-- Das kommt auf uns an! antwortete er und gehorchte.
Aber er fand es frech vom Chef, sich in solche Einzelheiten zu mischen.
Ein gewisser Unwille des Vorgesetzten verfolgte ihn seitdem. Der wurde
Doktor genannt, weil er für Zeitungen schrieb; aber er war nicht einmal
Student. Da haben wir's, dachte Johan; er will mich ducken. Und jetzt
bewachte er ihn. Die Abneigung dauerte auf beiden Seiten das Leben
hindurch.
Die Scharfschützenbewegung war zunächst vom deutsch-dänischen Krieg
hervorgerufen worden und hatte einen gewissen Nutzen, wenn sie auch
vorübergehend war. Sie machte der Jugend Vergnügen und nahm dem Militär
etwas von seinem allzu hohen Ansehen, da die unteren Klassen jetzt
sahen, daß es nicht so schwer ist, Soldat zu spielen. Später war diese
Einsicht Ursache, daß man gegen die preußische Wehrpflicht stimmte,
für deren Einführung viel agitiert wurde, seit König Oscar II. in
Berlin Kaiser Wilhelm I. gegenüber die Hoffnung ausgesprochen, die
schwedischen und preußischen Truppen würden noch einmal Waffengenossen
werden.
9.
+Er ißt fremdes Brot.+
Ein kühner Traum war ihm in Erfüllung gegangen: er hatte eine Stellung
für den Sommer erhalten. Warum nicht früher? Er hatte es nicht zu
hoffen gewagt; also sich nicht darum bemüht. Was er recht lebhaft
wünschte, danach wagte er nicht die Hände auszustrecken, aus Furcht,
eine Enttäuschung zu erleben. Eine vereitelte Hoffnung war das
schwerste, was er sich denken konnte. Jetzt aber schüttete das Glück
auf einmal sein ganzes Füllhorn über ihn aus: die Stellung war in einem
vornehmen Hause, das in der schönsten Natur lag, die er kannte: im
Stockholmer Inselmeer; und zwar in der poetischesten Gegend des ganzen
Inselmeers: Sotaskär hieß sie.
Er liebte jetzt die Vornehmen. Die Stiefmutter hatte ihn schlecht
behandelt; die Verwandten standen immer auf der Lauer, Hochmut bei ihm
zu entdecken, wo nur überlegener Verstand, Edelmut und Opferwilligkeit
war; die Kameraden bei den Scharfschützen hatten sich bemüht, ihn zu
ducken: all das hatte ihn von der Klasse verjagt, aus der er gekommen
war; er dachte nicht mehr wie sie, fühlte nicht mehr wie sie; hatte
eine andere Religion, andere Begriffe vom Leben. Seinen Schönheitssinn
hatte das maßvolle Wesen der vornehmen Kameraden, ihre harmonische
Art und ihr sicheres Auftreten angesprochen; er fühlte sich ihnen
durch seine Erziehung näher und der Unterklasse ferner. Ihm schienen
die Vornehmen nicht so hochmütig wie die Bürgerlichen zu sein; sie
räkelten sich nicht, traten andere nicht; schätzten Bildung und Talent;
sie waren in gewisser Weise, da sie ihn als ihresgleichen aufnahmen,
demokratischer gegen ihn als seine Verwandten, die ihn wie einen recht
Untergeordneten, Unterlegenen behandelten.
Fritz zum Beispiel, der ein Müllersohn vom Lande war, wurde beim
Kammerherrn empfangen und spielte mit den Söhnen Komödie vor dem
Direktor des Königlichen Theaters, der ihm Engagement anbot: niemand
fragte, was sein Vater gewesen sei. Als Fritz aber einmal in Johans
Elternhaus auf Ball war, wurde er von vorn und hinten untersucht; und
mit großem Vergnügen hatte ein Verwandter auskundschaftet, Fritzens
Vater sei zuerst nur Müllerknecht gewesen.
Johan war Aristokrat geworden, ohne seine Sympathien für die
Unterklasse aufzugeben. Und da der Adel um 1865 sehr liberal war,
herablassend und augenblicklich volkstümlich, wurde er getäuscht. Er
begriff nicht, daß die, welche einmal oben waren, andere nicht mehr
zu treten brauchten; daß die, welche auf der Höhe saßen, herablassend
sein konnten, ohne herabzusteigen. Er sah nicht ein, daß die, welche
unten waren, sich von denen, die an ihnen vorbei und hinaufsteigen
wollten, getreten fühlten; daß die, welche keine Aussicht hatten,
hinaufzukommen, nur den Trost besaßen, die herunterzuholen, die
oben oder auf dem Wege dorthin waren. Das war ja das Gesetz des
Gleichgewichts, das er noch nicht eingesehen hatte. Er war entzückt, zu
den Vornehmen zu kommen.
Fritz gab ihm Vorschriften, wie er sich zu benehmen habe. Man solle
nicht kriechen, nur bescheiden sein; nicht alles sagen, was man denke,
denn das verlange niemand zu wissen; könne man Artigkeiten sagen, ohne
grob zu schmeicheln, sei es gut; konversieren, aber nicht räsonnieren,
vor allem nicht disputieren, denn recht bekomme man doch nicht. War
das ein kluger Jüngling! Johan fand ihn entsetzlich, verbarg das Wort
aber in seinem Herzen. Was er gewinnen konnte, war eine akademische
Stellung, vielleicht eine Reise ins Ausland, nach Rom oder Paris, mit
den Schülern. Das war das höchste, was er von den Vornehmen verlangte.
Das hielt er für sein Glück, und nach diesem Glück wollte er jetzt
jagen.
Er machte seinen ersten Besuch bei der Baronin an einem
Sonntagnachmittag, als sie in der Stadt war. Sie glich dem alten
Porträt einer Dame mittleren Alters. Adlernase, große braune Augen,
das Haar über die Schläfen gekräuselt. Sie war elegisch, hatte einen
schleppenden Ton, sprach etwas durch die Nase. Johan fand nicht, daß
sie fein aussah, und die Wohnung war dürftiger als sein Elternhaus.
Aber sie hatten ja das Herrenhaus, das Schloß, auf dem Lande. Sie
gefiel ihm jedoch, denn sie hatte einen Zug, der ihn an seine Mutter
erinnerte. Sie prüfte ihn, sprach mit ihm, ließ ihr Knäuel fallen.
Johan sprang auf, nahm das Knäuel, aber gab es mit einer Miene zurück,
die selbstzufrieden sagte: das kann ich, denn ich habe schon viele
Taschentücher für die Damen aufgehoben. Die Prüfung fiel zu seinem
Vorteil aus, und er wurde angenommen.
Am Morgen des Tages, an dem sie aus der Stadt abfahren sollten, fand er
sich in der Wohnung ein. Der Königliche Sekretär, so wurde der Hausherr
genannt, stand in Hemdsärmeln vor dem Spiegel und band sein Halstuch.
Er sah stolz und milzsüchtig aus, grüßte kurz und kalt. Johan nahm
ungebeten einen Stuhl, versuchte die Unterhaltung zu beginnen; das
gelang ihm aber nicht, weil der Sekretär ihm den Rücken drehte und kurz
antwortete.
-- Das ist kein Vornehmer, dachte Johan; das ist ein Knoten!
Und sie waren einander antipathisch als zwei aus der Unterklasse, von
denen jeder scheel auf das Hinaufklettern des andern sah.
Der Wagen stand vor der Tür. Der Kutscher hatte Livree an und grüßte
mit der Mütze in der Hand. Der Sekretär fragte Johan, ob er im Wagen
oder auf dem Kutschbock sitzen wolle; jedoch in einem Ton, daß Johan
beschloß, fein zu sein und die Einladung auf den Kutschbock zu
verstehen. Er setzte sich also neben den Kutscher.
Als die Peitsche knallte und die Pferde anzogen, hatte Johan nur einen
Gedanken: Fort von Haus! Hinaus in die Welt!
Beim ersten Gasthaus, wo sie rasteten, stieg Johan ab und trat
ans Wagenfenster. Dort erkundigte er sich in einem leichten,
verbindlichen, vielleicht etwas vertraulichen Ton nach dem Befinden der
Herrschaft; erhielt aber von dem Herrn eine kurze scharfe Antwort, die
jede weitere Annäherung abschnitt.
Was hatte das zu bedeuten?
Sie saßen wieder auf. Johan steckte sich eine Zigarre an und bot auch
dem Kutscher eine; der aber antwortete flüsternd, er dürfe auf dem
Kutschbock nicht rauchen. Dann versuchte er den Kutscher auszufragen;
erfuhr etwas über den Verkehr und dergleichen, aber nur wenig.
Gegen Abend langten sie auf dem Herrensitz an. Das Gebäude lag auf
einem mit Bäumen bewachsenen Hügel und war ein weißes Steinhaus mit
Markisen. Das Dach war flach, und dessen stumpfer Winkel gab dem
Gebäude etwas Italienisches; aber diese rot- und weißgestreiften
Markisen, das war wirklich etwas Feines.
Johan wurde in einen Flügel gewiesen, der aus einem besonderen Häuschen
von zwei Zimmern bestand; in dem einen sollte er mit drei Knaben
hausen, während das andere vom Kutscher bewohnt wurde.
Als er acht Tage auf dem Gut gewesen war, hatte Johan entdeckt, daß
er ein Diener war, und zwar in einer recht unangenehmen Stellung. Der
Knecht seines Vaters hatte ein besseres Zimmer, und vor allem ein
eigenes Zimmer; der Knecht seines Vaters war doch einige Stunden am
Tage Herr über seine Person und seine Gedanken; Johan nie. Nacht und
Tag sollte er mit den Kindern zusammen sein, mit ihnen spielen, mit
ihnen arbeiten, mit ihnen baden. Nahm er sich einen Augenblick Freiheit
und jemand von der Herrschaft erblickte ihn, fragte man sofort: Wo
sind die Kinder? Die Knaben pflegten nämlich zu den Instleuten zu
laufen; dort durften sie sich aber nicht aufhalten, weil das Flüßchen
dort vorbeifloß. Johan lebte in beständiger Unruhe, es könne etwas
passieren. Er war für das Betragen von vier Personen verantwortlich:
sein eigenes und das dreier Knaben. Wurden sie getadelt, bekam er etwas
ab. In seinem Alter war niemand da, mit dem er sich hätte aussprechen
können; keine jungen Leute. Der Inspektor hatte den ganzen Tag zu tun
und war nie zu sehen.
Aber zweierlei entschädigte ihn: die Natur und die Freiheit vom
Elternhause.
Die Baronin behandelte ihn vertraulicher, beinahe mütterlich; es
unterhielt sie, mit ihm über Literatur zu sprechen. Da hatte er
Augenblicke, in denen er sich durch seine Belesenheit ebenbürtig und
überlegen fühlte; kam aber nur der Sekretär nach Haus, war er wieder
Kindermädchen.
Die Landschaft des Inselmeers hatte für ihn einen größeren Reiz als die
Ufer des Mälarsees, und die zauberischen Erinnerungen an Drottningholm
und Vibyholm verblaßten. Das Jahr vorher war er bei einem Plänkeln
mit den Scharfschützen bei Tyresö auf eine Höhe hinaufgekommen. Es
war tiefer Fichtenwald. Zwischen Blaubeeren und Wacholder krochen
sie, bis sie an eine steile Klippe kamen. Da öffnete sich plötzlich
ein Gemälde, so entzückend, daß ihn fror. Meer und Inseln, Meer und
Inseln, weit, weit, bis in Unendlichkeit. Er hatte, obwohl Stockholmer,
das Inselmeer noch nie gesehen und wußte nicht, wo er sich befand.
Dieses Gemälde machte einen solchen Eindruck auf ihn, als habe er ein
Land wiedergefunden, das er in schönen Träumen gesehen, oder in einem
früheren Dasein, an das er glaubte, von dem er aber nichts wußte.
Die Jägerkette zog sich nach der Seite in den Wald hinein, aber Johan
saß auf der Klippe und betete an; das war das richtige Wort. Die
feindliche Kette hatte sich genähert und gab Feuer; es sauste ihm um
die Ohren; er verbarg sich; fortgehen konnte er nicht. Das war seine
Landschaft, das wahre Milieu seiner Natur: Idyllen, arme, holperige
Inseln aus Graustein, bedeckt mit Fichtenwald, auf große, stürmische
Meeresflächen hinausgeworfen; und im Hintergrunde, in gehöriger
Entfernung, das unendliche Meer.
Er blieb dieser Liebe auch treu, die nicht damit erklärt ist, daß sie
die erste war. Weder die Alpen der Schweiz, noch die Olivenhügel des
Mittelmeers, noch die Felsenküste der Normandie konnten sie verdrängen.
Jetzt war er in diesem Paradies, wenn auch etwas zu weit im Innern;
die Ufer bei Sotaskär waren grüne, fette Weiden unter dem Schatten
von Eichen, und das Meer öffnete sich nach Mysing zu, aber in weiter
Entfernung. Das Wasser war rein und salzig; das war neu.
Während der Streifzüge mit Flinte, Hunden, Knaben kam er an einem
sonnenhellen Tage an den Strand hinunter. Auf der andern Seite lag
ein Schloß; ein großes, altmodisches Schloß aus Stein. Er hatte jetzt
entdeckt, daß er nur auf einem Gute wohnte; daß sein Herr nicht adelig
und nur Pächter war.
-- Wer wohnt in diesem Schloß? fragte er die Knaben.
-- Dort wohnt Onkel Wilhelm, antworteten die.
-- Wie heißt der?
-- Baron X.
-- Besucht ihr denn den nicht?
-- Doch, zuweilen.
Es gab also doch ein Schloß, mit einem Baron darin. Hm! Johans
Spaziergänge schlugen seitdem fast regelmäßig die Richtung nach dem
Strand ein, von wo er das Schloß sah. Es war von einem Park und einem
großen Garten umgeben. Seine Herrschaft hatte keinen Garten. Dies war
etwas anderes!
Eines Tages teilte ihm die Freiherrin mit, er solle am nächsten Tage
die Knaben zu Barons begleiten; dort sollten sie den Tag über bleiben.
Sie und der Herr Sekretär würden nicht mitfahren; er müsse also das
Haus vertreten, fügte sie scherzend hinzu.
Er fragte nach seiner Toilette.
Er könne in seinem Sommeranzug hinfahren, aber den schwarzen Rock auf
den Arm nehmen, um sich in dem kleinen Gobelinzimmer zu ebener Erde für
das Mittagessen umzukleiden.
Gobelinzimmer? Hm! Müsse er vielleicht Handschuhe anziehen.
Sie lachte. Nein, behüte, keine Handschuhe.
Er träumte die ganze Nacht vom Baron, vom Schloß, vom Gobelinzimmer.
Am nächsten Morgen fuhr ein Leiterwagen auf den Hof, um die Jugend zu
holen. Nein, den liebte er nicht; der erinnerte an den Küsterhof.
Sie fuhren ab. Kamen in eine große Lindenallee, fuhren auf den Hof,
hielten vorm Schloß. Es war wirklich ein Schloß, wie aus Dahlbergs
„Suecia‟, und es datierte von der Unionszeit. Aus einer Laube hörten
sie die wohlbekannten Laute des Brettspiels. Und heraus trat ein Herr
mittleren Alters in weitem Anzug aus Hanfleinen. Sein Gesicht war
nicht vornehm, eher bürgerlich, und von einem graugelben Seemannsbart
bedeckt. Er hatte auch Ohrringe.
Johan nahm den Hut in die Hand und stellte sich vor. Der Baron begrüßte
ihn freundlich und bat ihn, in die Laube zu kommen. Dort stand ein
Brettspiel, und da saß ein kleiner Greis, der einen Frühstücksschirm an
der Mütze hatte und sehr entgegenkommend war. Er wurde vorgestellt als
Rektor aus einer Kleinstadt. Johan bekam Kognak und mußte Neuigkeiten
aus Stockholm erzählen. Er vertiefte sich in Theaterklatsch und
dergleichen, und man hörte ihm mit großer Aufmerksamkeit zu.
Da haben wir's, dachte er; die wirklich Vornehmen sind viel
demokratischer als die nicht ganz Vornehmen.
-- Verzeihen Sie, Herr..., sagte der Baron; wie war doch der Name? --
Ja, so war es. Sind Sie mit Oskar verwandt?
-- Das ist mein Vater!
-- Ist das wirklich wahr? Das war ja mein alter Freund, als ich den
Dampfer Strengnäs führte.
Was? Johan traute seinen Ohren nicht! Der Baron hatte einen Dampfer
geführt? Ja, das hatte er.
Aber der Alte ging weiter und wollte Auskunft haben über Oskar und
dessen Schicksal.
Johan sah das Schloß an und fragte sich, ob es auch der Baron selbst
sei. Da kam die Baronin herunter. Die war ebenso einfach und freundlich
wie der Baron.
Man läutete zum Essen.
-- Jetzt wollen wir einen Schnaps trinken, sagte der Baron, kommen Sie.
Johan machte eine Volte im großen Flur und wollte den Gehrock hinter
einer Tür anziehen; daraus wurde aber nichts. Er tat es doch, denn die
Freiherrin hatte es gesagt.
Sie kamen in den großen Saal. Doch, es war ein richtiges Schloß.
Steinfußboden; die Decke aus Holz geschnitzt; Fensternischen, tief
wie kleine Zimmer; ein Kamin, in dem ein Klafter Holz Platz hatte;
ein Klavier auf drei Füßen; eine Krone, deren Gläser so groß wie
Pfefferkuchen waren; schwarze Porträts an den Wänden. Es war ganz, wie
es sein sollte.
Das Essen war vorbei und Johan fühlte sich heimisch. Am Nachmittage
spielte er Brett mit dem Baron und trank Grog. Alle Artigkeiten, die er
sich ausgedacht, wurden eingestellt. Und als sein Tag zu Ende ging, war
er sehr zufrieden damit.
In der großen Allee drehte er sich um und sah auf das Schloß zurück.
Es sah jetzt nicht mehr so stattlich aus; beinahe dürftig. So paßte
es besser für ihn, aber dieses Märchenschloß vom andern Ufer war
schöner anzusehen. Jetzt hatte er nichts mehr, zu dem er hinaufsehen
konnte. Aber er stand nicht mehr so tief unten. Vielleicht war es doch
angenehmer, etwas dort oben zu haben, nach dem man gaffen konnte!
Als er nach Hause kam, wurde er von der Freiherrin ausgefragt.
-- Wie finden Sie den Baron?
-- Er ist nett und herablassend.
Johan war schon so klug, die Bekanntschaft mit dem Vater zu
verschweigen. Das werden sie doch schon erfahren, dachte er. Ihm war
jetzt etwas wärmer in den Kleidern, und er war nicht mehr so demütig.
Eines Tages lieh er sich ein Reitpferd vom Sekretär, ritt aber so wild,
daß die Pferde beim nächsten Male nicht zu haben waren. Da schickte er
einen Jungen von den Instleuten ins Kirchspiel, um ein Pferd zu mieten.
Es war ein stolzes Gefühl, so hoch zu sitzen und dahin zu eilen; es
war, als habe er eine neue Kraft bekommen.
Illusionen hatten sich zwar aufgelöst, aber es war doch angenehm, auf
dem gleichen Niveau zu stehen, ohne daß man einen hatte herunterreißen
müssen. Er schrieb an den Bruder nach Haus und prahlte. Bekam aber
eine abweisende Antwort. Da er allein war und mit niemandem sprechen
konnte, schrieb er ein Tagebuch an den Freund. Der hatte eine Stellung
bei einem Kaufmann am Mälarsee gefunden, bei dem es Mädchen, Musik,
Jugend und gutes Essen gab. Johan wünschte zuweilen an dessen Stelle zu
sein; er hatte die Empfindung, als sei er in eine unglückliche Familie
gekommen. Im Tagebuch suchte er die Wirklichkeit umzudichten, und es
gelang ihm auch, den Neid des Freundes zu erregen.
Die Geschichte, daß der Baron Johans Vater kannte, verbreitete sich.
Die Baronin glaubte schlecht von ihrem Bruder sprechen zu müssen. Johan
hatte schon so viel Verstand, daß er einsah, hier lag etwas aus einem
Majoratstrauerspiel vor. Da das ihn aber nichts anging, wollte er auch
nicht danach forschen.
* * * * *
Bei einem Besuche im Pfarrhaus hörte der Unterpfarrer von Johans
Plänen, Geistlicher zu werden. Da der Pfarrer aus Altersschwäche zu
predigen aufgehört hatte, war sein Vertreter der einzige, der den
Dienst versah. Und der fand die Arbeit so schwer, daß er nach jungen
Studenten fahndete, die debütieren wollten. Er fragte Johan, ob er
nicht einmal predigen möchte. -- Aber er sei ja noch nicht Student. --
Das tue nichts. -- Hm! Er wolle es sich überlegen!
Der Unterpfarrer ließ nicht locker. Hier hätten schon so viele
Studenten und Gymnasiasten gepredigt; ja, die Kirche habe einen
gewissen Ruf, weil der berühmte Schauspieler Knut Almlöf dort in seiner
Jugend gepredigt habe. -- Menelaus? In der „Schönen Helena‟? -- Eben
der! -- Das Evangelienbuch wurde aufgeschlagen, Postillen geliehen,
und Johan versprach, sich am Freitag einzufinden, um die Predigt zu
probieren.
Ein Jahr nach der Konfirmation sollte er also auf die Kanzel steigen
und im Namen des Herrn sprechen; und die andern, sein Hausherr, die
Baronin, die Mädchen, würden als andächtige, demütige Zuhörer dasitzen.
Schon am Ziel, so schnell, ohne theologisches Examen, ja sogar ohne
Studentenprüfung. Mantel und Kragen würde er leihen, das Stundenglas
umkehren, Vaterunser beten, die Aufgebote vorlesen. Das stieg ihm zu
Kopf; er wuchs um eine halbe Elle. Als er wieder nach Haus fuhr, war er
überzeugt, daß er kein Knabe mehr sei.
Zu Hause aber erwachten die Bedenken. Er war ja Freidenker. War es
ehrlich, zu heucheln? Nein, nein! Aber sollte er darum verzichten? Das
war ein zu großes Opfer. Die Ehre winkte; vielleicht konnte er auch
einige Samen freier Gedanken aussäen, die einst keimen würden. Ja,
aber das war unehrlich! Er sah nämlich mit seiner alten Egoistenmoral
auf die Absicht des Handelnden, nicht auf den Nutzen oder Schaden
der Handlung. Es war nützlich für ihn, zu predigen, und es war nicht
schädlich für andere, ein neues, wahres Wort zu hören: also... Aber
es war nicht ehrlich! Er kam nicht davon los. So erleichterte er sein
Gewissen bei der Baronin.
-- Meinen Sie, der Geistliche glaubt an alles, was er sagt?
Das sei Sache des Geistlichen, er aber könne nicht.
Schließlich ritt er nach der Pfarre und bekannte kurz. Der Unterpfarrer
war wenig erfreut, sein Vertrauen entgegennehmen zu müssen.
-- Aber sie glauben doch wohl an Gott, in Jesu Namen!
-- Ja, das tue ich gewiß!
-- Nun, dann sprechen Sie nicht von Jesus. Bischof Wallin erwähnte
niemals Jesu Namen in seinen Predigten. Aber berühren Sie den Punkt
nicht; lassen Sie mich nichts davon wissen.
-- Ich werde mein Bestes tun, sagte Johan, froh, seine Ehre gerettet zu
haben!
Sie tranken einen Schnaps und aßen ein Butterbrot, und die Sache war
abgemacht.
Es war etwas, wie er mit seinem Tabak und seinen Postillen dasaß: als
der Sekretär nach dem Hauslehrer fragte, antwortete die Magd:
-- Der Herr Lehrer schreibt an seiner Predigt.
Er hatte den Text vor sich, über den er sprechen sollte. Es war der
siebente Sonntag nach Trinitatis, und die Worte lauteten so:
„Jesus sagte: Jetzt ist des Menschen Sohn verkläret, und Gott ist
verkläret in ihm. Ist nun Gott in ihm verkläret, so wird auch Gott ihn
in sich selber verklären; und wird ihn bald verklären.‟
Das war alles. Johan drehte und wendete den Text, fand aber keinen
Sinn darin. Das ist etwas dunkel, dachte er. Aber es berührte den
empfindlichsten Punkt: Christi Gottheit. Wenn er sich nun ein Herz
faßte und Christi Gottheit forterklärte, dann hätte er eine große Tat
vollbracht. Die Aufgabe lockte ihn, und mit Parkers Hilfe dichtete er
ein Loblied in Prosa über Christus als Sohn Gottes. Äußerst vorsichtig
rückte er damit heraus, daß wir alle Gottes Söhne sind, Jesus aber,
Gottes auserwählter lieber Sohn, an dem Gott ein besonderes Gefallen
fand und dessen Lehren wir hören müssen.
Das war aber nur die Einleitung, und das Evangelium wurde ja nach der
Einleitung vorgelesen. Worüber sollte er denn predigen? Jetzt hatte er
sein Gewissen beschwichtigt, indem er seine Überzeugung von Christi
Gottheit ausgesprochen. Das Fieber glühte, der Mut wuchs: er fühlte,
daß er einen Beruf zu erfüllen habe. Er wollte das Schwert gegen die
Dogmen ziehen, gegen Gnadenwahl und Pietismus. Das war eine Aufgabe.
Als er dann nach Verlesung des Textes sagen sollte: Auf Grund des
verlesenen heiligen Textes wollen wir in dieser kurzen Stunde zum
Thema der Betrachtung nehmen ... schrieb er: Da der Text des Tages
uns zu weiteren Betrachtungen keine Veranlassung gibt, wollen wir in
dieser kurzen Stunde ein Thema betrachten, das von größerer Bedeutung
als etwas anderes ist... Dann betrachtete er Gottes Gnadenwerk in der
Bekehrung.
Das waren zwei Angriffe: einer gegen die Textkommission, einer gegen
die Lehre der Kirche von der Gnadenwahl.
Er sprach zuerst von der Bekehrung als von einer ernsten Sache, die
ihre Opfer fordere und von dem freien Willen des Menschen abhänge. (Das
war ihm nicht ganz klar.) Er berührte die Ordnung der Gnade und schlug
schließlich die Tore des Himmelreichs für alle auf: Kommet her zu
mir, die ihr mühselig und beladen seid. Zöllner und Sünder, Huren und
Statthalter: alle sollten in den Himmel kommen! Sogar der Räuber hörte
die frohe Botschaft: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Das war
Jesu Evangelium für alle. Niemand solle glauben, die Schlüssel zum
Himmel zu besitzen, und sich einbilden, allein ein Kind Gottes zu sein
(das war für die Mucker!), sondern die Türen der Gnade ständen offen
für alle, alle!
Er wurde jetzt ernst und fühlte sich wie ein Missionar.
Am Freitag fand er sich in der Kirche ein und las von der Kanzel herab
einige Stellen aus der Predigt vor. Er wählte die unschuldigsten.
Darauf wurden die Gebete wiederholt, während der Unterpfarrer unter der
Orgel stand und „lauter, langsamer!‟ rief. Johan ward approbiert, und
sie tranken einen Schnaps und aßen ein Butterbrot.
Am Sonntag war die Kirche besetzt. Johan wurde in der Sakristei mit
Mantel und Kragen angetan. Einen Augenblick fand er es lächerlich; dann
aber kam die Angst über ihn. Er betete zu dem einzigen wahren Gott
um Hilfe, da er jetzt für seine Sache das Schwert ziehen solle gegen
tausendjährigen Irrtum. Als der letzte Laut der Orgel verklungen war,
stieg er unbefangen auf die Kanzel hinauf.
Alles ging gut. Als er aber an die Stelle kam: „Da der Text des Tages
uns keine Veranlassung zu weiteren Betrachtungen gibt‟, und er die
vielen weißen Flecke, die Gesichter waren, sich unten in der Kirche
bewegen sah, zitterte er. Aber nur einen Augenblick. Dann begann er,
und mit ziemlich starker und sicherer Stimme las er seine Predigt vor.
Als er ans Ende kam, war er selber so gerührt über die schönen Lehren,
die er verkündete, daß seine Tränen die Schrift auf dem Papier
undeutlich machten.
Er atmete auf. Las alle Gebete, bis die Orgel wieder anfing; dann stieg
er hinunter.
Da stand der Unterpfarrer und empfing ihn mit einem „Danke‟.