10. Nämlich: Johann, Jäger und zugleich Kutscher,

Gärtner, Kellermeister und Schuhputscher,

Geheimer Kammerdiener, Lakei, Friseur,

Und bei Ihro Excellenz sonst noch allerlei mehr.

11. Nebst dem das 46jährige Käthchen,

Sie war Köchin und zugleich Kammermädchen,

Flickte die Strümpfe und kehrte die Flur,

War Viehmagd und zugleich ^Dame d'atour^.

12. Sogar das Pferdegespann, zwei magere Gerippe,

Wieherte froh zu Ohnewitz an der Krippe,

Denn sie aßen da, vom vielen Fasten matt,

Im Marstall in Hafer und Häcksel sich satt.

13. Auch der Fräulen Judith Schooßhund, ein schmächtiger Pudel,

Aße sich da bald rund wie eine Nudel,

Bekam Suppe, Braten und fettes Butterbrod,

Und vergaß alle seine vorige Noth.

14. Der junge Herr sahe von Kindesbeinen

An gern die Judith zu Ohnwitz erscheinen,

Und auch sie spielte und tändelte schon

Als Kind gerne mit dem jungen Baron

15. Auch in ihren Jünglings- und Mädchenjahren

Thaten sie noch gern sich zusammen paaren,

Ja man sahe auch später ^ex post^

Auf der alten Liebe noch keinen Rost.

16. Indeß seit Herr Jobs die Pfarre bekommen,

Hat sich der junge Herr ganz curios benommen;

Denn er zog sich mit guter Manier,

Unvermerkt, nach und nach zurücke von ihr.

17. Papa und Mama hätten allenfalls gern gesehen

Eine Mariage zwischen beiden entstehen;

Denn sie liebten, wie gesagt, die Fräulen Judith

Wegen ihrer Artigkeit und dem guten Gemüth.

18. Allein der junge Herr wollte davon nichts hören,

Suchte überhaupt alle Vermählung abzukehren

Ob er gleich an und für sich eben zwar

Kein Feind des schönen Geschlechtes war.

19. Den Schlüssel zu allen diesen Curiositäten

Und zu der Brunnquelle der Leibesnöthen

Des jungen Herrn und der Mamsell Esther

Zeigt das folgende Kapitel näher.

Neuntes Kapitel.

Wie eine Liebschaft sich angesponnen hat zwischen dem jungen Herrn und

der Jungfer Esther.

[Illustration]

1. Wir müssen jetzt auf einige Augenblicke

In der Geschichte wieder ein wenig zurücke,

Und fangen nachher aufs neue dann,

Wo wir eben aufhörten, wieder an.

2. Möchte wol wagen eine ansehnliche Wette,

Daß mancher es längst schon gemerket hätte,

Oder es wenigstens doch jetzo begreift,

Daß das Ding auf 'ne Liebesgeschichte ausläuft.

3. Schon habe ich wohlbedächtlich im zweiten

Theile, Kapitel 33, suchen vorzubereiten

Den geneigten Leser auf den Roman,

Der sich mit dem jungen Herrn und Esther anspann.

4. Nun wollen wir, um methodisch zu gehen,

Stück vor Stück ordentlich besehen,

Wie alles vom ersten Anfang

Nahm den gewöhnlichen Romangang.

5. Schon auf der Akademie hatte der Baron viele

Dunkele angenehme Vorgefühle

Für Esther, und gab dem Hieronimus,

Wenn er nach Haus schrieb, an ihr 'nen Gruß.

6. Denn mit Bücherschreiben und Verlieben

Wird manches seltne Abenteuer getrieben;

Beides kostet heuer wenig Müh',

Und man kommt dazu und weiß nicht wie?

7. Und weil Hieronimus seine Schwester sehr schätzte,

Und an ihrem Andenken sich sehr ergötzte,

So sprach er von ihr dem Baron oft vor,

Und das hob sein Gefühl noch mehr empor.

8. Als sie nachher selbst nach Ohnwitz gekommen,

Hat seine Liebe mehr überhand genommen,

Und flammte und brannte lichterloh,

Aerger als Flachs und lichtes Stroh.

9. Denn sie hatte ein Gesichtchen wie ein Engel,

Eine Taille schlank wie ein Rohrstengel,

Rabenschwarzes Haar, einen schönen Mund,

Und Wangen ^et caetera^ zart und rund.

10. Er mußte es sofort bei sich gestehen,

Daß er so ein Mädchen noch nie gesehen,

Und durch ihren himmlischen Verstand

Ward er vollends noch ärger verbrannt.

11. Er hielte zwar lange seine verliebte Grillen

Für sich allein, incognito und im Stillen,

Und wagte es durch Liebeserklärung nicht,

Von sich zu wälzen das schwere Gewicht.

12. Auch Esther, als sie zuerst den Baron sahe,

Wußte nicht recht, wie und was ihr geschahe;

Denn ein unbekanntes Etwas innerlich

Bemächtigte ihrer gewaltsam sich.

13. Sie hatte noch nie eigentlich geliebet,

War auch in Romanenlectüre nicht geübet,

Sonst hätte sie es wol gleich gewußt,

Was da so wurmte in ihrer Brust.

14. Nach und nach entwickelten sich ihre Triebe,

Wuchsen, und sie merkte, es sei die Liebe,

Und sie gestand sich, sie hätte nie gesehn

Einen jungen Herrn so artig und schön.

15. Aber sie suchte die Gefühle zu bestreiten,

Und die aufwachsende Liebe auszureuten;

Jedoch sahe sie immer den jungen Herrn,

Wenn er zu ihnen ins Pfarrhaus kam, gern.

16. Und oft, wenn sie ihn in der Nähe erblicket,

Ward ein aufsteigender Seufzer in ihr zerdrücket,

Und es ging hervor aus ihres Herzensschrein

Manchmal ein gewagtes Wünschlein klein.

17. Allein sie war bemüht in kältern Augenblicken,

Alle diese Wünsche in der Geburt zu ersticken;

Denn als 'ne vernünft'ge Person gedachte sie:

Die Wünsche würden doch realisiret nie.

18. Freilich für 'nen Herrn solch hohen Standes,

Einz'gen Sohn des reichsten Cavaliers des Landes,

War sie zur Abkühlung für's adlige Blut,

Nur höchstens allenfalls als Maitresse gut.

19. Aber sie ware seit ihrer frühen Jugend

Eine Bewahrerin unverdorbener Tugend,

Und hätte so was selbst keinem Königssohn

Für jährlich Lohn von tausend Ducaten gethon.

20. Auch der junge Herr konnte sich nicht bequemen,

Die Sache auf einem solchen Fuße zu nehmen;

Denn er hielte es für eine große Sünd',

Zu verführen andrer Leute Kind.

21. Auch hätte er alles in der Welt lieber

Gesehen gehen darunter und darüber,

Als seinem lieben Freunde Hieronimus

Zu machen einen so bittern Verdruß.

22. Er wußte aber mit vollkommenster Ueberzeugung

Seiner freiherrlichen Eltern Ekel und Abneigung

Gegen jede Beschmutzung des Stands

Durch eine niedrige Mesalliance.

23. Saße folglich mit seinen zärtlichen Gefühlen

Gleichsam geklemmt zwischen zweien Stühlen,

Und so ginge er lange und trug sich stumm

An seiner Liebe fast lahm und krumm.

24. Was sonst ^hinc inde^ noch passiret,

Wird in jedem Romanbuche recitiret,

Darauf beziehe ich mich, weil jedermann

Es umständlich und genau da lesen kann.

Zehntes Kapitel.

Wie die Liebschaft weiter gehen und zu einer förmlichen Liebeserklärung

kommen thut.

1. Indessen konnt' es nicht immer so sein und bleiben,

Amor mußte das Spiel weiterhin treiben,

Und so kam's binnen einem Vierteljahr

Zu einer Liebeserklärung baar.

2. In welcher Form dergleichen Erklärungen geschehen,

Kann man in Romanbüchern gleichfalls nachsehen;

Denn sie besonders zu beschreiben hier,

Verdürbe nur die Zeit und 's Papier.

3. Daß der Baron am ersten sich erkläret,

Sich Esther aber anfangs sehr gewehret,

Und alles geschah mit herzbrechendem Weh,

Versteht sich von selbst als latus per se.

4. Den Zeitpunkt, in welchem er's erst gewaget,

Und ihr sein Herzensanliegen geklaget,

Weiß ich nicht genau, doch mein' ich, es sei

Ohngefähr gewesen anfangs Mai.

5. Denn in diesem wonniglichen Monate

Geschehen Liebesanträge früh und spate,

Theils an Toiletten, theils in Büschen, theils im Stall,

Von jungen Herrn bis zu Kater und Nachtigall.

6. Esther hörte zwar mit vielem Entzücken

Den schönen Baron so zärtlich sich ausdrücken,

Und wurde innerlich so tief gerührt,

Als hätte sie _Mesmer_ magnetisirt.

7. Aber sie führte ihm vorab zu Gemüthe,

Daß ihr bürgerliches und sein adliges Geblüte

Zu einem ernsthaften Liebesverein

Sich so wenig fügten, wie Wasser zu Wein.

8. Und sie gegen jede andre Art der Verbindung

Und unerlaubte Leidenschaft und Empfindung,

Bei aller sonstigen Seelenharmonie,

Hätte eine ewige Antipathie.

9. Um sich also der Liebe zu entschlagen,

Suchte sie allerlei Vernunftgründe vorzutragen,

Jedoch mittlerweile sie also sprach,

Floß aus ihren Aeuglein ein Thränenbach.

10. Sie hatte noch allerhand gewöhnliche Ausflüchte,

Theils von größerm, theils geringerm Gewichte,

Fügte auch manches von der Untreu

Und dem Wankelmuthe des männlichen Geschlechts bei.

11. Er aber versicherte hoch und theuer:

Er sei kein Lügner oder Alltagsfreier,

Und noch vielweniger wolle er

Ueber ihre jungfräuliche Unschuld her.

12. Schwor gar, daß die Bäume hätten mögen krachen:

Bei Cav'lierparol' und derlei zuverlässigen Sachen,

Er würde seine heftige Liebe und Sie,

So lange er athmete, quittiren nie.

13. Redete auch von Verzweiflung, Degen und Pistolen,

Von Halsbrechen, ja gar von Teufelholen

Und andern Dingen, welche rührend schön

In _Werthers_ Leiden beschrieben stehn.

14. Von diesen so fürchterlichen Schwüren

Ließ sich Esther endelich rühren;

Denn sie dachte, sie möcht' den verliebten Baron

Sonst wirklich bringen zur Desparation.

Eilftes Kapitel.

Wie aus obgedachter Liebschaft endelich gar ein Siegwartsfieber

entstehet.

1. Die Liebe des Barons und der Mamsell Esther

Wurde nun tagtäglich stärker und fester,

Nachdem man auf der schlüpfrigen Liebesbahn

Den ersten und schweresten Schritt gethan.

2. Schon gleich auf die wechselseitigen Entschlüsse,

Sich ewig zu lieben, folgten einige Küsse,

So wie nach dem gemeinen Sprüchwort auf A B,

Wie schon die Kinder wissen, folgt das C D.

3. Man hat alle Gelegenheit wahrgenommen,

Oft bei einander und zusammen zu kommen,

Und der junge Herr hatte fortan nun

Immer was im Pfarrhaus zu thun.

4. Es traf sich bei seinen Besuchen auf der Pfarre,

Daß Herr Jobs meistens nicht zu Hause ware,

Oder daß er auf seiner Studierstube saß,

Und für sich andächtig studirte oder las.

5. Aber der artige, liebe, junge Herre

Bat ausdrücklich, daß man ihn ja nicht störe,

Viel weniger daß er es übel nahm,

Wenn Herr Jobs nicht 'runter zu ihm kam.

6. Denn die eigentlichen importanten Sachen,

Welche er im Pfarrhause hatte auszumachen,

Gehörten wenigstens das meiste mal

In des Gott Amors Cameral.

7. Auch Jungfer Esther hat fast alle Wochen

Mehrmals ins herrschaftliche Schloß eingesprochen,

Wenn etwa ein Geschäft sie dazu veranließ,

Und hatte sie kein Geschäft, so machte sie's.

8. Man conferire über diesen besondern Titel

Die Verse 9 bis 16 im fünften Kapitel,

Woselbst ich schon lang und breit beschrieb,

Wie der Baron seine Besuche betrieb.

9. Um ja im Liebeswandel nichts zu versäumen,

Thaten sie gar des Nachts von einander träumen,

Und da wurde dann, was des Tages passirt,

Des Nachts weitläufiger ausgeführt.

10. Er, um seiner noch besser zu gedenken,

Ueberreichte ihr manche schöne Geschenken,

Zum Beispiel: einen herrlichen Brillantring,

Und viele andre Galanterie-Ding'.

11. Weil es ihr aber an Golde und Juwelen

Vielleicht dermalen mochte fehlen,

So flochte sie ihm dafür fein und rar

Einen Ring von ihrem eignen Haar.

12. Er gab ihr auch eingefaßt im goldnen Rahmen

Sein Portrait, nebst dem Zug von seinem Namen,

Nahm dagegen beim Lichte an der Wand

Ihre Silhouette mit eigner hoher Hand.

[Illustration]

13. Viele Liebende müssen sich bequemen,

Mit solchen Kleinigkeiten vorlieb zu nehmen,

Denn eine Copie ist doch allenfalls

Ein Behelf in Ermanglung des Originals.

14. (Apropos! ich will einmal probiren,

Drüber ein bischen zu physiognomisiren,

Denn in diesem tiefsinnigen Studium

Bin ich so wenig als Herr _Lavater_ dumm.)

15. »Man sieht in dem etwas zurückstehenden Hute

Gar deutliche Züge vom Edelmuthe,

Und es zeugt die gerundete große Stirn

Vom drinliegenden guten Gehirn.

16. Die etwas hervorstehenden Augbraunen

Beweisen ein Mädchen von muntern Launen,

Und das Näschen, etwas mehr stumpf als spitz,

Zeigt eine künftige Frau von Ohnewitz.

17. Das hier kaum bemerkbare Backengrübchen

Beweiset ein immer freundliches Liebchen,

Und der ein wenig geöffnete Mund

Machet süße Gesprächigkeit kund.

18. Die ein wenig hängende Unterlippe

Zeigt an, daß sie sei keine Xantippe,

Sondern daß etwas Hang zur Schwärmerei

In ihrem sanften Temperamente sei.

19. Die nette Ründung und das Pünktchen am Kinne

Deutet auf etwaigen Hang zur Minne,

Und die ziemliche Stärke des Hinterkopfs

Zeiget deutlich an eine noch _Jungfer_ Jobs.

20. Das hangende Haar auf Nacken und Rücken

Scheint ein ^je ne sais quoi^ auszudrücken,

Und des Halses und der Brust Contour

Deutet auf eine gute Natur.«

21. Der Baron machte also, wie leicht zu ermessen,

In seiner Liebe erstaunliche Progressen,

Verfertigte auch manches Schäfergedicht,

Wo beim Lesen einem das Herz schier bricht.

22. Oft wandelten sie in einsamen Feldern,

Oder spazierten in schattigen Wäldern

Hand in Hand und Arm in Arm,

Und wurden inner- und äußerlich warm.

23. Auch an sanft rieselnden Silberbächen

Pflegten sie über ihre Liebe sich zu besprechen,

Und, siehe da, ihr zärtlichs Gespräch ergoß

Sich so sanft und glatt, wie der Bach floß.

24. Oder sie sanken aufs weiche Moos nieder,

Hörten des Hänflings und andrer Vögel Lieder,

Und ahmten ihnen in der zärtlichen Klag',

So viel als es nur menschmöglich war, nach.

25. Am zärtlichsten waren ihre Wechselgefühle

Auf den Wanderschaften in der Abendkühle,

Bei dem melodisch rührenden Schall

Der Philomel', sonst genannt Nachtigall.

26. Sie saßen auch in mancher Abendstunde

Unterm blauen Himmel mit offnem Munde,

Tranken des Mondes Silberschein

Und das Flimmern der lieben Sternelein[1].

27. Oder sie saßen und liebelten in der Laube,

Wie ein trauter Tauber und eine zärtliche Taube,

Und dann schmolzen ihre Herzen stracks

In einander wie Unschlitt und Wachs.

28. Oder sie weilten in der abgelegnen Grotte,

Spielten daselbst fast den _Werther_ und die _Lotte_,

Und hantierten und koseten so süß,

Wie vielleicht Adam und Eva im Paradies.

29. Kurz, das Liebesleben ging je länger je lieber,

Ward endlich ein ordentliches Siegwartsfieber,

Denn diese gar närrische Krankheit

Grassirte ohnedem damals weit und breit.

30. Oft traf der Baron sein Mädchen bei der Toilette,

Einmal überraschte er sie gar im Bette,

Jedoch bei aller dieser verdächtigen Liebschaft

Behielte Esther ihre Jungferschaft.

31. Ueberhaupt versichere ich's hoch und theuer:

So groß auch ware ihrer Liebe Feuer,

So ward doch dadurch in der Tugendpflicht

Kein unglücklicher Brand angericht't.

32. Bei allem dem war die Aussicht ihrer Liebe

Im ganzen genommen sehr neblig und trübe,

Denn man kam mit allem diesen Spiel

Doch nicht zum reellen Zweck und Ziel.

33. Denn Hieronimus konnte dies Bündniß nicht billigen,

Die gnädigen Eltern noch weniger einwilligen,

Es blieb also blos bei den Präliminarien,

Ohne im Hauptartikel weiter zu gehn.

34. Da kann man nun leicht bei sich gedenken,

Wie sehr das den guten Kindern mußte kränken,

Und wie allgemach ein heimlicher Gram

Bei dem einen und der andern überhand nahm.

35. Der arme junge Herr, wie weiland _Werther_,

Besuchte einsame melancholische Oerter,

Und die noch ärmere Esther weinte baß

In der Einsamkeit ihre Aeugelein naß.

36. Indessen war nichts übrig, als sich zu fassen

Und das Ende dem Schicksale zu überlassen,

Und man kam darinnen überein,

Sich auf künft'ge bessere Zeiten zu freun.

37. So kann man nun hier das Räthsel lösen,

Was die Kapitel 6 und 7 beschrieb'ne Krankheit gewesen,

Von der kein studirter Arzt den Grund fund,

Und noch weniger sie curiren kunnt.

[Fußnote 1: Man sehe das Titelkupfer zum dritten Theile.]

Zwölftes Kapitel.

Wie die Buhlschaft ganz incognito getrieben ward, ohne daß wenigstens

der Herr Pfarrer Jobs etwas davon merken kunnt.

1. Es geht den Liebhabern wie den Gaudieben,

Beide pflegen ihr Gewerb im Geheimen zu üben;

Und nach dieser wohlhergebrachten Manier

Verfuhren auch unsre Liebenden hier.

2. Herr Hieronimus hat in einigen Jahren

Vom ganzen Handel nicht 's mindeste erfahren;

Denn, nach dem Sprüchwort, gewöhnlich sind

Die Menschen in den nächsten Sachen blind.

3. Aber Esthers Mutter war pfiffiger und schlauer,

Und sie merkte es endlich und auf die Dauer,

Daß ein verliebtes Geschäfte vorging;

Denn sie kannt' noch aus alter Erfahrung das Ding.

4. Sie ließ, ohne die Sache selbst zu verstärken,

Sich doch gegen andre davon nichts merken;

Denn sie übertraf an Verschwiegenheit

Alle andre Frauen, alt und jung, weit.

5. Auch im Dorf war schon lange ein Gerüchte

Von des Barons und der Esther Liebesgeschichte,

Und es hatte sogar fast jedes Kind

Von den geheimen Händeln Wind.

6. Selbst die alte Herrschaft merkte diese Händel,

Und aus manchem verstohlnen Getändel,

Was ihr Herr Sohn mit Esther gemacht,

Schöpften sie allgemach Verdacht.

7. Zwar hielten diese ihre verliebten Blicke

In Gegenwart der Schloßherrschaft möglichst zurücke,

Und ratione ihres Betragens und Gesichts

Hätt' man sollen denken: mir nichts, dir nichts.

8. Aber Verliebte können just in allen Fällen

Nicht andre täuschen und sich immer verstellen;

Das Ding währet höchstens eine Zeitlang,

Denn Naturtrieb gehet vor Zwang.

9. Besonders erregten die Besuche und Gänge

Nach dem Pfarrhause, wegen ihrer Menge,

Aufmerksamkeit und gerechten Argwohn

Ueber Jungfer Esther und den jungen Baron.

10. Aber daß es Ernst sei mit dieser Minne,

Stieg ihnen nie zu Gedanken oder zu Sinne,

Vielmehr glaubten beiderseits sie,

Es sei nur 'ne spaßhafte Galanterie.

11. Der alte Herr wußte aus jüngern Zeiten,

Wie wenig dergleichen Buhlschaften bedeuten,

Denn er hatte selbst manchen temporellen Roman

Mit unadligen Mädchen gesponnen an.

12. Und die gnädige Frau that mit allem Vertrauen

Auf die hochadlige Gesinnung ihres Sohnes bauen,

Der nie durch eine Mesalliance

Verdunkeln würde des Geschlechtes Glanz.

13. Hatte übrigens einen baumstarken Glauben,

Der Herr Sohn würde Esthern ihr Kränzchen nicht rauben,

Sondern daß alles nur abgesehn sei

Auf eine platonische Löffelei.

14. Man ließ also diese Liebesgeschichten,

Ohne den Herrn Jobs davon zu benachrichten,

Als ein Bagatell auf sich beruhn,

Wie wir dann vor der Hand auch thun.

Dreizehntes Kapitel.

Wie Herr Jobs die Liebenden in der Laube attrapiren that, zur Nacht und

Unzeit.

1. Phöbus hatte vollbracht auf gewöhnliche Weise

Um die Erde herum seine Tagereise,

Und die Postpferde schon abgeschirrt,

Und die Räder für morgen eingeschmiert.

2. Verschlossen waren Kramläden und Buden,

Sowol bei beschnittenen als christlichen Juden,

Und im Dachstübchen im Hinterhaus

Blies ein Philosoph sein Thranlämpchen aus.

3. Auf den Schneidertischen lagen pêle-mêle

Gestohlne Lappen, Scheere und Ehle,

Und müßig in des Schreiners Werkstätt'

Säge und Hobel auf halbfert'gem Brett.

4. Vom Armenwächter bis zum Staatsminister,

Vom Erzbischof bis zum Hundeküster,

Vom Profoß bis zum General hinzu,

Hatte alles von der Amtspflicht Ruh.

5. Gott Morpheus streuete Schlummerkörner,

Luna zeigte ihre glänzenden Hörner,

Und manchem abwesenden Ehemann

Ward ein Horn zu Hause zugethan.

6. Ueberall herrschte feierliche Stille,

Nur hier und da zirpte eine Grille,

Oder ein wachsamer Kettenhund

Machte in ihrem Beruf gehende Diebe kund.

7. In der unermeßlichen weiten Ferne

Schimmerten droben tausend freundliche Sterne,

Und das azurne Himmelblau

Ward durch kein Wölkchen noch Nebel grau.

8. Auf des verflossenen Tages Schwüle

Folgte eine sanfte erquickende Kühle;

Ich erinnere mich, es war grade just

Um die Mitte des Monats August.

9. Das Mondlicht fiel hell durch Ritzen und Fenster,

Manches Sonntagskind sah Phantome und Gespenster,

Die Eule flog auf die Fledermaus-Jagd,

Mit einem Wort: Es war Mitternacht.

10. Wer gewohnt ist, seine Menschenpflichten

Des Tages durch gehörig zu verrichten,

Und dabei satt gegessen und getrunken hat,

Dem ist die Nacht eine wahre Wohlthat.

11. Denn weder sein leerer Magen noch volles Gewissen

Plagt ihn mit Drücken und peinlichen Bissen,

Und nach ausgezogenem Pantoffeln oder Schuh

Kommt er im Bette sofort zur Ruh.

12. Herr Hieronimus hat baß, als manche Großen,

In seinem Pfarrstande dies Glücke genossen,

Denn kein Hunger noch Gewissensgewicht

Drückte seinen Unterleib noch Kopf nicht.

13. Jedoch hat es sich einsmalen zugetragen,

Daß er, vielleicht wegen überladenem Magen,

Die oben beschriebene Augustnacht

Etwas schlaflos hat zugebracht.

14. Er entschloß sich sofort aufzustehen,

Und im Garten ein wenig spazieren zu gehen,

Um durch diese kleine Motion

Zu fördern den Schlaf und die Concoction.

15. Er fand die Hinterthür seines Hauses offen,

Und ward davon zwar ein wenig betroffen,

Doch glaubte er, die Hausmagd habe dies

Vielleicht gethan gestern ^per abus^.

16. Er wandelte im Schlafrock mit langsamem Schritte

Ohngefähre bis zu des Gartens Mitte,

Wo unfern davon, linker Hand,

Sich eine kleine dichte Laube befand.

17. Aber plötzlich ward sein Spazieren unterbrochen,

Denn es wurde in dieser Laube laut gesprochen,

Und es däuchte sogar, indem er horchte, ihm,

Es sei seiner Schwester Esther Stimm'.

18. Er schlich näher, sehr langsam und leise,

Ohngefähr wie Katzen nach dem Gerispel der Mäuse,

Und hörte drauf im wohlbekannten Ton

Auch die Stimme vom jungen Herrn Baron.

19. Er erstaunte natürlicher Weise darüber,

Ja sein Erstaunen ging in Erstarren gar über,

Als er fürder zur Laube kam,

Und den Inhalt des Gesprächs vernahm.

20. Denn er hat da nun deutlich erfahren,

Daß man schon seit mehrern Jahren

Diese Laube hatte gewählet zu

'nem nächtlichen geheimen Rendezvous.

21. Er hat sogar mit Schaudern vernommen,

Daß die Sache sehr weit mit beiden gekommen,

Und daß vielleicht eine Entführung gar,

Wie es schiene, auf'm Tapete war.

22. Ohne vorerst weiter was anzufangen,

Ist er stille zurücke ins Haus gegangen,

Um zu überlegen bei kaltem Blut,

Wie das böse Ding sei zu machen gut.

23. Wie lang das Rendezvous in der Laube gewähret,

Drüber bin ich so genau nicht belehret;

Es kann dieses, lieber Leser mein,

Dir und mir auch wol gleiche viel sein.

Vierzehntes Kapitel.

Wie Herr Hieronimus mit seiner Schwester ein Kapitel hält, ohne jedoch

so niederträchtig zu schimpfen, wie mancher andere in seiner Stelle

würde gethan haben und hier anfangs zu lesen ist.

1. »Schämst du dich nicht, du liederliche Metze!

Du ^et cetra^! du schmutzige Petze!

Ist denn all' Ehre, Reputation und Respect

In deinem jungfräulichen Herzen verreckt?

2. Pfui dich! ba! du garstige Esther!

Es verdreußt mich zu han eine solche Schwester,

Die wider alle Regeln der Moral

Treibet ein solch ärgerlich Scandal!

3. Was wird nun 's Publikum davon sagen,

Daß sich bei mir so 'n Aergerniß zugetragen?

Gibt es nicht für den Pfarrer zu Ohnewitz

Wegen seines Amtes Stank und Präjudiz?

4. Ich soll, wird man nun sagen, als Paster

Bestrafen andrer Leute Fehler und Laster,

Und doch treibt's in meinem eig'nen Haus

Meine Schwester so malhonett und kraus!

5. Du hast doch die Kinderschuh schon verschlissen,

Müßtest längst weg sein über Tändeln und Küssen,

Und bist nach richtiger Rechnung bald

Sechsundzwanzig Jahr, oder gar was drüber, alt!

6. Oder meinest du etwa, daß ich es glaube,

Daß ein Mädel mit 'nem Buhler allein in der Laube,

Besonders zur Nachtzeit, was Gutes üb'?

Es heißt ja: Gelegenheit machet Dieb'!

7. Aber warte, ich will es schon verfügen,

Daß ihr sollt, ehe ihr's vermuthet, kriegen,

Du sowol, als dein verliebter Hasenpfot,

Die hunderttausend Element Sakerlot!«

8. So hätte vielleicht mancher in Zorn und Eifer

Seine Drohung, Gift, Galle und Geifer

Ueber das arme Mädchen ausgeschüt't;

Aber das that Herr Pfarrer Hieronimus nit.

9. Er hielt es zwar für's erste nöthige Mittel

Mit seiner Schwester zu halten ein geheimes Kapitel,

Aber es geschah doch mit möglichstem Glimpf,

Ohne alle obige Drohung und Schimpf.

10. Nämlich, Herr Jobs hatte vollbracht unter viel Sorgen

Den Rest der Nacht, und entbot gleich am Morgen

Die Schwester zu sich nach der Studierstub',

Wo er das geheime Examen anhub.

11. Sie vermuthete nur blos häusliche Aufträge,

Denn sie glaubte, ihr Bruder hätte durch keine Wege

Von ihrer Liebe zum jungen Baron

Die geringste Nachricht noch Suspicion.

12. Sie erschien vor ihm etwas schüchtern,

Ihr Auge blickte noch ein wenig trübe und nüchtern,

Wegen der nächtlichen Assemblee,

Und sie war noch im Negligee.

13. Herr Jobs wollte sie nicht zu sehr erschrecken,

Noch das erfahrne Abenteuer plötzlich aufdecken,

Denn er fürchtete vorerst davon

Eine gar zu heftige Alteration.

14. Sprach erst überhaupt von ihrem Lebenswandel,

Kam allgemach näher zum Liebeshandel,

Ging aber so vorsichtig herum dabei,

Wie die Katze um einen heißen Brei.

15. Vorab mußt's ihm am meisten interessiren,

Sich ausdrücklich bei ihr zu informiren,

Ob bei verloffenen Händeln sie

Noch ächt seie im ^puncto puncti^.

16. Da versicherte sie nun unter vielen Thränen,

Mit unterbrochnem Schlucksen, Händeringen und Stöhnen,

Daß bei aller geschehenen Liebelei

Noch ^res integra in puncto puncti^ sei.

Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen · 第 16 / 20 段