Er wollte nur geben: er hätte sogar seine Geliebte gegeben, wenn

er eine besessen. Ja, er machte ihn auf die Tochter des Inspektors

aufmerksam, an welcher der Bruder sehr richtig Gefallen fand. Statt

aber hinter den Baumstämmen zu seufzen, ging er zu ihr und plauderte

mit ihr, natürlich in aller Unschuld. Das war die kühnste Handlung,

die Johan in seinem Leben hatte ausführen sehen; er selbst hatte das

Gefühl, als sei er gewachsen. Er vergrößerte sich, seine schwache

Seele handelte gleichsam durch die starken Nerven des Bruders; er

identifizierte sich mit ihm. Er war ebenso glücklich, als hätte er

selbst das Mädchen angesprochen.

Er gab Ideen zu Ausflügen, Streichen, Rudertouren, und der Bruder

setzte sie ins Werk. Er entdeckte Vogelnester und der Bruder enterte

den Baum und plünderte sie.

Das aber dauerte nur eine Woche. Am letzten Tage, als Johan abreisen

sollte, sagte er zu Gustav:

-- Wir wollen Mama einen schönen Blumenstrauß kaufen.

-- Ja, das wollen wir.

Sie gingen zum Gärtner des Gutes. Gustav bestellte: er müsse fein sein.

Während der Strauß gebunden wurde, ging er in den Garten und aß ganz

offen Beeren. Johan wagte nicht, etwas anzurühren.

-- Iß doch, sagte der Bruder.

Nein, er konnte nicht.

Als der Strauß fertig war, zog Johan seine Geldtasche und bezahlte ihn

mit vierundzwanzig Schillingen. Gustav ließ sich nichts merken.

Dann trennten sie sich.

Als Johan nach Haus kam, überreichte er den Strauß mit einem Gruß von

Gustav.

Die Mutter war gerührt.

Beim Abendbrot erregten die Blumen die Aufmerksamkeit des Vaters.

-- Die hat Gustav mir geschickt, sagte die Mutter. Er ist doch immer

nett.

Und Johan bekam einen traurigen Blick, denn er war so hart.

Des Vaters Auge schimmerte unter der Brille.

Johan empfand keine Bitterkeit. Die schwärmerische Opferlust des

Jünglings hatte sich geäußert, der Kampf gegen Ungerechtigkeiten hatte

ihn zum Selbstquäler gemacht, und er schwieg. Er schwieg auch, als der

Vater dem Gustav Taschengeld schickte und ihm in ungewöhnlich gerührten

Worten schrieb, wie tief er diesen feinen Zug seines guten Herzens

empfunden habe.

Er schwieg sein ganzes Leben hindurch über diese Geschichte, auch

als er Anlaß hatte, Bitterkeit zu fühlen. Er sprach erst, als er,

übermannt, in den schmutzigen Sand der Arena niedergefallen war, einen

groben Fuß auf seiner Brust fühlte, ohne eine Hand zu erblicken, die

Gnade winkte. Da war es nicht Rache, sondern nur die Selbstverteidigung

des Sterbenden!

5.

+Mit der Oberklasse.+

Die Privatlehranstalt war als eine Opposition gegen die

Schreckensregierung der öffentlichen Schulen entstanden. Da ihre

Existenz vom guten Willen der Schüler abhing, hatte man ihnen große

Freiheiten erlaubt und einen äußerst humanen Geist eingeführt.

Körperstrafe war verboten; die Schüler waren gewohnt, sich äußern zu

dürfen, Einspruch zu erheben, sich gegen Anklagen zu verteidigen; mit

einem Wort, sie wurden wie denkende Wesen behandelt.

Hier erst erfuhr Johan, daß er menschliche Rechte hatte. Wenn sich

der Lehrer in einer Tatsache geirrt, konnte er sich nicht auf seine

Autorität berufen; er wurde von der Klasse berichtigt und unkörperlich

gelyncht, indem sie ihm seinen Irrtum nachwies. Auch waren vernünftige

Methoden in den Unterricht eingeführt. Wenig Aufgaben. Fortlaufende

Übersetzungen gaben den Schülern einen Begriff, was der Unterricht in

Sprachen für einen Sinn hat: nämlich übersetzen zu können. Auch waren

Ausländer für die lebenden Sprachen angestellt; das Ohr gewöhnte sich

an den richtigen Akzent; man lernte, wie eine Sprache gesprochen wird.

Eine Menge Jünglinge waren aus den Staatsschulen in diese

Privatlehranstalt geflohen; Johan traf hier viele Kameraden aus Klara

wieder. Aber er fand auch Lehrer wieder sowohl aus Klara wie aus Jakob.

Diese machten hier ein ganz anderes Gesicht und nahmen eine ganz andere

Art an. Johan verstand jetzt, daß sie in gleicher Verdammnis gewesen

waren wie ihre Opfer, denn sie hatten Direktor und Schulrat über sich

gehabt.

Endlich schien sich also der Druck von oben zu verringern, sein Wille

und seine Gedanken Freiheit zu bekommen; er hatte ein Gefühl von Glück

und Wohlbefinden. Zu Hause lobte er die Schule, dankte den Eltern für

die Befreiung; erklärte, es gefiele ihm nirgends so gut wie in der

Schule. Er vergaß alte Ungerechtigkeiten, wurde weicher in seinem Wesen

und freimütiger. Die Mutter begann sein Wissen zu bewundern. Außer der

Muttersprache lernte er fünf Sprachen; nur ein Jahr hatte er noch bis

zum eigentlichen Gymnasium. Der älteste Bruder war schon in Stellung

auf einem Kontor, der zweite Bruder war in Paris. Johan war jetzt im

Elternhaus gleichsam eine Altersstufe aufgerückt und schloß persönliche

Bekanntschaft mit der Mutter. Er erzählte ihr aus seinen Büchern von

Natur und Geschichte; und sie, die sich nie Kenntnisse hatte erwerben

können, lauschte mit Andacht.

Wenn die Mutter aber eine ganze Weile zugehört hatte, holte sie das

einzige Wissen hervor, das den Menschen glücklich machen könne; ob

sie sich nun erheben wollte oder wirklich die weltliche Weisheit

fürchtete. Sie sprach von Christus. Johan kannte die Rede wohl wieder,

aber die Mutter verstand es, sie an ihn persönlich zu richten. Er

müsse sich vor geistigem Hochmut hüten und immer einfältig bleiben.

Der Knabe verstand das Wort einfältig nicht, und die Rede über Jesus

glich nicht den Worten der Bibel. Es war etwas Ungesundes in ihrer

Anschauung; er glaubte des Ungebildeten Widerwillen gegen Bildung zu

bemerken. Warum denn dieser lange Schulkursus, fragte er sich, wenn er

doch für nichts gilt im Vergleich mit diesen dunkeln zusammenhanglosen

Lehren von Jesu kostbarem Blut? Er wußte auch, daß die Mutter diese

Sprache aus Gesprächen mit Ammen, Nähmädchen, alten Frauen nahm, die

zu den Herrnhutern gingen. Sonderbar, daß diese gerade die höchste

Weisheit gepachtet haben sollten, von der weder der Geistliche in der

Kirche noch der Lehrer in der Schule eine Ahnung hatte. Er fand, diese

Demütigen waren geistig recht hochmütig; und der Weg zur Weisheit durch

Jesus war ihm ein erfundener Richtweg.

Dazu kam, daß zu seinen Schulkameraden jetzt Grafen und Barone

gehörten; und wenn man Namen auf -helm und -schwert in seinen

Geschichten aus der Schule hörte, warnte man ihn vor Hochmut. War

er hochmütig? Wahrscheinlich! In der Schule suchte er niemals die

Vornehmen auf. Er sah sie lieber als die Bürgerlichen: sie sprachen

seinen Schönheitssinn an durch ihre guten Kleider, feinen Gesichter,

leuchtenden Brillantnadeln. Er fühlte, daß sie eine andere Rasse waren,

eine Stellung besaßen, die er nie erreichen konnte; nach der er nicht

einmal strebte, denn er wagte nicht, vom Leben etwas zu verlangen. Als

aber eines Tages ein Baron ihn um Hilfe bei einer Aufgabe bat, fühlte

er sich mindestens ebenso gut wie dieser, ja in einem Falle über ihm.

Damit hatte er entdeckt, daß es etwas gab, was ihn den Höchsten der

Gesellschaft ebenbürtig machen konnte: Kenntnisse! Die konnte er sich

verschaffen!

An dieser Lehranstalt herrschte gerade infolge ihres liberalen Geistes

eine Demokratie, die er nicht in Klara gefunden hatte: Grafen und

Barone, die meist faul waren, hatten kein Vorrecht vor den andern. Der

Direktor, selbst ein Bauernjunge aus Småland, hatte nicht die geringste

Ehrfurcht vor hoher Geburt; ebensowenig wie er ein Vorurteil gegen

die Adeligen hegte, die er keineswegs ducken wollte. Er duzte alle,

Kleine wie Große; war gegen alle gleich vertraulich, studierte jeden

einzelnen, rief ihn beim Vornamen, hatte ein Herz für die Jugend.

Durch den täglichen Verkehr zwischen bürgerlichen und adeligen Kindern

wurde der Respekt aufgehoben. Kriecher gab es nur in den höhern Klassen

des eigentlichen Gymnasiums. Da kamen einige junge Edelleute mit

Reitgerte und Sporen in die Klasse, während ein Gardist unten das Pferd

hielt. Diese Jünglinge wurden von den Klugen aufgesucht, die schon

einen Einblick in die Kunst des Lebens getan hatten. Weiter als bis zum

Café oder einem Besuch in der Wohnung reichte dieser Weg jedoch nicht.

Im Herbst kehrten einige der vornehmen Jünglinge von sommerlichen

Ausfahrten zurück, die sie als außerordentliche Seekadetten unternommen

hatten. Sie kamen dann in Uniform und mit Seitengewehr in die

Klasse. Sie wurden viel bewundert, von manchem beneidet, aber Johans

Sklavenblut war niemals vermessen in dieser Beziehung: er erkannte

das Vorrecht an, träumte sich nie auf diese Höhe hinauf; hatte ein

Gefühl, dort würde er noch gedemütigter sein als hier; darum wollte er

nicht dorthin. Aber auf eine Höhe mit ihnen kommen durch Verdienste,

Arbeit, davon träumte er kühn. Als im Frühling die Abiturienten in die

Klasse kamen, um sich von ihren Lehrern zu verabschieden, da sah er

ihre weißen Mützen, ihre freie Art, ihre frischen Gesichter; da sehnte

er sich in ihre Lage, denn er merkte auch, wie die Seekadetten mit

Bewunderung nach der weißen Mütze guckten.

* * * * *

In der Familie war ein gewisser Wohlstand eingetreten. Man war wieder

nach der Nordzollstraße gezogen. Dort war es angenehmer als am

Sabbatsberg, und die Knaben des Hauswirtes waren Schulkameraden. Den

Garten aber pachtete der Vater nicht mehr, und Johan beschäftigte sich

auch meistens mit den Schulbüchern. Er führte jetzt das Leben eines

wohlhabenden Jünglings. Im Hause herrschte Heiterkeit; erwachsene

Kusinen und die vielen Buchhalter des Kontors besuchten es Sonntags;

und Johan nahm trotz seinen jungen Jahren an ihrem Verkehr teil.

Er legte jetzt Wert auf seinen Anzug, und als vielversprechender

Gymnasiast genoß er ein höheres Ansehen, als seine Jahre bedingten.

Er ging im Garten spazieren, und weder Beerenbüsche noch Apfelbäume

führten ihn jetzt noch in Versuchung.

Dann und wann kamen Briefe von dem Bruder in Paris. Die wurden laut

und mit großer Andacht vorgelesen. Das war ein Trumpf der Familie. Zu

Weihnachten kam das Bild des Bruders in französischer Schuluniform.

Das war Trumpfas. Johan hatte jetzt einen Bruder, der Uniform trug

und Französisch sprach. Er zeigte das Bild in der Schule, und sein

gesellschaftliches Ansehen hob sich. Die Seekadetten grinsten

allerdings und sagten, es sei keine richtige Uniform, denn sie habe

kein Seitengewehr. Aber sie hatte Käppi und blanke Knöpfe und etwas

Gold am Kragen.

Zu Hause wurden Stereoskopbilder von Paris gezeigt, und man lebte nur

noch in Paris. Die Tuilerien und der Triumphbogen waren bekannt wie das

Stockholmer Schloß und Gustav Adolfs Denkmal. Es hatte den Anschein,

als sei die Redensart, der Vater lebe in seinen Kindern, wirklich

begründet.

Das Leben lag jetzt hell vor dem Jüngling. Der Druck hatte

nachgelassen, er atmete leichter; wäre wahrscheinlich einen ebenen

geraden Weg durchs Leben gegangen, wenn die Umstände es nicht gefügt

hätten, daß der Wind ihm verkehrt ins Segel kam.

Die Mutter war längst schwächlich gewesen nach ihren zwölf

Wochenbetten. Jetzt mußte sie sich niederlegen und stand nur dann

und wann auf. Ihre Laune wurde heftiger und rote Flammen erschienen

auf ihren Wangen, wenn man ihr widersprach. Letzte Weihnacht war sie

mit ihrem Bruder in einen heftigen Zwist über pietistische Prediger

geraten. Der Bruder hatte am Weihnachtstisch behauptet, „Fredmans

Episteln‟ von Bellman seien tiefsinnig und ständen an Gedankenreichtum

hoch über den Predigten der pietistischen Prediger. Da fing die Mutter

Feuer und bekam einen hysterischen Anfall. Das war nur ein Symptom.

Sie begann, solange sie noch auf war, die Wäsche und Kleider der Kinder

in Ordnung zu bringen und Schubladen aufzuräumen. Sie sprach oft mit

Johan über Religion und andere hohe Fragen. Eines Tages zeigte sie ihm

einige goldene Ringe.

-- Die sollt ihr haben, wenn Mama stirbt, sagte sie.

-- Welcher gehört mir? fragte Johan, ohne sich um den Gedanken an den

Tod zu kümmern. Sie zeigte einen geflochtenen Mädchenring mit einem

Herzen. Der machte einen starken Eindruck auf den Knaben, da er niemals

etwas aus Gold besessen hatte; oft dachte er an den Ring.

Ein Fräulein kam für die Kinder ins Haus. Sie war jung, sah gut aus,

sprach wenig. Zuweilen lächelte sie kritisch. Sie war vorher bei

einem Grafen in Stellung gewesen und glaubte wahrscheinlich in ein

etwas einfaches Haus gekommen zu sein. Sie sollte Kinder und Mägde

überwachen, verkehrte aber mit den letzten beinahe vertraulich.

Es waren jetzt drei Mägde im Haus, dazu das Fräulein, ein Knecht, ein

Bauernmädchen. Die Mägde hatten ihre Bräutigame und lebten ein lustiges

Leben in der großen Küche, die mit ihrem Kupfer und Zinn stattlich

aussah. Da wurde gegessen und getrunken und die Knaben wurden auch

eingeladen. Sie wurden Herren von den Bräutigamen genannt, und man

trank auf ihr Wohl. Der Hausknecht jedoch war nie dabei; er fand es

„säuisch‟, so zu leben, während die Frau krank war.

Das Haus kam herunter. Der Vater hatte schlimme Sträuße mit den

Dienstboten zu bestehen, seit sich die Mutter zu Bett gelegt hatte.

Aber die Mutter blieb die Freundin der Mägde bis in den Tod. Sie gab

ihnen aus Instinkt recht. Und die Mägde mißbrauchten die Parteilichkeit

der Mutter.

Es war streng verboten, die Kranke aufzuregen, aber die Dienstboten

intrigierten gegen einander und sicherlich gegen den Hausherrn auch.

Eines Tages hatte Johan in einem silbernen Löffel Blei geschmolzen. Die

Köchin petzte es der Mutter. Die wurde heftig und sagte es dem Vater.

Den aber reizte nur die Anzeige. Er ging zu Johan und sagte freundlich,

als müsse er sich beklagen:

-- Du mußt Blei nicht in silbernen Löffeln schmelzen. Auf den Löffel

kommt es mir nicht so sehr an; der kann wieder gemacht werden; aber

die verdammte Friederike hat Mama Kummer bereitet. Zeig es den Mägden

nicht, wenn du was Dummes anstellst; sag es mir, dann werden wir es

wieder in Ordnung bringen!

Zum ersten Male waren sie Freunde, Vater und er; jetzt liebte er den

Vater, da er zu ihm hinabstieg.

* * * * *

Eines Nachts wird er von der Stimme des Vaters aus dem Schlaf geweckt.

Er fährt auf. Es ist dunkel im Zimmer. In der Dunkelheit hört er die

Stimme des Vaters, die tief und zitternd sagt:

-- Ihr Knaben, kommt an Mutters Totenbett!

Wie ein Blitzschlag traf es ihn. Er fror so, daß die Glieder gegen

einander schlugen, während er die Kleider anzog; die Kopfhaut war zu

Eis geworden; die Augen standen weit offen und strömten so von Tränen,

daß die Lichtflamme wie eine rote Blatter erschien.

Dann standen sie am Krankenbett. Sie weinten eine Stunde, weinten zwei,

drei. Die Nacht kroch weiter. Die Mutter war bewußtlos und erkannte

niemanden. Der Todeskampf hatte mit Röcheln und Notschreien begonnen.

Die jüngsten Kinder wurden nicht geweckt.

Johan saß da und dachte über alles Böse nach, was er getan hatte.

Nicht eine Gegenrechnung gegen die Ungerechtigkeiten kam vor. Nach

drei Stunden hörten die Tränen auf. Die Gedanken kamen und gingen.

Der Tod war das Ende. Wie sollte es werden, wenn Mama nicht mehr da

war? Öde und leer. Kein Trost, kein Ersatz. Es war nur ein dichtes

Dunkel von Unglück. Er spähte nach einem einzigen Lichtpunkt. Das

Auge fällt auf Mutters Kommode, auf der Linné steht, aus Gips, eine

Blume in der Hand. Da lag der einzige Vorteil, den dieses bodenlose

Unglück ihm brachte: er würde den Ring bekommen. Er sah ihn an seiner

Hand. -- Das ist eine Erinnerung an meine Mutter, könnte er sagen. Er

würde bei dieser Erinnerung weinen, aber er konnte den Gedanken, ein

goldener Ring am Finger sei fein, nicht unterdrücken. -- Pfui! Wer

konnte solch niedrigen Gedanken am Totenbett der Mutter denken? Ein

schlaftrunkenes Hirn, ein verweintes Kind. Nein bewahre, ein Erbe.

War er geiziger als andere? Hatte er Anlage für Geiz? Nein, dann

hätte er nie von der Geschichte gesprochen, denn sie war tief bei ihm

begraben. Aber er erinnerte sich sein ganzes Leben daran; sie tauchte

dann und wann auf, und wenn sie kam, in einer schlaflosen Nacht, in

den beschäftigungslosen Stunden der Müdigkeit, dann fühlte er die Röte

an den Ohren brennen. Dann stellte er Betrachtungen über sich selbst

und sein Betragen an und bestrafte sich als den Niedrigsten von allen

Menschen.

Erst als er älter wurde, eine große Anzahl Menschen und die Mechanik

des Gedankenapparates kennenlernte, kam er auf die Idee, daß das

Gehirn ein sonderbares Ding ist, das seine eignen Wege geht; und daß

sich die Menschen gleichen, auch in dem Doppelleben, das sie führen:

was zu sehen ist und was nicht zu sehen ist; was gesprochen wird und

was still gedacht wird.

Zu diesem Zeitpunkt aber fand er nur, daß er schlecht sei. Und als er

in den Pietismus hineinkam, der vom Kampf gegen böse Gedanken spricht,

sah er ein, daß er recht böse Gedanken hatte. Woher kamen die? Von der

Erbsünde und vom Teufel, antworteten die Pietisten. Das gefiel ihm,

denn er wollte die Verantwortung für einen so häßlichen Gedanken nicht

übernehmen; er konnte aber doch nicht umhin, sich verantwortlich zu

fühlen, denn er kannte noch nicht die Lehre vom Determinismus oder der

Unfreiheit des Willens. Die Verkündiger dieser Lehre hätten gesagt:

ein gesunder Gedanke bei dir, mein Junge, von einem Übel das kleinste

Übel zu suchen; ein Gedanke, den alle Erben, große und kleine, gedacht

haben, und, wohlgemerkt, gedacht haben müssen, nach allen Gesetzen vom

Denken. Die christliche Moral der Selbstverleugnung mit dem Ideal des

Säulenheiligen nennt diese Gedanken böse, die nur der Selbsterhaltung

dienen. Aber das ist ungesund, denn die erste und heiligste Pflicht des

einzelnen ist, sein Selbst zu schützen, soweit es möglich ist, ohne

andern zu schaden.

Aber seine ganze Erziehung war ja nach damaliger niedriger Vorstellung

in der bestimmten Rücksicht auf Himmel und Hölle eingerichtet. Die

einen Handlungen galten für böse, die andern für gut. Die ersten

sollten bestraft, die letzten belohnt werden. So galt es für eine

Tugend, die Mutter tief zu betrauern, ganz abgesehen davon, wie sich

diese Mutter gegen ihr Kind betragen hatte. Die Dauerhaftigkeit der

Gefühle war eine Tugend; wessen Gefühle nicht so beschaffen waren, galt

nicht für tugendhaft. Die Unglücklichen, die diesen Mangel bei sich

merkten, wollten sich umschalten, sich besser machen. Daraus folgte

Heuchelei, Falschheit gegen sich selbst. Jetzt ist man soweit gekommen,

in der Empfindsamkeit eine Schwäche zu entdecken, die in älteren

Stadien zum Laster gestempelt wäre.

Die französische Sprache behält noch dasselbe Wort „vice‟ für Gebrechen

und Laster bei. Überfluß an Gefühl und Phantasie, der die Wahrheit

verbirgt, soll jetzt den niedrigen Stufen der Entwicklung angehören:

des Wilden, des Kindes, des Weibes; wird jetzt brachgelegt wie ein

durch Überkultur ausgesogener Boden. Die Epoche des reinen Denkens

steht jetzt[2] vor der Tür.

Der Jüngling war ein Quadro aus Romantik, Pietismus, Realismus,

Naturalismus. Darum wurde er auch nur Flickwerk.

Johan dachte gewiß nicht nur an den armen Schmuck; das Ganze war die

Zerstreuung eines Augenblicks, zwei Minuten einer monatelangen Trauer.

Als es schließlich still im Zimmer wurde und Vater sagte: Mama ist tot,

da war er trostlos. Er schrie wie ein Ertrinkender.

Wie kann der Tod die, welche an ein Wiedersehen glauben, in solch

furchtbare Verzweiflung bringen? Es muß doch in diesen Augenblicken

schlecht bestellt sein um den Glauben, wenn sich vor unsern Augen die

Vernichtung der Persönlichkeit mit unerbittlicher Konsequenz vollzieht.

Der Vater, der sonst die äußere Gefühllosigkeit des Isländers hatte,

war jetzt weich geworden. Er nahm die beiden Söhne bei der Hand und

sagte:

-- Gott hat uns heimgesucht. Jetzt müssen wir wie Freunde

zusammenhalten. Die Menschen glauben, sich selbst genug zu sein; dann

kommt der Schlag, und man sieht, wie alle einander nötig haben. Laßt

uns aufrichtig gegen einander sein und nachsichtig.

Im Nu nahm die Trauer des Knaben ab. Er hatte einen Freund bekommen,

und zwar einen mächtigen, klugen, männlichen Freund, den er bewunderte.

Die Fenster wurden jetzt mit weißen Laken verhängt.

-- Du brauchst nicht in die Schule zu gehen, wenn du nicht willst,

sagte der Vater.

Wenn du nicht willst! Sein Wille wurde also anerkannt.

Dann kamen Tanten, Verwandte, Kusinen, Ammen, alte Dienstboten: alle

segneten die Tote. Alle halfen beim Nähen der Trauerkleider: drei

kleine Kinder waren da und drei große. Da saßen junge Mädchen und

nähten in dem halben Licht, das durch die weißen Laken fiel; und

sie sprachen halblaut. Das war mystisch, und die Trauer erhielt ein

ganzes Gefolge von ungewöhnlichen Wahrnehmungen. Noch nie hatte der

Knabe soviel Teilnahme gefunden, noch nie hatte er soviel warme Hände

gefühlt, soviel freundliche Worte gehört.

Am Sonntag las der Vater eine Predigt von Wallin über den Text: Unsere

Freundin ist nicht tot, sie schläft nur. Mit welchem unerhörten

Vertrauen faßte er diese Worte buchstäblich auf! Wie wußte er die

Wunden aufzureißen und sie zugleich zu heilen! Sie ist nicht tot, sie

schläft nur, wiederholte er froh. Die Mutter schlief drinnen in dem

kalten Salon, und wohl niemand erwartete, daß sie erwachen werde.

Das Begräbnis stand bevor. Der Grabplatz war gekauft. Die Schwägerin

nähte mit. Sie nähte und nähte, die alte Mutter von sieben mittellosen

Kindern, die einst reiche Bürgerfrau, nähte für die Kinder dieser

Ehe, die der Bruder verdammt hatte. Sie steht auf und bittet, mit dem

Schwager sprechen zu dürfen. Sie flüstert mit ihm in einer Ecke des

Saals. Die beiden Alten fallen sich in die Arme und weinen.

Der Vater teilt mit, daß die Mutter auf Oheims Grabstätte begraben

werden soll. Oheims Grabstätte war ein sehr bewundertes Denkmal auf dem

Neuen Kirchhof, das aus einer eisernen Säule mit einer Urne bestand.

Die Kinder begriffen, daß der Mutter eine Ehre widerfahren sei; aber

sie verstanden nicht, daß ein Brüderhaß damit erloschen war; daß

man einem guten und pflichtgetreuen Weibe, das man geringgeschätzt,

weil es Mutter wurde, ehe es den Titel Frau bekam, ihren guten Ruf

zurückgegeben hatte.

Das Haus strahlte jetzt von Versöhnung und Friede. Man überbot sich

gegenseitig in Freundlichkeiten. Man suchte des andern Blicke, vermied

störende Beschäftigungen, las Wünsche in den Augen.

Dann kam der Begräbnistag. Als der Sarg zugeschraubt und durch den Saal

getragen wurde, der von schwarzgekleideten Menschen erfüllt war, bekam

eine kleine Schwester einen Anfall. Sie schrie und warf sich Johan an

die Brust. Er nahm sie in seine Arme und drückte sie an sich, als sei

er ihre Mutter und wolle sie schützen. Und als er fühlte, wie sich der

kleine zitternde Körper an seinem festklammerte, empfand er eine Kraft,

die er lange vermißt hatte. Obwohl selbst trostlos, konnte er Trost

geben; als er sie beruhigte, wurde er selbst ruhig.

Es war übrigens der schwarze Sarg und die vielen Menschen, die sie

erschreckt hatten; denn die Kleinen vermißten die Mutter kaum, weinten

nicht nach ihr und hatten sie in kurzer Zeit vergessen. Das mütterliche

Band ist nicht so leicht geknüpft; das geschieht nur durch eine lange

persönliche Bekanntschaft. Johans wirkliches Vermissen dauerte kaum ein

Vierteljahr. Er trauerte lange, aber das war mehr ein Bedürfnis, in der

Stimmung weiterzuleben, die ein Ausdruck für seine natürliche Schwermut

war: die hatte jetzt in der Trauer um die Mutter eine geeignete Form

gefunden.

* * * * *

Auf den Todesfall folgte ein langer Sommer in Muße und Freiheit. Johan

verfügte zusammen mit dem ältesten Bruder, der nicht vor sieben aus

seinem Geschäft kam, über zwei Zimmer eine Treppe hoch. Der Vater war

den ganzen Tag abwesend, und wenn sie sich trafen, schwiegen sie. Die

Feindschaft war abgelegt, aber Freundschaft war unmöglich. Der Jüngling

war jetzt sein eigener Herr; kam und ging, schaltete und waltete. Das

Hausfräulein wich ihm aus, und sie gerieten niemals in Konflikt. Den

Verkehr mit Kameraden ließ er, schloß sich auf seinen Zimmern ein,

rauchte Tabak, studierte und grübelte.

Der Sohn einer Magd · 第 6 / 29 段