Eines Sonntagmorgens ging er mit dem Ingenieur in den Hagapark

hinaus. Es war Frühling. Der Hasel blühte und die Leberblümchen waren

herausgekommen. Das Wetter war halbklar, die Luft weich und feucht nach

einem nächtlichen Regen. Sie sprachen von der Freiheit des Willens.

Der Pietismus hatte eine sehr schwankende Auffassung von der Sache.

Man hatte keinen freien Willen, Gottes Kind zu werden. Der Heilige

Geist würde einen aufsuchen: also Prädestination. Johan hatte wohl den

Willen gehabt, bekehrt zu werden, es aber nicht werden können. „Herr,

schaff in mir einen neuen Willen‟, hatte er beten gelernt. Wie aber

konnte er denn für seinen bösen Willen verantwortlich sein? Durch den

Sündenfall, antwortete der Pietist; da der mit freiem Willen begabte

Mensch das Böse wählte, wurde sein Wille böse durch Vererbung; böse für

alle Zeiten und hörte auf, frei zu sein. Und er konnte diesen bösen

Willen nur durch Jesus und durch die Gnadenwirkung des Heiligen Geistes

loswerden. Aber von neuem geboren werden, hing nicht von seinem eigenen

Willen ab, sondern von Gottes Gnade. Also unfrei. Aber obwohl unfrei,

blieb er verantwortlich. Da lag der Fehlschluß.

Der Ingenieur war ein Verehrer der Natur, und Johan auch. Was ist

diese Naturverehrung, die heute für so kulturfeindlich gilt? Ein

Rückfall in die Barbarei, sagen die einen; eine gesunde Rückkehr von

der Überkultur, sagen die andern. Als der Mensch in der Gesellschaft

eine Einrichtung entdeckt, die auf Irrtümern und Ungerechtigkeiten

beruht; als er einsieht, daß die Gesellschaft gegen kleine Vorteile

auf Triebe und Begierden harten Zwang legt; als er die Illusion, er

sei ein Halbgott und ein Kind Gottes, durchschaut und findet, daß er

ganz einfach eine Tierart ist: flieht er die Gesellschaft, die mit

Rücksicht auf den göttlichen Ursprung des Menschen aufgebaut ist, und

geht in die Natur, in die Landschaft hinaus. Da fühlt er sich in seinem

Milieu als Tier, fühlt sich als Staffage ins Gemälde eingestellt, sieht

seinen Ursprung, die Erde, die Wiese; sieht den Zusammenhang der ganzen

Schöpfung in lebendem Auszug; die Berge, die Erde geworden; den See,

der Regen ward; die Wiese, die zerbröckelter Berg ist; der Wald, der

aus Berg und Wasser gestiegen; sieht die Luft, die er und alle lebenden

Wesen einatmen, in großen Massen (den Himmel); hört die Vögel, die von

den Insekten leben; sieht die Insekten, welche die Pflanze befruchten;

schaut die Säugetiere, von denen er selbst lebt. Er ist bei sich zu

Hause.

In der heutigen Zeit mit ihrer naturwissenschaftlichen

Weltanschauung könnte eine einsame Stunde in der Natur, wo die ganze

Entwicklungsgeschichte in lebenden Bildern gezeichnet ist, der einzige

Ersatz für einen Gottesdienst sein. Aber die Evolutionsoptimisten

ziehen es vor, in einer Gassenhöhle zusammenzukommen, um dort dieselbe

Gesellschaft, die sie verachten und bewundern, zu verwünschen. Sie

preisen sie als höchste Höhe der Entwicklung, wollen sie aber stürzen,

da sie mit dem wahren Glück des Tieres unvereinbar sei. Sie wollen sie

umbilden und entwickeln, sagen einige. Aber ihre Umbildung kann nicht

geschehen, ohne daß das Bestehende gestürzt wird; und halbe Maßregeln

wollen sie nicht. Sehen sie denn nicht, daß die bestehende Gesellschaft

eine mißlungene Evolution ist, selber kulturfeindlich, wie zugleich

naturfeindlich?

Die Gesellschaft ist wie alles ein Produkt der Natur, sagen sie, und

Kultur ist Natur. Ja, aber es ist schlechte Natur; Natur, die sich auf

Abwegen befindet, da sie ihrem Zweck, dem Glück, entgegenwirkt.

Diese Naturverehrung des Ingenieurs, des Vorläufers und Zeitgenossen

Johans, entdeckte die Mängel der Kulturgesellschaft und bahnte einen

Weg für die neue Ansicht von der Abstammung des Menschen. Schon 1859

war Darwins „Abstammung der Arten‟ erschienen, aber noch war sie nicht

durchgedrungen, hatte noch weniger blühen und befruchten können.

Moleschott wurde damals gepredigt, und Kreislauf der Materie war das

Schlagwort. Mit dem und seiner Geologie zerpflückte der Ingenieur die

mosaische Schöpfungsgeschichte. Er sprach noch vom Schöpfer, denn er

war Theist, und sah dessen Weisheit und Güte in den geschaffenen Werken.

Während sie im Hagapark spazierengehen, beginnen die Glocken in der

Stadt zu läuten. Johan bleibt stehen und lauscht: das waren die

furchtbaren Glocken von Klara, die seine traurige Kindheit eingeläutet;

das waren die von Adolf Friedrich, die ihn in die blutigen Arme des

Gekreuzigten getrieben; das war die Johanniskirche, die des Sonnabends

der Jakobischule verkündet hatte, daß die Woche zu Ende sei. Ein

leiser, südlicher Wind trug das Geläute aus der Stadt, und unter den

hohen Kiefern klang es wider, mahnend, warnend.

-- Willst du in die Kirche gehen? fragte der Freund.

-- Nein, sagte Johan, ich gehe nie mehr in die Kirche.

-- Folg nur deinem Gewissen, sagte der Ingenieur.

Zum ersten Male blieb Johan aus der Kirche fort. Er trotzte sowohl dem

Gebot des Vaters wie der Stimme seines Gewissens. Er erhitzte sich und

legte los gegen Religion und Familientyrannei; er sprach von Gottes

Kirche in der Natur; sprach mit Entzücken von dem neuen Evangelium,

das Seligkeit für alle, Leben und Glück für alle verkündete. Dann aber

verstummte er.

-- Du hast ein böses Gewissen, sagte der Freund.

-- Ja, sagte Johan, entweder nicht tun, was man bereut; oder nicht

bereuen, was man tut!

-- Das letzte ist besser!

-- Aber ich bereue doch! Bereue eine gute Handlung, denn es wäre

unrecht, zu heucheln. Mein neues Gewissen sagt mir, daß ich recht habe;

und mein altes Gewissen, daß ich unrecht habe. Ich kann keinen Frieden

mehr finden!

Das konnte er auch nicht. Sein neues Ich stand auf gegen sein altes,

und sie lebten in Uneinigkeit, wie unglückliche Ehegatten, sein ganzes

Leben hindurch, ohne sich trennen zu können.

Die Reaktion gegen das Alte, das ausgerodet werden sollte, brach

in heftigen Angriffen hervor. Die Furcht vor der Hölle war fort,

Selbstentsagung war Einfalt, und die Natur des Jünglings nahm sich ihr

Recht. Als Konsequenz entstand eine neue Moral, die er auf sein Gefühl

hin so formulierte: was keinem Mitmenschen schadet, ist mir erlaubt.

Er fühlte, der Familiendruck war ihm schädlich und niemandem nützlich:

so erhob er sich gegen diesen Druck. Den Eltern, die ihm nie Liebe

erwiesen, aber auf Dankbarkeit pochten, weil sie ihm aus Gnade und

unter Demütigung sein gesetzliches Recht gaben, zeigte er nun seine

wirklichen Gefühle. Sie waren ihm antipathisch: er zeigte ihnen Kälte.

Auf die ununterbrochenen Angriffe gegen das Freidenkertum antwortete er

frank und frei, vielleicht übermütig. Sein halbgebrochener Wille begann

sich zu erheben, und er sah ein, daß er vom Leben Rechte zu fordern

habe.

Der Ingenieur, dem man die Rolle des Bösen zuerteilte, wurde verflucht

und von der Freundin bearbeitet, die jetzt einen Freundschaftsbund

mit der Mutter geschlossen. Der Ingenieur war der Frage nicht auf

den Grund gegangen: indem er Parkers Kompromiß annahm, hatte er die

Selbstverleugnung des Christentums beibehalten. Man sollte liebevoll

und verträglich sein, Christi Beispiel folgen und so weiter. Johan

hatte alles fortgeworfen und geriet jetzt in Gegensatz zu seinem

Lehrer. Von der Freundin, für die er eine stille Neigung nährte,

aufgefordert, über die Konsequenzen seiner Lehren erschrocken,

schrieb der Ingenieur diesen Brief nieder. Furcht vor dem Feuer,

das er entzündet, Liebe zur Freundin, Freundschaft für den Schüler,

aufrichtige Überzeugung hatten den diktiert.

„An meinen Freund Johan!

Wie froh begrüßen wir den Frühling, der uns jetzt mit seiner

göttlichen Frische berauscht und mit seinem herrlichen Grün

entzückt! Die Vögel stimmen ihre heiteren und leichten Melodien an,

Leberblümchen und Anemonen stecken schüchtern ihre Köpfchen heraus,

unter den flüsternden Zweigen der Tanne.‟

-- Es ist doch merkwürdig, dachte Johan beim Lesen, wie dieser

natürliche Mann, der so einfach und wahr spricht, so schwülstig

schreiben kann. Dies ist unwahr.

„Welche Brust, sie sei alt oder jung, weitet sich nicht, um die

frischen Düfte des Frühlings einzusaugen, die in jedes Herz

himmlischen Frieden bringen; eine Sehnsucht, die eine selige Ahnung

von Gott und seiner Liebe sein muß. (Dieser Frühlingsduft wird wie

ein Atemzug Gottes genossen.) Kann jetzt noch etwas Böses in unserm

Herzen wohnen? Können wir nicht verzeihen? O doch! Wir +müssen+ es

jetzt, nachdem die Liebesstrahlen der Frühlingssonne die kühlende

Schneedecke von Natur und Herz fortgeküßt haben. Wir warten darauf

und sehnen uns danach, den schneefreien Boden grünen zu sehen;

die guten und liebevollen Taten des guten und warmen Herzens

zu begrüßen; Friede und Seligkeit sich durch die ganze Natur

verbreiten zu sehen.‟

-- Verzeihen? Ja gewiß, wenn man nur sein Benehmen änderte und ihn

freigab. Aber +man+ verzieh ja +ihm+ nicht! Mit welchem Recht forderte

man dann Nachsicht von seiner Seite? Mit welchem Recht? Es müßte doch

gegenseitig sein!

„Johan, Du glaubst in der Natur und durch die Vernunft Gott auf

eine bessere Art aufgefaßt zu haben, als Du es bisher getan

hast, da Du an Christi Gottheit und die Bibel glaubtest; aber Du

begreifst die Idee nicht mit Deinen eigenen Gedanken. Du hast nur

den Schatten aufgefaßt, den das Licht hinter einen Gegenstand

wirft, aber nicht die Hauptsache, das Licht selbst. Du glaubst,

ein wahrer Gedanke wird den Menschen immer veredeln; das ist aber

leider nicht der Fall; das merkst du wohl selber in Deinen bessern

Augenblicken. Mit Deinen frühern Ansichten konntest Du einen

Fehler bei einem Mitmenschen verzeihen; Du konntest eine Sache von

ihrer guten Seite auffassen, wenn sie auch böse zu sein +schien+.

Wie aber steht es jetzt? Du bist heftig und bitter gegen eine

liebevolle Mutter; Du beurteilst unzufrieden die Handlungen Deines

zärtlichen, erfahrenen, grauhaarigen Vaters.‟

-- Mit seinen früheren Ansichten konnte Johan nie einen Fehler bei

jemandem verzeihen, am wenigsten bei sich selbst; manchmal bei andern;

aber das war dumm. Das war ja schlaffe Moral! -- Eine liebevolle

Mutter? Die liebevoll? Wie kam Axel zu dieser Ansicht? Sie hatten

ja die harte Frau zusammen kritisiert! Und einen zärtlichen Vater?

Warum sollte er dessen Handlungen nicht beurteilen? Hart gegen hart

in Selbstverteidigung! Nicht noch die linke Backe hinhalten, wenn die

rechte brennt.

„Früher warst Du ein anspruchsloses, liebenswürdiges Kind; jetzt

aber bist Du ein selbstsüchtiger und eingebildeter Jüngling.‟

-- Anspruchslos? Doch, das war er sicher; gerade darum wurde er

geduckt; jetzt aber fühlte er seine rechtmäßigen Ansprüche! --

Eingebildet! Haha! Der Lehrer fühlte sich von dem undankbaren Schüler

vernachlässigt.

„Deiner Mutter warme Tränen strömen über ihre Backen...‟

-- Meiner Mutter? Habe keine Mutter! Und die Stiefmutter weint nur,

wenn sie böse ist! Wer zum Teufel hat das diktiert?

„... wenn sie in der Einsamkeit an Dein hartes Herz denkt...‟

-- Was hat sie mit meinem Herzen zu schaffen, da sie einen Haushalt und

sieben Kinder zu besorgen hat?

„... und Deinen elenden Seelenzustand...‟

-- Das ist ja Pietismus! Meine Seele hat sich niemals so gesund und

lebenskräftig gefühlt wie jetzt!

„... und die Brust Deines Vaters springt fast vor Kummer und

Sorge...‟

-- Das war eine Lüge. Vater ist selber Theist und bekennt Wallin;

übrigens hat er nicht Zeit, an mich zu denken. Er weiß, daß ich fleißig

und ehrlich bin und nicht zu Mädchen gehe. Er hat mich sogar in diesen

Tagen gelobt.

„... Du begreifst nicht die traurigen Blicke Deiner Mutter...‟

-- Die hat andere Gründe, denn die Ehe ist nicht glücklich.

„... Deines Vaters liebevolle Warnungen. Du bist wie eine Kluft

oberhalb der Schneegrenze, aus der die Küsse der Frühlingssonne

den Schnee nicht fortschmelzen noch einige Körner davon in einen

Tropfen Wasser verwandeln können.‟

-- Er muß Romane lesen. Übrigens war Johan überaus freundlich und weich

gegen seine Freunde in der Schule. Aber gegen die Feinde zu Hause war

er kalt geworden; das war ihre Schuld.

„Was werden die Menschen denken von Deiner jetzigen Religion, da

sie so elende Früchte trägt? Man wird sie verwünschen. (Und Deine

Ansichten geben einem unbedingt ein Recht dazu.)‟

-- Kein Recht, aber die Veranlassung!

„... Man muß den niedrigen Elenden, der dieses höllische Gift in

Dein unschuldiges Kinderherz getan, hassen und verachten.‟

-- Da haben wir's. Der niedrige Elende! Er war überflügelt.

„Beweise fortan durch Deine Handlungen, daß Du die Wahrheit nicht

so übel auffassest, wie Du bisher getan hast. Denke daran, duldsam

zu sein...‟

-- Die Stiefmutter!

„... mit Liebe und Milde die Fehler und Mängel Deiner Mitmenschen

zu übersehen...‟

-- Nein, das wollte er nicht! Sie hatten ihn gequält, bis er log; sie

waren in seine Seele gedrungen und hatten gute Saat als angebliches

Unkraut herausgerissen; sie wollten sein Ich ersticken, das ebensoviel

Recht auf Dasein hatte wie ihres. Sie hatten niemals Nachsicht mit

seinen Fehlern gehabt: warum sollte er sie mit ihren haben? Weil

Christus gesagt hatte... Er gab nichts mehr darauf, was Christus

gesagt hatte; das war nicht mehr anzuwenden. Übrigens kümmerte er sich

nicht um die zu Hause; er verschloß sich in sich selbst. Sie waren

ihm antipathisch und konnten niemals seine Sympathie gewinnen. Das

war alles! Sie besaßen indessen Fehler und wollten seine Verzeihung

erhalten! Schön! Er verzieh ihnen! Wenn sie ihn nur in Frieden ließen!

„Lerne dankbar gegen Deine Eltern sein, die keine Mühe (hm!)

gescheut haben, um Dich zufrieden und glücklich zu machen.‟

„Daß Deine Liebe zu Gott Deinem Schöpfer, der Dich in dieser

veredelnden (hm! hm!) Schule hat geboren werden lassen, um Dich

schließlich zu Frieden und Seligkeit zu führen, es dahin bringe,

dafür betet trauernd aber hoffnungsvoll

Axel.‟

Ich habe genug von Beichtvätern und Inquisitoren, dachte Johan. Seine

Seele war gerettet und er fühlte sich frei. Sie streckten die Krallen

nach ihm aus, aber er floh. Der Brief des Freundes war unwahr und

gemacht; er fühlte Esaus Hände. Er antwortete nicht, sondern brach den

Verkehr mit Freund und Freundin ab.

Sie nannten ihn undankbar. Wer auf Dankbarkeit pocht, ist schlimmer

als ein Gläubiger; er gibt erst ein Geschenk, mit dem er prahlt, um

dann später die Rechnung zu schicken. Diese Rechnung kann nie bezahlt

werden, denn ein Gegendienst soll die Dankbarkeitschuld nicht tilgen

können; das ist eine Einschreibung auf die Seele eines Menschen, die

nicht bezahlt werden kann und sich übers ganze Leben erstreckt. Nimmst

du einen Dienst an, so verlangt der Freund, du sollst dein Urteil über

ihn fälschen; seine eignen schlechten Handlungen wie die seiner Frau

und seiner Kinder loben.

Aber Dankbarkeit ist ein tiefes Gefühl, das den Menschen ehrt und das

ihn erniedrigt. Mögen wir dahin kommen, daß wir für eine Wohltat,

die vielleicht nur eine Pflicht und Schuldigkeit war, nicht durch

Dankbarkeit gebunden sind.

Johan schämte sich über den Bruch mit den Freunden; aber er fühlte,

daß sie ihn zurückhielten und unterdrückten. Übrigens: was hatten sie

ihm an Freude des Verkehrs geschenkt, das er ihnen nicht zurückgegeben

hätte?

* * * * *

Fritz, so hieß der Freund mit dem Kneifer, war ein kluger Weltmensch.

Beide Worte, klug und Weltmensch, hatten damals eine häßliche

Bedeutung. Klug sein während der spätromantischen Epoche, als alle

etwas gestört waren -- das war ein Zeichen der Oberklasse -- klug sein

war damals gleichbedeutend mit etwas schlecht sein. Ein weltlicher

Mensch sein, während sich alle, so gut sie konnten, in den Himmel zu

schmuggeln suchten, war noch schlimmer. Fritz war klug. Er wollte sein

einziges Leben gut und angenehm leben; Karriere machen und so weiter.

Darum suchte er die Vornehmen auf. Das war klug, denn die hatten Macht

und Geld. Warum sollte er sie nicht suchen?

Wie er dazu kam, sich um Johan zu kümmern? Vielleicht animalische

Sympathie, vielleicht vieljährige Gewohnheit. Interessen konnte Johan

nicht fördern, höchstens daß er ihm vorsagte und mit seinen Büchern

aushalf. Fritz bereitete sich nämlich niemals vor und kaufte Punsch für

das Geld, das für Bücher bestimmt war.

Als Fritz jetzt sah, daß Johan inwendig gesäubert und sein äußerer

Mensch präsentabel sei, führte er ihn in seinen Kreis ein. Es war ein

kleiner Kreis von teils vermögenden, teils vornehmen jungen Leuten aus

der Klasse, in die Johan ging. Der war zuerst etwas schüchtern gegen

die netten Herren; bald aber wurde er vertraut mit ihnen. Eines Tages

kommt Fritz, um Johan zu erzählen, er sei zu einem Ball geladen.

-- Ich auf Ball, bist du verrückt? Dazu tauge ich nicht!

-- Solch ein netter Bursche, wie du bist, wird Glück bei den Mädchen

machen.

Hm! Da sah er seine Person aus einem neuen Gesichtspunkt. Sollte er --

hm? Und zu Hause bekam er nie etwas anderes als Tadel zu hören!

Er ging auf den Ball. Es war in einem bürgerlichen Hause. Die Mädchen

hatten Bleichsucht, einige andere waren rot wie Beeren. Johan liebte am

meisten die weißen, die um die Augen blau oder schwarz waren. Die sahen

so leidend und schmachtend aus; warfen so bittende Blicke, so bittende.

Da war eine, die war leichenblaß, ihre Augen brannten kohlschwarz in

tiefen Höhlen; die Lippen waren so dunkel, daß sich der Mund beinahe

wie ein schwarzer Strich öffnete. Die machte Eindruck auf ihn; er wagte

aber nicht, es auf sie abzusehen, denn sie hatte schon ihren Anbeter.

So blieb er bei einer nicht ganz so Blendenden, die mehr süß und mild

war.

Auf dem Balle fühlte er sich wohl. Mit fremden Menschen zusammen sein,

ohne die kritischen Augen eines einzigen Verwandten zu sehen! Aber es

wurde ihm so schwer, mit den Mädchen zu sprechen.

-- Was soll ich ihnen sagen? fragte er Fritz.

-- Kannst du nicht etwas Unsinn mit ihnen schwatzen! Es ist schönes

Wetter; macht Ihnen das Tanzen Vergnügen; laufen Sie Schlittschuh;

haben Sie die und die Schauspielerin gesehen? Flott sein muß man.

Johan ging und haspelte das Programm herunter; aber der Gaumen wurde

ihm trocken, und beim dritten Tanze empfand er Ekel. Er wurde auf sich

selbst böse und schwieg.

-- Macht dir das Tanzen kein Vergnügen? fragte Fritz. Muntere dich auf,

alter Leichenbitter!

-- Das Tanzen ist ja ganz nett, wenn man nur nicht sprechen müßte. Ich

weiß nicht, was ich sagen soll.

Das war tatsächlich der Fall. Er hatte die Mädchen gern; es machte ihm

Freude, sie zu umfassen; das war so männlich. Aber mit ihnen sprechen?

Er fühlte, daß er es mit einer andern Art homo zu tun hatte, die in

gewissen Fällen höher, in andern niedriger stand. Er betete in der

Stille die kleine Milde an und hatte sie zu seiner Frau erkoren. Nur

unter der Form von Ehefrau konnte er sich das Weib denken.

Er tanzte unschuldig; fing aber furchtbare Reden von den Kameraden auf,

die er erst später verstand. Die konnten nämlich einen Walzer rückwärts

durch den Saal tanzen, auf unkeusche Art, und sprachen geringschätzig

von den Mädchen.

Sein ewiges Grübeln, sein beständiges Prüfen seiner Gedanken hatte ihm

das Unmittelbare genommen. Wenn er mit einem Mädchen sprach, hörte er

seine eigene Stimme, kritisierte seine eigenen Worte. Dann fand er

den ganzen Ball albern. Und die Mädchen? Was war es, das ihnen fehlte?

Sie genossen ja dieselbe Erziehung wie er; konnten Weltgeschichte

und lebende Sprachen; lernten Isländisch im Seminar und waren in

Wortwurzeln bewandert; rechneten Algebra. Sie besaßen also dieselbe

Bildung; und doch konnte man nicht mit ihnen sprechen!

-- Schwatz Unsinn mit ihnen, sagte Fritz.

Das aber konnte er nicht. Und er dachte auch höher vom Mädchen.

Er wollte nicht mehr auf einen Ball gehen, da er dort keine glückliche

Figur spielte; aber er wurde mitgeschleppt. Es schmeichelte ihm, daß

man ihn einlud; auch rüttelte es ihn immer etwas auf. Eines Tages war

er in einer adeligen Familie, deren Sohn Kadett war. Dort traf er zwei

Schauspielerinnen vom Dramatischen Theater. Mit denen mußte er doch

sprechen können! Sie tanzten mit ihm, antworteten ihm aber nicht. Er

war zu unschuldig. Da lauschte er auf Fritzens Worte, mit denen der die

Mädchen unterhielt. Aber um Gottes willen, von was für Dingen der in

eleganten Ausdrücken sprach! Und die Mädchen waren hingerissen von ihm.

So also mußte man sprechen! Aber das konnte er nicht! Es gab Dinge, die

er begehen wollte: aber davon sprechen? Nein! Seine asketische Religion

hatte sogar den Mann bei ihm getötet: er fürchtete das Weib wie der

Schmetterling, der weiß, daß er sterben wird, wenn er befruchtet hat.

Eines Tages sprach ein durchreisender Freund im Vorbeigehen davon,

daß ein älterer Bruder bei einem Mädchen gewesen sei. Ein Entsetzen

kam über ihn; er wagte den Bruder nicht anzusehen, als er sich abends

ins Bett legte. Der Verkehr mit einem Mädchen war für ihn mit der

Vorstellung von nächtlichen Schlägereien, Polizei und furchtbaren

Krankheiten verbunden. Er war einmal an dem gelben langen Zaun der

Handwerkerstraße vorbeigegangen, als ein Kamerad zu ihm sagte: Dort

ist ein Bordell. Nachher ging er heimlich wieder hin und suchte durch

die Tür zu blicken, um etwas Furchtbares zu sehen. Es lockte und

erschütterte ihn wie einst ein Leierkastenbild an einer Stange, das

eine Hinrichtung darstellte. Er wurde von diesem Anblick so aufgewühlt,

daß es trübes Wetter für ihn wurde, obwohl die Sonne schien. Und als er

abends in der Dämmerung nach Hause kam, hatten ihn einige zum Trocknen

ausgebreitete Laken, die an das Bild der Hinrichtung erinnerten, so

erschreckt, daß er in Tränen ausbrach. Ein Kamerad, den er als Leiche

gesehen, erschien ihm nachts im Schlaf.

Als er an einem Bordell in der Apfelbergstraße vorbeiging, zitterte

er vor Entsetzen, nicht vor Lust. Die ganze Prozedur hatte für ihn

scheußliche Formen angenommen. Die Kameraden in der Schule hatten

ansteckende Krankheiten, hielten sich gegenseitig für verloren. Nein,

niemals zu solchen Mädchen gehen, aber sich verheiraten; zusammen mit

der Einzigen wohnen, die er liebte; sie pflegen und von ihr gepflegt

werden; Freunde bei sich sehen: das war sein Traum. In jedem Weib, für

das er entflammte, sah er ein Stück von einer Mutter. Er verehrte daher

nur solche, die mild waren; und er fühlte sich geehrt, wenn man ihn

gut behandelte. Vor den geputzten, umschwärmten, lachenden Mädchen war

ihm bange. Die sahen aus, als gingen sie auf Raub aus und wollten ihn

verschlingen.

Diese Bangigkeit war zum Teil angeboren wie bei allen Knaben, würde

aber vergangen sein, wenn die Geschlechter nicht abgesondert lebten.

Der Vater hatte früher einmal vorgeschlagen, die Söhne in eine

Tanzschule zu bringen; die Mutter war aber dagegen gewesen. Da hatte

sie einen Fehler gemacht.

Johan war von Natur schamhaft. Er wollte sich nicht entkleidet zeigen

und beim Baden zog er gern Schwimmhosen an. Ein Dienstmädchen, das

seinen Körper entblößt hatte, als er schlief, schlug er am nächsten

Morgen, als die Brüder es ihm mitteilten, mit einem Rohrstock.

Auf die Bälle folgten Serenaden und auf diese Punschabende. Johan hatte

großes Verlangen nach starken Getränken; es war ihm, als habe er einen

konzentrierten flüssigen Nahrungsstoff getrunken.

Seinen ersten Rausch holte er sich auf einem Schmaus, den die Kameraden

in einem Wirtshause im Tiergarten veranstalteten. Der Rausch machte ihn

selig, selig froh, stark, freundlich und mild; später aber wahnsinnig.

Er schwatzte Unsinn, sah Bilder in den Tellern, trieb Possen.

Dieses Spielen kam ihm in Augenblicken, wie dem ältesten Bruder, der,

obwohl tiefer Melancholiker in der Jugend, doch einen gewissen Ruf

als Komiker hatte. Er verkleidete sich, maskierte sich und spielte

eine Rolle. Sie hatten auch ein Stück auf dem Boden gespielt; aber

Johan war schlecht, fühlte sich verlegen; er war nur gut, wenn er eine

überspannte Stelle wiederzugeben hatte. Als Komiker war er unmöglich.

* * * * *

Jetzt tritt ein neues Moment in die Entwicklung des Jünglings ein. Das

ist die Ästhetik.

Der Sohn einer Magd · 第 11 / 29 段