30. Denn ehmals gab's von der Ruthe und dem Bakel

Auf'm Hintern und Rücken manchen blauen Makel,

Oft wurden gar Rippen und Arme krumm,

Und die Kinder vom Lernen vollends dumm.

31. Diesen Uebeln in der Schule auszuweichen,

Pflegten sie vormals gerne vorbei zu schleichen,

Und sie sahn das in die Schule Gahn

Als ihr größtes Kreuz und Unglück an.

32. Aber jetzt wurden die Prügel abgeschaffet,

Und die fehlenden Kinder mit Worten bestrafet,

Drum gingen sie nunmehr sittig und fein

Gern in die Schule, um zu lernen, hinein.

33. Da thaten sie also mächtig profitiren

Im Schreiben, Lesen und Buchstabiren,

So daß ein unmündiges Kind von acht Jahr

Jetzt gelehrter wie der alte Dorfschulz war.

34. Auch die vorigen Ohnwitzer Herrn Pastores

Bekümmerten sich nicht viel, wie es um die Mores

Ihrer anvertrauten Heerde stand,

Wenn sich sonst nur alles in ^statu quo^ befand.

35. Drum war im Dorf Haß, Streit, Fressen, Saufen,

Büberei, Unzucht, Balgen und Raufen,

Dieberei, Prellerei, Neid und Betrug

Sehr gemein und schier täglich genug.

36. Fast alle Sonntage war in der Schenke

Schlägerei, Schimpfen, Lärm und Gezänke,

Und immer in jeder folgenden Woch'

Mußten ein Paar zur Strafe ins Hundeloch.

37. Auch gab's dabei viele ansehnliche Brüchten

In die Canzleikasse gewöhnlich zu entrichten,

Und insoweit sahn die Justizherrn

Dergleichen Unfug eben nicht ungern;

38. Aber seitdem Herr Jobs die Pfarre bekommen,

Hat man wenig oder wol gar nicht vernommen,

Daß es Brüchten gab oder einer ins Hundeloch

Wegen verübeter Excesse kroch.

39. Denn seine vortrefflichen Kanzellehren

Mußten fast jeden Sünder bessern und bekehren,

Besonders sein eigenes Leben war

Ein ächtes Tugenden-Exemplar.

Drittes Kapitel.

Fortsetzung des vorigen.

1. Seine Vorgänger thaten bei gutem Muthe

Sich gerne bei andern ^bene^ und zu gute

Und waren mit Weib und Kindern viel,

Wo was zu essen oder trinken vorfiel.

2. Er aber ging höchst selten zum Schmause,

Und geschah es, so eilte er doch früh nach Hause,

Denn er haßte alle Schmarozerei

Und blieb seiner geistlichen Würde getreu.

3. Er war auch zu Hause kein heimlicher Prasser,

Trunk wie Timotheus nur wenig Wein, doch mit Wasser,

Bei der Tafel und sonsten nur für

Den Durst ein leichtes Hausmannsbier.

4. Bei gewissen hochfeierlichen Gelegenheiten

Pflegte er wol bis zum halben Räuschlein zu schreiten,

Aber er behielt doch immer den Verstand rein,

Stank übrigens nie nach Tabak und Branntwein.

5. Auch war er kein Leckermaul noch Fresser,

Sein Magen- und Mundbedürfniß war selten größer,

Als Suppe, ein Stückchen Fleisch und Zugemüß',

Oder sonst wo 'ne Kleinigkeit zum Anbiß.

6. Die etwaigen Tafelüberflusse

Hatten immer die Armen zum Genusse,

Und diese hielten, Jahr ein Jahr aus,

Offne Tafel in seinem Vorhaus.

7. Besonders geschah dieses seit den Jahren,

Als seine Mutter Schnaterin Todes verfahren;

Denn die liebe, gute, selige Frau

War zuweilen etwas ängstlich und genau.

8. Hatte er dann und wann seltne Leckerbissen,

So pflegte er selbst nur wenig davon zu genießen,

Sondern dürftige Kranke bekamen davon

Meistens die größeste Portion.

9. Ueberhaupt war er voll Mitleid und Erbarmen

Für alle und jede Nothleidenden und Armen,

Und war mit möglichstem Rath und That

Ihnen zu helfen immer parat.

10. Er unterließ nicht, mit vollen Händen

Almosen den Hilfsdürftigen auszuspenden,

Und wo er einen nackt und unbekleidet sah,

War er gleich mit Hemd, Rock, Schuh, Hosen da.

11. Morgens war oft seine Kasse und Ficke

Von eingekommenen Geldern voll und dicke,

Aber Abends beim Zubettegehn

War kein Batzen mehr drin zu sehn.

12. Er gab aber alles in größester Stille

Ohne Prahlerei, Vorwürfe oder Gebrülle,

Und immer blieb gleichsam der linken Hand,

Was die rechte machte, unbekannt.

13. Er war stets freundlich und dienstfertig

Und gleich bei Tag und Nacht gegenwärtig

Zur Menschenliebe und zur Dienstpflicht,

Und so commod' wie sein Antecessor nicht.

14. Besonders achtete er weder Frost noch Hitze,

Wind und Regen, Donner und Blitze,

Wenn ihn etwa dringende Noth

Zu einem Kranken zu eilen gebot.

15. Nie war er kriechend oder niederträchtig,

Aber doch in Reden und Aeußerungen bedächtig,

Und im Umgang kein pietistischer Murrkopf,

Noch in Gesellschaften ein Sauertopf.

16. Vielmehr suchte er im Umgang mit Leuten

Frohsinn um sich her zu verbreiten.

Denn er gedachte: das ächte Christenthum

Besteht nicht im Kopfhängen oder Gebrumm.

17. Doch Possen und zweideutige Narrendeutungen

Trieb er nie bei Mädchen und bei jungen

Weibern, sondern er bezähmte sein Fleisch

Und blieb durchaus ehrbar, züchtig und keusch.

18. Deswegen konnten mannbare Töchter und Frauen

Ihm sicher alle Geheimnisse anvertrauen,

Und weder Vater noch Ehmann sahen dazu,

Wenn er bei jenen allein war, ^jaloux^.

19. Entfernt vom geistlichen Stolz und Hochmuthe,

Blieb er vor wie nach bei kaltem Blute,

Wenn man ihn just nicht »Herr Doctor« hieß,

Sondern es beim simpeln »Herr Pfarrer« ließ.

20. Drum will auch ich beim gewohnten Stil bleiben

Und nicht _Doctor_, sondern _Pfarrer_ Jobs meist schreiben,

Weil ohnehin heut zu Tag der Doctorgrad

Eben nicht hoch ansehnlich mehr staht.

21. Allen Eigennutz und Geiz haßt' er

Als ein häßliches ungeistliches Laster,

Und gab viel lieber, als daß er nahm,

Wenn Geben und Nehmen in Collision kam.

22. Deswegen wollte er auch nie wegen der Pfarrpächten

Mit seinen Pfarrkindern krakelen oder rechten,

Und er that nie mit seinen Schuldnern so

Wie der Schalksknecht im Evangelio.

23. War wo 'ne Kleinigkeit zu repariren,

So ging er nicht gleich betteln und collectiren,

Und enthielt sich von jeder Prellerei,

Sie mag Namen haben, wie sie wolle, frei.

24. Seine Vorgänger suchten durch Plusmachen sich zu bessern,

Und die Pfarreinkünfte jährlich zu vergrößern,

Und hatten immer bald hinten bald vorn

Etwas zu tadeln an Beichtpfennig und Korn.

25. Zwar geschah dies nicht immer ohn' Ursach aus Geize;

Denn viele Ohnwitzer waren schlimme Käuze,

Und hielten es eben für kein Scandal,

Wenn man den Pfarrer betrog oder bestahl.

26. Drum gaben sie manchen falschen Beichtdreier

Und Hühner, die den Pips hatten, und faule Eier,

Und bei dem Getreide das mehreste mal,

Fehlte es an Maß, Qualität und Zahl.

[Illustration]

27. Nie mischte er sich in fremde Händel und Sachen,

Dachte vielmehr an die Lehre des alten _Sirachen_:

_Was deines Amts nicht ist zu Ohnwitz.

Da laß, liebes Kind! deinen Vorwitz!_

28. Ehestiftungen und niederträchtige Kuppeleien

Haßte er besonders bis zum Verabscheuen,

Obgleich dies Geschäft seinem Amtsvorfahr

Durch manchen Kuppelpelz einträglich war.

29. Gegen andre Religionsverwandten

Bezeigte er sich immer als einen Toleranten,

Und schlug bei geringen Ketzerei'n

Nicht gleich mit dem Prügel des Anathema drein.

30. Er hielte, sowol Katholiken als Calvinisten,

Für seine lieben Mitbrüder und Mitchristen,

Und verdammte keinen mit kaltem Blut,

Wär's auch gewesen Türk', Heid' oder Jud'.

31. Kurz, er machte seinem Amte und seiner Lehre

Als ein ächter Religionsprediger, Ehre,

Und in der ganzen Gegend umher

War ein so braver Pfarrer nicht mehr.

Viertes Kapitel.

Wohlstand in Ohnewitz.

1. Gleichwie während Hieronimi Nachtwächterstande,

In Schildburg sich alles ruhig und wohl befande,

Und, so viel ich sicher weiß, allda

Weder Einbruch noch Räuberei geschah;

2. So und dermaßen, als nun geistlicher Hüter,

Stimmte er die Ohnwitzer Seelen und Gemüther,

Obgleich unter manchem Seufzer und Schweiß,

Zur Rechtschaffenheit, Ordnung und Fleiß.

3. Sie hatten zwar, wie wir schon wissen, harte Häute,

Und wurden doch in kurzer Zeit die besten Leute,

Und jeder wunderte sich schier sehr zu sehn

Der Ohnewitzer vernünftigs Begehn.

4. Sie heiratheten und urbarten wüste Räume,

Zeugten fleißig Kinder und pflanzten Bäume,

Gingen oft in die Kirch' und aufs Feld,

Hatten Verstand und Courage und Geld.

5. Arbeiteten auch sonst wacker im Berufe,

Baueten manche neue Scheune und Hufe,

Und im ganzen Ohnwitzer Dorfe blieb

Kein einziger müßiger Bettler noch Dieb.

6. Sie zahlten die Martinspächte ohne Fehle,

Thaten auf Zinse manche neue Kaptäle,

Und so stieg in kurzem im schönsten Flor

Das kleine Dorf ansehnlich empor.

7. Zwar wuchsen auch mittlerweil' Luxus und Moden

Auf dem bisher altfränkisch ländlichen Boden,

Und statt gesundem Bier und Milchbrei

Trank man Kaffee und Zucker dabei.

8. Die reichsten Männer spazierten in Pantoffeln,

Aßen Braten und Blumenkohl statt Speck und Kartoffeln,

Und trunken statt Kovent alten Pontak,

Und rauchten vom allerbesten Tabak.

9. Auch die jetzigen Ohnwitzerinnen,

Statt Käse zu machen und Flachs zu spinnen,

Lasen Romanen und strickten Filet,

Hielten Visiten und trugen sich nett.

10. Sogar die stolzirenden Dorfmädchen

Zierten sich wie Jungfern in kleinen Städtchen,

Trugen Kattun mit Zitz statt Leinwand

Und aufgesteckte Mützen mit fein Band.

11. Die jungen Kerls verließen oft Pflug und Flegel,

Gingen des Nachmittags und schoben Kegel

Und trunken in der Schenke firnen Wein

Und luden zum Tanzen die Dirnen ein.

12. Doch ward darin eben nichts übertrieben,

Sondern alles ist in Fuhrmannswegen geblieben,

Denn Herr Pfarrer Jobs hielte Tag und Nacht

Ueberall getreu seine geistliche Wacht;

13. Und steuerte überhaupt an seinem Theile

Aller bösen Neuerung und jedem Unheile,

Er hielt also wenigstens in ^essentialibus^

Alles auf dem alten deutschen Fuß.

14. Auch der gnädige Herre auf dem Schlosse

Geruhten zu haben eine sehr große

Freude und Wohlbehagen dran,

Wenn Hochdieselben diesen Wohlstand sahn.

15. Sie entschlossen sich von nun an, zu verschonen

Die Bauern mit den bisher beschwerlichen Frohnen,

Und haben auch die uralte Leibeigenschaft

Bei denselben allergnädigst abgeschafft.

16. Das mehrte nun natürlich der Unterthanen Liebe,

Und minderte die Zahl der Bettler und Diebe,

Denn jeder konnte gemächlicher nun

Für sich selbst arbeiten und gehörig ausruhn.

17. Zuweilen gab der Herr ländliche Feste,

Und da waren die Bauern sämmtlich seine Gäste,

Und immer ginge lustig die Gei-

ge und der ernste Brummbaß dabei.

18. Die gnädige Frau hielt es nicht zu geringe,

Mit dem Dorfschulzen zu machen einige Sprünge,

Und der gnädige Herr öffnete jedes Mal

Mit der artigsten Bäurin den Ball.

19. Besonders gern tanzte der junge Herre

Mit den hübschesten Mädchen ins Kreuz und die Quere

Manches Menuet und englische Stück,

Nach allen Regeln der Tanztaktik.

20. Kam er mit Mamsell Esther an den Reihen,

So that sich sein Herz vorzüglich erfreuen,

Und es geschah alsdann ^hinc inde^ da

Mancher Ausglitscher und ^faux pas^.

21. Da es nun zuging in allen Ehren,

So mochte Herr Pfarrer Jobs es auch nicht wehren,

Ja vielmehr billigte er ganz

Einen unschuldigen ländlichen Tanz.

22. Hätt' auch wol selbst eins mögen mitmachen,

Aber er enthielt sich gerne, um den Schwachen

Nicht zu geben ein Aergernuß;

Welch's man dann auch von ihm rühmen muß.

23. Auch ich meinerseits kann keine Sünden

In dergleichen Leibesübungen finden,

Wenn nur das Exercitium der Tanzkunst

Geschieht ohne Anstrengung und Brunst.

24. Wir werden übrigens in der Folge sehen,

Was für gute Früchte daraus entstehen,

Wenn regierender Herr und Unterthan

Sich fein freundlich zusammen begahn.

Fünftes Kapitel.

Dieses Kapitel handelt von des Herrn Pfarrers Jobs' häuslichem Leben.

1. Nun will ich auch von Herrn Jobs häuslichem Leben

Noch eine vollständige Nachricht geben,

Und wir sehen dann auch zugleich dabei,

Ob auch auf'm Schlosse noch alles richtig sei;

2. Denn beider Schicksal verwebt sich enger

Mit einander desto mehr, je länger

Die Erzählung der Geschichte währt

Und man geduldig zu lesen fortfährt.

3. Herr Jobs that, wie gesagt, mit aller Treue,

Alles was gehörte zu seiner Pfarreie;

Auch in seiner Oeconomie befand sich

Alles fein sauber und ordentlich.

4. Er konnte sich zwar selbst damit nicht befassen,

Mußte sie also seiner Schwester überlassen;

Denn sie war, nachdem die Mutter storb,

Das Factotum und allein Henne im Korb.

[Illustration]

5. Er befand sich dabei auch gar nicht übel,

Und seine Bücher, besonders das Studium der Bibel,

Vertrieben ihm angenehm die Zeit

In seines Musei Einsamkeit.

6. Er ging auch, um sich zu divertiren,

Bei guter Witterung zuweilen spazieren;

Wobei er dann fein gesund blieb

Und verhütet wurde das ^malum Hyp^.

7. Auch pflegte er sich oft persönlich zu erkünden

Nach der herrschaftlichen Familie Wohlbefinden,

Und sowol die gnädige Frau als beide Herrn

Sahen ihn jedesmal herzlich gern.

8. Er war auf dem freiherrlichen Ohnwitzer Schlosse

Gleichsam ^Spiritus familiaris^ und Hausgenosse,

Und wenigstens jeden Sonntag fast

Nach geendigtem Gottesdienst Gast.

9. Auch hat sich der junge Baron oft zu ganzen Stunden,

Zum Besuche im Pfarrhause eingefunden,

Und es verginge kein einziger Tag,

Daß er nicht wenigstens ^en passant^ einsprach.

10. Doch was diese Besuche betrifft, so scheinet,

Daß er eben nicht immer damit den Bruder gemeinet;

Denn es kümmerte ihn nicht, wenn er vor der Hand

Nur blos die Schwester zu Hause fand.

11. Er ging am liebsten in der Pfarrgegend jagen,

Auch der hübsche Garten da that ihm behagen,

So daß er beständig einen Vorwand

Zu seinen frequenten Visiten erfand.

12. Zum Exempel: Abends fand er in diesem Reviere

Das sanfte Wehen der kühlen Zephyre

In den Bäumen daselbst sehr angenehm,

Und das Wäldchen da zum Spazieren bequem.

13. Oder, er hatte über gewisse gelehrte Sachen

Mit Herrn Doctor Hieronimus etwas zu sprachen;

Oder er brachte ein Häschen oder Rebhühnlein,

Das er geschossen, in die Küche hinein;

14. Oder er pflegte ins Pfarrhaus zu eilen,

Angenehme Neuigkeiten dort zu ertheilen;

Oder er kam, und es war noch zu früh,

Zum sonntäglichen Gottesdienst hie;

15. Oder er hatte Aufträge und Freundschaftspflichten

Von seinen Eltern an Herrn Jobs zu entrichten;

Oder er erkundigte sich auch wol blos,

Ob nichts zu bestellen sei fürs Schloß.

16. Die Ohnwitzer haben mit Verwunderung gesehen

Ihn so ofte ins Pfarrhaus hinein gehen;

Denn es begab sich, daß er Gelegenheit nahm

Und täglich wol zwei- bis dreimal kam.

17. Kurzum, auch im häuslichen Geschicke

Lächelte dem Herrn Pfarrer Jobs das Glücke,

Besser als manchem Prinzen und Rex,

Oder in neuerer Zeit einem Pontifex.

Sechstes Kapitel.

Wie Herr Jobs auch sein Hauskreuz hatte, ob er gleich keine Frau hatte

und von seiner Schwester Krankheit.

1. Indessen das Erdenglück hat hinten und vornen

Doch immer etwas von Stacheln und Dornen,

Und nach diesem Sprüchwort ging es auch so

Dem Doctor und Pfarrer Hieronimo.

2. Seine Haushälterin die geliebte Schwester,

Das sonst muntre Mädchen, die gute Esther,

Nahm, dies bemerke er schon einige Zeit,

Augenscheinlich ab an Lebhaftigkeit.

3. Zwar versah sie ziemlich alle Geschäfte,

Es fehlten ihr auch eigentlich dazu keine Kräfte,

Und sie befolgte treulich spät und früh

Die beste Aufsicht in der Oeconomie.

[Illustration]

4. Allein sie schien oft in Gedanken zerstreuet,

Ward durch gewöhnliche Sachen nicht erfreuet,

Und man sah, daß sie nicht so gar flink,

Wie vormals, in allem zu Werke ging.

5. Auch Seufzer, sowol publice als im Stillen,

Entstiegen oft der Brust ohne ihren Willen,

Wenn sie bei ihrem Spinnrädchen saß,

Oder gar indem sie trank oder aß.

6. Ja man sah nicht selten auf ihrem Backenpärchen

Hangen einige perlfarbene Zährchen,

Und ihre klaren blauen Aeugelein

Waren oft roth, naß und unrein.

7. Auch hörte man einigemal in ihrer Schlafkammer

Des Nachts ein heimliches Stöhnen und Gejammer,

Und dennoch sagte oder klagte sie

Ihr dringendes heimliches Anliegen nie.

8. Auch die frische Farbe ihrer runden Wangen

Ist nach und nach verloren und vergangen;

Vormals war sie schön rosenroth,

Und nun ward sie schier blaß wie der Tod.

9. Ehmals war sie immer bei gutem App'tite,

Dies setzte bei ihr natürlich gesundes Geblüte;

Aber nun war App'tit, Durst, froher Sinn,

Nächtliche Ruhe ^et caetera^ dahin.

10. Auch hatte sie zuweilen mit Nervenkrämpfen

Und kleinen Anfällen von Ohnmachten zu kämpfen,

Und die allergeringste Kleinigkeit

Erregte Vapeurs und Uebelkeit.

11. Sie suchte sich allen Vergnügungen und Compagnien,

So oft es der Wohlstand nur litte, zu entziehen,

Und ihre beste Unterhaltung blieb,

Wenn sie einsam etwa was las oder schrieb.

12. Dies alles merkte, wie gesagt, Herr Jobs lange,

Drum ward er ob ihres Zustandes sehr bange,

Und dachte, sie laborire an der Atrophie,

Und Freund Hein kriegte in seine Klauen bald sie.

13. Um ihre Krankheit zu erklären und zu curiren,

That er oft studirte Leute consuliren,

Und mancher berühmter Aesculap

Gab drüber seine Meinung und Recepte ab.

14. Der eine suchte den Quell des Uebels im Magen,

Und gab Vomitive, ihn draus zu verjagen,

Aber es begab sich, daß's mit dem Vomitiv

Immer schädlich für die Patientin ablief.

15. Andre riethen auf vorhandene Würmen

Und suchten sie mit Wurmmitteln zu bestürmen;

Einer wagte sogar einen schrecklichen Landsturm

Auf einen vermeinten langen Bandwurm.

16. Andre suchten das vorhand'ne Uebel zu stillen

Mit Aloe, Galbanum, Stahl und Polychrestpillen;

Denn sie leiteten die ganze Krankheit perfect

Aus einem gewissen weiblichen Defect.

17. Andre suchten sie mit starken Purganzen

Wegen vermeinter Verschleimung zu curanzen;

Andre curirten gradezu auf Schwindsucht nur

Und riethen Isländisches Moos und Milchcur.

18. Andre meist alte practische Polipheme

Suchten der Krankheit Sitz im Nervensysteme,

Und nach reiflicher Erwägung riethen sie an

Moschus, Teufelsdreck, Bibergeil und Baldrian.

19. Andre versicherten dem Herrn Jobs aufrichtig,

Jedoch ^sub rosa^, sie würde wassersüchtig,

Und sagten, seiner Schwester Krankheit sei

Wiß und wahrhaftig eine Kachexei.

20. Aber alle ihre häufig verschrieb'ne Arzneien

Wollten nicht bei ihr anschlagen noch gedeihen,

Und sie ward nach dem Gebrauch vielmehr

Täglich schlimmer und kränklicher.

21. Einige alte ehrbare sachkundige Dorffrauen

Sagten sich eine der andern im Vertrauen,

Die Krankheit der Mamsell Esther wäre nur klein,

Und hätte Leben, Kopf, Hals, Arm und Bein.

22. Aber wir werden's künftig finden und sehen,

Daß dem guten Mädchen drin zu viel geschehen,

Denn die Folge bewies es genung,

Daß jene Sage nur sei Verleumdung.

23. Dem Pfarrer Jobs däuchte es unerhörbar,

Daß seiner Schwester Krankheit so verschieden erklärbar

Bei den Kennern der Arzneikunst sei,

Und dachte heimlich das Seine dabei.

24. Er hielt es darum für klug und vernünftig,

Daß sie gar keine Arznei mehr brauche künftig,

Und daß man sie fortan in Gottes Namen nur

Blos überließ ihrer eigenen Natur.

25. Und das war ihm dann auch gewiß gerathen;

Denn unter den Händen der Herrn Hippokraten

Wäre sie bei dem gesundesten Blut

Doch endlich unfehlbar gemachet caput.

26. Er suchte aber sie möglichst aufzuheitern,

Und damit sich das Uebel nicht möchte erweitern,

Rieth er, als ein vernünftiger Mann,

Spazieren und angenehmen Umgang ihr an.

Siebentes Kapitel.

Wie auch der junge Herr von Ohnwitz krank ward, und wie ihm keine

medizinische Fakultät helfen konnte, wie dieses wol oft in Krankheiten

der Fall sein thut.

1. Sonderbar ist's zu vernehmen und zu hören,

Daß auch bei dem jungen adligen Herren

Von Ohnwitz, jedoch ^mutatis mutandis^,

Sich eine ähnliche Krankheit anwies.

2. Er war sonst ein herzlieber edler Junge,

Hatte großen Verstand und 'ne geläufige Zunge,

Und ein gar vornehmes adliges Ansehn,

Und war von Angesicht bräunlicht und schön.

[Illustration]

3. Auch hatte der junge Herr, Ihro Gnaden,

Ziemlich runde Wangen und passable Waden,

Und übte mit seinen Muskeln voll Kraft

Immer eine gute Ritterschaft.

4. Ich will hier zur Ergötzung und zum Vergnügen

Sein Porträt einsweilen beifügen;

Es gleicht ihm zwar nicht, doch stelle ich's her,

Man muß sich nur vorstellen, als wenn er es wär'.

5. Aber, wie gesagt, seit einigen Zeiten

War auch er geplagt mit Uebelkeiten,

So daß er weder app'titlich trank noch aß,

Und dabei verginge wie Laub und Gras.

6. Er schlich traurig oft weg ins Geheime,

Hatte Nachts allerlei beschwerliche Träume,

Und weder sein Lakei noch Reitknecht

Konnten ihm je etwas machen recht.

7. Weder Musik, Spiel oder Studiren,

Konnten ihn aufmuntern oder amüsiren,

Denn, gleich dem ärgsten Hypochondricus,

Hatte er an allem und jedem Verdruß.

8. Er verfiel dabei augenscheinlich,

Sein Embonpoint wurde mehr und mehr kleinlich,

Das machte dann viel Sorge beim Herrn Papa,

Und noch mehr dito bei der Frau Mama.

9. Manche Arztfacultät ward zu Rath gezogen,

Da hat man den Zustand collegialisch erwogen,

Aber in ^methodo medendi^ war

Einer dem andern directe contrar.

10. Der eine focht mit medicin'schen Sophismen,

Der andre mit Hippokratis Aphorismen,

Ein andrer berief sich mit guter Art

Auf langjährige Praxis und grauen Bart.

11. Der eine verschrieb Pulver und Mixturen,

Der andre Latwergen und Tincturen,

Der eine rieth zum Purgiren und Schweiß,

Der andre zu einer Brunnenreis'.

12. Doch nach langem Fechten und Disputiren

Und ^pro et contra^ Deliberiren,

Kam man, nach geendigtem gelehrten Zank,

Drin überein: der junge Herr sei krank.

13. Aber ob diesem Lärm, Disputiren und Zanken,

Hätte Patient schier mögen erkranken.

Drum that derselbe weislich und klug,

Daß er alles Einnehmen rund abschlug.

14. Er nahm indeß täglich an Munterkeit abe,

Schien fast zu stehn mit einem Fuß im Grabe,

Obgleich weder an Lunge noch sonst innerlich

Eigentlich befande kein Fehler sich.

15. Es schien doch, als könn' er seine melanchol'schen Grillen

Am besten damit wegjagen und stillen,

Wenn er ein bischen spazierte aus

Nach dem Ohnewitzer Pfarrerhaus.

16. Sintemal nun für junge, kränkliche Naturen

Die Heirathen oft sind die zuträglichsten Curen,

So fielen auch seine gnäd'gen Eltern für ihn

Auf diese besondre Art von Medicin.

17. Es waren aber im District von rund um einigen Meilen

Viele mannbare sehr artige Freiinnen und Fräulen,

Welche wol eine schier baldige Heirath

Gleichfalls gehalten hätten für 'ne Wohlthat.

18. Ihm ward also von den Eltern dringend empfohlen,

Sich ein Fräulein daher bald heimzuholen,

Und sie gaben ihm gerne im voraus, wenn's

Nur ritterbürtig sei, ihren Consens.

19. Denn sie hielten große Stücke auf ihren Adel,

Der war auch bisher blieben ohne Tadel,

Und von allem unsaubern bürgerlichen Blut

Noch unvermischt und durchaus kerngut.

20. Alles andre hielten sie für Kleinigkeiten,

Welche bei Convenienz-Ehen nichts bedeuten;

Es war ihnen sogar durchaus einerlei,

Ob die künftige Schwiegertochter reich oder arm sei.

Achtes Kapitel.

Wie man den jungen Herrn, um ihn zu curiren, mit der Fräulein Judith

verheiraten will, und wie er diese Medicin nicht nehmen will.

1. Es wohnte aber an der Ohnewitzer Grenze

Eine freiherrliche Wittwenexcellenze

Auf einer alten, ehmals festen Burg,

Welche jetzt verfallen war durch und durch.

2. Ihre Ahnenzahl war längst übervollwichtig,

Und der Stammbaum bis zur Wurzel ächt und richtig:

Aber (nichts ist ja vollkommen in der Welt)

Es fehlte ihr am Besten: an Geld.

3. Sie hatte deswegen nicht viel zu verzehren,

Aber erzog doch in allen Züchten und Ehren

Eine einzige Fräulein Tochter zart,

Sehr reizend und von englischer Gemüthsart.

[Illustration]

4. Sie war eine ächte Perle des Landes,

Sehr geehrt wegen ihrer Schönheit und ihres Verstandes,

Und mancher Cavalier hatte wol Appetit

Zu der angebeteten Fräulein Judith.

5. Aber weil diese sonst nicht verwerfliche Sachen

Doch das Wesentlichste bei der Heirath nicht ausmachen,

So hatte auch eigentlich keiner dafür Sinn,

Sie zu wählen zu einer Gemahlin.

6. Sie fuhr oft, in Ermang'lung 'ner ordentlichen Kutsche,

Nach Ohnwitz mit ihrer Mutter in 'ner schlechten Birutsche,

Weil sie daselbst sehr dick und groß stand,

War auch von Noah her noch etwas verwandt.

7. (Denn ich bemerke solches nur beiläufig,

Die Ohnwitzer _Vons_ befanden sich sehr häufig

Unter dem Adel überall hier und da

Zerstreuet im Lande Germania.)

8. Sie weilten daselbst gemeinlich viele Tage,

Vergaßen ^pro tempore^ ihre sonst dürftige Lage,

Aßen und tranken allda wohlgemuth

Und befanden sich auch im übrigen gut.

9. Ihre sämmtlichen mitgenommenen Domestiken

Konnten sich gleichfalls daselbst mal erquicken;

Es war zwar ihrer keine große Schaar,

Sondern ^in toto^ nur ein einziges Paar.

Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen · 第 15 / 20 段