17. Ich wette, jedes andre Mädchen hätte

Noch alles übrige geläugnet an ihrer Stätte,

Nach der wohlerfundenen ^prima regula

Juris: si fecisti, nega^.

18. Aber Esther hatte ein zu gutes Herze,

Das, gar bei gegenwärtiger Scham und Schmerze,

Doch haßte jeden Lug und Betrug,

Und für Wahrheit und Tugend schlug.

19. Sie gestund, daß schon seit vier Jahr und sechs Wochen

Sich der Baron ehelich mit ihr versprochen,

Und daß sonst in allen Züchten und Treun

Gemeinet sei ihr geheimes Verein.

20. Zwar kenne sie längst gar wol und wisse

Die große Schwierigkeit bei ihrem Bündnisse,

Doch habe der Baron und sie oft

Auf künft'gen guten Ausgang gehofft.

21. Ihr Gewissen gebe ihr übrigens das Zeugniß,

Daß nichts Strafbares sei in diesem Ereigniß,

Und daß der Baron sowol als sie

Diese Liebe würden quittiren nie.

22. Sie sagte auch noch manches Specielle

Ueber die hiebei vorgekommenen Fälle,

Kurz, sie that aufrichtig Confession

Ueber den ganzen Handel mit dem Baron.

23. Während der Relation ihrer Geschichte

Stieg manche Röthe auf in ihrem Gesichte,

Und von ihren glühenden Wangen floß

Manche Thräne wie 'ne Haselnuß groß.

24. Herr Jobs zeigte ihr mit vernünftigen Gründen,

Welche Obstacula vor ihrer Liebe stünden;

Obgleich er froh war, als er befand,

Daß die Sache selbst nicht noch ärger stand.

Funfzehntes Kapitel.

Wie Herr Jobs den jungen Herrn gleichfalls ^coram^ nimmt; ^item^ wie er

Löschanstalten des Liebesbrandes macht, nach den Regeln einer guten

Polizei.

1. Als nachher der junge Herr gekommen,

Hat Herr Jobs ihn gleichfalls coram genommen,

Und erschöpfte seine ganze Redekunst,

Um zu löschen seine zärtliche Brunst.

2. Er suchte ihn besonders zu belehren,

Daß, wenn er sie auch meinte in allen Ehren,

So könne doch seine Schwester nie

Für ihn sein eine schickliche Partie.

3. Sintemal nach des Kirchenlehrers _Ovids_ Spruche

Besser sei, daß Gleich und Gleiches sich suche,

Und im Gegenfalle manch Leid und Unheil

Entstehe für den einen oder andern Theil.

[Illustration]

4. Gesetzt auch, man könnte in den ersten Tagen

Sich gut mit einander begehen und betragen,

So wäre nach verfloss'ner Flitterwoch'

Immer der Henker los doch.

5. Der junge Baron aber hatte dagegen

Viele ^exceptiones^ einzulegen

Und zeigte, daß hoch, gering, arm und reich

In der Liebe so wie in der Natur sei gleich.

6. Bewies auch aus der Geschichte alter und neuer Häuser,

Daß nicht nur Edelleute, sondern auch Kön'ge und Kaiser

Aus niedrigem Stande sich eine Braut

Mit glücklichem Erfolge hätten angetraut.

7. Bat auch und beschwor ihn, daß er von seiner Seite

Ihm kein Hinderniß in der Liebe bereite,

Sondern zur Erfüllung des Wunsches vielmehr,

So viel ihm möglich, behilflich wär'.

8. Er versprach auch bei seinen gnädigen Eltern

Den Consens dereinst herauszukeltern.

Aber was that dann Herr Jobs? Je nu!

Er schüttelte vor wie nach den Kopf dazu.

9. Und gleichwie man bei guten Polizeianstalten

Es überall also pfleget zu halten,

Daß bei einer heftigen Feuersbrunst,

Wenn sie nicht zu löschen ist durch Kunst,

10. Man das benachbarte Gebäude einreiße

Und das brennende selbst zusammenschmeiße,

Und so der Flamme Ausbreitung stör',

Damit der Brandschaden sich nicht vermehr';

11. So that auch Herr Jobs, als er befande,

Daß bei obgedachtem heftigen Liebesbrande

Durch die Brandspritze der Moral und Vernunft

Wenig Hilfe sei für die Zukunft.

12. Denn er gab von nun an nächtlich und täglich

Auf seine Schwester Achtung, so viel ihm möglich,

So daß wenigstens der Laubenbesuch

Sich bei Nacht und Unzeit etwas verschlug.

13. Aber ein verliebtes Mädchen zu bewachen,

Dazu gehören 50 Riesen und 20 Drachen

Und eine viermal ummauerte Burg,

Und wenn es will, so geht es doch durch.

14. So knüpfte auch die Liebe den Baron und die Esther

Bei allen Hindernissen nur enger und fester;

Jedoch ward alles von Stunde an

In noch strengerm Geheime gethan.

Sechszehntes Kapitel.

Wie die alte Herrschaft zu Ohnwitz ihre silberne Hochzeit feiert mit

allen Solennitäten.

1. Wir wollen nun in den närrischen Liebessachen,

Auf ein Weilchen eine Pause machen,

Und einmal hinüber aufs Schloß gehn,

Denn da gibt's was Neues zu besehn.

2. Dort war ein Gewühl, Treiben und Rennen,

Als säh' man irgendwo ein Gebäude brennen,

Und vom Kammerdiener bis zum Küchenjung'

War alles gestimmt zu Laufen und Sprung.

3. Von der Kammerzofe bis zur Viehmagd befande

Sich alles geputzt im festlichen Gewande,

Und vom Schweinhirten bis zum Leiblakei

Prangte jeder in Sonntagslivrei.

4. Alle Schornsteine des Schlosses schmauchten,

Mehr als hundert Kochtöpfe dampften und rauchten,

Und dreißig Braten, theils zahm, theils wild,

Wurden am Feuer gar und mild.

5. Auch viel Flaschen stunden mit allerlei Weine

Aus Ungarn, Frankreich, Spanien und vom Rheine,

Theils leicht bestöpselt, theils verpitschirt,

In zierlicher Ordnung aufrangirt.

6. Ein Chor früh versammelter Violinisten,

Flötisten, Hauboisten, Waldhornisten,

Saßen bei Schnaps und Notenmusik

Und machte im Vorhaus zur Probe ein Stück.

7. Kurz, alle Anstalt schien zu prophezeien

Ein großes Triumphiren und Jubeleien;

Denn die gnädige Herrschaft feierte heut

Ihre sogenannte silberne Hochzeit.

8. Es erschienen zu diesem herrlichen Feste

Frühzeitig viele eingeladene Gäste

Vom benachbarten Adel, zu Kutsch' und zu Roß,

Auf dem freiherrlichen Ohnwitzer Schloß.

9. Der ganze Vormittag ging schier zu Ende

Mit Scharrfüßmachen und Küssen der Hände,

Und Complimenten und Gratulation,

Nach dem gewöhnlichen vornehmen Ton.

10. Mittlerweile ward auf dem gepflasterten Saale

Alles bereitet zum hohen Mittagsmahle,

Und der Hörner und Trompeten Schall

Gab zum Sitzen das frohe Signal.

11. Es wurde da alles recht fürstlich gehalten,

Man aß herrlich und trank blos alten;

Herr Doctor Jobs, der vor allen mit aß,

Sprach's Benedicite und Gratias.

12. Auch konnten an einigen Nebentischen

Sich noch andere eingeladene Gäste erfrischen,

Sie waren alle nur von Bürgerart,

Saßen folglich, wie billig war, a part.

13. Zum Exempel der Hausadvocate,

Welcher sein Glas fleißig leeren thate

Und nebst dem dicken Justitiar

Am ersten von allen berauschet war.

14. Auch einige geistliche Freunde des Hauses,

Gleichfalls keine Verächter eines guten Schmauses,

Item der herrschaftliche Secretär

Und der gnädigen Frauen Leibaccoucheur.

15. Alle leerten, als bekannte brave Zecher,

Fleißig ihre gefüllten großen Becher

Und tranken im hochedlen Rebensaft

Aufs hohe Wohl der gnädigen Herrschaft.

16. Da hatten nun der gnädige Herr und gnädige Frau, beide,

Ihren tausend Spaß und übergroße Freude,

Denn ein jeder Betrunkner war

Auf seine eigne besondre Art ein Narr.

17. Auch ein in der Nachbarschaft wohnender Poete

Hatte von dieser bevorstehenden Fête,

Durch die Posaune der Fama, Wind,

Und verfertigte drauf ein Carmen geschwind;

18. Kam also, kurz vor der Mahlzeit, herbeischleichen,

That das Carmen mit tiefster Reverenz überreichen,

Und empfing höchst graziös davor

Ein Almosen von zwei blanken Louisd'or;

19. Wurde dabei aus überschwenglichen Gnaden

Mit an die Nebentafel eingeladen,

Saß aber, wie man leicht denken kann,

Wegen seines kahlen Rockes, untenan.

20. Man schenkt' ihm oft ein und er ward trunken;

Dies erregte nun sehr seine poetischen Funken,

Und man transportirte mit guter Manier,

Weil er zu laut wurde, ihn vor die Thür.

21. Der Rest des Tages verstrich unter Tanz und Springen

Und derlei zeitvertreiblichen schönen Dingen;

Abends war schöne Illumination,

Wobei man eine Tonne Oel verbronn.

Siebzehntes Kapitel.

Wie der junge Herr das Eisen schmieden will, weil es noch warm ist, und

wie es ihm damit nicht nach Wunsch erging.

1. Nach und nach verloren sich vom Balle

Gäste und Gästinnen, meist paarweise, alle

Stammelten ihren schuldigen Dank;

Die meisten waren berauschet und krank.

2. Frau Hochzeiterin und Herr Hochzeiter

Waren heute außerordentlich heiter;

Doch zweifle ich sehr, ob's ganz so war,

Wie heute vor fünfundzwanzig Jahr.

3. Diese Stimmung schien ^in puncto^ und von wegen

Seiner Liebe dem jungen Baron sehr gelegen;

Denn er dachte, nach dem Sprüchwort sei's gut

Das Eisen zu schmieden, wenn's ist in Glut.

4. Er schritt also, obgleich ängstlich und blöde,

Bei seinen Eltern zur nöthigen Vorrede,

Und bate sie außerordentlich sehr

Um ein geneigtes geheimes Gehör.

5. Man ist drauf ins Apartement gegangen,

Und da hat der junge Herr den Text angefangen,

Und machte ihnen den schrecklichen Brand

Seines Herzens zu Mamsell Esther bekannt.

6. Der alte Herr wurde höchst sehr frappiret,

Fast hätte ihn die Apoplexie gerühret,

Und die gnädige Frau von Ohnewitz

Fuhr zusammen, als träf' sie der Blitz.

7. Allgemach hat man sich ein wenig gesammelt,

Ihm etwas Zweideutiges als Trost zugestammelt;

Denn man merkte aus seiner Sprache wol,

Die Sache sei zu ernsthaft und toll.

8. Er ist bald nach dem Schlafgemach geschieden;

Die Sache war zwar noch nicht nach Wunsch entschieden,

Aber sein Herz war doch ein Centner und mehr

Leichter, als es gewesen vorher.

9. Aber seiner Eltern zärtlichen Herzen

Erregte diese neue Mär heftige Schmerzen;

Denn eine solche bürgerliche Heirath

War ihnen eine unverantwortliche That;

10. Ihr Sohn hatte sich seit seinen Kindestagen

Immer gehorsam und vernünftig betragen,

Nun aber wollte er was fangen an,

Was kein Herr von Ohnwitz noch je gethan.

11. Versalzen ware nunmehro bei beiden

Die Suppe ihrer heutigen großen Freuden,

Und der froh angefangne Hochzeitstag

Nahm ein End' mit Schrecken und Ungemach.

12. Aber so geht's: auf einen hellen und frohen Morgen

Folgt oft ein Abend neblig und voll Sorgen,

Und wo ein Heil'genhaus ist, hat auf der Stell'

Nahe dabei der Schwarze eine Kapell'.

13. Was weiter hinter der Gardine passiret

Und wie man über die Sache deliberiret,

Nämlich wie solche anzugreifen sei,

Weiß ich nicht, denn ich war nicht dabei.

Achtzehntes Kapitel.

Enthält allerlei Anstalten, ^pro^ und ^contra^.

1. Herr Jobs ward Tags drauf zu Rath gezogen,

Und da hat man alles vernünftig erwogen,

Und es folgte zuletzt der Schluß:

Weit davon sei gut für'n Schuß.

2. Das heißt: aus Erfahrung hat man oft gelernet,

Daß, wenn man Stroh vom Feuer entfernet,

Nicht so leicht ein Unglück oder ein Brand

In Scheunen und Herzen nimmt überhand.

3. Das Beste sei folglich, die Liebenden zu trennen,

Vielleicht würde es dann wol aufhören zu brennen;

Weil eine persönliche Abwesenheit

Oft tilget die Freundschaft und Zärtlichkeit.

4. Der Baron sollte also nicht lange anstehen,

Italien, England und Frankreich zu besehen,

Mittlerweile würde er in seinem Gefühl

Für Mamsell Esther vielleicht kühl.

5. Eine Signora, Lady oder Marquise,

Die das Ohngefähr ihm irgendwo anwiese,

Würde in Rom, London oder Pareis

Ihn dann vollends bringen ins rechte Geleis.

6. Er hat deswegen von seinen lieben Alten

Den Befehl zur Reise vorläufig erhalten;

Es ist leicht zu denken, wie delicat

Ihm diese Ankündigung schmecken that.

7. Aber um diese Pille zu vergulden,

Rieth man ihm, sich wegen Esthers zu gedulden,

Bis etwa zu seiner Zurückkunft Frist

Einst geschehen möchte, was Rechtens ist;

8. Aller Umgang und ferners Caressiren

Müsse indessen zwischen ihnen cessiren.

Dieses versprach der Baron nun wol,

Doch eben nicht auf Cavaliersparol'.

9. Drum hat er vor wie nach, vor der Abreise,

Auf verschiedene klug ersonnene Art und Weise,

Meist aber Abends und bei der Nacht

Bei Esther einige Augenblicke zugebracht.

10. Das gab dann ein Gewimmer und Lamentiren,

Daß es einen Stein hätte mögen erbarmen und rühren;

Denn die Trennung ist ein sehr bitteres Kraut

Und verwundet der Liebenden Herz und Haut.

11. Es ward auch zu beiderseitigem Erquicken

Verabredet, sich fleißig Brieflein zu schicken,

Und 'nen ehmaligen Diener des Baron

Wählte man zum Liebespostillon.

12. Dieser hatte seit sehr geraumen Jahren

Die Kutsche der Herrschaft zu Ohnwitz gefahren

Und nun ohnlängstens als Veteran

Seine eigne kleine Wirthschaft gefangen an.

13. Schon zu des alten Herren Jugendzeiten

Besaß er in Bestellung der Liebesangelegenheiten,

Zu aller Menschen Verwundernuß,

Eine besondere Fertigkeit und Habitus.

14. Er hieß Jürgen und war nun in allen Ehren

Auch willig zu des jungen Herrn Liebesbegehren,

Und übernahm in diesem Fall der Noth

Gegen gute Geschenke den Briefdepot.

15. Uebrigens qualificirt sich dieser Titel

Der Liebesbriefe zu 'nem neuen Kapitel;

Ich will darum mit möglichstem Fleiß

Alles Nöthige sagen, was ich davon weiß.

Neunzehntes Kapitel.

Dieses Kapitel enthält manche schöne Betrachtung über Liebesbriefe ^in

genere^.

1. ^In genere^ ist's um die verliebte Briefsprache

Eine curiose und sehr närrische Sache,

Denn durchgehends gebraucht man hie

Eine eigene besondere Terminologie.

2. Da schlagen oft gar fürchterliche Flammen

Ueberm Kopfe der Verliebten zusammen:

Und wenn man's eigentlich besieht bei Licht,

So brennt's nur auf dem Papier, sonst nicht.

3. Man spricht drin von Sichtodtstechen und Sterben

Und von vielem Weinen, wovon die Augen verderben;

Und eigentlich verspritzt man doch kein Blut,

Und die Augen verbleiben klar und gut.

4. Da läßt man's an Pretiosen nie fehlen,

Da sind die Menge Perlen und Juwelen

Und süßer Nektar und Ambrosia

Und Gold aus Peru und Arabia.

5. Da finden sich Mündchen von Karmin und Korallen,

Und Aeuglein heller wie geschliffne Krystallen,

Hälse von Alabaster und Elfenbein,

Herzen von Demant und Marmorstein.

6. Man spricht von Sympathien und Magneten,

Anziehenden Kräften und Elektricitäten,

Und bei jedem dieser physischen Dinge hat

Eine besondere mysteriöse Deutung statt.

7. Da gibt's Veilchen, Rosen und schöne Nelken,

Vergißmeinnichtchen, die nie verwelken,

Tausendschön, Maiblümelein, Jasmin,

Sonnenblumen und die schwere Meng' Immergrün.

8. Bei etwa geringern Liebesprogressen

Spricht man jämmerlich von Myrten und Cypressen,

Von Todtenkränzen, Ysop und bitterm Wermuth,

Und was man bei Leichen gebrauchen thut.

9. Es kommen auch nach der allgemeinen Regel

Drin vor allerlei Gethiere und Gevögel,

Vorzüglich die bekannte Philomel'

Ist darin des Sommers ohne Fehl.

10. Item, anmuthig girrende Turteltäubchen,

Auch Sperlinge, Hänflinge, Männchen und Weibchen,

Auch wol ein Zeisig oder Distelfink,

Imgleichen mancher bunter Schmetterling.

11. Zuweilen gar grausame Löwinnen

Und unbarmherzige Tigerinnen,

Aber doch meist manch Schäfchen und Lamm,

Sanftmüthig, dumm, geduldig und zahm.

12. Sogar Geschöpfe aus höhern Regionen,

Engel und Sylphen zu Millionen,

Und selbst der kleine blinde Gott Amor --

Kommen in derlei Briefen oft vor.

13. Sonne, Kometen, Nordlicht und Sterne

Gebraucht man in den Liebesbriefen auch gerne;

Besonders aber wird der liebe Silbermond

Am wenigsten von allen Planeten geschont.

14. Noch tausend und mehr andre Hieroglyphen,

Sehr gebräuchlich in Liebesbriefen,

Trifft man in jedem bekannten Roman

Der ältern und neueren Zeiten an.

15. Man hält es auch nicht für sehr uneben,

Seiner Schönen einen zartern Namen zu geben,

Oder, ist etwa der Taufname zu dumm,

So ändert man ihn wol ganz und gar um.

16. Da sagt man zum Exempel statt Karoline Line,

Statt Leopoldine Poldchen oder Dine,

Imgleichen Trina statt Katarein,

Item Beta statt Elsabein.

17. Da kommt oft vor: Stella, Minna, Reta,

Imgleichen: Bella, Zinna und Meta;

Namen, welche bisher in Deutschland

Außer in Romanen, sind unbekannt.

18. Ferner lieset man statt Klara Kläre,

Und wie im gegenwärt'gen Casus, statt Esther Stehre,

Statt Wilhemina, Mina und sofort,

Wie zu sehen am gehörigen Ort.

Zwanzigstes Kapitel.

Anweisung zum neuesten verliebten Briefstyle, in feinen Exempeln nach

Siegwart und Werther; oder von der Liebescorrespondenz des jungen Barons

und der Mamsell Esther ^in specie^.

[Illustration]

1. In dem vorherbeschriebenen Kraftstile

Klagte nun auch der Baron seine Gefühle

Und der vorstehenden Trennung Ungemach

Mit untermengtem manchen Oh! und Ach!

2. Denn er hatte viele Romane studiret,

Hier und da auch vielleicht excerpiret,

Wo er was Herzzerbrechendes las,

Und dieses kam ihm nun trefflich zu paß.

3. Esther aber, nicht in dergleichen belesen,

Machte mit ihren Briefen weniger Wesen,

Und antwortete gewöhnlich kurz nur,

Ohne Kunst, blos nach der Natur.

4. Hier erfolgen einige genaue Copeien;

Der Leser wird mir dieses hoffentlich verzeihen,

Weil mancher verliebter junger Mann

Sie als Briefmuster weiter gebrauchen kann.

5. »Ach, meine Stehra! Auserwählte! Geliebte!

Denke, wie mich der Donnerantrag betrübte:

Meine Eltern sagten mir gestern, ich soll mich

Trennen, o wer weiß wie lange? von Dich!

6. Mir ist zugleich der Blitzbefehl ernstlich geschehen:

Dein Engelsgesicht nicht mehr so oft zu sehen --

Dich, meine Beste! -- Du Einzige!

Gar nicht mehr persönlich zu sprechen -- Au weh!

7. Aber ich will's hoch und theuer beschwören,

Dich ewig zu lieben, soll mir niemand wehren,

Und meines Herzens treue Sympathie

Soll für Dich -- Du Himmlische! verlöschen nie.«

8. _Antwort_: »Mein Schatz! Was Du mir hast geschrieben,

Thut mich innerlich in der Seele betrüben;

Denn ich halte der künft'gen Trennung Graus

Gewißlich keine acht Tage Dir aus.

9. Mein Herz ist krank und meine Augen fließen,

Ich thue Dich hunderttausendmal begrüßen

Und bleibe immer und ewig dabei:

Lieber gestorben als ungetreu.« --

10. »O mein Engel! Mein Seraph! Meine Stehre!

Vormals schwamm ich in 'nem Wonnemeere,

Und ein Blick aus den blauen Augen von Dir

War mehr als Gold und Seligkeit mir.

11. Aber bald, ach bald soll ich Dich verlassen,

Mein banges Herz vermag dies nicht zu fassen,

Es tobt wüthend, und ich erliege fast

Unter dieser schweren Centnerlast.

12. Draußen wall' ich in Wäldern auf und nieder,

Horche nicht mehr auf der Vögel zärtliche Lieder,

Mir duftet nicht mehr das Blümchen im Thal,

Mir lächelt nicht mehr der freundliche Mondstrahl.«

13. _Antwort_: »Wenn der ganze Himmel Papier wäre,

Und alle Sterne Schreiber und Secretäre,

Und schrieben fort bis zum jüngsten Gericht,

So klecksten sie doch zur Beschreibung meiner Liebe nicht.

14. Darauf kannst Du Dich gar sicher verlassen;

Wir wollen uns also in Geduld fassen;

Du bleibest trotz aller Trennung mein,

Und ich will ewig Deine Stehra sein.« --

15. »O wie war die Nacht so schlaflos, so traurig!

Wie heulte der Sturm draußen so schaurig!

In meiner geängstigten Seele brüllt

Ein Sturm, noch weit schauriger und wild.

16. Ach, meine einzige Göttin! meine Cythere!

Du, mir mehr als Himmel! meine Stehre!

Schwebst im reizenden Bilde immer vor mir --

Ach, wär' ich heute ein Stündchen bei Dir -- --

17. Ich wollte gerne, um Dich persönlich zu sehen,

Durchs Feuer und über Eisgebirge gehen -- --

Denn Dein lieblich lächelndes Angesicht

Erquickt mich mehr als des Monds Silberlicht.«

18. _Antwort_: »Mein Liebster! Freilich die Nacht war böse,

Ich hörte auch des Sturms Brüllen und Getöse,

Und ich habe auch, wie Du, die ganze Nacht

An Dich denkend schlaflos zugebracht.

19. Komme heute Abend um eilf Uhr in'n Garten,

Da will ich Dich mit offnen Armen erwarten;

Brauchst da nicht über Eisgebirge zu gehn,

Denn der Weg dahin ist grün und schön.«

20. »Amor hüpft um mich mit seinen Gehilfen,

Göttliches Mädchen! mich umtanzen Sylphen,

Und wie der silberne Wasserquell,

Ist nun meine düstre Seele hell.

21. Der heil'ge keusche Mond wird uns lächeln,

Zephyr wird uns in den Abendstunden fächeln;

Ich eile auf der Liebe schnellem Fittich

Und bin um eilf Uhr präcis bei Dich.

22. Hoch pocht mein Herz voll von tausend Dingen,

Ich kann Dir mein' Gefühle nicht alle singen;

Aber dann sink' ich für seligen Schmerz,

Du meine Auserwählte! an Dein Herz.«

23. _Antwort_: »Ich hoff', es werd' nicht an Gelegenheit fehlen,

Mich langsam aus dem Pfarrhause zu stehlen.

Es bleibet dabei, mein Schatz! komm nur

Im Garten zu mir um eilf Uhr.« --

24. »Schon in beinah anderthalb bangen Tagen

Habe ich's Dir mündlich nicht können sagen,

Wie, meine Grazie! Dein göttliches Bild

Meine liebevolle Seele erfüllt.

25. Kronen und Reiche wollte ich gerne hingeben,

Um mit Dir ewig verbunden zu leben,

Und weder Teufel noch die ganze Höll'

Tilget Dein Bild aus meiner Seel' -- --

26. Ach, die Fühllosen! Ach, die Tyrannen!

Die mich von Deiner Seite wollen verbannen!!

Aber ^posito^, man trennte auch Dich und mich,

So schlägt doch immer mein Herze für Dich -- --«

27. _Antwort_: »An Deiner Liebe hab' ich keinen Zweifel,

Aber ich bitte Dich, sprich nicht so viel vom Teufel;

Denn mir grauset jedesmal recht sehr,

Wenn ich seinen Namen nur nennen hör'.

28. Hoffnung auf künftige günstige Zeiten

Soll uns in der Liebe immer begleiten;

Das übrige sag' ich diesen Abend mündlich

Und erwarte am gewöhnlichen Orte Dich.« --

29. »Morgen -- ach! Morgen droht die fürchterliche Stunde,

Lange Trennung unserm zärtlichen Bunde;

Denn, himmlisches Mädchen! ach! es ist

Alles zur Abreise zugerüst't.

30. Laß mich noch einmal beim keuschen Mondlichte

Sehn Dein unvergeßlich Seraphinsgesichte,

Und gib, weil es nun so sein muß,

Mir zur Stärkung den Abschiedskuß.«

31. _Antwort_: »Ach, ach! werd' ich's auch können ertragen,

Dir das letzte Lebewohl mündlich zu sagen,

Ohne daß mein empfindliches Herze nicht

In hunderttausend Stücke zerbricht!!

32. Indessen, mein Geliebter! ich will im Garten

Dich zur gewöhnlichen Stunde erwarten,

Und da nehm' ich, weil's so sein muß,

Deinen zärtlich getreuen Abschiedskuß.«

33. Es sind dergleichen Billetsdoux noch mehre

Gewechselt zwischen dem Baron und seiner Stehre;

In des Barons seinen war lauter Unsinn,

Und in Stehrens ihren nicht viel Vernünftiges drin.

34. Ich will also diese Materie enden

Und mich lieber zu einer andern wenden,

Und verweise allenfalls über dies Stück

Auf Siegwart, Werther und Consorten zurück.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Ade! der junge Herr reiset ab.

1. Nicht immer kann man in Rosen sich baden,

Man muß auch oft durch dick und dünne waten;

Denn so ist es auf unsrer Lausewelt

Leider von Alters her bestellt.

2. Das heißt: wir können manch angenehmen Bissen

In unserm Erdenleben hier und da genießen,

Und der thut gar nicht übel dran,

Der's Gute mitnimmt, wenn er's kriegen kann;

3. Aber es ist uns auch manches bitteres Essen,

Mancher Kummer, manches Leid zugemessen,

Und da ist nun mein Rath unmaßgeblich,

Daß man geduldig drin ergeb' sich.

4. Auf diese sehr vernünftigen Reflexionen

Hat mich zum Glück die Abreise des Baronen

Und seine Trennung von Stehre gebracht;

Ich hätt' sie sonst nicht aus mir selbst gemacht.

5. In der Nacht vor seiner Abreise

Hatte er und seine Geliebte verstohlnerweise

Noch eine Zusammenkunft zuguterletzt,

Wie wir oben gehört haben, angesetzt.

6. Da gab's ^hinc inde^ ein Gewimmer, ein Gewimmer,

Ein Gewimmer, wie es vielleicht nimmer

Zwischen zwei Verliebten je geschehn,

Welche sich zu Nacht alleine sehn.

7. Ich vermag's nicht ^in extenso^ zu beschreiben,

Wie weinerlich es sie allda mochten treiben,

Meine Augen würden dabei zu naß,

Und zu leer an Tinte mein Tintenfaß.

8. Es ward da noch einmal mit den feierlichsten Eiden

Die ew'ge Treue befestigt zwischen beiden,

Und Frau Echo mit ihrem Widerhall

Bekräftigte alles dazu noch dreimal.

9. Auch hat man unverbrüchlich abgesprochen,

Sich Briefe zu schreiben wenigstens alle vier Wochen

Durch die bishero gebrauchte Adress',

Damit einer den andern nicht vergess'.

10. Schon öffnete die alte Jungfer Aurore

Droben die schönblauen Himmelsthore

Und erschien im Rosenkleide hübsch und fein,

Und Herr Phöbus kutschirte hinterdrein;

11. Das ist verdolmetschet in der gewöhnlichen Sprache:

Man blieb beisammen bis der Morgen anbrache,

Und endlich unter vielem Ach und Weh

Erfolgte das schmerzlichste Adieu.

12. Ach, ach! das letzte Küssen und Umarmen

War eine Scene jämmerlich und zum Erbarmen,

Bis zuletzt ein jeder für sich

Mit rothgeweinten Augen nach Hause schlich.

13. Als hernach, circa ein Viertel nach neun auf der Uhre,

Der junge Baron von Ohnewitz wegfuhre

Und Esther ihm im Wagen nachsah,

Fiel sie in eine Ohnmacht beinah.

14. Sie ist auf ihr Zimmer alleine gegangen,

Thränen rollten reichlich von ihren Wangen,

Ein Schnupftuch verhüllte Stirn und Gesicht

Und sie aß und trank den ganzen Tag nicht.

Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen · 第 17 / 20 段