12. Deine Schwester grüßt dich zu hunderttausend malen,

Denn sie kann deine brüderliche Lieb' nicht anders bezahlen,

Und sie bedankt sich hiemit herzlich vor

Die ihr gesandten zwei schönen Louisd'or.

13. Apropos! was soll ich eigentlich daraus schließen,

Daß der junge Herr Baron sie so zärtlich läßt grüßen?

Ich hoffe, er hat doch wol auf sie nicht

Eine besondere unlautere Absicht?

14. Nun will ich zu verschiedenen Neuigkeiten,

Welche hieselbst vorgefallen sind, schreiten;

Sie sind zwar meist unangenehm und schlecht,

Aber doch alle authentisch und ächt.

15. Das Gewitter hat vor etwa vierzehn Tagen

In Herrn Advocaten _Schlucks_ Garten eingeschlagen,

Davon sind viele Bäume zerknickt,

Und das Lusthaus ist gleichfalls zerstückt.

16. Man hat dies als eine Vorbedeutung angesehen

Dessen, was drei Tage hernach geschehen,

Da der liebe Mann, gesund und guter Ding,

Plötzlich den Weg ^ad patres^ ging.

17. Er hat zwar keine Kinder, die um ihn trauern,

Auch glaub' ich nicht, daß seine Erben ihn bedauern,

Denn er saß sehr warm in der Woll'

Und hat seine Kisten von Thalern voll.

18. Man hat ^ex post^ vieles gesagt und geplaudert,

Wofür einem die Haut grauset und schaudert,

Nämlich es ginge gedachter Herr Schluck

Bei hellem Mittag herum als Spuck.

19. Einige haben ihn gesehn durch dem Fensterglase

Mit seiner Brille auf der großen Nase,

Und sein Advocatengewand

Leuchtend wie höllischer Feuerbrand;

20. Und in seinem Hause höret man Jammer und Gepolter,

Als läg' einer auf der peinlichen Folter;

Und er rasselt mit Ketten an der Thür;

Gott bewahre jeden Christenmenschen dafür!

21. Man hat einen Währwolf hier kürzlich gesehen

In Gestalt eines großen Hundes herumgehen;

Auch spricht man von mancher Behexerei,

Welche hieselbst geschehen sei.

22. Ich aber wollte schier gewiß darauf wetten,

Daß die Seher und Erzähler sich geirret hätten;

Denn in Schildburg trau' ich keinem einzigen Mann

Es zu, daß er die Kunst des Hexens kann.

23. Der vorige Winter war hieselbst sehr strenge,

Es gab Schnee, Schloßen und Eis in Menge;

Melde mir, ob vielleicht dorten bei dir

Der Winter gleichfalls so streng war als hier.

24. Man hat auch damals mit Schrecken gesehen

Am Himmel ungewöhnliche Zeichen stehen,

Und es schosse daselbst wunderlich überall

Am Firmamente heftiger Feuerstrahl;

25. Davon glauben nun billig die Schildburger Leute,

Daß es ein Unglück für unser Städtlein bedeute;

Doch Herr Schneller sagt, es bedeute dies nicht,

Sondern das Ding würde genannt Nordlicht.

26. Indeß hat man doch aus der Zeitung gesehen,

Daß vielleicht ein Krieg werde entstehen;

Und, gib Acht, so wahr ich ehrlich bin!

Unser Schildburg kommt dann auch mit drin.

27. Die Ernte ist dies Jahr sehr gut gediehen,

Weil der Himmel günstiges Wetter dazu verliehen;

Hoffentlich wird dann der liebe Branntwein und 's Brod

Wolfeil und mindert die Hungersnoth.

28. Aber dagegen sind die Weinlesen

Desto kümmerlicher in diesem Herbst gewesen;

Denn die Stöcke standen meistens kahl,

Und der Most ist theils sauer, theils schal.

29. Dieses macht denn nun wol leider heuer

Den guten Wein noch seltner und theuer,

Und die vielen lustigen Zecher allhier

Müssen sich dann helfen mit Wasser und Bier.

30. Den hiesigen Kirchthurm will man ausbessern

Und die Kirche selbst etwas vergrößern;

Denn man sagt, unsers Städtleins Christenheit

Habe sich vermehret seit kurzer Zeit.

31. Einige hartnäckige Herren Consistorialen

Wollen aber nicht einwilligen, vielweniger was zahlen,

Man hofft aber die Kosten zu bringen herbei

Durch eine Collectensammelei.

32. Freilich, der Kirchthurm ist sehr verfallen und zerborsten,

So daß Eulen und Dohlen drin hausen und horsten,

Aber für die wahren Christen, die hier sein,

Ist, wie mir däucht, die Kirche selbst nicht zu klein.

33. Seitdem unsre Herren jene Verordnung gaben,

Hat man keinen lebendigen Menschen wieder begraben;

Da sieht man, was ein gescheidtes Mandat

Für wohlersprießliche Folgen hat.

34. Sonst, wenn unsre Herren was commandiren,

Pflegt niemand den Befehl zu vollführen,

Weil ihre Obrigkeitsautorität

Nicht gar weit bei der Bürgerschaft geht.

35. Unser Fürst ist neuerdings durch's Städtel passiret,

Da hat die Bürgerschaft das Gewehr gepräsentiret,

Und mit Trommel und Fahne und großer Pracht

Ein kostsplitterlichen Aufzug gemacht.

36. Nur ein einziger that beim Feuern und Schießen

Unvorsicht'ger Weise sein Leben einbüßen;

Sonst ging alles, zu Schildburgs Ehr',

Ohne sonderliches Unglück her.

37. Unser alter Pfarrer hat's Zeitliche gewechselt,

Man hat zwar 'nen neuen herausgedrechselt,

Doch bei der angestellten Pfarrerwahl

Geschah, wie gewöhnlich, viel Zank und Scandal.

38. Herr Lippel Schnack, unser dicker Bürgermeister,

Wird tagtäglich älter, dümmer und feister,

Und bekommt jetzt zum verdienten Arbeitslohn

Aus der Kammerkasse eine Pension.

39. In der Stadt und auf'm Lande herrscht eine Seuche,

Da gibt es also natürlich manche Leiche;

Doch an Oertern, wo keine Aerzte sind,

Sterben sie nicht so häufig noch so g'schwind.

40. Im vor'gen Jahr hat sich's Unglück zugetragen,

Daß ein Mensch jämmerlich ward todtgeschlagen,

Und der ergriffene Thäter kam

Dafür ein Vierteljahr zur Vestung lobesam.

41. Es ist alles jetzt sehr dürftig und theuer,

Dennoch sinnet man auf Vermehrung der Steuer;

Denn man versteht sich hieselbst eben so

Aufs leidige Plusmachen als anderswo.

42. Nachbars Minchen hat einen kleinen Knaben,

Ich hab ihn als Pathin aus der Taufe gehaben,

Wer sie eigentlich gebracht hat zu Fall,

Erzählt man sich ^sub rosa^ überall;

43. Es ist als wär's Unglück in unserm Städtchen

Mit den jungen mannbaren Dirnen und Mädchen;

Denn es trägt sich zu fast alle Monat,

Daß eins eine Tochter oder 'nen Sohn hat.

44. Man hält fleißig hier Bälle und Assambleen

Und thut sich da recht herrlich und lustig begehen;

Doch vielleicht folgt einst dieser freudigen Sach'

Bei manchen der hinkende Bote nach.

45. Man hat das Rathhaus kürzlich renoviret

Und in der Polizei manches repariret;

Zum Exempel: man ist nun von Bettelei,

Doch weiß Gott, wie lange es dauert, frei.

46. Auch hat man sehr lange nichts gehöret,

Daß irgend die Nachtruhe wäre gestöret,

Durch Einbruch oder nächtliche Dieberei;

Das macht gleichfalls die gute Polizei.

47. Item, man gibt fleißig Acht auf Maß und Gewichte,

Nimmt Bäcker, Krämer und Brauer in Brüchte,

Wenn etwa Brod und Waare nicht gehörig schwer

Oder das Bier zu leicht und zu dünne wär'.

48. Man hat auch durchgehends die Stadtstraßen

Mit neuen Steinen wieder pflastern lassen,

Weil das neue Pflaster vom vorigen Jahr

Nicht zum Besten gerathen war.

49. Die Stadtthore hat man abgebrochen

Und solche aufs neue künftig zu bauen versprochen,

Man kaufte auch gern eine neue Kirchuhr,

Hätte man dazu das Geld nur.

50. Die Schloßwarte will man demoliren,

Und die Steine anderweitig emploiren,

Und damit das Obere von selbst folgen kann,

Fängt man mit der Abbrechung von unten an.

51. Einige andere nöthige Ausbesserungen

Hat man dem Meistfordernden verdungen;

Denn es sieht leider elend und kraus

Mit andern öffentlichen Gebäuden aus.

52. Man probirte bei dieser greulichen Hitze

Sehr oft unsre große Brandspritze;

Denn man hat gefunden, wenn Brand entsteht,

Daß sie meistens nicht richtig geht.

53. Man hat noch kürzlich in diesen Tagen,

Einige junge Männer zu neuen Bürgern geschlagen,

Und für die übermorgende Nacht

Oeffentlich angesagt eine Gaudiebsjagd.

54. Neulich fiel ein Kind in den großen Stadtbrunnen,

Und ist drin kaum dem Ertrinken entrunnen;

Da hat man nun gleich die Cautel erdacht,

Und den Brunnen vernagelt und zugemacht.

55. Weil man sich im Finstern auf der Straße leicht verletzet,

So hat man alle sechs Schritt Nachtlaternen gesetzet;

Aber noch zur Zeit fehlet es an

Dem nöthigen Fond zu Oel oder Thran;

56. Denn aus den ehmaligen publiken Kapitalen

Läßt sich seit langen Jahren nichts bezahlen;

Man sagt, es wäre alles Stuck vor Stuck,

Sowol Kapitale als Zinsen caduc.

57. Man hat der Bürgerei zum Besten vor 14 Tagen

Die Stadtbleiche verkäuflich losgeschlagen,

Und das Plätzchen, wo sonst der Galgen stand,

Ist gemacht zu schönem Ackerland.

58. Das Rathhaus wird an den, der's Meiste bietet,

Nächstens verpachtet oder auf 8 Jahr vermiethet;

Nur ein Zimmerchen bleibt vacant davon,

Um drin zu verrichten die Session.

59. Man bezeiget vielen guten Willen,

Die Stadtgräben zu verschütten und auszufüllen,

Weil doch ohnehin ein jedermann

Ins offne Städtel 'reinkommen kann.

60. Ein fremder Spitzbub ward gestern attrapiret,

Den hat man zur Strafe durch alle Straßen geführet

Mit einer großen Kappe mit Schellen dran,

Und ihn dann wieder seines Weges laufen lan.

61. Einige Bürger gehn Nachts fleißig patroulliren,

Um etwa verborgene Diebe aufzuspüren,

Und melden es immer durch der Klapper Getön,

Woher sie kommen und wohin sie gehn.

62. Es ist befohlen, daß jeder vor seiner Thür fleißig putze,

Weil die Straßen beständig stinken von Mist und Schmutze;

Denn es gibt, wie dir bekannt ist, allhie

Viele Kühe, Schweine und andres Vieh.

63. Man spricht von noch mehr Projecten im hiesigen Staate,

Allein sie beruhn noch blos heimlich im Senate,

Welcher mit aller Anstrengung und Macht

Aufs Wohl der Bürger tagtäglich bedacht.

64. Hier ist angekommen eine Puppenspielerbande,

Die schleppet gewaltig viel Geld aus dem Lande,

Vornehme und Geringe gehen täglich viel

Um zu besehen das herrliche Spiel;

65. Vorgestern haben sie »Doctor Fausts Leben,«

Gestern die »Heilige Genoveva« gegeben,

Und am heutigen Abend gibt man

Die gräßliche Tragödie von »Don Juan.«

66. Was nun noch betrifft deine hiesigen Verwandten,

Freunde oder sonstigen Bekannten,

So ist da des Dinges noch mancherlei,

Was dir zu wissen angenehm sei.

67. Deinen Successor, den bewußten Nachtwächter,

Findet die ganze Bürgerschaft je länger je schlechter,

Denn er thut meistens die nächtliche Pflicht

So recht, wie es sich gehöret, nicht.

68. Er kann lange nicht so gut wie du ehmals blasen,

Singet auch etwas undeutlich durch die Nasen,

Deswegen spricht man durchgehends hier

Noch immer mit allem Ruhme von dir.

69. Herr Schneller pflegt sich oft bei mir zu erkünden,

Wie es stehe mit deinem Wohlbefinden;

Er curirt noch immer frisch drauf los

Und purgirt mit seinen Pillen Klein und Groß.

70. Vetter Kaspar hat gestern den Ehbund erneuert

Und seine goldne Hochzeit hoch gefeiert,

Doch über die Freude, die da regiert,

Haben sich viele Bürger moquirt;

71. Weil mancher guter Ehemann wol eben

Solche Jubelei nicht verlangt zu erleben,

Denn die Zeit kam ihnen zu lang an

Mit seinem theuren Ehegespann.

72. Der junge Kunz hat 'ne Erbschaft erworben

Von 'nem reichen Onkel, welcher gestorben.

Und was dieser geizig zusammen gescharrt,

Verzehrt jener nun mit guter Art:

73. Er hält Kutschen, Pferde und Maitressen,

Beschäftigt sich täglich mit Spielen, Trinken und Essen,

Und ist für 100 Reichsgulden baar

Neulich geworden ein Hofrath gar.

74. Ich leide zuweilen mancherlei Schmerzen

Bald im Kopf, bald im Magen, bald am Herzen,

Bald geht's mir im Leibe rundherum,

Herr Schneller nennt's: ^Malum historicum^;

75. Ich kann aber gemeinlich diese Plagen

Mit 'nem Schlückchen Kümmel oder Anis verjagen,

Deswegen nehm' ich Abends und Morgens davon

Gewöhnlich eine etwaige Portion.

76. Dein zweiter Bruder zieht fleißig auf Kirmsen und Messen,

Ihm fehlt es nicht am nöth'gen Unterhalt und Essen;

Denn er führet noch immer lobesam

Seinen kleinen Nürnberger Puppenkram.

77. Er hat sollen Rathmann hieselbst werden,

Fürchtet aber die rathhäuslichen Beschwerden,

Denn man geht alle vierzehn Tage 'rauf,

Und sitzt da und sperrt das Maul weit auf;

78. Und die etwa damit verbundne Ehre

Lohnet kaum, daß man sich drum beschwere,

Denn außer einem Hasen und 'nem Viertel Wein,

Bringet der ganze Dienst nichts ein.

79. Dein ält'ster Bruder mit dem häßlichen Weibe

Sucht sich auswärtig allerlei Zeitvertreibe;

Denn er hat zu Hause sein Kreuz

An seines Weibes Gesicht und Geiz.

80. Was betrifft deine ält'ste Geschwister,

So lebt diese mit ihrem Gatten, dem Küster,

Noch immer in ehlicher Einigkeit,

Ausgenommen dann und wann 'ne Kleinigkeit.

81. Er hat andershin einen Ruf bekommen,

Aber denselben weislich nicht angenommen,

Denn sein hiesiger Dienst nährt ihn treu

Und er wird reich und porculent dabei.

82. Deiner Schwester Gertrud ihren wackern Knaben

Vom Procrater Geier, hat man vor Kurzem begraben;

Uebrigens lebt besagte Schwester Gertrud

Als Putzmacherin hieselbst wohlgemuth.

83. Schade, daß der Junge nicht mehr am Leben!

Er hätte auch einst 'nen guten Procrater abgegeben;

Denn er war an Einfällen sehr schlau

Und im Fordern und Nehmen fix und gau.

84. Die andre Schwester hat noch beim alten

Wittwer treulich bisher ausgehalten,

Und als eine wack're Haushälterin

Pflegt sie ihn noch immer und wärmet ihn.

85. Was endlich betrifft deine jüngste Schwester,

So ist sie noch immer die vorige gute Esther,

Sie nimmt vorlieb mit geringer Kost

Und gereichet mir zur Stütze und zum Trost.

86. Möchte wünschen, daß 'nen reicher und vornehmer Mann käme

Und das Mädel zu seiner Ehegattin nähme;

Denn, findet sich nicht eine gute Partie,

So heirathet sie, wie sie versichert, nie.

87. Denn sie ist gar nicht aufs Mannsvolk beflissen,

Hält nichts von Tanzen, Pfänderspielen und Küssen,

Ist auch, wie sonst die meisten Mädchens, nicht

Aufs leidige Romanenlesen erpicht.

88. Judex Squenz ist vom Fürsten cassiret,

Weil er oft zu parteiisch hat judiciret;

Hier trügt also vom Krug das Sprüchwort nicht:

Er geht so lange zu Wasser, bis er bricht.

89. Ich hätte dir zwar gern mehr wollen schreiben,

Lasse es aber bei diesen paar Zeilen diesmal verbleiben;

Vielleicht, ob Gott will, schreibe ich schier-

künftig etwas ausführlicher dir.

90. Alle Freunde und Lieben lassen dich herzlich grüßen,

Und weil die Post abgeht,

will ich eilig schließen.

Ich verbleibe immer mit dem zärtlichsten Sinn,

Deine liebe Mutter

_Wittwe Jobs Schnaterin_.

[Illustration]

91. Ich muß noch eben zu deinem Ergötzen

Ein kleines Postscriptchen hier nachsetzen,

Denn es fehlet mir, dem Himmel sei Dank! hier

Weder an Zeit, noch Tinte, noch Papier.

92. Gevatter Theis ist vor anderthalb Wochen

In den Ehstandskittel förmlich gekrochen,

Die Hochzeit war lustig, doch höre ich heut,

Die ganze Affaire sei ihm schon leid.

93. Nichte Trine hat von ihrem lieben alten

Kobus neulich ein Kind erhalten,

Doch durchgehends glaubet und denket man,

Daß er selbst wenig darzu gethan.

94. Herrn Thums seine Porzellanfabrikaten

Wollen bisher noch nicht recht gerathen,

Denn es fehlet an guter Erde nicht nur,

Sondern auch an Arbeitern und Glasur;

95. Ueberhaupt scheinen vernünftige Dinge und Fabriken

In unserm Städtlein nicht recht zu gelücken;

Ob's am Klima oder sonst wo fehlt,

Lasse ich an seinen Ort gestellt.

96. Man will eine Lesegesellschaft hier errichten

Von Historien und anmuthigen Gedichten,

In dem Verzeichniß finde ich mit

Den »Eulenspiegel« und »Gehörnten Siegfried.«

97. Der alte Schmudel aus dem Hebräerorden

Hat's Judenthum quittirt und ist Christ geworden;

Dagegen bei uns manch sogenannter Christ

Ein unbeschnittner Jude längst war und ist.

98. Der Kaffee ist im Preise sehr hoch gestiegen,

Dies erregt allgemeines Mißvergnügen,

Denn in diesem ausländ'schen Product

Wird hier mancher Gulden verschluckt.

99. Ich höre, man will deine Thaten und dein Leben

In Dortmund verbessert und vermehrt herausgeben,

Denn sowol lust'ge als ernsthafte Herrn

Lesen von dir und deinen Thaten gern.

100. Herr Schlauch wird, wie ich von Herrn Schneller vernommen,

Bald die Schwindsucht an den Hals bekommen.

Ich schließe nunmehr vergnügt und bin

^Ut supra^

_deine Mutter Schnaterin_.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Wie der junge Herr mit Hieronimus die Welt besehen soll und der

Schulmeister ^loci^ einen unvorgreiflichen Reiseplan überreichen that.

1. Jetzt ist es wieder hohe Zeit zu besehen,

Wie die Affairen auf dem Schlosse zu Ohnwitz stehen,

Und was nach einigen Tagen allda

Weiter wegen Hieronimus geschah.

2. Daß ihn die gnädigste Herrschaft aufs beste tractirte

Und auf alle menschenmögliche Weise flattirte,

Wer das nicht ohne mein Erinnern sähe ein,

Der müßte ein Einfaltspinsel sein.

3. Auch will ich nichts von den Geldgeschenken,

Welche ihm der alte Herr machte, gedenken,

Auch nicht sagen, daß er davon in Eil'

Seiner Mutter gesandt einen ansehnlichen Theil.

4. Ich will vielmehr ^ad rem^ fortfahren und sagen,

Daß man nach verstrich'nen Willkommstagen

Faßte einen ganz nagelneuen Entschluß

Wegen des jungen Barons und Hieronimus.

5. Den jungen Herren in seinen Vollkommenheiten

Noch zu verfeinern und weiter auszubreiten,

Beschloß dessen gnädiger Herr Papa,

Mit Consens der gnädigen Frau Mama:

6. Ihn einige Zeit durch die Welt zu lassen reisen;

Hieronimus könnt' dann ihn ferner begleiten und unterweisen,

Und Deutschland, Frankreich, Italien,

Engelland und so weiter besehn.

7. Die Sache wurde mit Muße erwäget,

Und der Reiseplan sehr herrlich angeleget,

Vom Hofmeister Hieronimus, so wie auch von

Dem alten und jungen Herren Baron.

8. Auch im Dorfe entstund viel vernünftiges Discuriren

Ueber die Reise und wie solche zu vollführen;

Unter andern gab der Schulmeister einen Plan

Sonntags Nachmittags in der Schenke an.

9. Der ward bald von einem Viertelhundert

Bauern angestaunt und als gelehrt bewundert;

Doch ob er so ganz nach der Geographie

Richtig sei gewesen, behaupte ich nie.

10. Erst sollte der junge Herr Franken und Schwaben besehen,

Von da weiter ins heilige römische Reich gehen

Durch die Moldau und Wallachei

Bis an die Grenze der Türkei.

11. Ferner seine Route durch die Schweiz nehmen

Nach Siebenbürgen, Polen, Schweden und Böhmen,

Und sorgen, daß er von da aus bequem

Durch Dänemark weiter ins Ungerland käm'.

12. Von da nach Norwegen, Preußen und Westphalen,

Aber zu Wasser von da nach Frankreich dermalen,

Und nehmen dann in Hamburg oder Calais

Nach England hin 'ne Chaise und neues Relais.

13. Von England könne er nach einigen Zeiten

Ein bischen hinüber nach Spanien reiten,

Und er sähe dann auf diesen Fall

Noch unterwegens das Land Portugal.

14. Von da müsse er nach Venedig kutschiren,

Und wenn er da sei, weiter spazieren

Nach Moskau, quer durch Sicilia,

Von da nach Schottland und Hibernia.

15. Von da könne mit Extrapostpferden

Die Reise leicht fortgesetzt werden

Nach Italien bis zur Stadt Rom,

Um zu besehn den Sanct-Peters-Dom.

16. (Aber dem heiligen Vater den Pantoffel zu küssen,

Davon wollte der Schulmeister durchaus nichts wissen,

Weil er, als ein noch crasser Protestant,

Im Papste den leidigen Antichrist fand.)

17. Von Rom aus könne er nach Liefland gehen

Und bei dieser Gelegenheit Malta besehen:

Von da führ' er mit der Post nach Lappland,

Und von da auf einige Tage nach Brabant.

18. Er könne ^en passant^ bei der ottomannischen Pforten

Eben anklopfen, aber dann bald von dorten

Nach Holstein und Neapolis reisen thun

Und daselbst einige Tage ausruhn.

19. Aber alsdann etwa nach Siberien wandern

Und von da aus über Wien zu Schiffe nach Flandern,

Und so hätte er dann, auf die kürzeste Weise beinah

Besehen das ganze Europia.

20. Wenn er nun auf dickbesagte Weise

Vollbracht hätte die vorhabende Reise,

So käm' er durch den großen Ocean

Endlich zu Ohnewitz wieder an.

21. Es ist aber nicht blos beim mündlichen Vortrag geblieben,

Sondern der Schulmeister hat den Plan sauber abgeschrieben;

(Die Beschreibung selbst in Currentschrift nur,

Aber Länder und Städte mit großer Fractur.)

22. Demnächst dem gnädigen Herrn, der eben zur Tafel saße

Und gerade damals den dritten Ortolan aße,

Ueberreichet in eigener Person

Mit unterthänigster Devotion.

23. Man hat darüber allerlei Glossen gemachet,

Sich fast das Zwerchfell zerschüttelt und zerlachet,

Und jeder, der den Plan las, nahm

Davon abschriftliche Copiam.

24. Die Reise selbst ward jedoch nicht vorgenommen,

Weil ein mächtiges Hinderniß dazwischen gekommen,

Was aber dies für ein Hinderniß war,

Macht das 25te Kapitel klar.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimo aufgetragen ward, zum Spaß eine Reisekarte nach dem Plan

des Schulmeisters anzufertigen; welche hier im saubern Kupferstich

mitgetheilet wird.

[Illustration]

1. Hierauf wurde Hieronimo aufgetragen,

Den Homann'schen Atlas nachzuschlagen,

Und zum Spaß nach des Schulmeisters Plan

Eine Reisekarte zu fertigen an.

2. Sobald man sich also von der Tafel erhube,

Ging Hieronimus auf seine Studierstube,

Verfertigte die Zeichnung ohne Müh'

Und überreichte des andern Morgens sie.

3. Herr von Ohnewitz ward davon außerordentlich munter

Und sein Frühstück ging desto besser herunter;

Ich aber habe dies saubere Stück

^Ex post^ erhalten im Original, zum Glück.

4. Ich will sie im Kupferstiche beifügen,

Sowol zum Nutzen als auch zum Vergnügen

Aller etwa künftig Reisenden,

Welche Europia wollen besehn.

5. Sie zeiget, trotz den besten Postkarten,

Die kürzesten Wege und leichtesten Fahrten,

Wie man von jedem Orte gleich

Reisen kann aus einem ins andere Reich.

6. Sie ist sehr gemächlich zu verstehen;

Denn der große Fleck, den wir in der Mitte sehen,

Ist Deutschland, und der dicke Punkt drein,

Soll dermalen der Ort Ohnewitz sein.

7. Hieraus kann man nun ohne Kopfbrechen

Die Lage der übrigen Länder leicht berechnen;

Zum Exempel: die 3 Klexe oben gegen linker Hand,

Bedeuten Irland, Schottland und England.

8. Das Land unten gegen der linken Seiten,

Sollen die Reiche Spanien und Portugal bedeuten,

Und der Stiefel fast unten da

Ist das berühmte Italia.

9. Oben gegen rechts ist's Land der Siberiter,

Drunter gegen das Mittel wohnen die Moskowiter,

Und noch drunter sieht man zierlich und schön

Die Ottomannische Pforte stehn.

10. Die vornehmsten hierauf verzeichneten Länder,

Haben zierlich und accurat punktirte Ränder,

Und um die Jungfer Europa rund her

Siehet man nichts als Himmel und Meer.

11. Um diese Karte noch nützlicher zu machen,

Hätte man zwar noch allerlei nöthige Sachen

Darauf gerne, wie sich's gebührt,

Zum Behuf der Reisenden gezeigt und notirt;

12. In specie deutliche Handweiser

Auf die vorzüglichsten Wirthshäuser,

Und wie der brave Mann jedes Orts heißt,

Wo man für sein Geld bestens trinkt und speist.

13. Denn den meisten Herren Passagieren

Pflegt dieses am mehresten zu interessiren;

Denn sie nehmen sich ja selten die Zeit,

Zu untersuchen andre Merkwürdigkeit.

14. Indessen habe ich von solchen schönen Dingen

In der Karte nichts können anbringen,

Denn der Stich davon ist gar zu fein

Und der Raum selbst dazu zu klein.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Hieronimus soll Pastor werden. Item, Beschreibung seiner Pfarre.

1. Siehe da! es starb der Pfarrer zu Ohnewitz plötzlich.

Dieser Vorfall ist zwar ganz entsetzlich

Unglaublich und sehr curios,

Aber doch in Romanen kein Wunder groß.

2. Der Ehrenmann hatte noch Abends vorher gehalten

Eine gute Mahlzeit von Schinken und kalten

Hammelbraten, mit Salat und Selerei,

Und ein Rebhühnle verzehrt dabei.

3. Auch seine täglich gewohnte zwei Rastadter Mäßle

Getrunken aus dem alten Rheinweinfäßle;

War also, Gottlob! weder krank noch voll,

Sondern befand sich bis dahin gesund und wohl;

4. Und seine Constitution schien versprechen zu wollen,

Daß er ein alter Mann hätte werden sollen;

Denn er war sehr stark und corpulent,

Und dacht' an nichts weniger als an sein End'.

5. Er hatte erst kaum 4 oder 5 Jahre

Lang genossen die Ohnwitzer Pfarre,

Und diese schlug bei dem lieben Mann,

Ratione seiner Gesundheit, trefflich an;

6. Um so mehr, da er vorher auf dem Lande

Lange in einer schmächtigen Pfarre stande,

Dabei blieb dann sein Bauch und Kinn,

Wie leicht zu schließen ist, mager und dünn.

7. Aber sobald er nach Ohnwitz gekommen,

Hat er augenscheinlich zugenommen,

Und die Nase, vorher blaß und spitz,

Ward bald roth und rund zu Ohnewitz.

8. Schade also, daß so schnell und behende

Der Tod mit ihm machte ein Ende,

Und ihn aus diesem Jammerthal

Transportirte in den Freudensaal!

9. Die gnädige Herrschaft lag noch im tiefen Schlafe,

Als diese Nachricht im Schlosse eintrafe,

Denn es war noch früh und höchstens nur

Des Morgens um 9 oder 10 Uhr.

Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen · 第 12 / 20 段