der Flüssigkeiten in zusammenhängenden Röhren. Beide Flächen streben
danach, in die gleiche Lage zu kommen. Aber Gleichgewicht kann
nur dadurch eintreten, daß die höhere Fläche sinkt; dadurch wird
gleichzeitig die niedrige erhöht. Dahin strebt die Arbeit der modernen
Gesellschaft. Und es kommt dahin! Sicher! Und dann wird es ruhig.
Da er jetzt keine körperliche Arbeit mehr zu Hause tat, wurde sein
Leben ausschließlich ein inneres, unwirkliches Gedankenleben. Er las
zu Hause alles, was er in die Hände bekam. An den freien Nachmittagen
Mittwochs und Sonnabends saß der Elfjährige in Schlafrock und
Rauchmütze, die er vom Vater bekommen, eine lange Pfeife im Munde, die
Finger in die Ohren gebohrt, vertieft in irgendein Buch, am liebsten
ein Indianerbuch. Er hatte bereits fünf verschiedene Robinsonaden
gelesen und sich unglaublich an ihnen ergötzt.
Aber in Campes Bearbeitung hatte er, wie alle Kinder, die Moral
übersprungen. Warum hassen alle Kinder Moralpredigten? Sind sie
unmoralisch von Natur? Ja, antworten die neuen Moralisten, denn sie
sind noch Tiere und erkennen den Gesellschaftsvertrag nicht an. Ja,
aber die Moral tritt bei den Kindern auch nur mit Pflichten und keinen
Rechten auf. Die Moral ist darum ungerecht gegen das Kind, und das Kind
haßt die Ungerechtigkeit.
Neben der Lektüre hatte er ein Herbarium angelegt, eine
Insektensammlung, eine Mineralsammlung; auch las er die Flora von
Liljeblad, die er in Vaters Bücherschrank gefunden hatte. Dieses Buch
liebte er mehr als die Schulbotanik; darin standen eine Menge kleiner
Dinge über den Nutzen der Pflanzen, während das andere Buch nur von
Staubfäden und Stempeln sprach.
Wenn die Brüder ihn mit Absicht in seiner Lektüre störten, konnte
er auffahren und sie mit Schlägen bedrohen. Dann sagte man, er sei
überstudiert.
Die Verbindung mit den Wirklichkeiten des Lebens löste er auf; lebte
ein Scheinleben in fremden Ländern, in seinen Gedanken; war unzufrieden
mit dem grauen einförmigen täglichen Dasein; mit seiner Umgebung, die
ihm immer fremder wurde. Aber der Vater wollte nicht, daß er sich in
seinen Phantasien verlor, deshalb gab er ihm kleine Aufträge, ließ ihn
Zeitungen holen, schickte ihn zur Post. Johan hielt das für Eingriffe
in seine persönlichen Rechte und tat es immer mit Mißvergnügen.
Es wird jetzt soviel über die Wahrheit und über „die Wahrheit sagen‟
gesprochen, als wäre das eine schwere Sache, die Lob verdiene. Wenn
man vom Lob absieht, so ist es nicht ganz ohne, daß es schwierig ist,
zu erfahren, wie sich etwas in Wirklichkeit verhält; denn das bedeutet
ja die Wahrheit. Ein Mensch ist nicht immer der, für den sein Ruf ihn
ausgibt; ja, eine ganze öffentliche Meinung kann falsch sein; hinter
jedem Gedanken lauert eine Leidenschaft, jedes Urteil ist von einer
Neigung gefärbt. Aber die Kunst, Sachverhalt von Neigung zu trennen,
ist grenzenlos schwer; so konnten sechs Berichterstatter zu gleicher
Zeit sechs verschiedene Farben auf dem Krönungsrock des Kaisers sehen.
Neue Gedanken werden von unsern automatischen Gehirnen nicht gern
angenommen; ältere Leute glauben nur an sich selbst; Ungebildete bilden
sich ein, daß sie doch ihren eigenen Augen glauben können, obwohl es
soviel Gesichtstäuschungen gibt.
In Johans Häuslichkeit wurde die Wahrheit verehrt.
-- Sprich immer die Wahrheit, was auch geschehen möge, wiederholte der
Vater oft; dann erzählte er eine Geschichte von sich selber. Er hatte
einmal einem Kunden versprochen, eine Ware an einem bestimmten Tage
abzusenden. Er vergißt es, kann sich aber entschuldigen; denn als der
wütende Kunde aufs Kontor kommt und ihn mit Schimpfworten überschüttet,
antwortet der Vater damit, daß er demütig seine Vergeßlichkeit
eingesteht, um Verzeihung bittet und sich bereit erklärt, den Verlust
zu ersetzen. Moral: Der Kunde ist höchst erstaunt, reicht ihm die
Hand, bezeugt seine Achtung. (Nebenbei: Kaufleute müssen nicht so hohe
Forderungen an einander stellen!)
Der Vater hatte einen guten Kopf und als älterer Mann war er seiner
Schlußfolgerungen sicher.
Johan, der niemals beschäftigungslos sein konnte, hatte eine Entdeckung
gemacht: daß man sich den langen Weg nach und von der Schule
vertreiben und zugleich reicher werden konnte. Er hatte einmal auf der
trottoirlosen Holländerstraße eine Schraubenmutter gefunden. Die gefiel
ihm, denn sie konnte an einer Schnur ein guter Schleuderstein werden.
So ging er mitten auf der Straße und nahm alles Eisen auf, das er fand.
Da die Straßen schlecht waren und übermütiges Fahren nicht verboten
war, wurden die Wagen und Geräte sehr mißhandelt. Ein aufmerksamer
Wanderer konnte sicher sein, jeden Tag einige Hufnägel, einen Bolzen
und mindestens eine Schraubenmutter zu finden, manchmal auch ein
Hufeisen. Johan liebte am meisten die Schraubenmuttern; die machte er
zu seiner Spezialität. In wenigen Monaten hatte er wohl eine halbe
Metze gesammelt.
Eines Abends spielt er damit, als der Vater ins Zimmer kommt.
-- Was hast du da? fragt der Vater und macht große Augen.
-- Das sind Schraubenmuttern, antwortet Johan sicher.
-- Woher hast du die?
-- Die habe ich gefunden.
-- Gefunden? Wo?
-- Auf der Straße.
-- An einer Stelle?
-- Nein, an vielen. Man geht mitten auf der Straße und sieht auf die
Erde.
-- Nein, hör mal, das glaube ich nicht. Das lügst du. Komm, ich muß
anders mit dir reden.
Die Rede wurde mit dem Rohrstock gehalten.
-- Willst du jetzt bekennen!
-- Ich habe sie auf der Straße gefunden.
Es wird geprügelt, bis er „bekennt‟.
Was sollte er bekennen? Der Schmerz und die Furcht, der Auftritt werde
kein Ende nehmen, zwangen ihm diese Lüge ab:
-- Ich habe sie gestohlen.
-- Wo?
Nun wußte er nicht, wo eine Schraubenmutter am Wagen sitzt, aber er
mutmaßte, sie sitzen unten.
-- Unter Karren.
-- Wo?
Die Phantasie rief einen Ort hervor, wo viele Karren standen.
-- Beim Bau gegenüber der Schmiedegasse.
Die genaue Bestimmung der Gasse machte die Sache wahrscheinlich. Der
Alte glaubte jetzt sicher die Wahrheit erfahren zu haben. Und die
Schlußfolgerungen begannen.
-- Wie konntest du sie mit den bloßen Fingern nehmen?
Daran hatte er nicht gedacht. Er sah den Werkzeugkasten des Vaters vor
sich.
-- Mit einem Schraubenzieher.
Man kann Muttern nicht mit einem Schraubenzieher nehmen, aber die
Phantasie des Vaters war einmal im Gang und ließ sich anführen.
-- Aber das ist ja furchtbar! Du bist ja ein Dieb! Wenn nun die Polizei
gekommen wäre.
Johan dachte einen Augenblick, ihn mit der Erklärung zu beruhigen, es
sei ja alles Lüge; aber die Aussicht, mehr Schläge zu kriegen und kein
Abendbrot zu bekommen, hielt ihn zurück.
Als er sich am Abend niedergelegt hatte und die Mutter kam und ihn bat,
sein Abendgebet zu sprechen, sagte er pathetisch und mit erhobener Hand:
-- Hol mich der Teufel, ich habe die Muttern nicht gestohlen.
Die Mutter sah ihn lange an; dann sagte sie:
-- Du mußt nicht so fluchen!
Die Körperstrafe hatte ihn gedemütigt, ihn gekränkt; er war böse auf
Gott, Eltern und am meisten auf die Brüder, die nicht für seine Sache
Zeugnis abgelegt, obwohl sie den Verlauf kannten. Er sprach kein Gebet
an diesem Abend, aber er wünschte, es möge Feuer ausbrechen, ohne daß
er anzustecken brauche. Und auch noch Dieb!
Seit diesem Abend war er verdächtig, oder richtiger, sein schlechter
Ruf hatte sich befestigt. Lange wurde er damit gepeinigt, daß man ihn
an diesen Diebstahl erinnerte, den er nicht begangen hatte.
* * * * *
Ein anderes Mal machte er sich selber der Lüge schuldig, aber durch
eine Unachtsamkeit, die er lange nicht erklären konnte. (Wird Eltern
zum Nachdenken empfohlen.) Ein Schulkamerad kommt mit seiner Schwester
an einem Sonntagmorgen im Frühling zu ihnen und fragt, ob er mit in den
Hagapark kommen wolle.
-- Ja, das möchte ich, aber ich muß erst Mama um Erlaubnis fragen.
(Papa war fort.)
-- Dann beeile dich!
Ja, aber er muß dem Schulfreund erst sein Herbarium zeigen.
-- Wollen wir jetzt gehen?
-- Ja, aber ich muß erst Mama fragen.
Ein kleiner Bruder kommt und will mit dem Herbarium spielen. Der Unfug
wird verhindert, jetzt aber soll der Besuch auch seine Mineralsammlung
sehen.
Während der Zeit wechselt er seinen Kittel. Dann nimmt er ein Stückchen
Brot aus dem Eßschrank. Die Mutter kommt und begrüßt die Kinder. Man
spricht von dem einen und dem andern. Johan hat es eilig, bringt die
Sachen hinein und führt seine Freunde in den Garten hinaus, um ihnen
den Froschteich zu zeigen. Endlich gehen sie nach Haga. Er, ruhig in
dem vollen Glauben, die Mutter um Erlaubnis gefragt zu haben.
Der Vater kommt nach Haus.
-- Wo bist du gewesen?
-- Ich bin mit den Freunden im Hagapark gewesen.
-- Hast du von Mama Erlaubnis gehabt?
-- Ja.
Die Mutter widerspricht. Johan verstummt vor Bestürzung.
-- So, du lügst?
Er ist sprachlos. Aber er war so sicher, daß er die Mutter um Erlaubnis
gebeten hatte, um so mehr, als keine abschlägige Antwort zu befürchten
war. Er war ja fest entschlossen gewesen, es zu tun, aber die
Nebenumstände waren dazwischen gekommen; er hatte es vergessen und er
wollte dafür sterben, daß er nicht log.
Kinder sind im allgemeinen zu ängstlich, um zu lügen; aber ihr
Gedächtnis ist kurz, die Eindrücke wechseln so schnell; und sie
verwechseln Wünsche und Entschlüsse mit vollzogenen Handlungen.
Lange lebte der Junge in dem Glauben, die Mutter habe gelogen. Als er
später oftmals über das Vorkommnis nachdachte, glaubte er, sie habe die
Sache vergessen oder seine Bitte nicht gehört. Viel, viel später begann
er zu argwöhnen, daß sein Gedächtnis ihn vielleicht getäuscht habe.
Aber er war berühmt wegen seines guten Gedächtnisses, und es handelte
sich ja nur um zwei, drei Stunden Zwischenzeit.
Sein Argwohn, daß die Mutter nicht die Wahrheit gesprochen (und
warum sollte sie nicht eine Unwahrheit sagen können, da Frauen ihre
Halluzinationen so leicht mit Wirklichkeiten verwechseln?) wurde kurz
darauf bestärkt. Die Familie hatte ein neues Möbelstück gekauft. Das
war ein großes Ereignis! Die Knaben sollten gerade der Tante einen
Besuch machen. Mutter wollte die Neuigkeit verheimlichen, um Tante bei
deren nächstem Besuch überraschen zu können. Darum bat sie die Kinder,
von dem Ereignis nicht zu sprechen.
Sie kamen zu Tante. Sie fragt sofort:
-- Hat Mama das gelbe Möbelstück gekauft?
Die Brüder schweigen, aber Johan antwortet fröhlich:
-- Nein!
Nach der Rückkehr werden sie beim Mittagtisch von Mutter gefragt:
-- Hat Tante nach dem Möbelstück gefragt?
-- Ja!
-- Was habt ihr geantwortet?
-- Ich habe nein gesagt, rief Johan.
-- Was, du bist so dreist, zu lügen, legt der Vater los.
-- Ja, Mama hat es gesagt, antwortet der Junge.
Die Mutter erbleicht und der Vater verstummt.
Es war ja eigentlich unschuldig, aber es war nicht so bedeutungslos
in seinem Zusammenhang. Leise Zweifel an der Wahrheitsliebe der
„andern‟ erwachten beim Kinde und eröffneten jetzt einen neuen
Belagerungszustand von Gegenkritik.
Die Kälte gegen den Vater nimmt zu; er forscht jetzt nach Unterdrückung
und macht trotz seiner Schwäche kleine Versuche, sich zu empören.
Jeden Sonntag wurden die Kinder in die Kirche befohlen, in der die
Familie einen Kirchenstuhl besaß. Der sinnlos lange Gottesdienst und
die unbegreiflichen Predigten hörten bald auf, Eindruck zu machen.
Ehe man Heizung eingeführt hatte, war es eine vollständige Marter,
im Winter zwei Stunden im Kirchenstuhl zu sitzen und an den Füßen
zu frieren; aber man mußte doch dahin, ob fürs Heil der Seele oder
der Ordnung halber oder um das Haus in Ruhe zu lassen, wer weiß.
Vater selbst war eine Art Theist. Er las lieber die Predigten von
Wallin, als daß er in die Kirche ging. Dafür neigte die Mutter zum
Pietismus. Sie lief hinter Olin und Elmblad und Rosenius her und hatte
Freundinnen, die den „Pietisten‟ und die „Taubenstimme‟ ins Haus
brachten. Die „Taubenstimme‟ wurde von Johan untersucht: sie enthielt
lustige Geschichten von den Missionären in China und Beschreibungen von
Schiffbrüchen. Den „Pietisten‟ ließ er liegen: das war nur Dekokt von
den Episteln des Neuen Testaments.
Eines Sonntags bekommt Johan, vielleicht infolge einer unvorsichtigen
Bibelerklärung in der Schule, indem dort von der Freiheit der Geister
gesprochen wird, den Einfall, nicht in die Kirche zu gehen. Er bleibt
ganz einfach zu Hause. Mittags, ehe der Vater nach Hause kommt, erklärt
Johan vor Geschwistern und Tanten, niemand könne das Gewissen eines
andern zwingen; darum ginge er nicht in die Kirche. Er wurde für etwas
sonderbar gehalten: darum entkam er dieses Mal der Schläge; wurde aber
wieder in die Kirche geschickt.
* * * * *
Der Verkehr der Familie konnte außerhalb der Verwandtschaft nicht groß
sein, weil die Ehe nicht nach Gesetz und Regel geschlossen worden.
Aber Leidensgenossen suchen sich gegenseitig auf: so wurde der Verkehr
mit einem der Jugendfreunde des Vaters unterhalten, der seine Geliebte
geheiratet und deshalb von Eltern und Kameraden verstoßen worden war.
Er war Jurist und Beamter. Bei ihm war eine dritte Familie zu treffen,
auch aus dem Beamtenstand, mit demselben Eheschicksal. Die Kinder
wußten natürlich nichts von dem Trauerspiel, das hier aufgeführt
wurde. Alle Familien hatten Kinder, aber Johan fühlte sich nicht zu
ihnen hingezogen. Seine Schüchternheit und Menschenfurcht hatte nach
den Martergeschichten in Haus und Schule zugenommen; auch hatten die
Übersiedlung nach der entlegenen Stadtgegend wie die Sommeraufenthalte
auf dem Lande ihn verwildert. Er wollte nicht tanzen lernen; er fand
die Knaben albern, die sich so vor den Mädchen brüsteten. Als die
Mutter ihn bei einer Gelegenheit ermahnte, höflich gegen die Mädchen zu
sein, fragte er: warum denn? Er war jetzt recht kritisch geworden und
wollte immer wissen: warum?
Als man einst einen Ausflug ins Grüne machte, suchte er die Knaben zur
Meuterei zu bewegen, da sie die Schals und Sonnenschirme der Mädchen
trugen.
-- Warum sollen wir diese jungen Dinger bedienen? sagte er; aber die
Knaben hörten nicht auf ihn.
Schließlich wurde er es so müde, mitzugehen, daß er sich krank stellte
oder seinen Anzug im Teich naßmachte, damit er aus Strafe zu Hause
bleiben mußte. Er war kein Kind mehr; darum war ihm nicht wohl unter
den andern Kindern; aber die Älteren sahen in ihm nur ein Kind. So
wurde er einsam.
* * * * *
Im Alter von zwölf Jahren wurde er eines Sommers nach einem neuen
Küsterhaus in der Nähe von Mariefred am Mälarsee geschickt. Da waren
viele Pensionäre, alle von sogenannter unehelicher Geburt. Da der
Küster keine größeren Kenntnisse besaß, reichte sein Wissen nicht aus,
Johans Aufgaben mit ihm durchzunehmen. Beim ersten Versuch in Geometrie
fand der Lehrer Johan so bewandert, daß er am besten allein weiter
arbeite. Da war er hoch! Er arbeitete allein weiter.
Der Küsterhof lag neben dem Park des Herrensitzes, und in dessen
königlichen Umgebungen ging er spazieren, frei von Arbeit, frei von
Aufsicht. Die Flügel wuchsen ihm und die Mannbarkeit näherte sich.
Durch erworbenes und vielleicht natürliches Schamgefühl hat
man so lange die wichtige Frage der Mannbarkeit und der damit
zusammenhängenden Erscheinungen verborgen gehalten. Schlechte Bücher
von medizinischen Spekulanten und von Pietisten, die um jeden Preis
Propaganda machen wollen; furchtsame oder unwissende Eltern haben,
manche in guter Absicht, alles getan, um junge Sünder vom Weg der
Untugend zu scheuchen. Spätere und aufgeklärtere Untersuchungen
kenntnisreicher Ärzte haben sich wieder die Aufgabe gestellt, die
Ursachen der Erscheinung zu suchen und vernünftige Heilmittel zu
finden. Vor allem aber das Kind von der übertriebenen Furcht vor den
Folgen zu befreien, weil es sich gezeigt hat, daß gerade Schreck und
Gewissensqual die Ursache waren zu den verhältnismäßig wenigen Fällen
von Wahnsinn und Selbstmord, die vorgekommen sind. Ferner hat man
entdeckt, daß nicht das Laster selbst, sondern der unbefriedigte Trieb
die krankhafte Erscheinung hervorruft. Ein neuer französischer Arzt
ist so weit gegangen, die Handlung zu verteidigen, da sie der Natur
nachhelfe, ohne Schaden zu tun. Das sei dahingestellt.
Tatsache ist indessen, daß gerade die Geisteskranken mit dieser
schlechten Gewohnheit behaftet sind. Aber der Fehlschluß liegt
darin, daß man Ursache und Wirkung verwechselt. Geisteskranke werden
eingeschlossen: was sollen sie denn da machen? Bei Geisteskranken hat
mit dem Erlöschen des Seelenlebens das vegetative und animalische Leben
überhand genommen; darum sucht sich der Trieb, wie er kann, seine
Befriedigung, ohne daran gehindert zu werden. Ein zweiter Fehlschluß:
jeder Geisteskranke wird ausgeforscht, ob er schon einmal Hand an
seinen Körper gelegt hat. Alle Geisteskranken haben es. Doch deshalb
ist das noch nicht die Ursache der Krankheit; denn man weiß jetzt, daß
viele Menschen einmal Hand an ihren Leib gelegt haben. Das wird aber
geheim gehalten. Deshalb glauben eine Menge junger Sünder, allein das
eingebildete Verbrechen zu begehen; glauben, daß die gestrengen Lehrer,
die sie einschüchtern, unschuldig gelebt haben.
Andererseits kann nicht geleugnet werden, daß die Übertreibung
Krankheiten zur Folge haben kann; dann ist es aber die Übertreibung,
die sie verursacht hat. Und wird die schlechte Gewohnheit so lange
fortgesetzt, daß die natürliche Art nicht zu ihrem Recht kommt, so
entstehen eben dadurch Übelstände. Daß Widerwille gegen das andere
Geschlecht die Folge werden soll, ist nicht wahr; denn lasterhafte
Burschen sind später große Weiberhelden, gute Gatten, glückliche Väter
geworden. Eigentümlich ist auch, daß die Frauen Unschuldigen nicht ihre
Gunst gewähren.
Wie war es denn zugegangen? Auf die gewöhnlichste Art. Ein älterer
Kamerad ging beim Baden mit dem Beispiel voran, und die jüngeren
folgten. Ein Gefühl von Scham oder Sünde verspürte man nicht, und
niemand machte ein Geheimnis daraus. (Diese in den Schulen oft
vorkommende Unart hatte gerade zu dieser Zeit Aufsehen erregt,
Untersuchungen zur Folge gehabt und war sogar öffentlich in der Presse
besprochen worden. Man vergleiche unten Kapitel 8.) Die ganze Sache
schien kaum einen Zusammenhang mit dem höheren Geschlechtsleben zu
haben; denn in ein Mädchen war der Junge schon im Alter von acht Jahren
verliebt gewesen, als der Trieb noch vollständig schlief.
Gleichzeitig bekam Johan Kenntnis davon, daß die Schulkinder des Dorfes
im Walde mit einander zu verkehren pflegten, wenn sie aus der Schule
kamen. Diese Kinder waren acht bis neun Jahre alt. Die Eltern bekamen
Wind von der Sache, mischten sich aber nicht hinein. Dieser Zustand
oder Übelstand soll eine Regel auf dem Lande sein; er müßte in Betracht
gezogen werden, wenn man so übersicher über Laster und Anstiftung zum
Laster schreibt.
Einen Wendepunkt im Seelenleben des Knaben bildete dieses Ereignis
nicht; denn zum Grübler war er geboren, und zum Einsiedler machten ihn
seine neuen Gedanken. Übrigens legte er das Laster bald ab, als ihm ein
warnendes Buch in die Hand fiel. Da aber trat an die Stelle des Lasters
ein Kampf gegen die Begierde, die er nicht besiegen konnte, weil sie
ihn in der Form von Gaukelbildern während des Schlafs überfiel, wenn
seine Kraft nicht zugegen war. Und nicht eher konnte er ruhigen Schlaf
genießen, bis er im Alter von achtzehn Jahren den Verkehr mit dem
andern Geschlecht begann.
* * * * *
Später im Sommer verliebte er sich in die Tochter des Inspektors, eine
Zwangzigjährige, die nicht im Küsterhause verkehrte. Er kam nicht dazu,
mit ihr zu sprechen; spähte aber ihre Wege aus und kam oft in die Nähe
ihrer Wohnung. Das Ganze war eine stille Verehrung ihrer Schönheit, aus
der Entfernung, ohne irgendwelche Begierde, ohne irgendeine Hoffnung.
Die Neigung glich eher einer stillen Trauer und hätte sich vielleicht
ebensogut auf eine andere gerichtet, wenn er mehrere Mädchen gekannt
hätte. Es war eine Madonnenverehrung, die nichts begehrte; es müßte
denn sein, ein großes Opfer zu bringen: am liebsten ein Ertrinken im
See, aber in ihrer Gegenwart. Es war ein dunkles Gefühl davon, daß er
nur ein halber Mensch sei, der nicht leben wollte, ohne sich durch die
andere, „bessere‟, Hälfte ergänzt zu haben.
Der Kirchendienst wurde fortgesetzt, machte jetzt aber keinen
besonderen Eindruck mehr. War nur langweilig.
Dieser Sommer war indessen sehr wichtig in seiner Entwicklung, weil
er ihn vom Elternhaus löste. Keiner von den Brüdern war dabei. Keine
Nabelschnur verband ihn mehr mit der Mutter. Das machte ihn reifer und
härtete die Nerven ab; allerdings nicht sofort, denn gelegentlich, wenn
er nicht froh war, packte ihn das Heimweh furchtbar. Dann erschien ihm
die Mutter in dem alten verklärten Licht: huldvoll und beschützend, als
Wärmequelle, als fürsorgliche Hand.
Anfang August kam ein Brief mit der Nachricht, der ältere Bruder Gustav
werde nach Paris fahren, um dort in einem Pensionat die Sprache zu
lernen und sich kaufmännisch auszubilden; vorher solle er einen Monat
auf dem Lande zubringen und dort den Bruder ablösen. Der Gedanke an
die nahende Trennung, der Glanz der großen Weltstadt, die Erinnerung
an manche lustige Streiche, die Sehnsucht nach dem Elternhause, die
Freude, einen seines Blutes wiederzusehen: alles vereinigte sich jetzt,
um Johans Gefühle und Phantasie in Bewegung zu setzen. Während der
Woche, in der er den Bruder erwartete, dichtete er ihn um zu einem
Freunde, einem überlegenen Manne, zu dem er aufsah. Und Gustav war ihm
als Mensch überlegen. Er war ein kühner frischer Jüngling, zwei Jahre
älter als Johan, mit dunkeln, starken Zügen; grübelte nicht, sondern
besaß ein tatkräftiges Temperament; war klug, konnte schweigen, wenn's
nötig war; zuschlagen, wenn's darauf ankam; verstand zu wirtschaften
und zu sparen. Er ist zu klug, meinte der träumende Johan. Die Aufgaben
konnte er nicht, denn er schätzte sie gering, aber er verstand die
Kunst des Lebens: fiel ab, wenn's nötig war; schritt ein, wenn's sein
mußte; war niemals traurig.
Johan hatte ein Bedürfnis, jemanden zu verehren; in einem andern Stoff,
als sein eigner schwacher Ton war, ein Bildwerk zu kneten, in das er
seine schönen Wünsche legen konnte. Acht Tage lang übte er diese Kunst.
Er traf Vorbereitungen zur Ankunft des Bruders, indem er ihn allen
seinen Freunden aufs vorteilhafteste ausmalte, ihn dem Lehrer empfahl,
Spielplätze mit kleinen Überraschungen aussuchte, bei der Badestelle
ein Sprungbrett anbrachte...
Am Tage vor der Ankunft ging er in den Wald und pflückte Multbeeren und
Blaubeeren, mit denen er den Gast erfreuen wollte. Darauf deckte er
einen Tisch mit weißen Papierbogen. Auf die legte er die Beeren, immer
eine gelbe und eine blaue, und in der Mitte ordnete er sie in Form
eines großen G. Das Ganze wurde mit Blumen umgeben.
Der Bruder kam; warf einen flüchtigen Blick auf die Anordnung, aß, nahm
aber nicht Notiz von der Feinheit mit dem Namenszug; vielleicht fand er
es albern. In der Familie galten nämlich alle Ausbrüche von Gefühl für
albern.
Darauf badete man. Als Gustav das Hemd ausgezogen hatte, lag er im
nächsten Augenblick im Wasser und schwamm, ohne anzuhalten, nach der
Boje hinaus. Johan bewunderte ihn, wäre ihm gern gefolgt; dieses Mal
aber fand er es netter, der Schlechtere zu sein und dem Bruder den
Glanz zu lassen. Er war der erste Junge, der bis zur Boje geschwommen
war.
Beim Mittagstisch ließ Gustav ein fettes Schinkenstück auf dem Teller
liegen. Das hatte noch niemand gewagt. Gustav wagte alles. Als man am
Abend läutete, bot Johan die Leine Gustav an. Der läutete mindestens
zehn Male. Johan kriegte einen Schrecken, als seien die Schicksale des
ganzen Kirchspiels in Gefahr; bald lachte er, bald flehte er, doch
aufzuhören.
-- Ach was, das hat nichts zu bedeuten! sagte Gustav.
Dann lud Johan ihn zu seinem Freunde ein, dem erwachsenen Sohn des
Tischlers, der vielleicht fünfzehn Jahre alt war. Sofort entstand
Vertraulichkeit zwischen den Gleichalterigen: der Freund verließ Johan,
der ihm zu klein war. Aber Johan empfand keine Bitterkeit, obwohl die
beiden Großen ihn hänselten und allein Jagdausflüge mit der Flinte
unternahmen.