Auf dem Lande mit seinen einfacheren Verhältnissen glaubte Johan in

einer unbemerkten Stellung gedeihen zu können, ohne es zu spüren, daß

er gesunken oder herabgestiegen sei. In der Stadt dagegen nicht, denn

dort wurde er unaufhörlich an die Höhe und den Fall erinnert. Gutwillig

herabsteigen, ist nicht peinlich, wenn die Zuschauer nur überzeugt

werden können, daß es gutwillig geschieht; fallen aber ist bitter,

zumal ein Fall immer mit Applaus von den unten Stehenden begrüßt

wird. Steigen oder Emporstreben, seine Stellung verbessern ist ein

Gesellschaftstrieb geworden; der Jüngling wurde davon getrieben, obwohl

er nicht immer einsah, daß das Empor auch höher führe.

Johan wollte jetzt ein Ergebnis haben, ein Leben in Tätigkeit

finden, das ihn ernährte. Er sah die vielen Anzeigen der offiziellen

„Postzeitung‟ durch, in denen Volksschullehrer verlangt werden. Da

waren Stellen mit 300 Kronen, 600 Kronen, Wohnung, Kuhweide, Garten.

Er bewarb sich um die eine Stellung nach der andern, bekam aber keine

Antwort.

Als das Semester um war und die 80 Kronen verzehrt waren, fuhr er nach

Hause, ohne zu wissen, wohin er sich wenden, was er werden, wovon er

leben solle. Er hatte in den Vorhof hineingeblickt, um zu sehen, daß

dort kein Platz für ihn war.

12.

+Unten und oben+.

(1867-68)

Hast du jetzt ausgelernt? Mit solchen und ähnlichen Fragen wurde er

ironisch bei der Heimkehr begrüßt. Der Vater nahm die Sache ernster

und versuchte Pläne zu machen, ohne einen durchführen zu können. Johan

war Student; das war eine Tatsache, aber was weiter? Es war Winter,

und so konnte nicht einmal die weiße Studentenmütze dem Jüngling einen

mildernden Glanz verleihen oder der Familie Ehre gewähren. Man hat

gesagt, der Krieg würde aufhören aus Mangel an Offizieren, wenn man

ihnen die Uniformen nehme; sicher ist, daß nicht so viele Studenten

würden, wenn sie nicht das äußere Abzeichen trügen. In Paris, wo es

nicht gebräuchlich ist, verschwinden die Studenten in der Menge;

niemand macht ein Geschäft aus ihnen. In Berlin dagegen drängen sie

sich als ein bevorrechtigter Stand neben die Offiziere. Darum ist auch

Deutschland ein Doktorenland und Frankreich ein Mitbürgerland.

Der Vater sah nun, daß er einen Taugenichts für die Gesellschaft

erzogen, der nicht zu graben vermochte, sich vielleicht aber nicht

schämte zu betteln. Die Welt stand dem Jüngling offen, darin zu

verhungern, darin unterzugehen. Seinen Plan, Volksschullehrer zu

werden, billigte der Vater nicht. Welch ein geringes Ergebnis von

soviel Arbeit! Alle seine ehrgeizigen Träume würden auch unter

einem solchen Herabsteigen leiden. Volksschullehrer, das war ja wie

Unteroffizier; Unterklasse ohne Hoffnung auf Steigen; und gestiegen

mußte werden, solange alle andern stiegen; gestiegen muß werden, bis

man sich den Hals bricht, solange die Klassen- und Ranggesellschaft

existiert. Johan hatte die Studentenprüfung nicht machen dürfen, um

sich Kenntnisse zu erwerben, sondern um Oberklasse zu werden; und

jetzt stand er doch im Begriff, Unterklasse zu werden!

Es wurde ihm peinlich zu Hause; er glaubte Gnadenbrot zu essen, als

Weihnachten vorüber war und er nicht länger als Gast gelten konnte. Da

trifft er eines Tages zufällig auf der Straße einen bekannten Lehrer,

den er lange nicht gesehen hat. Sie sprechen von der Zukunft, und

der Freund schlägt Johan die Stockholmer Volksschule als einen guten

Lebensunterhalt vor, während man für den Doktor arbeitet; da habe man

einen Gehalt von tausend Kronen und sei täglich um ein Uhr frei.

-- Überall, nur nicht in Stockholm, meint Johan.

-- Oh, es sind mehrere Studenten an der Volksschule angestellt.

-- Wirklich? Dann hat man ja Leidensgenossen!

-- Ja, und einer ist früher Lehrer an der Neuen Elementarschule gewesen.

Johan ging hin, meldete sich an und wurde angestellt, mit 900 Kronen.

Der Vater billigte den Entschluß, als er hörte, daß Johan dabei für den

Doktor arbeiten könne. Johan versprach, sich im Elternhaus in Pension

zu geben.

* * * * *

An einem Wintermorgen um halb acht Uhr ging Johan von der

Nordzollstraße nach Klara hinunter. Ganz wie er im Alter von acht

Jahren getan hatte. Dieselben Straßen, dieselben Klaraglocken. Und in

der untersten Klasse. Es war eine Strafarbeit, die elf Jahre alt war!

Ebenso furchtsam, ja noch furchtsamer, zu spät zu kommen, trat er in

die große Klasse ein, in der er nebst zwei Lehrerinnen über einhundert

Kinder unterrichten sollte. Und da saßen sie jetzt, dieselben Kinder

wie von Jakob, aber in jüngerer Auflage. Häßlich, verkrümmt, blaß,

hungrig, kränklich; mit niedergeschlagenen Gesichtern, groben Kleidern,

schweren Schuhen. Das Leiden, am meisten vielleicht +das+ Leiden,

daß andere es besser haben und daß sie es immer besser haben werden,

denn das glaubte man damals, hat aufs Gesicht der Unterklasse diesen

hoffnungslosen Zug gedrückt, den weder die religiöse Resignation noch

die Hoffnung auf den Himmel austilgen kann. Mit bösem Gewissen flieht

die Oberklasse vor ihnen, baut ihre Häuser außerhalb der Stadt und

überläßt es der Armenpflege, mit diesen Ausgestoßenen in persönliche

Berührung zu treten.

Das Kirchenlied wurde gesungen, das Vaterunser gebetet; alles war noch

ebenso wie früher, nichts hatte Fortschritte gemacht; nur die Bänke

waren gegen Stühle und Tische ausgetauscht und das Zimmer war hell und

luftig. Johan mußte die Hände falten und das Kirchenlied mitsingen.

Sofort wurde seinem Gewissensfrieden Gewalt angetan.

Das Gebet war zu Ende und der Rektor kam. Er sprach etwas väterlich zu

Johan. Es war also ein Vorgesetzter, Vorschläge und Ratschläge wurden

ihm mitgeteilt. Diese Klasse sei die schlechteste und der Lehrer müsse

streng sein.

So führte denn Johan seine Klasse in ein besonderes Zimmer, um die

Stunde zu beginnen. Das Zimmer glich auf ein Haar der Vorschule von

Klara, und dort stand das furchtbare Katheder mit den Treppenstufen,

das einem Schafott glich und rotgebeizt war, als sei es mit Blut

besudelt. Und dann bekam er einen Stock in die Hand, mit dem er bald

aufklopfen, bald schlagen sollte. -- Er sollte schlagen! Er besteigt

das Blutgerüst. Er war diesen dreißig Knaben- und Mädchengesichtern

gegenüber schüchtern, die spähend in seinem Gesicht zu lesen suchten,

ob er schwierig sei.

-- Was habt ihr aufbekommen? fragte er.

-- Das erste Gebot! schrie die ganze Klasse.

-- Nein, nur einer darf antworten! Du dort rechts: wie heißest du?

-- Hallberg, schrie die ganze Klasse.

-- Nein, nur einer soll antworten: den ich frage.

Die Kinder kicherten.

-- Der ist nicht gefährlich, meinten sie.

-- Nun, wie lautet das erste Gebot? fragte Johan den, der ganz rechts

saß.

-- Du sollst keine Götter haben neben mir!

Das konnte er also.

-- Was ist das? fragte er von neuem, indem er versuchte, so wenig

Betonung wie möglich auf „das‟ zu legen.

Das ging auch.

Darauf fragte er fünfzehn Kinder das gleiche, und eine Viertelstunde

war vergangen. Johan dachte, das ist idiotisch. Was sollte er jetzt

machen? Von Gott sprechen, was er wußte? Aber auf dem damaligen

Standpunkt der Forschung war man bescheiden dabei stehen geblieben, daß

man nichts von Gott wisse. Johan war Theist und glaubte wohl noch an

einen persönlichen Gott, aber etwas Näheres konnte er nicht über ihn

sagen. Am liebsten hätte er Christi Gottheit angegriffen, dann aber

wäre er entlassen worden.

Eine Pause entstand. Es war unheimlich still, während er über seine

falsche Stellung und die Albernheit im Unterrichten nachdachte. Wenn

er jetzt hätte sagen dürfen, man wisse nichts von Gott, so wäre der

ganze Katechismus und die ganze Biblische Geschichte überflüssig

gewesen. Daß sie nicht stehlen durften, das wußten sie; und daß sie

nicht lügen durften, auch. Warum denn soviel Wesen davon machen? Er

bekam eine tolle Lust, freundlich gegen die Kinder zu sein und sie wie

Mitschuldige zu nehmen.

-- Nun, was sollen wir jetzt tun? fragte er.

Der eine guckte den andern an und die ganze Klasse kicherte.

-- Der Lehrer ist aber nett, dachten sie.

-- Was pflegt der Lehrer zu tun, wenn er die Aufgabe überhört hat?

fragte er den Ersten.

-- Er pflegt sie zu erklären, antwortete der und noch einige.

Freilich konnte Johan Entstehung und Geschichte des Gottesbegriffes

erklären, aber das durfte er ja nicht.

-- Ihr könnt euch rühren, sagte er, aber ihr dürft nicht schreien.

Die Kinder sahen ihn an und er sie. Sie lächelten sich gegenseitig zu.

-- Findet ihr nicht auch, daß dies idiotisch ist? hatte er auf den

Lippen; es nahm aber keine konkretere Form an als im Lächeln.

Aber Johan wurde bald ernst, als er sah, daß sie ihn auslachten. Diese

Methode geht nicht, dachte er.

Er bat sich Ruhe aus und begann das Gebot noch einmal durchzugehen, bis

alle eine Frage bekommen hatten. Nach unerhörten Anstrengungen wurde

die Uhr wirklich neun, und die Stunde war aus.

Jetzt versammelten sich die drei Abteilungen der Klasse wieder in

dem großen Saal, um sich bereitzumachen, auf den Hof zu gehen und

frische Luft zu schöpfen. Bereitmachen ist das richtige Wort, denn

eine so einfache Sache, wie auf den Hof gehen, erforderte eine lange

Vorbereitung. Eine genaue Beschreibung würde einen Druckbogen füllen

und vielleicht zu den modernen Karikaturen gezählt werden; wir müssen

uns mit einer Andeutung begnügen.

Zuerst mußten alle einhundert Kinder stillsitzen, regungslos, absolut

regungslos auf ihren Stühlen sitzen und still, absolut still sein, als

sollten sie photographiert werden. Die ganze Schar sah einen Augenblick

vom Katheder aus wie ein grauer Teppich mit hellen Mustern; aber im

nächsten Augenblick bewegte einer den Kopf; die Wirkung war verdorben;

das Opfer mußte aus seiner Reihe treten und sich an die Wand stellen.

Das Ensemble war gestört, und es mußte noch oft geklopft werden, ehe

die zweihundert Arme parallel auf der Tischplatte lagen und die hundert

Köpfe im rechten Winkel zum Schlüsselbein saßen. Als die Ruhe beinahe

wieder eingetreten war, begann ein neues Klopfen, welches das Absolute

forderte. Aber im selben Augenblick, in dem das Absolute eintreten

sollte, wurde ein Muskel müde, erschlaffte ein Nerv, ließ eine Sehne

nach. Wieder Auflösung, Schläge, Geschrei und neue Arbeit am Absoluten.

Es endete gewöhnlich damit, daß die Lehrerin (die Lehrer trieben es

nicht bis ins Absolute) ein Auge zumachen und tun mußte, als sei es

absolut.

Jetzt trat der wichtige Augenblick ein, da die hundert auf ein neues

Klopfen von ihren Plätzen aufstehen sollten, um sich auf den Boden

zu stellen; aber nichts weiter. Das war ein heikler Augenblick:

Schiefertafeln polterten und Lineale klapperten. Sie mußten sich wieder

setzen. So saßen sie wieder und mußten die Übung von neuem beginnen,

indem sie absolut still sitzen sollten.

Waren sie wirklich auf die Beine gekommen, so begann der Marsch nach

dem Hof in Abteilungen, aber auf Zehen, absolut. Sonst mußte man

wieder umkehren und sich wieder setzen, und wieder aufstehen. Und so

weiter, und so weiter. Oh! Sie mußten auf Zehen gehen, in Schuhen mit

Holzsohlen, in feuchten Stiefeln, in Schuhen mit Pechnaht. Das war

ein großer Mißgriff: er erzog die Jugend zum Schleichen und gab ihrem

ganzen Auftreten etwas Katzenhaftes, Hinterlistiges.

Auf dem Hofe mußte der Lehrer jetzt die Trinkenden in eine gerade

Linie vor die Wasserleitung stellen, die sich beim Eingange befand;

gleichzeitig die Abtritte beaufsichtigen, die auf der andern Seite des

langen Hofes lagen; außerdem Spiele anordnen und die Spiele mitten auf

dem Hofe überwachen.

Darauf wurden die Kinder wieder aufgestellt und marschierten hinein.

Kamen sie nicht still hinein, so mußten sie wieder hinausgehen. Oh!

Dann begann eine neue Stunde. Ein vaterländisches Lesebuch wurde

gelesen, dessen Zweck hauptsächlich darauf hinauszugehen schien, den

Kindern Ehrfurcht vor der Oberklasse und vor Schweden einzupflanzen.

Schweden sollte das beste Land von Europa sein, obwohl es in

klimatischer und wirtschaftlicher Hinsicht eines der schlechtesten ist;

obwohl seine Kultur vom Ausland entlehnt ist und alle seine Könige

von ausländischer Geburt sind. Solche Lehren wagte man den Kindern

der Oberklasse in der Klaraschule und der Privatlehranstalt nicht zu

bieten. Doch in der Jakobischule hatte man den Mut, die armen Kinder

ein Lied vom Herzog von Östergötland singen zu lassen, in dem sich

eine Strophe an die Mannschaft der Flotte wandte und ihr Siege in

erwünschten Schlachten versprach: der Sieg sei selbstverständlich, denn

„Prinz Oskar führt uns an‟.

Gleich am Anfang der Stunde kommt der Schulvorsteher. Johan will

das Lesen unterbrechen, doch der Vorgesetzte gibt ihm einen Wink,

fortzufahren. Die Kinder haben nach der Katechismusstunde den Respekt

verloren und sind unaufmerksam. Johan zankt sie aus, aber ohne Erfolg.

Da tritt der Vorsteher mit einem Rohrstock vor; nimmt das Buch vom

Lehrer und hält eine kleine Rede. Diese Abteilung sei die schlechteste

und der Lehrer sollte nun sehen, wie man sie behandeln müsse.

Die Übung, die jetzt folgte, schien zum Hauptzweck zu haben, absolute

Aufmerksamkeit zu erzwingen. Das Absolute schien das Ziel zu sein, zu

dem man bei der Abrichtung dieser Menschenkinder kommen wollte, in

dieser unvollkommenen Welt des Relativen.

Der Lesende wurde unterbrochen und ein Name aus der Menge aufgerufen.

Im Text folgen und aufmerksam sein, hielt dieser alte Mann für das

Einfachste von der Welt, obwohl er sicher oft erfahren, wie die

Gedanken ihre eigenen Wege gehen, während das Auge über eine Seite im

Buche irrt. Der Unaufmerksame wurde bei den Haaren oder den Kleidern

gezogen und mit dem Rohrstock gehauen, bis er sich unter Geheul am

Boden wälzte.

Dem Lehrer wurde anbefohlen, den Rohrstock fleißig zu gebrauchen; damit

ging der Vorsteher. Es blieb nichts anderes übrig, als die Methode zu

befolgen oder abzugehen. Da das letzte nicht möglich war, blieb Johan.

Er hielt eine Rede an die Kinder und bezog sich auf den Vorsteher.

-- Jetzt wißt ihr, wie ihr euch betragen müßt, um keine Schläge zu

kriegen. Wer sich Schläge zuzieht, hat sie selbst verschuldet. Gebt

mir nachher nicht die Schuld. Hier liegt der Rohrstock, dort ist die

Pflicht; erfüllt die Pflicht, sonst kommt der Rohrstock -- ohne mein

Verschulden.

Das war recht listig gesprochen, war aber doch unbarmherzig, denn man

hätte erst in Erfahrung bringen müssen, wieweit die Kinder die Pflicht

erfüllen können. Sie konnten es nicht, denn sie waren die lebhaftesten

und darum die unaufmerksamsten. Der Rohrstock war also den ganzen Tag

in Bewegung. Notschreie gellten, Angst stand in den Gesichtern der

Unschuldigen geschrieben: es war schauerlich.

Aufmerksam sein fällt nicht unter das Machtgebiet des Willens; darum

war all dieses Strafen lauter Marter. Johan fühlte, wie sinnlos seine

Rolle war, aber er hatte ja seine Pflicht hinter sich. Oft wurde er

müde und ließ es gehen, wie es ging; dann aber kamen Kameraden, Lehrer

und Lehrerinnen und machten ihm freundliche Vorstellungen. Oft fand er

das Ganze so wahnsinnig, daß er mit den Kindern lächeln mußte, während

der Rohrstock in Bewegung war. Beide Teile sahen ein, daß sie an dem

Unmöglichen und Unnötigen arbeiteten.

Ibsen, der weder an den Geburtsadel noch an den Geldadel glaubt, hat

jüngst (1886) seinen Glauben an den neuen Adel des Industriearbeiters

ausgesprochen. Warum soll es denn durchaus Adel sein? Wenn die

Entartung daher kommt, daß man überhaupt nicht mit dem Körper arbeitet,

so entartet man vielleicht noch leichter durch zuviel körperliche

Arbeit und durch Not. Alle diese Kinder, die Körperarbeiter zu Eltern

hatten, sahen kränklicher, schwächlicher, unverständiger aus als die

Kinder der Oberklasse, die Johan gesehen hatte. Der eine oder andere

Muskel mochte stärker entwickelt sein, du Schulterblatt, eine Hand,

ein Fuß, aber das Blut sah schlecht aus, wie es durch die blasse Haut

schimmerte. Viele hatten große Köpfe, die von Wasser aufgeschwollen zu

sein schienen; Ohren und Nasen liefen, die Hände waren erfroren. Die

Berufskrankheiten der städtischen Arbeiter schienen sich vererbt zu

haben: hier sah man in kleinerem Maßstab die Lungen und das Blut des

Gasarbeiters, die durch Schwefeldämpfe verdorben waren; die Schultern

und ausgebogenen Füße des Schmieds; das von Firnissen und giftigen

Farben angegriffene Hirn des Malers; den skrofelartigen Ausschlag des

Schornsteinfegers; die eingedrückte Brust des Buchbinders. Hier hörte

man das Echo von dem Husten des Metallarbeiters und Asphaltbereiters;

roch die Gifte des Tapetendruckers; beobachtete die Kurzsichtigkeit des

Uhrmachers in neuen Auflagen. Das war wahrhaftig keine Rasse, der die

Zukunft gehörte oder auf welche die Zukunft bauen konnte; auch kann

sie sich auf die Dauer nicht vermehren, denn die Reihen der Arbeiter

rekrutieren sich immer vom Lande.

Erst gegen zwei war der Saal geleert, denn fast eine Stunde dauerte

es, bis sie unter Klopfen und Schlägen aus dem Zimmer auf die Straße

kamen. Das Unpraktischste war, daß die große Menge Kinder erst in den

Flur marschierte, um die Mäntel anzuziehen, und dann wieder in den Saal

zurückmarschierte, statt direkt nach Hause zu gehen.

Als Johan auf die Straße kam, fragte er sich: ist das die berühmte

Erziehung, die man mit so großen Opfern der Unterklasse gegeben hat?

Fragen konnte er, und man antwortete: wie ist es anders möglich?

Nein, mußte er antworten. Hatte man die Absicht, eine sklavische

Unterklasse zu erziehen, die immer gehorcht, so schlagt die Kinder mit

dem Rohrstock; habt ihr die Absicht, einen Proletarier zu erziehen,

der nichts vom Leben fordern darf, so lügt ihnen einen Himmel vor. Sag

diesen Kindern, der Unterricht sei sinnlos, erlaub ihnen Kritik, laß

ihnen ihren Willen in einem Punkt, und wir gehen der Auflösung der

Gesellschaft entgegen. Aber die Gesellschaft ist ja auf eine gehorsame

pflichttreue Unterklasse gebaut; also unterdrück sie von Anfang an,

nimm ihnen den Willen, nimm ihnen die Vernunft; lehre sie, nicht

hoffen, aber doch zufrieden sein. Es lag System in der Torheit.

Aber es gab in der Volksschulmethode, was den Unterricht betraf, sowohl

Gutes wie Böses. Gutes: man hatte ein Anschauungsmaterial eingeführt;

das war eine Erbschaft des schon 1827 gestorbenen Pestalozzi, des

Schülers Rousseaus. Böses: die in die Volksschule eintretenden

Studenten hatten die „Wissenschaft‟ eingeführt. Es genügte nicht mehr,

das Einmaleins einfach zu können: man mußte es verstehen. Verstehen?

Und doch kann ein Ingenieur, nachdem er die Technische Hochschule

durchgemacht hat, nicht erklären, +warum+ ein Bruch durch drei gekürzt

werden kann, wenn die Summe der Zahlen durch drei zu teilen ist.

Sollten die Seeleute nicht Logarithmentafeln benutzen, obwohl sie die

Logarithmen nicht „ausrechnen‟ können? Daß man nicht auf dem schon

Gebauten weiterbaut, sondern immer wieder den Grundstein legen will,

dürfte wohl ein Luxus sein: daher das viele Lernen in den Schulen.

Man könnte einwenden, Johan hätte sich erst selbst als Lehrer

reformieren sollen, ehe er den Unterricht reformierte. Aber er

durfte ja nicht, denn er war ein willenloses Werkzeug in den Händen

des Vorstehers, der Geschäftsordnung, der Schulbehörde. Die besten

Lehrer, das heißt, welche die schlechtesten (hier besten) Ergebnisse

herausgeschlagen hatten, waren die ungebildeten Lehrer, die vom

Seminar kamen. Die zweifelten nicht an der Methode, waren nicht

zart gegen die Kinder; aber vor ihnen hatten die Kinder am meisten

Respekt. Ein großer grober Kerl, der von der Stellmacherzunft gekommen

war, hatte die langen Jungen vollständig in Händen. Die Unterklasse

sollte also mehr wirkliche Achtung und Furcht vor ihresgleichen haben

als vor der Oberklasse? Großknecht und Werkführer sollten also mehr

Respekt genießen als Inspektor und Meister? Woher kommt das? Sieht

die Unterklasse, daß sie mehr Teilnahme erwarten kann von dem, der

ihre Leiden gelitten hat und nicht fürchten kann, daß er zu ihnen

herunterkommt? Ist sie darum diesem gegenüber nachgiebiger? Oder sieht

sie ein, daß der Vorgesetzte, der aus ihren Reihen gekommen ist, ihre

Sache besser versteht und darum mehr Achtung verdient?

Auch die Lehrerinnen genossen mehr Respekt als die Lehrer. Sie

waren pedantisch, forderten das Absolute und waren durchaus nicht

weichherzig, eher grausam. Sie liebten die raffinierte Strafe, Schläge

auf die Handfläche zu geben; dabei legten sie einen Unverstand an den

Tag, den das oberflächlichste Studium der Physiologie berichtigt hätte.

Wenn das Kind infolge der Reflexbewegung die Finger fortzog, wurde es

noch mehr gestraft, weil es die Finger nicht still halte. Als ob man

das Blinzeln unterlassen könnte, wenn einem Staub ins Auge weht!

Die Lehrerinnen hatten den Vorteil, daß sie nicht soviel von den

Lehrfächern wußten, um von Zweifeln gequält zu werden. Daß sie

weniger Gehalt hatten als die Lehrer, war eine Unwahrheit. Sie

hatten verhältnismäßig mehr; und wenn sie mit einem dürftigen

Lehrerinnenexamen mehr als die Studenten hatten, war das ungerecht. Sie

wurden außerdem begünstigt, für ein Wunder gehalten, wenn sie tüchtig

waren, und erhielten Stipendien, um ins Ausland zu reisen.

Als Kameradinnen waren sie freundlich und hilfreich, wenn man höflich

und bescheiden war und ihnen die Zügel überließ. Von einer Liebelei war

nicht die Spur zu sehen; auch sahen die Männer sie in Situationen, die

alles andere als gewinnend waren, und von Seiten, die Frauen sonst dem

andern Geschlecht nicht zu zeigen pflegen, nämlich als Profose. Sie

machten sich Notizen über alles, bereiteten sich auf die Stunden vor,

waren kleinlich und zufrieden, durchschauten nicht. Es war eine sehr

passende Beschäftigung für sie unter den damaligen Verhältnissen.

Wenn Johan nicht mehr schlagen wollte oder über ein Kind nichts

vermochte oder an allem zweifelte, schickte er das Kind zu einer

Lehrerin, die mit Vergnügen die garstige Rolle des Henkers übernahm.

Was den geeigneten Lehrer macht, ist wohl nicht festgestellt. Die einen

wirkten durch ihre Ruhe, die andern durch ihre nervöse Art; andere

wieder schienen die Kinder zu magnetisieren, andere schlugen sie;

andere wirkten durch ihr Alter, ihr männliches Äußeres. Die Frauen

wirkten als Frauen, das heißt durch eine halbvergessene Überlieferung

von einer vergangenen Mutterherrschaft.

Johan war ungeeignet. Er sah zu jung aus und war ja auch erst achtzehn

Jahre alt; zweifelte an der Methode und an allem; war in einem Winkel

seines ernsten Innern spielerisch und knabenhaft; auch war ihm alles

nur eine Nebenbeschäftigung, denn er war ehrgeizig und wollte weiter;

wohin, das wußte er nicht.

Auch war er Aristokrat wie seine Zeitgenossen. Durch die Erziehung

waren seine Gewohnheiten, seine Sinne verfeinert worden oder entartet,

wenn man will. Er ertrug also nur schwer schlechten Geruch, häßliche

Gegenstände, entstellte Körper, unschöne Aussprache, zerlumpte

Kleider. Das Leben hatte ihm ja doch viel gegeben, und diese täglichen

Erinnerungen ans Elend quälten ihn wie ein böses Gewissen. Er hätte

selbst einer von der Unterklasse sein können, wenn seine Mutter sich

mit einem ihres Standes verheiratet hätte.

Er sei hochmütig, hätte ein Ladenbursche gesagt, der es zum Redakteur

einer Zeitung gebracht; derselbe Redakteur, der damit prahlte, daß er

mit seinem Los zufrieden sei; ganz vergessend, daß er zufrieden sein

konnte, da er aus seiner geringgeachteten Stellung emporgestiegen war.

Er sei hochmütig, hätte ein Schuhmachermeister gesagt, der lieber

ins Wasser ginge, als daß er zum Gesellen niederstiege. Johan war

hochmütig, daran ist nicht zu zweifeln; ebenso hochmütig, wie Meister

Schuhmacher; vielleicht doch nicht ganz so hochmütig, da er vom

Studenten zum Volksschullehrer herabgestiegen war. Aber das war keine

Tugend, sondern eine Notwendigkeit; auch prahlte er nicht mit seinem

Schritt, noch wollte er sich den Schein eines sogenannten Volksfreundes

geben. Über Sympathie und Antipathie ist man nicht Herr, und wenn man

von unten immer Liebe und Aufopferung von der Oberklasse verlangt, so

ist das Idealismus. Die Unterklasse ist für die Oberklasse geopfert,

aber wahrhaftig, sie hat sich gutwillig geopfert. Sie hat das Recht,

ihre Rechte zurückzunehmen, aber sie soll es selbst tun. Niemand gibt

seine Stellung gutwillig auf; darum darf die Unterklasse nicht darauf

warten, daß Könige oder Oberklasse es tun. Reißt uns herunter! Aber

alle auf einmal!

Der Sohn einer Magd · 第 17 / 29 段