sie kamen an den

reichen und gebildeten Tisch schlecht gekleidet, mit schwarzen Nägeln

und unreiner Wäsche, als seien sie nicht nur den andern ebenbürtig,

sondern überlegen. Worin? Sie konnten kaum ihren Namen schreiben, sie

liehen Geld, um zu bezahlen, sie führten eine rohe Sprache. Alles war

ihnen erlaubt, das andern nicht erlaubt war. Warum? Sie konnten malen.

Aber das konnte man ja auf der Akademie lernen, und die Akademie fragte

nicht, ob alle, die eingeschrieben wurden, auch Genies seien? Wie

wußte man also, daß sie Genies waren? War Malen denn mehr als Wissen,

Kenntnisse besitzen, gelehrt sein?

Und diese Künstler hatten ein eigenes Moralgesetz, das anerkannt wurde.

Sie mieteten sich ein Atelier und ließen sich Frauen kommen, die sich

nackt entkleideten. Sie prahlten mit ihren Geliebten, während sich

andere ihrer schämten und ihretwegen getadelt wurden. Sie konnten in

Geldverlegenheit sein und scherzten darüber, während andere dadurch

belastet wurden; ja, es gehörte zu einem richtigen Künstler, ein „Lump‟

zu sein, wie man es sonst nannte.

Das sei eine heitere, freie Welt, dachte Johan; in der werde er sich

wohl fühlen, ohne alle konventionelle Fesseln, ohne Pflichten gegen

die Gesellschaft, vor allem aber ohne Berührung mit der langweiligen

Wirklichkeit. Aber er war kein Genie; wie sollte er also da

hineinkommen? Sollte er malen lernen, um den Freibrief zu erhalten?

Nein, das ging nicht; er hatte nie ans Malen gedacht, dazu war er

nicht berufen; auch würde die Malerei nicht alles ausdrücken, was er

sagen wollte, wenn er einmal zum Sprechen käme. Sollte es etwas sein,

+wenn+ es etwas sein sollte, so wäre es das Theater. Der Schauspieler

durfte vertreten und alle diese Wahrheiten sagen, wie bitter sie auch

sein mochten, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Das war

sicherlich eine schöne Laufbahn.

14.

+Vor dem Vorhang.+

(1869)

Johans Versuch, die Universität Upsala nach Stockholm zu verlegen,

sollte nicht ohne Folgen bleiben; die Kameraden hatten ihn ja gewarnt.

Als er also zeitig im Frühling nach Upsala fuhr, um seine lateinische

Arbeit zu schreiben, hatte er durch die Post an den Dozenten die

üblichen drei Probeaufsätze und die festgesetzten fünfzehn Kronen

vorausgeschickt. So gelang sein Attentat oder wurde nicht bemerkt, und

die Arbeit leistete er.

Jetzt aber im Mai wollte er die Vorprüfung in Chemie machen. Um

ganz sicher zu gehen, ließ er sich vom Assistenten der Technischen

Hochschule prüfen. Der erklärte, er besitze mehr Kenntnisse, als zur

medizinischen Prüfung notwendig seien. So vorbereitet, fuhr Johan nach

Upsala. Den ersten Besuch machte er bei einem Kameraden, der schon die

Vorprüfung in Chemie bestanden hatte und die Geheimnisse kannte.

-- Ich kann Synthese und Analyse; auch kenne ich die organische Chemie,

begann Johan.

-- Das ist gut, denn wir brauchen nur die Synthese zu kennen; aber das

hilft nichts, denn du hast nicht auf +seinem+ Laboratorium gearbeitet.

-- Das ist wahr, aber das der Hochschule ist viel besser.

-- Das hilft nichts, denn es ist nicht seins.

-- Wir werden doch sehen, ob Kenntnisse nicht genügen.

-- Wenn du so sicher bist, dann mach den Versuch; aber höre auf das,

was ich dir jetzt sage. Zuerst mußt du zum Dozenten gehen, um die

Fragen kennen zu lernen.

-- Was?

-- Für eine Krone paukt er eine Stunde mit dir; er fragt dich alle die

merkwürdigeren Fragen, die der Professor während des letzten Jahres

gestellt hat. So pflegt er jetzt zu fragen, ob man aus seinem Kadaver

Streichhölzchen und Ammoniak aus deinen alten Stiefeln machen könne.

Aber die Fragen erfährst du vom Dozenten. Zweitens darfst du nicht in

Frack und weißer Binde kommen, am allerwenigsten so fein gekleidet, wie

du jetzt bist. Darum will ich dir meinen Reitrock leihen, der auf den

Schultern grün und an den Nähten rot ist, und meine Schaftstiefel, denn

Stiefeletten liebt er nicht.

Johan befolgte die Instruktion und ging zuerst zum Dozenten. Der

stellte an ihn die Fragen, die zuletzt vorgekommen waren. Zum Entgelt

mußte Johan versprechen, unter allen Umständen zurückzukehren und die

Fragen zu nennen, die er selbst erhalten. Mit denen wollte der Dozent

sein Material an Fragen vermehren.

Am nächsten Tage ging Johan zu dem Kameraden, um sein Kostüm

anzuziehen. Die Hosen wurden hochgezogen, damit die Schäfte der Stiefel

zu sehen seien; der Kragen wurde auf der einen Seite aufgebogen, damit

die Haut zwischen Bündchen und Kragen zu sehen war.

So vorbereitet ging er zu seinem ersten Tentamen.

Der Professor der Chemie war ein früherer Fortifikationsoffizier, der

seinerzeit von der gelehrten Gilde in Upsala nicht gern empfangen

worden. Er war Soldat, nicht akademisch gebildet, also eine Art

„Philister‟. Das hatte ihn gereizt und leberkrank gemacht. Um sein

laienhaftes Äußeres zu verwischen, affektierte er den überstudierten

und geradsinnigen Gelehrten. Ging schlecht gekleidet und machte sich

ungewöhnlich. Schüler des Berzelius, viele Hunderte waren das wohl

gewesen, liebte er's, daran zu erinnern. Das war sein Trumpf. Berzelius

trug unter anderm zerrissene Hosen; daher war ein Loch in den Hosen das

Kennzeichen eines tüchtigen Chemikers. Daher alle diese Sonderbarkeiten.

Johan stellte sich vor, wurde mißtrauisch betrachtet und gebeten, in

einer Woche wiederzukommen. Da erklärte er, er sei besonders hergereist

und könne sich, da er arm sei, keine Woche in der Stadt aufhalten.

Wirkte sich die Erlaubnis aus, am nächsten Tage wiederkommen zu dürfen.

-- Es würde bald erledigt sein, meinte der Alte. -- Was?

Am nächsten Tage saß Johan auf einem Stuhl vor dem Professor. Es war

ein sonniger Nachmittag im Mai und der Alte schien sein Mittagessen

schlecht verdaut zu haben. Er sah unheimlich aus, als er von seinem

Schaukelstuhl seine erste Frage hinwarf.

Zuerst kamen die Antworten korrekt. Dann wurden die Fragen gewundener,

als seien sie Schlingen.

-- Wenn ich ein Stück Land habe und vermute Salpeter, wie soll ich's da

anfangen, um eine Salpeterfabrik anzulegen?

Johan antwortete, indem er eine Salpeteranalyse vorschlug.

-- Nein.

-- Dann weiß ich nichts anderes.

Es wurde still und die Fliegen summten. Lange still, unangenehm still.

-- Jetzt werden die Stiefel bald kommen oder die Streichhölzchen,

dachte Johan; da werde ich glänzen. Aber es kam nichts. Johan brachte

sich in Erinnerung und hustete. Aber der Professor schwieg. Johan

überlegte sich, ob er durchschaut sei und der Alte den Prüfungsrock

wiedererkannt habe.

Dann kam eine neue Frage, die unbeantwortet blieb. Dann noch eine.

-- Es ist zu früh, sagte der Alte und stand auf.

-- Aber ich habe ein Jahr auf dem Laboratorium gearbeitet und kann auch

Analyse.

-- Die Rezeptur können Sie wohl, aber Sie haben sie nicht verdaut!

Sehen Sie, auf der Hochschule ist man Handwerker, hier aber ist man

Gelehrter.

Es verhielt sich nun gerade umgekehrt, denn die Mediziner beklagten

sich darüber, daß sie wie Köchinnen dastehen und Mixturen und Salze

bereiten müßten, ohne eine Analyse machen zu dürfen; während doch

diese gerade Aufgabe des Arztes war; die Synthese hatte der Apotheker

zu machen. Jetzt aber hatte die einige Jahre früher angeregte Frage,

ob die Universität nicht nach Stockholm zu verlegen sei, Upsala gegen

die Hauptstadt erhoben; auch war das Laboratorium der neu erbauten

Technischen Hochschule zu Stockholm ebenso berühmt wegen seiner

vortrefflichen Einrichtungen, wie das der Universität Upsala wegen

seiner erbärmlichen berüchtigt war. Hier spielte also kleinlicher Sinn

mit, und Johan fühlte die Ungerechtigkeit.

-- Ich bekomme also kein Zeugnis?

-- Nein, Herr, nicht dieses Jahr; aber kommen Sie nächstes Jahr wieder!

Er schämte sich zu sagen: Gehen Sie auf mein allein seligmachendes

Laboratorium.

Johan war außer sich. Also weder Kenntnisse noch Fleiß, allein Geld und

Kriechen. Hatte er etwa Richtwege gesucht? Nein, im Gegenteil, er hatte

Umwege gehen müssen, weite und mühsame, während die andern die gerade

Straße zogen, und der direkte Weg ist der kürzeste!

Er kam in den Park der Bibliothek, böse wie eine Biene. Wollte zuerst

gar nicht wieder in die Stadt hinein, sondern setzte sich auf eine

Bank. Hätte er das verdammte Loch nur in Brand stecken können. Ein

Jahr? Nein, niemals! Er hatte alles satt. Warum soviel Unnötiges

lernen, wenn es doch vergessen wurde und nie in der Praxis vorkam. Und

so lange schuften, um schließlich diesen schmutzigen Beruf auszuüben:

Urinproben analysieren, im Auswurf stochern, in allen Winkeln des

Körpers wühlen? Pfui Teufel!

Wie er da sitzt, kommt eine Gesellschaft fröhlicher Menschen und

bleibt lachend vor der Rückseite der Bibliothek stehen. Sie blicken

nach den Fenstern hinauf, wo die langen Bücherreihen zu sehen sind,

Gestell neben Gestell! Sie lachen! Damen und Herren lachen über die

Bücher! Er glaubte sie zu erkennen! Ja, es sind Levasseurs französische

Schauspieler, die er in Stockholm gesehen hat und die jetzt in Upsala

gastieren. Sie lachen die Bücher aus. Glückliche Menschen, die Träger

der Bildung und des Geistes sein können, ohne Bücher zu studieren!

Vielleicht hatte jede Seele etwas zu geben, was nicht in den Büchern

stand, aber einst darin stehen würde. Ja, gewiß, so war es. Er selbst

besaß ja solche Vorräte an Erfahrungen und Gedanken, die sicherlich die

Wissenschaft vom Menschen bereichern konnten; und reif lagen sie da.

So beschlich ihn wieder der Gedanke, in diesen bevorrechtigten Stand

einzutreten, der außerhalb und über allen kleinen Gesetzen der

Gesellschaft stand, der keinen Rang kannte, in dem man sich also nicht

als Unterklasse fühlte. Da konnte man sich auf das allgemeine Urteil

berufen und in voller Öffentlichkeit arbeiten. Das war etwas anderes

als hier in einem abgelegenen dunkeln Loch aufgehängt zu werden, ohne

Untersuchung, ohne Urteil, ohne Zeugen.

Gestärkt von dem neuen Gedanken, stand er auf, lächelte über die Bücher

oben in der Bibliothek und ging in die Stadt hinein, entschlossen, nach

Hause zu fahren und um ein Debüt auf dem Königlichen Theater zu bitten.

* * * * *

Jeder Stadtmensch wird einmal in seinem Leben die Lust empfunden

haben, als Schauspieler aufzutreten. Das ist wohl der Kulturtrieb,

sich zu vergrößern, etwas aus sich zu machen, sich mit andern,

größern, erdichteten Personen zu identifizieren, der hier wirkt. Bei

Johan, der Romantiker war, sprach auch das Verlangen mit, vorzutreten

und zum Volke zu sprechen. Er glaubte nämlich, daß er sich seine

Rollen wählen könne, und er wußte schon, welche. Daß er, wie alle

andern, die Fähigkeit zu haben glaubte, kam wohl von dem Überschuß

an unverbrauchter Kraft, den der Mangel an körperlicher Arbeit

hervorbringt, und von dem daraus folgenden Vergrößerungstrieb beim

Gehirn, das durch die geistige Überanstrengung unregelmäßig arbeitet.

In dem Beruf selbst sah Johan keine Schwierigkeit, erwartete aber

Widerstand von anderer Seite.

Vererbung annehmen, weil die Neigung in der Familie gewesen, dürfte

vielleicht übereilt sein, da wir eben angenommen haben, daß sich

das Verlangen bei den meisten findet. Doch hatte der Großvater

väterlicherseits, Bürger von Stockholm, Theaterstücke für eine

Liebhaberbühne geschrieben, und ein junger entfernter Verwandter lebte

noch als warnendes Beispiel. Dieser letzte war Ingenieur gewesen,

hatte in einem großen Eisenwerk gelernt, war an einer Bahn angestellt.

Hatte also eine schöne Zukunft vor sich gehabt, aber plötzlich seine

Laufbahn abgebrochen und war zum Theater gegangen. Johan erinnerte

sich noch, wie in seiner Jugend zu Hause bei dem Verwandten Stücke von

Studenten der Technischen Hochschule eingeübt wurden; er hatte auch

eine solche Aufführung im Saal eines Restaurants gesehen. Der Schritt

des Ingenieurs wurde ein Familienkummer, der sich niemals legte, und

der viel bedauerte junge Mann war zu dieser Zeit noch nichts geworden,

sondern reiste mit einer namenlosen Provinzgesellschaft umher. Das also

war der schwierigste Punkt. -- Ja, das ist er, antwortete Johan sich

selber, aber ich werde Glück haben! -- Warum? Weil er es glaubte. Und

er glaubte es, weil er es wünschte.

Man könnte vielleicht die Lust für angeboren halten, weil Johan als

Kind viel mit einem kleinen Kindertheater spielte; aber alle Kinder

spielen Theater. Er hatte wohl die Lust dadurch bekommen, daß er andere

spielen sah. Und das Theater war ja eine unwirkliche, bessere Welt, die

einen aus der langweiligen wirklichen herauslockte. Die letzte wäre

einem nicht so langweilig vorgekommen, wenn die Erziehung harmonischer,

realistischer wäre, nicht so romantisch, wie sie ist.

Genug, der Entschluß war gefaßt. Ohne irgend einem etwas zu sagen, geht

er zum Leiter der Schauspielerschule, dem Dramaturgen des Königlichen

Theaters.

Als er seine eigenen Worte hörte: ich will Schauspieler werden,

schauderte ihn. Es war ihm, als risse er sich angeborene Scnüchternheit

ab und tue seiner Natur Gewalt an.

Der Lehrer fragte, was er sei.

-- Ich wollte Arzt werden.

-- Und eine solche Laufbahn wollen Sie verlassen, um die schwerste und

schlechteste von allen zu wählen?

-- Ja!

Das sagten alle Schauspieler von ihrer Laufbahn: die schwerste und

schlechteste, obwohl sie es so gut hatten. Das geschah nur, um einen

abzuschrecken.

Johan bat um Privatstunden, damit er debütieren könne. Der Lehrer

wollte gerade aufs Land reisen, denn die Spielzeit war zu Ende; aber

er ersuchte Johan, am ersten September wiederzukommen, dann werde das

Theater wieder eröffnet und die Direktion sei wieder in der Stadt. Das

war eine Verabredung, und er war zufrieden.

Als er auf die Straße hinunterkam, ging er mit aufgesperrten Augen

dahin, als sehe er in eine helle Zukunft hinein; den Sieg hatte er

selbstverständlich in der Hand, er war bereits davon berauscht und

flog, aber mit schwankenden Schritten, die Straße hinunter.

Im Hause des Doktors sagte er nichts, auch allen andern gegenüber

schwieg er. Drei Monate lagen vor ihm: in denen wollte er für sich

alles lernen, um bereit zu sein. Aber geheim, denn er war schüchtern

und feig. Feig vor dem Kummer des Vaters, feig vor der Enttäuschung

des Doktors; schüchtern vor der ganzen Stadt, die erfahren würde,

daß er sich zum Schauspieler zu eignen glaubte; schüchtern vor dem

Hohn der Verwandten, dem Grinsen und Abraten der Freunde. Das war die

Frucht der Erziehung: was werden die Menschen sagen? Und die Furcht

wurde so übertrieben, daß seine Einbildung die Handlung zu einem

Verbrechen machte. Es war ja auch ein Eingriff in den Seelenfrieden

vieler Menschen, denn Verwandte, Freunde, Bekannte fühlen ja eine

Erschütterung, wenn ein Glied gewaltsam aus der Kette gerissen wird.

Das empfand er, darum mußte er die Bedenklichkeiten des Gewissens

abschütteln.

Als Debütrollen hatte er sich Karl Moor und Wijkanders Lucidor gewählt.

Das war kein Zufall, sondern streng logisch. In diesen beiden hatte

er beim Lesen sein Inneres ausgedrückt gefunden, deshalb wollte er

in ihren Zungen sprechen. Lucidor, den schwedischen Dichter des

siebzehnten Jahrhunderts, faßte er als eine höhere Natur auf, die,

durch Armut untergraben, unzufrieden wurde und unglücklich endete.

Natürlich eine höhere Natur! In diesen Schwärmereien fürs Theater

tauchte auch etwas von dem auf, was er empfunden, als er predigte, als

er sich beim Schulgebet empörte; das war der Verkünder, der Prophet,

der Wahrheitsager!

Was seine Vorstellungen von der hohen Bedeutung des Theaters noch

erhöhte, war die Lektüre von Schillers Vorlesung „Die Schaubühne, als

moralische Anstalt betrachtet‟. Sätze wie diese zeigten doch, wie

hoch das Ziel war, nach dem er strebte: „Die Schaubühne ist der große

Kanal, in dem das Licht der Weisheit von dem denkenden bessern Teil

des Volkes herniederströmt, um sich in milden Strahlen über den ganzen

Staat auszubreiten.‟ -- „In dieser künstlichen Welt träumen wir uns

von der wirklichen fort, wir finden uns selbst wieder, unser Gefühl

wird geweckt, heilsame Gemütsbewegungen erschüttern unsere schlummernde

Natur und treiben unser Blut in raschen Wellen. Der Unglückliche

weint hier seinen eigenen Kummer in fremdem aus, der Glückliche wird

nüchtern, der Sichere nachdenklich. Der empfindsame Weichling härtet

sich zum Mann, der rohe Unmensch beginnt hier erst zu fühlen. Und

dann endlich, welch ein Triumph für dich, Natur! -- so oft zu Boden

getretene, so oft wiederauferstehende Natur! -- wenn Menschen aus allen

Kreisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Fessel der Künstelei und

der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des Schicksals, durch +eine+

allwebende Sympathie verbrüdert, in +ein+ Geschlecht wieder aufgelöst,

ihrer selbst und der Welt vergessen und ihrem himmlischen Ursprung sich

nähern. Jeder einzelne genießt die Entzückungen aller, die verstärkt

und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurückfallen, und seine Brust

gibt jetzt nur einer Empfindung Raum -- es ist diese: ein Mensch zu

sein!‟

So schrieb der fünfundzwanzigjährige Schiller, und der zwanzigjährige

Jüngling unterschrieb es.

Das Theater ist wohl eine Bildungsanstalt für Jugend und Mittelklasse,

die sich noch von Schauspielern und bemalter Leinwand täuschen lassen

können. Für Ältere und Gebildete ist es ein Vergnügen; besonders die

Kunst des Schauspielers nimmt die Aufmerksamkeit gefangen. Darum ist es

beinahe eine Regel, daß alte Kritiker unzufrieden und brummig werden.

Sie haben die Illusion verloren und lassen keinen Fehler in der Technik

durch.

Die neueste Zeit hat das Theater, besonders die Kunst des

Schauspielers, bis zum Äußersten überschätzt; darauf ist dann der

Rückschlag erfolgt. Die Schauspieler haben nämlich ihre Kunst von der

Dramatik losgerissen, indem sie sich einbildeten, auf eignen Füßen

gehen zu können. Daher das Sternwesen, die Schauspielerverehrung. Dann

kam die Opposition. In Paris, wo man am weitesten gegangen, zeigte sich

der Gegenstrom zuerst. Der Figaro rief die Helden am Théatre-Français

zur Ordnung und erinnerte sie daran, daß sie die Puppen der Dichter

seien.

Daß heute (1886) alle großen europäischen Theater herunterkommen,

deutet an, daß die Kunst an Interesse verliert. Die Gebildeten gehen

nicht mehr ins Theater, weil der Wirklichkeitssinn sich entwickelt

hat und die Phantasie, ein Überrest des Wilden, zurückgeht. Die

Ungebildeten haben weder Zeit noch Geld, um ins Theater zu gehen. Dem

Varieté, das ergötzt, ohne zu erziehen, scheint heute die Zukunft zu

gehören, denn es ist Spiel und gewährt Erholung. Alle bedeutenden

Dichter wählen eine andere, geeignetere Form, um die großen Fragen zu

behandeln. Ibsens Stücke haben immer ihre Wirkung in Buchform ausgeübt,

ehe sie gespielt wurden; und wenn sie gespielt werden, dreht sich das

Interesse am meisten darum, +wie+ man sie spielt -- also ein Interesse

zweiten Grades.

Johan machte den gewöhnlichen Fehlschluß der Jugend, daß er

Schauspieler und Dichter vermengte. Der Schauspieler war der Verkünder,

und der Dichter war der Verantwortliche, der hinter jenem steht.

Jetzt im Frühling verließ Johan seine alte Stellung als Hauslehrer bei

den beiden Mädchen; er hatte also freie Zeit genug, um während des

Sommers seine Kunst zu studieren, im geheimen und auf eigene Faust.

Er hatte über die Bücher gelächelt, und die ersten, die er jetzt

aufsuchte, waren die Bücher. Darin standen die Gedanken und Erfahrungen

der Menschen, und mit diesen, von denen die meisten tot waren, konnte

er jetzt vertraulich sprechen, ohne verraten zu werden. Er hatte

gehört, daß im Schloß eine Bibliothek sei, die dem Staate gehöre und

aus der man Bücher leihen könne. Er verschaffte sich eine Bürgschaft

und ging ins Schloß. Es war feierlich: viele, viele Bücher standen

in den kleinen Zimmern, und grauhaarige, stille Greise saßen da und

studierten. Er bekam seine Bücher und ging scheu und glücklich nach

Hause.

Er wollte seine Sache gründlich behandeln, ihr auf den Grund gehen, und

er war gründlich. Aus Schiller holte er die Äußerung von der tiefen

Bedeutung des Theaters; aus Goethe nahm er eine ganze Abhandlung,

mit direkten Vorschriften, wie man gehen und stehen, sich halten und

setzen, hereinkommen und hinausgehen solle; in Lessings „Hamburgischer

Dramaturgie‟ las er einen ganzen Band Theaterkritiken mit den

feinsten Beobachtungen. Lessing machte ihm am meisten Hoffnung; der

erklärte sogar, das Theater sei durch die Kunst der Schauspieler

heruntergekommen und verlangte, man solle mit Dilettanten aus den

gebildeten Klassen spielen; die würden die Rollen besser verstehen als

die geschulten und oft ungebildeten Schauspieler. Auch las er Remond de

Sainte Albine[4], dessen viel zitierte Beobachtungen über Bühnenkunst

von großem Wert sind.

Der Sohn einer Magd · 第 21 / 29 段