In Vaters Bücherschrank hatte Johan Lenströms Ästhetik, Boijes

Malerlexikon, Oulibicheffs Mozart gefunden; außer den schon erwähnten

klassischen Dichtern. Aus einem Nachlaß kam zu dieser Zeit auch ein

großer Ballen Remittenden eines Verlages. Der trug viel dazu bei, daß

Johan früh Kenntnisse in der schönen Literatur erwarb.

Da waren in mehreren Exemplaren die Gedichte von Talis Qualis, die er

ungenießbar fand. Byrons „Don Juan‟ in Strandbergs Übersetzung konnte

er nie Geschmack abgewinnen, denn die beschreibende Poesie haßte er

und Verse liebte er nicht; die übersprang er regelmäßig, wenn sie in

Prosa vorkamen. Tassos „Befreites Jerusalem‟ in Kullbergs Übersetzung

war langweilig. Carl von Zeipels Erzählungen unmöglich. Walter Scotts

Romane zu lang, besonders die Schilderungen. (Darum verstand er Zolas

Größe nicht, als er nach vielen Jahren dessen überladene Schilderungen

las; daß die nicht fähig waren, einen Totaleindruck zu geben, davon

hatte Lessings „Laokoon‟ ihn überzeugt.) Dickens blies Leben in seine

leblosen Gegenstände und stellte etwas mit ihnen dar; stimmte die

Landschaft mit Mensch und Situation. Das verstand Johan besser. Eugen

Sues „Wandernden Juden‟ fand er großartig; den wollte er kaum zu den

Romanen rechnen, denn „Roman‟ war etwas aus der Leihbibliothek und

Mädchenkammer. Dies aber war eine weltgeschichtliche Dichtung, meinte

er, und der Sozialismus darin fand leicht Eingang bei ihm. Alexander

Dumas' Romane waren für ihn Indianerbücher; mit denen begnügte er sich

nicht mehr; jetzt mußte er einen Inhalt haben. Den ganzen Shakespeare

verschlang er in Hagbergs Übersetzung. Aber es wurde ihm immer schwer,

Dramen zu lesen, weil das Auge von den Personennamen zum Text springen

mußte. Seine übertriebenen Erwartungen von „Hamlet‟ erfüllten sich

nicht, und die Lustspiele schienen ihm reiner Schund zu sein.

Die Familie hielt sich verwandt mit Holmbergsson, dessen Bild an der

Wand hing und von dem man Geschichten erzählte. Er war wohl ein Vetter

des Vaters. Schillers und Goethes Büsten standen auf dem Bücherschrank,

und über dem Klavier hingen Bilder aller großen Komponisten.

„Lithographisches Allerlei‟ wurde gehalten, in dem die großen Künstler

der Zeit ihren Lebenslauf erhielten. Der Vater war Mitglied des

„Vereins für nordische Kunst‟; liebte, wie schon erwähnt, Musik,

spielte Klavier und etwas Cello. Die erwachsenen Söhne und die älteste

Tochter veranstalteten jetzt Geigenquartette, und zwar nur von Haydn,

Mozart und Beethoven. Das Elternhaus hatte also einen leichten Anflug

von Kunstliebhaberei erhalten, nachdem es die kleinen Verhältnisse

eines dürftigen Bürgerhauses durchgemacht.

In der Schule hatte Johan Svedboms Lesebuch und Bjurstens

Literaturgeschichte gelesen, die letzte unter Bjursten selbst in

der Klaraschule. Ein Junge wußte, daß Bjursten ein Dichter war. Was

bedeutete Dichter? Ja, das wußte niemand so genau. Später pflegte Johan

seinen dichtenden Freunden zu erzählen, wie er von Herman Bjursten

bestraft wurde, weil er während der Stunde ein Märchenbuch las. Das

sollte ein Vorzeichen für seinen künftigen Beruf sein, wie man damals

glaubte. Noch später, als man Bjursten geringschätzte, wurde die

Geschichte als Spaß erzählt.

An der Privatlehranstalt wurde die schöne Literatur recht gut vom

Lehrer der schwedischen Sprache gepflegt, der etwas literarisch war. In

der vierten Klasse hatten sie Runebergs „Fähnrich Stahl‟ gelesen. Der

Direktor, der Lateiner war, fragte eines Tages, was sie lesen:

-- „Fähnrich Stahl‟!

-- Den müssen Sie nicht lesen; der verschlechtert den Geschmack, sagte

er zum Lehrer, der damals ein Regimentspastor und Naturforscher war.

Realismus, Barbarei!

Der spätere Lehrer hatte bessern Geschmack. Man mußte Runebergs

langweilige „Könige von Salamis‟ lesen, die damals in allen gebildeten

Familien vorgelesen wurden. Ein literarischer Verein war gebildet

worden, und dort las man an den Feiertagen Gedichte. Fritz hatte ein

großes Gedicht geschrieben, das von der Ritterholmskirche handelte und

„Die schwedische Nekropolis‟ hieß. Es ging nach der Melodie: „Ich stand

am Ufer bei der Königsburg‟ und war wohl recht schlecht.

Johan konnte Poesie nicht leiden. Die sei gemacht, unwahr, fand er. Die

Menschen sprachen nicht auf diese Weise und sprachen selten so schöne

Dinge. Jetzt aber wurde er aufgefordert, einen Vers in Fannys Album zu

schreiben.

-- Dazu kannst du dich wohl aufschwingen, sagte der Freund.

Johan saß die Nächte auf, kam aber nicht über die beiden ersten Zeilen

hinaus; auch wußte er nicht, was für einen Inhalt er nehmen solle.

Seine Gefühle konnte man doch nicht so vor allen Leuten auskramen.

Fritz half ihm schließlich, und zusammen kamen sechs oder acht

Reihen, die reimten. Snoilskys später so bekannter Sperling auf der

Fensterscheibe aus dem „Weihnachtsabend in Rom‟ mußte Federn dazu

hergeben. Eigentümlich war, daß Fritz seitdem nie mehr im Leben einen

Vers schrieb.

Der Begriff „Genie‟ war oft Gegenstand der Erörterung. Der Lehrer

pflegte zu sagen: die Genies stehen über allem Rang wie die

Exzellenzen. Johan dachte über dieses Wort viel nach und meinte,

auf diese Weise könne man auf die gleiche Höhe wie die Exzellenzen

kommen, ohne hoch geboren zu sein, ohne Geld zu haben, ohne Karriere

zu machen. Was aber Genie war, wußte er nicht. Er äußerte einmal

in einem empfindsamen Augenblick zu der Freundin, er wolle lieber

ein Genie sein als ein Kind Gottes; dafür hatte er eine scharfe

Zurechtweisung erhalten. Ein andermal sagte er zu Fritz, er möchte ein

gelehrter Professor sein, der wie ein Strolch gekleidet sein und sich

roh benehmen könne, ohne sein Ansehen zu verlieren. Wenn aber jemand

fragte, was er werden wolle, antwortete er: Geistlicher. Er sah, daß

alle Bauernjungen das werden konnten, und er glaubte, das passe für

ihn. Als er Freidenker geworden war, wollte er den Doktor machen. Und

dann? Das wußte er nicht. Aber Lehrer wollte er um keinen Preis werden.

Der Lehrer war natürlich Idealist. Braun war Barbierstubendichter;

Sehlstedt war nett, aber ohne Idealismus; Bjurstens

„Napoleon-Prometheus‟ mußte laut gelesen werden; das Dekameron, das

damals in schwedischer Übersetzung erschien, konnte ohne Gefahr nur von

starken Charakteren verdaut werden, war sonst eine klassische Arbeit;

Runeberg war in den „Elchschützen‟ ein starker Realist in der Form,

wurde aber zuweilen roh, wo er klassisch einfach sein wollte; so in dem

verlausten „Aron am Herd‟.

Zu Weihnachten bekam Johan zwei Bände Gedichte von Fritz: Topelius und

Nyblom. Topelius lernte er allmählich lieben, weil der Liebesqualen

Worte lieh und in den „Träumen des Jünglings‟ das damalige Ideal für

einen Jüngling formulierte. Nyblom war dürftig als Poet, spielte aber

eine gewisse Rolle als Vertreter der Ästhetik, teils durch seine

italienischen Briefe an die „Illustrierte Zeitung‟, teils durch seine

Vorlesungen für Damen, die er in der Börse hielt. Nyblom war noch in

seinen Vorlesungen kein gesunder Realist, sondern Verehrer der Antike.

Eine größere Bedeutung hatte das Theater, das ein starkes

Bildungsmittel für Jugend und Ungebildete sein kann, die sich noch

von bemalter Leinwand und unbekannten Schauspielern, mit denen sie

noch keine Brüderschaft getrunken haben, täuschen lassen können. Als

achtjähriger Knabe hatte Johan ein Stück gesehen, von dem er keine

Spur verstand. Es war wohl der „Reiche Oheim‟ von Blanche; alles,

was ihm in der Erinnerung geblieben, war ein Herr, der eine silberne

Schnupftabaksdose in die See warf und von Rio Janeiro sang. Später sah

er Blanches „Engelbrecht‟ und war hingerissen. Und zur selben Zeit

den „Besieger des Bösen‟ von dem Dänen Overskou. Dann folgten Opern,

die während der pietistischen Periode für gut angesehen wurden, weil

sie weniger sündhaft seien. Einmal war er im Dramatischen Theater

und erinnerte sich später an den Schauspieler Knut Almlöf in einem

französischen Stück „Die schwache Seite‟ und an die Schauspielerin

Hammarfeldt im „Ausflug ins Grüne‟.

Die Sittenkomödie der Zeit, die nicht ohne Einfluß war, bestand aus

Jolins Stücken: „Müllerfräulein, Meister Smith, Lachen und Weinen,

der Schmähschreiber‟. In „Meister Smith‟ wurde bewiesen, laut dem

Kompromiß nach den mißlungenen Revolutionen des Jahres 1848, daß wir

alle Aristokraten seien. Wie aber diesem Übelstand abzuhelfen sei,

davon erfuhr man nicht das geringste. Die Tatsache blieb, und man war

zufrieden mit der Tatsache. Im „Müllerfräulein‟ wurde die Revolution

von 1865 vorbereitet, denn darin wies Jolin nach, daß der Adel keine

höhere Rasse ist. „Der Schmähschreiber‟ machte Aufsehen, weil er unter

dem Gesindel der Zeitungsreptile aufräumte: einen Besen warf man dem

Autor auf die Bühne. Das Stück war indessen so realistisch -- der Autor

hatte unter anderm den lebenden Schriftsteller Nybom auf die Bühne

gebracht --, daß die Ausfälle, die Jolin später in seinem Alter gegen

modernen Realismus machte, nicht befugt waren.

Etwas Angenehmes und Sympathisches hatte Jolin; und seine Bedeutung für

das Theater war beinahe größer als die von Blanche, der schließlich zu

einem Cliquendichter des Opernkellers herabsank.

Frans Hedberg, der mit dem Pamphlet „Vier Jahre beim Provinztheater‟

eine ärgerliche Aufmerksamkeit erregte und dann durch sein

„Sendschreiben an den Theaterdirektor Stedingk‟ die mehr scherzhafte

als ernsthafte Aufforderung erzielte, die Schauspielerschule des

Theaters zu leiten, rettete sich vom vollständigen Sonnenuntergang

durch die „Hochzeit von Ulfåsa‟, die volkstümlich wurde und sowohl

„Wermländer‟ wie „Engelbrecht‟ überglänzte.

Die „Hochzeit‟ ist tot, aber Södermanns Marsch lebt. Das Stück hatte

übrigens keine Bedeutung in der Entwicklung Johans oder eines andern

Zeitgenossen. Es war ein Schattenspiel, hohl wie ein Operntext, und

wurde nur von den Damen hochgehalten, denen darin ein Rauchopfer

im großen Stile des Mittelalters gebracht wurde. Der unterjochte

Mann murrte allerdings und wollte sich in dem Helden Beugt nicht

wiedererkennen; das aber wurde nicht so genau genommen.

Von größerer Bedeutung wurde das Erscheinen von Offenbachs Operette

auf dem Königlichen Theater. Nachdem der Autor der „Schönen Helena‟

in die Französische Akademie aufgenommen ist, wird es wohl nicht mehr

lebensgefährlich sein, wenn man gerecht gegen ihn ist. Halevy und

Offenbach waren Israeliten und Pariser unter dem zweiten Kaisertum.

Als Israeliten hatten sie keine Pietät vor den Ahnen der europäischen

Kultur, vor Griechen und Römern, deren Bildung sie als Morgenländer

nicht hatten durchmachen müssen. Als Israeliten waren sie skeptisch

gegen abendländische Kultur und am meisten gegen die christliche Moral

des Abendlandes. Sie sahen eine christliche Gesellschaft die strengste

Moral bekennen und wie Heiden leben. Sie entdeckten den Widerspruch in

Lehre und Leben; dieser Widerspruch konnte nur dadurch gelöst werden,

daß man die veraltete Lehre änderte; denn das Leben war nicht zu

ändern, man hätte denn ins Kloster gehen oder sich kastrieren lassen

müssen. Die Menschen waren es müde, heucheln zu müssen; sie freuten

sich, daß sie eine neue Moral bekamen, die in voller Übereinstimmung

mit der Beschaffenheit der menschlichen Natur und allgemeiner Sitte

stand. Offenbach gefiel, weil die Sinne vorbereitet waren und man

allgemein die unbequeme Mönchskutte satt hatte. Dann lieber nackt!

Offenbachs Operette packte fest zu, denn sie lachte über die ganze

veraltete Kultur des Abendlandes, über Geistlichkeit, Königstum,

Speisehaus, Ehe, die zivilisierten Kriege; und über was man lacht,

das wird nicht mehr verehrt. Offenbachs Operette hat dieselbe Rolle

gespielt wie die Komödie des Aristophanes; ist ein ähnliches Symptom

gewesen am Ende einer Kulturperiode und hat darum ihre Aufgabe erfüllt.

Sie war scherzhaft, aber Scherz ist gewöhnlich maskierter Ernst. Nach

dem Lachen kam der reine Ernst, und da stehen wir jetzt (1886).

Die Juden lächelten beim Ausgang der Epoche über diese Christen,

die zwei Jahrtausende lang eine Hölle aus dem fröhlichen Erdenleben

zu machen gesucht hatten und jetzt erst einsahen, daß Christi Lehre

eine subjektive ist. Für die geistigen Bedürfnisse ihres Urhebers und

seiner Zeitgenossen, die unter der römischen Herrschaft seufzten, war

sie geeignet, mußte aber den neuen Verhältnissen angepaßt werden.

Die von Natur Positivisten waren und ganze Epochen durchlebt hatten,

ohne an Christi Lehre teilzunehmen, sahen jetzt, wie die Christen das

Christentum fortwarfen, und sie lächelten. Das war die Rache des Juden

und seine Mission in Europa.

Der Jüngling von 1865, der von der Stigmatisierung noch zittert, vom

Kampf gegen das Fleisch und den Teufel entnervt ist, dessen Ohren

von Glockenläuten und Kirchenliedern gepeinigt worden, kommt in den

festlich erleuchteten Zuschauerraum, mit kühnen Jünglingen von guter

Geburt und guter Stellung; sieht vom ersten Rang aus diese Bilder des

fröhlichen Heidentums sich aufrollen; hört eine Musik, die ursprünglich

ist, etwas Gemüt hat, denn Offenbach war germanisiert, liederreich,

mutwillig. Schon die Ouvertüre bringt ihn zum Lächeln. Und dann! Der

Tempeldienst hinter den Vorhängen erinnert ihn an das Brotbacken in

der Küche des Küsters; der Donner erweist sich als eine unverzinnte

Eisenplatte; die Göttinnen sind drei schöne Schauspielerinnen; die

Götter unsichtbare Regisseure.

Aber hier wurde auch die ganze antike Welt gestrichen. Diese Götter,

Göttinnen, Helden, die durch die Lehrbücher einen Anflug von Heiligkeit

erhalten hatten, wurden gestürzt. Griechenland und Rom, auf die man

sich immer berief als auf den Ursprung aller Bildung, wurden auf ihr

richtiges Niveau gebracht. Das war demokratisch, denn nun fühlte man

den Druck weniger; und die Furcht, sich nicht so hoch erheben zu

können, war einem genommen.

Dann aber kam das Kapitel von der Lebensfreude. Menschen und Götter

paarten sich durcheinander, ohne erst zu fragen; Götter halfen jungen

Mädchen, alten Greisen zu entlaufen; der Priester tritt aus dem Tempel,

da er das Heucheln satt hat, flicht die Weinranke um die feuchte Stirn

und tanzt Cancan mit den Hetären.

Das war offenes Spiel! Das nahm Johan auf wie Gottes Wort; er hatte

nichts dagegen einzuwenden; es war, wie es sein sollte. War es

ungesund? Nein! Aber es aufs Leben anzuwenden, dazu fühlte er kein

Verlangen. Es war ja ein Theaterstück; es war unwirklich, und sein

Gesichtspunkt war noch der ästhetische.

Was war dies Ästhetische, unter dessen Begriff soviel eingeschmuggelt

werden, unter dessen Deckung soviel Zugeständnisse gemacht werden

konnten? Ja, Ernst war es nicht; Scherz auch nicht; es war etwas

sehr Unbestimmtes. Das Dekameron verherrlichte das Laster, aber sein

ästhetischer Wert blieb bestehen. Was war das für ein Wert? Ethisch

war das Buch zu verdammen, ästhetisch aber zu loben. Ethisch und

ästhetisch! Eine neue Zauberschachtel mit doppeltem Boden, aus der man

nach Belieben Mücken oder Kamele hervorholte.

Aber das Stück wurde mit Autorität vom Königlichen Theater gegeben und

von den hervorragendsten Künstlern dargestellt; Knut Almlöf selber

spielte Menelaus. Der Generalprobe folgte ein Frühstück, bei dem der

König und Gardeoffiziere die Wirte machten. Das wußten die Jünglinge

durch den Sohn des Kammerherrn, der ihnen Karten gab. Man spielte das

Stück beinahe auf höchsten Befehl!

Das Geschrei stieg jedoch ebenso hoch wie das Entzücken. Man konnte

nicht mehr sprechen, ohne einen Ausdruck aus der „Schönen Helena‟ zu

benutzen. Man konnte Virgil nicht mehr lesen, ohne daß man Achilles

mit dem hochnäsigen Achilles übersetzte. Johan sah das Stück erst,

als es schon ein halbes Jahr gespielt wurde; deshalb verstand er

seinen Lateinlehrer nicht, als der ein Zitat aus der „Schönen Helena‟

gebrauchte. Da fragte der, ob er das Stück nicht gesehen habe. -- Nein!

-- Ist nicht möglich! Aber das müssen Sie sehen! Man mußte es sehen;

und er sah es.

Der Lehrer in Literatur, der etwas Pietist war, predigte dagegen und

warnte; aber er griff das Stück vorsichtigerweise vom ästhetischen

Gesichtspunkte an; sprach von schlechtem Geschmack, simplem Ton. Das

machte auf einige Eindruck, und auf des Lehrers Aufforderung gingen

diese ästhetischen Snobs in den „Ritter Blaubart‟ und zischten,

natürlich, nachdem sie sich gründlich amüsiert hatten.

Das Stück hatte das bedrückte Herz des Jünglings etwas erleichtert und

ihn über Götzen lächeln gelehrt; aber auf sein Geschlechtsleben oder

seine Auffassung vom Weibe hatte es keinen Einfluß.

Tiefer drang dagegen der schwermütige Hamlet. Wer ist dieser Hamlet,

der noch heute lebt, nachdem er zur Zeit Johans des Dritten von

Schweden das Rampenlicht erblickt hat? Der noch ebenso jung geblieben

ist? Man hat ihn zu so vielem gemacht und zu allen möglichen Zwecken

benutzt. Johan nahm ihn sofort für seine in Anspruch.

Der Vorhang geht auf: König und Hof in glänzenden Trachten, Musik

und Freude. Dann kommt der blasse Jüngling im Trauergewand und lehnt

sich gegen den Stiefvater auf. Aha! Er hat einen Stiefvater! Das ist

mindestens ebenso schlimm wie eine Stiefmutter haben, denkt Johan.

Das ist mein Mann! Und nun soll er gedemütigt werden, man will ihm

Sympathie mit den Tyrannen abzwingen. Das Ich des Jünglings erhebt

sich. Empörung! Aber sein Wille ist gelähmt; er droht, aber kann nicht

zuschlagen. Er züchtigt jedoch die Mutter! Schade nur, daß es nicht der

Stiefvater war! Dann aber kommt die Gewissensqual. Gut, gut! Er ist

Grübler, wühlt in seinem Innern, bedenkt seine Handlungen so lange, bis

sie sich in nichts auflösen. Und dann liebt er die Braut eines andern.

Das stimmt ja vollständig. Johan beginnt zu zweifeln, daß er eine

Ausnahme ist. So geht es also gewöhnlich im Leben zu? Schön! Dann muß

ich's mir nicht so nahe gehen lassen, darf aber auch kein Original sein

wollen.

Der zurechtgehauene Schluß verfehlte seinen Eindruck, wenn ihm

auch Horatios schöne Rede etwas aufhalf. Den heillosen Fehler des

Bearbeiters, Fortinbras zu streichen, merkte der Jüngling nicht. Aber

Horatio, der jetzt der Gegensatz wurde, war kein Gegensatz; er war eine

ebensolche Memme wie Hamlet und sagte nur ja und nein. Fortinbras, das

war der Mann der Tat, der Sieger, der den Thron heischt; aber er war

gestrichen, und nun schloß alles mit „Jammer und Elend‟.

Aber es war schön, sein Schicksal beweinen zu können und sein Schicksal

beweint zu sehen. Hamlet blieb für ihn vorläufig nur der Stiefsohn;

später wurde er der Grübler; noch später der Sohn, das Opfer für die

Familientyrannei. So wächst die Auffassung. Der Schauspieler Schwartz

gab den Phantasten, den Romantiker, der sich mit der Wirklichkeit

nicht versöhnen kann; mit dieser Auffassung erfüllte er, was der

damalige Geschmack verlangte. Eine positivistische Zukunft, welche die

Romantik ganz lächerlich gemacht hat, wird vielleicht in Hamlet einen

Don Quichotte sehen, der von einem Komiker gespielt wird. Hamletische

Jünglinge sind schon längst dem Lächeln verfallen, denn ein neues

Geschlecht ist heute (1886) gekommen, das ohne Visionen denkt und

handelt, wie es denkt.

Das neutrale Gebiet der schönen Literatur und des Theaters, auf dem

die Moral nichts zu sagen hatte; wo sich die Menschen nackt in grünen

Hainen trafen, um das Tier mit den beiden Rücken zu spielen; wo man

Gott und sein heiliges Evangelium verleugnen; wo man, wie in „Ritter

Blaubart‟, auf höchsten Befehl die Königlichkeit zum Narren halten

konnte; diese Unwirklichkeiten der Dichtung mit ihrer Wiederherstellung

einer Welt, die besser ist als die vorhandene -- wurde von dem Jüngling

als etwas mehr als Dichtung aufgefaßt. Bald verwechselte er Dichtung

und Wirklichkeit; bildete sich ein, das Leben außerhalb seines

Elternhauses, also seine Zukunft, sei ein solcher Lustgarten. Besonders

das nächste Paradies, die Universität Upsala, begann ihm jetzt vor

Augen zu schweben als die Stätte der Freiheit. Dort konnte man schlecht

gekleidet gehen, arm sein und doch zu den Studenten, das heißt zur

Oberklasse, gehören. Dort durfte man singen und trinken, berauscht nach

Hause kommen, sich mit der Polizei herumschlagen, ohne sein Ansehen zu

verlieren. Das war das Idealland.

Wer hatte ihn das gelehrt? Wennerbergs „Burschen‟, die er jetzt mit

seinem Bruder sang. Aber er wußte nicht, daß die „Burschen‟ die Sache

vom Gesichtspunkt der Oberklasse aus sehen; daß diese Lieder Stück

für Stück entstanden, um von Prinzen und künftigen Königen gehört zu

werden; daß die Helden von Familie waren. Er dachte nicht daran, daß

Pumpen nicht so gefährlich ist, wenn eine Tante im Hintergrund lebt;

die Prüfung nicht so streng, wenn man den Bischof zum Oheim hat; das

Einschlagen von Fensterscheiben nicht so teuer, wenn man in guter

Gesellschaft ist.

Jedenfalls, die Zukunft begann ihn zu beschäftigen; ihm war die

Hoffnung auf eine Zukunft wiedergekommen; das verhängnisvolle

fünfundzwanzigste Jahr wirkte nicht mehr so erschreckend. Das hatte

seinen Grund darin, daß die Schuldirektionen Maßregeln getroffen

hatten, um sich über den Sittlichkeitszustand in den Schulen der

Hauptstadt zu unterrichten. Der Bericht wurde in den Abendzeitungen

gedruckt. Das kam Johan zu Ohren. Die Untersuchung hatte erwiesen,

daß die meisten Knaben und die meisten Mädchen einem Laster verfallen

waren, das der gefährlichste Feind der Jugend war. Also konnte man in

guter und zahlreicher Gesellschaft in den Himmel eingehen! Er war nicht

allein ein Sünder! Dazu kam, daß man in der Schule offen von der Sache

sprach, als gehöre sie zur Vergangenheit eines jeden; und zwar sprach

man nicht ernsthaft und gewichtig davon, sondern in Anekdotenform.

Johan wurde es nun klar, daß es keine geschlechtliche Krankheit ist,

sondern daß diese nur entstehen konnten, wenn man mit einer Frau

verkehrt hatte. Er war jetzt beruhigt, zumal sich keine üblen Folgen

gezeigt hatten. Seine Gedanken waren mit Arbeiten beschäftigt oder mit

unschuldigen Flammen für reine Mädchen, welche die Bleichsucht hatten.

* * * * *

Zu dieser Zeit blühte die Scharfschützenbewegung. Das war ein schöner

Gedanke, der Schweden ein Heer gab, das größer war als das stehende

Heer: 40 000 gegen 37 000.

Johan trat als Aktiver ein, erhielt Uniform, machte sich Bewegung,

lernte schießen. Aber er kam auch in Berührung mit jungen Leuten

aus andern Klassen der Gesellschaft. In seiner Kompagnie waren

Handwerkergesellen, Ladenburschen, Kontoristen, jüngere Schauspieler

ohne Namen. Die waren ihm sympathisch, aber fremd. Er suchte sich ihnen

zu nähern, aber sie nahmen ihn nicht auf. Sie sprachen ihr Argot, die

Sprache ihres Kreises, die er nicht verstand. Jetzt merkte er, wie

die Bildung ihn von den Kameraden seiner Kindheit getrennt hatte, und

er wurde verschlossen. Von vorneherein galt er für hochmütig. Aber er

sah im Gegenteil in gewisser Hinsicht zu ihnen auf. Sie waren naiv,

furchtlos, selbständig, wirtschaftlich besser gestellt als er, denn sie

hatten immer Geld.

Das Gefühl, auf langen Märschen im Trupp zu gehen, hatte etwas

Beruhigendes für ihn. Er war nicht zum Befehlen geboren und gehorchte

gern, wenn er nur nicht Übermut und Herrschsucht im Befehlen merkte.

Er sehnte sich nicht danach, Korporal zu werden; dann mußte er für die

andern denken und, was schlimmer war, beschließen. Er blieb Sklave

aus Natur und Neigung, empfand aber die Unbefugtheit des Tyrannen und

bewachte ihn genau.

Bei einem größeren Manöver konnte er seine Ansicht über gewisse

Sonderbarkeiten nicht unterdrücken. Die Infanterie der Garde hielt

bei einer Landung den Kanonen der Flotte stand, welche die Prahme

bedeckten, auf denen Johan war. Die Kanonen spielten auf einige

Klafter Entfernung den Gardisten mitten ins Gesicht; die blieben aber

dennoch stehen. Sie gehorchten wohl, sie auch, ohne zu begreifen.

Johan schimpfte und fluchte, aber er gehorchte, denn er hatte sich zum

Gehorchen verpflichtet.

Während einer Rast auf Tyresö im Stockholmer Inselmeer rang er aus

Scherz mit einem Kameraden. Der Kompagniechef trat dazwischen und

verbot etwas barsch das Ringen. Johan antwortete scharf, es sei jetzt

Rast, und sie spielten nur.

Der Sohn einer Magd · 第 12 / 29 段