Immer hatte er gehört, Kenntnisse seien das Höchste; das sei ein

Kapital, das nie verloren gehen könne; damit könne man sich immer

wieder hinaufhelfen, wie tief man auch gesellschaftlich sinkt. Alles

kennen lernen, alles wissen, war bei ihm eine Manie geworden. So hatte

er die Zeichnungen des ältesten Bruders gesehen und sie rühmen hören.

In der Schule hatte er nur geometrische Figuren gezeichnet. Er wollte

also zeichnen. Während der Weihnachtsferien kopierte er in einem Zuge

und mit einer Art Raserei alle Zeichnungen des Bruders. Die letzte der

Sammlung war ein Pferd. Als er fertig war und gesehen hatte, daß es

keine Kunst war, hörte er auf zu zeichnen.

Alle Kinder spielten ein Instrument, nur Johan nicht. Johan hörte

so oft Tonleiter und Übungen auf Klavier, Geige und Cello, daß

er's nicht mehr aushalten konnte: die Musik wurde ihm, was die

Kirchenglocken gewesen. Er wollte spielen können, aber er wollte

nicht die Tonleiter durchmachen. Er nahm insgeheim Noten und spielte

sofort die Stücke. Es war schlecht, aber er hatte ein Vergnügen daran.

Um sich zu entschädigen, unterrichtete er sich bei allem, was die

Geschwister spielten, über Komponist und Werk, um ihnen in Kenntnis

der Musikliteratur überlegen zu sein. Einmal wurde ein Notenschreiber

gesucht, um die „Zauberflöte‟ für ein Geigenquartett zu kopieren. Johan

erbot sich dazu.

-- Kannst du Noten schreiben? wurde er gefragt.

-- Ich will's versuchen, sagte er.

Er übte sich einige Tage und dann schrieb er alle vier Stimmen aus. Es

war eine lange und langweilige Arbeit; er wäre beinahe müde geworden,

aber er kriegte sie schließlich fertig. Hier und dort war es wohl etwas

nachlässig, aber es konnte benutzt werden.

Er hatte keine Ruhe, bis er alle Pflanzen der Stockholmer Flora

kennengelernt hatte. Als er sie kannte, ließ er den Stoff fallen. Eine

botanische Exkursion machte ihm kein Vergnügen mehr; Wanderungen in

der Natur boten ihm nichts Neues; er konnte keine unbekannte Pflanze

mehr finden. Die wenigen Mineralien kannte er. Die Insekten besaß er in

seiner Sammlung. Die Vögel kannte er an ihren Stimmen, ihren Federn,

sogar an ihren Eiern.

All das waren nur äußere Erscheinungen; Namen von Dingen, die bald ihr

Interesse für ihn verloren. Er wollte das Innere sehen. Man pflegte

ihn Zerstörungsgeist zu schelten, denn er nahm alles auseinander, erst

Spielsachen, dann alles, was ihm in die Hände kam. Zufällig geriet er

in eine Vorlesung der Akademie der Wissenschaften und sah chemischen

und physikalischen Experimenten zu. Die ungewöhnlichen Geräte fesselten

ihn. Der Professor war ein Zauberer, aber einer, der erzählte, wie

das Wunder zugeht. Das war ihm neu, und er wollte in das Verborgene

eindringen.

Er sprach dem Vater von seiner neuen Neigung. Der hatte sich in

jungen Jahren mit Galvanoplastik beschäftigt und gab ihm jetzt Bücher

aus seinem Bücherschrank: Focks Physik, Girardins Chemie, Figuiers

Entdeckungen und Erfindungen, Nyblaeus' Chemische Technologie. Auf

dem Boden befand sich außerdem eine galvanische Batterie mit sechs

Elementen des alten Daniellschen Kupfer- und Zinksystems. Die bekam

er schon als Zwölfjähriger in die Hände und hantierte so viel mit

Schwefelsäure, daß er Handtücher, Servietten, Kleider verdarb. Nachdem

er alle Gegenstände, die er geeignet fand, galvanisiert hatte, ließ er

diese Beschäftigung liegen.

Jetzt im Sommer in der Einsamkeit warf er sich mit Ungestüm auf die

Chemie. Aber er wollte nicht die Experimente machen, die im Lehrbuch

standen: er wollte Entdeckungen machen! Alle Mittel fehlten ihm: Geld,

Apparate; aber das hinderte ihn nicht. Seine Natur war nun derart und

wurde es noch mehr nach dem Tode der Mutter, als er sein eigener Herr

geworden, daß sich sein Wille durchsetzen mußte, trotz allem und allem.

Spielte er Schach, plante er einen Anfall auf den König des Gegners;

ging rücksichtslos darauflos, ohne auf seine Verteidigung zu achten;

überrumpelte zuweilen den Gegner durch seine Rücksichtslosigkeit,

verlor aber oft die Partie.

-- Hätte ich noch einen Zug gehabt, wärest du matt gewesen, sagte er.

-- Ja, aber diesen Zug hast du nicht mehr, darum bist +du+ matt.

Wollte er an eine Schublade und der Schlüssel war nicht zur Hand, nahm

er die Feuergabel und brach das Schloß so auf, daß Schrauben und Schloß

losgerissen wurden.

-- Warum hast du das Schloß entzweigemacht? fragte man.

-- Weil ich an die Schublade wollte!

Es war jedoch eine gewisse Beharrlichkeit in diesem Draufgängertum;

aber nur solange die Raserei dauerte.

Er wollte sich eine Elektrisiermaschine machen. Oben auf dem Boden

fand er einen Spinnrocken. Von dem brach er fort, was er nicht

gebrauchen konnte, um nun das Rad durch eine runde Glasscheibe zu

ersetzen. Er verfiel auf ein Innenfenster. Mit einem Quarzsplitter

schnitt er die Scheibe aus. Nun sollte sie aber rund werden und ein

Loch in der Mitte erhalten. Mit einem Schlüsselbart brach er Splitter

nach Splitter ab, oft nicht größer als ein Sandkorn. Das nahm mehrere

Tage in Anspruch. Rund wurde nun die Scheibe. Aber wie sollte er ein

Loch hinein bekommen? Ein Loch in eine Glasscheibe. Er machte sich

einen Drillbohrer. Für den Bügel brach er einen Regenschirm entzwei,

um ein Fischbein zu bekommen, und nahm eine Geigensaite zum Strang.

Dann ritzte er die Scheibe mit Quarz, befeuchtete sie mit Terpentin

und drillte. Er merkte aber keinen Erfolg. Als er dem Ziel so nahe

war, verlor er Geduld und Besinnung. Er wollte das Loch durch eine

Sprengkohle erzwingen. Die Scheibe zersprang.

Da warf er sich auf sein Bett, machtlos, müde, hoffnungslos. In den

Verdruß mischte sich auch das Gefühl der Armut. Hätte er nur Geld!

Er ging oft an das Schaufenster von Spolander auf der Westlichen

Langgasse, um sich die chemischen Apparate anzusehen. Er hätte gern

gewußt, was sie kosteten, wagte aber nicht hineinzugehen und zu fragen.

Was hätte das für einen Zweck gehabt? Er hätte ja doch kein Geld vom

Vater erhalten.

Nachdem er sich von seinem Mißgeschick erholt hatte, wollte er machen,

was noch niemand gemacht hat und niemand machen kann: ein Perpetuum

mobile. Der Vater hatte erzählt, längst sei ein großer Preis auf

die Erfindung des Unmöglichen ausgesetzt. Das war etwas, das ihn

lockte. Er stellte einen Wasserfall, der eine Pumpe zog, mit einem

Heronsbrunnen zusammen. Der Fall sollte die Pumpe in Gang setzen, die

Pumpe sollte wieder das Wasser hochziehen, und der Heronsbrunnen dabei

helfen. Er mußte auf den Boden gehen und eine Razzia abhalten. Nachdem

er alle möglichen Dinge zerbrochen hatte, um Material zu sammeln,

begann die Arbeit. Ein Kaffeekocher mußte eine Röhre hergeben, eine

Sodawassermaschine gab das Sammelbecken, die Kommode gab Beschlag, der

Sekretär Holz, ein Vogelbauer lieferte Eisendraht, eine Ampel wurde ein

Becken und so weiter.

Der Tag war gekommen, als die Probe gemacht werden sollte. Da kommt

das Hausfräulein und fragt, ob er mit den Geschwistern nach Mamas Grab

gehen will. -- Nein, er habe nicht Zeit. -- Ob nun das böse Gewissen

ihn bei der Arbeit störte oder ob er nervös war, genug: der Versuch

mißlang. Da nahm er, ohne den Fehler gutmachen zu wollen, den ganzen

seltsamen Apparat und zerschlug ihn an den Steinen des Kachelofens. Da

lag das Werk, das so vielen nützlichen Dingen den Garaus gemacht hatte.

Später entdeckte man, wie er auf dem Boden gehaust hatte. Er bekam

Schelte, machte sich aber nichts daraus.

Um sich für den Hohn, den er sich durch seine mißlungenen Versuche

im Hause zugezogen hatte, zu entschädigen, machte er einige

Knallgasexplosionen und fertigte eine Leidener Flasche an. Einer toten

schwarzen Katze, die er auf dem Hügel der Sternwarte gefunden, zog er

das Fell ab und trug es in seinem Taschentuch nach Hause.

Eines Nachts, als der älteste Bruder und er von einem Konzert nach

Hause kamen, waren keine Streichhölzer zu finden, und sie wollten das

Haus nicht wecken. Johan suchte Schwefelsäure und Zink hervor, stellte

beim Schein der Gaslaterne Wasserstoffgas her, schlug Feuer mit dem

Elektrophor und steckte die Lampe an. Damit war sein Ruf als „Chemiker‟

gemacht.

Er stellte auch Jönköpinger Streichhölzer nach dem Rezept der

Technologie her. Deshalb war er sehr erstaunt, daß die Jönköpinger

Streichhölzer später ein Patent erhielten; übrigens waren die bereits

im Handel gewesen als Björneborger Wachsstreichhölzer.

Dann ließ er die Chemie wieder für einige Zeit liegen.

Vaters Bücherschrank enthielt eine kleine Sammlung, die jetzt zu

Johans Verfügung stand. Da waren, außer den oben erwähnten chemischen

und physikalischen Arbeiten: Gartenbücher, eine illustrierte

Naturgeschichte, Meyers Universum, Handbuch für Mütter nebst

Entbindungskunst, eine deutsche Anatomie mit Figuren, eine deutsche

Geschichte Napoleons mit Stahlstichen, Wallins, Franzéns und Tegnérs

Gedichte, Wallins Predigten, Blumauers Aeneis, Don Quichotte, Frau

Carléns und Fredrika Bremers Romane, Deutsche Klassiker...

Außer den Indianerbüchern und Tausendundeiner Nacht hatte Johan noch

keine Dichtungen gelesen. Er hatte in Romane hineingeblickt, sie

aber langweilig gefunden, besonders weil sie keine Illustrationen

hatten. Als jetzt aber die Chemie und alle andern Wirklichkeiten der

Natur durchforscht waren, stattete er eines Tages dem Bücherschrank

einen Besuch ab. Er blickte in die Gedichte hinein. Da fühlte er

sich in der Luft schweben und wußte nicht, wo er zu Hause war. Er

verstand sie nicht. Dann bekam er Fredrika Bremers „Schilderungen

aus dem Alltagsleben‟ in die Hand. Daraus schlug ihm Familienklatsch

und Tantenmoral entgegen, und er stellte sie zurück. Dann las er den

„Jungfrauenturm‟. Das waren Erzählungen und Abenteuer. Die unglückliche

Liebe rührte ihn. Aber wichtiger als alles war, daß er sich unter

diesen erwachsenen Menschen erwachsen fühlte. Er verstand, was sie

sprachen; er merkte, daß er kein Kind mehr war. Diese Erwachsenen waren

ja seinesgleichen. Er war unglücklich verliebt gewesen, hatte gelitten,

gekämpft, war aber im Gefängnis der Kindheit zurückgehalten worden.

Und jetzt kam es ihm ganz zum Bewußtsein, daß seine Seele im Gefängnis

lag. Sie war längst flügge gewesen, aber man hatte ihre Schwingen

beschnitten und sie ins Bauer gesetzt.

Er suchte den Vater auf, um mit ihm zu sprechen wie mit einem

Gleichaltrigen, aber der Vater verschloß sich und brütete auf seiner

Trauer.

* * * * *

Im Herbst wurde Johan von neuem zurückgesetzt und aufgehalten. Er

war reif für das eigentliche Gymnasium, wurde aber in der Schule

zurückgehalten, weil er zu jung sei und reifen solle. Er raste.

Zum zweiten Male riß man ihn am Rock zurück, als er laufen wollte.

Er fühlte sich wie ein Omnibuspferd, das unaufhörlich anzieht und

unaufhörlich zurückgehalten wird.

Das riß sein Nervenleben entzwei, erschlaffte seine Willenskraft, legte

den Grund zu seiner künftigen Mutlosigkeit. Er wagte nie etwas recht

lebhaft zu wünschen, denn er hatte oft gesehen, wie seine Wünsche

vereitelt wurden. Er wollte sich der Arbeit hingeben, aber Arbeit half

ja nicht: er war zu jung. Nein, die Schule war zu lang! Die zeigte

das Ziel in der Ferne, setzte aber dem Läufer Schlagbäume. Er hatte

ausgerechnet, daß er mit fünfzehn Jahren Student werden könne. Er wurde

es erst mit achtzehn. Und in den letzten Jahren, als er den Ausgang

aus dem Gefängnis so nahe sah, wurde ihm noch ein weiteres Strafjahr

auferlegt, da die höchste Klasse zweijährig gemacht wurde.

Kindheit und Jugend waren für ihn recht qualvoll; er war des ganzen

Lebens müde und suchte jetzt den Trost im Himmel.

6.

+Die Schule des Kreuzes.+

Die Trauer hat die glückliche Eigenschaft, sich selbst aufzuzehren. Sie

stirbt Hungers. Da sie im wesentlichen ein Abbruch von Gewohnheiten

ist, kann sie durch neue ersetzt werden. Da sie ein leerer Raum ist,

wird der bald wieder gefüllt wie durch einen wirklichen horror vacui.

Eine zwanzigjährige Ehe war aufgelöst. Ein Kamerad im Kampfe gegen die

Widrigkeiten des Lebens war gefallen; eine Gattin, an deren Seite ein

Mann gelebt hatte, war dahingegangen und ließ einen Cölibatär zurück.

Die Leiterin des Hauses hatte ihren Posten aufgegeben: alles geriet

in Unordnung. Die kleinen schwarz gekleideten Kinder, die überall, in

den Zimmern, im Garten, dunkle Flecken bildeten, hielten die Trauer

am Leben. Der Vater glaubte, sie seien verlassen und schutzlos. Er

kam von seiner Arbeit oft schon nachmittags heim und saß dann allein

in der Lindenlaube an der Straße. Er hatte die älteste Tochter, die

sieben Jahre alt war, auf dem Schoß, und die andern spielten zu seinen

Füßen. Oft sah Johan den grauhaarigen Mann mit den hübschen traurigen

Zügen dort in dem grünen Halblicht der Laube sitzen. Er konnte ihn

nicht trösten und er suchte ihn nicht mehr auf. Er sah, daß der Vater

weich sein konnte, was er nicht geglaubt hatte; sah, wie er die Tochter

anstarrte, als suche er in den unbestimmten Gesichtslinien des Kindes

die Züge der Toten. Dieses Bild sah er oft von seinem Fenster aus,

zwischen den Stämmen der Bäume, in der langen Perspektive der Allee.

Es machte ihn warm und erschütterte ihn; ihm wurde bange um den Vater,

weil dieser nicht mehr derselbe war wie früher.

Sechs Monate waren vergangen, als der Vater eines Herbstabends mit

einem fremden Herrn nach Hause kam. Es war ein alter Mann, der

außerordentlich gemütlich aussah. Er scherzte gutmütig, war freundlich

und artig gegen Kinder und Dienstboten; er hatte eine unwiderstehliche

Art, die Menschen zum Lächeln zu bringen. Er wurde Rendant genannt,

war ein Jugendfreund von Johans Vater; man hatte entdeckt, daß er im

Hause nebenan wohnte. Die Alten sprachen von den Erinnerungen an ihre

Kindheit. Da war ein Vorrat, der den leeren Raum füllen konnte. Zum

ersten Male erweichten sich die erstarrten Züge des Vaters, wenn er von

dem geistreichen und lustigen Mann zum Lächeln verlockt wurde. In einer

Woche lachte er, und mit ihm die ganze Familie, wie nur die lachen

können, die lange geweint haben. Der Rendant war ein Spaßmacher ersten

Ranges; dazu spielte er Geige, Gitarre und sang Bellman. Neue Luft kam

ins Haus, neue Anschauungen in die Menschen, die Trugbilder der Trauer

verdunsteten. Der Rendant hatte auch Trauer gehabt: er hatte seine

Braut verloren und war dann Junggeselle geblieben. Das Leben hatte ihm

nicht gelächelt, aber er hatte die Sache mit dem Leben nie recht ernst

genommen.

Dann kam Gustav heim von Paris; in Uniform, mengte französische Worte

unter schwedische; war eine lebhafte Natur, hatte schnelle Gebärden.

Der Vater empfing ihn mit einem Kuß auf die Stirn, und eine Wolke von

Trauer zog vorbei, denn der Sohn war bei Mutters Tod nicht zu Hause

gewesen. Dann aber wurde es wieder klar, und Leben kam ins Haus. Gustav

trat ins Geschäft ein; jetzt hatte der Alte einen, mit dem er von dem

sprechen konnte, was ihn interessierte.

An einem Abend spät im Herbst nach dem Essen, als der Rendant da war

und alle zusammensaßen, stand der Vater auf und bat ums Wort. -- Meine

Kinder und mein Jugendfreund, begann er. Dann verkündete er seine

Absicht, seinen kleinen Kindern eine neue Mutter zu schenken. Er fügte

hinzu, daß die Zeit der Leidenschaften für ihn vorbei sei, und daß

nur das Interesse für die Kinder ihn zu dem Entschluß bestimmt habe,

Fräulein X. zu seiner Ehefrau zu machen.

Es war das Hausfräulein.

Dies sagte er mit einem überlegenen Tone, als wolle er ausdrücken: das

geht euch eigentlich nichts an; aber ihr müßt es doch erfahren!

Dann wurde das Fräulein gerufen, um die Glückwünsche entgegenzunehmen;

die des Rendanten waren recht warm, aber die der drei Jünglinge sehr

gemischt.

Zwei von ihnen hatten ein nicht ganz reines Gewissen; sie hatten sie

heftig, aber unschuldig angebetet. Der dritte, Johan, hatte in letzter

Zeit mit ihr auf dem Kriegsfuß gestanden. Wer am meisten verlegen war,

ist nicht zu entscheiden.

Eine lange Pause entstand. Die Jünglinge prüften Herz und Niere,

stellten ihr Konto auf, überlegten die Folgen dieses nicht erwarteten

Ereignisses.

Johan muß sich zuerst in die neue Situation gefunden haben, denn er

ging noch am selben Abend in die Kinderstube und trat direkt auf das

Fräulein zu. Ihm wurde schwarz vor den Augen, als er diese kleine Rede

hielt, die er in der Eile nach Art des Vaters zusammengestellt und

auswendig gelernt hatte.

-- Da wir jetzt in ein ganz anderes Verhältnis zu einander kommen

werden, so bitte ich Sie, Fräulein, das Vergangene zu vergessen und uns

Freunde sein zu lassen.

Das war aufrichtig gemeint, klug gehandelt, hatte keinen

Hintergedanken. Es war ein Abschluß der Vergangenheit und ein guter

Wunsch für die Zukunft.

Am nächsten Mittag kam der Vater zu Johan in seine Kammer hinauf und

dankte ihm für sein edles Benehmen gegen das Fräulein. Als Ausdruck

seiner Freude überreichte er ihm ein kleines Geschenk, ein lange

ersehntes sogar: einen chemischen Apparat.

Johan schämte sich, das Geschenk anzunehmen, und fand seine Handlung

nicht edel. Die war eine natürliche Folge, sie war klug. Aber Vater und

Fräulein wollten sie durchaus erhöhen und in ihr eine gute Vorbedeutung

für ihr Liebesglück lesen. Sie mußten natürlich bald ihren Irrtum

einsehen, der dann auf das Schuldkonto des Knaben gesetzt wurde.

Daß sich der Vater der Kinder wegen wieder verheiratete, daran war

nicht zu zweifeln; daß er aber auch das junge Weib liebte, das ist

sicher. Und warum sollte er nicht? Das ging niemanden etwas an. Aber

die Erscheinung ist konstant: sowohl daß sich Witwer bald wieder

verheiraten, wie schwer die Ehe auch gewesen sein mag; wie daß sie eine

Untreue gegen die Verstorbene zu begehen glauben. Sterbende Gatten

pflegen in der letzten Stunde am meisten von dem Gedanken gequält zu

werden, daß der Überlebende sich wieder verheiraten könnte.

Die Brüder nahmen die Sache flott und beugten sich. Sie trieben den

Vaterkultus wie Religion: glauben und nicht zweifeln. Sie hatten nie

daran gedacht, daß die Vaterschaft nur eine zufällige Eigenschaft war,

die jedem zufallen konnte.

Aber Johan zweifelte. Er geriet in endlose Erörterungen mit den Brüdern

und griff den Vater an, weil er sich vor Ausgang des Trauerjahres

verlobt hatte. Er beschwor den Schatten der Mutter, weissagte Unglück

und Verderben, wurde zu Übertreibungen gereizt und ging weiter, als er

wollte.

Das Argument der Brüder war: es geht uns nichts an, was Papa tut!

-- Es ist wahr, daß ihr nicht darüber urteilen dürft; aber angehen tut

es euch sehr.

-- Wortklauber, sagten sie, denn sie wußten nicht, daß die Worte

mehrere Werte haben können.

Eines Abends kurz darauf, als Johan von der Schule nach Hause kam,

sah er, daß das Haus erleuchtet war und hörte Musik und Geplauder. Er

ging auf das Zimmer und setzte sich hin, um zu arbeiten. Da kam das

Hausmädchen: der Vater bitte ihn, hinunter zu kommen; es sei Besuch da.

-- Wer?

-- Die neuen Verwandten.

Er bat, einen schönen Gruß zu bestellen und zu sagen, er habe keine

Zeit.

Dann kam ein Bruder herauf. Der schalt zuerst, bat dann aber. Des Alten

wegen könne er wohl hinunter kommen, nur einen Augenblick, um guten

Tag zu sagen. Er müsse sofort kommen.

-- Ja, ich will's mir überlegen.

Schließlich ging er hinunter; sah den Saal voller Damen und Herren:

drei Tanten, eine neue Großmutter, ein Großvater, ein Oheim. Die Tanten

waren junge Mädchen. Er machte mitten im Zimmer eine Verbeugung, artig

aber steif.

Der Vater war böse, wollte es aber nicht zeigen. Er fragte Johan, ob

er ein Glas Punsch nehmen wolle. Johan nahm es. Darauf fragte der Alte

ironisch, ob er soviel für die Schule zu arbeiten habe. Ja, das habe

er. Dann ging er wieder auf sein Zimmer hinauf.

Dort war es kalt und halbdunkel. Arbeiten konnte er kaum, da er von

unten Musik und Tanz hörte. Die Köchin kam und rief zum Essen. Er wolle

nichts haben. Hungrig und außer sich ging er im Zimmer auf und ab.

Oft wollte er hinuntergehen, wo es warm, hell und fröhlich war; viele

Male hatte er die Türklinke in der Hand; immer aber kehrte er wieder

um. Er war schüchtern. Von Natur furchtsam vor den Menschen, war er

während des Sommers, in dem er mit niemandem gesprochen hatte, noch

wilder geworden. So ging er hungrig zu Bett und hielt sich für den

unglücklichsten Menschen, den es geben konnte.

Am folgenden Tag kam der Vater auf sein Zimmer hinauf. Jetzt sagte er

ihm, er sei falsch gewesen, als er damals das Fräulein um Verzeihung

gebeten.

-- Um Verzeihung? Er hatte ja nichts begangen!

Jetzt aber wolle der Vater ihn beugen, wenn er sich auch noch so hart

mache.

-- Versuch's nur, dachte Johan.

Die Versuche blieben eine Zeit lang aus; aber Johan stählte sich

unterdessen, um ihnen zu begegnen.

* * * * *

Der Bruder saß oben auf der Kammer bei der Lampe und las. Johan fragte:

Was liest du? Der Bruder zeigte den Titel auf dem Umschlag. Da stand in

großen Frakturbuchstaben auf gelbem Umschlag der berüchtigte Titel:

„Eines Jugendfreundes Warnung vor dem gefährlichsten Feinde der Jugend.‟

-- Hast du das gelesen? fragte Gustav.

Johan antwortete ja und zog sich zurück. Als Gustav mit dem Lesen

fertig war, legte er das Buch in seine Schublade und ging hinunter.

Johan öffnete die Schublade und nahm die unheimliche Schrift an sich.

Die Augen liefen über die Seiten, ohne daß sie es wagten, haften zu

bleiben. Die Knie klapperten, das Blut verschwand aus dem Gesicht,

die Pulse froren. -- Er war also mit fünfundzwanzig Jahren zum Tode

oder zum Wahnsinn verurteilt. Sein Rückgrat und sein Gehirn würden

schrumpfen, sein Gesicht einem Totenkopf ähnlich werden, sein Haar

ausfallen, die Hände zittern -- es war entsetzlich. Und das Heilmittel?

Jesus! Aber Jesus konnte den Körper nicht heilen, nur die Seele. Der

Körper war zum Tode verurteilt -- bei fünfundzwanzig Jahren -- blieb

einem nur übrig, die Seele von ewiger Verdammnis zu retten.

Das war Dr. Kapffs berüchtigte Parteischrift, die so viele Jünglinge

ins Irrenhaus gebracht hat, aus dem einzigen Grunde, um die Anzahl der

protestantischen Jesuiten zu vermehren. Eine solche Schrift, so tief

unsittlich, so schädlich, müßte wahrhaftig verfolgt, beschlagnahmt,

verbrannt werden. Oder wenigstens durch aufgeklärte Gegenschriften

unschädlich gemacht werden.

Eine solche gab es wirklich. Sie fiel später in Johans Hände, der dann

alles tat, um sie zu verbreiten, denn sie war so selten. Sie hieß

„Onkel Palles Rat an junge Sünder‟ und sollte von Medizinalrat Wistrand

verfaßt sein. Es war ein herzliches Buch, das die Sache unbefangen

auffaßte; aufmunternd zu den Knaben sprach; besonders betonte, daß

man die Gefahren des Lasters übertrieben habe. Auch gab es praktische

Ratschläge und gesundheitliche Anweisungen.

Aber noch heute (1886) herrscht Kapffs unvernünftige Schrift, und Ärzte

werden von Sündern überlaufen, die mit klopfenden Herzen das Bekenntnis

ablegen. Vor nicht langer Zeit kam ein Student zu einem berühmten

Stockholmer Arzte und gestand mit Tränen in den Augen, er habe sein

Leben vergeudet und warte nur noch auf den Tod.

-- Ach Geschwätz, Herr, antwortet der Arzt. Sehen Sie mich an: niemand

hat die Unart so getrieben wie ich.

Der Sünder sah ihn an und fand vor sich einen fünfundvierzigjährigen

Herkules, der eine starke, ungestörte Intelligenz besaß.

Johan aber bekam ein ganzes Jahr lang kein Wort des Trostes in seiner

schweren Betrübnis zu hören. Er war zum Tode verurteilt; es blieb ihm

nur übrig, ein tugendhaftes Leben in Jesu zu leben, bis der Schlag kam.

Er holte die alten pietistischen Schriften der Mutter hervor und las

über Jesus. Er betete und peinigte sich. Hielt sich allein für einen

Verbrecher, demütigte sich. Als er am nächsten Tage durch die Straßen

ging, trat er vor jedem Menschen vom Trottoir hinunter. Er wollte sein

Selbst töten und in Jesus aufgehen; seine Zeit ausleiden und dann in

seines Herrn Freude eingehen.

Der Sohn einer Magd · 第 7 / 29 段