Das Semester kroch dahin, unerträglich langsam, ohne Ergebnis,

entnervend. Johan fühlte: bis hierher hatte er sich als Unterklasse

durchschlagen können, weiter aber nicht. Jetzt scheiterten seine Pläne

an einer Geldfrage. Oder war er dieses einseitigen Gehirnlebens ohne

Muskelarbeit müde? Kleine Erfahrungen, auf die er hätte gefaßt sein

müssen, taten das Ihrige, um ihn zu verbittern.

Eines Tages brachte Fritz einen jungen Grafen mit nach Haus. Fritz

stellte die Herren einander vor. Der Graf suchte sich zu erinnern, daß

sie in der Klaraschule Kameraden gewesen seien. Johan glaubte sich

auch daran zu erinnern. Die alten Freunde und Nebenmänner titulierten

einander Herr Graf und Herr.

Jetzt erinnerte sich Johan, wie er und der junge Graf in einer

Tabakscheune am Sabbatsberg gespielt hatten; wie Johan damals bei einer

Gelegenheit vorhergesagt: „In einigen Jahren, mein Lieber, kennen wir

uns nicht mehr‟. Der Graf hatte lebhaft widersprochen und sich verletzt

gefühlt.

Warum dachte Johan gerade jetzt an diesen Fall und nicht an so viele

andere, da es ja ganz natürlich ist, daß man einander entwächst,

wenn man lange nicht miteinander verkehrt hat? Weil er beim Anblick

des Adeligen das Sklavenblut kochen fühlte. Man hat geglaubt, der

Rassenunterschied habe diesen Haß erzeugt. Das kann aber nicht stimmen;

dann würde sich die stärkere Rasse der Unterklasse der schwächeren des

Adels überlegen fühlen. Es ist wohl ganz einfach Klassenhaß.

Der Graf war ein blasser magerer Jüngling, mit recht gewöhnlichen

Zügen, ohne Haltung; war recht arm und sah aus, als habe er gehungert.

Er hatte einen guten Kopf, war fleißig und durchaus nicht übermütig.

Später im Leben wurde er noch einmal Johan vorgestellt; da war er

ein freundlicher humaner Mann, der eine anspruchslose und stille

Beamtenlaufbahn eingeschlagen hatte, unter Schwierigkeiten, die denen

Johans glichen. Warum sollte er den hassen? Und sie lächelten zusammen

über den Unverstand der Jugend. Sie konnten damals lächeln, denn Johan

war gerade, was man „oben‟ nennt; sonst würde Johan wenigstens nicht

gelächelt haben.

„Steh auf, damit ich mich setzen kann,‟ so hat man mehr boshaft als

aufklärend das heutige Streben der unteren Klasse formuliert. Aber

man hat sich geirrt. Früher rieb man sich auf, um zu den andern

emporzukommen; jetzt will man die andern herunterziehen, um nicht mit

vieler Mühe nach oben klettern zu müssen, wo es kein oben gibt.

„Rück etwas, dann können wir beide sitzen,‟ müßte es eigentlich heißen.

Man hat gesagt, die jetzt oben sind, sind aus Notwendigkeit dahin

gekommen und würden unter allen Umständen dort sitzen; der Wettbewerb

sei frei; jeder könne hinaufkommen; und unter neuen Verhältnissen werde

der gleiche Wettlauf von neuem beginnen.

Gut, laß uns denn den Wettlauf von neuem beginnen; aber komm her und

stell dich hier unten auf, wo ich stehe, sagt die Unterklasse. Jetzt

hast du einen Vorsprung durch Kapital und Vorrechte; auch müssen wir

mit Wagengeschirr oder englischem Reitsattel gewogen werden, nach den

Forderungen der neueren Zeit. Daß du vorgekommen bist, beruht darauf,

daß du gemogelt hast! Das Wettrennen wird daher für ungültig erklärt,

und wir fangen von neuem an; falls wir uns nicht einigen, das ganze

Wettrennen zu lassen, als einen veralteten Sport vergangener Zeiten!

Fritz sah die Sache von einem andern Gesichtspunkt. Er wollte die

Oberen nicht in den Rock beißen, er wollte sich ihnen anpassen, zu

ihnen hinaufsteigen, ihnen ähnlich werden. Er fing an zu lispeln,

machte elegante Gebärden mit der Hand, grüßte wie ein Minister; warf

den Kopf, als ob er Zinsen beziehe. Aber er hütete sich, lächerlich

zu werden und ironisierte sich selbst und sein Streben. Die Sache

verhielt sich nun so, daß die Aristokraten, denen er gleichen wollte,

einfache, ungekünstelte, sichere Manieren hatten, einige sogar recht

bürgerliche, während Fritz nach einem alten Theatermodell arbeitete,

das nicht mehr vorhanden war. Er wurde darum auch im Leben nicht, was

er erwartet hatte, trotzdem er manchen Sommer auf den Schlössern seiner

Freunde verbrachte. Er endete auf einem recht bescheidenen Posten als

Beamter. Als Student wurde er ins Fremdenzimmer aufgenommen, weiter kam

er nicht; und der Amtsrichter wurde nicht vorgestellt in den Salons, in

die der Student gekommen war, ohne vorgestellt zu sein.

Die Wirkungen des verschiedenartigen Verkehrs begannen sich zu zeigen.

Zuerst Kälte, dann Feindschaft. Eines Nachts am Spieltisch kam es zum

Ausbruch.

Fritz hatte eines Tages gegen Ende des Semesters zu Johan gesagt:

-- Du mußt nicht mit solchen Duckmäusern verkehren!

-- Was haben sie denn für einen Fehler?

-- Keinen Fehler, aber du könntest mich lieber zu meinen Freunden

begleiten.

-- Wir gedeihen nicht zusammen!

-- Sie gedeihen doch mit mir; aber sie glauben, du seist hochmütig!

-- Ich?

-- Ja! Um zu zeigen, daß du es nicht bist, komm heute abend mit zum

Punsch.

Johan folgte ihm, aber widerstrebend.

Es waren sichere solide Juristen, die Karten spielten. Zuerst war es

Préférence. Man erörterte den Point, und es gelang Johan, den auf ein

Minimum herabzusetzen, obwohl die Herren saure Gesichter machten.

Dann wurde Tippen vorgeschlagen. Johan sagte, er spiele niemals Tippen.

-- Aus Grundsatz? fragte man.

-- Ja, antwortete er.

-- Wann hast du diesen Grundsatz angenommen? fragte Fritz giftig.

-- Jetzt!

-- Eben? Hier?

-- Ja, eben, hier! antwortete Johan.

Ein gehässiger Blick wurde gewechselt. Damit war es aus. Sie gingen

schweigend heim; legten sich schweigend zu Bett; standen schweigend

wieder auf. Sie aßen fünf Wochen lang mittags am selben Tisch,

schweigend, und sie sprachen nicht mehr. Die Kluft hatte sich

geöffnet, die Freundschaft war aus, der Verkehr war zu Ende, eine

Beziehung zwischen ihnen war nicht mehr vorhanden.

Wie kam das?

Ihre entgegengesetzten Naturen waren fünf Jahre lang durch Gewohnheit,

Klassenzimmer, Interesse zusammengehalten, von gemeinsamen

Erinnerungen, Niederlagen, Siegen zueinander gezogen worden. Es war

ein Kompromiß zwischen Feuer und Wasser, der aufhören mußte und

jeden Augenblick aufhören konnte. Er platzte nun auch wie ein Schuß;

die Masken fielen; sie wurden nicht Feinde, sondern entdeckten ganz

einfach, daß sie geborene Feinde seien; das heißt, zwei verschieden

geschaffene Naturen, die nach verschiedenen Richtungen strebten.

Man stellte kein Konto auf unter Zänkereien und anzüglichen

Beschuldigungen, sondern machte ein Ende, ohne daran zu denken. Es ging

von selbst.

Es war ein unheimliches Schweigen oft am Mittagstisch, wo sich die

Hände kreuzten, während die Blicke einander auswichen. Manchmal

bewegten sich Fritzens Lippen, als wollten sie sprechen, aber der

Kehlkopf arbeitete nicht. Was sollte man sagen? Sie hatten nichts zu

sagen, nichts anderes, als das Schweigen sagt: zwischen uns ist es aus!

Und doch war noch etwas da! Bald konnte Fritz abends nach Haus kommen;

aufgeräumt und sichtlich in der Absicht, zu sagen: komm mit und heitere

dich auf, alter Freund; blieb aber mitten im Zimmer stehen, von Johans

Kälte erstarrt, um dann wieder zu gehen. Bald überkam es Johan, der

unter dem Bruche litt, zum Freunde zu sagen: wie dumm sind wir doch!

Dann aber erfror er wieder, wenn er dessen weltmännische Art sah.

Sie hatten die Freundschaft dadurch verbraucht, daß sie zusammenzogen.

Sie konnten einander auswendig; der eine kannte des andern Geheimnisse

und Schwächen; wußte, was der andere auf seine Anrede antworten würde.

Es war aus!

Eine elende, entnervende Zeit folgte. Losgerissen aus dem Zusammenleben

der Schule, wo er wie der Teil einer Maschine gesessen und in

gemeinsamer Arbeit mit den andern Teilen tätig gewesen, hörte er jetzt,

sich selbst überlassen, auf zu leben. Ohne Bücher, Zeitungen, Verkehr

wurde er leer; denn das Gehirn produziert sehr wenig, vielleicht

nichts, und zum Kombinieren muß es Material von außen haben. Es

kam aber nichts von außen, die Kanäle waren verstopft, die Wege

abgeschnitten; seine Seele hungerte.

Zuweilen nahm er Fritzens Bücher und blickte hinein. Darunter fand er

zum ersten Male Geijers Geschichte. Geijer war ein großer Name, war

ihm nur bekannt durch die schlechten Gedichte: „Köhlerknabe, Letzter

Kämpe, Wiking‟ und andere. Jetzt wollte Johan den Historiker lesen.

Er las den Teil über Gustav Wasa. Er war erstaunt, weder einen großen

Gesichtspunkt noch neue Aufschlüsse zu finden. Und der Stil, von dem

man damals viel sprach, war alltäglich. Sie glich einer Gedächtnisrede,

diese kurze Geschichte der Regierung eines so lange lebenden Königs.

Und summarisch war sie auch, wie ein richtiges Lehrbuch. In kleiner

Schrift und ohne Anmerkungen gedruckt, hätte die ganze Regierung dieses

schöpferischen Königs nur eine Broschüre gebildet.

Johan fragte eines Tages die Kameraden, was sie von Geijer hielten. --

Der ist jämmerlich, antworteten sie. -- Das war damals die allgemeine

Ansicht, als noch keine Jubiläums- und Denkmalsrücksichten einen daran

hinderten, seine Meinung auszusprechen.

Dann warf er einen Blick in die Grundgesetze. Huh! Es war schauerlich,

so etwas lernen zu müssen! Durch Elternhaus und Christentum hatte

Johan einen solchen Unwillen gegen alles bekommen, was allgemeine

Interessen betraf. Auch hatte er unaufhörlich den alten Satz gehört,

die Jugend solle sich nicht mit Politik befassen, das heißt, mit dem

allgemeinen Wohl. Durch den Individualismus des Christentums, mit

dessen ewigem Wühlen im eigenen Ich und dessen Gebrechen, war er aus

Konsequenz Egoist geworden. „Wenn jeder seine Arbeit tut...‟, war ja

das erste Gebot der christlichen Egoistenmoral. Darum las er auch nicht

Zeitungen, kümmerte sich nicht darum, wer regierte und wer regiert

wurde; was sich draußen in der Welt zutrug; wie sich die Schicksale der

Völker gestalteten; was die großen Geister der Zeit dachten.

Darum kam es ihm auch nie in den Sinn, die Sitzungen der

Landsmannschaften zu besuchen, auf denen allgemeine Angelegenheiten

behandelt wurden. Das besorgen sie wohl allein, meinte er. Und er

war nicht der einzige, der so dachte. So wurden die Sitzungen der

Landsmannschaften von einigen flinken Kerlen geleitet, die vielleicht

mit Unrecht für Egoisten galten, die das allgemeine Interesse für

ihr eigenes benutzten. Johan, der die Angelegenheiten der kleinen

Gesellschaft gehen ließ, wie sie gingen, war wohl ein größerer Egoist,

da er sich mit den Privatangelegenheiten seiner Seele beschäftigte.

Doch zu seiner Entschuldigung und zu der vieler Landsleute muß gesagt

werden, daß er schüchtern war. Aber diese Schüchternheit hätte die

Schule durch Übungen in öffentlichem Auftreten und Unterricht im

Reden aufheben sollen. In der Schüchternheit lag doch auch Feigheit:

die Furcht vor Widerspruch, Gelächter; am meisten aber fürchtete

man, für frech gehalten zu werden; und jeder junge Mann, der sich

hervortun wollte, wurde sofort geduckt, denn hier herrschte die

Altersaristokratie in hohem Grade.

Wenn die Kammer ihm zu schwül wurde, ging er vor die Stadt. Aber die

furchtbare Landschaft mit ihrem endlosen Lehmboden machte ihn traurig.

Er war kein Bewohner der Ebene, sondern hatte seine Wurzeln in dem

durchschnittenen Gelände und der von Wasserzügen belebten Natur der

Stockholmer Gegend. Er litt unter der Landschaft von Upsala und hatte

eine Art Heimweh nach seiner eignen Landschaft. Als er Weihnachten nach

Hause kam und die lächelnden Strandkonturen der Brunnenbucht sah, wurde

er bis zur Empfindsamkeit gerührt; sein Auge ruhte auf den weichen

Laubwaldlinien des Hagaparkes, bis er seine Seele wieder gestimmt

fühlte, nachdem sie lange unharmonisch gewesen. So abhängig war sein

Nervenleben von der Umgebung.

Als eine kleinere Stadtgemeinde müßte die Kleinstadt Upsala ihn mehr

angesprochen haben als die Großstadt, die er haßte. Wäre die Kleinstadt

wirklich eine entwickelte Form des Dorfes, unter Beibehaltung der

einfachen Mittel des Landes für Gesundheit und Wohlbefinden, mit

Stücken der Landschaft zwischen den Häusern, so wäre sie vorzuziehen.

Jetzt ist die Kleinstadt eine dürftige, anspruchsvolle Kopie des

Irrtums der Großstadt: darum ist sie so widrig.

In Upsala war auch alles kleinstädtisch. Dieses unaufhörliche Erinnern

an die Landsmannschaft: -- Mein Name ist Peterson, Ostgote. -- Ich

heiße Andersson, Småländer. -- Und dann der Rangneid zwischen den

Landsmannschaften. Die Stockholmer hielten sich für die erste, wurden

deshalb von den „Bauern‟ beneidet und verachtet. Welche war die erste?

Darüber wurde viel gestritten. Große Männer hatten die Wermländer, in

deren Saal Geijers Porträt hing, und die Småländer, die Tegnér und

Linné besaßen, hervorgebracht. Die Stockholmer, die nur Bellman hatten,

wurden „Rinnsteinjungens‟ genannt. Das war nicht sehr witzig, besonders

da es von einem Studenten aus Kalmar kam; dem wurde denn auch mit der

Frage geantwortet, ob es in Kalmar keine Rinnsteine gebe. Die Kalmarer

hatten sich von den Småländern losgelöst und besaßen zwei Zimmer für

sich. Besonders entwickelte sich der Lokalpatriotismus, wenn es sich

darum handelte, die Vertreter der Studentenschaft zu wählen.

Auch wie sich die Professoren durch Zeitungsartikel und Pamphlete um

die Beförderung zankten, das hatte etwas Klatschnestartiges an sich;

dabei entschied der Kanzler der Universität, der in Stockholm saß,

doch in letzter Hand, wer auf den Lehrstuhl berufen werden solle. Man

sprach auch von sonderbaren Berufungen. Die Übergangenen wurden oft auf

eigentümliche Art getröstet; so wurde einer, der Dozent der Ästhetik

war, zum Kommerzienrat und Ritter des Nordsternordens ernannt.

Die Universität von Upsala hatte 1867 keinen einzigen hervorragenden

Lehrer, der sich über die Menge erhoben hätte. Einige waren alt und

geradezu heruntergekommene Grogonkels. Andere waren junge unerprobte

Dilettanten, die durch ihre Frauen und Talentchen weitergekommen waren.

Der einzige, der ein gewisses Ansehen genoß, war Swedelius. Mehr

jedoch wegen seiner humanen gutmütigen Art und der Anekdoten, die er

in Umlauf setzte, als wegen seines Geistes. Seine gelehrte Tätigkeit

beschränkte sich darauf, Lehrbücher und Gedächtnisreden zu verfassen;

beide in einem derben überschwedischen Tone; sie waren weder streng

wissenschaftlich, noch verrieten sie selbständige Forschung.

Im großen ganzen war alles, was gelesen wurde, vom Ausland geholt,

am meisten aus Deutschland. Die Lehrbücher der meisten Fächer waren

in deutscher oder französischer Sprache verfaßt. In englischer

dagegen selten, denn die konnte man nicht. Selbst der Professor der

Literaturgeschichte konnte die englische Aussprache nicht; er begann

seine Vorlesungen immer damit, daß er sich deswegen entschuldigte.

Daß er die Sprache kenne, brauchte er nicht zu erklären, da man seine

Übersetzungen englischer Dichtungen kannte. Aber warum lernt er nicht

die Aussprache? fragten sich die Studenten. Die meisten Doktorschriften

waren nur schlechte Bearbeitungen aus dem Deutschen; sogar Fälle

direkter Übersetzung kamen vor und veranlaßten Skandale.

Das war jedoch für die Epoche nicht bezeichnend, denn eine schwedische

Bildung gibt es ebensowenig wie eine belgische, eine schweizerische

oder eine ungarische, trotzdem es einen Linné und einen Berzelius gab,

von denen aber keiner in Schweden einen Nachfolger erhalten hat.

* * * * *

Johan litt unter dem Mangel an Unternehmungslust. Die Schule hatte

ihm Arbeit in die Hände gegeben. Die Universität überließ alles ihm

selber. Mutlosigkeit und Trägheit ergriffen ihn. Gequält von dem

Gedanken, was er anfangen solle, wenn dieses Vierteljahr zu Ende war,

faßte er den Entschluß, eine Anstellung zu suchen, die ihm Brot geben

könne.

Von einem Kameraden hatte er gehört, daß man Volksschullehrer auf dem

Lande werden könne, ohne eine Prüfung bestanden zu haben; auf einer

solchen Stelle könne man leben. Es war Johans Traum, auf dem Lande zu

leben. Er hatte einen angeborenen Widerwillen gegen die Stadt, obwohl

er in der Hauptstadt geboren war. Er konnte sich nicht in dieses Leben

ohne Licht und Luft finden; nicht gedeihen auf diesen Straßen und

Märkten. Die waren wie dazu gemacht, die äußeren Zeichen zu Markt zu

bringen, die das Steigen oder Fallen auf der sinnlosen sozialen Skala

angeben, auf der Nebensachen wie Kleider und Benehmen soviel bedeuten.

Johan hatte die Kulturfeindschaft im Blut, fühlte sich immer als ein

Produkt der Natur, das sich von dem organischen Zusammenhang mit der

Erde nicht lösen lassen will. Er war eine wilde Pflanze, die vergebens

mit ihren Wurzeln nach einer Metze Erde zwischen den Straßensteinen

sucht; ein Tier, das sich nach dem Walde sehnt.

Es gibt einen Fisch, der auf Bäume klettert; der Aal kann aufs Land

gehen, um das Erbsenfeld zu besuchen: beide aber kehren immer wieder

ins Wasser zurück. Die Hühner sind schon so lange zu Haustieren

gemacht, daß die Vorfahren ausgestorben sind, aber dennoch hat der

Vogel die Gewohnheit behalten, auf einem Pflock zu schlafen. Das ist

der Nachtzweig des Auerhuhns und Birkhuhns. Die Gänse werden unruhig im

Herbst, denn ihr Blut erinnert sich daran, daß es Zugzeit ist. Besser

steht es nicht um die Anpassung! Strebt immer zurück!

So ist es auch mit dem Menschen. Der Bewohner des Nordens hat sich

nicht, die Gewohnheiten der Kultur beibehaltend, dem nördlichen Klima

anpassen können; darum ist Lungenentzündung eine nordische Krankheit.

Magen, Nerven, Gehirn, Haut können sich anpassen, aber die Lungen

nicht. Der Eskimo dagegen, der auch ein Südländer ist, hat sich dem

Eise angepaßt, mußte dabei aber die Kultur aufgeben. Und die Sehnsucht

des Nordländers nach dem Süden? Was ist die anders als ein Streben,

wieder in seine erste Umgebung zu kommen, in ein sonnigeres Land, an

die Ufer des Ganges, wo die Wiege stand. Und des Kindes Widerwillen

gegen Fleischnahrung, sein Verlangen nach Früchten, seine Neigung

zum Klettern: lauter Zurückstreben! Darum ist die Kultur: leben in

ewiger Spannung, in einem ewigen Kampfe gegen Rückgang. Durch die

Erziehung wird die Uhr aufgezogen; ist aber die Feder nicht stark

genug, so springt sie, und die ganze Maschinerie schnurrt ab, wieder

zurück, bis Ruhe eintritt. Je größer die Kultur wird, desto größer die

Spannung, und die statistischen Darstellungen des Wahnsinns zeigen

immer mehr Ziffern in der Kolumne. Man kann gegen den Kulturstrom nicht

anstreben, aber man kann sich aufs Land retten. Der Sozialismus, der

jetzt (1886) kommt und die Oberklasse mit ihrem wertlosen „Höher‟,

das einen verlockt, in die Höhe zu streben, abfieren will, ist eine

Bewegung in zurückgehender gesunder Richtung. Die Spannung muß sich ja

vermindern, wenn sich der Druck vermindert. Aber damit wird ein großer

Teil Luxuskultur abgeschafft werden. In gewissen Gegenden der deutschen

Schweiz hat sich bereits verhältnismäßige Ruhe eingefunden. Da jagt

man nicht unruhig nach Ehrenstellen und Auszeichnungen, weil es die

nicht gibt. Ein Millionär wohnt in einer größeren Hütte und lacht den

geschnürten und geputzten Städter aus; lacht ein gutes Lachen und nicht

neidisch bitter, denn er weiß, er könnte diesen Putz gegen bar kaufen,

wenn er nur wollte. Aber er will nicht, denn seine Nachbarn schätzen

den Luxus nicht.

Die Menschen können also glücklicher werden, wenn das Jagen nicht mehr

so hitzig ist; und sie werden glücklicher werden, denn das Glück ist

wohl hauptsächlich Friede, weniger Arbeit und weniger Luxus. Nicht die

Eisenbahnen sind zu tadeln, sondern das übermäßige Anlegen von Bahnen;

in der arkadischen Schweiz hat man schon Gegenden mit Bahnen ruiniert,

in denen nichts zu verfrachten ist und die Passagiere zu Fuß gehen. Ja,

man zählt noch heute die Entfernungen nach der Fußwanderung. -- Es sind

acht Stunden nach Zürich, sagt man. -- Acht? Das ist nicht möglich! --

Doch, das ist sicher. -- Auf der Bahn? -- Ach so, auf der Bahn, da sind

es wohl nur anderthalb.

In Schweden gibt es eine Bahn, die regelmäßig drei Passagiere in ihren

drei Klassen hat: Fabrikbesitzer, Verwalter, Buchhalter. Vielleicht

erleben wir's, daß man anfängt die Bahnhöfe zu schließen aus Mangel

an Kohlen, wenn die Grubenstreiks die Preise erhöht haben; aus Mangel

an Schaffnern, wenn die Löhne gestiegen sind; und aus Mangel an

Frachten, wenn Hafer und Holz nicht mehr ausgeführt werden können. Das

Eisen ist schon zu teuer, um die Bahn zu benutzen, und muß die alten

Wasserstraßen aufsuchen.

Die Predigt gegen die Kultur hilft nicht; das weiß man wohl; wenn man

aber die Bewegungen der Zeit verfolgt, wird man sehen, daß ein Rückgang

zur Natur im Gange ist; wird bereits mit dem von Turgenjew eingeführten

Wort „Vereinfachung‟ bezeichnet. Es ist der Irrtum der Evolutionisten,

daß sie in allem, was sich in Evolution oder Bewegung befindet, einen

Fortschritt zum Glück der Menschheit sehen; denn sie sehen nicht, daß

sich eine Krankheit auch zur Krisis, Genesung oder Tod, entwickelt.

Welch loses Anhängsel ist doch die Kultur! Mach einen Adeligen

betrunken, und er wird ein Wilder werden; laß ein Kind ohne Erziehung

in den Wald (angenommen, es kann sich dort ernähren), und es wird

nicht einmal sprechen lernen. Aus einem Bauernjungen, der so niedrig

stehen soll, kann man (in derselben Generation also) einen Gelehrten,

Minister, Erzbischof, Künstler machen. Hier kann man nicht von

Vererbung sprechen, denn der Bauer, der Vater, der auf einem für

niedrig geltenden Standpunkt stehen geblieben ist, hat doch nichts

von veredelten Gehirnen erben können. Und die Kinder der Genies sind

gewöhnlich nichts anderes als ausgebrannte Gehirne; oft bleibt eine

gewisse Meisterschaft im Beruf des Vaters; die ist jedoch meist durch

täglichen Verkehr mit dem Vater erworben.

Die Stadt ist die Feuerstätte, die das lebendige Brennholz vom Lande

verschlingt; um die jetzige soziale Maschinerie im Gang zu halten,

das ist wahr; aber dieses Brennmaterial wird auf die Dauer zu teuer,

und darum wird die Maschine stehen bleiben. Die künftige Gesellschaft

wird diese Maschine nicht brauchen, um arbeiten zu können; oder es

wird gehen, indem man Brennmaterial spart. Aber von dem Bedürfnis der

gegenwärtigen Gesellschaft auf das der künftigen zu schließen, ist ein

Fehlschluß.

Die jetzige Gesellschaft ist vielleicht ein Naturprodukt, aber ein

unorganisches; die künftige Gesellschaft wird erst ein organisches

Produkt, also ein höheres, werden, weil sie den Menschen nicht von den

ersten Grundbedingungen für ein organisches Dasein löst. Es wird der

gleiche Unterschied werden wie zwischen Steinstraße und Wiese.

* * * * *

Die Träume des Jünglings verließen oft die künstliche Gesellschaft, um

die Natur aufzusuchen. Die Gesellschaft war zustande gekommen, indem

die Menschenhand den Naturgesetzen Gewalt angetan hatte. Man kann eine

Pflanze vergewaltigen, indem man sie unter einem Blumentopf bleicht;

man bringt dann zwar ein für den Menschen nützliches Salatgewächs

hervor, verdirbt aber die Pflanze als Pflanze in ihrer Fähigkeit,

gesund zu leben und sich fortzupflanzen. Der Kulturmensch ist eine

solche Pflanze, ist durch Kunstbleiche für die gebleichte Gesellschaft

nützlich gemacht, aber unglücklich und ungesund als einzelner. Soll

denn das Bleichen immer weiter gehen, damit die morsche Gesellschaft

bestehen bleibt? Soll der einzelne unglücklich leben, um eine ungesunde

Gesellschaft aufrecht zu erhalten? Und kann die Gesellschaft gesund

sein, wenn die einzelnen krank sind? Der einzelne kann wohl nicht

verlangen, daß die Gesellschaft seinetwegen geopfert wird; aber +die+

einzelnen oder die Mehrheit haben das Recht, Änderungen im Zustand

der Gesellschaft zu fordern, damit sie sich wohlbefinden; denn die

Gesellschaft, das sind sie ja selber!

Der Sohn einer Magd · 第 16 / 29 段