-- Aber, aber, fügte er hinzu, es ist nicht gut, vom Text abzugehen.

Wenn das Konsistorium das erfährt! Aber es hat wohl niemand gemerkt,

wollen wir hoffen. Am Inhalt selbst war nichts auszusetzen.

Dann gab es ein Essen in der Pfarre. Man spielte mit Mädchen und es

wurde getanzt. Johan war so etwas wie der Held des Tages.

-- Das war eine sehr gute Predigt, sagten die Mädchen, sie war so kurz.

Er hatte zu schnell gelesen. Und dann hatte er ein Gebet übersprungen.

-- Alle sind Kinder am Anfang, sagte der Unterpfarrer.

* * * * *

Im Herbst kehrte Johan mit den Knaben nach der Stadt zurück, um bei

ihnen zu wohnen und die Aufgaben mit ihnen zu machen. Sie gingen in die

Klaraschule. Wieder eine Strafarbeit. Dieselbe Klaraschule, derselbe

Direktor, derselbe Lehrer in Latein. Johan arbeitete gewissenhaft mit

den Knaben, überhörte sie und konnte darauf schwören, daß sie ihre

Aufgaben gelernt hatten. Und doch kamen sie mit einem Tadel nach Haus,

und in ihren Büchern las der Vater von soundsoviel Aufgaben, die sie

nicht gekonnt.

-- Das ist eine Lüge, sagte Johan.

-- Es steht jedenfalls hier zu lesen, sagte der Vater.

Es war eine schwere Arbeit. Gleichzeitig bereitete er sich auf die

Studentenprüfung vor.

Als die Weihnachsferien anfingen, fuhr man wieder aufs Land. Man saß

am Kamin, knackte Nüsse auf, einen ganzen Sack, und las „Frithjofs

Sage, Axel, Die Abendmahlskinder‟ von Tegnér. Die Abende waren lang und

unerträglich. Johan aber entdeckte einen neuen Inspektor, der beinahe

wie ein Knecht behandelt wurde. Das reizte Johan, mit ihm Bekanntschaft

zu machen; auf dessen Zimmer brauten sie Punsch und spielten sie Karten.

Die Baronin sagte Johan tadelnd, der Inspektor sei keine Gesellschaft

für ihn.

-- Warum nicht?

-- Er hat keine Bildung!

-- Hm! Das ist nicht so gefährlich.

Sie sagte auch, es sei ihr angenehm, wenn der Hauslehrer abends die

Gesellschaft der Familie wähle oder wenigstens sich im Zimmer der

Knaben aufhalte. Er zog das letzte vor, denn oben war es dumpfig; auch

war er es müde, vorzulesen und die Unterhaltung zu führen.

Er saß also auf dem Zimmer der Knaben, das zugleich das seine war.

Der Inspektor kam dorthin und sie spielten ihre Partie. Die Knaben

bettelten, mitspielen zu dürfen. Warum nicht? Johan hatte in seinem

Elternhaus stets mit Vater und Brüdern Whist gespielt; dieses

unschuldige Vergnügen wurde als Erziehungsmittel in Disziplin, Ordnung,

Aufmerksamkeit, Gerechtigkeit angewandt; um Geld hatte er nie gespielt.

Mogeln wurde augenblicklich zurückgewiesen, unzeitiger Jubel über

Gewinnen zum Schweigen gebracht, mißvergnügte Mienen über Verlieren

verspottet.

Die Sache ging durch, ohne daß ein Tadel ausgesprochen wurde, denn

die Herrschaft war zufrieden, daß die Knaben beschäftigt waren und

ihnen nicht selbst zur Last fielen. Aber den Verkehr mit dem Inspektor

liebten sie nicht. Im Sommer hatte Johan einmal aus seinen Schülern und

den Knaben der Instleute eine Truppe gebildet, die er auf dem Felde

übte. Sofort erging das Verbot, nicht mit den Kindern der Instleute zu

verkehren.

-- Jede Klasse soll für sich bleiben, sagte die Baronin.

Aber Johan konnte den Grund nicht verstehen, da der Klassenunterschied

ja 1865 aufgehoben war!

Das Gewitter zog inzwischen auf und konnte jeden Augenblick losbrechen.

Eine Kleinigkeit entzündete es.

Eines Morgens schlug der Herr des Hauses Lärm, weil seine

Fahrhandschuhe fortgekommen seien. Er warf seinen Argwohn auf den

ältesten Knaben. Der leugnete und beschuldigte den Inspektor: der habe

auf einer Fahrt nach der Pfarre die Handschuhe benutzt.

Der Inspektor wird gerufen.

-- Sie haben meine Fahrhandschuhe genommen; was soll das heißen?

-- Nein, ich habe sie nicht genommen!

-- Was sagen Sie? Hugo behauptet es!

Johan, der zugegen ist, tritt, ohne aufgefordert zu sein, vor und sagt:

-- Hugo lügt. Er selbst hat sie genommen.

-- Was sagen Sie?

Er gibt dem Inspektor einen Wink, zu gehen.

-- Ich sage die Wahrheit!

-- Wie können Sie sich unterstehen, meinen Sohn in Gegenwart eines

Knechtes zu beschuldigen?

-- Herr X. ist kein Knecht! Und übrigens ist er unschuldig!

-- Ja, Sie sind unschuldig! Sie spielen Karten mit den Knaben und

trinken mit ihnen! Das ist sauber!

-- Warum haben Sie diesen Tadel nicht früher ausgesprochen? Dann hätten

Sie erfahren, daß ich nicht mit den Knaben trinke!

-- Verdammter Junge, was erlauben Sie sich!

-- Sie können sich einen andern Jungen zum Hauslehrer für Ihre Jungen

nehmen, da Sie so geizig sind, daß Sie keinen Erwachsenen nehmen wollen.

Damit ging Johan.

Am selben Tag mußten sie nach der Stadt fahren, da die Weihnachtsferien

zu Ende waren. Nach Hause also, wieder nach Hause. Hals über Kopf

zurück in die Hölle, wo er verhöhnt und geduckt werden würde; sieben

Male schlimmer, seit er mit seiner neuen Stellung geprahlt und

Vergleiche mit dem Elternhaus gezogen hatte. Er weinte vor Grimm, aber

er konnte nach einer solchen Beschimpfung nicht wieder zurück.

Die Baronin schickte nach ihm. Er ließ sie warten. Darauf schickte sie

noch einmal. Jetzt ging er mürrisch zu ihr hinauf. Sie war recht milde.

Bat ihn, noch einige Tage zu bleiben, bis sie einen neuen Hauslehrer

bekommen hätten. Er versprach, als sie dringend bat.

Die Baronin wollte mit den Knaben mitfahren.

Der Schlitten fuhr vor. Der Sekretär stand daneben und sagte:

-- Sie können auf dem Kutschbock sitzen.

-- Ich kenne meinen Platz, antwortete Johan.

Indessen muß die Furcht des Sekretärs vor seiner Frau größer gewesen

sein als seine Lust, Johan zu demütigen, denn bei der ersten Rast bat

die Baronin Johan, in den Schlitten zu steigen.

Nein, er wolle nicht!

In der Stadt blieb er noch acht Tage in seiner Stellung. Während dieser

Zeit schrieb er einen etwas spanischen Brief in weltmännischem Tone

nach Haus; der Ton gefiel dem Alten aber nicht, trotzdem Johan ihm

schmeichelte.

-- Ich finde, du hättest erst fragen müssen, ob du wieder nach Haus

kommen darfst, sagte er.

Da hatte er recht. Der Sohn aber hatte sich das Elternhaus nie anders

gedacht als ein Hotel, in dem man umsonst ißt und wohnt.

So war er wieder zu Hause.

Durch eine unergründliche Naivität hatte sich Johan bewegen lassen,

noch einige Zeit zu seinen früheren Schülern zu kommen, um die Aufgaben

mit ihnen durchzugehen. Eines Abends wollte Fritz ihn mit in ein Café

nehmen.

-- Nein, sagte Johan, ich muß Stunden geben.

-- Wo?

-- Beim Königlichen Sekretär!

-- Was? Bist du noch nicht fertig mit ihnen?

-- Nein, ich habe versprochen, so lange zu kommen, bis sie einen neuen

Hauslehrer haben.

-- Was kriegst du denn dafür?

-- Was ich dafür kriege? Ich habe Wohnung und Essen gehabt!

-- Ja, aber was kriegst du jetzt, nachdem du nicht mehr Wohnung und

Essen hast?

-- Hm! Daran habe ich nicht gedacht!

-- Du bist ein Narr, wenn du die Kinder von reichen Leuten umsonst

unterrichtest! Jetzt gehst du mit mir und setzest nie mehr einen Fuß in

das Haus!

Johan kämpfte auf dem Trottoir einen Kampf mit sich aus.

-- Ich habe versprochen!

-- Du mußt nicht versprechen! Komm und schreib ab!

-- Ich muß Abschied nehmen!

-- Das ist nicht nötig! Man hatte dir zu Weihnachten eine Gratifikation

versprochen; die gehörte zu deinen Bedingungen; aber du hast nichts

erhalten. Und dann läßt du dich wie einen Knecht behandeln. Komm mit

und schreib!

Er wurde in die Kneipe geschleppt. Die Kellnerin holte Papier und

Feder. Nach dem Diktat des Freundes schrieb er, mit Rücksicht auf sein

nahes Examen könne er keine Stunden mehr geben!

Er war frei!

-- Aber ich schäme mich, sagte er.

-- Weshalb schämst du dich?

-- Ich schäme mich, weil ich unhöflich gewesen bin.

-- Ach, Geschwätz! Eine halbe Punsch!

10.

+Charakter und Schicksal.+

Die Zeit hatte sich zusammengenommen und war lebhaft geworden. Die

Ausstellung von 1866 war eine Neuheit und außerdem eine Äußerung von

realistischem Skandinavismus. Die Eröffnung des Nationalmuseums,

Dietrichsons Vorlesungen, die Bildung des Kunstvereins gab der Ästhetik

einen neuen Impuls. Die Wahlen von 1867 waren eine Überraschung, welche

die ganze Nation zum Nachdenken veranlaßte, denn die Reform hatte die

Gesellschaft so gründlich umgekehrt, daß der Bodensatz nach oben kam.

Schwache Dünungen waren in der höchsten Klasse der Lehranstalt

zu merken, wo sich jetzt junge Männer für allgemeine Fragen

interessierten. So war die schwarze Tafel eines Morgens mit Namen

vollgeschrieben. Der Direktor, der die Morgenzeitung noch nicht

gelesen hatte, fragte, was diese Liste zu bedeuten habe. Es waren die

Stockholmer Wahlen zur Zweiten Kammer. Darauf gab der Direktor einen

Überblick über die Zusammensetzung der Kammer, äußerte Befürchtungen,

ob die neue Volksvertretung auch von Nutzen für Land und Reich werden

könne.

Man begann schon Unrat zu wittern; und die Begeisterung war vorüber.

Die Klasse war auch eingeteilt in Freihändler oder Schutzzöllner.

Eifrig wurde die Fräuleinreform besprochen. Johan hielt diese Reform

für gut. Hatte er doch eben gesehen, wie drei alte Fräulein sich die

Haare rauften und in feiner Gesellschaft den „Zeitgeist‟ verfluchten,

weil der ehrlichen Leuten das nehme, was ihre Väter ehrlich erworben.

Die Reform nahm aber den Fräulein nichts, denn sie durften ihren Titel

behalten, gab nur allen das gleiche Recht. Es verhielt sich mit dem

Titel ebenso wie mit der Seligkeit. Niemand schätzte ihn mehr, als er

allen erlaubt wurde.

-- Dann wird man die Mägde auch Mamsell nennen, schrie ein Fräulein.

-- Mindestens, antwortete Johan.

Aber diese Reform ließ noch auf sich warten, aus unbekannten Gründen.

Die Mägde sollten natürlich Fräulein genannt werden, aber man konnte

sie zuerst wenigstens zu Mamsells erheben, damit sie nicht lächerlich

gemacht würden.

Das Freidenkertum nahm an Ausdehnung zu. Johan hatte es nach der

Predigt als einen Beruf, eine Pflicht empfunden, die neue Lehre

auszubreiten und für sie einzutreten. Er begann also vom Morgengebet

fortzubleiben und blieb in der Klasse sitzen, während die andern in den

Betsaal zogen.

Der Direktor kam, um ihn und seine Mitschuldigen hinauszutreiben.

Johan antwortete, seine Religion verbiete ihm, an einem fremden Kult

teilzunehmen. Der Direktor berief sich auf Gesetze und Verfassung.

Johan antwortete, die Juden brauchten am Gebet nicht teilzunehmen.

Der Direktor bat ihn schön, des Beispiels wegen doch zu kommen. Er

wolle doch kein schlechtes Beispiel geben. Der Direktor bat herzlich,

freundlich; berief sich auf alte Bekanntschaft. Johan gab nach. Aber

er sang die Kirchenlieder nicht mit und seine Kameraden auch nicht.

Da geriet der Direktor außer sich und hielt eine Strafpredigt; nannte

Johan bei Namen und schmähte ihn. Johan antwortete damit, daß er einen

Streik organisierte.

Er und Gleichgesinnte kamen regelmäßig so spät zur Schule, daß das

Gebet aus war, wenn sie anlangten Kamen sie doch zu früh, blieben sie

im Flur sitzen und warteten. Dort beim Holzkasten trafen sie Lehrer,

mit denen sie von diesem und jenem plauderten. Der Direktor entdeckte

dies. Um die Aufrührer zu zermalmen, ließ er, sobald das Gebet zu Ende

ging, während die Schule hoch versammelt war, die Tür zum Flur öffnen

und die Revolutionäre hereinrufen. Diese defilierten mit frechen Mienen

und unter einem Schauer von Schelte durch den Gebetsaal, aber ohne

dort zu bleiben. Schließlich wurde ihnen dies zur Gewohnheit: aus

freien Stücken traten sie ein und nahmen die Schelte hin, wenn sie

durch den großen Gebetsaal zogen.

Der Direktor begann Johan zu grollen und gab zu verstehen, daß er ihn

durchs Examen fallen lassen wolle. Johan setzte hart gegen hart und

arbeitete Nächte und Tage.

Die theologischen Stunden arteten jetzt zu Disputationen mit dem

Lehrer aus. Der war Geistlicher und Atheist. Zuerst machten ihm die

Antworten Spaß, dann aber wurde er müde und befahl, nach dem Lehrbuch

zu antworten.

-- Wie viele Personen sind in der Gottheit?

-- Eine!

-- Aber was sagt Norbeck?

-- Der sagt drei!

-- Dann sagen Sie auch drei!

Im Elternhause war es still. Johan wurde in Ruhe gelassen. Man sah, er

war verloren, und es war zu spät, auf ihn einzuwirken. An einem Sonntag

machte der Vater einen Versuch im alten Stil, bekam aber Bescheid.

-- Warum gehst du nie mehr in die Kirche? fragte er.

-- Was habe ich dort zu tun?

-- Eine gute Predigt ist immer von Nutzen.

-- Predigten kann ich selbst machen.

Schluß!

Die Pietisten ließen einen Geistlichen für Johan in der

Bethlehemskirche beten, als sie ihn an einem Sonntagvormittag in

Scharfschützenuniform gesehen hatten.

* * * * *

Im Mai 1867 bestand er die Studentenprüfung.

Sonderbare Dinge kamen an den Tag. Da waren Kerle mit Bart und

Brille, welche die Halbinsel Malakka Sibirien nannten und die

ostindische Halbinsel für Arabien hielten. Leute bekamen das Zeugnis

in Französisch, die eu wie y aussprachen und die Hilfsverben nicht

konjugieren konnten. Es war unglaublich. Johan selbst war der Meinung,

er sei vor drei Jahren stärker in Latein gewesen. In Geschichte wäre

jeder durchgefallen, wenn man nicht von den Fragen Wind bekommen

hätte. Man hatte zu viel gearbeitet und zu wenig gelernt. Kompendien

in allen Stoffen hätten mehr genützt; mit denen hätte man die

Studentenprüfung in der vierten Klasse machen können. Aber es war mit

der Studentenprüfung und ist es noch heute, wie mit der Seligkeit und

dem Fräuleintitel: sie verliert allen Reiz, wenn sie Gemeingut wird;

dann aber würde sie reizvoller für alle und viel nützlicher sein.

Die Prüfung endete mit einem Gebet, das von einem Freidenker gesprochen

wurde; der stockte beim Vaterunser; das schrieb man aber fälschlich

seiner Erregung zu.

Als Johan am Abend Student war, zogen die Kameraden mit ihm in die

Stadt hinein, um ihm eine weiße Mütze zu kaufen. (Er selbst hatte

nie Geld.) Dann ging er nach dem Kontor, um dem Vater eine Freude zu

machen. Johan traf ihn im Flur; er war im Begriff, nach Hause zu gehen.

-- Also, bestanden? fragte der Vater.

-- Ja!

-- Und du hast schon die Mütze?

-- Die habe ich auf Kredit gekauft!

-- Geh zum Kassierer, dann kannst du sie bezahlen.

Dann trennten sie sich. Kein Glückwunsch, kein Händedruck. Nun, es war

die Isländernatur des Alten, keine zärtlichen Gefühle äußern zu können.

Als Johan nach Haus kam, saßen alle am Abendtisch. Er war fröhlich und

hatte Punsch getrunken. Aber seine Freude verstimmte. Alle schwiegen.

Die Geschwister gratulierten nicht. Da wurde er verstimmt und schwieg

selbst.

Als er vom Tische aufstand, ging er sofort wieder weg, in die Stadt,

zu den Kameraden. Da herrschte Freude. Kindliche, dumme, übertriebene

Freude, mit allzu großen Hoffnungen.

Im Sommer gab er Stunden in großem Stile, indem er zu Hause wohnte. Mit

dem Geld wollte er im Herbst nach der Universität Upsala fahren, um den

Doktor zu machen. Der Geistliche lockte ihn nicht mehr; der lag hinter

ihm; auch war es gegen sein Gewissen, den Eid als Geistlicher abzulegen.

Diesen Sommer war er zum ersten Male bei einem Mädchen. Er fühlte sich

enttäuscht, wie so viele andere. -- Das war also alles! -- Seltsam war,

daß es gegenüber der Bethlehemskirche geschah. Aber warum war es nicht

früher geschehen; dann wären ihm so viele qualvolle Jahre erspart,

soviel Kraft erhalten geblieben. Als es geschehen war, kam eine große

Ruhe über ihn; er fühlte sich gesund und froh, als habe er eine Pflicht

erfüllt.

Im Herbst fuhr er nach Upsala. Die alte Grete packte ihm die

Reisetasche, in die sie Kochgeschirr und Gedeck legte. Darauf zwang sie

ihn, fünfzehn Kronen von ihr zu leihen.

Vom Vater erhielt er eine Tasche mit Zigarren und die Aufforderung,

sich selber zu helfen.

Achtzig Kronen besaß er selbst; die hatte er sich durch Stunden

erworben; mit denen wollte er das erste Vierteljahr auskommen.

Die Welt stand ihm jetzt offen. Die Eintrittskarte hatte er in der

Hand. Blieb nur übrig, hinein zu kommen. Nur!

* * * * *

„Des Menschen Charakter ist sein Schicksal‟, war zu dieser Zeit eine

beständige und sehr gebilligte Redensart. Jetzt, da Johan in die Welt

hinaus sollte, um sein Schicksal zu machen, wandte er viele freie

Stunden darauf an, sein Horoskop aufzustellen, indem er von seinem

Charakter ausging. Er glaubte nämlich, sein Charakter sei fertig. Die

Gesellschaft ehrt mit dem Namen Charakter die, welche ihre Stellung

gesucht und gefunden, ihre Rolle übernommen, gewisse Gründe für ihr

Betragen ausgedacht haben und nun automatisch danach handeln.

Ein sogenannter Charakter ist eine sehr einfache mechanische

Einrichtung; er sieht die so äußerst verwickelten Verhältnisse des

Lebens nur von einem Gesichtspunkt; er hat sich entschlossen, für sein

Leben eine und dieselbe Ansicht über eine bestimmte Sache zu haben.

Um sich nicht der Charakterlosigkeit schuldig zu machen, ändert er

nie seine Ansicht, wie einfältig oder sinnlos sie auch sein mag. Ein

Charakter muß also ein ziemlich gewöhnlicher Mensch sein und was man

dumm nennt. Charakter und Automat scheinen zusammenzufallen. Dickens'

berühmte Charaktere sind Puppen für Leierkasten und die Charaktere auf

der Bühne müssen Automaten sein. Ein gut gezeichneter Charakter ist

gleichbedeutend mit einer Karikatur.

Außerdem soll ein Charakter wissen, was er will. Was weiß man denn

davon, was man will? Man will oder man will nicht, das ist alles.

Sucht man über seinen Willen nachzudenken, hört der Wille gewöhnlich

auf. In Gesellschaft und Leben muß man immer die Folgen bedenken, die

eine Handlung über einen selbst und andere haben kann, und muß daher

überlegen. Wer augenblicklich handelt, ist unklug, selbstsüchtig, naiv,

unbewußt. Solche Menschen kommen weiter im Leben, denn sie sehen nicht

nach, ob ihre Handlungen andern schaden können, sondern sie sehen nur

darauf, welchen Nutzen die Handlung für sie selbst hat.

Johan hatte ja die christliche Gewohnheit angenommen, Herz und Nieren

zu prüfen; so fragte er sich jetzt, ob er einen Charakter habe, der für

einen Mann passe, welcher seine Zukunft machen will.

Er erinnerte sich, daß die Magd, die er geschlagen, weil sie seinen

Körper entblößt hatte, als er schlief, nach dem Vorfall sagte: -- Es

ist Charakter in dem Jungen! -- Was meinte sie damit? -- Sie hatte

gesehen, daß er Tatkraft genug besaß, in den Park zu gehen, einen

Stock zu schneiden und sie zu bestrafen. Hätte er den gewöhnlichen Weg

eingeschlagen und es den Eltern gepetzt, hätte sie ihn wohl für eine

Memme gehalten. Die Mutter dagegen, die damals noch lebte, hatte seine

Handlung anders beurteilt: sie hatte ihn rachgierig genannt.

Da hatte er also zwei Auffassungen derselben Sache. Er hielt sich

natürlich an die, welche die weniger ehrende war, denn an die glaubte

er am meisten. Rache? Das war doch Strafe! Hatte er ein Recht zu

strafen? Recht? Wer hatte ein Recht? Die Eltern rächten sich ja immer!

Nein, sie straften. Sie hatten also ein anderes Recht als er, und es

gab zwei Rechte.

Doch, er war wohl rachgierig. Ein Junge vom Klarakirchhof hatte

offen gesagt, Johans Vater habe im Halseisen gestanden. Das war eine

Beschimpfung der ganzen Familie. Da Johan schwächer als der Junge war,

bot er seinen älteren Bruder auf, und beide zusammen übten mit einigen

Schneeballen Blutrache aus. Ja, sie übten die Rache noch weiter aus,

denn sie prügelten auch dessen jüngern Bruder, der verhältnismäßig

unschuldig war, aber großschnauzig aussah.

Das war wohl alte gute Familienrache mit allen ihren Symptomen. Was

hätte er denn tun sollen? Dem Lehrer petzen? Nein, das tat er nie. Er

war also rachgierig. Das war ein schwerwiegender Vorwurf.

Dann aber dachte er nach. Hatte er sich am Vater gerächt für die

Ungerechtigkeiten, die der ihm zufügte, oder an der Stiefmutter? Nein!

Er vergaß und zog sich zurück.

Hatte er sich an den Lehrern der Klaraschule gerächt, indem er ihnen

Kasten voll Steine zu Weihnachten geschickt? Nein! War er denn streng

gegen die andern und war er kleinlich, wenn er ihre Handlungsweise

ihm gegenüber beurteilte? Nein, behüte, er war nicht schwer zu

behandeln, glaubte leicht und konnte zu allem verleitet werden, wenn

er nur nicht Zwang oder Druck fühlte. Kameraden hatten ihm gegen

ein Tauschversprechen sein Herbarium, seine Insektensammlung, seine

chemischen Apparate, seine Indianerbücher abgelockt. Hatte er sie

gemahnt oder sie schikaniert? Nein, er schämte sich, in ihrem Namen,

und nahm fürlieb. Am Ende eines Vierteljahrs hatte der Vater eines

Schülers vergessen, Johan zu bezahlen. Er schämte sich zu mahnen, und

erst ein halbes Jahr später mußte er auf Verlangen seines Vaters die

Forderung eintreiben.

Es war ein eigentümlicher Zug bei Johan, daß er sich mit andern

identifizierte, im Namen anderer litt, sich schämte. Wenn er im

Mittelalter gelebt hätte, würde er sich stigmatisiert haben.

Wenn ein Bruder eine Dummheit oder Geschmacklosigkeit sagte, schämte

sich Johan. In der Kirche hörte er einmal einen Chor Schulkinder

gröblich falsch singen. Er verbarg sich im Kirchenstuhl und schämte

sich sehr.

Er schlug sich mit einem Kameraden, und es gelang ihm, diesem einen

starken Stoß gegen die Brust zu versetzen; als er aber sah, wie sich

das Gesicht des Jungen vor Schmerz verzog, fing er an zu weinen und

reichte ihm die Hand.

Wenn jemand ihn um eine Sache bat, die er höchst ungern tun wollte,

litt er in dessen Namen, dessen Wunsch er nicht erfüllen konnte.

Er war so feige, daß er niemand ungehört von sich gehen ließ, aus

Furcht vor dem Anblick eines Unzufriedenen. Er fürchtete sich noch im

Dunkel, fürchtete sich vor Hunden, Pferden, fremden Menschen. Doch

konnte er, wenn's sein mußte, mutig sein; zum Beispiel, als er sich in

der Schule auflehnte, obwohl es seine Studentenprüfung kosten konnte;

oder als er sich gegen den Vater empörte.

„Ein Mensch ohne Religion ist ein Vieh‟, stand in dem alten Abcbuch.

Da man jetzt entdeckt hat, daß die Tiere sehr religiös sind; daß, wer

Wissenschaft besitzt, keine Religion braucht; so wird die nützliche

Wirkung der Religion sehr herabgesetzt. Indem er stets die Kraft nach

außen, in Gott, verlegte, hatte der Jüngling die Kraft und den Glauben

an sich verloren. Gott hatte sein Ich geschwächt. Er betete immer und

alle Augenblicke, wenn er in Not war. Er betete in der Schule, wenn

die Frage an ihn kam; er betete am Spieltisch, wenn die Karten gegeben

wurden. Die Religion hatte ihn verdorben: sie hatte ihn zum Himmel

erzogen statt zur Erde. Die Familie hatte ihn verdorben: sie hatte ihn

für die Familie gebildet statt für die Gesellschaft. Die Schule hatte

ihn für die Universität entwickelt statt fürs Leben.

Er war unschlüssig, schwach. Wenn er Tabak kaufen wollte, fragte er den

Freund, welche Sorte. Daher fiel er immer in die Hände von Freunden.

Das Bewußtsein, beliebt zu sein, nahm ihm die Furcht vorm Unbekannten,

und die Freundschaft stärkte ihn.

Noch verfolgten ihn Launen. Eines Tages, als er in Stellung auf dem

Lande war, fuhr er nach der Stadt, um von dort aus Fritz zu besuchen.

Als er in die Stadt kam, fuhr er nicht weiter, sondern blieb zu Hause

bei den Eltern auf einem Bett liegen, indem er stundenlang mit sich

kämpfte, ob er zu Fritz hinausfahren solle oder nicht. Er wußte, der

Freund erwarte ihn; sehnte sich selber danach, Fritz zu treffen, fuhr

aber nicht. Am nächsten Tage fuhr er zurück zu seiner Herrschaft,

schrieb einen klagenden Brief an Fritz und suchte sich zu erklären.

Aber Fritz wurde böse und verstand keine Launen.

In all seiner Schwäche fühlte er zuweilen einen ungeheuern Fonds von

Kraft: dann traute er sich alles zu.

Im Alter von zwölf Jahren sah er ein französisches Jugendbuch, das der

Bruder aus Paris mitgebracht hatte. -- Das wollen wir übersetzen und zu

Weihnachten erscheinen lassen, sagte er. -- Sie übersetzten es; dann

wußten sie aber nicht, was weiter zu machen sei, und das Buch blieb

liegen.

Er bekam eine italienische Grammatik und lernte Italienisch.

Als er in Stellung war, wollte er, da kein Schneider zu erreichen war,

ein Paar Hosen ändern. Er trennte die Nähte auf, nähte sie anders

wieder zu und plättete mit dem großen Stallschlüssel.

Er flickte auch seine Schuhe.

Wenn er die Geschwister Quartette spielen hörte, war er nie zufrieden

mit der Ausführung. Er spürte eine Lust, aufzuspringen und ihnen die

Instrumente fortzunehmen, um ihnen zu zeigen, wie es sein mußte.

Wenn er seine Singstimme übte, benutzte er das Cello. Wenn er nur

gewußt hätte, wie die Saiten hießen.

Der Sohn einer Magd · 第 14 / 29 段