Johan hatte die Wahrheit sagen gelernt. Log ein wenig, wie alle Kinder,

aus Selbstverteidigung oder auf naseweise Fragen; es machte ihm aber

ein brutales Vergnügen, mitten in einer Unterhaltung, wenn man mit der

Wahrheit Umstände machte, gerade heraus zu sagen, was alle dachten. Auf

einem Ball fragte seine Dame, als er schweigsam war, ob ihm das Tanzen

kein Vergnügen mache.

-- Nein, durchaus nicht.

-- Warum tanzen Sie denn?

-- Weil ich dazu gezwungen bin.

Er hatte Äpfel gestohlen, wie alle Knaben, und das bedrückte ihn nicht;

er machte kein Geheimnis daraus. Es war ja hergebracht.

In der Schule hatte er niemals Verdrießlichkeiten gehabt. Einmal am

letzten Tage des Vierteljahrs hatte er einen Kleiderhaken abgebrochen

und alte Schreibhefte zerrissen, aber mit andern zusammen. Er allein

wurde bestraft. Es war eine Unart, ein Ausbruch wilder Freude und wurde

nicht weiter tragisch genommen.

Wie er jetzt über sich zu Gericht saß, begann er die Urteile anderer

Menschen über sich zu sammeln; jetzt erst war er bestürzt über die

wechselnden Urteile. Der Vater hielt ihn für hart; die Stiefmutter

für boshaft; die Brüder für sonderbar; die Mägde hatten ebenso viele

Urteile, wie ihre Zahl war; die letzte hatte ihn gern, war der Meinung,

die Eltern behandelten ihn schlecht und er sei nett; die Freundin hielt

ihn zuerst für gefühlvoll; der Ingenieur zuerst für ein liebenswürdiges

Kind; Freund Fritz für einen Kopfhänger, aber voller Wildheiten; nach

den Tanten hatte er ein gutes Herz; nach Großmutter hatte er Charakter;

seine Geliebte, die eine Kellnerin war, vergötterte ihn natürlich;

die Lehrer in der Schule wußten nicht recht, was sie mit ihm anfangen

sollten; gegen die schroffen war er schroff, gegen die freundlichen

freundlich. Und die Kameraden? Die sagten es nie; Schmeichelei war

nicht gebräuchlich, dagegen Schelte und Schläge, wenn's nötig war.

Johan fragte sich jetzt, ob er ein so vielseitiger Mensch sei, oder

ob die Urteile so vielseitig waren. War er falsch? Zeigte er sich

anders gegen die einen als gegen die andern? Ja, und davon hatte die

Stiefmutter Witterung. Sie sagte immer, er tue schön, wenn sie etwas

Gutes über ihn hörte. Ja, aber alle taten schön. Sie, die Stiefmutter,

war freundlich gegen ihren Mann, hart gegen die Stiefkinder, weich

gegen ihr eigenes Kind, war demütig gegen den Hauswirt, hochmütig gegen

die Mägde, knickste vor dem Geistlichen, lächelte die Mächtigen an,

grinste über die Ohnmächtigen.

Das war das Gesetz der Anpassung, das Johan noch nicht kannte. So waren

die Menschen; es war ein Trieb, sich anzupassen; der war berechnet,

konnte aber auch unbewußt, eine Reflexbewegung sein. Wie ein Lamm gegen

seine Freunde, wie ein Löwe gegen seine Feinde.

Wann aber war man wahr? Und wann war man falsch? Wo war das Ich zu

finden? Das der Charakter sein sollte? Es war nicht auf der einen noch

auf der andern Seite: es war auf beiden. Das Ich ist kein Selbst; es

ist eine Menge Reflexe, ein Komplex von Trieben und Begierden, von

denen bald die einen unterdrückt, bald die andern losgelassen werden!

Der Komplex des Jünglings war, durch viele Kreuzungen des Blutes,

streitende Elemente im Familienleben, reiche Erfahrungen aus Büchern,

bunte Erlebnisse im Leben, ein ziemlich reiches Material, aber

ungeordnet. Er suchte noch seine Rolle, da er seine Stellung noch nicht

gefunden hatte; darum fuhr er fort „charakterlos‟ zu sein.

Er war noch nicht dazu gekommen, sich zu entscheiden, welche Triebe zu

unterdrücken seien und wieviel vom Ich für die Gesellschaft geopfert

werden müsse, in die er jetzt eintreten sollte.

Hätte er sich selber sehen können, würde er erkannt haben, daß die

meisten Worte, die er sprach, den Büchern und den Kameraden entlehnt

waren; seine Gebärden Lehrern und Freunden; seine Mienen Verwandten;

seine Natur Mutter und Amme; seine Neigungen dem Vater, dem Großvater

vielleicht. Sein Gesicht trug keine Züge, weder von der Mutter noch

vom Vater. Da er weder den Vater der Mutter noch die Mutter des Vaters

gesehen hatte, konnte er über seine Ähnlichkeit mit diesen beiden nicht

urteilen. Was hatte er denn von sich selbst und in sich selbst? Nichts!

Aber zwei Grundzüge waren in seinem Seelenkomplex, die für sein Leben

und sein Schicksal bestimmend wurden.

Der Zweifel! Er nahm die Gedanken nicht kritiklos an, sondern

entwickelte sie, verglich sie miteinander. Darum konnte er nicht

Automat werden und sich nicht in die geordnete Gesellschaft eintragen

lassen.

Empfindlichkeit gegen Druck! Darum suchte er teils den Druck zu

verringern, indem er sein eigenes Niveau hob, teils das höhere zu

kritisieren, um einzusehen, daß es nicht so hoch steht, also nicht so

erstrebenswert ist.

So trat er ins Leben hinaus! Um sich zu entwickeln, und doch immer zu

bleiben, wie er war.

11.

+Im Vorhof+.

(1867)

Der in Upsala einfahrende Dampfer ist an der Domkirche vorbeigekommen;

Universität und Bibliothek treten hervor. -- Jetzt beginnt das

eigentliche Steinwerfen! ruft ein Kamerad aus, einen Ausdruck von den

Straßenunruhen von 1864 gebrauchend. -- Das eigentliche! Die fröhliche

Stimmung, die nach dem Frühstück und dem Punsch geherrscht hat, legt

sich; man fühlt, es ist Ernst in der Luft und der Kampf wird beginnen.

Man verspricht einander nicht ewige Freundschaft, versichert sich nicht

gegenseitig der Hilfe. Die Jugend ist aus dem Rausch der Romantik

erwacht. Man weiß, bei der Landung scheidet man voneinander; neue

Interessen werden die Schar zerstreuen, die das Klassenzimmer bisher

zusammengehalten hat; der Wettstreit wird Bande zerreißen; alles wird

vergessen werden. Das eigentliche Steinwerfen wird beginnen.

Johan mietete mit dem Freunde Fritz zusammen ein Zimmer in der

Klostergasse. Darin waren zwei Betten, zwei Tische, zwei Stühle und

ein Schrank. Es kostete dreißig Kronen fürs Vierteljahr, also fünfzehn

Kronen für jeden. Das Mittagessen wurde von der Aufwärterin geholt und

kostete zwölf Kronen im Monat, also sechs Kronen für jeden. Morgens

und abends wurden ein Glas Milch und ein Butterbrot verzehrt. Das war

alles. Holz kaufte man von einem Bauern auf dem Markt, für vier Kronen

eine Bauernklafter. Dann erhielt Johan einen Glasballon mit Petroleum

von Haus als Geschenk; auch durfte er seine Wäsche nach Stockholm

schicken. Er hatte achtzig Kronen in seiner Tischschublade; damit

sollte er alle Ausgaben des Vierteljahrs bestreiten.

In eine neue eigentümliche Gesellschaft, die von jeder andern

verschieden war, trat er jetzt ein. Sie hatte Vorrechte wie das alte

Herrenhaus und eigenen Gerichtsstand. Aber es war eine Kleinstadt;

es roch nach Bauern. Alle Professoren waren Bauern, kein einziger

Stockholmer. Häuser und Straßen waren die einer typischen Kleinstadt.

Und hierher war das Hauptquartier der Bildung verlegt, infolge einer

Inkonsequenz der Regierung, die doch ganz sicher die Hauptstädte für

die großen Mittelpunkte der Bildung hielt.

Man war Student und als solcher Oberklasse in der Stadt, deren Bürger

mit dem verächtlichen Namen „Philister‟ bezeichnet wurden. Der Student

stand noch außer und über dem bürgerlichen Gesetz. Fenster einschlagen,

Zäune niederbrechen, mit der Polizei raufen, den Straßenfrieden stören,

ins Eigentumsrecht eingreifen -- war erlaubt, denn es wurde nicht

bestraft; höchstens mit einem Verweis, da der alte Karzer im Schlosse

nicht mehr benutzt wurde. Ja, man genügte sogar seiner Militärpflicht

in eigener Uniform, die Vorrechte genoß. So wurde man planmäßig zum

Aristokraten erzogen, bildete einen neuen Herrenstand, nachdem das

Herrenhaus gestürzt war. Was für den „Philister‟ ein Verbrechen, war

für den Studenten Spiel und Ulk. Auch befand sich der Studentengeist

jetzt auf seiner höchsten Höhe infolge einer Sängerfahrt nach Paris.

Die studentischen Sänger hatten dort Glück gehabt und wurden bei ihrer

Heimkehr als Sieger und Triumphatoren begrüßt.

Johan wollte jetzt auf den Doktor arbeiten, besaß aber kein Buch. --

Im ersten Semester muß man sich orientieren, hieß es. Er ging in die

Landsmannschaft. Die Landsmannschaft war ein veralteter Überrest der

landschaftlichen Verfassung; und zwar so veraltet, daß die annektierten

Provinzen Schonen, Halland, Blekinge nicht unter den Landsmannschaften

vertreten waren.

Die Landsmannschaft war wie eine wohlgeordnete Gesellschaft in Klassen

geteilt, jedoch nicht nach Fähigkeiten, sondern nach Alter und gewissen

verdächtigen Verdiensten; und noch stand im Verzeichnis das Wort

„Nobilis‟ hinter den Namen der Adeligen. Auf viele Arten konnte man

sich in der Landsmannschaft zur Geltung bringen: durch adeligen Namen,

Beziehungen, Verwandtschaft, Geld, Talent, Kühnheit, Geschmeidigkeit.

Das letzte allein genügte jedoch nicht gegenüber so skeptischen und

verständigen jungen Herren.

Am ersten Abend, den er in der Landsmannschaft verbrachte, machte Johan

seine Erfahrungen. Alte Kameraden aus der Klaraschule waren in Menge

zu treffen; denen wich er aber am liebsten aus und sie ihm. Er hatte

die Fahne verlassen und einen Richtweg über die Privatlehranstalt

eingeschlagen, während sie ihren Trott durch die staatliche Schule

weiter getrabt waren. Nach seinem Eindruck waren sie alle zu korrekt

und etwas verkümmert. Fritz dagegen stürzte sich sofort unter

die Aristokraten, ließ sich vorstellen, schloß mit Leichtigkeit

Bekanntschaften, fühlte sich wohl.

Als sie in der Nacht heimgingen, fragte Johan, wer der Snob sei, der

eine Sammetjacke getragen und auf dessen Benoitonkragen[3] Steigbügel

gemalt waren. Fritz antwortete, es sei kein Snob; und es sei kleinlich,

Leute nach feinen Kleidern zu beurteilen; ebenso kleinlich, wie sie

nach schlechten zu beurteilen. Das verstand Johan mit seinen Begriffen

aus der Unterklasse nicht und blieb bei seiner Auffassung. Fritz

beteuerte, es sei ein überaus netter Mensch; auch sei er Ältester in

der Landsmannschaft. Um Johan zu necken, fügte Fritz hinzu, dieser

„Snob‟ habe seine Anerkennung über Art und Betragen der Neulinge

ausgesprochen; sie besitzen Haltung, habe er gesagt. „Früher sahen die

Stockholmer wie Gesellen aus, wenn sie hierher kamen.‟ Johan wurde von

dieser Mitteilung verletzt und fühlte, etwas war zwischen sie gekommen.

Fritzens Vater war zwar nur Müllerknecht gewesen, aber seine Mutter

von adeliger Geburt. Er hatte von seiner Mutter geerbt, was Johan von

seiner geerbt.

Die Tage vergingen. Fritz zog jeden Morgen seinen Frack an und ging, um

den Professoren den Hof zu machen; er wollte Jurist werden. Da konnte

man Karriere machen! Die Juristen allein konnten sich solche Kenntnisse

erwerben, die für das öffentliche Leben von Nutzen waren; sie allein

konnten in die Organisation der Gesellschaft hineinsehen, mit Handel

und Wandel des täglichen Lebens in Kontakt treten. Das waren die

Realisten.

Johan hatte keinen Frack, keine Bücher, keine Bekannte.

-- Nimm doch meinen Frack, sagte Fritz.

-- Nein, ich will mich nicht lieb Kind bei den Professoren machen,

sagte Johan.

-- Du bist dumm, sagte Fritz.

Da hatte er nicht ganz unrecht. Die Professoren gaben wirklich Auskunft

über den Lehrgang, wenn auch unbestimmte. Es war eine Art Hochmut bei

Johan, daß er nur der eignen Arbeit sein Fortkommen danken wollte. Was

schlimmer war, er hielt es für schimpflich, als Kriecher durchschaut

zu werden. Würde nicht ein alter Professor sofort wissen, daß Johan

vor ihm kroch? Daß Johan ihn benutzen wollte? Sich Vorgesetzten

unterordnen, war nämlich gleichbedeutend mit kriechen.

Alles war übrigens recht unbestimmt. Die Universität, die dem Jüngling

als die Hochschule der freien Forschung vor Augen geschwebt hatte,

war im Grunde nur eine Prüfungsanstalt; eine Schule mit Pensum und

Überhören; nach den Aufgaben aber mußte man Kameraden fragen, denn die

Professoren wollten es nicht wahr haben, daß es Aufgaben waren. Sie

hielten Vorlesungen des Aussehens halber oder des Gehaltes wegen, und

ohne Seminar (Privatstunden) war kein Examen möglich.

Johan beschloß, Vorlesungen zu besuchen, die nichts kosteten. Er ging

also in die Universität, um Geschichte der Philosophie zu hören. In der

dreiviertel Stunde, welche die Vorlesung dauerte, nahm der Professor

die Einleitung zur Ethik des Aristoteles durch. Las er drei Male in der

Woche, hätte er also vierzig Jahre gebraucht, um die Geschichte der

Philosophie durchzunehmen. Vierzig Jahre, dachte Johan, das dauert zu

lange für mich: also ging er nicht mehr hin.

Aber so war es überall. Ein Dozent las über Shakespeares „Heinrich

VIII.‟. Er erklärte ihn auf englisch vor einem Publikum von fünf

Personen. Johan hörte einige Male zu; merkte aber, daß es zehn Jahre

dauern würde, bis der Dozent mit „Heinrich VIII.‟ zu Ende käme.

Es begann ihm jetzt ein Licht aufzugehen, was beim Examen verlangt zu

werden pflegte. Das erste war, öffentlich einen lateinischen Aufsatz zu

schreiben. Also noch mehr Latein. Das war ihm zuwider. Als Hauptfächer

hatte er Ästhetik und lebende Sprachen ausersehen. Aber die Ästhetik

umfaßte die Geschichte der Architektur, Skulptur, Malerei, Literatur;

dazu die ästhetischen Systeme. Um das alles zu durchdringen, dazu

gehörte ein Leben. Lebende Sprachen waren Französisch, Deutsch,

Englisch, Italienisch, Spanisch; dazu vergleichende Sprachwissenschaft.

Woher sollte er die Bücher nehmen? Und er hatte kein Geld, um Kollegs

zu belegen!

Er machte sich indessen an die Ästhetik. Hatte erfahren, daß man auf

der Landsmannschaft Bücher leihen könne; so lieh er sich die Teile von

Atterboms „Sehern und Dichtern‟, die zufällig vorhanden waren. Sie

handelten leider nur über Swedenborg und enthielten Thorilds Briefe.

-- Ja, aber das sollte man doch wohl um Himmels willen nicht auswendig

lernen? Darauf konnte niemand antworten. Swedenborg kam ihm albern vor,

und Thorilds Briefe an Per Tamm gingen ihn nichts an.

Swedenborg und Thorild waren zwei echte Schweden, die im Lande der

Einsamkeit von der Krankheit der Einsamkeit, dem „Größenwahn‟,

ergriffen wurden. Die Krankheit ist in Schweden gerade wegen der

abgesonderten Lage und der über eine große Fläche verteilten kleinen

Volksmenge recht gewöhnlich und oft ausgebrochen: in Gustav Adolfs

Kaiserplänen, Karls X. Ideen von einer europäischen Großmacht, Karls

XII. Attilaprojekt, Rudbecks Atlantikamanie; zuletzt in Swedenborgs und

Thorilds Phantasien vom Stürmen des Himmels und vom Brande der Welt.

Johan kamen sie verrückt vor, und er warf das Buch fort. Und das sollte

man lernen?

Er dachte über seine Lage nach. Was sollte er in Upsala tun?

Mit achtzig Kronen in sechs Jahren den Doktor machen? Und dann?

Darüber hinaus dachte er nicht. Keine größeren Zukunftspläne, keine

ehrgeizigeren Träume als: den Doktor machen. Lorbeerkranz, Doktorhut,

und dann bis an sein selig Ende Lehrer an der Jakobischule. Nein, das

wollte er doch nicht!

Die Zeit verging und die Weihnacht nahte. Das Geld schmolz langsam aber

sicher in der Tischschublade. Und dann? Eine Hauslehrerstelle fanden

die Studenten nicht mehr so leicht, seit die Eisenbahnen die Verbindung

zwischen dem Lande und den Städten, wo es Schulen und Gymnasien gab,

verbessert hatten. Es war ein Wahnsinn von ihm gewesen, die Universität

zu beziehen.

Als keine Bücher mehr zu haben waren, begann er sich bei den Kameraden

umherzutreiben. Er entdeckte Leidensgenossen. Traf zwei, die das ganze

Semester Schach gespielt hatten und nicht mehr als ein Gesangbuch

besaßen, das die Mutter ihnen in den Koffer gesteckt. Sie stellten sich

auch die Frage: Was habe ich hier eigentlich zu schaffen? Das Examen

kam nicht zu einem, sondern man mußte die geheimen Wege aufsuchen,

Pedelle mit Kolleggeldern bestechen, durch Löcher kriechen, für Bücher

Schulden machen, sich in Vorlesungen sehen lassen: oh, es war soviel,

soviel!

Um die Zeit auszufüllen, lernte er im Sextett der Landsmannschaft das

B-Kornett blasen; dazu hatte Fritz ihn beredet, der die Tenorposaune

blies. Aber die Übungen wurden unregelmäßig abgehalten und stifteten

Zwietracht im Haushalt.

Johan spielte auch Brett. Fritz aber haßte das Spiel; darum wanderte

Johan mit dem Brettspielkasten bei Bekannten umher und spielte

mit ihnen. Das war ziemlich stumpfsinnig; ebenso stumpfsinnig wie

Swedenborg lesen, meinte er.

-- Warum studierst du nicht? fragte Fritz oft.

-- Ich habe keine Bücher, antwortete Johan.

Das war wirklich ein Grund.

Freiheit, die hatte er wenigstens, Freiheit von Glockenschlag und

Überwachung; sie wurde aber drückend empfunden. Wenn es Lehrer und

Schulbücher gegeben hätte, wäre es besser gewesen, und mancher junge

Mann wäre nicht verloren gegangen. Die Freiheit wurde nur wie ein

leerer Raum empfunden, den die, welche nicht das Geld hatten, um sich

in der Arbeit des Universitätslebens heimisch zu machen, unmöglich

ausfüllen konnten. Die aufgedrungene Faulheit war unerträglich; wäre es

mit seiner Ehre vereinbar gewesen, Johan wäre umgekehrt.

Kneipen konnte er nicht besuchen, weil er kein Geld hatte. In

„Bierstuben‟ schlüpfte er mit hinein; sah dort schlimme Dinge. Junge

Leute standen hintereinander, saßen auf Tischen und Kommoden herum

und tranken Bier, während sie abwarteten, bis sie an die Reihe kamen.

Einmal sah er, wie ein Weib, das schon fünfzig Jahre alt war, Jünglinge

empfing; ein andermal, wie sich ein Ehemann nach der Wand drehte,

während seine Frau empfing; dabei saßen Studenten auf dem Bettrand und

hielten das Licht. Die vielen andern, die nicht dazu gelangen konnten,

erschöpften ihre Manneskraft durch Gewalttätigkeiten. So hatten einige

eines Nachts einen Balken von fünfzehn Ellen genommen und damit ein

Holzhaus zu demolieren versucht. Es war vollständiger Wahnsinn.

Es jammern heute so viele über das harte Schicksal der Prostituierten,

weil sie glauben, Not und Verführung sind die einzigen Ursachen. Johan

fand dagegen während seines langen Junggesellenlebens kein einziges

Freudenmädchen, das sentimental gewesen oder sein Leben hätte ändern

wollen. Sie hatten es aus Geschmack gewählt, befanden sich wohl dabei,

waren alle vergnügt. Es waren beinahe alle Dienstmädchen, die ihre

Stellungen verlassen hatten, weil die ihnen zu langweilig waren. Von

dem Verführer sprachen sie nie anders als von dem Ersten; und einer

mußte doch der Erste sein. Daß sie untersucht wurden, war ihnen

natürlich nicht angenehm; aber der Rekrut wird auch untersucht. Um

wieviel berechtigter ist da nicht die hygienische Maßregel bei den

Frauen, welche die Krankheit verschulden; was die Männer nicht tun.

Allgemein und offen beklagte man sich darüber, daß der nächtliche

Schlaf durch Phantasien gestört wurde; und die verlorene Kraft

ersetzte man durch Punsch und Grog. Johan lebte äußerst nüchtern; zu

Mittag wurde nur Wasser getrunken; wenn er und Fritz am Sonntag ihre

halbe Flasche Bier nahmen, wurden sie halb berauscht, blieben bei Tisch

sitzen und erzählten einander zum hundertsten Male gemeinsame Abenteuer

aus der Schulzeit.

* * * * *

Ein kleines Ereignis von ungewöhnlicher Beschaffenheit veranlaßte

Johan, seine Erfahrung auf einem Gebiet zu bereichern, das beinahe

luftdicht verschlossen ist. Es ist aber an der Zeit, es zu öffnen,

damit man die Frage erörtern kann. Eines Morgens im Anfang des

Semesters erhielten Johan und Fritz eine Visitenkarte mit der

Einladung, den Freund von X., Legationssekretär der ...schen

Gesandtschaft zu Stockholm, im Gasthaus zu besuchen.

-- Ist der hier? sagte Fritz. Dann gibt es ein feines Mittagessen!

-- Erinnerst du dich nicht, daß er uns zu besuchen versprach, wenn er

nach Upsala käme?

-- Ich glaubte, das hätte er vergessen.

Wie die feine Bekanntschaft geschlossen wurde? Im Sommer nach der

Studentenprüfung war Johan mit seinem Kreise in dem vornehmen

Restaurant Hasselbacken (Haselhöhe) im Stockholmer Tiergarten gewesen.

Dort wurden sie dem Legationssekretär von X. vorgestellt, der sich zu

ihnen gesetzt hatte. Es war ein älterer Mann mit seimigen Augen, dessen

Wesen aber recht gemütlich, herablassend war. Er trank mit den jungen

Leuten, von denen einige ihn aus den Gesellschaften beim Kammerherrn

kannten, Brüderschaft.

Man trank mehr, als man vertrug, und Herr von X. mußte aufbrechen. Er

nahm eine Droschke; Johan und Fritz begleiteten ihn. Unterwegs tauschte

sich Herr von X. eine Studentenmütze ein, die er sich aufsetzte; das

erregte allgemeine Aufmerksamkeit unter den Leuten auf der Straße.

Schließlich sagt von X.:

-- Kommt zu mir hinauf und trinkt ein Glas Champagner.

Johan nimmt dankend an, Fritz aber blinzelt mit den Augen und sagt nein.

-- Wir sind eingeladen, sagt er, und müssen erst nach Hause gehen, um

uns umzuziehen.

Johan macht Augen, aber Fritz tritt ihn auf den Fuß.

-- Wo wohnt ihr denn? Ich werde euch nach Hause bringen, sagt von X.

-- Brunkebergsmarkt Nummer 11, lügt Fritz.

Johan begriff nichts.

Die Droschke hält am Brunkeberg, und Fritz zieht Johan in den Torweg.

-- Was soll das bedeuten? fragt Johan.

-- Ach, das ist ein altes Schwein, sagte Fritz, und ich wollte ihn

loswerden.

Johan kam das etwas mystisch vor; doch wurde die Sache vergessen. Jetzt

wurde sie wieder hervorgeholt. Sie gingen ins Hotel, wo sie einen

Kameraden des alten Kreises trafen, der auch geladen war.

Man fuhr nach den Hügeln vor Upsala hinaus. In einem Buche stehen dort

noch ihre Namen eingeschrieben: eine zweideutige Erinnerung an eine

etwas schlecht gewählte Gesellschaft. Die Kameraden sind jetzt (1886)

tot, der feine Herr des Landes verwiesen, wie man sagt; allein Johan

ist noch etwas am Leben.

Man kehrte nach der Stadt zurück, um zu Mittag zu speisen, in einem

innern Zimmer des Restaurants. Champagner wurde auf Eis gelegt; das

Beste, was es gab, bestellt. Beim Champagner wurden Reden gehalten;

politische von den Jünglingen. Aber der alte Herr lächelte und teilte

Indiskretionen mit, von Kabinettsgeheimnissen, wie er behauptete. Das

war etwas Besonderes, Reichsgeheimnisse aus erster Hand zu erhalten.

Jetzt will Herr von X. die Tür zum öffentlichen Saal schließen; das

wird ihm jedoch untersagt. Studenten kommen und essen ihre halben

Portionen, während sie nach der lustigen Gesellschaft schielen. Man ist

berauscht und auf das Kapitel von ewiger Freundschaft gekommen; will

den Freund besuchen, wenn man ins Ausland reist; und so weiter. Herr

von X. umarmt und küßt sie auf die Backe; wie er behauptet, nach der

Sitte seines Landes.

Man bricht auf und geht ins „Flugloch‟, um Kaffee zu trinken. Herr von

X. will hineingehen; die Jünglinge aber wollen ihre feine Bekanntschaft

zeigen und deshalb draußen sitzen. Dabei bleibt es.

Jetzt scharen sich adelige Studenten um ihren Tisch, begrüßen Herrn

von X. als Bekannten, aber in scherzhafter Weise und lachen über seine

Gesellschaft.

-- Worüber lachen die? sagt Johan.

-- Wir sind natürlich bezecht.

Es wird Abend, und von X. will mit dem Zuge abreisen. Die Kameraden

begleiten ihn zum Bahnhof. Fritz und Johan bleiben auf dem Bahnsteig

stehen, aber ein anderer folgt ihm in den Wagen. Er kommt rücklings

wieder heraus und wirft die Tür zu, indem er schreit: Geh zur Hölle!

-- Das Aas wollte mich auf den Mund küssen! sagt er noch zitternd und

zieht die Kameraden mit sich durch die Volksmenge.

-- Was war das?

-- Das war seine Art, meint Fritz.

-- Nein, das ist ein Teufel, sagt der andere.

-- Hat er uns zum besten gehabt? fragt Johan. Deshalb lachten sie so im

„Flugloch‟.

Man kam zu keinem Ergebnis, fühlte sich aber betrogen und unbefriedigt.

Was war das? Es war die Geschichte von dem „Alten Herrn‟, die jeder

Jüngling wohl einmal erlebt hat. Johan erinnerte sich jetzt, daß beim

Küster in Vidala eine geheimnisvolle Geschichte erzählt wurde, von

einem Jungen, der von einem „alten Herrn‟ eine goldene Uhr und soviel

Geld, wie er wollte, bekam. Warum? Das wußte der Gewährsmann nicht.

* * * * *

Der Sohn einer Magd · 第 15 / 29 段