15. Klagte auch schrecklich über Kopfschmerzen

Und winselte über Drücken und Noth am Herzen,

Sodaß ihr Bruder fast drob erschrak,

Obgleich er merkte, was dahinter stak.

16. Auch der junge Herr im Reisewagen

War ^similiter^ sehr zu beklagen,

Denn man sah's ihm gar deutlich an,

Es sei ihm innerlich was angethan.

17. Ich selbst habe ihn zwar nicht gesehen,

Doch kann ich es wol von selbst verstehen,

Und jeder andrer Vernünftiger schließt dies

Aus den vorhergegangenen ^Prämissis^.

18. Indessen bekam er bald wieder Courage,

Denn er hatte eine schöne Equipage

Und gutes Reisewetter, und saß bequem,

Und hatte in seiner Chatoulle noch außerdem

19. Nicht allein baares Geld wie Häcksel,

Sondern auch noch manche wichtige Wechsel,

Sammt und sonders so eingericht't,

Daß sie gleich bezahlt wurden nach Sicht;

20. Ja sogar schriftliche Recommandationen

An viele hohe und berühmte Personen;

Und so hätte ich ohne eigenes Geld

Mit ihm reisen mögen durch die halbe Welt.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Hier wird kürzlich erzählet, was sich auf der Reise mit dem jungen Herrn

hätte zutragen können.

1. Hier könnte ich nun vieles herleiern

Von seinen auf der Reise gehabten Abenteuern,

Und was er in jeder fremden Stadt

Merkwürdigs gehört und gesehen hat.

2. Ich könnte, um dieses Kapitel gemächlich zu füllen,

Aus manchen alten und neuen Reisepostillen

Und aus Berkenmeyer und Büsching

Hervorsuchen manch geographisches Ding.

3. Ich könnte erzählen, daß er zum Vergnügen

In der Schweiz die gefährlichen Gletscher bestiegen,

Und daß er in diesem arkadischen Land

Manche reizende Alpenschäferin fand.

4. Ich könnte erzählen von prächtigen Kunstwerken,

Welche damals in Rom waren zu bemerken,

Ob sie gleich von den Herrn Franken nachderhand

Wurden nach Paris ins Museum gesandt.

5. Ich könnte erzählen von Cardinälen und Prälaten,

Von schönen Sängerinnen und von Castraten,

Von dem großen Sanct-Peters-Dom

Und raren Antiquitäten in Rom.

6. Ich könnte erzählen von den Pontinischen Sümpfen

Und von den italienischen Freudennymphen

Und vom feuerspeienden Vesuv,

Alle drei im ungesunden und schmutzigen Ruf.

7. Ich könnte erzählen von Redouten und Maskeraden,

Wozu man ihn zum öftern eingeladen,

Und von Gondelfahrten und vom Carneval

Und manchem prächtigen Concert und Ball.

8. Ich könnte erzählen von großen Bibliotheken,

Von gelehrten Denkmälern und alten Schartäken,

Welche er im Lande Italia

Oder sonstwo mir nichts dir nichts besah.

9. Ich könnte erzählen, wie er nach anderthalb Jahren

Erst nach Frankreich, dann nach England gefahren,

Und wie er nach manchem begafften Ding

So klug als vorher wieder nach Hause ging.

10. Ich würde noch viel mehr erzählen können;

Allein ich muß es offenherzig bekennen,

Daß ich während seiner ganzen Reis'

Von dem jungen Herrn nichts weiter weiß,

11. Als daß er fleißig an seine Stehre geschrieben,

Ihr auch abwesend immer getreu verblieben,

Und daß in langer Zeit kein andrer Mensch

Etwas erfuhr von dieser Correspondensch.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Wie die Correspondenz der beiden Liebenden an den Tag kommt, und wie

Jürgen zur Verantwortung gezogen wurde und Esther nach Rudelsburg

verschickt wurde.

1. Jedoch fiele einmal von ohngefähre

Ein Brief des Barons an seine liebe Stehre

Dem alten Herren in seine Hand,

Und da wurde die Correspondenz bekannt.

2. Er mußte drin mit großem Verdrusse lesen,

Daß alles noch war, wie es vormals gewesen,

Und daß der Briefwechsel, je länger je mehr,

Die Liebe des einen zur andern nähr'.

3. Der Veteran Jürgen mußte sein Vergehen

Vorab bereuen und umständlich gestehen,

Und kam zum Liebesbotenlohn

Mit achttägigem Arreste davon.

4. Um aber den fernern Briefwechsel bei Stehren

Für die Zukunft völlig abzuwehren,

Beschloß man, dieselbe heimlich allsofort

Zu verschicken an einen andern Ort.

5. Zwölf Meilen von Ohnwitz lag ein kleines

Gütchen, nahe am Ufer diesseit des Rheines,

Wo, mit dem Ohnwitzer Hause verwandt,

Frau von Rudelsburg sich seßhaft befand.

6. Dahin ward dann Esther recommandiret

(Ihr Herr Bruder selbst hat sie escortiret)

Als eine Jungfer Gesellschafterin,

Und Esther ergab sich geduldig drin.

7. Ob alle Fehde sich hiemit geendet,

Oder das Blatt sich etwa anders gewendet,

Und was sonst Wichtiges noch geschehn,

Das alles wird man in der Folge sehn.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Wie die Revolution der Neufranken einen Einfluß hat auf das Schicksal

des Herrn Jobs und der adeligen Herrschaft zu Ohnwitz, und wie sie

emigriren müssen.

1. Nichts ist wunderlicher als das menschliche Glücke,

Es verändert sich oft in einem Augenblicke,

Es ist, nach dem Sprüchwort, kugelrund,

Und bald oben, bald unten, bald weiß, bald bunt.

2. Das haben besonders seit ein halb Dutzend Jahren

Viele große Herren hier und da erfahren,

Könige, Prinzen, Grafen und Dücs

Fühlten bekanntlich den Wechsel des Glücks.

3. Es erniedrigt und stürzt bald jenen, bald diesen,

Macht Sprachmeister aus ehmaligen Marquisen

Und aus Comten, Chevaliers und Messieurs

Tanzmeister, Friseurs und Serviteurs.

4. Es necket Großmeister, Dogen und Hohepriester,

Favoritinnen und fromme Staatsminister,

Und es ist ihm durchaus einerlei,

Weß Standes oder Würden jemand sei.

5. Ja wahrlich, man muß billig erstaunen

Ueber der Frau Fortunens Wechsellaunen;

Wir machen indessen nur hievon

Auf Herrn Pfarrer Jobs Application.

6. Daß dieser ein wahrer Glücksball gewesen,

Haben wir im ersten und zweiten Theile gelesen,

Und dasselbe ist nun abermal

Im jetzigen dritten Theile der Fall.

7. Nämlich es war damals die Epoche der Ohnehosen,

Und in Deutschland hausete ein Heer von Franzosen;

Auch predigte man zu derselbigen Zeit

Ueberall von Freiheit und Gleichheit.

8. Auch in Ohnwitz schien unter einigen Leuten

Sich der Sansculottismus hier und da zu verbreiten,

Und Herr von Ohnwitz fürchtete für sein Theil

Daraus endlich ein großes Unheil;

9. Hat drum dem Herrn Pfarrer Jobs aufgetragen,

Auf der Kanzel einmal der Gemeinde zu sagen,

Sie sollten sehn den biblischen Spruch an:

Ein jeder sei der Obrigkeit unterthan.

10. Dieser hat dann auch dergestalten

Bald drauf eine scharfe Predigt gehalten,

Welche, als einzig stark in ihrer Art,

Gleich auch im Drucke gegeben ward.

11. Nicht allein in der Ohnwitzer Gemeine,

Sondern auch in der ganzen Gegend am Rheine

Wurde dieselbe verbreitet im Land,

Folglich auch den Herren Franken bekannt.

12. Sie haben sich dieses ^ad notam^ genommen,

Und als sie ^ex post^ nach Ohnwitz gekommen,

So hieß es: »^Le diable emportera

Le curé d'Ohnwitz, ce coquin là!^«

13. Kaum konnte er in diesen dringenden Nöthen

Sich eilig genug aus dem Dorfe retten

Und brachte nichts auf der Flucht davon

Als mit genauer Noth seine eigne Person.

14. Hätte man ihn damals selbst gefangen,

Er wäre guillotinirt oder aufgehangen,

Doch vorläufig plünderte man das Pfarrhaus

Von oben bis unten rein und gar aus.

15. Auch Herr von Ohnwitz war damals in

Großer Gefahr mit seiner Gemahlin,

Denn auch ihm wenigstens hätte man

Vielleicht am Halse was angethan.

16. Aber seine Unterthanen wagten Leib und Leben,

Für ihre gute liebe Herrschaft hinzugeben,

Und retteten sie mit Gewalt für diesmal;

Denn der Franken war keine große Zahl.

17. Indessen war keine Zeit zu verlieren,

Herr und Frau mußten schleunig emigriren,

Und höchstens ein paar hundert Gulden baar

War alles, was noch mitzunehmen war.

18. Die Franken sind bald stärker wiedergekommen,

Haben die Ohnwitzer erschrecklich mitgenommen,

Und auf dem Schlosse ward unversäumt

Alles, was vorräthig war, ausgeräumt.

19. Auch wurde ein Freiheitsbaum aufgepflanzet

Und lustig ein' Runde darum her getanzet,

Und jeder im Dorfe nahm alsdann

Theils gern, theils ungerne theil daran.

20. Auch alle übrige Güter und Schlösser

Des Herrn von Ohnwitz hatten's nicht besser,

Man machte es überall, in groß und klein,

Wo er was besaße, besemrein.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Wie Herr Jobs ärmlich herumwandert, und wie er endlich im Dorfe

Schönhain ankommt.

1. Weil Herr von Ohnwitz sich im neutralen Lande

Mit seiner Gemahlin bald sicher befande

Und nun auch, wie gesagt, mit einem paar

Hundert Gulden baar noch versehen war:

2. So wollen wir diesmal von ihm abbrechen

Und nur vorerst vom Herrn Pfarrer Jobs sprechen,

Denn dieser war bei seiner Flucht durchaus

So blutarm wie eine Kirchenmaus.

3. Er setzte tagtäglich seinen Wanderstab weiter,

Blieb aber dabei immer ruhig und heiter,

Schlief sanft und tröstete damit sich:

Der Himmel läßt die Seinen nicht im Stich.

4. Erst besuchte er auf der Reise hin und wieder

Die Herren Geistlichen als seine Amtsbrüder,

Aber fast alle schickten ihn ohne Geld und Kost fort,

Blos mit einem geistlichen Trostwort.

5. Drum suchte er hernächst die Priester und Leviten

Auf seiner Wanderung möglichst zu verhüten,

Denn er traf durchgehends beim Samaritan

Größers Mitleid und mehr Theilnahme an.

6. Auch fand er in kleinen ländlichen Hütten,

Ohne lange drum zu betteln und zu bitten,

Ein freundlicher Gesicht und besser Quartier

Als beim reichen Bürger oder Cavalier.

7. Zwar versäumte er nicht, in Schlössern und Städten

Bei Vornehmen anfänglich einzutreten,

Und bote seine Dienste als Kapellan

Oder etwa als Informator an.

8. Aber er hat nirgend Aufnahme gefunden,

Man hielt ihn vielmehr für 'nen Vagabunden,

Fragte nach seinem Reisepaß,

Und sagte ihm, ich weiß nicht alles was.

9. Am sechzehnten Tage der Jobsischen Hegire

Kam er Nachmittags zwischen drei und viere

Bei einem an der Thür sitzenden alten Mann

Hungrig und durstig in 'nem Dorfe an.

10. Der hat ihn sehr treuherzig invitired,

Ihn zu seiner Gattin ins Häuslein geführet,

Und diese machte freundlich alsbald

Zu seiner Erquickung einige Anstalt.

11. Er bekam Milchsuppe, Brod und gekochte Eier,

Erzählte mittlerweile seine Abenteuer,

Und sowol der Mann als seine Frau

Horchten drauf, was er erzählte, genau.

12. Beide waren schon grau von Haaren,

Hatten selbst manches Ungemach erfahren

Und lebten höchst einförmig und knapp

Von dem, was ihre kleine Hufe gab.

13. Doch baten sie ihren Gast, sich zu bequemen,

Auch das Nachtquartier bei ihnen zu nehmen,

Und daß eine sammetweiche Moosstreu

Ihm in ihrer Hütte schon zu Dienste sei.

14. Dies hat er ihnen dann auch zugesaget,

Weil ihm ihr Betragen außerordentlich behaget;

Ja, es kam ihm natürlich vor, es sei dies

Ein Paar, wie weilend Philemon und Baucis.

15. Der fromme Greis mit seinem guten Weibe

Erzählten ihrem Gaste zum Zeitvertreibe

Manches aus alter und neuerer Zeit,

Auch sprach man von des Dorfes Gelegenheit.

16. Besonders vom Schloß Schönhain, das man in der Nähe

Zwischen dem Lindengebüsch auf'm Hügel dort sähe,

Und daß allda der vorige Schössermann

Den Bauern viel Herzeleid angethan.

17. Aber der jetzige Herr Amtsschösser

Sei kein solcher Schinder noch Bauernfresser;

Sondern, grade als wenn man Seinesgleichen sei,

Könne jeder Bauer mit ihm sprechen frei.

18. Als Herr Jobs nach dem Gutsbesitzer gefraget,

Haben die alten Leutchen ihm zur Antwort gesaget,

Eine Dame von gar vortrefflichem Sinn

Seie davon die Besitzerin.

19. Sie erzählten zu ihrem Ruhme und Lobe

Manche preiswürdige schöne Probe,

Versicherten ihm dabei zugleich,

Man halte sie für unermeßlich reich.

20. Aber leider sei sie schon lange kränklich

Und ihr Zustand werde täglich mehr bedenklich,

Und schon habe man ein Vorgeschäft gesehn,

Daß sie bald würde von hinnen gehn.

21. Herr Jobs spürte die herzlichste Theilnahme

An dem Schicksale dieser so würdigen Dame

Und nahm sich alsbald fest für,

Morgen einen Besuch zu machen bei ihr.

22. Er vermied zwar gern große Häuser und Schlösser,

Trauete auch keinem herrschaftlichen Schösser;

Aber man hat doch nie eine Regulam,

Oder sie leidet wol eine Ausnahm'.

23. Unter solchen und dergleichen Gesprächen

Sah man endlich die Nacht hereinbrechen,

Und Hieronimus ruhte auf der Streu von Moos

So sanft, als läg' er in Abrahams Schooß.

24. Als er Morgens etwas späte erwachet,

Hat er sich aus dem Moose aufgemachet,

Ergriff seinen knotigen Wanderstab,

Drückte dem Wirth dankbar die Hand und reisete ab.

25. Er wandte sich zum Schlosse zwischen den Linden,

Um sich wegen der Dame näher zu erkünden;

Denn es ware, als zöge ihn

Ein unwiderstehlicher Trieb dahin.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Wie Herr Jobs eine alte bekannte Freundin antrifft. Eine wunderbare

Geschichte.

1. Es haben überall die Vornehmen und Reichen

Ihre mancherlei eigne Sitten und Gebräuchen,

So daß ein gemeiner ehrlicher Mann

Sich drin so gar gut nicht finden kann.

2. Zum Exempel: wenn man zu ihnen will gehen,

Muß man erst lange im Vorzimmer stehen,

Und dann läßt Ihro Gnaden oder Excellenz

Einen endlich gnädigst zur Audienz.

3. Ohne diese Bemerkung weiter zu treiben,

Mag es meinethalben immer so bleiben;

Wenigstens mach' ich jetzt nicht davon

Auf gegenwärt'gen Casum Application.

4. Denn als Herr Jobs ins Schloß gekommen

Und man sein Begehren kürzlich vernommen,

Ließe ihn die Frau Gebieterin

Sofort nöthigen in ihr Zimmer herin.

5. Er fand sie im Kanapee einsam sitzend,

Nachdenkend den Kopf auf die Arme stützend,

Gekleidet in 'nem weißen Négligée,

Und vor ihr stund auf'm Tischchen der Thee.

6. Herr Jobs fing an gleich im Hereintreten

Seine Entschuldigung und Compliment herzubeten;

Sie blickte auf, erhob ein großes Geschrei,

Auch Herr Jobs stürzte näher zu ihr herbei.

7. Beide haben sich alsofort erkennet,

Sich voll Erstaunen mit ihren Namen genennet;

Denn die gute liebe Dame da

War des Herrn Jobs alte _Amalia_.

8. Sie ist fast in Ohnmacht dahin gesunken,

Herr Jobs taumelte, als wär' er betrunken,

Und sowol ihr als ihm erschien

Alles vor den Augen blau, gelb und grün.

9. Nach dem ersten sehr angenehmen Schrecken

Suchte einer den andern allgemach zu wecken,

Und eine trauliche Umarmung war

Der Beweis ganz überwundner Gefahr.

10. Mir däucht, ich hör' hier den Leser mich fragen:

»Herr Autor, wie kann Er doch so etwas sagen?

Er meint gar, Er hätte ein Kind vor,

Daß Er uns da macht solchen Wind vor!

11. Haben wir nicht im ersten Theile gelesen,

Daß Amalia lange nicht mehr gewesen?

Sie starb ja, dem vierunddreißigsten Kapitel nach,

Als sie in den Kindbetterwochen lag!«

12. Ich will mich zwar eben jetzt nicht entschuldigen,

Bitte aber vorläufig, sich zu geduldigen;

Denn was ich erzählte, war ja weiter nicht

Als ein damals von mir geglaubtes Gerücht.

13. Zudem hat man ja an Herrn Jobs schon gesehen,

Daß Leute sterben und wieder auferstehen,

Und in jedem alten und neuen Roman

Trifft man noch weit größere Wunder an.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Worin unter anderm die im ersten Theile gestorbene Amalia ihren fernern

Lebenslauf erzählet.

[Illustration]

1. Sie sind darauf näher zusammen gerücket,

Haben sich am Thee und Frühstücke erquicket,

Und erfreueten beiderseits sich

Des Wiedersehens gar inniglich.

2. Was zwischen beiden vormals war geschehen,

Wollen wir nach christlicher Liebe übergehen;

Aber jetzt passirte im mindesten nicht,

Was nicht hätte können vertragen das Licht.

3. Zwar Herr Jobs hatte nichts verloren,

War von guter Positur wie zuvoren,

Ja sein Corpus ware vielmehr

Seit dem Pfarrerstande ansehnlicher.

4. Aber Amaliens Reize waren verblichen,

Seitdem ungefähr jene 15 Jahre verstrichen,

Und es sproßte schon hier und dar

Auf ihrem Kopfe ein graues Haar.

5. Auch an Körperkräften und Taille

War sie nicht die vor'ge schöne Amalie:

Vormals war sie rund, roth und dick,

Und nun ein leibhaftig Bild der Hektik.

6. Ihre Augen, vormals glänzend von Liebe,

Waren nun eingefallen, dunkel und trübe,

Und in ihrer ganzen Physiognomie

Herrschte eine stille Melancholie.

7. Nicht allein gegen Herrn Jobs war sie sehr gütig,

Sondern auch im ganzen Wesen sanftmüthig,

Und sie ertrug ihr körperliches Leid

Ohne Murren und Verdrießlichkeit.

8. Sie fühlte täglich die Kräfte mehr schwinden,

Hatte längst bereut ihre vorigen Sünden,

Und brachte nun in völliger Gewissensruh'

Ihre noch übrigen Lebenstage zu.

9. Eigentliche sogenannte Liebessachen

Waren also nicht weiter bei ihr zu machen;

Auch Herr Jobs fand längst nicht mehr Geschmack

An jedem unschicklichen Liebesschnack.

10. Er mußte jedoch die Versicherung ihr geben,

Nicht weiter zu reisen, sondern bei ihr zu leben,

Und dieses wünschte sie um desto mehr,

Weil er ein geistlicher Doctor wär'.

11. Auch mußte er, ohne das Geringste zu verhehlen,

Ihr seine ganze Lebensgeschichte erzählen,

Besonders was er von ihrer Trennung an

In den letzten funfzehn Jahren gethan.

12. Er that dies auch alles sehr ausführlich,

Seine Erzählung war aufrichtig und manierlich,

Sodaß Amalia sogleich drin fand,

Er sei nun ein Mann von großem Verstand.

13. Die Erzählung selbst können wir gut missen,

Sintemal wir seine Geschichte schon wissen,

Und man hört ohnedem auf keinen Fall

Eine so närr'sche Geschichte gern zweimal.

14. Sie gabe gleichfalls von ihrer Geschichte

Folgende kurze aufrichtige Berichte,

Seitdem sie aus dem Schauspielerstand

Mit einem reichen Herren verschwand:

15. »Der Herr, mit welchem sie davongegangen,

Habe geheißen _Herr van der Tangen_;

Er habe, als ihre Person ihm gefiel,

Ihr Anträge gemachet oft und viel.

16. Aber sie habe gar nicht darnach gehöret

Und anfangs mit ihme gar nicht verkehret,

Weil sie entschlossen gewesen sei,

Ihrem Hieronimo zu bleiben getreu.

17. Erst damals habe sie den Vorsatz gebrochen,

Als Herr van der Tangen ihr die Ehe versprochen;

Es sei auch am folgenden Tage schon

Erfolgt eine heimliche Copulation.

18. Nachdem sie nun gedachten Herrn van der Tangen

Einmal im ehlichen Netze habe gefangen,

So habe sie mit ihm in der ganzen Zeit

Gelebet in treulichster Einigkeit.

19. Sie habe von ihrem Gatten, dem Herrn van der Tangen,

Nach zwei Jahren einen kleinen Sohn empfangen,

Habe aber auch damals gefährlich krank

Gelegen fast sieben Wochen lang.

20. (Notabene: Daher entstand das Gerüchte

Von ihrem Tode im ersten Theil der Geschichte;

Denn Frau Fama machet zu jeder Frist

Immer ein Ding größer, als es ist.)

21. Was im übrigen thate anlangen

Die Umstände ihres Gatten, des Herrn van der Tangen,

So sei er gewesen der einzige Zweig

Des alten Herrn van der Tangen und erschrecklich reich.

22. Er sei zwar gewesen nur vom bürgerlichen Stande,

Aber fast der reichste Privatmann im Niederlande,

Weil sein seliger Vater in Kauffahrtei

Außerordentlich glücklich gewesen sei.

23. Mancherlei Gründe hätten ihn bewogen,

Daß er aus seinem Vaterlande weggezogen,

Und er hätte auch bald darauf

Das Gut Schönhain hier erstanden durch Kauf.

24. Ihre Bekanntschaft mit dem Herrn van der Tangen

Habe bewußtermaßen damals angefangen,

Als er sich eine Zeit lang in Deutschland

Zum Vergnügen auf der Reise befand.

25. Ihre Ehe habe zwölf Jahre lang gewähret,

Darauf hätte Freund Hein dieselbe gestöret,

Und Herrn van der Tangen zu ihr'm größten Leid

Geholet aus dieser Zeitlichkeit.

26. Auch ihr Sohn sei nach fünf Vierteljahren

Seinem Vater ins Elysium nachgefahren,

Und seitdem lebe sie höchstbetrübt

Kinderlos und ungleich verwittibt.

27. Zwar besitze sie jetzt sehr große Güter,

Aber doch sei ihr des Lebens Rest bitter,

Und sie mache zur großen Reise nach jenseit

Sich nun täglich immer mehr bereit;

28. Denn sie empfinde es, daß sie laborire

An einem innerlichen Lungengeschwüre,

Spüre auch, daß jede gebrauchte Arznei

Zu ihrer Heilung unwirksam sei.

[Illustration]

29. Sie suche schon längst mit tugendhaften Werken

Sich zu einem seligen Abschiede zu stärken,

Und gebe als eine bekehrte Sünderin

Ihrem Schicksale sich willig hin.«

30. Herr Jobs suchte nun bestmöglichstermaßen

Alles dasjenige beisammen zu fassen,

Was ein vernünftiger geistlicher Mann

In solchem Fall zur Tröstung nur sagen kann.

31. Blieb folglich auf ausdrückliches Verlangen

Nun auf dem Gute bei der Frau van der Tangen,

Und seine traurige Exulantenschaft

Hatte für diesmal ihre Endschaft.

32. Es fand auch wirklich die Frau van der Tangen

In des braven Herrn Jobsens Umgang manchen

Christerbaulichen Beruhigungsgrund,

Den sie vorher nicht so gut verstund.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Wie die Frau van der Tangen dem Herrn Jobs all ihr Vermögen schenket,

und wie sie stirbt, und wie Herr Jobs ihr ein Monument errichtet, und

wie dieses Kapitel sehr traurig zu lesen ist.

1. Eines Morgens kam mit reputirlichen Schritten

Ein bejahrter Herr in den Schloßhof geritten,

Und stieg nach geendigtem succesiven Trab

Etwas mühsam auf eine nahstehende Bank ab.

[Illustration]

2. Er saß auf dem Pferde steif wie ein Schneider,

Trug am Leibe altmodische Kleider,

Hatte graue wollene Gamaschen an

Und ^pro forma^ Sporen ohne Räder dran.

3. Eine Perücke mit einem kleinen Haarbeutel

Und ein plattgespitzter Hut deckte den Scheitel,

Und an seiner linken Hüfte, etwas hoch, hing

Ein langer Degen, der Griff war von Messing.

4. Seine Person schien etwas Wichtiges zu bedeuten,

Das merkte man an seinem Wesen schon von weiten,

Und er war weder zu mager noch zu fett,

Aber übrigens voll Gravität.

5. Er wurde gleich von der Frau van der Tangen

Gar höflich bewillkommet und empfangen;

Sie schlosse sich sofort mit ihm ein

Und blieb bei ihm den ganzen Tag allein.

6. Herr Jobs konnte sich nicht besinnen,

Was sie beide beisammen wol möchten beginnen,

Und dachte allenfalls, der altfränksche Knab'

Sei vielleicht ein fremder Aesculap.

7. Aber er irrte; denn der Herr, welcher heute

Mit seinen Gamaschen und dem Spieß an der Seite

Den ganzen Tag mit Amalien allein war,

War ein ^Caesareus publicus^ Notar.

8. Nachdem derselbige war weggeritten,

Ließ Frau van der Tangen Herrn Jobs ins Zimmer bitten;

Er fand sie am Pult sitzend und vor ihr

Lag ein zusammengefaltnes Papier.

9. Herr Jobs zeigte sich etwas blöde und verlegen,

Aber sie lächelte ihm beim Eintritt entgegen,

Und als er sich näher bei ihr befand,

Reichte sie ihm liebreich die hagere Hand.

10. Sie schien seit dem Geschäfte mit dem Reiter

Höchst vergnügt und ungewöhnlich heiter,

Und hielte, obgleich mit schwächlicher Stimm',

Nun folgende kurze Oration zu ihm:

11. »Schon habe ich es dir gesagt, mein Lieber!

Ich geh' nun bald jenseits hinüber,

Und habe deswegen vor meinem End'

Heute gemachet mein Testament.

12. Schon längstens ware ich von wegen

Eines Erben meiner Güter besorgt und verlegen,

Denn meines Wissens ist nirgend jemand

Mit mir durch Blutsfreundschaft verwandt.

13. Der Gedanke quälte mich vor allen,

Daß mein Gut in schlechte Hände könnt' fallen;

Ich habe darum mit Wohlbedacht

Dich zum Universalerben gemacht.

14. Außer ein paar tausend Lauseducaten

^Ad pios usus^ und andere Legaten,

Gehört meine ganze Habe fortan

Nur dir, meinem alten Freunde, an.

15. Willst du meine gute Meinung nicht verschmähen,

So werde ich ruhig aus dieser Welt gehen,

Und du erleichterst mittlerweile mir,

So viel du kannst, die Reise von hier.

16. Du wirst aber auch die Freundschaft haben,

Mich zu lassen dort bei den drei Linden begraben,

Und du pflanzest zu meinem Andenken auch

Auf mein Grab eine Laube von Rosenstrauch.«

17. Herrn Jobs flossen hier häufig die Thränen;

Er antwortete nur mit Schlucksen und halben Tönen;

Acceptirte übrigens utiliter

Die vorliegende Donation ohnschwer.

18. Von nun an verließ er seine Freundin fast nimmer,

Denn ihr Zustand wurde augenscheinlich schlimmer,

Und Frau van der Tangen und Herr Hieronimus

Lebten auf brüder- und schwesterlichem Fuß.

19. Er unterließ nichts an Tröstung und Pflege,

Suchte ihre Linderung auf alle mögliche Wege,

Hat sogar selbst fast in jeder Nacht

In ihrem Krankenzimmer gewacht.

20. Endlich war doch alle Hoffnung des Lebens

Und alle Mühe und Arznei bei ihr vergebens,

Weil Freund Hein wirklich hereinkam

Und ihren letzten Athemzug wegnahm.

21. Herr Jobs beklagte ihren Tod aufrichtig,

Und sein Schmerz war weder verstellt noch flüchtig,

Sondern er hat länger und mehr geweint,

Als mancher Mann um seine todte Frau greint.

22. Am Gartenende, dort bei den drei Linden,

Kann der geneigte Leser ihr Grab finden,

Wenn er etwa von ohngefähr vorbei passirt,

Oder nach Schönhain expreß hinspaziert.

23. Ueber ihrem dort nun modernden Staube

Steht eine gar niedliche Rosenlaube,

Und Vergißmeinnicht und weißen Jasmin

Sieht und riecht man da des Sommers blühn.

Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen · 第 18 / 20 段