Das Deklamieren war Ausgang der 1860er Jahre sehr in Mode gekommen.

In den Familien las man Runebergs Tragödie „Die Könige von Salamis‟

vor; auf Konzerten, die damals zahlreich, besonders von Scharfschützen

veranstaltet wurden, deklamierte man. Und beinahe immer dieselben

Stücke! „Asenzeit‟, „Milchstraße‟. Sehlstedt und so weiter. Die

Deklamation war im Begriff zu werden, was der Quartettgesang gewesen:

ein Abfluß all der Begeisterung, der hoffnungsvollen Freude, die auf

die nationale Erweckung von 1865 gefolgt war. Da der Schwede weder

geborener noch erzogener Redner ist, wurde er Sänger und Deklamator;

vielleicht auch weil sein Mangel an Originalität den fertigen Ausdruck

suchen muß. Ausführend, aber nicht schöpferisch.

Der gleiche Mangel an Eigenem zeigte sich auch im Junggesellenleben, in

dem die Anekdotenerzählung blühte. Diesen schlechten und langweiligen

Zeitvertreib hat man aufgegeben, da man aus den neuen Fragen des Tages

Stoff genug für Gespräch und Erörterung erhält.

Eines Tages kam Johan zu seinem Freunde dem Elementarlehrer hinauf, bei

dem er andere junge Lehrer traf. Als das Gespräch zu stocken anfing,

griff der Freund nach einem Band Schiller, der damals in einer neuen

wohlfeilen Auflage erschienen war und hauptsächlich dieses billigen

Preises wegen gekauft wurde. Er schlug die „Räuber‟ auf und man las.

Johan erhielt Karl Moors Rolle. Die erste Szene des ersten Aktes ist

zwischen dem alten Moor und Franz. Dann kam die zweite Szene. Johan

las: „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in

meinem Plutarch lese von großen Menschen....‟

Johan kannte die „Räuber‟ nicht, hatte sie niemals spielen sehen. Er

las zuerst zerstreut, aber während er las, begann er aufzuleben. Das

waren neue Töne. Seine dunklen Träume waren in Worte umgesetzt, seine

revoltierende Kritik in Druck. Es gab also einen andern Menschen,

und zwar einen großen berühmten Dichter, der den gleichen Ekel vor

der ganzen Schul- und Universitätsbildung empfunden; der lieber

ein Robinson oder Straßenräuber sein, als sich in diese Armee, die

Gesellschaft heißt, einschreiben lassen wollte.

Johan las weiter; die Stimme zitterte, die Wangen wurden heiß, die

Brust arbeitete schwer. „Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit

abgeschmackten Konventionen....‟

Da stand ja alles zu lesen, alles!

-- Und das ist Schiller? rief er aus. Derselbe Schiller, der die elende

Geschichte des Dreißigjährigen Krieges und das zahme Theaterstück

„Wallenstein‟ geschrieben hat, die man in der Schule liest! Ja, es war

derselbe.

Hier war der Aufruhr gepredigt; der Aufruhr gegen Gesetze,

Gesellschaft, Sitten, Religion. Das war die Revolution von 1781,

also acht Jahre vor der großen Revolution. Das war das Programm der

Anarchisten hundert Jahre vor ihrer Zeit, und Karl Moor war der

Nihilist. Das Drama erschien mit einem Löwen auf dem Titel und dem

Motto: „In Tyrannos‟. Der Dichter, damals zweiundzwanzig, mußte

fliehen. An der Absicht des Stückes war also nicht zu zweifeln. Es

trug auch ein zweites Motto, aus Hippokrates, das die Absicht ebenso

deutlich zeigt: „Was Arznei nicht heilt, heilt das Eisen; was Eisen

nicht heilt, heilt das Feuer‟.

Ist das nicht deutlich genug? Dann aber war da ein Vorwort, in dem

der Dichter um Entschuldigung bittet und zurücknimmt. Er leugnet,

Franzens Sophismen zu teilen; erklärt, daß er das Laster in Karl habe

strafen wollen. Und dann sagt er über die Religion: „Auch ist jetzt

der große Geschmack, seinen Witz auf Kosten der Religion spielen zu

lassen (wie Voltaire und Friedrich der Große), daß man beinahe für kein

Genie mehr passiert, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren

heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln läßt.... Ich kann hoffen, daß

ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft

habe, wenn ich diese mutwilligen Schriftverächter in der Person meiner

schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.‟

War nun Schiller wahr, als er das Drama schrieb, und falsch, als er das

Vorwort schrieb? Gleich wahr in beiden Fällen, denn der Mensch ist ein

Doppelgänger, tritt bald als Naturmensch, bald als Gesellschaftsmensch

auf. Am Schreibtisch, in der Einsamkeit, als die stillen Buchstaben

niedergeschrieben wurden, scheint Schiller wie andere, besonders junge

Dichter unter dem Einfluß des blinden Spiels der Naturtriebe gearbeitet

zu haben, ohne auf das Urteil der Menschen Rücksicht zu nehmen, ohne

an ein Publikum oder Gesetze und Verfassungen zu denken. Die Hülle

wurde einen Augenblick gehoben, und der Betrug der Gesellschaft in

seiner ganzen Größe durchschaut. Das Schweigen der Nacht, in der die

Arbeit, besonders bei der Jugend, betrieben wird, erinnert nicht an das

lärmende, kunstvoll zusammengesetzte Leben draußen; das Dunkel verhüllt

diese Steinmassen, in die sich schlecht angepaßte Tiere niedergelassen

haben. Dann kommt der Morgen, das Tageslicht, der Straßenlärm, die

Menschen, die Freunde, die Polizei, die Glockenschläge, und der Seher

bebt vor seinen Gedanken. Die öffentliche Meinung erhebt ihr Geschrei,

die Zeitungen schlagen Lärm, die Freunde verlieren sich, es wird einsam

um einen, und ein unwiderstehliches Entsetzen packt den Angreifer der

Gesellschaft. Willst du nicht mit uns sein, sagt die Gesellschaft,

so geh, geh hinaus in den Wald. Bist du ein schlecht angepaßtes Tier

oder ein Wilder, so deportieren wir dich nach einer niedrig stehenden

Gesellschaft, in die du passest.

Und die Gesellschaft hat von ihrem Standpunkt aus recht und bekommt

leider recht. Aber die künftige Gesellschaft feiert den Empörer, den

einzelnen, der eine Verbesserung der Gesellschaft angeregt hat; lange

nach seinem Tode bekommt der Empörer recht.

Im Leben eines jeden wachen Jünglings tritt ein Augenblick ein, gerade

beim Übergang von der Familie zur Gesellschaft, in dem das ganze

künstliche Kulturleben ihn anekelt und er losbricht. Bleibt er dann in

der Gesellschaft, so wird er von allen diesen vereinigten Dämpfern der

Gefühle und des Brotes bald unterdrückt; er wird müde, wird geblendet,

gibt den Kampf auf und überläßt die Fortsetzung andern Jünglingen.

Dieser unbeirrte Blick auf die Dinge, dieser Ausbruch einer gesunden

Natur, der sich notwendigerweise bei dem unverkümmerten jungen Manne

finden muß, der dann von der Gesellschaft getrübt, gedämpft wird, ist

mit einem Namen gestempelt worden, der den Wert der guten Absichten

des Jünglings verringern soll. Man spricht von „Frühlingsflut‟ und

will damit sagen, es sei nichts anderes als eine Kinderkrankheit,

die vorübergeht; eine Saftsteigung, die Blutstockung und Schwindel

hervorruft. Wer weiß, ob der Jüngling nicht richtig sah, ehe die

Gesellschaft ihm die Augen ausstach? Und warum dann den Geblendeten

höhnen?

Schiller mußte in den Staat hineinkriechen und Brotstellen annehmen,

um leben zu können. Sogar das Gnadenbrot von Herzögen essen. Darum

ging es mit seiner Dichtung immer mehr abwärts, wenn auch nicht

aus ästhetischem oder untergeordnetem Gesichtspunkt. Aber seinen

Tyrannenhaß kann er doch nicht verleugnen. Der schlägt jetzt nieder

auf Philipp von Spanien, Doria von Genua, Geßler von Österreich; darum

hören aber die Schläge auf zu wirken. Schillers Opposition, die sich

zuerst gegen die ganze Gesellschaft richtete, richtet sich später

gegen die Monarchie allein. Und er beschließt seine Laufbahn auch mit

diesem Rat an einen Weltverbesserer (jedoch nachdem er auf die große

Revolution die Reaktion hatte folgen sehen):

Nur für Regen und Tau und fürs Wohl der Menschengeschlechter laß du

den Himmel, Freund, sorgen wie gestern so heut.

Der Himmel, der unglückselige alte Himmel sollte dafür sorgen, ebenso

+gut+ wie früher.

Wie man einmal seiner Wehrpflicht genügt im Alter von zwanzig Jahren,

so genügte Schiller seiner. Wie viele haben sich nicht davon gedrückt!

Johan nahm es nicht so genau mit dem Vorwort und dessen Folgerungen

oder sah die nicht; er nahm Karl Moor wörtlich und identifizierte sich

mit ihm, denn der paßte ihm. Er ahmte ihn nicht nach, denn er war ihm

so ähnlich, daß er ihm nicht nachzuäffen brauchte. Ebenso aufsässig,

ebenso schwankend, ebenso unklar; immer bereit, bei Alarm sich den

Händen der Gerechtigkeit zu überliefern.

Der Lebensüberdruß wurde noch größer; er begann Pläne zu entwerfen, wie

er aus der geordneten Gesellschaft fliehen könne. Einmal war er darauf

verfallen, nach Algier zu reisen und in die Fremdenlegion einzutreten.

Es wäre schön, dachte er, in der Wüste leben zu können, in einem

Zelt, auf halbwilde Volksstämme schießen und vielleicht erschossen

werden. Diese Unruhe und dieser Lebensekel rührten nicht etwa von der

Unterdrückung seines geschlechtlichen Lebens her, denn jetzt versagte

er seinen Trieben nichts mehr. Es war wohl die Frühlingsflut, die alle

Dämme und Pfahlwerke, die Schule und Elternhaus errichtet hatten,

niederriß.

Zur rechten Stunde aber traten Umstände ein, die ihn für eine Zeit

wieder mit den Verhältnissen aussöhnten. Durch die Empfehlung eines

Freundes wurde ihm die Stelle eines Hauslehrers für zwei Mädchen in

einem reichen und gebildeten Hause angeboten. Die Kinder sollten nach

neuen freisinnigen Methoden erzogen werden, weder ins Mädchenpensionat

gehen noch eine Gouvernante haben. Das war ein wichtiger Beruf,

dem sich Johan nicht gewachsen fühlte. Auch, wandte er ein, ein

Volksschullehrer? Weiß man nicht, daß ich das bin? Gewiß. Und doch? Man

ist liberal in dem Hause! Wie liberal man damals war!

Ein neues Doppelleben begann. Aus der Strafanstalt der Volksschule

mit Katechismus und Biblischer Geschichte, mit Armut, Elend und

Grausamkeit, ging er um ein Uhr, um Mittag zu essen, das er in einer

Viertelstunde verschlang, und war um zwei an Ort und Stelle. Es war

damals das feinste Haus in Stockholm, mit Portier, pompejanischem

Aufgang, bemalten Flurfenstern. In einem schönen großen hellen

Eckzimmer mit Blumen, Vogelbauern, Aquarium sollte er zwei gut

gekleideten, gewaschenen und gekämmten Mädchen, die fröhlich waren und

sich sattgegessen hatten, Unterricht geben. Und zwar sollte er seine

eigenen Gedanken aussprechen dürfen. Der Katechismus war verbannt; man

sollte nur ausgewählte Erzählungen aus der Biblischen Geschichte lesen,

indem man Leben und Lehre des Idealmenschen freisinnig erläuterte, denn

die Kinder sollten nicht konfirmiert, sondern zu neuen Menschen erzogen

werden. Und jetzt wurde Schiller gelesen und für „Wilhelm Tell‟ und das

kleine glückliche Land, „das Land der Freiheit‟, geschwärmt. Man sog

den Saft aus Shakespeares Roheiten, die noch nicht als Unsittlichkeiten

gestempelt waren. Johans gesundes Geschlechtsleben machte, daß er über

die heiklen Stellen in „Julius Caesar‟ frei und offen sprechen und auf

die wißbegierigen Fragen der frischen Kinder nach den Geheimnissen des

Geschlechtslebens bei Pflanzen und Tieren antworten konnte, wenn sie

Naturwissenschaft hatten. Er lehrte sie alles, was er wußte; sprach

mehr, als er fragte; weckte die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bei

ihnen und teilte diese Hoffnung selbst.

Hier bekam er einen Einblick in eine Gesellschaftsklasse, die er

noch nicht kannte: die des gebildeten und reichen Mannes. Da fand er

Freisinn und Mut und Verlangen nach Wahrheit. Unten in der Volksschule

war man feige, konservativ, unwahrhaftig. Wären die Eltern der Kinder,

auch wenn die Schulbehörde es vorschlug, willig gewesen, die Religion

aus der Schule auszuscheiden? Wahrscheinlich nicht! Mußte also die

Aufklärung von oben kommen? Sicherlich; nicht von ganz oben, sondern

von der Republik der Männer der Wissenschaft, welche die Wahrheit

suchten. Johan fühlte auch, daß man oben sitzen mußte, um gehört zu

werden. Also: nach oben streben, oder die Bildung herunterreißen und

die Funken unter alle ausstreuen! Es war wirtschaftliche Unabhängigkeit

nötig, um freisinnig zu sein; eine Stellung, um seine Worte zu Geltung

zu bringen; also auch da Aristokratie.

* * * * *

Es gab damals eine Gruppe junger Ärzte, Gelehrter, Schriftsteller,

Abgeordneter, die eine freisinnige Gesellschaft bildeten, ohne sich

als Verein zu konstituieren. Sie hielten populäre Vorlesungen;

versprachen, keine Orden anzunehmen; hatten freimütige Ansichten über

die Staatskirche, schrieben in Zeitungen. Die bekanntesten Namen

waren: Axel Key, Nordenskiöld, Christian Lovén, Harald Wieselgren,

Hedlund, Viktor Rydberg, Meijerberg, Jolin und mehrere ungenannte. Sie

wirkten für sich im stillen, ohne größeren Lärm zu machen, allerdings

mit einer Ausnahme. Nach der Reaktion von 1872 verblaßten sie, wurden

müde; in eine Partei konnten sie nicht aufgehen; und das war gut, da

die agrarische Partei bereits anfing durch den jährlichen Stockholmer

Aufenthalt und den Besuch bei Hofe korrumpiert zu werden. Jetzt (1886)

gehören sie alle zu der gemäßigt oder vornehm liberalen Partei, soweit

sie nicht zu den Gleichgültigen und Müden übergegangen sind; was ganz

natürlich wäre, nachdem sie so viele Jahre nutzlos gekämpft hatten.

Durch die Familie seiner Schülerinnen kam Johan in äußerliche Berührung

mit dieser Gruppe; sah deren Mitglieder wenigstens aus der Nähe und

hörte sie bei Diners und Soupers sprechen. Manchmal dachte er, das

seien die richtigen Männer, die es machen würden, indem „sie zuerst

aufklären und dann reformieren‟. Hier traf er auch den Leiter der

Volksschule und wunderte sich, ihn unter den Liberalen zu finden. Aber

er hatte ja die Schulbehörde über sich und war so gut wie machtlos.

Bei einem fröhlichen Diner, als Johan kühn geworden, faßte er sich ein

Herz und wollte mit dem Herrn ein verständiges Wort sprechen. Hier,

dachte er, können wir wohl Auguren sein und ein gutes Champagnerlächeln

über alles lächeln. Der Vorgesetzte aber wollte nicht lächeln, sondern

ersuchte ihn, das Gespräch aufzuschieben, bis sie sich in der Schule

treffen würden. Nein, das wollte Johan nicht, denn in der Schule hatten

sie, alle beide, andere Ansichten: darum sprach man jetzt von „etwas

anderm‟. Sowohl Johan wie der Volksschulleiter hatten sich selber

reformiert, durften darum aber nicht andere reformieren; das war nur

eine Posse von dem, der es versprochen hatte.

* * * * *

Die Schulden wuchsen und die Arbeit vermehrte sich. Von acht bis

eins in der Volksschule; Mittag essen und zu den Privatstunden gehen

innerhalb einer halben Stunde; atemlos ankommen, während der Verdauung,

die in Schlaf überzugehen droht; bis vier Unterricht erteilen; dann

nach Hause gehen, um neue Stunden zu geben; am Abend zu den beiden

Schülerinnen zurückkehren; nachts für seine Doktorprüfung arbeiten,

nachdem er zehn Stunden Unterricht erteilt. Das war Überanstrengung.

Der Schüler findet seine Arbeit schwer, aber er ist Wagen, während der

Lehrer Pferd ist. Es ist bestimmt schwerer, Lehrer zu sein als an der

Schraube oder dem Kran einer Maschine zu stehen, und ebenso einförmig.

Das von Arbeit und gestörter Verdauung betäubte Gehirn mußte angeregt

werden, die Kräfte mußten ersetzt werden, und er wählte das nächste und

beste Mittel: in ein Café gehen, ein Glas trinken, eine Weile sitzen.

Es war gut, daß es solche Erfrischungsräume gab, wo junge Leute zu

treffen waren, wo Familienväter sich einen Augenblick bei einer Zeitung

ausruhen oder in einem Geplauder von „etwas anderm‟ sprechen konnten.

Während des folgenden Sommers zog er mit einer Sommerkolonie in den

Tiergarten hinaus. Dort unterrichtete er die beiden Mädchen einige

Stunden allein und einen ganzen Schwarm anderer Kinder außerdem. Es war

ein reicher und abwechselnder Verkehr. Die Kolonie war in drei Lager

geteilt: das gelehrte, das künstlerische, das bürgerliche Lager. Johan

gehörte allen dreien an. Man hat gesagt, die Einsamkeit sei schädlich

für die Entwicklung des Charakters (zum Automaten), und man hat gesagt,

viel Verkehr sei schädlich für die Entwicklung des Charakters. Man kann

alles sagen und alles kann wahr sein; es kommt nur auf den Standpunkt

an. Aber für die Entwicklung einer Seele zu einem reichen, freien

Leben ist viel Verkehr notwendig. Je mehr Menschen man sieht, mit je

mehr Menschen man spricht, desto mehr Gesichtspunkte lernt man kennen,

desto mehr Erfahrungen erwirbt man. Jeder Mensch hat immer ein Korn,

das seine Originalität ist; jeder einzelne hat seine Geschichte. Johan

fühlte sich bei allen wohl. Er sprach gelehrte Dinge mit den Gelehrten,

über Kunst und Literatur mit den Künstlern, sang Quartette und tanzte

mit der Jugend, unterrichtete die Kinder; botanisierte, segelte,

ruderte, schwamm mit ihnen. Wenn er aber einige Zeit im Gewimmel

gewesen war, zog er sich in die Einsamkeit zurück, auf einen Tag oder

mehrere, um seine Eindrücke zu verdauen.

Die sich wirklich vergnügten, waren die Bürger. Sie kamen von ihrer

Arbeit in der Stadt, warfen ihre Bürde ab und spielten am Abend. Alte

Großkaufleute warfen Ring, tanzten, spielten Spiele, sangen wie

Kinder. Die Gelehrten und Künstler saßen auf Stühlen, sprachen von

ihrer Arbeit, wurden von ihren Gedanken wie vom Alp geritten, sahen

nie wirklich glücklich aus. Sie konnten sich nicht von der Tyrannei

der Gedanken befreien. Die Bürger hatten sich auch ein kleines

grünes Gärtchen in ihrem Herzen bewahrt, das weder Gewinnsucht noch

Spekulation noch Konkurrenz abbrennen konnte. Etwas Gefühlvolles und

Herzliches war ihnen geblieben, das Johan Natur nennen wollte. Sie

konnten lachen wie Narren, schreien wie Wilde, gelegentlich sich leicht

rühren lassen. Sie weinten auch über das Unglück oder den Tod eines

Freundes, umarmten sich in den Augenblicken der Entzückung, konnten

über einen schönen Sonnenuntergang hingerissen sein. Die Professoren

saßen auf Stühlen und sahen die Landschaft nicht, weil sie eine Brille

trugen; ihre Blicke waren nach innen gerichtet, und ihre Gefühle

zeigten sie nie. Ihr Gespräch bestand aus Schlüssen und Formeln; ihr

Lachen war bitter; bei all ihrer Gelehrsamkeit schienen sie Marionetten

zu sein. Ist das etwa ein höherer Standpunkt? Ist es nicht ein Mangel,

ein ganzes Gebiet des Seelenlebens brachgelegt zu haben?

Mit dem dritten Lager wurde Johan jedoch am intimsten. Das war ein

kleiner Kreis, der aus der Familie eines Arztes und dessen Verkehr

bestand. Da sang der berühmte Tenor W., während Professor M. ihn

begleitete; da spielte und sang der Komponist J.; da sprach der alte

Professor P. von seinen römischen Reisen mit Malern vom alten Stamm.

Hier war Gefühlsleben in reichem, aber künstlerischen Maße. Man genoß

den Sonnenuntergang, aber man analysierte die Lichtwirkung und die

Schlagschatten, sprach von Linien und Werten. Die geräuschvolleren

Vergnügungen der Großkaufleute wurden als störend empfunden und

ihr Spiel als unkünstlerisch. Für die Kunst, das schöne Spiel,

schwärmte man hier. Johan fühlte sich einige Stunden wohl unter

diesen liebenswürdigen Menschen; wenn er aber von der Villa nebenan

Quartettgesang und Tanzmusik hörte, verlangte er dorthin; da war es

bestimmt lustiger.

In einsamen Stunden las er; jetzt erst schloß er wirkliche

Bekanntschaft mit Byron. „Don Juan‟, den er schon kannte, hatte

er nur leichtsinnig gefunden. Der handelte von nichts, und die

Naturschilderungen waren unerträglich lang. Das sind nur Abenteuer

oder Anekdoten, dachte er. In „Manfred‟ machte er von neuem die

Bekanntschaft mit Karl Moor, wenn auch in anderer Tracht. Manfred

war kein Menschenhasser; er haßte mehr sein Ich und ging in die

Alpen, um sich selber zu fliehen, fand sich aber immer neben sich mit

seinem Verbrechen; Johan begriff sofort den Gedanken, daß Manfred

in verbrecherischem Verhältnis zu seiner Schwester steht. Heute

glaubt man, Byron habe dieses Verbrechen, das in Wirklichkeit nicht

vorhanden war, durchschimmern lassen, um sich interessant zu machen.

Interessant sein wie die Romantiker, zu welchem Preis auch immer,

würde man jetzt (1886) übersetzen mit: sich von andern unterscheiden,

über die andern hinausstreben. (Dieses ewige Streben!) Das Verbrechen

galt für ein Zeichen von Kraft; darum wollte man mit einem Verbrechen

prahlen können, aber mit einem, das nicht bestraft wurde; mit Polizei

und Gefängnis wollte man nichts zu tun haben. Es lag wohl auch etwas

von Opposition gegen Gesetz und Moral in dieser Prahlerei mit einem

Verbrechen.

Manfred gefiel Johan, weil er mit dem Himmel und der himmlischen

Regierung unzufrieden ist. Wenn Manfred sein Pfui über die Menschen

ruft, so gilt es wohl der Gesellschaft, aber die Gesellschaft war

noch nicht entdeckt. Keineswegs waren diese, Rousseau und Byron und

die andern, unzufriedene Menschenhasser. Altes Christentum ist die

Forderung, daß man die Menschen lieben soll. Wenn man sagte, man

interessiere sich für sie, wäre das bescheidener und wahrer. Menschen

fürchten kann der wohl tun, der im Kampf überlistet und abgetan ist,

aber hassen kann sie wohl niemand, da sich ja jeder solidarisch mit der

Menschheit fühlt und weiß, daß der Verkehr der größte Genuß des Lebens

ist. Byron war ein Geist, der früher geweckt wurde als die andern und

der theoretisch die Volksmenge seiner Zeit hassen mußte, der aber doch

für aller Wohl kämpfte und duldete.

Als Johan sah, daß die Dichtung in ungereimten Versen geschrieben war,

begann er sie zu übersetzen; kam aber nicht weit, da er von neuem

entdeckte, daß er keine Verse schreiben konnte. Er war nicht berufen.

Bald schwermütig, bald mutwillig, empfand er oft ein unwiderstehliches

Verlangen, im Rausch das brennende Feuer des Gedankens zu löschen und

das Gehirn in seinem Laufe anhalten zu lassen. Von Natur schüchtern,

fühlte er sich zuweilen getrieben, vorzutreten, aus sich etwas zu

machen, Zuhörer zu sammeln, aufzutreten. Wenn er viel getrunken hatte,

wollte er deklamieren. Große Gedichte, feierliche. Aber mitten im

Vortrag, wenn die Ekstase am größten war, hörte er seine eigene Stimme,

wurde schüchtern, verlegen, fand sich lächerlich und schlug plötzlich

um, ging in einen niedrigeren Ton über, geriet ins Komische hinein, um

mit einer Grimasse zu enden. Er hatte Pathos, aber nur für eine Weile;

dann kam die Selbstkritik, und er lachte über seine übertriebenen

Gefühle. Die Romantik lag im Blut, aber die nüchterne Wirklichkeit war

im Begriff zu erwachen.

Auch Anfälle von Launen und Selbstquälerei verfolgten ihn. So blieb

er von einem Mittagessen fort, zu dem er geladen war, lag auf seinem

Zimmer und hungerte bis zum Abend. Er schob die Schuld darauf, daß er

sich verschlafen.

Der Sommer näherte sich seinem Ende und er sah dem Beginn der

Volksschule mit Überdruß und Furcht entgegen. Jetzt war er in Kreisen

gewesen, in denen die Armut nie ihr verheertes Gesicht gezeigt hatte;

jetzt hatte er den lockenden Wein der Bildung gekostet und die Lust,

wieder nüchtern zu werden, verloren.

Seine Schwermut nahm zu, er zog sich auf sich selbst zurück und

verschwand aus dem Verkehrskreis. Aber eines Abends klopfte man an

seine Tür; der alte Arzt, der sein intimster Verkehr gewesen und in

derselben Villa wohnte, trat ein.

-- Wie steht es mit dem Humor? fragte er und setzte sich nieder wie ein

alter väterlicher Freund.

Johan wollte nicht bekennen. Wie sollte er sagen, daß er mit seiner

Stellung unzufrieden war? Wie bekennen, daß er Ehrgeiz habe und es in

der Welt zu etwas bringen wolle?

Aber der Doktor hatte das alles gesehen und verstanden.

-- Sie müssen Arzt werden, sagte er. Das ist eine Tätigkeit, die für

Sie paßt und Sie mit dem Leben in Berührung bringen wird. Sie haben

eine lebhafte Phantasie, aber Sie müssen sich über sich selbst klar

werden, sonst geht es Ihnen schlecht. Sie haben ja Lust für den Beruf?

Nicht wahr? Habe ich recht geraten?

Der Sohn einer Magd · 第 19 / 29 段