er Primus in der obersten Klasse war, kam der Rektor eines Tages mit
einem großen Herrn herein, der Gehrock, Schnurrbart, Kneifer trug.
-- Hör mal, Johan, sagte er, nimm dich dieses Burschen an, er kommt
eben vom Lande, und mach ihn mit den Verhältnissen vertraut.
Der Kneifer sah verächtlich auf das Bürschlein in Jacke, und es kam zu
keiner Annäherung. Aber sie saßen neben einander; Johan hielt das Buch
und sagte dem ältern vor, der nie etwas konnte, aber von Getränken und
Cafés sprach.
Eines Tages spielt Johan mit dem Kneifer und die Feder bricht ihm
entzwei. Der Kamerad wurde böse. Johan versprach, den Kneifer wieder
heil machen zu lassen. Er nahm ihn mit nach Hause. Er war schwer zu
tragen, denn er wußte nicht, wie er das Geld bekommen solle: So machte
er sich selbst ans Werk. Nahm die Schrauben heraus, durchbohrte eine
alte Uhrfeder; aber es gelang ihm nicht.
Der Kamerad erinnerte. Johan verzweifelte. Der Vater würde es nie
bezahlen.
-- Dann lasse ich's machen; du kannst es später bezahlen.
Der Kneifer wurde repariert; kostete fünfzig Pfennige. Am nächsten
Montag lieferte Johan zwölf Schillinge in Kupfer ab und versprach den
Rest für den nächsten Montag.
Der Kamerad verstand den Zusammenhang.
-- Das ist dein Frühstücksgeld, sagte er. Hast du nur zwölf Schillinge
in der Woche?
Johan errötete und bat ihn, sie zu nehmen. Am nächsten Montag brachte
er die andern Kupferstücke. Neuer Widerstand, neues Drängen.
Die beiden Jünglinge hielten seitdem zusammen, auf der Schule in
Stockholm, auf der Universität in Upsala und noch länger. Der
Freund war eine heitere Natur und nahm die Welt ohne alle Umstände.
Disputierte etwas mit Johan, brachte ihn aber meist zum Lachen.
Durch den Gegensatz zu dem freudlosen Elternhause wurde ihm die
Schule jetzt ein heiterer, heller Zufluchtsort, wohin er vor der
Familientyrannei flüchtete. Daraus aber entstand ein Doppelleben, das
ihn wieder in allen Gelenken verrücken sollte.
7.
+Erste Liebe+.
Wenn der Charakter des Menschen schließlich die Rolle ist, bei der
er in der Komödie des sozialen Lebens stehen bleibt, so war Johan
in dieser Periode sehr charakterlos; das heißt recht aufrichtig. Er
suchte, fand nicht und konnte bei nichts bleiben. Seine brutale Natur,
die jedes Geschirr, das man ihm auflegte, abwarf, beugte sich nicht;
und sein Gehirn, das zum Empören geboren war, konnte nicht automatisch
werden. Er war ein Reflexionsspiegel, der alle Strahlen, die ihn
trafen, zurückwarf. Ein Kompendium aller seiner Erfahrungen, aller
wechselnder Eindrücke und voller streitender Elemente.
Einen Willen hatte er, der stoßweise arbeitete und dann fanatisch.
Gleichzeitig aber wollte er eigentlich nichts; war sanguinisch und
hoffte alles. Hart wie Eis im Elternhaus, war er oft gefühlvoll
bis zur Empfindsamkeit; konnte in einen Torweg treten und sich die
Unterjacke ausziehen, um sie einem Armen zu geben; konnte weinen, wenn
er eine Ungerechtigkeit sah. Sein Geschlechtsleben, das sich nach der
Entdeckung der Sünde gelegt hatte, brach jetzt in nächtlichen Träumen
los, die er dem Teufel zuschrieb; gegen den rief er Jesus als Helfer
an. Er war jetzt Pietist. Aufrichtig? So aufrichtig jemand sein konnte,
der sich in eine veraltete Weltanschauung einleben wollte. Er war
es aus Bedürfnis zu Hause, wo alles seine geistige und körperliche
Freiheit bedrohte. In der Schule war er ein heiterer Weltmann,
ohne Empfindsamkeit, weich und umgänglich. Dort wurde er für die
Gesellschaft erzogen und hatte Rechte. Im Elternhause wurde er wie eine
eßbare Pflanze für den Gebrauch der Familie gezogen und hatte keine
Rechte. Er war auch Pietist aus geistigem Hochmut wie alle Pietisten.
Beskow, der bußfertige Leutnant, war von Christi Grab heimgekehrt, wo
er den Richtweg über die theologische Prüfung zum Himmel gefunden
hatte. Seine „Reise‟ wurde zu Hause von der Stiefmutter gelesen, die
den Pietismus beschnupperte. Beskow brachte den Pietismus in Mode, und
dieser Mode folgte jetzt ein großer Teil der Unterklasse. Der Pietismus
war damals, was der Spiritismus jetzt (1886) ist: ein wohlfeiles
Wissen, eine angeblich höhere Kenntnis verborgener Dinge. Deshalb
traten ihm auch alle Frauen und Ungebildeten mit Begier bei; er drang
schließlich auch bei Hofe ein....
Kam das von einem allgemeinen geistigen Bedürfnis? War die Zeit
so hoffnungslos reaktionär, daß man Pessimist werden mußte? Nein!
Der König führte auf Ulriksdal ein munteres Wesen und gab dem
gesellschaftlichen Leben einen heiteren, vorurteilsfreien Ton.
Frische Ströme brausten im politischen Leben, in dem man jetzt eine
Änderung der Volksvertretung vorbereitete. Der deutsch-dänische
Krieg machte aufs Ausland aufmerksam; die Blicke richteten sich über
die Landesgrenzen hinaus; Bürgerwehr und Schützenbewegung weckten
Land und Stadt mit Trommeln und Spiel; die neuen Oppositionsblätter
„Dagens Nyheter‟ und der ungestüme „Söndags-Nisse‟ wurden Ventile
für eingeschlossenen Dampf, der heraus mußte. An allen Enden wurden
Eisenbahnen eröffnet, die Einöden in Verbindung mit den großen
motorischen Nervenzentren brachten. Es war durchaus kein dunkler
Niedergang; im Gegenteil eine helle, hoffnungsvolle Jugendzeit des
Erwachens.
Wo kam der Pietismus denn her? Es war ein wehender Wind; vielleicht
auch eine Rettung für die von der Bildung Vernachlässigten vor dem
Druck der Gelehrsamkeit. Es lag auch ein demokratisches Element darin,
daß eine für hoch und niedrig gemeinsame Weisheit zugänglich war, die
alle Gesellschaftsklassen auf ein Niveau brachte. Da der Geburtsadel im
Rückgang war, wurde der Bildungsadel um so drückender empfunden. Durch
den Pietismus schaffte man den auf einmal ab, glaubte man.
Johan wurde Pietist aus vielen Gründen. Bankerott auf Erden, da er mit
fünfundzwanzig Jahren mit eingeschrumpftem Rückgrat und ohne Nase
sterben mußte, suchte er den Himmel. Schwermütig von Natur, aber voller
Wildheiten, liebte er das Schwermütige. Der Lehrbücher, die nicht
lebendiges Wasser gaben, weil sie nichts mit dem Leben zu tun hatten,
müde, fand er bessere Nahrung in einer Religion, die unaufhörlich
auf das tägliche Leben angewandt werden konnte. Dazu kam noch
unmittelbarer, daß die ungelehrte Stiefmutter, die seine Überlegenheit
in Bildung fühlte, auf der Jakobsleiter über ihn hinaus zu kommen
suchte. Sie sprach oft mit dem ältesten Bruder von den höchsten Dingen;
war Johan dann in der Nähe, bekam er zu hören, wie sie seine weltliche
Weisheit verachtete. Das reizte ihn und er mußte hinauf zu ihnen;
mußte über sie hinauskommen. Ferner hatte die Mutter ein Testament
hinterlassen, in dem sie sich gegen geistigen Hochmut aussprach und auf
Jesus hinwies. Zuletzt kam die Gewohnheit, im Kirchenstuhl der Familie
jeden Sonntag einen pietistischen Geistlichen predigen zu hören. Auch
war das Haus überschwemmt mit pietistischen Schriften. Von allen Seiten
drang der Pietismus auf ihn ein.
Die Stiefmutter und der älteste Bruder pflegten zusammen zu sitzen und
in der Erinnerung eine gute pietistische Predigt durchzugehen, die sie
in der Kirche gehört hatten. Eines Sonntags, als der Kirchendienst zu
Ende war, machte sich Johan ans Werk und schrieb die ganze bewunderte
Predigt auf. Er konnte sich das Vergnügen nicht versagen, sie der
Stiefmutter zu überreichen. Das Geschenk wurde nicht gerade mit
Wohlwollen aufgenommen. Geduckt war sie. Aber sie gab nicht einen Zoll
nach.
-- Gottes Worte sollen im Herzen geschrieben sein und nicht auf dem
Papier, sagte sie.
Das war nicht übel gesagt, aber Johan sah, daß es Hochmut war. Sie
glaubte, weiter auf dem Weg der Heiligung gekommen und schon Gottes
Kind zu sein.
Das Wettlaufen beginnt, und Johan geht in außerkirchliche Betstunden.
Darauf wird mit einem halben Verbot geantwortet, denn er sei noch nicht
konfirmiert; also nicht reif für den Himmel. Die Erörterungen mit dem
ältesten Bruder werden fortgesetzt. Johan sagt, Jesus habe erklärt,
daß auch die Kinder ins Himmelreich gehören. Man schlägt sich um den
Himmel. Johan kann die Theologie von Norbeck, aber die wird ungesehen
verworfen. Er nimmt Krummacher, Kempis und alle Pietisten zu Hilfe.
Nein, es hilft nicht -- So muß es sein! -- Wie? -- Wie ich es habe,
aber wie du es nicht haben kannst! -- Wie ich! Das ist die Formel der
Pietisten: Selbstgerechtigkeit.
Eines Tages sagte Johan, alle Menschen seien Gottes Kinder! --
Unmöglich! dann wäre es ja keine Kunst, selig zu werden! -- Es sollte
eine Kunst sein, die nur sie konnten! -- Sollen denn alle selig werden?
-- Ja gewiß, Gott ist die Liebe und will niemandes Verderben. -- Wenn
alle selig werden, was hat es dann für einen Zweck, sich zu quälen? Ja,
das ist eben die Frage! -- Du bist also ein Zweifler, ein Heuchler?
Sehr wohl möglich, daß sie es alle waren!
* * * * *
Johan wollte jetzt den Himmel stürmen und ein Kind Gottes werden;
vielleicht damit auch die anderen ducken. Die Stiefmutter war nämlich
nicht konsequent. Sie ging ins Theater und tanzte gern. Eines
Sonnabends im Sommer wurde verkündet, die ganze Familie werde am
nächsten Sonntag einen Ausflug machen. Das war ein Befehl. Johan hielt
es für Sünde und wollte die Gelegenheit benutzen, um in der Einsamkeit
Jesus zu suchen, den er noch nicht gefunden hatte. Die Bekehrung sollte
nämlich nach der Beschreibung wie ein Blitzschlag eintreten; dem würde
die Gewißheit folgen, daß man ein Kind Gottes sei; und dann sei der
Friede da.
Als der Vater am Abend die Zeitung las, trat Johan an ihn heran und
bat, zu Hause bleiben zu dürfen.
-- Warum denn? fragte er freundlich.
Johan schwieg. Er schämte sich.
-- Wenn deine religiöse Überzeugung es dir verbietet, dann folg deinem
Gewissen.
Die Stiefmutter war geschlagen. Sie wollte den Sabbat entheiligen, er
aber nicht.
Die Familie fuhr ab. Johan ging in die Bethlehemskirche und hörte
Rosenius. Der Raum war dunkel, unheimlich, und die Menschen sahen aus,
als hätten sie die verhängnisvollen fünfundzwanzig Jahre erreicht.
Bleigrau im Gesicht, erloschne Blicke. Sollte dieser Dr. Kapff sie alle
zu Jesus gescheucht haben? Sonderbar war es.
Rosenius sah wie der Friede selbst aus und strahlte von himmlischer
Freude. Er gestand allerdings, daß er ein alter Sünder sei, aber Jesus
habe ihn gereinigt, und jetzt sei er glücklich. Er sah auch glücklich
aus. War es möglich, daß es einen glücklichen Menschen gibt? Warum
wurden dann nicht alle Pietisten!
Johan hatte jedoch die Gnadenwirkung noch nicht erfahren; in ihm war
noch Unfriede. Es war ein zu kleines Publikum, als daß er hätte glauben
können, nur in diesem Haus hätten die Seligen ihre Wohnung. Alle die
großen Kirchen, in denen tote Priester predigten, waren ja voll von
künftigen Unseligen.
Am Nachmittag las er Thomas a Kempis und Krummacher. Darauf ging er
nach Haga hinaus und betete die ganze Nordzollstraße entlang, daß Jesus
ihn suchen möge. Im Hagapark saßen kleine Familien mit Eßkörben, und
die Kinder spielten. War es möglich, daß all diese in die Hölle kommen
sollten? Ja allerdings! Unmöglich, antwortete sein guter Verstand.
Aber es war so. Eine Kalesche mit feinen Herren und Damen fuhr vorbei.
Und die dort, die waren längst verurteilt! Aber sie waren wenigstens
lustig. Die lebhaften Bilder fröhlicher Menschen verdüsterten ihn noch
mehr, und er empfand die furchtbare Einsamkeit in einer Volksmenge.
Er hatte sich müde gedacht und ging nach Hause, niedergeschlagen wie
ein Dichter, der mit Gewalt Eingebung gesucht, sie aber nicht hat
finden können. Er legte sich auf sein Bett und sehnte sich fort von dem
ganzen Leben.
Abends kamen die Geschwister nach Hause, fröhlich und geräuschvoll, und
fragten, ob er sich vergnügt habe.
-- Ja, antwortete er; und ihr?
Und er mußte Einzelheiten von dem Ausflug hören und fühlte jedesmal
Stiche im Herzen, wenn er sie beneidete. Die Stiefmutter sah ihn nicht
an, denn sie hatte den Sabbat entheiligt. Das war sein Trost!
Jetzt müßte der durchschaute Selbstbetrug sich aufgezehrt haben und
gestorben sein; da aber tritt ein neuer wichtiger Faktor in sein Leben
ein, der die Selbstquälerei zum Fanatismus treibt, bis sie dann Knall
und Fall stirbt.
* * * * *
Sein Leben war während dieser Jahre nicht von so furchtbar einförmiger
Tristheit gewesen, wie es sich später in der Perspektive zeigte, als
alle dunklen Punkte so zahlreich waren, daß sie zu einem einzigen
grauen Hintergrund zusammenschmolzen. Aber hinter und unter allem ruhte
seine zurückgesetzte Stellung als Kind, während er mannbar war; der
Lehrstoff konnte ihn nicht mehr interessieren; er war darauf gefaßt,
daß er mit fünfundzwanzig Jahren sterben müsse; sein Geschlechtstrieb
war unbefriedigt; seine Umgebung hatte einen ganz andern Bildungsgrad
und konnte ihn infolgedessen nicht begreifen.
Mit der Stiefmutter kamen drei junge Mädchen ins Haus, ihre Schwestern.
Sie schlossen bald Freundschaft mit den Stiefsöhnen, machten gemeinsame
Spaziergänge, fuhren zusammen auf der Rutschbahn, spielten mit ihnen.
Sie suchten immer Versöhnungen zustande zu bringen; erkannten an, daß
die Schwester dem Jüngling gegenüber schuld hatte; und damit war er
sofort zufrieden, so daß sich sein Haß legte.
Auch die Großmutter übernahm die Rolle der Vermittlerin, trat
schließlich entschieden als Freund Johans auf und beschwor oftmals den
Sturm. Aber ein verhängnisvolles Geschick ließ ihn auch diesen Freund
bald verlieren. Die Tante hatte die neue Ehe nicht geliebt, und ein
Bruch mit dem Bruder war eingetreten. Das war ein großer Kummer für
den Alten. Der Verkehr hörte auf, und man sah sich nicht mehr. Es war
natürlich Hochmut. Aber eines Tages trifft Johan die Kusine, damals
ein älteres Mädchen, das sehr fein gekleidet ist, auf der Straße. Sie
ist neugierig, will etwas über die neue Ehe hören und geht mit Johan
spazieren.
Als er nach Hause kommt, trifft er Großmutter, die ihm in scharfen
Worten vorhält, daß er sie auf der Straße nicht gegrüßt habe; er sei
wohl in zu feiner Gesellschaft gewesen, um die Alte zu grüßen. Er
beteuert seine Unschuld; es ist aber vergebens.
Da er nicht viele Freunde zu verlieren hatte, war dieser Verlust
schmerzlich.
Auch mit andern jungen Mädchen aus dem Bekanntenkreis der Stiefmutter
verkehrte man. Es wurden Spiele gespielt, Pfänderspiele nach den
einfachen Sitten der Zeit; dabei küßte man die Mädchen und faßte sie
um die Taille. Eines Tages hatte er tanzen gelernt und wurde nun
ein eifriger Walzertänzer. Das war eine sehr gute Erziehung für den
Jüngling: dadurch wurde er daran gewöhnt, den weiblichen Körper zu
sehen und zu berühren, ohne daß seine Leidenschaften erwachten. Als
er zum ersten Male geküßt werden sollte, zitterte er, bald aber war
er ruhig. Die Elektrizität verteilte sich, die Phantasien nahmen
feste Form an, und die Träume wurden nicht mehr so oft gestört. Aber
das Feuer brannte, und die Kühnheit trat einige Male hervor. Als die
Pfänder in einem dunklen Zimmer gelöst wurden, faßte er ein junges
hübsches schwarzhaariges Mädchen an die Brust, die nur von einem dünnen
Garibaldihemd verborgen wurde. Sie fauchte. Er schämte sich nachher,
konnte aber nicht umhin, sich männlich zu fühlen. Wenn sie nur nicht
gefaucht hätte!
Einen Sommer weilte er mit der Stiefmutter bei einem ihrer Verwandten,
einem Landwirt in Östergötland. Dort wurde er als Weltmann behandelt
und ward gut Freund mit der Stiefmutter. Auch das währte nicht lange,
und bald brach der Streit wieder in hellen Flammen aus. So ging es auf
und nieder, hin und zurück.
Zu dieser Zeit, im Alter von fünfzehn Jahren, geht er seine erste
Liebesverbindung ein, wenn es Liebe war. Die Kulturliebe ist ein
sehr verfälschtes und verwickeltes Gefühl und im Grunde ungesund.
Reine Liebe ist ein Widerspruch in sich, wenn man nämlich unter rein
unsinnlich versteht. Die Liebe als Geschlechtstrieb muß sinnlich sein,
wenn sie gesund sein soll. Als sinnliche Liebe muß sie den Körper
lieben. Während des Rausches passen sich die Seelen einander an und
Sympathie entsteht. Sympathie ist Waffenruhe, Ausgleich. Darum bricht
die Abneigung gewöhnlich aus, wenn sich das sinnliche Band gelöst
hat, nicht umgekehrt. Aber das Wort sinnlich hat durch die tote Moral
des Christentums eine niedrige Bedeutung erhalten: „Der Geist ist im
Fleisch gefangen.‟ „Töte das Fleisch und laß den Geist frei.‟ Geist und
Fleisch sind jedoch eins; tötet man das Fleisch, so tötet man auch den
Geist.
Kann Freundschaft zwischen den beiden Geschlechtern entstehen und
dauern? Nur scheinbar, denn die beiden Geschlechter sind geborene
Feinde; + und - bleiben immer Gegensätze, positive und negative
Elektrizität sind feindlich, aber suchen einander, um einander zu
ergänzen. Freundschaft kann nur entstehen zwischen Personen mit
denselben Interessen, ungefähr denselben Anschauungen. Mann und Weib
sind durch die gesellschaftliche Ordnung mit verschiedenen Interessen,
verschiedenen Anschauungen geboren. Darum kann Freundschaft zwischen
den Geschlechtern nur in der Ehe entstehen, in der die Interessen
dieselben geworden sind; dann aber nur, solange das Weib sein ganzes
Interesse der Familie widmet, für die der Mann arbeitet. Sobald sie
sich einer Sache widmet, die außerhalb der Familie liegt, ist der
Vertrag gebrochen; dann haben Mann und Weib verschiedene Interessen,
und es ist aus mit der Freundschaft. Darum ist eine geistige Ehe
unmöglich, weil sie zur Sklaverei des Mannes führt: diese Ehe löst sich
denn auch bald auf.
Der Fünfzehnjährige verliebte sich in ein Weib von dreißig Jahren. Wäre
es reine, sinnliche Liebe gewesen, dann hätte man etwas Ungesundes bei
ihm argwöhnen können; aber er konnte zu seiner Ehre damit prahlen, daß
seine Liebe unsinnlich war.
Wie er dazu kam, sie zu lieben? Viele Gründe wie immer, nicht nur
einer.
Sie war die Tochter des Hauswirts, nahm als solche eine höhere Stellung
ein, und das Haus war reich und gastfrei. Sie war gebildet, wurde
bewundert, herrschte im Hause, stand intim mit der Mutter; sie konnte
die Wirtin machen, führte die Unterhaltung, war von Herren umgeben, die
alle von ihr beachtet zu werden wünschten. Dazu war sie emanzipiert,
ohne jedoch den Männern feindlich zu sein; sie rauchte und trank ihr
Glas, aber nicht etwa auf geschmacklose Art. Dazu war sie mit einem
Manne verlobt, den der Vater haßte und den er nicht zum Eidam haben
wollte. Der Bräutigam weilte im Auslande und schrieb selten. Im Hause
verkehrten ein Amtsrichter, Studenten der Technischen Hochschule,
ein Literat, Geistliche, Bürger. Alle umschwärmten sie. Johans Vater
bewunderte sie, die Stiefmutter fürchtete sie, die Brüder warteten ihr
auf.
Johan hielt sich hinter allen andern zurück und beobachtete sie. Es
dauerte lange, ehe sie ihn entdeckte. Schließlich eines Abends, als sie
alle Herren angesprüht und entzündet hatte, zog sie sich müde in einen
Salon zurück, in dem Johan saß.
-- Gott, wie unglücklich bin ich! sagte sie zu sich selbst und warf
sich auf ein Sofa.
Johan machte eine Bewegung und ward gesehen. Er glaubte etwas sagen zu
müssen.
-- Sie sind unglücklich? Sie lachen doch beständig! Sie sind sicher
nicht so unglücklich wie ich!
Sie sah den Burschen an, setzte das Gespräch fort, und sie waren
Freunde.
Seitdem sprach sie am liebsten mit ihm. Das erhob ihn. Er war verlegen,
wenn sie einen Kreis erwachsener Männer verließ, um sich neben ihn zu
setzen. Er begann in ihrer Seele zu forschen, stellte Fragen nach ihrem
Seelenzustand, die verrieten, daß er viel beobachtet und viel gedacht
hatte. Er bekam die Oberhand und wurde ihr Gewissen. Wenn sie einen
Abend zu lebhaft gescherzt hatte, kam sie zu dem Jüngling, um bestraft
zu werden. Das war eine Art Geißelung, angenehm wie eine Liebkosung.
Schließlich begannen sich die Herren um den Jüngling zu kümmern.
-- Können Sie sich denken, sagte sie eines Abends, sie behaupten, ich
sei in Sie verliebt.
-- Das sagen sie von allen Menschen verschiedenen Geschlechts, die
Freunde sind.
-- Glauben Sie, daß es Freundschaft zwischen Mann und Weib geben kann?
-- Ja, davon bin ich überzeugt, antwortete er.
-- Danke, sagte sie und reichte ihm ihre Hand. Wie sollte ich, die
ich doppelt so alt bin wie Sie, die ich häßlich und krank bin, in Sie
verliebt sein können! Und dann bin ich ja auch verlobt!
Nein, das war natürlich nicht möglich, daß eine ältere und häßliche
Frau in den Körper eines jungen, durch Turnen gut entwickelten
Jünglings verliebt sein konnte, zumal der Jüngling kleine fleischige
Hände mit langen, wohlgepflegten Nägeln, kleine Füße und schlanke Beine
mit starken Waden hatte; auch noch einen frischen Teint mit keimendem
Bartwuchs besaß. Aber die Logik ist nicht stark, wenn das Herz verletzt
ist. Daß Johan dagegen ein dreißigjähriges Weib, das groß gewachsen
und männlich gestaltet war, das Zuckerkrankheit und Wassersucht hatte,
liebte, das war beinahe unmöglich.
Seit diesem Abend aber hatte sie das Übergewicht. Sie wurde mütterlich.
Das packte ihn. Und als sie dann wegen ihrer Neigung geneckt wurde,
fühlte sie sich beinahe verlegen und ließ alle Gefühle fallen, mit
Ausnahme der mütterlichen; auch begann sie an seiner Bekehrung zu
arbeiten, denn auch sie war Pietistin.
Sie trafen sich in einem französischen Konversationszirkel und gingen
den langen Weg nach Hause zusammen; dabei sprachen sie französisch.
Es war leichter, heikle Sachen in einer fremden Sprache zu sagen.
Auch fing er an, französische Aufsätze für sie zu schreiben, die sie
korrigierte.
Vaters Bewunderung für das alte Mädchen nahm ab, und dieses
Französischsprechen war der Stiefmutter unangenehm, weil sie es nicht
verstand. Des älteren Bruders Vorrecht auf Französisch war auch damit
aufgehoben. Das ärgerte den Vater so, daß er eines Tages zu Johan
sagte, es sei unpassend, eine fremde Sprache in Gegenwart von Menschen
zu sprechen, die sie nicht verstehen; er begreife nicht, wie Fräulein
X., die so gebildet sein solle, sich eine solche Taktlosigkeit erlauben
könne. Aber die Bildung des Herzens sei nicht dieselbe wie die Bildung
durch Bücher.
Sie wurde im Elternhaus nicht mehr gern gesehen, und man „verfolgte‟
die beiden. Dazu kam, daß die Familie in den benachbarten Hof zog; der
Verkehr wurde daher etwas weniger lebhaft.
Am ersten Tage nach dem Umzug war Johan aufgerieben. Er konnte ohne
ihre tägliche Gesellschaft nicht leben; er konnte nicht leben ohne
ihre Hilfe, die ihn aus seiner Altersklasse herausgehoben und unter
die Erwachsenen versetzt hatte. Zu ihr gehen und wie ein lächerlicher
Liebhaber sie aufsuchen, nein, das konnte er nicht. Blieb nur übrig,
Briefe zu schreiben.
Jetzt beginnt ein Briefwechsel, der ein Jahr dauerte. Die Schwester der
Stiefmutter, die das intelligente und fröhliche Mädchen vergötterte,
überbrachte heimlich die Briefe. Die Briefe wurden französisch
geschrieben, damit sie nicht gelesen werden konnten, wenn sie einmal
in falsche Hände fielen. Auch konnte man sich leichter bewegen unter
dieser Deckung.
Wovon die Briefe handelten? Von allem. Von Jesus, dem Kampf gegen
die Sünde, vom Leben, vom Tode, von Liebe, Freundschaft, Zweifel.
Obwohl sie Pietistin war, verkehrte sie mit Freidenkern und litt unter
Zweifeln, zweifelte an allem. Johan war bald ihr gestrenger Lehrer,
bald ihr bestrafter Sohn.
Lange Auseinandersetzungen und Beweisführungen hatten sie auch über
ihr Verhältnis. War es Liebe oder Freundschaft? Aber sie liebte ja
einen andern Mann, von dem sie fast nie sprach. Johan betrachtete
niemals ihren Körper. Er sah nur ihre Augen, die tief und ausdrucksvoll
waren. Es war auch nicht gerade die Mutter, die er verehrte, denn er
sehnte sich niemals danach, seinen Kopf in ihren Schoß zu legen; was
er dagegen gern bei andern Frauen getan hätte. Er hatte beinahe ein
Entsetzen davor, sie anzurühren; nicht das Entsetzen der verborgenen
Begierde, sondern des Ekels. Er tanzte einmal mit ihr, aber tat es
nicht wieder. Wenn es draußen windig war und ihr Kleid wurde aufgeweht,
sah er fort. Es war wohl Freundschaft, und ihre Seele war so männlich,
und ihr Körper auch, daß eine Freundschaft entstehen und dauern konnte.