die auf die Geistlichen und Beichtväter gefolgt waren, hatte Johan in
ihren praktischen Kenntnissen vom Menschenleben die Höhe menschlicher
Weisheit gesehen. Ein Weiser werden, der die Rätsel des Lebens
versteht, das war augenblicklich sein Traum. Augenblicklich, denn
er wollte eigentlich keine bestimmte Laufbahn einschlagen, auf der
er in die Gesellschaft eingeordnet würde. Nicht etwa aus Furcht vor
Arbeit, denn er arbeitete mit Leidenschaft und litt unter Müßiggang.
Er wollte sich aber nicht in die Listen der Gesellschaft einschreiben
lassen, keine Nummer werden, kein Zahnrad, keine Schraubenmutter. Er
konnte nicht gezähmt werden. Er wollte draußen stehen und betrachten,
lehren und verkünden. Die Laufbahn des Arztes war in gewissem Sinne
frei. Er war nicht Beamter, hatte keine Vorgesetzte, saß auf keinem
Dienstzimmer, war nicht an den Glockenschlag gebunden. Das war ja
ziemlich verlockend, und Johan wurde gelockt. Aber wie sollte das
zugehen? Acht Jahre Studium!
Daran hatte der freundliche Mann auch gedacht.
--Wohnen Sie bei uns in der Stadt und unterrichten Sie meine Knaben.
Das war ja ein reines Geschäft, eine Stellung und keine demütigende
Wohltätigkeit. Aber die Schule? Seinen Posten aufgeben?
-- Das ist nicht Ihr Platz, schnitt der Doktor ab. Jeder soll nach
seinen Gaben wirken. Ihre Gaben können nicht in der Volksschule wirken,
wo sie den Unterricht, wie ihn die Schulbehörde verlangt, geben sollen.
Das fand Johan vernünftig, aber die Mönchslehre war ihm so in Fleisch
und Blut übergegangen, daß er einen Stachel im Herzen fühlte. Er wollte
so gern aus der Volksschule fort, aber ein sonderbares Pflichtgefühl
hielt ihn zurück. Daß man ihm Ehrgeiz, einen so menschlichen Trieb,
vorwerfen könnte, erregte seine Scham. Und seine Stellung, die war ihm,
dem Sohn der Magd, dort unten angewiesen. Aber der Vater hatte ihn ja
hinaufgezogen, buchstäblich hinaufgezogen: warum sollte er denn wieder
hinunter, um dort unten Wurzel zu fassen?
Er kämpfte einen kurzen, blutigen Kampf; dann nahm er das Anerbieten
mit Dank an und verabschiedete sich von der Schule.
13.
+Der Arzt.+
(1868)
Bei den Heimatlosen, den Israeliten, fand Johan jetzt sein neues
Heim. Sofort schlug ihm eine neue Luft entgegen. Keine Erinnerung ans
Christentum. Man quälte weder sich selbst noch andere. Kein Tischgebet,
kein Kirchenbesuch, kein Katechismus. Was wollen die, welche an die
Bedeutung des Christentums in der Entwicklung glauben, von einem Volke
sagen, das zweitausend Jahre der Weltgeschichte ohne Christentum
gelebt und sich zu einer solchen Kulturhöhe wie die andern erhoben
hat, daß es beinahe vollständig in die christliche Gesellschaft hat
aufgehen können? Sollte vielleicht die europäische „Weltgeschichte‟
das Christentum entbehren können: Kirchenversammlungen, Päpste,
Inquisition, Dreißigjährigen Krieg, Luther entbehren können?
Sollte vielleicht das Christentum ganz einfach eine Periode der
Vermenschlichung gewesen sein, die eintreten mußte und nur mit der
Entstehung der Kirche zusammenfiel, aber nicht von ihr abhängig war?
Der Mohammedaner und der Buddhist können ja ebenso human sein wie
der Christ, trotzdem die ersten den letzten nur treffen, wenn von
Menschlichkeit keine Rede ist: nämlich in Kriegszeit.
Hier ist gut sein, dachte Johan; das sind befreite Menschen, die aus
den Kulturen aller Länder das Beste geholt haben, ohne das Schlechte
haben mitnehmen zu müssen. Sie waren viel auf Reisen gewesen, hatten
Verwandte im Ausland, sprachen alle Sprachen, empfingen Ausländer
im Hause. Alle großen und kleinen Angelegenheiten des Landes wurden
besprochen und mit den ausländischen Originalen verglichen; dadurch
bekam man einen größeren Gesichtskreis und konnte das Vaterländische
richtiger einschätzen.
Die patriarchalische Leitung der Familie hatte nicht die Form von
Familientyrannei angenommen; im Gegenteil behandelten die Kinder ihre
Eltern mehr wie ihresgleichen, und die Eltern waren zärtlich, ohne
kleinlich zu sein. In einen unfreundlichen Weltteil verschlagen, von
halben Feinden umgeben, suchten die Mitglieder der Familie Schutz
beieinander und hielten zusammen. Ohne Vaterland sein, was man für
so schwer hält, hat den Vorteil, daß die Intelligenz immer am Leben
erhalten wird. Unaufhörliche Wachsamkeit, beständige Beobachtung,
neue und reiche Erfahrungen bieten sich dem Wandernden, während der
Stillsitzende träge wird und sich auf andere verläßt.
Die Kinder Israel nehmen eine eigentümliche Ausnahmestellung in
sozialer Hinsicht ein. Sie haben die Messiasverheißung vergessen
und glauben nicht daran. In den meisten Ländern Europas sind sie
Mittelklasse geblieben. Unterklasse zu werden, war ihnen wohl
verweigert, wenn auch nicht in der Ausdehnung, wie man gewöhnlich
glaubt. Oberklasse zu werden, ebenfalls. Darum fühlen sie sich nicht
verwandt mit der Unterklasse und auch nicht mit der Oberklasse. Sie
sind Aristokraten aus Gewohnheit und Neigung, haben aber dasselbe
Interesse wie die Unterklasse: nämlich den Stein, der oben liegt und
drückt, abzuheben. Aber sie fürchten den Proletarier, denn der ist
religiös verdummt und liebt die Reichen nicht. Darum fliehen die Kinder
Abrahams lieber nach oben, als daß sie unten Sympathie suchen.
Zu dieser Zeit, 1868, begann man die Frage, wie weit sich die Rechte
der Juden erstrecken, zu erörtern. Alle Liberalen stimmten dafür. Damit
dankte das Christentum ab. Taufe, Trauung, Konfirmation, Kirche, alles
wurde unnötig für den Bürger einer christlichen Gemeinschaft. Solche
scheinbar kleinen Reformen wirken auf den Staat wie der Tropfen auf den
Felsen.
Es herrschte deshalb eine fröhliche Stimmung in der Familie, da die
Zukunft der Söhne nun heller zu werden schien, als die des Vaters
gewesen war, dessen akademische Laufbahn die Gesetzgebung einmal
gehindert hatte.
Ein freigebiger Tisch wurde im Hause gehalten; alles war von bester
Ware und in reichlicher Menge. Die Dienstboten hielten haus und hatten
freie Hände in allem; wurden niemals als Dienstboten behandelt. Das
Hausmädchen war Pietistin, durfte es sein, soviel sie wollte. Sie hatte
eine gute und humoristische Natur und scherzte, unlogisch genug, mit
dem im Hause herrschenden frohen Heidentum. Niemand scherzte dagegen
mit ihrem Glauben. Johan selber wurde bald als vertrauter Freund, bald
als Kind behandelt; er wohnte mit den Knaben zusammen. Sein Dienst war
leicht. Es lag dem Vater mehr daran, daß er den Kindern Gesellschaft
leiste, als daß er sie unterrichte. Er wurde hier etwas „verwöhnt‟, wie
man zu sagen pflegt, mit der gewöhnlichen Auffassung, daß die Jugend
zurückgesetzt werden müsse. Erst neunzehn Jahre alt, wurde er als einer
ihresgleichen unter bekannte und reife Künstler, Ärzte, Schriftsteller,
Beamte aufgenommen. Er begann sich für erwachsen zu halten, und die
Rückschläge wurden darum desto härter.
Seine medizinische Laufbahn begann mit chemischen Versuchen auf der
Technischen Hochschule. Da bekam er die erträumten Herrlichkeiten
seiner Kindheit aus nächster Nähe zu sehen. Aber wie trocken und
langweilig waren die Wurzeln der Wissenschaft! Säuren auf Salze gießen
und sehen, wie die Lösung ihre Farbe ändert, das war nicht angenehm.
Aus einigen Lösungen Salze hervorbringen, nicht sehr interessant.
Später, als die Analyse kam, begann das Geheimnisvolle. Einen Becher,
so groß wie ein Punschglas, mit einer wasserklaren Flüssigkeit füllen
und dann auf dem Filter die vielleicht zwanzig Stoffe, die sie enthält,
vorzeigen, das hieß doch etwas in die Geheimnisse eindringen.
Wenn er allein im Laboratorium war, machte er kleine Versuche auf
eigene Faust. So stellte er sich unter ziemlich großer Gefahr eine
kleine Flasche mit Blausäure her. Die zu haben, war ein merkwürdig
angenehmes Gefühl. Der Tod, in wenigen Tropfen unter einem Glaspfropfen
eingeschlossen.
Gleichzeitig beginnt er die Studien in Zoologie, Anatomie, Botanik,
Physik, Latein. Noch mehr Latein! Lesen, sich eine Übersicht schaffen,
den Stoff bezwingen, das ging; aber auswendig lernen, das war ihm
zuwider. Der Kopf war schon mit so vielen Dingen erfüllt, daß noch mehr
nur schwer hineinging. Aber es mußte.
Schlimmer war es, daß soviel anderes jetzt mit der Medizin zu
konkurrieren anfing. Das Dramatische Theater lag einen Steinwurf
von Hause entfernt; dorthin ging er einige Male in der Woche auf
den dritten Rang, Stehplatz. Von dort sah er jetzt die elegante und
heitere Welt der französischen Komödie, die man auf Brüsseler Teppich
spielte. Diese leichte gallische Natur, die der schwermütige Schwede
als sein fehlendes Komplement bewundert, nahm ihn gefangen. Welches
Gleichgewicht, welche Widerstandskraft gegen die Schicksalsschläge
besaß doch dieses Volk eines südlicheren, sonnigeren Landes! Seine
Gedanken wurden noch schwerer, als er seinen germanischen „Weltschmerz‟
fühlte, der einen solchen Flor über alles breitete, daß hundertjährige
französische Erziehung ihn nicht hatte fortblasen können. Er wußte aber
nicht, daß das Bühnenleben der Pariser nicht das Leben ist, das der
emsige und sparsame Pariser hinter dem Pult oder dem Ladentisch führt.
Die französische Komödie war für die reichen Emporkömmlinge des zweiten
Kaisertums geschrieben: Politik und Religion standen unter Zensur,
aber nicht Moral. Sie war aristokratisch, wirkte aber befreiend, indem
sie die Wirklichkeit packte, wenn sie auch nicht unter Marquis und
Kaufleute hinunterstieg. Sie gewöhnte die Zuschauer daran, sich in
dieser feinen Welt heimisch zu fühlen; man vergaß dabei die andere
niedrigere Welt, und wenn man aus dem Theater kam, glaubte man, auf
Souper bei seinem Freunde dem Herzog gewesen zu sein.
Der Zufall wollte auch, daß die Frau Doktor eine gute Bibliothek mit
der schönen Literatur der ganzen Welt besaß. Das war ein Schatz! Und
der Doktor besaß eine Galerie schwedischer Meister und eine wertvolle
Sammlung Kupferstiche.
Die Ästhetik, die jetzt ungehemmt blühte, brach ins Leben und sogar
in die Schule ein, in der literarische Vereine Vortrag hielten. In
der Familie sprach man so viel von Gemälden und Künstlern, Dramen und
Schauspielern, Büchern und Dichtern, daß der Doktor sich oft veranlaßt
sah, das Gespräch mit einer starken Dosis aus seiner Praxis zu würzen.
Jetzt beginnt Johan auch Zeitungen zu lesen. Das politische und soziale
Leben mit seinen mannigfaltigen Fragen offenbart sich ihm, stößt ihn
aber zuerst zurück, da er Ästhet und Familienegoist geworden ist. Die
Politik gehe ihn nichts an, dachte er; das sei eine Fachwissenschaft
wie alle andern.
Seinen Unterricht bei den beiden Mädchen setzte er fort, auch
verkehrte er weiter in ihrer Familie. Außer dem Hause verkehrte er
mit erwachsenen Verwandten, die Kaufleute waren, und deren Bekannten.
Sein Kreis war also ausgedehnt; er sah das Leben nicht von einem
Gesichtspunkt. Aber diese unaufhörliche Beschäftigung mit Kindern muß
ihn niedergehalten haben. Er fühlte nicht, daß er älter wurde; und er
konnte die Jugend nicht überlegen behandeln. Er merkte jetzt schon,
daß die Jungen ihm voraus waren; daß sie mit neuen Gedanken geboren
wurden; daß sie dort weiter bauten, wo er aufgehört hatte. Wenn er
später erwachsene Schüler traf, sah er beinahe zu ihnen auf, als seien
sie älter. Sie schienen ihn überholt zu haben, wenn sich auch die
Gesichtstäuschung dahin auflöste, daß sie sich selber überholt hatten,
wie er sie früher gesehen.
* * * * *
Der Herbst 1868 war da. In den Folgen der neuen Staatsverfassung hatte
man sich so verrechnet, daß man mißvergnügt war. Die Gesellschaft war
auf den Kopf gestellt. Die Bauern bedrohten Stadt und Kultur, und die
Erbitterung war allgemein.
Ist das letzte Wort schon gesagt von der Bauernpartei? Wahrscheinlich
nicht. Sie begann äußerst demokratisch reformatorisch, und ihr Angriff
auf die Zivilliste war das Kühnste, was man gesehen hatte. Das
bedeutete, auf gesetzlichem Wege die Monarchie stürzen. Bewilligte der
Reichstag so wenig Geld, daß sich der König verletzt fühlte, dann ging
er. Das war ebenso einfach als genial.
In einer Zeit, die das Recht der Mehrheit verkündet, hätte man nicht
erwartet, daß das Vorgehen der Bauern auf Widerstand stoßen werde.
Schweden war ein Bauernreich, denn die Landbevölkerung bestand aus
vier Millionen; bei einer Volksmenge von viereinhalb Millionen ist
das wohl die Mehrheit. Sollte nun die halbe die vier regieren oder
umgekehrt? Das letzte scheint billiger zu sein. Nun sprechen natürlich
die Städter von der Selbstsucht und Tyrannei der Bauern. Aber haben
denn die Arbeiter auf ihrem Programm einen einzigen Punkt, der die
Lage der Bauern, Instleute und Kätner verbessern will? War nicht
ihre Selbstsucht größer, als sie den Brotpreis der vierzehn Prozent
gegen das ganze Gewerbe und Dasein der sechsundachtzig Prozent durch
Schutzzölle schützen wollten? Wie dumm, von Selbstsucht zu sprechen, da
ja jeder einzige dem Ganzen nützen soll, wenn er sich selber nützt!
Jetzt, 1868, entdeckten die Mißvergnügten eine Partei, die der
gesetzlichen und löblichen Mehrheit gegenübergestellt werden sollte und
die alle gründlichen Reformen auf ihr Programm schrieb. Das war die
neuliberale Partei, die meist aus Schriftstellern bestand, dann aus
einigen Handwerkern, einem Professor und andern. Diese Partei wieder
erweckte die städtischen Industriearbeiter als einen neuentdeckten
Stand. Mit dieser Handvoll Personen, die nicht die größeren und
wichtigeren Interessen des Grundbesitzes hatten, deren Stellung so
wenig gesichert war, daß eine Teuerung sie zu Proletariern machen
konnte, sollte jetzt die Gesellschaft umgeschaffen werden. Was wußten
die Arbeiter von der Gesellschaft? Wie wollten sie die haben? Zu ihren
Gunsten sollte sie umgeschaffen werden, wenn auch der Bauernstand
draufging! Aber das hieß sich die Beine absägen, denn Schweden ist
kein exportierendes Industrieland. Daher würden die vier Millionen
Kunden auf dem Lande im selben Augenblick, in dem sich ihre Kaufkraft
verringerte, ohne es zu wollen, die Industrie ruinieren und die
Arbeiter auf die Straße setzen. Daß die Arbeiter vorwärts kommen, ist
eine Notwendigkeit; aber alle Menschen, wie die Industriesozialisten es
fordern, zu Industriearbeitern machen wollen, ist viel unvernünftiger,
als alle Menschen zu Bauern machen, wie die Bauernsozialisten
beabsichtigen. Das Kapital, das die Arbeiter jetzt angreifen, ist doch
wohl das Fundament der Industrie; rührt man das an, so stürzt die
Industrie zusammen; dann müssen die Arbeiter zurück, woher sie gekommen
sind und noch täglich kommen -- aufs Land.
Noch war die Bauernpartei nicht verdorben durch den Verkehr mit feinen
Herren; war weder konservativ geworden noch machte Kompromisse.
Der Krieg schien zwischen Land und Stadt auszubrechen. Jedenfalls
war Gewitter in der Luft. Die kleinste Veranlassung konnte Blitze
hervorbringen, wenn sie auch nur von Bärlappsamen waren.
Die Hauptstadt mit ihrem hohen Interesse für die Kultur wollte Karl
XII. eine Statue errichten. Warum? War dieser letzte Ritter des
Mittelalters das Ideal der Zeit? War das Idol von Gustav IV. Adolf und
Karl XII. ein Ausdruck für die neue unkriegerische Zeit geworden, die
begann? War es ein Echo von der Zeit des Skandinavismus, da Er selbst
in höchsteigener Person den sterbenden Kriegsruhm Schwedens neu beleben
wollte? Oder ging das Ganze, wie es so oft geschieht, vom Atelier
des Bildhauers aus? Wer weiß? Das Standbild war fertig und sollte
enthüllt werden. Tribünen für die Zuschauer wurden errichtet, aber so
ungeschickt, daß die Feier von der Volksmenge nicht gesehen werden
konnte, während der abgesperrte Raum nur den Hof und die Eingeladenen,
die Sänger und die Gehilfen faßte. Da das Volk auch zum Denkmal
gesammelt hatte, glaubten alle das Recht aufs Schauen zu haben. Die
Tribünen machten böses Blut. Man schrieb in den Zeitungen, reichte eine
Bittschrift ein, daß die Tribünen abgebrochen würden; die Antwort war
aber nein. Das Volk sammelte sich, um die Tribünen niederzureißen; da
aber zog Militär auf.
Der Doktor gab ein Diner für die italienische Operngesellschaft. Man
war vom Nachtisch aufgestanden, als Laute von der Straße zu hören
waren. Zuerst klang's wie Regen, der auf ein Blechdach fällt, dann
war deutlich das Massengeschrei zu hören. Johan horchte auf. Es war
nichts mehr zu hören. Die Weingläser klangen zwischen italienischen und
französischen Phrasen, die über den Tisch hin und her geworfen wurden;
Lachen schallte und Witze hagelten; die Fischgesellschaft hörte sich
selber kaum. Da aber drang ein Brüllen von der Straße herauf, gleich
danach Pferdegetrappel, Gerassel von Waffen und Sattelzeug. Einen
Augenblick wurde es still, der eine und der andere erbleichte.
-- Was ist das? fragte die Primadonna.
-- Das Pack lärmt, antwortete ein Professor.
Johan stand vom Tische auf, ging in sein Zimmer, nahm Hut und Mantel
und eilte hinaus. Das Pack! klang's in seinen Ohren, während er die
Straße hinunterging. Das Pack! Das waren die früheren Klassengenossen
seiner Mutter, das waren seine Schulkameraden und dann seine Schüler;
das war dieser dunkle Hintergrund, auf dem die hellen Gemälde dort
oben wirken konnten. Er hatte wieder dieses Gefühl, als sei er
desertiert; habe unrecht getan, sich in die Höhe zu arbeiten. Aber
er mußte doch erst in die Höhe kommen, um für die in der Tiefe etwas
ausrichten zu können. Ja, so hatten viele gesprochen: waren sie aber
erst hinaufgekommen, hatte es ihnen so gut dort oben gefallen, daß
sie die dort unten vergaßen. Diese Reiter zum Beispiel, die aus den
allerdunkelsten Löchern gekrochen waren, wie brüsteten die sich! Mit
welchem ungemischten Vergnügen hieben sie auf ihre Kameraden ein;
wenn man auch zugeben mußte, daß sie noch lieber die schwarzen Hüte
niedergehauen hätten.
Er ging weiter und kam auf den Markt, wo das neue Denkmal stand. Die
Tribünen hoben sich vom Abendhimmel ab wie riesige Marktbuden, und
unten um sie wimmelte es von Menschen. Aus der Mündung der Straße war
Pferdegetrappel zu hören, ein kurzer Schritt nur. Und dort kamen sie
angeritten, die blauen Gardereiter, die Stützen der Gesellschaft, auf
die sich die Oberen verließen. Johan wurde von einem rasenden Verlangen
ergriffen, dieser Masse Pferde, Menschen, Säbel entgegenzugehen, als
sähe er in ihnen den ganzen Druck verkörpert. Das war der Feind! Also
los auf ihn. Die Truppe reitet weiter, und Johan stellt sich mitten auf
die Straße.
Woher hatte er seinen Haß gegen die Aufrechterhalter der Ordnung, die
einst ihn und seine Rechte verteidigen würden, nachdem er emporgekommen
und auf die andern drückte? Wenn diese Volksmenge, mit der er sich
jetzt solidarisch fühlte, freie Hände bekommen, hätte sie vielleicht
den ersten Stein durch das Fenster geworfen, hinter dem er eben mit
vier Weingläsern gesessen. Gewiß, aber das hinderte doch nicht, daß er
ihre Partei ergriff; man sieht ja oft, wie die Oberklasse, allerdings
inkonsequent, Partei gegen die Polizei ergreift. Diese abstrakte
Freiheitsmanie ist wohl eigentlich des Naturmenschen ewiger kleiner
Aufruhr gegen die Gesellschaft.
Er geht der Reiterei entgegen, mit einer dunkeln Absicht, sie alle zu
Boden zu schlagen, als ihn glücklicherweise jemand beim Arm packt,
kräftig, aber freundlich. Man bringt ihn wieder nach Haus zum Doktor,
der jemanden ausgesandt hat, um ihn zu suchen. Nachdem er sein
Ehrenwort gegeben, diesen Abend nicht mehr hinauszugehen, sinkt er auf
ein Sofa nieder und fällt in Fieber.
Am Tage der Enthüllung sang er unter den Studenten mit, befand sich
also unter den Auserwählten, den „oberen Zehntausend‟, und hatte allen
Grund, für sein Teil zufrieden zu sein.
Als die Feier beendet war, stürmte das Volk vor. Die Polizei drängte es
zurück. Da aber begann das Volk mit Steinen zu werfen. Die Schutzleute
zogen ihre Säbel und hieben ein, verhafteten und mißhandelten.
Johan war auf den Platz vor der Jakobikirche gekommen, als ein
Kommissär auf einen Kerl einhieb, während es Steine regnete und den
Schutzleuten die Helme abgeschlagen wurden. Ohne zu zögern, sprang er
auf den Polizisten los, packte ihn beim Kragen, schüttelte ihn und
schrie:
-- Lassen Sie den Mann los!
Der Kommissär blickte bestürzt auf den Angreifer.
-- Wer sind Sie? fragte er zögernd.
-- Ich bin der Satan, und ich werde Sie holen, wenn Sie den Mann nicht
loslassen.
Jener ließ wirklich los, aber nur, um Johan zu packen. In diesem
Augenblick schlug ihm ein Stein seinen dreikantigen Hut herunter. Johan
riß sich los.
Mit Bajonetten wurde jetzt die Volksmasse nach der Wache getrieben,
die sich auf dem Gustav-Adolf-Platze befand. Hinterdrein folgten viele
Menschen, Herren aus höheren Gesellschaftsklassen, wild, schreiend; wie
es schien, fest entschlossen, die Gefangenen zu befreien. Johan lief
mit. Es war, als habe ein Sturmwind sie vorwärts geführt. Menschen, die
durchaus nicht belästigt, nicht zurückgedrängt worden waren, die eine
hohe Stellung in der Gesellschaft einnahmen, stürzten blind vorwärts,
setzten Stellung, Familienglück, Brot, alles aufs Spiel. Johan fühlte,
wie eine Hand seine faßte. Er drückte sie ebenfalls und sah neben sich
einen fein gekleideten Herrn mittleren Alters, dessen Züge verzerrt
waren. Sie kannten einander nicht, sie sprachen nicht miteinander, aber
sie liefen Hand in Hand wie zwei, die von dem gleichen Geist ergriffen
sind. Sie stießen auf einen Dritten. Johan kannte einen Schulkameraden
wieder, der schon Beamter war, den Sohn eines Ministers. Dieser junge
Mann hatte die Opposition in der Schule niemals mitgemacht, galt im
Gegenteil für einen Reaktionär, der eine Zukunft vor sich habe. Er
war jetzt weiß im Gesicht wie eine Leiche, die Wangen waren von Blut
geleert, die Muskeln lagen dicht am Schädel: er glich einem Totenkopf,
in dem zwei Augen brannten. Die drei konnten nicht sprechen, aber sie
faßten sich gegenseitig bei den Händen und liefen auf die Wache zu,
die gestürmt werden sollte. Die Flutwoge stürmte vorwärts, vorwärts,
bis sie sich, wie immer, an den Bajonetten brach, um sich in Schaum
aufzulösen.
Eine halbe Stunde später saß Johan mit einigen Studenten bei einem
Beefsteak im Opernkeller. Er erzählte sein Abenteuer als etwas, das
außerhalb von ihm und ohne seinen Willen geschehen sei. Ja, er scherzte
darüber. Das konnte Feigheit gegenüber der öffentlichen Meinung sein;
aber auch ganz einfach, daß er seinen Ausbruch objektivierte, ihn
jetzt in Ruhe als Mensch der Gesellschaft beurteilte. Die Luke war
einen Augenblick geöffnet worden, der Gefangene hatte seinen Kopf
herausgesteckt, dann flog die Luke wieder zu.
Sein unbekannter Mitschuldiger war, wie er später entdeckte, ein
durchaus konservativ gesinnter Großkaufmann. Der wich nun Johans
Blicken aus, wenn sie sich trafen. Einmal stießen sie auf einem
Trottoir zusammen und mußten einander ansehen. Sie lächelten nicht.
Während sie im Opernkeller saßen, kam die Nachricht vom Tode des
Dramatikers Blanche. Die Studenten nahmen sie ziemlich kühl auf.
Künstler und Bürger wärmer. Aber die Unterklasse sprach von Mord. Sie
wußte, daß er wegen der Tribünen persönlich beim König vorstellig
geworden war. Sie wußte, daß er immer, obwohl er alles Gute dieser
Welt besaß, an sie dachte, und sie war dankbar. Dumme Menschen wandten
wie gewöhnlich ein: es war keine Kunst von ihm, sich eine Rede für die
Armen zu leisten, da er reich und gefeiert war. War es keine Kunst? Die
größte Kunst!
Eigentümlich war, daß sich die ganze Unzufriedenheit gegen den
Oberstatthalter und die Polizei entlud, nicht wie sonst gegen den
König. Karl XV. war eine Persona grata; er durfte tun, was er wollte,
ohne unpopulär zu werden. Er war nicht herablassend oder demokratisch,
eher hochfahrend. So erzählte man sich Geschichten, daß Günstlinge in
Ungnade gefallen seien, weil sie bei frohem Gelage den Respekt außer
acht gelassen. Er konnte Soldaten Tabak in den Mund stecken, aber er
beschimpfte Offiziere, die seinen Launen nicht sofort gehorchten.
Bei Feuersbrünsten teilte er Ohrfeigen aus. Lachte nicht, wenn er
im Witzblatt karikiert wurde, wie man annahm. Er war der Herrscher
und glaubte sowohl Krieger wie Staatsmann zu sein. Griff selber in
die Regierung ein, konnte Fachmänner anschnauzen: „das verstehst du
nicht.‟ Aber er war populär und blieb es. Der Schwede, der darunter
zu leiden scheint, wenn ein Wille versagt, bewunderte diesen Willen
und beugte sich vor ihm. Eigentümlich war auch, daß der Schwede ihm
sein unregelmäßiges Leben verzieh, vielleicht, weil er kein Geheimnis
daraus machte. Er hatte sich seine eigene Moral geschrieben, und nach
der lebte er. Daher besaß er Harmonie, und Harmonie ist immer ein
angenehmer Anblick.