über Latein und Rohrstock? Vielleicht! Denn er übersprang später alle
Stellen in Büchern, die von Schulerinnerungen handelten; er las keine
Bücher, die dieses Thema behandelten. Seine schwersten Träume, die er
als Erwachsener hatte, wenn er abends etwas Schweres gegessen oder
einen ungewöhnlich kummervollen Tag gehabt, bestanden dann, daß er sich
in der Klaraschule befand.
Nun verhält es sich so, daß der Schüler eine ebenso einseitige
Vorstellung vom Lehrer bekommt wie die Kinder von den Eltern. Der erste
Klassenlehrer, den er hatte, sah aus wie der Menschenfresser in dem
Märchen vom Däumling. Er schlug stets und sagte, er würde die Kinder so
hauen, daß sie am Boden kriechen sollten; er würde sie kurz und klein
hauen, wenn sie ihre Aufgabe nicht könnten.
Er war indessen nicht so schlimm, denn als er Stockholm verließ,
überreichten Johan und seine Kameraden ihm ein Album; ja, der Lehrer
war recht beliebt, galt für eine alte ehrliche Haut. Der Mann endete
als Landwirt und Held eines Idylls.
Ein anderer galt für ein Ungeheuer an Bosheit. Er schien wirklich aus
Neigung zu schlagen. -- Hol den Rohrstock, so begann er die Stunde,
in der er darauf ausging, so viele wie möglich dabei zu ertappen, daß
sie ihre Aufgabe nicht gelernt hatten. Sein Ende war, daß er sich nach
einem scharfen Zeitungsartikel aufhing.
Als Johan aber Student war, hatte er ihn ein halbes Jahr vor seinem
Tode im Walde der Eulenbucht getroffen und war gerührt worden, als
sich der alte Lehrer über die Undankbarkeit der Welt beklagte. Er
hatte vor einem Jahre von einem früheren Schüler aus Australien einen
Kasten Steine als Weihnachtsgeschenk empfangen. Kameraden des grimmigen
Lehrers sprachen auch von ihm wie von einem wohlwollenden Narren, den
sie zu hänseln pflegten.
So viele Gesichtspunkte, so viele Urteile! Aber noch heute können
alte Klaristen nicht zusammentreffen, ohne sich mit Entsetzen und
Haß über die größte Unbarmherzigkeit auszusprechen, die sich je in
Menschengestalt offenbart habe, wenn sie auch alle anerkennen, daß er
ein ausgezeichneter Lehrer war.
Sie wußten es wohl nicht besser, waren so erzogen, die Alten; und wir,
die ja alles verstehen wollen, sind wohl auch verpflichtet, alles zu
verzeihen.
Das hinderte nicht, daß die Schulzeit, die erste, als eine Lehrzeit für
die Hölle und nicht fürs Leben galt; daß die Lehrer dazusein schienen,
um zu quälen, nicht um zu strafen; daß das ganze Leben wie ein
schwerer drückender Alp Tag und Nacht auf einem lag; es half ja nicht,
daß man seine Aufgaben konnte, wenn man von Hause fortging. Das Leben
war eine Strafanstalt für Verbrechen, die man begangen hatte, ehe man
geboren war; darum lief das Kind fortwährend mit einem bösen Gewissen
herum.
Aber Johan lernte auch etwas fürs Leben.
Klara war eine Schule für Kinder besserer Leute, denn die Gemeinde war
reich. Johan hatte Lederhosen und Schmierstiefel, die nach Tran und
Wichse rochen. Man saß deshalb nicht gern neben ihm, wenn man eine
Samtbluse anhatte.
Er beobachtete auch, daß die, welche arm gekleidet waren, mehr Schläge
kriegten, als die, welche gut gekleidet waren; ja die hübschen Knaben
gingen ganz frei aus. Hätte er damals Seelenkunde und die Lehre vom
Schönen gelernt, hätte er diese Erscheinung verstanden; nun verstand er
sie nicht.
Der Prüfungstag hinterließ eine schöne, unvergeßliche Erinnerung.
Die alten schwarzen Zimmer waren frisch gescheuert; die Kinder
hatten ihre Feiertagskleider an; der Rohrstock war fortgelegt; alle
Hinrichtungen ausgesetzt. Es wär ein Tag des Jubels und Klanges, da
man in diese Marterkammern eintreten konnte, ohne zu zittern. Die
Rangordnung, die in der Klasse am Morgen vorgenommen wurde, bereitete
einige Überraschungen; die Heruntergekommenen stellten Vergleiche
und Betrachtungen an, die nicht immer schmeichelhaft für das Urteil
der Lehrer ausfielen. Die Zeugnisse wurden für ziemlich summarisch
gehalten; mußten es aber wohl sein. Doch die Ferien winkten: bald würde
alles vergessen sein. Bei der Schlußfeier dankte der Erzbischof den
Lehrern, aber die Schüler wurden getadelt und ermahnt. Doch machte die
Anwesenheit der Eltern, besonders der Mütter, die kalten Zimmer warm.
Ein unwillkürlicher Seufzer: warum kann es nicht immer so friedlich
sein wie heute? entrang sich den Lippen der Kinder.
Zum Teil sind die Seufzer erhört worden; die Jugend sieht jetzt nicht
mehr in der Schule eine Strafanstalt, wenn sie auch noch keinen
rechten Sinn in dem vielen überflüssigen Lernen sehen kann.
[Illustration: STRINDBERGS VATER Oskar Strindberg 1865
Aufnahme von Malmberg in Stockholm]
Johan war kein Licht in der Schule, aber auch kein Taugenichts. Da
er infolge seiner früheren Kenntnisse durch Erlaß in die Lehranstalt
eingetreten war, als er das erforderliche Alter noch nicht erreicht
hatte, war er immer der Jüngste. Als er aber nach der zweiten Klasse
versetzt werden sollte, wurde er, trotzdem sein Zeugnis durchaus
genügte, ein Jahr in der Klasse zurückgehalten, um zu reifen. Das war
ein schwerer Rückschlag in seiner Entwicklung. Seine ungeduldige Laune
litt darunter, daß er ein ganzes Jahr die alten Aufgaben noch einmal
lernen mußte. Zwar hatte er viel freie Zeit, aber seine Lust zum Lernen
ließ nach; auch fühlte er sich übergangen. Zu Hause war er der Jüngste,
in der Schule auch, aber nur an Jahren, denn der Verstand war älter.
Der Vater schien seine Lust zum Lernen bemerkt zu haben und ihn
zum Studenten machen zu wollen. Er nahm seine Aufgaben durch, denn
er besaß Elementarbildung. Als aber einmal der Achtjährige mit
seiner lateinischen Übersetzung kam und um Hilfe bat, mußte der
Vater eingestehen, daß er nicht Latein könne. Das Kind fühlte die
Überlegenheit, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Vater sie
auch anerkannte. Der ältere Bruder, der gleichzeitig mit Johan in der
Klaraschule angefangen hatte, wurde schleunigst herausgenommen, weil
Johan eines Tages dem Älteren die Aufgabe zeigte. Es war unverständig
vom Lehrer, es soweit kommen zu lassen, und klug vom Vater, das
Mißverhältnis zu berichtigen.
Die Mutter war stolz auf das Wissen des Sohnes und prahlte damit ihren
Freundinnen gegenüber. In der Familie spukte oft das Wort Student. Bei
dem Studentenkongreß zu Anfang der fünfziger Jahre war die Stadt von
weißen Mützen überschwemmt.
-- Wenn du erst eine weiße Mütze bekommst! sagte die Mutter.
Als Studentenkonzerte abgehalten wurden, sprach man mehrere Tage davon.
Bekannte aus Upsala kamen auch zuweilen nach Stockholm und sprachen
immer von dem frohen Leben, das der Student führe. Ein Kindermädchen,
das in Upsala gedient hatte, nannte Johan den Studenten.
* * * * *
Mitten in dem furchtbaren Geheimnisvollen des Schullebens, in dem das
Kind niemals einen ursächlichen Zusammenhang zwischen lateinischer
Grammatik und dem Leben finden konnte, tauchte etwas neues
Geheimnisvolles auf, um nach einer kurzen Zeit wieder zu verschwinden.
Die neunjährige Tochter des Rektors wohnte den französischen Stunden
bei. Sie wurde mit Absicht auf die hinterste Bank gesetzt, damit sie
nicht gesehen werden sollte; und sich auf dem Platz umzudrehen, war ein
grobes Verbrechen. Sie war indessen im Zimmer und wurde wahrgenommen.
Das körperliche Geschlechtsleben des Knaben war noch nicht erwacht,
aber er, wie wahrscheinlich die ganze Klasse, verliebte sich. Die
Aufgaben in den Stunden, denen sie beiwohnte, gingen immer gut; der
Ehrgeiz war geweckt; niemand wollte in ihrer Gegenwart geprügelt
oder gedemütigt werden. Sie war allerdings häßlich, aber sie war
fein gekleidet. Ihre Stimme klang weicher als die der Knaben, die
Stimmwechsel hatten, und des Lehrers gestrenges Gesicht lächelte, wenn
er zu ihr sprach. Wenn er ihren Namen aufrief, wie schön der klang! Und
ein Vorname unter all diesen Familiennamen!
Johans Liebe äußerte sich in einer stillen Traurigkeit. Er konnte nicht
mit ihr sprechen, und würde es auch nicht gewagt haben. Er fürchtete
sie und sehnte sich nach ihr. Wenn aber jemand ihn gefragt hätte, was
er von ihr wolle, hätte er es nicht sagen können. Er wollte nichts von
ihr. Sie küssen? Nein, man küßte sich in seiner Familie nicht. Sie
anfassen? Nein! Viel weniger also sie besitzen. Besitzen? Was sollte er
mit ihr machen? Er fühlte, daß er an einem Geheimnis trug. Das quälte
ihn so, daß er litt, und sein ganzes Leben dunkel wurde. Eines Tages
nahm er zu Hause ein Messer und sagte: ich schneide mir den Hals ab.
Die Mutter glaubte, er sei krank. Was es war, konnte er nicht sagen. Er
war damals etwa neun Jahre alt.
Wären es nun ebensoviel Mädchen wie Knaben in der Schule gewesen,
und in allen Stunden, wären wahrscheinlich kleine unschuldige
Freundschaftsverbindungen entstanden; die Elektrizitäten wären
abgeleitet worden, die Madonnenverehrung auf ihr richtiges Maß
herabgesetzt, unrichtige Begriffe vom Weib hätten nicht ihn und seine
Kameraden durchs Leben begleitet.
* * * * *
Des Vaters beschauliche Natur, seine Menschenscheu nach den
Niederlagen; der Verruf, in den er bei der Gesellschaft durch seine
anfangs ungesetzliche Verbindung mit der Mutter geraten war, all das
hatte ihn dazu gebracht, sich nach der Nordzollstraße zurückzuziehen.
Da hatte er ein Vorstadthaus mit einem großen Garten gemietet, mit
ausgedehnten Kuhweiden, mit Pferdestall, Viehstall, Gewächshaus. Er
hatte immer das Land geliebt und gern das Feld bestellt. Früher hatte
er einmal ein kleines Gut vor der Stadt gemietet, hatte es aber nicht
bewirtschaften können. Jetzt wollte er einen Garten haben, vielleicht
sowohl für sich selbst wie für die Kinder; diese bekamen nun eine
Erziehung, die etwas an die von Rousseaus Emile erinnerte.
Durch lange Bretterzäune war das Grundstück von den benachbarten
getrennt. Die Nordzollstraße war eine Baumallee, die noch keine
gepflasterten Bürgersteige hatte und wenig bebaut war. Sie wurde
meist von Bauern und Milchwagen befahren, die nach und von dem
Heumarkt kamen. Leichenwagen, die zum Neuen Kirchhof hinauszogen;
Schlittenpartien nach der Brunnenbucht; junge Leute, die nach den
Wirtshäusern vor der Stadt fuhren: das war der weitere Verkehr.
Der Garten, der das kleine einstöckige Haus umgab, war groß. Lange
Alleen mit wenigstens hundert Apfelbäumen und unzähligen Beerenbüschen
kreuzten sich. Dichte Lauben aus Flieder und Jasmin waren hier und
dort angepflanzt, und in einer Ecke stand noch eine gewaltige alte
Eiche. Da war es schattig, geräumig und gerade so weit verfallen, daß
es stimmungsvoll war. Östlich vom Garten erhob sich ein Hügelzug,
der mit Ahorn, Birke, Eberesche bewachsen war. Ganz oben stand ein
Tempel aus dem vorigen Jahrhundert. Die andere Seite des Hügelzugs war
zwar hier und dort nach Kies angegraben, der sich nicht als ergiebig
erwiesen, bot jedoch schöne Partien von Tälchen mit Faulbeerbäumen und
Gesträuchen aus Weiden und Dornbusch. Von dieser Seite sah man weder
Haus noch Straße. Nur wenige vereinzelte Häuser waren weit entfernt zu
sehen, dagegen Tabakscheunen und Gärten in Unendlichkeit.
Man sollte also das ganze Jahr über auf Sommerfrische wohnen, und
dagegen hatten die Kinder nichts einzuwenden. Jetzt konnte Johan aus
nächster Nähe die Geheimnisse und Schönheiten des Pflanzenlebens sehen
und entdecken; und der erste Frühling war eine wunderbare Zeit der
Überraschungen.
Wenn die frisch umgegrabene Erde mit ihrer tiefen Schwärze unter dem
weißen und hellroten Sonnenzelt der Apfelbäume lag, wenn die Tulpen in
ihren orientalischen Farben leuchteten, da war es für ihn feierlich
im Garten; feierlicher als bei der Prüfung und in der Kirche, den
Weihnachtsgottesdienst nicht ausgenommen.
Die Folge war, daß das körperliche Leben sich beschleunigte. Die
Knaben wurden in die Bäume hinauf geschickt, um das Moos von den Ästen
zu kratzen; sie reinigten die Beete von Unkraut; schaufelten Wege,
begossen und harkten. Der Viehstall war von einer Kuh bevölkert, die
kalbte. Der Heuboden wurde zur Schwimmschule, indem man von den Balken
herabsprang; das Pferd im Stall wurde zur Tränke geritten.
Die Spiele auf dem Hügelzug wurden wild; Steinblöcke wurden
hinabgerollt, Baumwipfel geentert, Streifzüge unternommen.
Die Wälder und Gebüsche des Hagaparkes wurden durchsucht; in den
Ruinen stieg man auf junge Bäume und fing Fledermäuse; die eßbaren
Eigenschaften von Sauerklee und Engelsüß wurden entdeckt; Vogelnester
geplündert. Bald wurde auch das Pulver erfunden, nachdem man Pfeil und
Bogen abgelegt, und zu Hause auf den Hügeln wurden bald Kramtsvögel
geschossen.
Die Folge war eine gewisse Verwilderung. Die Schule wurde immer
widriger und die Straßen der Stadt immer unangenehmer.
Zu gleicher Zeit begannen die Jugendbücher die Rückkehr zur Natur zu
fördern. Robinson war epochemachend, und Die Entdeckung Amerikas,
Der Skalpjäger und andere weckten einen aufrichtigen Ekel vor den
Schulbüchern.
Die Wildheit nahm während der langen Sommerferien so zu, daß die Mutter
die unbändigen Knaben nicht mehr lenken konnte. Sie wurden zuerst
versuchsweise in die Schwimmschule nach dem Ritterholm geschickt, aber
der halbe Tag wurde unterwegs auf den Straßen verbracht. Schließlich
faßte der Vater den Entschluß, die drei ältesten auf dem Lande in
Pension zu geben; den Rest vom Sommer sollten sie dort bleiben.
3.
+Fort von Hause.+
Er steht auf dem Vorderdeck eines Dampfers, der mitten auf dem
Inselmeer dahinfährt. Es ist während der Fahrt so viel zu sehen
gewesen, daß er keine Langeweile empfunden hat. Jetzt aber ist es
Nachmittag, der immer etwas Trauriges hat wie das erste Alter; die
Schatten der Sonne fallen so neu und verändern alles, ohne wie die
Nacht alles zu verbergen. Er beginnt etwas zu vermissen. Er hat ein
Gefühl von Leere; er fühlt sich verlassen; glaubt etwas abgebrochen
zu haben. Er will nach Hause; und die Verzweiflung, daß er das nicht
sofort kann, erfaßt ihn so, daß er sich entsetzt und weint. Als die
Brüder ihn fragen, warum er weine, antwortet er, er wolle nach Hause
zu Mama. Sie lachen ihn aus. Jetzt aber taucht das Bild der Mutter
auf. Ernst, milde, lächelnd erscheint sie ihm. Hört ihre letzten Worte
beim Dampfer: Sei gehorsam und höflich gegen alle Menschen, achte auf
deinen Anzug und vergiß nicht dein Abendgebet. Er denkt daran, wie
ungehorsam er gegen sie gewesen ist, und er fragt sich, ob sie krank
ist. Ihr Bild steigt auf, gereinigt, verklärt, und zieht ihn an mit den
niemals reißenden Fäden der Sehnsucht. Diese Sehnsucht nach der Mutter
begleitete ihn durchs ganze Leben. War er zu früh zur Welt gekommen?
War er nicht ausgetragen worden? Was hielt ihn so mit der Mutter
verbunden?
Darauf erhielt er nie eine Antwort, weder in den Büchern noch im
Leben; aber die Tatsache blieb bestehen: er wurde nie er selbst,
nie ein abgeschlossenes Individuum. Er blieb eine Mistel, die nicht
wachsen konnte, ohne von einem Baum getragen zu werden; er wurde
eine Kletterpflanze, die eine Stütze suchen mußte. Er war von Natur
schwächlich und furchtsam; er übte sich in allen männlichen Sportarten,
war ein guter Turner, ritt auf fliegendem Pferd, führte alle Arten
Waffen, schwamm und segelte: aber nur, um nicht schlechter als die
andern zu sein. Sah niemand zu, wenn er badete, kroch er ins Wasser;
sah einer zu, warf er sich kopfüber vom Dach des Badehauses hinein.
Er fühlte seine Bangigkeit und wollte sie verbergen. Er fiel niemals
Kameraden an; wurde er aber angegriffen, schlug er zurück, auch wenn
der Gegner stärker war. Er kam erschrocken zur Welt und lebte in einem
beständigen Schreck vor Leben und Menschen.
Der Dampfer läßt die Inseln zurück, das Meer öffnet sich: eine blaue
Fläche ohne Strand. Das neue Schauspiel, der frische Wind, die
Munterkeit der Brüder heitert ihn auf. Er denkt daran, daß er bald
achtzehn schwedische Meilen auf der See gefahren ist, als der Dampfer
in die Bucht von Nyköping einfährt.
Als der Landungsteg gelegt ist, kommt ein Mann mittleren Alters mit
hellem Backenbart auf den Dampfer, spricht mit dem Kapitän und nimmt
die Knaben in Empfang. Er sieht freundlich aus und ist heiter. Es ist
der Küster von Vidala.
Am Strande steht eine Droschke mit einer schwarzen Mähre. Bald sind sie
in der Stadt und halten auf dem Hof des Kaufmanns, wo auch die Bauern
einkehren. Es riecht nach Hering und Dünnbier auf dem Hofe, und das
Warten wird unerträglich. Er fängt noch einmal an zu weinen. Endlich
kommt Herr Lindén und bringt auf einem Bauernwagen das Gepäck. Nach
vielen Händedrücken und kleinen Gläsern geht's aus der Stadt heraus. Es
ist Abend, als man den Zoll passiert.
Brachfelder und Feldzäune öffnen eine weite, öde Fernsicht. Über roten
Dörfern ist in der Ferne ein Waldrand zu sehen. Durch den Wald muß
man hindurch, und man hat drei Meilen zu fahren. Die Sonne geht unter
und man fährt durch den dunkeln Wald. Herr Lindén plaudert und sucht
den Mut der Knaben aufrechtzuerhalten. Er spricht von Spielkameraden,
Badestellen, Erdbeerpflücken. Johan schläft ein. Erwacht bei einem
Wirtshaus, in dem berauschte Bauern lärmen. Die Pferde werden
ausgespannt und getränkt.
Die Fahrt geht weiter durch dunkle Wälder. Bei den Anhöhen muß man
absteigen und gehen. Die Pferde rauchen und schnauben, die Bauern auf
dem Gepäckwagen scherzen und trinken, der Küster plaudert mit ihnen und
macht Witze. Und dann fährt man wieder und schläft ein. Erwacht wieder,
steht auf und rastet. Noch mehr Wälder, in denen früher Räuber gehaust
haben; schwarze Fichtenwälder unter dem Sternenhimmel, Hütten und
Zauntüren. Der Junge ist ganz verwirrt und nähert sich dem Unbekannten
mit Beben.
Schließlich wird die Landstraße eben; heller wird's, und die Wagen
halten vor einem roten Hause. Diesem Hause gegenüber steht ein hohes,
schwarzes Gebäude. Eine Kirche. Wieder eine Kirche. Eine alte Frau,
wie er glaubt, groß und mager, kommt und empfängt die Kinder, um sie
in ein Zimmer zu ebener Erde zu führen, in dem ein Tisch gedeckt ist.
Sie hat eine scharfe Stimme, die nicht freundlich klingt, und Johan ist
bange. Man ißt im Dunkeln, aber das Essen schmeckt nicht, denn es ist
ungewöhnlich; man ist müde und das Schluchzen sitzt einem im Halse.
Dann wird man auf die Bodenkammer hinaufgeführt, immer im Dunkeln;
kein Licht wird angesteckt. Es ist eng; Bettstellen stehen da, und auf
Stühlen und am Boden sind Betten gemacht; es riecht furchtbar. Die
Bettdecken bewegen sich und ein Kopf erscheint. Dann noch einer. Man
kichert und flüstert, aber die Kömmlinge können keine Gesichter sehen.
Der älteste Bruder bekommt ein eigenes Bett, aber Johan und der zweite
Bruder sollen mit den Füßen gegeneinander liegen. Das ist neu. Nun,
sie kriechen hinein und ziehen an der Decke. Der große Bruder streckt
sich ungeniert aus, aber Johan erhebt Einspruch gegen den Übergriff.
Sie treten sich und Johan wird geschlagen. Er weint sofort. Der älteste
Bruder schläft bereits.
Aus einer Ecke tief unten am Boden ertönt eine Stimme.
-- Liegt still, Bengels, und schlagt euch nicht.
-- Was sagst du? antwortet der Bruder, der ein kühner Junge ist.
Die Baßstimme antwortet:
-- Was ich sage? Ich sage, er soll den Kleinen nicht quälen!
-- Geht das dich etwas an?
-- Ja, das geht mich an. Komm her, ich werde dich durchhauen.
-- Durchhauen? Du?
Im Hemd steht der Bruder auf. Der Baß kommt ihm entgegen. Es ist ein
vierschrötiger Junge mit breiten Schultern; das ist alles, was man
sehen kann. In den Betten richten sich viele Zuschauer auf.
Sie schlagen sich und der große Bruder kriegt Prügel.
-- Nein, schlag ihn nicht; schlag ihn nicht.
Der kleine Bruder wirft sich dazwischen. Er konnte niemals sehen,
daß einer von seinem Blut Schläge bekam oder sonst zu leiden hatte,
ohne es in seinen Nerven zu fühlen. Wieder seine Unselbständigkeit,
die unlösbaren Blutsbande, die Nabelschnur, die nicht durchschnitten
werden, nur abgenagt werden konnte.
Dann wird es still und der Schlaf kommt, der bewußtlose, der dem Tode
gleichen soll und der darum so viele zur vorzeitigen Ruhe verlockt hat.
* * * * *
Ein neues Leben beginnt. Die Erziehung ohne Eltern; denn der Knabe
ist draußen in der Welt unter fremden Menschen. Er ist furchtsam
und vermeidet sorgfältig, daß er getadelt werden kann. Greift
niemand an, aber verteidigt sich gegen Übergriffe. Übrigens sind die
Knaben zahlreich genug, um Gleichgewicht halten zu können; und die
Gerechtigkeit wird von dem Breitschultrigen ausgeübt, der einen Buckel
hat, vielleicht aber darum immer dem Schwächeren hilft, wenn dieser
ungerecht angefallen wird.
Des Vormittags wurde gelernt; vorm Essen gebadet; nachmittags draußen
gearbeitet. Man jätet im Garten, trägt Wasser von der Quelle, putzt
die Pferde im Stalle. Es ist der Wunsch des Vaters, daß die Kinder
körperlich arbeiten sollen, obwohl sie die gewöhnliche Pension zahlen.
Aber Johans Gehorsam und Pflichtgefühl reicht nicht aus, um ihm das
Leben erträglich zu machen. Die Brüder ziehen sich Tadel zu, und
darunter leidet er ebensosehr. Er fühlt sich mit ihnen solidarisch und
wird diesen Sommer nicht mehr als ein Drittel Mensch. Andere Strafe
als Stubenarrest kommt nicht vor, aber Tadel ist genug, um ihn zu
beunruhigen. Die Arbeit macht seinen Körper stark, aber die Nerven sind
ebenso empfindlich gegen Eindrücke. Bald trauert er um die Mutter,
bald ist er äußerst aufgeräumt und leitet die Spiele, besonders die
ausgelassenen. Im Kalksteinbruch Steine lösen, auf dem Boden des
Steinbruchs Feuer anzünden, auf Brettern steile Berge hinunterrutschen.
Furchtsam und verwegen, ausgelassen und grüblerisch: kein Gleichgewicht.
Die Kirche stand auf der andern Seite der Landstraße und warf mit ihrem
pechschwarzen Dach und ihrer leichenweißen Wand einen Schatten über
das sommerliche Gemälde. Grabkreuze ragen über die Kirchenmauern und
gehören schließlich zu seiner täglichen Fensteraussicht. Die Kirche
schlägt nicht den ganzen Tag über wie die Klarakirche in Stockholm,
aber abends um sechs Uhr dürfen die Knaben mit der Leine, die vom Turm
herunterhängt, läuten. Es war ein großer Augenblick, als er zum ersten
Male an die Reihe kam. Er fühlte sich fast als Beamten der Kirche, und
als er drei Male die drei Schläge zählte, glaubte er, Gott, Pastor,
Kirchspiel würden zu Schaden kommen, wenn er einmal zuviel anschlage.
Sonntags durften die großen Knaben in den Turm hinaufsteigen und
die Glocken läuten. Dann stand Johan auf der dunkeln Holztreppe und
bewunderte sie.
Später im Sommer kam eine Bekanntmachung mit schwarzen Rändern. Als sie
in der Kirche vorgelesen wurde, entstand große Aufregung. König Oscar
I. war gestorben. Man erzählte viel Gutes von ihm, wenn auch niemand
ihn gerade betrauerte. Jetzt aber wurde täglich zwischen zwölf und eins
geläutet.
Die Kirchenglocken schienen ihn zu verfolgen.
Auf dem Kirchhof spielte man zwischen den Gräbern, und die Kirche wurde
ihm bald vertraut. Des Sonntags wurden alle Pensionäre aufs Orgelchor
geschickt. Wenn der Küster das Kirchenlied begann, waren die Knaben
an den Stimmen aufgestellt: bei einem Nicken des Meisters wurden alle
Stimmen auf einmal ausgezogen und die Jugend brach los im Chor. Das
machte immer eine große Wirkung auf die Gemeinde.
Indem er die heiligen Dinge aus der Nähe sah und selber mit dem Zubehör
zum Kultus zu tun hatte, wurden die hohen Dinge ihm bald vertraut und
seine Ehrfurcht verringerte sich. So erhob ihn das Abendmahl nicht
mehr, als er am Abend vorher in der Küche des Küsters von dem heiligen
Brot gegessen hatte; dort wurde es gebacken und mit einer Stanze
gestempelt, auf die das Kruzifix graviert war. Die Knaben aßen es und
nannten es Mundlack. Einmal wurde er nach dem Abendmahl zusammen mit
den Kirchenvorstehern in die Sakristei geladen und bekam dort Wein zu
trinken.