Trotzdem erwachte jetzt, nachdem er von der Mutter losgerissen worden

und sich von unbekannten drohenden Mächten umgeben fühlte, ein starkes

Bedürfnis, sich an einen Schutzgeist anzuschließen. Sein Abendgebet

sprach er mit ziemlicher Andacht; morgens, wenn die Sonne schien und

der Körper ausgeruht war, empfand er dieses Bedürfnis nicht.

Eines Tages, als die Kirche gelüftet wurde, liefen die Kinder hinein

und spielten darin. In einem Anfall von Wildheit wurde der Altar

gestürmt. Aber Johan, der zu weiteren Großtaten angestachelt wurde,

stieg auf die Kanzel, kehrte das Stundenglas um und predigte aus der

Bibel. Dieser Streich machte großes Glück.

Als er wieder herunter kam, lief er oben auf den Kirchenstühlen durch

die ganze Kirche, ohne den Boden zu berühren. Als er an den ersten

Kirchenstuhl beim Altar kam, der dem Grafen gehörte, trat er so heftig

auf das Gesangbuchpult, daß es krachend zu Boden stürzte. Eine Panik

entsteht; alle Kameraden eilen aus der Kirche. Allein stand er da, wie

vernichtet.

Jetzt wäre er gern zur Mutter gestürzt, um seine Schuld zu bekennen

und sie um Hilfe zu bitten. Aber sie war nicht da. Er erinnert sich an

Gott. Fällt vorm Altar auf die Knie und betet das ganze Vaterunser.

Stark und ruhig, als habe er einen Gedanken von oben bekommen, steht

er vom Boden auf, untersucht den Kirchenstuhl, sieht, daß die Zapfen

nicht abgebrochen sind; nimmt die Leiste, paßt Fugen und Zapfen ein;

zieht einen Stiefel aus, um ihn als Hammer zu benutzen; und mit einigen

wohlgezielten Schlägen ist das Pult in Ordnung gebracht. Er prüft sein

Werk; es hält.

Verhältnismäßig ruhig verläßt er die Kirche. Wie einfach, dachte er

jetzt. Er schämte sich, daß er das Vaterunser gebetet hatte. Warum

schämte er sich? Vielleicht fühlte er dunkel, daß es in diesem wirren

Komplex, der Seele heißt, eine Kraft gibt, die, in der Stunde der Not

zur Selbstverteidigung aufgerufen, eine recht große Fähigkeit sich zu

helfen besitzt. Daß er nicht glaubte, Gott habe ihm geholfen, ging

daraus hervor, daß er nicht niederfiel und für die Hilfe dankte; und

dieses unbestimmte Gefühl von Scham entstand wahrscheinlich daher, daß

er einsah, er sei über den Fluß gegangen, um Wasser zu holen.

Das war aber nur ein vorübergehender Augenblick von Selbstgefühl. Er

verblieb ungleich und wurde jetzt auch launenhaft. Laune, Kapuze,

diables noirs, wie der Franzose sagt, ist eine noch nicht ganz erklärte

Erscheinung. Das Opfer ist besessen: es will das eine, tut aber das

Gegenteil; es leidet unter dem Verlangen, sich Böses zuzufügen, und

genießt beinahe die Selbstquälerei. Es ist eine Seelenkrankheit, eine

Krankheit des Willens; und ältere Psychologen wagten eine Erklärung,

indem sie auf die Zweiheit im Gehirn hinwiesen; dessen beide Halbkugeln

könnten unter gewissen Umständen selbständig wirken, jede für sich,

und im Kampfe gegen einander. Doch hat man diese Erklärung verworfen.

Die Doppelheit der Persönlichkeit haben viele beobachtet, und Goethe

hat sie im „Faust‟ behandelt. Launenhafte Kinder, die „nicht wissen,

was sie wollen‟, enden mit Weinen, in das sich die Nervenspannung

auflöst. Sie „betteln um Schläge‟, sagt man auch; und eigentümlich ist,

wie eine leichte Züchtigung bei solchen Gelegenheiten die Nerven ins

Gleichgewicht bringt und dem Kinde beinahe willkommen zu sein scheint;

es beruhigt sich sofort, ist versöhnlich, durchaus nicht bitter über

die Strafe, die es nach seiner Ansicht ungerecht erlitten hat. Das Kind

hat wirklich um Strafe als Medizin gebettelt.

Aber es gibt eine andere Art, die schwarzen Geister auszutreiben.

Man nimmt das Kind in seine Arme, damit es den Magnetismus eines

freundlichen Menschen fühlt, und es beruhigt sich. Diese Art ist besser

als alle anderen.

Der Knabe hatte solche Anfälle. Wenn ein Vergnügen winkte, ein Ausflug

zum Beispiel, um Beeren zu pflücken, bat er, zu Hause bleiben zu

dürfen. Er wußte, er werde sich zu Hause sehr langweilen. Er wollte

so gern mitgehen, aber er wollte vor allem zu Hause bleiben. Ein

anderer Wille, stärker als seiner, befahl ihm, zu Hause zu bleiben.

Je mehr man auf ihn einredete, desto fester wurde der Widerstand.

Kam dann aber jemand, packte ihn scherzhaft beim Kragen und warf ihn

auf den Leiterwagen, dann gehorchte er und war froh, daß er von dem

unerklärlichen Willen befreit worden. Er gehorchte im allgemeinen gern

und wollte niemals sich aufspielen oder befehlen. Er war von Geburt zu

sehr Sklave; die Mutter hatte ihre ganze Jugend hindurch gedient und

gehorcht und war als Kellnerin höflich gegen alle gewesen.

Eines Sonntags waren sie im Pfarrhaus. Da waren Mädchen. Er mochte sie

gern, ihm war aber bange vor ihnen. Die große Kinderschar zog aus, um

Erdbeeren zu pflücken. Einer schlug vor, man solle die Beeren zusammen

tun und, wenn man nach Haus gekommen, in Zucker mit Löffeln essen.

Johan pflückte fleißig und hielt die Übereinkunft, aß nicht eine Beere,

sondern lieferte seinen Teil ehrlich ab. Er sah aber andere mogeln.

Bei der Heimkehr werden die Beeren von der Tochter des Geistlichen

ausgeteilt; die Kinderschar umdrängt das Mädchen und jeder bekommt

seinen Löffel voll. Johan steht hinten; wird vergessen und bekommt

keine Beere.

Übergangen! Mit Bitterkeit im Herzen geht er in den Garten hinaus

und versteckt sich in einer Laube. Er fühlt sich als der Letzte, der

Schlechteste. Jetzt aber weint er nicht, sondern fühlt etwas Hartes und

Kaltes in sich aufsteigen, gleich einem Gerippe aus Stahl. Er beginnt

die ganze Gesellschaft zu kritisieren und findet, daß er der Redlichste

war, denn er hat draußen auf der Lichtung nicht eine Beere gegessen.

Also -- da kam der Fehlschluß -- weil er besser als die anderen war,

wurde er übergangen. Ergebnis: er hielt sich für besser als die

anderen. Und es war ihm ein großer Genuß, daß er übergangen worden.

Er hatte auch eine Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen und sich

abseits zu halten, so daß er übergangen wurde. Einmal brachte der

Vater einen Pfirsich mit zum Abendtisch. Alle Kinder erhielten eine

Scheibe von der seltenen Frucht, aber aus irgendeinem Grunde wurde

Johan vergessen, ohne daß der sonst gerechte Vater es merkte. Der

Knabe war so stolz darauf, daß er von neuem an sein hartes Schicksal

erinnert worden, daß er später am Abend den Brüdern gegenüber damit

prahlen mußte. Sie glaubten ihm nicht, für so unerhört fanden sie die

Geschichte. Je unerhörter, desto besser!

Auch von Abneigungen wurde er gequält. Eines Sonntags kam ein

Wagen voll Kinder auf den Küsterhof gefahren. Heraus stieg ein

schwarzhaariger Knabe von tückischem, aber kühnem Aussehen. Johan lief

bei seinem Anblick fort und versteckte sich auf dem Boden. Man suchte

ihn auf, der Küster suchte ihn zu begütigen, aber er blieb in seinem

Winkel sitzen und hörte zu, wie die Kinder spielten, bis der schwarze

Junge wieder abfuhr.

Weder kalte Bäder, wilde Spiele, noch strenge Körperarbeit konnten

seine schlaffen Nerven abhärten, die zuweilen einen Augenblick lang

aufs äußerste gespannt werden konnten.

Er hatte ein gutes Gedächtnis, lernte ordentlich, am liebsten

Wirklichkeiten wie Geographie und Naturwissenschaft. Arithmetik nahm er

mit dem Gedächtnis auf, aber Geometrie haßte er. Eine Wissenschaft von

Unwirklichkeiten beunruhigte ihn; erst später, als er ein Handbuch der

Feldmessung erhielt und den praktischen Nutzen der Geometrie einsah,

bekam er Lust zu dem Stoff: er maß Bäume und Häuser, schritt Gärten und

Alleen ab, konstruierte Figuren aus Pappe.

Er war jetzt in seinem zehnten Jahr. War breitschulterig und

braungebrannt; das Haar war blond und über einer krankhaft hohen und

hervortretenden Stirn in die Höhe gekämmt. Diese Stirn veranlaßte die

Verwandten zu manchem Gerede und zog ihm den Spitznamen „Professor‟ zu.

Er war nicht mehr Automat, sondern sammelte eigne Beobachtungen und zog

Schlußfolgerungen; darum näherte er sich dem Zeitpunkt, da er sich von

seiner Umgebung absondern und einsam werden mußte. Aber die Einsamkeit

mußte für ihn eine Wüstenwanderung werden, denn er besaß keine genügend

starke Persönlichkeit, um für sich gehen zu können. Seine Neigung

für die Menschen blieb unbeantwortet, weil ihre Gedanken nicht mit

den seinen gleichen Schritt hielten. Später mußte er sein Herz dem

ersten besten anbieten, aber niemand wollte es annehmen, denn es war

ihnen fremd; so mußte er sich in sich selber zurückziehen, verletzt,

gedemütigt, übersehen, übergangen.

* * * * *

Der Sommer ging zu Ende und er fuhr nach Hause, da die Schule wieder

begann. Doppelt traurig kam ihm jetzt das dunkle Haus am Klarakirchhof

vor. Wenn er die lange Reihe von Zimmern sah, die in genau bestimmten

Jahren durchlaufen werden mußten, ehe eine neue Reihe von Zimmern auf

dem Gymnasium begann, fand er das Leben nicht gerade verlockend.

Gleichzeitig beginnt sich sein Selbstdenken gegen die Aufgaben zu

empören. Die Folge werden schlechte Zeugnisse.

Ein Halbjahr später, nachdem er in der Rangordnung heruntergekommen,

nimmt der Vater ihn aus der Klaraschule und bringt ihn in die

Jakobischule. Zur selben Zeit bricht die Familie von der Nordzollstraße

auf und zieht nach der Großen Graubergstraße beim Sabbatsberg.

4.

+Berührung mit der unteren Klasse.+

Christinenberg, so wollen wir das Vororthaus nennen, lag noch

einsamer als das an der Nordzollstraße. Die Graubergstraße war nicht

gepflastert. Stundenlang konnte man höchstens einen einsamen Wanderer

sehen, und Wagenlärm war ein solches Ereignis, daß man ans Fenster

gelockt wurde, um nachzusehen, was es gab. Das Haus lag in einem mit

Bäumen bewachsenen Hofe und glich einer Pfarre auf dem Lande. War

von Gärten und großen Tabakspflanzungen umgeben. Weite Felder mit

Teichen erstreckten sich bis zum Sabbatsberg. Jetzt aber pachtete

der Vater kein Land; die freie Zeit verging darum in Faulenzen. Die

Spielkameraden waren jetzt armer Leute Kinder, die Jungen des Müllers

und des Kuhhirten. Die Spielplätze waren besonders die Mühlenberge, und

die Windmühlenflügel waren die Spielsachen.

Die Jakobischule war die Schule der armen Kinder. Hier kam er in

Verkehr mit der unteren Klasse. Die Schulkameraden waren schlechter

gekleidet, hatten wunde Nasen und häßliche Züge, rochen übel. Seine

eigenen Lederhosen und Schmierstiefel machten hier keine schlechte

Wirkung. Er fühlte sich ruhiger in dieser Umgebung, da sie ihm anstand;

wurde vertraulicher zu diesen Kindern als zu den hochmütigen in der

Klaraschule.

Aber viele von diesen Kindern waren groß im Lernen ihrer Aufgaben,

und das Genie der Schule war ein Bauernjunge. Dagegen waren viele

sogenannte „Strolche‟ in den unteren Klassen, und diese hörten

gewöhnlich in der zweiten auf. Johan ging jetzt in die dritte Klasse

und kam mit ihnen nicht in Berührung, und sie rührten niemals einen in

einer höheren Klasse an.

[Illustration: STRINDBERGS ELTERNHAUS bei der Klarakirche zu Stockholm]

Diese Kinder hatten gleichzeitig irgendein Gewerbe, hatten schwarze

Hände, waren recht alt, bis zu vierzehn, fünfzehn Jahren. Viele von

ihnen segelten im Sommer mit der Brigg Carl Johan und erschienen dann

im Herbst in teerigen Leinwandhosen, mit Schmachtriemen und Messer. Sie

schlugen sich mit Schornsteinfegern und Tabaksbindern, tranken einen

Appetitschnaps in der Frühstückspause, besuchten Kneipen und Cafés.

Unaufhörlichen Untersuchungen und Ausweisungen waren diese Knaben

ausgesetzt und galten allgemein, aber sehr mit Unrecht, für schlechte

Kinder. Viele von ihnen sind seitdem tüchtige Bürger geworden, und

einer, der auf Carl Johan (der Strolchbrigg) gesegelt hat, endete

später als Offizier bei der Garde. Er hat niemals von seiner Segelfahrt

zu sprechen gewagt; wenn er aber die Wachtparade am Hafen vorbeiführt

und die berüchtigte Brigg dort liegen sieht, überläuft ihn ein

Schauder, sagt er.

Eines Tages traf Johan einen früheren Kameraden von der Klaraschule. Er

suchte ihm auszuweichen. Der aber geht auf Johan zu und fragt ihn, in

welche Schule er jetzt gehe.

-- So, du gehst in die Strolchschule, sagte der Kamerad.

Johan fühlte, daß er „heruntergekommen‟ war, aber er hatte es selbst

gewünscht. Er stach durchaus nicht von den Kameraden ab, sondern fühlte

sich bei ihnen zu Hause, mit ihnen verwandt; er gedieh hier besser als

in der Klaraschule, denn hier drückte nichts von oben. Er wollte selber

nicht in die Höhe steigen und irgendeinen unterdrücken, sondern er

litt unter Druck von oben. Er wollte nicht hinauf, sondern hatte den

Wunsch, daß es dort oben überhaupt niemand gebe. Aber es wurmte ihn

doch, daß die alten Kameraden glaubten, er sei heruntergekommen. Und

als er beim Schauturnen in die dunkle Schar der Jakobiner kam und den

lichten Rotten der Klaristen mit ihren feinen Sommeranzügen und hellen

Gesichtern gegenüberstand, da sah er den Klassenunterschied; fiel dann

das Wort „Strolche‟ vom anderen Lager, dann war Krieg in der Luft.

Zuweilen schlugen die beiden Schulen sich, aber Johan ging nie mit,

Er wollte die alten Freunde nicht sehen und seine Erniedrigung nicht

zeigen.

Der Prüfungstag bot in Jakob einen anderen Anblick als in Klara.

Handwerker, dürftig gekleidete Mütter, herausgeputzte Speisewirtinnen,

Fuhrleute, Schenkwirte bildeten die Zuschauer. Und die Rede, die der

Schulvorsteher vor der Versammlung hielt, war etwas anderes als die

heitere Blumenrede des Erzbischofs. Er las die Namen der Faulen (oder

fürs Lernen schwach Begabten); schalt Eltern, weil ihre Kinder zu spät

gekommen oder ausgeblieben waren. Der Saal hallte wider vom Weinen

armer Mütter, die vielleicht diese leichterklärlichen Versäumnisse

nicht verschuldet hatten. Jetzt glaubten sie in ihrer Einfalt,

schlechte Söhne zu haben.

Dann kamen die Prämien. Es waren immer die Söhne wohlhabender Bürger,

die sich ganz ihren Aufgaben hatten widmen können, die jetzt als

Musterschüler begrüßt wurden.

Die Moral, die doch die Lehre von Pflichten und Rechten sein sollte,

schließlich aber eine Lehre von den Pflichten unseres Nächsten gegen

uns geworden ist, trat nur als eine große Gesetzsammlung von Pflichten

auf. Noch hatte das Kind nicht von einem einzigen menschlichen Recht

sprechen hören. Alles erhielt es aus Gnade: lebte aus Gnade, aß aus

Gnade, durfte aus Gnade die Schule besuchen. Hier in der Schule der

Armen verlangte man noch mehr von den Kindern: man verlangte von den

Armen, daß sie heile Kleider hatten. Wo sollten sie die hernehmen?

Man tadelte ihre Hände, weil sie durch Berührung von Teer und Pech

schwarz geworden waren. Man verlangte Aufmerksamkeit, feines Benehmen,

Höflichkeit -- also alles, was man nicht verlangen konnte. Der

Schönheitssinn des Lehrers verführte ihn oft zu Ungerechtigkeiten.

Johan hatte einen Nebenmann, der nie gekämmt war, eine Wunde unter

der Nase hatte, aus dessen Ohren ein übelriechender Fluß kam. Seine

Hände waren unrein, seine Kleider fleckig und zerrissen. Selten

konnte er seine Aufgaben, wurde immer getadelt und kriegte Schläge

auf die Handfläche. Eines Tages wurde er von einem Kameraden

beschuldigt, Ungeziefer in die Klasse verschleppt zu haben. Da wurde

ihm ein besonderer Platz angewiesen; er war ausgestoßen. Er weinte

bitter, o wie bitter. Dann blieb er aus. Johan wurde als derzeitiger

Klassenkustos ausgeschickt, um ihn zu suchen. In der Totengräbergasse

wohnte er. In einem Zimmer wohnte die Malerfamilie mit Großmutter und

vielen kleinen Kindern. Georg, so hieß der Junge, hatte eine kleine

Schwester auf dem Schoß, die verzweifelnd schrie. Die Großmutter

hatte ein anderes Kind in ihren Armen. Vater und Mutter waren auf

Arbeit gegangen, jeder an seine Stelle. In diesem Zimmer, das niemand

aufräumte und das nicht aufgeräumt werden konnte, roch es nach den

Schwefeldämpfen des Koks und dem Unrat der Kinderchen; hier wurden

Kleider getrocknet, Essen bereitet, Ölfarbe gerieben, Kitt geknetet.

Hier lagen alle Motive zu Georgs Immoralität klar zutage. Aber, wendet

immer ein Moralist ein, man ist nie so arm, daß man sich nicht heil und

rein halten kann. Wie einfältig! Als ob Nähen (wenn man etwas Heiles

zu nähen hat), Seife, Wäsche, Zeit nichts kosten! Heile Kleider haben,

rein sein, sich satt essen können, ist wohl das Höchste, das der Arme

erreichen zu können glaubt. Georg konnte es nicht und deshalb wurde er

ausgestoßen.

Neuere Moralisten haben die Entdeckung zu machen geglaubt, daß die

Unterklasse unmoralischer ist als die Oberklasse. Unter unmoralisch

verstand man dieses Mal, daß sie soziale Verträge nicht so gut hält wie

die Oberklasse. Das ist ein Irrtum, wenn nichts Schlimmeres. In allen

Fällen, in denen die Unterklasse nicht von Not gezwungen wird, ist

sie pflichttreuer als die Oberklasse. Sie ist auch barmherziger gegen

ihresgleichen, milder gegen die Kinder, vor allem geduldiger. Wie lange

hat sie nicht geduldet, daß ihre Arbeit von der Oberklasse benutzt

wird, bis sie schließlich ungeduldig geworden ist!

Übrigens hat man immer die Moralgesetze so schwebend wie möglich halten

wollen. Warum werden sie nicht in Schrift und Druck festgelegt wie das

göttliche und das bürgerliche Gesetz? Vielleicht weil ein ehrlich

geschriebenes Moralgesetz auch die Rechte des Menschen aufnehmen müßte.

* * * * *

Johan begann sich jetzt gegen die Aufgaben zu empören. Zu Hause las er

alles Mögliche, aber die Aufgaben machte er nachlässig. Die vornehmsten

Lehrfächer der Schule waren jetzt Latein und Griechisch. Die Methode

des Unterrichts war sinnlos. Ein halbes Jahr brauchte man, um einen

Feldherrn im Nepos zu übersetzen. Der Lehrer hatte eine Art, die

Sache verwickelt zu machen; die bestand darin, daß der Schüler „die

Konstruktionsordnung herausnehmen‟ sollte. Aber er erklärte nie, was

das zu bedeuten hatte. Es bestand nämlich darin, daß man die Worte des

Textes in einer gewissen Ordnung vorlas; aber in welcher, das sagte er

nie. Mit der Übersetzung fiel sie nicht zusammen. Als der Knabe einige

Versuche gemacht hatte, den Zusammenhang zu begreifen, aber nicht zur

Klarheit kommen konnte, schwieg er. Er wurde halsstarrig, und als er

zum Übersetzen aufgerufen wurde, schwieg er, obwohl er die Aufgabe

konnte. Denn sobald er anfing, hagelte es Tadel: über den Tonfall der

Worte, das Tempo, die Stimme.

-- Kannst du nicht? Verstehst du nicht? rief der Lehrer außer sich.

Der Knabe schwieg und blickte den Pedanten verächtlich an.

-- Bist du stumm?

Er schwieg. Jetzt war er zu alt, um Schläge zu bekommen, die man sich

außerdem abzugewöhnen anfing. Und so mußte er sich setzen.

Er konnte den Text übersetzen, aber nicht auf die einzige Art, die der

Lehrer wollte. Daß der Lehrer es nur auf eine einzige Art haben wollte,

fand der Junge albern. Er hätte den ganzen Cornelius Nepos in wenigen

Wochen durchgestürmt; dieses absichtliche, unvernünftige Kriechen,

während man doch laufen konnte, drückte ihn nieder. Er sah keinen Sinn

darin.

Dasselbe war in der Geschichtsstunde der Fall.

-- Nun, Johan, sagte der Lehrer ungefähr, erzähle uns jetzt, was du von

Gustav dem Ersten weißt.

Der Knabe erhebt sich von seinem Platze, und zügellos kommen ihm die

Gedanken ungefähr so:

-- Was ich von Gustav dem Ersten weiß? Oh, das ist sehr viel. Aber das

wußte ich in der ersten Klasse schon (jetzt ist er in der vierten),

und das weiß der Lehrer auch. Was hat es denn für einen Zweck, alles

herzuplappern?

-- Ist das alles, was du weißt?

Er hat nicht ein Wort gesagt, und die Kameraden lachen. Jetzt wird er

böse. Er versucht zu sprechen, aber die Worte bleiben ihm im Halse

stecken. Womit soll er beginnen? Gustav war auf Lindholm in der

Landschaft Roslagen geboren. Aber das wußte er ja vorher und der Lehrer

auch. Wie dumm, das noch einmal wiederzukauen.

-- Du kannst also deine Aufgabe nicht? Du weißt gar nichts von Gustav

dem Ersten?

Jetzt öffnet er den Mund und sagt kurz und bestimmt:

-- Doch, das kann ich gewiß!

-- So, du kannst es? Warum antwortest du denn nicht?

Er war der Ansicht, der Lehrer frage zu dumm; jetzt wollte er nicht

antworten. Er ließ alle Gedanken an Gustav den Ersten fallen und dachte

mit aller Gewalt an etwas anderes: an die Karten an der Wand, die

Lampen an der Decke. Er machte sich taub.

-- Dann setz dich, da du deine Aufgabe nicht kannst, sagt der Lehrer.

Er setzt sich und läßt seinen Gedanken freien Lauf, nachdem er sich

dafür entschieden, daß der Lehrer gelogen hat.

Es lag darin etwas von Sprachstörung, der Unfähigkeit oder Unlust zu

sprechen. Diese Aphasie begleitete ihn lange durchs Leben, bis der

Rückschlag kam in der Form von Schwatzhaftigkeit, der Unfähigkeit,

den Mund zu halten; dem Trieb, alles auszusprechen, was der Gedanke

erzeugte.

Die Naturwissenschaften lockten ihn. In den Stunden, in denen der

Lehrer der Schulbotanik farbige Figuren von Pflanzen und Bäumen zeigte,

schien ihm das dunkle Zimmer heller zu werden. Wenn der Lehrer aus

Nilssons Fauna über das Leben der Tiere vorlas, dann lauschte er und

merkte sich alles.

Aber der Vater sah, daß es mit den andern Lehrfächern schlecht ging.

Besonders mit Latein. Aber Johan mußte Latein und Griechisch lernen.

Warum? Er war wohl dazu ausersehen, Student zu werden. Der Vater

stellte eine Untersuchung an. Als er vom Lateinlehrer hörte, der halte

seinen Sohn für einen Idioten, muß das sein Selbstgefühl verletzt

haben. Er beschloß, den Jungen aus der Schule herauszunehmen und in

eine Privatlehranstalt zu geben, deren Methoden vernünftiger waren. Ja,

der Vater war so gereizt, daß er sich zu der Vertraulichkeit herabließ,

Johans Verstand zu loben und zum ersten Male etwas Böses über seinen

Lehrer zu sagen.

Indessen hatte diese Berührung mit den ärmeren Klassen bei Johan einen

deutlichen Unwillen gegen die höheren erzeugt. In der Jakobischule

herrschte ein demokratischer Geist: die Gleichalterigen fühlten

sich immer auf gleicher Höhe mit einander. Keiner entzog sich des

andern Gesellschaft aus andern Gründen als persönlicher Abneigung.

In Klara gab es Kastenunterschied und Geburtsunterschied. In Jakob

hätte Vermögen eine Aristokratie bilden können, aber es gab keine

Vermögenden. Und die ganz Armen wurden von den Kameraden mit Teilnahme

behandelt, ohne Herablassung, wenn auch der dekorierte Schulvorsteher

und die akademisch gebildeten Lehrer Widerwillen gegen die Elenden

zeigten.

Johan fühlte sich mit den Kameraden solidarisch und verwandt, war ihnen

wohlgesinnt, empfand aber Scheu vor den Höheren. So wich er den großen

Straßen aus. Ging immer die traurige Holländerstraße oder die arme

Badestubenstraße.

Aber die Kameraden lehrten ihn die Bauern geringschätzen, die hier

ihre Quartiere hatten. Das war Städteraristokratismus, den auch das

unbedeutendste Stadtkind, wie arm es sein mag, eingesogen hat. Diese

eckigen Figuren in grauen Röcken, die auf Milchkarren und Heufuhren

saßen, wurden als lächerliche Menschen behandelt, untergeordnete Wesen,

die man ungestraft mit Schneebällen bewerfen konnte. Sich an deren

Schlitten anhängen, galt für ein selbstverständliches Vorrecht. Sie

anschreien, das Wagenrad drehe sich rund, und sie dazu bringen, sich

das Wunder anzusehen, war ein ständiger Witz.

Aber wie sollten Kinder, die nichts anderes sahen als eine

Gesellschaft, in der das Schwerste unten lag und das Leichteste

oben schwamm, umhin können, das, was unten lag, für schlechter zu

halten? Aristokraten sind wir alle. Das ist allerdings zum Teil wahr,

aber es ist dafür nicht gut, und wir müßten aufhören es zu sein.

Die Unterklasse ist indessen in Wirklichkeit demokratischer als die

Oberklasse: sie will nicht höher steigen, sondern nur auf ein Niveau

kommen. Am liebsten möchte die Unterklasse das Gleichgewicht dadurch

erreichen, daß sie das Niveau herabsetzt; dann braucht sie sich nicht

bis zur Verzweiflung anzustrengen, um sich zu „erheben‟. Es gibt

Aristokraten mit dem Namen Demokraten, die sich zu erheben suchen, um

Druck ausüben zu können, aber sie sind bald durchschaut. Ein wahrer

Demokrat möchte lieber das unberechtigt Erhöhte herabsetzen als sich

„erheben‟. Man sagt von ihm, er wolle einen auf seinen niedrigen

Standpunkt herabziehen. Der Ausdruck ist korrekt, hat aber eine

falsche, häßliche Bedeutung erhalten.

Der Sohn einer Magd · 第 4 / 29 段