Will ein Aufgeklärter aus der Oberklasse dabei helfen, so können die

Unteren dankbar sein, zumal eine solche Hilfe immer der Beschuldigung

unreiner Motive ausgesetzt ist. Die Unterklasse sollte daher die Motive

ihrer Helfer nicht so genau beschnüffeln: das Ergebnis der Handlung

wird immer das gleiche für sie. Das scheint die höchste Oberklasse

eingesehen zu haben: darum hält sie immer den aus der Oberklasse, der

mit der Unterklasse stimmt, für einen Verräter. Er ist ein Verräter

gegen seine Klasse, das ist wahr, das müßte ihm aber die Unterklasse in

Rechnung setzen.

Johan war nicht so sehr Aristokrat, daß er das Wort Pack benutzte

oder die Armen verachtete. Er stand durch seine Mutter in zu naher

Verwandtschaft mit ihnen, aber ihnen war er ein Fremder. Das war

die Schuld der Klassenerziehung. Diese Schuld kann für die Zukunft

aufgehoben werden, wenn die Volksschule reformiert wird, indem man die

bürgerlichen Kenntnisse aufs Programm setzt, und obligatorisch für alle

ist, von der man sich nicht freikaufen kann. Dann wäre es ja keine

Schande mehr, Volksschullehrer zu werden, wie es jetzt tatsächlich

eine ist: sogar als Vorwurf und Beschimpfung wird es benutzt, daß man

Volksschullehrer gewesen ist. Dieser Kummer wäre dann vorüber; daraus

geht hervor, daß die Reformen der Gesetze vorangehen müssen; nachher

werden wir selbst reformiert werden.

Um sich obenzuhalten, verlegte er sich auf seine zukünftige Arbeit.

Jetzt konnte er Bücher kaufen, und er kaufte sie. Mit seiner

italienischen Grammatik, die er zwischen den Stunden auf dem Schulhof

lernte, glaubte er sich gleichsam obenzuhalten. Er war so ehrlich,

daß er diese Bemühungen, hinaufzuklettern, nicht in einen idealen

Durst nach Erkenntnis oder in ein höheres Streben für die Menschheit

umdichtete. Wenn er auch zuweilen von Verzweiflung niedergedrückt

wurde, er bildete sich nicht ein, im Himmel einige gutmütige

Professoren zu treffen. Er studierte für die Doktorprüfung, das war die

Sache.

Aber die schwache Diät in Upsala, das schlechte Mittagessen, die

Milch und das Brot hatten ihm die Kraft genommen; dabei war er in der

genußsüchtigen Zeit der Jugend. Zu Hause war es langweilig, und abends

saß er im Café oder in der Kneipe, wo er Freunde traf. Die starken

Getränke gaben ihm Kraft, und er schlief gut danach.

Dieses Verlangen nach Alkohol scheint regelmäßig im mannbaren Alter

eines jeden Jünglings aufzutreten. Er, wie das ganze Geschlecht,

ist ja von Trinkern geboren, Glied von Glied seit der ältesten

Heidenzeit, als Bier und Meth getrunken wurden: wie sollte da nicht

das Verlangen Bedürfnis werden? Bei Johan war es ein Bedürfnis; wenn er

es unterdrückte, so war die Folge, daß sich seine Kräfte verminderten.

Und fragen kann man, ob die Enthaltsamkeit in Getränken nicht dieselben

Gefahren für uns haben mag, wie für den Arsenikesser der Entschluß, das

Gift nicht mehr zu benutzen. Wahrscheinlich wird die sonst lobenswerte

Bewegung mit Mäßigkeit schließen: das wäre eine wirkliche Tugend und

nicht eine Kraftprobe, die Prahlerei und Selbstgefälligkeit zur Folge

hat.

Johan begann jetzt auch, sich fein zu kleiden, nachdem er bisher nur

abgelegte Kleider aufgetragen hatte. Das Gehalt kam ihm so unglaublich

groß vor, daß es in seiner vergrößernden Phantasie unerhörte

Dimensionen annahm. Die Folge war, daß er bald Schulden hatte.

Schulden, die wuchsen und wuchsen und niemals bezahlt werden konnten,

wurden der Geier, der an seinem Leben hackte, der Gegenstand seiner

Träume, der Wermut seiner Freuden. Welche Leichtgläubigkeit, welch

außerordentlicher Selbstbetrug lag doch hinter diesem Schuldenmachen!

Was hoffte er? Den Doktor zu machen? Und dann? Lehrer zu werden mit

einem Gehalt von 750 Kronen; das war weniger, als er jetzt hatte.

* * * * *

Nicht am wenigsten quälend war, sein Gehirn den Auffassungsgaben der

Kinder anzupassen. Das bedeutete auch, sich auf das Niveau der Jüngeren

und Unverständigeren herablassen; den Hammer so weit niederschrauben,

daß er den Amboß traf, wodurch die Maschine beschädigt wurde.

Wirklichen Gewinn brachten dagegen die Beobachtungen in den Wohnungen

der Kinder, die er als Lehrer am Sonntag aufsuchen mußte. Ein Junge war

der schwierigste von allen. Er war schmutzig und schlecht gekleidet;

war ungekämmt; grinste beständig; konnte sich erlauben, ungenötigt

und geräuschvoll zu stinken; wußte niemals seine Aufgaben und kriegte

immer Schläge. Er hatte einen zu großen Kopf mit Glotzaugen, die

unaufhörlich schielten und rollten. Johann mußte seine Eltern

aufsuchen, um sich nach seinem unregelmäßigen Schulbesuch und

unordentlichen Betragen zu erkundigen. Er wanderte also nach der

Apfelbergstraße, in der die Eltern eine Kneipe hatten. Der Vater war

auf Arbeit gegangen; aber die Mutter stand hinter dem Ladentisch.

Die Kneipe war dunkel und stank; Männer füllten sie, die drohend

auf den eintretenden Herrn sahen, den sie wahrscheinlich für einen

Geheimpolizisten hielten. Johan sagte der Mutter, was ihn herführe, und

er durfte hinter den Ladentisch kommen, um in die Kammer zu gelangen.

Er brauchte nur das Zimmer und dessen Lage zu sehen, um zu verstehen.

Die Mutter schalt den Jungen bald, bald entschuldigte sie ihn; und

das letzte konnte sie. Das Kind pflegte Reste zu trinken. Das war die

Lösung, und die genügte. Was war dabei zu machen? Die Wohnung ändern,

ihm bessere Nahrung geben; eine Bonne, die ihn überwachte -- alles

Geldfragen!

Dann kam Johan ins Armenhaus von Klara, das von alten Armenhäuslern

geräumt und während des Mangels an Wohnungen vorläufig Familien

geöffnet war. In einem großen Saale lagen und standen wohl ein Dutzend

Familien, die den Boden mit Kreidestrichen geteilt hatten. Da stand

ein Tischler mit einer Hobelbank; dort saß ein Schuhmacher mit seinem

Tisch; rings herum auf beiden Seiten des Kreidestrichs kribbelten

Kinder und Frauen; der Kreidestrich war zu schmal, um zu verbergen, was

verborgen zu werden pflegt.

Was konnte Johan da machen? Bericht erstatten über eine bekannte Sache,

Holzmarken austeilen, Essen und Kleider anweisen.

Dann stieß er auf die stolze Armut oben in den Bergen des Viertels

Königsholm. Dort wurde er hinausgewiesen.

-- Wir brauchen uns gottlob noch nicht an die Armenpflege zu wenden.

Wir stehen uns gut!

-- So? Dann dürfen Sie aber Ihr Kind im Winter nicht in zerrissenen

Schuhen gehen lassen.

-- Das geht Sie nichts an, Herr!

Damit wurde die Tür zugeschlagen.

Oft gab es schauerliche Szenen. Das Kind krank, das Zimmer von den

Schwefeldämpfen des Koks erfüllt, alle hustend, von der Großmutter bis

hinab zum Allerjüngsten. Was konnte Johan dabei tun? Ihm wurde schlecht

zumut, und er floh! Ein andres Heilmittel als Armenpflege gab es

damals nicht, und die Literatur, die das Elend schilderte, konnte nur

beklagen; von einer Hoffnung wußte man nichts. Darum hatte man nichts

anderes zu tun als zu beklagen, für den Augenblick zu helfen und zu

fliehen, um nicht zu verzweifeln.

Diese Beschäftigung lag wie eine drückende Wolke auf ihm, und er verlor

die Lust zur Arbeit. Hier war etwas verkehrt, das fühlte er, aber es

konnte ja nicht besser werden; das sagten alle Zeitungen und Bücher,

und die Menschen auch. Es sollte wohl so sein. Das Emporklettern stand

ja jedem frei! Klettere doch auch!

* * * * *

An den Nachmittagen studierte Johan und ergänzte die lebenden Sprachen

durch Italienisch. Er hatte erfahren, daß man Boccaccios „Dekameron‟

übersetzen müsse. Das ist ein sonderbares Prüfungsbuch, dachte er.

Es enthielt recht unmittelbare Aufforderungen zur Unsittlichkeit und

machte sich über die Männer, die von ihren Frauen betrogen wurden,

lustig. Sehr unterhaltend war es gerade nicht. Es hatte auch andere

Seiten, die Johan aus der Literaturgeschichte kannte. Es war ein

Oppositionsbuch gegen das Mönchsleben des Mittelalters, geschrieben

gegen Ende des Mittelalters, und es machte sich über die Ehe lustig.

Boccaccio scheint zuerst die lächerliche Stellung des Ehemanns

durchschaut zu haben: der hat die Familie zu versorgen und seine

Vaterschaft ist nicht immer ganz zweifellos, nachdem die Frau dem

Manne die Arbeit aufgebürdet und ihn allein für alle ihre Kinder

verantwortlich gemacht hat. Es ist also eine Satire auf das köstliche

Patriarchat, das die Frau zu ihrem Vorteil gegen das vernünftigere

und ursprünglichere Matriarchat eingetauscht hat. Während sie die

Unterdrückte zu sein schien, wählte sie die günstigere Stellung,

indem sie sich keine anderen bürgerlichen Rechte vorbehielt als die

Befehlshaberstellen der Kaiserin, Königin, Äbtissin, Mutter und Madonna.

Indessen schien diese franke Behandlung geschlechtlicher Geschichten

dem Trieb Sanktion zu geben, und jetzt säte er seinen Wildhafer nach

allen Seiten aus. Er hatte gewöhnlich zu gleicher Zeit drei Flammen.

Eine große heilige reine, wie er sie nannte, aus der Entfernung, mit

Heiratsplänen im Hintergrunde; also ein Ehebett, aber rein. Dann eine

kleine Liebelei mit einem Wirtshausmädchen. Schließlich die ganze große

Freischar: blonde, braune, rothaarige, schwarze. Es sah aus, als wachse

die Reinheit des Gefühls im Verhältnis zur Schwierigkeit, aber auch mit

dem Bildungsgrad. Eine wirkliche Liebe kann wohl nur zwischen Personen

derselben Klasse entstehen. Auch die Liebe ist eine Klassensache

geworden, obwohl sie schließlich dieselbe Sprache in allen Klassen hat.

Johan hatte ein Jahr lang eine Verbindung mit einer Kellnerin

unterhalten. Da er Frauen immer mit einer gewissen Achtung behandelte

und nicht eher brutal wurde, bis die Situation reif war, begann das

Mädchen eine Neigung zu ihm zu fassen, schien an ernste Absichten zu

glauben, obwohl er nichts dergleichen andeutete, noch irgendwelche

Versprechungen gab. Es bewilligte jede Gunst, nur die letzte nicht.

Es war ein entnervendes Leben, und Johan beklagte sich einem Freunde

gegenüber.

-- Du bist zu schüchtern, sagte der Freund. Die Mädchen lieben nun

einmal kühne Männer.

-- Aber ich bin nicht schüchtern, beteuerte Johan.

-- Aber du bist es anfangs gewesen. Man muß sofort seine Absichten

zeigen.

Es war wirklich zu spät. Diese Beobachtung fand er dann oft bestätigt.

Wenn es keine Hoffnung auf Ehe gab, dann war es leicht; sonst nicht.

Zwei Jahre verlor er an dieser Neigung, ohne zu einem Ergebnis zu

kommen. Oft schien es ganz nahe zu sein. Er durfte sie in der Nacht

treffen, auf einer Feuerleiter zum Fenster hinaussteigen, sich mit

Kettenhunden herumschlagen, am Zaun die Kleider zerreißen, ohne etwas

anderes als halbe Gunst zu erreichen. Es endete mit Tränen und Bitten.

-- Ich liebe dich zu sehr! sagte sie.

Was sollte das heißen? Oder war sie ganz einfach vor den Folgen bange?

Das ist ihm nicht klar geworden.

* * * * *

Die Zeit verging und der Frühling näherte sich. Johans nächster

Verkehr war ein Lehrer an der Kunstgewerbeschule, der dichtete und in

der Literatur Bescheid wußte, auch musikalisch war. Sie machten ihre

Spaziergänge nach dem Wirtshaus „Stallmeisterhof‟ hinaus, sprachen

von Literatur und aßen dort zu Abend. Während Johan seiner Kellnerin

den Hof machte, spielte der Lehrer auf dem Piano. Zuweilen leistete

der Lehrer sich das Vergnügen, lustige Verse an die Mädchen zu

schreiben. Johan war darauf versessen, Verse zu schreiben, aber er

konnte es nicht. Das mußte angeboren sein und auf einmal kommen, wie

die Bekehrung. Er war ganz deutlich nicht berufen. Wie gern wäre er es

gewesen! Er fühlte sich von der Natur vernachlässigt, wie mit einem

Gebrechen behaftet.

Eines Abends, als Johan mit dem Mädchen plauderte, sagte sie ganz

plötzlich zu ihm:

-- Freitag ist mein Namenstag. Du wirst mir doch einige Verse schreiben?

-- Ja, sagte Johan, das will ich tun.

Als er dann den Lehrer traf, erzählte er dem sein übereiltes

Versprechen.

-- Ich werde sie dir schreiben, sagte der.

Am nächsten Tage lieferte er Johan ein Gedicht ab, das fein ins Reine

geschrieben und in Johans Namen verfaßt war. Es war durchsichtig

unanständig und lustig. Am Morgen des Namenstages wurde es abgesandt.

Am Abend desselben Tages kamen die beiden Lehrer, um zu gratulieren und

zu Abend zu essen. Das Mädchen war eine Weile nicht zu sehen, denn sie

hatte Gäste zu bedienen. Den Herren wurde gedeckt, und sie fingen an zu

essen.

Das Mädchen erschien in der Tür und winkte Johan. Sie sah beinahe ernst

aus. Johan stand auf und folgte ihr eine Treppe hoch.

-- Hast du diese Verse geschrieben? fragte sie.

-- Nein, sagte Johan.

-- Das habe ich mir gedacht! Die Büfettmamsell sagt, sie habe sie schon

vor zwei Jahren gelesen; da habe sie dieser Lehrer an die alte Marie

geschrieben, die ein schlechtes Mädchen war. Pfui, Johan!

Er nahm seine Mütze und wollte hinausstürzen; aber das Mädchen

umschlang ihn mit seinen Armen, um ihn zurückzuhalten, denn es sah,

er war leichenblaß und außer sich. Er riß sich jedoch los und lief in

den Bellevuepark hinaus. Von dort stürmte er in den Wald hinein, indem

er die gebahnten Wege verließ. Die Zweige der Büsche schlugen ihm ins

Gesicht, Steine rollten ihm um die Füße, erschrockene Vögel flogen auf.

Er war vor Scham ganz wild geworden und suchte aus Instinkt den Wald

auf, um sich zu verbergen.

Es ist eine merkwürdige Erscheinung: in den Wald laufen ist der

höchste Ausbruch der Verzweiflung, ehe der Mensch ins Wasser geht.

Der Wald ist das vorletzte, das Wasser das allerletzte. Man erzählt

von einem berühmten Dichter dies: Zwanzig Jahre lang sei er populär

gewesen, aber bei einer plötzlichen Wendung seiner Dichtung wurde er

vollständig unpopulär und von seiner Höhe herabgestürzt. Wie vom Blitz

war er getroffen, wurde rasend und schämte sich; verließ die Stadt, um

den Wald aufzusuchen. Dort erholte er sich. Der Wald ist die Urheimat

der Barbarei und der Feind des Pfluges, also der Kultur. Wenn nun ein

Kulturmensch plötzlich seiner Kulturherrlichkeit entkleidet wird,

seines so künstlich gewebten Rufes, wird er in einem Augenblick Barbar

oder Wild. So lose hängt das Kleid der Kultur auf dem Körper. Wenn ein

Mensch verrückt wird, wirft er die Kleider ab. Was könnte also die

Verrücktheit sein? Ein Rückgang? Ja, manche halten das Tier auch für

wahnsinnig.

Es war Abend, als Johan in den Wald kam. In einem Dickicht legte

er sich auf einen großen Steinblock. Er schämte sich, das war der

Haupteindruck. Ein empfindlicher Mensch ist sehr viel strenger gegen

sich selbst, als andere glauben. Er war unbarmherzig und er geißelte

sich. Er hatte zuerst mit geliehenen Federn glänzen wollen, also

gelogen; hatte zweitens ein unschuldiges Mädchen in ihrer Tugend

gekränkt.

Der erste Punkt der Anklage schloß auch einen zweiten in sich, einen

sehr empfindlichen: seine Unfähigkeit als poetische Intelligenz. Er

wollte mehr, als er konnte. Er war unzufrieden mit seiner Stellung, die

Natur und Gesellschaft ihm angewiesen hatten. Aber (jetzt begann die

Selbstverteidigung, nachdem sich das Blut von der Abendkühle beruhigt

hatte) man wurde ja immer in der Schule ermahnt, emporzustreben; man

sprach ja lobend von emporstrebenden Naturen; damit erklärte man ja

das Mißvergnügen mit der zufälligen Stellung für berechtigt. Ja, aber

(da kam die Geißel) er hatte ja durch Betrug weiterkommen wollen.

Durch Betrug! Dagegen gab es keine Berufung! Er schämte sich. Er

war entkleidet, entlarvt; konnte seinen Rückzug nicht decken. Durch

Mogelei, Falschheit, Betrug! So war es.

Der älteste Beschreiber Japans erzählt von einem japanischen Mädchen,

das buchstäblich vor Scham starb, weil ihr ein natürliches Unglück in

einer Gesellschaft passierte. Man kann also vor Scham sterben. Als

alter Christ fürchtete Johan am meisten, einen Fehler zu besitzen; und

als Mitglied der Gesellschaft hatte er die Furcht, daß dieser Fehler zu

sehen sei. Fehler hatte man, das war bekannt, aber es galt für zynisch,

sie zu bekennen, denn die Gesellschaft will immer besser scheinen als

sie ist. Manchmal aber verlangte die Gesellschaft, man solle bekennen,

wenn man Verzeihung erlangen wollte; das war aber nur eine Täuschung,

denn die Gesellschaft wollte das Bekenntnis nur, um das Vergnügen

der Strafe zu genießen. Die Gesellschaft war sehr trügerisch. Johan

hatte sofort bekannt, war bestraft worden, fühlte sich aber doch als

Missetäter.

Der zweite Punkt war auch schwierig. Das Mädchen hatte ihn also rein

geliebt, und er hatte sie nur besitzen wollen. Wie roh, wie gemein! Wie

konnte er glauben, daß eine Kellnerin nicht unschuldig lieben kann!

Seine eigene Mutter war ja in derselben Stellung gewesen wie dieses

Mädchen! Er hatte sie gekränkt. Schäme dich, schäme dich!

Jetzt hörte er im Park halloen und seinen Namen rufen. Die Stimmen

des Mädchens und des Lehrers hallten von den Bäumen wider, er aber

antwortete nicht. Einen Augenblick fiel ihm sein ganzes Strafgerät aus

den Händen; er wurde nüchtern und dachte: Ich gehe zurück, wir setzen

das Abendbrot fort, holen Riekchen und trinken ein Glas mit ihr. Dann

ist es vorüber. Aber nein! Er war zu hoch oben, und man kann nicht auf

einmal hinabsteigen.

Die Rufe verstummten. Er blieb betäubt liegen und mahlte wieder und

wieder an seinem doppelten Verbrechen. Er hatte gelogen und er hatte

ihre Gefühle gekränkt.

Die Dunkelheit senkte sich. Es prasselte in den Büschen; er fuhr

zusammen, geriet in Angstschweiß. Dann ging er weiter und setzte sich

auf eine Bank. Dort saß er, bis es taute. Er fror und war feucht. Stand

auf und ging heim.

Jetzt war sein Kopf klar, und er dachte. Wie dumm, diese ganze

Geschichte! Es war ja nicht meine Absicht, daß sie mich für den Dichter

halten sollte; ich war ja bereit, sie den Zusammenhang wissen zu

lassen. Es war ja nur ein Scherz. Und ihre Gefühle, hm, so rein waren

sie gerade nicht gewesen, als ich zu ihrem Fenster hinauskletterte.

Übrigens dieser Lehrer hatte ihn ja auch angeführt. Aber das war

einerlei!

Als er auf seine Kammer kam, lag der Lehrer in Johans Bett und schlief.

Er wollte aufstehen, aber Johan sagte nein. Er wollte sich noch einmal

geißeln. Er legte sich auf die Erde, nahm eine Zigarrenkiste unter den

Kopf und breitete einen Scharfschützenmantel über sich.

Als er am nächsten Morgen erwachte, fragte Johan mit zitternder Stimme:

-- Wie hat sie es aufgenommen?

-- Sie hat gelacht, dann haben wir Punsch getrunken, und dann war es

vorüber. Sie fand die Verse ganz festlich!

-- Sie hat gelacht? War sie nicht böse?

-- Durchaus nicht!

-- Und doch hat sie mir gegenüber immer die Tugendhafte gespielt!

-- Ja, du hast sie immer zu sentimental genommen. Dieser lange Hornberg

sagte neulich, es sei nicht soweit her mit Riekchens Tugend. Er hätte

sie haben können....

-- Was? Hornberg?

-- Jaja! Er hat sie nicht bekommen, aber jedenfalls ... Du weißt, sie

ist früher bei den „Wildkatzen‟ gewesen, und da...

Johan wollte nicht mehr hören. Und um diese Kleinigkeit hatte er eine

entsetzliche Nacht durchlitten. Er schämte sich zu fragen, ob sie nicht

um ihn unruhig gewesen seien. Aber da sie Punsch getrunken und gelacht

hatten, war es wohl nicht so ernst gewesen! Nicht einmal unruhig um

sein Leben!

Er kleidete sich an und ging zur Schule.

* * * * *

Die egoistische Selbstkritik des Christentums hatte Johan daran

gewöhnt, sich mit seinem Ich zu beschäftigen, es zu hätscheln; sich

mit ihm zu befassen, als sei es eine andere geliebte Person. So gut

gepflegt, wuchs das Ich und sah immerfort nach innen, statt nach

außen auf die Welt zu sehen. Es wurde eine interessante persönliche

Bekanntschaft, ein Freund, dem geschmeichelt werden, der aber auch die

Wahrheit hören und korrigiert werden mußte.

Es war die Krankheit der Zeit, in ein System gebracht von Fichte, nach

dem alles im Ich und durch das Ich war; ohne das Ich gab es keine

Wirklichkeit. Das war die Formel für die Romantik und den subjektiven

Idealismus. „Ich stand am Ufer bei der Königsburg‟, „Ich wohne tief im

Berge‟, „Ich kleiner Knabe wache am Tor‟, „Ich denke der holden Tage‟

hatten alle denselben Ton. War diese „Ichheit‟ denn so hochmütig? War

nicht das Ich des Dichters bescheidener als das königliche Wir des

Journalisten?

Der heutige Realismus hat dieses bescheidene Ich wieder aufgenommen,

das „für meinen geringen Teil‟ bedeutet. Gleichzeitig hat die

naturwissenschaftliche Philosophie „so scheint es mir‟ gegen „so

ist es‟ vertauscht. Ist es wirklich so? Ja, dann haben wir einen

Fortschritt auf die Wahrheit zu gemacht, das heißt auf die Entdeckung,

wie es sich wirklich verhält. Ist es nicht so, dann haben wir, Gott sei

uns gnädig, eine neue Theologie auf dem Halse.

Dieses Versinken ins Ich oder die neue Kulturkrankheit, von der

jetzt (1886) geschrieben wird, ist wohl bei allen Menschen, die

nicht mit dem Körper gearbeitet haben, konstant gewesen. Das Gehirn

ist nur ein Impulsorgan für die Muskeln. Wenn nun die Impulse des

Gehirns beim Kulturmenschen nicht auf die Muskeln wirken, niemals

ihre Kraft ausgeben können, wird das Gleichgewicht erschüttert, wie

bei dem unbefriedigten Geschlechtstrieb. Das Gehirn bekommt Träume;

von Säften überfüllt, die nicht in Muskeltätigkeit kommen können,

setzt es die unwillkürlich um, in Systeme, Gedankenverbindungen, in

Maler-, Bildhauer-, Dichterhalluzinationen. Geschieht kein Abfluß, so

kann Stockung eintreten, heftige Ausbrüche, Depression, schließlich

Wahnsinn. Die Schule, die ein solcher Vorkursus zum Irrenhaus ist,

mußte zum Turnen als Korrektiv greifen. Aber mit welchem Erfolge? Es

besteht kein Zusammenhang zwischen der Gehirntätigkeit des Lernens und

der Muskeltätigkeit des Turnens; die gehorcht ja durch das Kommandowort

nur einem fremden Willen.

Alle studierenden Jünglinge bekommen solches Steigen nach dem Gehirn.

Daß diese aus Instinkt oft auf Verbesserung oder Verschönerung der

Gesellschaft ausgehen, ist ein Glück; besser aber würde es sein, wenn

das Gleichgewicht wiederhergestellt würde, und eine gesunde Seele

in einem gesunden Körper wohnte. Man hat das Heilmittel gesucht,

indem man körperliche Arbeit in den Schulen einführte. Besser wäre

es wohl, den ersten Unterricht ins Haus zu verlegen, die Schule zu

einer Mitbürgerschule zu machen, und dann jeden für sich selbst

sorgen zu lassen. Übrigens wird die Emanzipation der Unterklasse

die Kulturmenschen zu etwas körperlicher Arbeit zwingen, die jetzt

von den Haussklaven verrichtet wird; dann wird wohl Gleichgewicht

eintreten. Daß die Intelligenz darunter nicht leidet, wird man

glauben, wenn man sieht, daß die stärksten Geister der Zeit wenigstens

Nebenbeschäftigungen gehabt haben: wie Mill, der Beamter; Spencer, der

Ingenieur; Edison, der Telegraphist war.

Die Studentenzeit, die ungesundeste Zeit, weil nicht diszipliniert,

ist auch die gefährlichste. Das Gehirn soll aufnehmen, unaufhörlich

aufnehmen, aber niemals abgeben, nicht einmal in geistiger Produktion,

während gleichzeitig das ganze Muskelsystem brachliegt.

Bei Johan war zu dieser Zeit eine Überproduktion von Gedanken und

Phantasie vorhanden. Und die mechanische, sich beständig in denselben

Kreisen bewegende, mit gleichen Fragen und Antworten angeordnete

Schularbeit gab keinen Abfluß. Sie vermehrte im Gegenteil seinen Vorrat

der Beobachtungen von Kindern und Lehrern. Da lagen Materialsammlungen

von Erfahrungen, Beobachtungen, Kritik, Gedanken in einer ungeordneten

Masse und gärten. Er suchte darum Gesellschaft auf, um sich aussprechen

zu können. Als das aber nicht reichte und er niemanden fand, der

immer den Resonanzboden hergeben konnte oder wollte, fing er an zu

deklamieren.

Der Sohn einer Magd · 第 18 / 29 段