Geistige Ehen können darum nur zwischen mehr oder weniger

Ungeschlechtlichen stattfinden; und wo es die gibt, wird man immer

etwas Anormales beobachten können. Die besten Ehen, das heißt die

am besten ihre wirkliche Bestimmung erfüllen, sind gerade die „mal

assortis‟.

Abneigung, Verschiedenheit der Ansichten, Haß, Verachtung können die

wahre Liebe begleiten. Verschiedene Intelligenzen und Charaktere

bringen die reichsten Kinder hervor, die beider Anlagen erben. Frau

Maria Grubbe, die an Überkultur litt, sucht und sucht mit vollem

Bewußtsein einen geistigen Gatten. Sie wird unglücklich, bis sie einen

Stallknecht bekommt, der ihr gibt, was sie braucht, und Schläge dazu.

Das hatte sie nötig als Ergänzung.

* * * * *

Inzwischen näherte sich die Konfirmation. Die war so lange wie möglich

aufgeschoben worden, um den Jüngling unter den Kindern zurückzuhalten.

Und auch die sollte benutzt werden, um ihn zu ducken. Als der Vater ihm

seinen Entschluß mitteilte, sprach er die Hoffnung aus, der Unterricht

werde sein Eis ums Herz schmelzen.

Es wurde eine gehörige Strafaufgabe. Zuerst kam er unter die Kinder der

Unterklasse, Tabaksbinder und Schornsteinfeger, Lehrlinge aller Art. Er

empfand wie früher Mitleid mit ihnen, aber er liebte sie nicht, konnte

sich ihnen nicht nähern und wollte es auch nicht. Er war durch seine

Erziehung ihnen entwachsen, wie er seiner Familie entwachsen war.

Er wurde wieder Schuljunge; wurde geduzt und mußte auswendig lernen;

bei den Fragen aufstehen und zusammen mit dem Haufen Schelte anhören.

Der Geistliche war Hilfsprediger und Pietist. Er sah aus, als leide er

an einer ansteckenden Krankheit oder habe Dr. Kapff gelesen. Streng,

unbarmherzig, gefühllos, ohne ein Wort der Gnade oder des Trostes.

Cholerisch, jähzornig, nervös, war dieser eingebildete Bauernjunge der

Liebling aller Damen. Aber dadurch, daß er oft gehört wurde, machte er

schließlich Eindruck. Er predigte vom Schwefelpfuhl, verfluchte Theater

und alle Arten Vergnügen. Lehre und Leben sollten eins sein.

Johan begann mit sich selbst und seiner Freundin. Sie wollten ihr Leben

ändern; nicht tanzen, nicht ins Theater gehen, nicht scherzen. Er

schrieb jetzt in der Schule pietistische Aufsätze und nahm sich vor,

nicht mehr leichtsinnige Geschichten anzuhören.

-- Pfui Teufel, du bist ja Mucker, sagte eines Tages ein Kamerad

öffentlich.

-- Ja, das bin ich, sagte er. Er wollte seinen Erlöser nicht verleugnen.

Die Schule wurde jetzt unerträglich. Er litt jetzt ein Martyrium; ihm

war bange vor den Lockungen der Welt, denn er hatte empfunden, wie das

Leben lockte. Er fühlte sich auch als Mann und wollte ins Leben hinaus,

um zu arbeiten, sich selbst zu ernähren und sich zu verheiraten. Sich

verheiraten war sein Traum, denn unter einer andern Form konnte er sich

die Verbindung mit einem Weib nicht denken. Es mußte gesetzlich und

geheiligt sein.

Unter diesen Träumen erzeugte er einen Entschluß, der wohl etwas

seltsam war, aber seine Gründe hatte. Ein Beruf mußte es sein, der

leicht zu erlernen war, der seinen Mann bald ernährte; eine Stellung,

in der er nicht der Letzte war, aber auch nicht der Höchste; eine

unbedeutende, demütige Stellung, die aber ein bewegliches, gesundes

Leben in der freien Luft mit einer bald errungenen wirtschaftlichen

Selbständigkeit vereinigte. Die Bewegung in der freien Luft, ein

Leben in Turnen war vielleicht der Hauptgrund, daß er sich dafür

entschied, Unteroffizier in einem Reiterregiment zu werden, um diesem

fatalen Todesjahr zu entgehen, vor dem der Geistliche ihn von neuem

gewarnt hatte. War es vielleicht auch die Uniform und das Pferd? Wer

weiß? Der Mensch ist ein sonderbares Geschöpf. Aber er hatte ja die

Kadettenuniform ausgeschlagen.

Die Freundin riet ab, so sehr sie nur konnte; sie malte die Sergeanten

als die schlimmsten von allen Menschen aus. Aber er war stark und

sagte, der Glaube an Jesus werde ihn rein von aller Ansteckung halten;

ja, er werde ihnen Christus predigen und sie alle rein machen.

Er ging zum Vater. Der faßte das Ganze als eine Phantasie auf; sprach

von dem nahen Studentenexamen, das ihm eine ganze Welt öffnen werde. So

mußte er vorläufig die Sache aufschieben.

Die Stiefmutter hatte einen Sohn bekommen. Johan haßte den aus

Instinkt, als einen Konkurrenten, der seine jüngeren Geschwister in

den Hintergrund drängen mußte. Aber die Macht der Freundin und des

Pietismus war so stark, daß er aus Selbstkasteiung sich auferlegte, den

Kleinen zu lieben. Er trug ihn auf seinen Armen und wiegte ihn.

-- Das ist sicher gewesen, wenn niemand es sah, sagte die Stiefmutter,

wenn er mit diesem Beweis seines guten Willens kam.

Ja, eben, wenn niemand es sah, denn er wollte nicht damit prahlen. Oder

schämte sich darüber. Das Opfer war aufrichtig, als es geschah; als es

ihm widrig wurde, hörte es auf.

* * * * *

Gründlich wurde man für die Konfirmation zurechtgewiesen, privatim wie

öffentlich, im halbdunkeln Chor der Kirche, während einer Reihe von

Passionspredigten, endlosen Gesprächen über Jesus, Kasteiungen; höher

konnte die Stimmung nicht hinaufgeschraubt werden. Nach der Prüfung

schalt er die Freundin aus, weil er gesehen hatte, wie sie lachte.

Am Tage des Abendmahls hielt der Pfarrer die Predigt. Es war der

wohlwollende Rat eines alten aufgeklärten Mannes, den er der Jugend

fürs Leben gab; es war herzlich und tröstend; keine Posaunen des

Gerichts, keine Strafe für nicht begangene Sünden. Während der Predigt

fielen ihm die Worte oft wie Balsam aufs verwundete Herz, und zuweilen

kam es ihm vor, als habe der Alte recht.

Der Akt selbst am Altar, von dem er sich soviel versprochen hatte,

verfehlte seine Wirkung. Die Orgel spielte stundenlang „O Lamm Gottes,

erbarme dich unser‟. Knaben und Mädchen weinten und waren halbtot, wie

beim Anblick einer Hinrichtung. Aber Johan war nur benommen; er wußte

weder aus noch ein. Die Gnadenmittel hatte er im Küsterhause aus der

Nähe gesehen, und die Sache war jetzt bis ins Sinnlose getrieben. Sie

war reif zum Fallen. Und sie fiel!

* * * * *

Er bekam einen hohen Hut; erbte die abgelegten Kleider des Bruders,

die weit und fein waren. Der Freund mit dem Kneifer nahm sich jetzt

seiner an. Er hatte ihn allerdings auch nicht verlassen, als Johan

Pietist war. Der nahm die Sache leicht, wohlwollend, nachsichtig;

bewunderte ein wenig das Märtyrertum und den festen Glauben, den Johan

in Handlung umsetzen wollte. Jetzt aber griff er ein. Er nahm Johan mit

auf den Mittagspaziergang. Zeigte ihm die Schönheiten der Stadt; sagte

ihm die Namen der Schauspieler, die sie trafen; nannte die Offiziere,

welche die Parade anführten. Johan war noch schüchtern und besaß kein

Selbstvertrauen.

Eines Mittags um zwölf, als sie ins Gymnasium gehen wollten, sagte der

Freund:

-- Komm, wir wollen in den „Drei Römern‟ Frühstück essen.

-- Nein, wir müssen in die griechische Stunde!

-- Ach, wir schwänzen das Griechische heute.

Schwänzen! Das war das erstemal. Aber etwas Schelte konnte man ja

ertragen.

-- Ja, aber ich habe kein Geld.

-- Das brauchst du auch nicht; ich habe dich ja eingeladen.

Der Freund schien verletzt zu sein.

Sie gingen in die Kneipe. Ein schöner Geruch von Beefsteak schlug ihnen

entgegen; die Kellner nahmen ihnen die Mäntel ab und hingen die Hüte an.

-- Die Speisekarte! rief der Freund mit Sicherheit, denn er aß seit

einigen Jahren in der Kneipe.

-- Willst du ein Beefsteak haben?

-- Ja, bitte!

Er hatte nicht mehr als zwei Male in seinem Leben Beefsteak gegessen.

-- Butter, Käse und Branntwein; und zwei Halbe Bier!

Ohne Umstände goß Fritz den Schnaps ein.

-- Nein, ich weiß nicht, ob ich darf!

-- Hast du noch keinen Schnaps getrunken?

-- Nein!

-- Ach, nimm nur, der tut einem gut!

Er nahm ihn. Ab! Das wärmte den Körper, die Tränen traten ihm in die

Augen, und ein leichter Nebel lagerte sich über das Zimmer; aber

durch den Nebel klärte es sich auf; die Kräfte wuchsen, der Gedanke

arbeitete, es kamen neue Gesichtspunkte, die dunkle Vergangenheit wurde

heller.

Dann kam das saftige Stück Fleisch. Das war Essen!

Der Freund aß noch ein Butterbrot mit Käse. Johan fragte:

-- Was sagt der Wirt dazu?

Der Freund lächelte ihn wie ein alter Onkel an:

-- Iß nur; es kostet ebensoviel!

-- Nein, aber Käsebutterbrot zum Beefsteak! Welche Unsitte!

Aber wie gut das schmeckte! Es war ihm, als esse er heute zum ersten

Male. Und dann Bier.

-- Soll jeder eine ganze halbe Flasche trinken? Bist du verrückt?

Das war doch einmal Essen! Das war kein so leerer Genuß, wie der blasse

Mann behauptet hatte! Nein, das war ein solider Genuß, starkes Blut in

halbleere Ader rollen zu fühlen, welche die Nerven zum Kampf des Lebens

versehen sollten. Es war ein Genuß, zu fühlen, wie die entschwundene

Manneskraft zurückkehrte; zu fühlen, wie sich die schlaffen Sehnen

eines halb gebrochenen Willens wieder spannten. Die Hoffnung erwachte,

der Nebel wurde eine rosenrote Wolke; und der Freund ließ ihn in die

Zukunft blicken, wie sie von der Freundschaft und der Jugend gedichtet

wird.

Diese Illusionen der Jugend über das Leben, woher kommen sie? Aus

Kraft, sagt man. Aber der Verstand, der so viele Wünsche der Kindheit

in nichts hat aufgehen sehen, müßte den Schluß ziehen können, daß es

unmöglich ist, die Illusionen der Jugend zu verwirklichen. Alle diese

Träume sind ungesunde Illusionen, die von unbefriedigten Trieben

hervorgerufen werden, und sie werden einst verschwinden; dann werden

die Menschen verständiger werden und glücklicher.

Johan hatte nichts anderes vom Leben fordern gelernt als Freiheit

von Tyrannei und Mittel zum täglichen Brot. Das genügte. Er war kein

Aladdin und glaubte nicht ans Glück. Er besaß Kräfte genug, aber kannte

sie nicht. Der Freund mußte ihn erst entdecken.

-- Du mußt öfters mit uns ausgehen und dich etwas aufrütteln, sagte er;

sitz nicht soviel zu Hause!

-- Das kostet Geld, und ich bekomme keins.

-- Dann gib Stunden!

-- Stunden? Ich? Glaubst du, ich könnte Stunden geben?

-- Du hast ja so gute Kenntnisse; das muß sehr leicht gehen.

Er hatte gute Kenntnisse! Das war eine Anerkennung oder eine

Schmeichelei, wie die Pietisten es nannten, und die fiel in fruchtbaren

Boden.

-- Aber ich habe keine Bekannte! Keine Verbindungen!

-- Sag es nur dem Direktor, dann geht's! Es ist ja für mich gegangen!

Johan wagte kaum an ein solches Glück zu glauben, daß er sich Geld

verdienen könne. Aber wenn er hörte, daß andere es konnten, und er sich

mit ihnen verglich! Ja, aber die hatten Glück!

Der Freund brachte ihn in Bewegung. Bald hatte er des Abends die

Schulaufgaben durchzunehmen und war Lehrer in einem Mädchenpensionat.

* * * * *

Jetzt erwachte sein Selbstgefühl. Die Mägde des Elternhauses nannten

ihn Herr Johannes, und die Lehrer in der Schule redeten die Klasse

an: meine Herren. Auf eigne Faust begann er jetzt sein Schulwesen zu

reformieren. Zuerst hörte er mit dem Griechischen auf. Längst hatte

er den Vater gebeten, ihm das zu erlassen; aber vergeblich. Jetzt tat

er's auf eigene Faust, und der Vater erfuhr es erst lange nach dem

Studentenexamen. Darauf stellte er die Mathematik ein, nachdem er

erfahren, daß ein Lateiner das Recht hatte, in diesem Lehrstoff auf ein

Zeugnis zu verzichten. Ferner wurde er nachlässig in Latein. Er wollte

in einem Monat vor der Prüfung alles noch einmal durchnehmen, indem

er büffelte. Dann führte er die Gewohnheit ein, während der Stunden

französische, deutsche, englische Romane zu lesen. Die Fragen gingen

gewöhnlich der Reihe nach; er hatte sein Buch vor sich, bis sich die

Frage näherte; er rechnete aus, was er für eine Stelle bekommen werde,

und bereitete sich rasch vor. Die lebenden Sprachen wurden jetzt seine

Stärke, neben den Naturwissenschaften.

Mit Minderjährigen die Aufgaben durchnehmen, war eine neue furchtbare

Strafarbeit, aber es war eine Arbeit, die sich bezahlte. Natürlich

hatten nur Knaben, die widerwillig lernten, einen besonderen Lehrer. Es

war eine grausame Arbeit für sein lebhaftes Gehirn, sich diesen Köpfen

anzupassen. Sie waren einfach unmöglich! Sie konnten nicht aufmerksam

sein. Er glaubte, sie seien störrisch. Die Wahrheit war, daß ihr Wille

die Aufmerksamkeit nicht erzwingen konnte. Mit Unrecht galten diese

Knaben für dumm. Sie waren im Gegenteil aufgeweckt; aber ihre Gedanken

drehten sich um wirkliche Dinge. Später scheinen sie die Torheit der

Lehrstoffe durchschaut zu haben. Viele von ihnen sind dann tüchtige

Männer im Leben geworden; und noch mehrere wären es geworden, wenn sie

nicht von ihren Eltern gezwungen wären, ihrer Natur Gewalt anzutun und

die Studien fortzusetzen.

Im Mädchenpensionat arbeitete er nur mit den Kleineren. Die Großen

dagegen gingen frei im Zimmer herum und zeigten ihre Strümpfe gegen

Tischbeine und Stuhlfüße. Er war ihnen gut, wagte sich aber nicht ihnen

zu nähern.

Als die Freundin die Änderung in seinem Wesen bemerkte, entstand ein

neuer Streit. Sie warnte ihn vor dem Freund, der ihm schmeichle; und

sie warnte ihn vor den jungen Mädchen, von denen er mit einer gewissen

Wärme sprach. Sie war eifersüchtig. Sie berief sich auf Jesus, aber

Johan hörte nicht zu. So zog er sich von ihr zurück.

Er führte jetzt ein munteres und tätiges Leben. Mittags Parade und

einen Trunk. Abends Serenaden, denn er sang jetzt in einem Quartett,

Punsch und etwas Liebelei mit Kellnerinnen. Er verliebte sich in eine

kleine Blonde, die hinter dem Ladentisch saß und schlief. Er wollte

sie für sich retten, sie auf einer Pfarre in Pension geben, selbst

Geistlicher werden und sich mit ihr verheiraten. Aber die Liebe ging

bald vorüber, als er eines Abends sah, wie die Kameraden sie in einem

Privatzimmer an die Brust faßten.

Währenddessen war Jesus aus seinem Amt entsetzt worden, aber ein

schwacher Grundton von Frömmlertum und Askese klang noch nach. Er

betete noch aus Gewohnheit, aber ohne Hoffnung, daß sein Gebet erhört

werde; er hatte ja so lange diese Bekanntschaft gesucht, die so leicht

zu finden sein soll, wenn man nur ein wenig an die Tür der Gnade

klopfe. Um die Wahrheit zu sagen, es lag ihm nicht soviel daran, beim

Wort genommen zu werden. Wenn sich die Tür geöffnet und der Gekreuzigte

ihn hereingerufen hätte, er wäre nicht erfreut gewesen. Sein Fleisch

war zu jung und zu gesund, um sich gern kreuzigen zu lassen.

8.

+Eisgang.+

Die Schule erzog, nicht das Elternhaus. Die Familie ist zu eng und

hat zu kleine, selbstsüchtige, antisoziale Zwecke. Treten dann noch

obendrein so abnorme Verhältnisse ein wie Wiederverheiratung, so ist

es mit der einzigen Berechtigung der Familie zu Ende. Das Kind einer

verstorbenen Mutter müßte ganz einfach aus der Familie herausgenommen

werden, wenn der Vater sich wieder verheiratet. Damit wären die

Interessen aller Teile gewahrt; nicht am wenigsten des Vaters, der

vielleicht am meisten leidet, wenn er eine neue Familie bildet. In der

Familie gibt es nur einen (oder zwei) Willen, der herrscht, gegen den

keine Berufung möglich ist; deshalb ist Gerechtigkeit ausgeschlossen.

In der Schule ist eine ständige und wache Jury, die Kameraden wie

Lehrer schonungslos beurteilt.

Die Jünglinge begannen ihre Wildheit abzulegen; soziale Instinkte

erwachten; man fing an einzusehen, daß die eigenen Interessen gemeinsam

durch Ausgleich gefördert werden müßten. Unterdrückung durfte nicht

stattfinden, denn der Mitglieder waren genug, um eine Partei zu bilden

und sich zu empören. Ein Lehrer, der von einem Schüler schlecht

behandelt wurde, konnte am ehesten Gerechtigkeit erlangen, wenn er

an die Schüler appellierte. Aber auch die Teilnahme an größeren

allgemeinen Angelegenheiten, des Volkes, des Landes, der Menschheit,

begannen sich zu zeigen.

Während des deutsch-dänischen Krieges bildete man einen Fonds zum

Einkauf von Kriegsdepeschen; die wurden an der schwarzen Tafel

angeschlagen, von den Lehrern mit Interesse gelesen und veranlaßten

vertrauliche Gespräche, in denen die Lehrer über Ursachen und

Entstehung des Krieges sprachen. Man war natürlich einseitig

skandinavisch, und die Frage wurde vom Gesichtspunkt der Studententage

beantwortet. Für den künftigen Krieg wurde jetzt der Grund gelegt zu

einem Preußen- und Deutschenhaß, der schon beim Begräbnis des beliebten

Turnlehrers Leutnant Betzholtz einen leisen fanatischen Zug annahm.

Das Jahr 1865 näherte sich. Der Geschichtslehrer, Edelmann und

Aristokrat, ein gefühlvoller und freundlicher Mann, suchte die

Jünglinge in der Frage der Volksvertretung heimisch zu machen. In

der Klasse hatten sich Parteien gebildet; einer von den Söhnen der

Sprecher des Herrenhauses, ein Graf S., der allgemein beliebt und

geschätzt war, wurde das Haupt der Opposition. Er war von alter

deutscher Schwertritterfamilie, aber arm, verkehrte mit seinen

Kameraden vertraulich, hatte aber doch ein starkes Geburtsgefühl. An

den Tagen vor der letzten Abstimmung hatten die Kameraden geholfen, den

geistlichen Stand anzuspeien. Eine Schlacht, eher ein Spiel, entstand

in der Klasse, und Tische und Bänke wurden umgeworfen.

Die Sache des Volkes war durchgesetzt. Graf S. blieb aus. Der

Geschichtslehrer sprach mit Bewegung von dem Opfer, das Ritterschaft

und Adel auf dem Altar des Vaterlandes gebracht hätten, als sie auf

ihre Privilegien verzichteten. Der gute Mann wußte noch nicht, daß

Privilegien keine Rechte sind, sondern Vorrechte, die man an sich

gerissen hat, die aber zurückgenommen werden können, wie Eigentum bei

gewissen nicht ganz gesetzlichen Käufen. Der Lehrer bat die Klasse,

Mäßigung über den Sieg zu zeigen und die Besiegten nicht zu verletzen.

Der junge Graf wurde auch mit ausgesuchter Achtung empfangen, als er

wieder in die Klasse eintrat. Aber die Gefühle überwältigten ihn, als

er die vielen Unebenbürtigen sah, die jetzt mit ihm auf gleicher Stufe

standen, dermaßen, daß er in Tränen ausbrach und hinausgehen mußte.

Johan war in der Politik nicht zu Hause. Die war natürlich als ein

allgemeines Interesse vom Elternhaus ausgeschlossen, in dem nur

Privatinteressen gewahrt wurden, allerdings auch recht schlecht.

Söhne werden erzogen, als sollten sie ihr ganzes Leben lang Söhne

bleiben, ohne daß man daran denkt, daß sie einmal Väter werden sollen.

Aber Johan hatte seinen Unterklasseninstinkt, der ihm sagte, eine

Ungerechtigkeit werde abgeschafft; die obere Fläche senke sich so weit,

daß die untere auf das gleiche Niveau kommen konnte. Er war natürlich

liberal; da aber der König auch liberal war, so war man zugleich

Royalist.

* * * * *

Parallel mit dem starken Gegenstrom, dem Pietismus, lief der neue

Rationalismus, aber in entgegengesetzter Richtung. Das Christentum,

das man mit dem Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts zur Mythologie

verwiesen hatte, war wieder in Gnaden aufgenommen worden; und da

die Lehre Staatsschutz genoß, konnten die Söhne der Restauration

sich nicht gegen die von neuem eingeimpften Dogmen wehren. Aber 1835

hatte Strauß' „Leben Jesu‟ eine neue Bresche geschlagen, und auch in

Schweden sickerte neues Wasser in die vermodernden Brunnen. Das Buch

wurde Gegenstand eines Prozesses, aber auf dieser Grundlage wurde

dann das ganze moderne Reformationswerk aufgebaut; von selbständigen

Reformatoren wie immer, denn die andern reformieren nicht.

Pfarrer Cramér hat die Ehre, der erste gewesen zu sein. Schon 1859

gab er seinen „Abschied aus der Kirche‟ heraus, eine populäre, aber

kenntnisreiche Kritik des Neuen Testaments. Er besiegelte seinen

Glauben mit der Tat und trat aus der Staatskirche aus, indem er sein

Amt niederlegte. Seine Schrift grub am tiefsten, und wenn auch Ignells

Bücher mehr von Theologen gelesen wurden, bis zur Jugend gelangten sie

nicht.

Im selben Jahre erschien „Der letzte Athener‟ von Victor Rydberg.

Dessen Wirkung wurde dadurch sehr abgeschwächt, daß man die Arbeit als

literarischen Erfolg begrüßte und auf das neutrale Gebiet der Dichtung

verwies. Tiefer griff 1862 Rydbergs „Lehre der Bibel von Christus‟,

welche die Theologen zur Götterdämmerung weckte. Renans „Leben Jesu‟,

in der Übersetzung von Ignell, packte alle Leute, alte wie junge, wie

ein Sturm; und es wurde in der Schule neben Cramér gelesen, was mit

der „Lehre‟ nicht der Fall war. Und mit Boströms Angriff auf die

Höllenlehre von 1864 waren die Pforten geöffnet für den Rationalismus

oder das Freidenkertum, wie es genannt wurde. Boströms eigentlich

unbedeutende Schrift wirkte doch außerordentlich durch den großen Namen

des Professors der Universität Upsala und frühern Prinzenlehrers, den

der mutige Mann aufs Spiel setzte; und den niemand nach ihm aufs Spiel

gesetzt hat, seit es keine Ehre mehr ist, Freidenker zu sein oder für

die Freiheit des Gedankens und dessen Rechte zu arbeiten.

Genug, alles war bereit, und nur ein Hauch war nötig, um das Kartenhaus

des Jünglings umzustoßen. Da kam ein junger Ingenieur auf seinen Weg.

Der war sogar Mieter im Hause der Freundin. Der beobachtete Johan

lange, ehe er an ihn herantrat. Johan hatte Achtung vor ihm, weil er

einen guten Kopf haben sollte; und er war wohl auch etwas eifersüchtig.

Die Freundin bereitete Johan auf die Bekanntschaft vor und warnte ihn.

Es sei ein äußerst interessanter Mensch, ein brillanter Kopf, aber

er sei gefährlich. Johan traf den Mann. Es war ein stark gebauter

Wermländer mit groben ehrlichen Zügen; einem kindlichen Lächeln, wenn

er lächelte, was nicht oft geschah; eher still als geräuschvoll. Sie

waren sofort bekannt.

Am ersten Abend wurden nur einige Hiebe gewechselt. Es handelte sich um

Glauben und Wissen.

-- Der Glaube müßte die Vernunft töten, meinte Johan nach Krummacher.

-- Pfui, sagte der Freund. Die Vernunft ist eine Gabe Gottes, die den

Menschen über das Tier erhebt. Soll denn der Mensch sich zu einem Tier

erniedrigen, indem er Gottes Gabe verwirft?

-- Es gibt Dinge, antwortete Johan (nach Norbeck), die man sehr wohl

glauben kann, ohne daß man einen Beweis verlangt. Wir glauben an den

Kalender, ohne selbst etwas von den Bewegungen der Planeten zu wissen.

-- Ja, antwortete der Freund, wir glauben, wenn wir nicht fühlen, daß

unsere Vernunft etwas annimmt. Meine Vernunft hat sich nicht gegen den

Almanach erhoben.

-- Ja, antwortete Johan, aber zu Galileis Zeit war es gegen alle

Vernunft, anzunehmen, daß die Erde um die Sonne läuft. Das ist nur

Widerspruchsgeist, sagte man; er will originell sein.

-- Wir leben nicht in Galileis Zeit, antwortete der Freund; und es ist

gegen die Vernunft unserer aufgeklärten Zeit, an Christi Gottheit und

die ewigen Strafen zu glauben.

-- Über diese Dinge wollen wir nicht streiten, sagte Johan.

-- Warum nicht?

-- Die stehen über allem Streit!

-- Genau dasselbe habe ich vor zwei Jahren auch gesagt, als ich gläubig

war.

-- Sind Sie.. Pietist gewesen?

-- Ja, das bin ich gewesen.

-- Hm! Und Sie haben jetzt Frieden?

-- Jetzt habe ich Frieden!

-- Wie haben Sie den gefunden?

-- Ich lernte durch einen Prediger den Geist des wahren Christentums

kennen.

-- Sind Sie denn Christ?

-- Ja, ich bekenne Christus!

-- Aber Sie glauben nicht, daß er Gott war?

-- Das hat er selbst nie gesagt. Er nennt sich nur Gottes Sohn, und

Gottes Söhne sind wir alle.

Die Freundin kam und brach das Gespräch ab, das, nebenbei gesagt,

typisch für religiöse Wortstreite von 1865 war.

Johans Neugier war geweckt worden. Es gab Menschen, die nicht an

Christus glaubten und doch Frieden hatten. Nur Kritik aber hätte die

alten Götterbilder nicht gestürzt; die Furcht vor dem leeren Raum hielt

ihn zurück, bis ihm Parker in die Hand fiel. Predigten ohne Christus

und Hölle, das war, was er brauchte. Und so schöne Predigten. Johan las

sie äußerst schnell, und es lag ihm am meisten daran, daß Geschwister

und Angehörige sie genossen, auf daß sie ihn mit ihrer Mißbilligung

verschonten. Er verwechselte nämlich fremde Mißbilligung mit bösem

Gewissen; war so gewohnt, andern recht zu geben, daß er in Zwietracht

mit sich selbst geriet.

Aber Christus, der Inquisitor, fiel; die Gnadenwahl, das jüngste

Gericht, alles stürzte zusammen, als sei es längst reif zum Fallen

gewesen. Er war erstaunt, daß es so schnell ging. Es war, wie alte

Kleider ablegen und neue anziehen.

Der Sohn einer Magd · 第 10 / 29 段