24. Auch sieht man bei einem marmornen Aschtopfe,

Die Figur von einem weißen Todtenkopfe,

Dabei steht ein großes lateinisches ^A^,

Und es bedeutet solcher Buchstabe: _Amalia_.

[Illustration]

25. Herr Jobs ging um dieses Monuments willen

Abends und Morgens oft dahin im Stillen,

Und da fielen ihm gemeiniglich allerlei

Erbauliche und traurige Gedanken bei.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Wie Herr Jobs nun ein reicher Mann war, und wie er sich nach dem Tode

der Frau van der Tangen beging.

1. Besage der vorhandenen Annotationsbücher,

Fand Herr Jobs 2800000 Reichsthaler sicher

Zu Amsterdam, London und Hamburg blank

Als Kapitalien stehen in der Bank.

2. Das übrige Gut an Wechseln und Obligationen

Betrug mit obigen ohngefähr drei Millionen,

Und der Werth von dem Gute Schönhain

War, bei meiner Treue! auch nicht klein.

3. Er war bemüht, der Frau van der Tangen letzten Willen,

Ratione der Legaten pünktlich zu erfüllen,

Und alles übrige in runder Summ'

War nun sein rechtmäßiges Eigenthum.

4. Er ehrte zwar dies übergroße Vermögen

Als einen unverhofften, nicht verwerflichen Segen,

Hielt sich aber doch weder glücklicher

Noch größer, als er ware vorher.

5. Er befand sich vielmehr bei seinem Gelde und Gute

Lange nicht so behaglich noch bei gutem Muthe,

Als er im Ohnwitzer Pfarrstand

Sich noch vor einigen Monaten befand.

6. Es ist ihm damals vor andern allen

Sein Eintritt in Schönhain eingefallen,

Und da gedachte er an das alte Paar,

Deren Gast er bei seiner Ankunft war.

7. Um sie in ihrem Alter baß zu erfreuen,

Kaufte er eine der schönsten Meiereien,

Und gab seiner Baucis und ihrem Philemon

Dieselbe für damalige Bewirthung zum Lohn.

8. Er hat auch an seine Schwester Esther geschrieben,

Damit sie es wisse, wo er sei geblieben,

Und daß sie bei ihm in seinem Schönhain

Nächstens würde willkommen sein.

9. Auch seinen Schildburger Anverwandten

Und den daselbst wohnenden Bekannten

Machte er seinen jetzigen Wohlstand

Zu ihrer freudigen Nachricht bekannt.

10. Auch hielt er's für eine der größten Pflichten,

Dem Herrn von Ohnwitz sein Glück zu berichten,

Bekam aber gar keine Antwort;

Denn bekanntlich war der Herr von da fort.

11. Was er sonst Gutes zu Schönhain verrichtet,

Davon bin ich nicht genau unterrichtet,

Wir sind also nun darauf bedacht,

Zu sehen, was seine Schwester Esther macht.

12. Aus folgendem Briefe läßt sich ersehen,

Wie auch alle übrigen Sachen sonst stehen,

Er lief mit der Post nach Schönhain

Als Antwort von Mamsell Esther ein.

Dreißigstes Kapitel.

Ein Brief von Mamsell Esther an Herrn Jobs, worin viele neue Märe

enthalten ist, von dem alten Herrn von Ohnwitz, wie auch von dessen

Herrn Sohne, und so weiter.

1. »_Mein theuerster Bruder!_ Dein gutes Geschicke

Gereicht mir zum größesten Vergnügen und Glücke,

Auch noch mehrere Deiner Freunde sind hier

Und alle freuen sich herzinnig mit mir.

2. Denn es haben zu Rudelsburg vor einigen Wochen

Der alte Herr von Ohnwitz und seine Gemahlin eingesprochen,

Und hieselbsten eine sichere Zuflucht

Für die Verfolgung der Feinde gesucht.

3. Auch ist vorgestern wider alles Verhoffen

Der junge Herr von seiner Reise eingetroffen,

Denn ihm ward schon der traurige Zustand

Von Ohnwitz an der Grenze bekannt.

4. Entblößt von Geld und andern Nothdürftigkeiten

Erwarten sie hier alle zwar bessere Zeiten;

Aber ich denke, bei Dir zu Schönhain

Werden sie besser als in Rudelsburg sein.

5. Es ist Dir also, mein bester der Brüder!

Ihr Besuch angenehm und nicht zuwider?

Ein Brief noch von Dir und alle wir

Machen uns auf die Reise zu Dir.

[Illustration]

6. Tausend Grüße und herzliche Empfehlungen

Von der gnädigen Frau und dem alten und jungen

Baron. Ich verbleibe, nach altem Gebrauch,

Deine treue Schwester bis zum letzten Hauch.«

7. Dieser Brief verursachte gewaltige Regung

Bei Herrn Jobs, und ohne lange Ueberlegung

Packte er ein Paar tausend Thaler ein

Nebst einer Invitation nach Schönhain.

8. Er sandte alles durch eine Staffette,

Und als wenn es irgendwo gebrennet hätte,

Jug dieselbe Tag und Nacht durch,

Bis sie ankam zu Rudelsburg.

9. Ohngefähr nach verstrichenen vierzehn Tagen

Trafe in einem gemächlichen Wagen

Die Ohnwitzer Familie zu Schönhain

Und Mamsell Esther zugleich mit ein.

Einunddreißigstes Kapitel.

Wie Herr Jobs und die herrschaftliche von Ohnwitzische Familia sich des

Wiedersehens gefreuet haben, und wie Herr Jobs seinen lieben Gästen

alles zum besten gibt, als wäre es ihr pröperliches Eigenthum, und wie

man da alle Kriegesplage vergessen hat, und auf einem freundschaftlichen

Fuß gelebet hat, und daß es Ueberfluß sei, die Freude des Hieronimus

besonders zu beschreiben.

1. Wie man sich des Wiedersehens gefreuet

Und zu Schönhain ein jeder gejubeleiet,

Und besonders die Freude des Herrn Hieronimus

Hier zu beschreiben, wäre Ueberfluß.

2. Er gab seinen angenehmen Ohnwitzer Gästen

Alles, was er hatte, dermaßen zum besten,

Als wäre zu Schönhain rund herum

Alles ihr pröperliches Eigenthum.

3. Man vergaß gerne in dieser fröhlichen Lage

Die vorherige erlittene Kriegesplage,

Und lebte auf dem Gute des Hieronimus

Zusammen auf dem freundlichsten Fuß.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Fortsetzung des funfzehnten Kapitels, und wie Umstände die Sachen

verändern, und wie die Liebe des jungen Barons und seiner Stehre einen

guten Fortgang zu gewinnen scheinet.

[Illustration]

1. Wir wollen jetzt einmal wieder zurückkehren

Zum jungen Herrn von Ohnwitz und seiner Stehren,

Damit der geneigte Leser seh',

Ob die Liebe noch beim Alten besteh'.

2. Seit Stehrens Rudelsburger Aufenthalte

Entstund in dem Romane zwar etwas Halte,

Weil auf jeden Brief, den der Baron schrieb,

Von Ohnewitz die Antwort ausblieb.

3. Er kam also auf den fatalen Gedanken,

Stehrens Liebe möchte vielleicht etwas wanken,

Oder, welches gar noch schlimmer sei,

Sie möchte ihm völlig sein ungetreu.

4. Nachdem er nun seine Reise hatte geendet,

Und sich nach Rudelsburg aus Noth gewendet,

Welch Glück, als er unvermuthet da

Seine geliebte Stehre hier wieder sah!

5. Ware gleich ihre Liebe einige Zeit gehindert,

So war sie doch um kein Quentchen schwer gemindert,

Und so fing der abgebrochne Roman

Zu Schönhain wieder ^de novo^ an.

6. Manches Spiel mit zärtlich gegnenden Blicken,

Heimliches Seufzen, verstohlnes Händedrücken,

Einsames Spazieren, abendlicher Convent

Bei den Linden und Amaliens Monument,

7. Wandeln Hand in Hand durch blumige Thale,

Sich erquicken am keuschen silbernen Mondstrahle,

Girren und Tändeln und verliebte Sprach',

Hatte alles seinen Fortgang vor wie nach.

8. Der alte Herr hat dies nun zwar gesehen,

Ließ es aber diesmal tacite geschehen;

Auch die vernünftige gnädige Frau

Nahm dies Ding nicht mehr so genau.

9. Denn Umstände pflegen in menschlichen Sachen

Mancherlei wichtige Veränderungen zu machen,

Und nach dem latein'schen Sprüchwort heißt es:

^Circumstantiae variant res.^

10. Auch Herr Jobs hat dazu stillgeschwiegen,

Mochte die Liebenden nicht kränken oder rügen,

Und dachte vielleicht in seinem Herzen dabei,

Daß es alles so der Wille des Himmels sei.

11. Als der junge Herr noch einmal bei den Alten

Um die Einwilligung in seine Liebe angehalten,

Nahm man ihm solches so übel nicht mehr,

Als man es hatte genommen vorher.

12. Es entstanden doch noch zuweilen abseiten

Der gnädigen Eltern einige Schwierigkeiten;

Denn ein bürgerliches Mädchen zu trau'n,

War ihrem Magen noch schwer zu verdau'n.

13. Herr Jobs ward dieses mehrmalen inne,

Und nun kam ihm von ohngefähr im Sinne,

Daß er von seinem Vater es mehrmals vernahm,

Die Jöbse wären vom altadligen Stamm;

14. Auch daß die Vorfahren mütterlicher Seite

Wären gewesen gar ansehnliche Leute,

Und davon ein schriftliches Dokument

In Schildburg bei seinem Bruder sich fänd'.

15. Er hat darum sofort an ihn geschrieben,

Auf Uebersendung der gedachten Schrift getrieben,

Und der sandte dann auch des Documents

Original ihm nach Schönhain eilends.

16. Es enthielt die Jobsschen Familiennachrichten

Und manche drin vorgekommene Geschichten;

Ich liefere davon kürzlich und exact

Im folgenden Kapitel einen Extract.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Nachricht von der Jobsischen adligen Familie, welche anfangs von Schöps

hieß.

1. Erstlich ist zu merken, daß die männlichen Jöbse

Anfangs hießen die Herren _von Schöpse_;

Draus ward hernach der Name _von Schops_,

^Ex post^ _Schops_ und endlich gar _Jobs_.

2. Aber der Stammbaum der Herren von Schöpse

Oder der nachherigen Herren Jöbse

War unwidersprechlich sehr alt,

Und ihr Geschlechtswappen von guter Gestalt.

3. Denn es ist längst irgendwo zu lesen,

Daß in Noahs Arche schon ein Schöps gewesen;

Weil aber damals noch Niemand war Baron,

So schrieb sich derselbe auch nicht Herr _von_.

4. Ja, wollte man der Geschichte weiter nachspüren,

So würde sich leicht der Schöpsen Ursprung verlieren

In das allergraueste Alterthum,

Vielleicht gar bis ins erste Weltsäculum.

5. Aber dieses genauer auszumachen,

Würde zu viel Untersuchung verursachen,

Und zu einem ganz completen Stammbaum

Der Schöpsenfamilie wäre kaum Raum.

6. So viel ist gewiß, daß die Vorfahren

Dieses Geschlechts ansehnliche Personen waren,

Und sowol im Lehr- als im Wehrstand

Viel wichtige Stellen bekleideten im Land.

7. Die authentisch eingezogenen Nachrichten

Aus alten Geschichtschroniken berichten,

Daß schon zur Zeit des Majordomus Pipin

Mancher Schöpse bei Hofe erschien.

8. Auch zu Kaisers Caroli magni Zeiten

Thaten ihn einige Schöpse im Kriege begleiten,

Und einer, genannt _German von Schöps_, war

Titularhofrath beim ersten Lothar.

9. Dessen Sohn _Bruno_ heirathete an Ludwigs Hofe

Eine artige kaiserliche Kammerzofe,

Und bekam im ersten Vierteljahr schon

Von ihr einen unerwarteten Sohn.

10. Die Geschichte verschweiget seinen Taufnamen;

Aber zur Zeit, als die Hunnen nach Deutschland kamen,

Lebte er auf einem eignen Gut

Und zahlte geduldig Schatzung und Tribut.

11. Er hinterließ einen Sohn, der war Fähnrich

Unterm berühmten Vogelfänger Kaiser Henrich;

Ob er vielleicht weiter avancirt,

Wird in der Stammgeschichte nicht berührt.

12. Er hieß _Wilhelm_ und blieb unter zwei Ottonen

Ruhig und still auf seinem Gute wohnen;

Im übrigen weiß man von ihm gewiß:

Er erzielte mit seiner Gemahlin Margaris

13. Verschiedene Kinder, sowol Söhne als Töchter;

Davon entsprossen viele Nebengeschlechter

Des uralten Schöpsenstamms, die nach der Zeit

Sich durch's ganze Europa befinden zerstreut.

14. Dieser obgedachte Herr Wilhelmus

Hatte unter andern 'nen Sohn, genannt _Anselmus_;

Diesem gab man aus dringender Noth schon früh

Eine kluge Gattin zur Compagnie;

15. Denn nach dem Bericht des Stammbaums befande

Er sich sehr schwach und elend am Verstande.

Dieses war dann auch wol mehrmal

In der von Schöpsschen Familie der Fall.

16. Herr Anselm ließ, ohne sich zu geniren,

Von seiner Frau in allem sich leiten und führen,

Und aus dieser Ehe kam ein Sohn herfür,

Den nannte man in der Taufe _Kasimir_.

17. Dieser half dem Kaiser im Feldzug gegen die Vandalen

Durch Verproviantirung der Armee damalen

Mit zweihundert Stück fetten Hämmeln aus,

Er für seine Person blieb aber zu Haus;

18. Kam deswegen sehr beim Kaiser in Gnaden,

Hat ihn gar einmal selbst zu Gaste geladen,

Und dieser that ihm dafür die Ehr',

Dem Schöps im Wappen zu geben ein Horn mehr.

19. (Denn im uralten Familienschilde

War auf'm rothen Balken ein Schöpsgebilde

Zierlich bis zur Hälfte aufgestellt,

Von schwarzer Farbe im silbernen Feld.)

[Illustration]

20. Dieser Vorzug läßt, jedoch in allen Ehren,

Sich vielleicht aus Nebenursachen erklären,

Denn die Geschichte sagt, Casimirs Hausfrau

Seie gewesen sehr schön und schlau.

21. Dessen Sohn _Guido_ war fast immer kränklich;

Dies machte nun das Kinderzeugen etwas bedenklich,

Jedoch der brave gesunde Burgpastor

Sorgte mittlerweile davor.

22. Denn Guido's Gemahl _Hedwig_ war desto gesünder,

Und sie brachte ein Stück oder sieben Kinder,

Außer dem ältesten Sohne _Christheld_,

Ohne sonderliche Wehen zur Welt.

23. Christheld ist vorzüglich im Stammbaum wichtig,

Denn er wog im vierundzwanzigsten Jahre richtig

328 Pfund, und weder vor- noch nachher

Ward kein Schöps erfunden so schwer.

24. (Zwaren war's der Familie schier eigenthümlich,

Denn alle aus ihr, besonders die Männer, waren ziemlich

Fett, und diese Constitution

Erbte immer vom Vater auf'n Sohn.)

25. Sein Bauch glich schon früh einem Braukessel;

Er trauete sitzend in einem Polstersessel

Die durch ihre Schönheit berühmte _Gordoin_,

Aus welcher Ehe ein Sohn erschien,

26. Namens _Peter_, ihm fast gleich an Dicke;

Seine Gemahlin aber hieße _Friederike_,

Welche ihm einen Sohn hinterließ,

Der ebenfalls, wie sein Vater, _Peter_ hieß.

27. Ich kann übrigens von diesen beiden Helden

Eben nichts Rühmliches sagen oder melden,

Als daß des letztern Gemahlin 'nen Sohn gebar,

Der Großvaters und Vaters Bilde ähnlich war.

28. Er hieß _Florenz_ und war ein Gebieter

Ueber verschiedene sehr ansehnliche Güter,

Lebte, aß, trank, schlief als ein Dynast,

Und war andern und sich selbst zur Last.

29. Doch erweckte er seiner Hausfrau _Magdalene_

Nebenbei einige Töchter und Söhne;

Vor allen bemerkt die Geschichte davon

Den ältesten Sohn, genannt _Gideon_.

30. Der ging als Schildknapp' zum Herzog _Welfen_,

Um dem Papst wider die Ghibelliner zu helfen;

Er machte auch jenen berühmten Ritt

Auf einem Mädchen aus Weinsberg mit.

31. Dieser Ritt war lieblich anzuschauen;

Er nahm es hernach zu seiner Hausfrauen,

Denn das Mädchen war zärtlich und fein

Und gebar ihm gar bald ein Töchterlein.

32. Er hinterließ auch noch vor seinem Absterben

Einen Sohn, genannt _Reimarus_, zum Erben;

Der ward getauft, nahm eine Gemahlin

Und ward versammelt zu seinen Vätern hin.

33. War aber bei Leibes Leben lustig und gutes Muthes;

Seine Gattin, eine adlige Wittwe, hieß _Gertrudes_,

Und er zeugte mit ihr auf gewöhnliche Art

Einen gesunden Sohn, genannt _Gerhard_.

34. Dieser saß gern bei vollen Humpen und Kannen,

Hatte im Solde viele streitbare Mannen,

Vermehrte, wo er konnte, stattlich sein Gut

Und vergoß durch Faustkriege vieles Blut.

35. Er beraubte auß- und innerhalb seiner Veste

Sowol reisende Fremde als einkehrende Gäste,

Und wurde deswegen zugenannt:

Junker Gerhard _mit der eisernen Hand_.

36. Er entführte einst zu seinem Ehebette

Ein sehr hübsches Fräulein, genannt _Hette_,

Vergaß eine Zeitlang das Waffengeklirr

Und zeugte mit ihr den Sohn _Lodomirr_.

37. Gerhard war sonderlich ein Feind der Pfaffen,

Machte benachbarten Klöstern viel zu schaffen,

Fing mit Nonnen allerlei Streiche an,

Und kam darüber sogar in Bann.

38. Um nun wegen begangner vielen Sünden

Beim annahenden Alter Absolution zu finden,

Ergriff er in der Angst den Pilgerstab

Und wallte nach Jerusalem zum heil'gen Grab.

39. Mittlerweil er wiederkam von der Pilgerstraßen,

War, außer dem Sohn, den er hinterlassen,

Mirakulöser Weise von Frau Hetta

Noch ein vierteljähriges Söhnlein da.

40. _Lodomirr_ war ein gar frommer Herre,

Stiftete viel Heiligenhäuser und Altäre,

Gab Mönchen und Nonnen reichlich Brod,

Und litte darob fast selber Noth.

41. Seine adlige Hausfrau, _Anna_ mit Namen,

Ware gleichfalls eine der frömmsten Damen

Und hielt für ihren Leibs- und Seelenzustand

'nen Beichtvater auf ihre eigne Hand.

42. Aus dieser gar frommen Ehe entsprosse

_Florian_, mit dem Zunamen _der Große_;

Denn er maß richtig 14 Zoll

Und war täglich toll und voll.

43. Dieser hatte mit seiner Gemahlin _Otilie_

Eine ziemlich zahlreiche Familie,

Und unter andern einen artigen Sohn,

Der ward genannt _der galante Leon_.

44. Er pflegte sich in Waffen und Turnieren

Fleißig in damaliger Zeit zu exerciren,

Und zerbrach dem schönen Geschlecht zur Ehr'

In Scherzritterspielen manchen Speer.

45. Dieses, sowie sein Tanzen und Courtesiren,

Mußte die Schönen der Zeit sehr charmiren,

Und ob er gleich weiter nichts verstand,

Bekam er doch eines reichen Fräuleins Hand.

46. Denn in einer reizenden Schäferstunde

Gab ihm die extraordinärschöne _Kunigunde_

Mit allen ihren Gütern zugleich ihr Herz.

Der Sohn aus dieser Ehe hieß _Adelberts_.

47. Der hatte nach und nach vier Gemahlinnen,

Sie schieden aber alle zeitig von hinnen;

Von der ersten, genannt _Rosemon_,

Blieb ein Sohn zurück, der hieß _Anton_.

48. Nach dem Absterben seiner letzten Frauen

Ließ Adelberts ein Nönnchenkloster bauen,

Und hat dasselbe reichlich begabt,

Und starb drinnen als der Nonnen Abt.

49. Man sprach viel von seiner Canonisirung,

Aber bei der geistlichen Proceßführung

Hinderte Advocatus Diaboli

Durch manchen wichtigen Einwand sie.

50. Von Herrn Anton kann ich nichts sonders melden;

Er gehörte nicht unter die Kriegshelden,

War auch weder Abt noch Bischof,

Weiß auch nicht, daß er übermäßig soff.

51. Er blieb immer in der adligen Hütte,

Heirathete nach der väterlichen Sitte,

Sorgte für seinen eigenen Mund

Und starb nach dem bewußten alten Bund.

52. Er hinterließ einen Sohn, der hieß _Steffen_,

Dieser blieb zu Mühldorf beim bekannten Treffen

Unter Seyfried Schweppermann als Officier,

Weil er's Fieber hatte, ruhig im Quartier;

53. Verließ gleich darauf gänzlich die Fahnen,

Kehrte zurück zum Herde seiner Ahnen,

Schritte demnächst fort zur Heirath,

Und einer seiner Söhne hieß _Vollrath_.

54. Von diesem Vollrath sagen die Stammbaumsautoren,

Daß er seine untergebenen Bauern baß geschoren,

Und übrigens unterm Kaiser Wenceslas

Nichts thate, als daß er soff und fraß.

55. Seine Gattin, die gute _Adelheide_,

Hatte mit ihm in der Ehe wenig Freude;

Denn er prügelte sie oft und viel,

Und trieb mit andern Weibern sein Spiel.

56. Sein Sohn _Balthsar_ ware zwar frümmer,

Aber bei dem allen doch ungleich dümmer;

Er theilte Mönchen und Klöstern reichlich mit

Und starb endlich im Franciskanerhabit.

57. Seine gottesfürchtige Gemahlin _Susanne_

Lebte gar friedlich mit dem frommen Manne,

Und aus dieser keuschen Ehe erschien

Ein wackerer Sohn, genannt _Augustin_.

58. Dessen Gemahlin hieß Frau _Petronelle_,

Den mit ihr erzielten Sohn hieß er _Nölle_,

Und er starb im neunzigsten Jahre als Greis,

Dies ist das einzige, was man von ihm weiß.

59. Aber sein gedachter Herr Sohn Nölle

Bekleidete eines Landvogtes Stelle,

Und zog diese Einkünfte wohlgemuth

Ruhig wohnend auf seinem Landgut.

60. Er hatte durch Umgang mit einer Landschöne

Zwar verschiedene unächte Töchter und Söhne,

Hinterließ aber doch einen Sohn ohnehin

Von Frau _Irmgard_, seiner Gemahlin.

61. Der ward nach seiner Geburt genannt _Heine_,

War ein Liebhaber vom Wildpret und vom Weine,

Und obgleich sonst nicht zur Arbeit geneigt,

Hat er doch einen Sohn, _Philipp_, gezeugt.

62. Seine Gemahlin, die Dame _Sophie_,

Verstund sich baß auf Oekonomie,

Hielt alles im Hause sauber und rein,

Trank auch wol ein Gläschen Branntewein.

63. Herr Philipp war ein guter Haushalter,

Ward sogar geizig in seinem Alter,

Trieb oft mit eigener Hand den Pflug

Und trank sich und aß sich kaum satt genug.

64. Seine Gattin, die geduldige Frau _Jütte_,

Starb an der Zehrung in ihrer Jahre Blüte,

Hinterließ doch, der Familie zum Glück,

Nach ihrem Tode einen Sohn zurück.

65. Indeß heirathete der junge Wittwer Philipp

Abermals, und zwar eine alte Wittib,

Die hungerte er bald hin zur andern Welt

Und erbete ihre Güter und Geld.

66. Sein Sohn hieß _Weinrich mit der kupfernen Nase_,

Der trank viel und ehelichte seine Base

_Käthe_, und kaum war _Robert_, sein Sohn, da,

So starb er am Zurücktritt des Podagra.

67. Gedachter Sohn Robert bekam Lust zum Kriege,

That als Freiwilliger einige Feldzüge,

Und ließ in 'nem Scharmützel ritterlich

Den Haarzopf und 'nen halben Finger im Stich.

68. Um nun nicht noch was mehr zu verlieren,

That er sich auf seine Güter retiriren,

Heirathete im sechsundzwanzigsten Jahr,

Und starb, als er dreißig und ein halbes alt war.

69. Seine Ehegenossin hieße Frau _Ide_;

Er hatte gelebt ziemlich mit ihr in Friede,

Denn er war von tolerablem Gemüth.

Sein hinterlaßner Sohn hieße _Siegfried_.

70. Siegfrieds Umgang mit den Bauern war vertraulich,

Und mit den Bäuerinnen noch mehr erbaulich,

Und nie waren im Revier des von Schöps'schen Gebiets

So viel Hahnreie als zur Zeit Siegfrieds.

71. Doch suchte er auch mit seiner Hausfrauen

Sein grades adliges Geschlecht zu erbauen,

Denn seine Gattin _Fredegund_ gebar

Einen wohlgebildeten Sohn ihm dar.

72. Dieser war ein sehr gewaltiger Jäger,

_Hubertus_, zugenamset _der Schläger_,

Denn er erschlug einst einen Wilddieb,

Welcher das verbotene Jagen trieb.

73. Seine Gattin, die schmutzige _Gertrude_,

War sehr filzig und karg wie ein Jude,

Sie molke die Kühe und fegte den Stall,

Und ihre Hand war im Hause überall.

74. Huberts Sohn, _Werner_, erbte Flinte und Büchse

Nebst den übrigen Gütern, prellte Füchse,

Und verdarb mit Hasenjagen rund herum

Der Bauern Aecker und Eigenthum.

75. Aber seine Ehefrau, die bärtige _Trine_,

Machte ihm zu Hause manche böse Miene,

Und fing oft mit ihm Gezänke an,

Und er blieb ihr gehorsamster Unterthan.

76. Jedoch erzeugte mit ihr Herr Werner

Erst einige Töchter, und demnächst ferner

Einen artigen Sohn, und dieser ward

In der Taufe genennet _Eberhard_.

77. Auch dieser blieb treu der väterlichen Sitte,

Und heirathete eine Frau, genannt _Brigitte_,

Bekam unter andern den Sohn _Johann_,

Der war ein stattlich gelehrter Mann.

78. Er ist der erste des von Schöps-Geschlechts gewesen,

Der da selbst konnte schreiben und lesen,

Hat auch durch dieses Stammbaums Geschrift

Sich bei der Nachwelt ein Denkmal gestift't.

79. Vormals war es wenigstens unerhöret,

Daß man in der Familie hätte schreiben gelehret,

Und selbst bei Documenten kleckste man

Statt Unterschrift blos ein Wachssiegel an.

[Illustration]

80. Er conversirte gern mit studirten Leuten,

Machte gar zu gewissen launigten Zeiten

Bei seiner Hausfrau _Lina_ daheim

Einen nach damal'ger Art feinen Reim.

81. Er las Zeitungen und hatte eine große

Kenntniß von Staatssachen, und schlosse

Im Großvaterstuhl für sich als Politicus

Den berühmten westphälischen Friedensschluß.

82. Notabene! als ein vernünft'ger Gelehrter

Haßte er den Schöpsnamen, darum kehrt' er

Das ö im Wort Schöps, in o ohne Strich

Und schrieb am ersten _von Schops_ sich.

83. Er zeugte succesive nicht mehr noch minder

Als siebenundzwanzig eheliche Kinder,

Sowol Töchter, als Söhne; davon

Erwähn' ich nur _Kunz_, den ältesten Sohn.

84. Dieser ward gleichfalls gelehrt unterweiset,

Und nachdem er viel Geld hatte verreiset,

Brachte er mit nach Hause als Gemahlin

Eine großvornehme Donna Italienerin.

85. Sie liebte hohe Spiele und Assembléen,

Hatte viele Lakaien und Cicisbeen,

Prätendirte auch im gemeinen Umgang

Ueber alle andre Damen den Rang.

86. Zu dieser hochgedachten Donna Zeiten

Entstunden schon allerlei Verdrießlichkeiten,

Denn es ging manches Familiengut

Durch die zu große Verschwendung caput.

87. Herr Kunz, um sich aus dem Verderben zu ziehen,

Spielte fleißig hoch in Lotterien,

Suchte auch hier und da überall

In neuangelegten Bergwerken Metall.

88. Das war aber noch lange nicht das Schlimmste;

Sondern unter allen war dies das Dümmste,

Daß er sich mit Advocaten abgab,

Denn diese brachten ihn noch tiefer herab.

89. Auch legte er sich mit vielen Kosten und Wachen

Auf den Stein der Weisen und das Goldmachen,

Und verwendete also des Vermögens Rest

Vergeblich auf'm chimischen Alkahest.

90. Er kam also in kurzem um das Seine,

Und ware nunmehr gar blank auf das Reine,

Und im unersetzbaren Ruin

Sank dies sonst reiche Geschlecht dahin.

91. Sein Sohn _Fritz_ erwählte das Militäre,

Erlangte wegen seiner Bravour viel Ehre,

Bis er zuletzt gar ein Bein und ein Ohr

Ehrenvoll in einer Schlacht verlor.

92. Er bekam drauf den Abschied und einen Orden,

Ist aber dabei arm und dürftig geworden,

Und ernährte ^ex post^ kümmerlich

Auf einem gar kleinen Gütchen sich.

93. That jedoch, obgleich mit hölzernem Beine,

Bei der Fortpflanzung des Geschlechts noch das Seine,

Und erzeugte zu seines Alters Trost

Einen Sohn mit seiner _Suse_, den nannte er _Jost_.

94. Der ist noch dem Adelstande getreu geblieben,

Und hat keine bürgerliche Nahrung getrieben;

Denn noch im Jahr tausendsiebenhundertacht

Hatte Jost eine kleine Hufe in Pacht.

95. Er war übrigens der leibliche Vater

Von dem berühmten Schildburger Senater,

Hielt indeß auf gute Oekonomie

Mehr als auf die adlige Genealogie.

Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen · 第 19 / 20 段