6. Ueber 16 Jahre waren schon verstrichen,

Seitdem Hieronimus von Ohnwitz war entwichen,

Und es hatte seit dieser Zeitstation,

Sich manches verändert in beider Person.

7. Dennoch erkannte man sich plötzlich jetzunder,

Und da sahe man recht seinen blauen Wunder,

Denn wer hätte jemals kaum

So etwas zu denken gewagt im Traum?

8. Den eigentlichen Willkomm hab' ich nicht gesehen,

Will also seine Beschreibung übergehen,

Und melden im folgenden Kapitel nur

Wie die Hauptgeschichte ferner fortfuhr.

Vierzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus dem Herrn von Ohnewitz seine Geschichte treulich

erzählet, mit Uebergehung desjenigen, was ihm unerheblich dünkte.

1. Erst hub an Hieronimus seine Geschichten

Dem Herrn Patron ganz unterthänig zu berichten,

Und machte den ersten Anfang von

Der Ohnewitzer Rebellion:

2. Wie da sowol die Alten als die Jungen

So unsäuberlich mit ihm umgesprungen,

Und er mit großer Lebensgefahr,

Den wüthigen Bauern entgangen war.

3. Ferner, wie er auf der Reise zum Herrn Patron nach Bayern

Herumgetrieben sei von manchen Abenteuern,

Und wie er demnächst auf seiner Flucht

Manchen Unbill erlitten und versucht.

4. Doch die Geschichte mit Amalien überging er

Als ganz unerheblich, dagegen fing er

Ferner von seinem Theaterstand an

Zu erzählen, und was er dann weiter gethan.

[Illustration]

5. Wie er nämlich nach seiner Heimat gekommen,

Den vacanten Nachtwächterdienst übernommen

Und gewacht und gesungen früh und spat;

Item von seiner Heirath.

6. Auch von seinem Abschiede von der Erden,

Und wie er habe sollen wirklich begraben werden,

Aber wie ihn aus Freund Heins Klauen noch hätt'

Herrn Schnellers Geschicklichkeit errett't.

7. Wie drauf seine Frau vom Schreck erblasset,

Welche Sentenz im Proceß man abgefasset

Und dieser traurigen Dinge noch mehr.

Die Erzählung selbst ging ohne Thränen nicht her.

8. Als er nun damit war gekommen zu Ende,

Schlug Herr von Ohnwitz für Erstaunen in beide Hände,

Und erzählte im folgenden Kapitel drauf

Von der Ohnwitzer Geschichte den weitern Verlauf.

Funfzehntes Kapitel.

Scharfe Gerechtigkeitspflege in Ohnewitz.

1. Als er von der Reise damals zurückgekommen,

Habe er des Breitern mit Unwillen vernommen,

Was da in seiner Abwesenheit

Gewesen für Unordnung und Streit;

2. Darauf alle Ohnwitzer lassen förmlich citiren,

Und durch Fiscum genau inquiriren,

Welche da alle an dem großen Unheil

Gehabt hätten Part und Antheil.

3. Habe demnächst über Junge und Alten

Ein unbarmherziges Gerichte gehalten

Und den Ohnewitzer unerhörten Fall

Durchaus behandelt als criminal.

4. Man habe ihn durch vielfältiges Suppliciren

Zwar versucht zu besänftigen und zu rühren;

Allein er wäre vor wie nach die Bahn

Der strengsten Gerechtigkeit gegahn.

5. Denn bei solchen und derlei Revolutionshändeln

Lange zu zaudern und ängstlich zu tändeln,

Halte er gar nicht für dienlich und gut;

Besser sei Entschlossenheit und ernster Muth.

6. Er hätte gern gesehen, daß man nach aller Strenge

Die allerschlimmsten Bellhämmel aufhänge,

Und nach dem peinlichen Halsgericht

Den Handel mit Strick und Schwert geschlicht't.

7. Aber um die Scharfrichterkosten zu ersparen,

Habe er wollen etwas gelinder verfahren,

Weil doch ohnehin zu dieser Frist

Das Hängen fast aus der Mode ist.

8. Indessen habe er die ^Auctores Rixae^

Tüchtig lassen blasen in die Büchse,

Und mit dieser Uebung der Gerechtigkeit

Zugleich das Interesse Fisci erfreut.

9. Auch weil alle übrigen ^Socii Rixae^

Verdient hätten, daß Fiscus sie brav wixe,

So hätte auch jeder von ihnen den Lohn

Erhalten nach gehöriger Proportion.

10. Um die nöthigen Exempel zu statuiren,

Habe er die ärmeren Teufel lassen incarceriren,

Und solche zehn Wochen bei Wasser und Brod

Hungern lassen fast bis auf den Tod.

11. Die Schlimmsten wären mit Willkomm und Abschied entlassen,

Und, jedoch ^salva fama^, gejagt auf fremde Straßen,

Und ihr ganzes Gut und Vermögen sei

Cassirt zum Behuf der Kasse der Canzlei.

12. Denn sie auf die Vestung zu condemniren,

Habe sich nicht können fügen noch gebühren,

Weil im ganzen Ohnwitzer Land

Sich weder Stadt, geschweige Vestung befand.

13. Nachdem aber jeder gebührliche Strafe erhalten,

Habe er wieder seine Gnade lassen walten,

Und mit landesväterlicher Hulde sie

Erfreuet durch völlige Amnestie.

14. Einige würden's jedoch lebenslang fühlen

Und nie wieder so strafbare Rollen spielen;

Denn manche Familie wäre herab

Durch Fiscum gebracht an den Bettelstab.

15. Nach einigen publicirten Warnungsmandaten,

Wäre nun wieder in den Ohnewitzer Staaten

Alles in Ordnung, Friede und Ruh'.

Ich der Autor wünsche Glück dazu.

Sechszehntes Kapitel.

Bei welcher guten Gelegenheit Herr von Ohnewitz nach Schildburg

gekommen, thut der Autor hier aufrichtig erzählen.

1. Gleich darauf ist auf des Herrn Patrons Verlangen,

Hieronimus mit ihm in sein Logis gegangen,

Um daselbst bei einem Gläslein Wein

Sich des Wiedersehens desto mehr zu freun.

2. Denn gemeinlich läßt sich unterm Trinken und Zechen

Vernünftiger und vertraulicher mit einander sprechen,

Und mancher sonst gar trockne Discur

Bekommt da gleichsam eine andre Natur.

[Illustration]

3. Herr von Ohnewitz sagte, mit der gegenwärtigen Reise

Verhalte es sich eigentlich auf folgende Weise:

Eine alte Tante im Schwabenland,

Welche sich sehr schwach und kränklich befand,

4. Wollte noch vor ihrem Gott gefälligen Absterben,

Herrn von Ohnwitz, ihren Pathen, einsetzen zum Erben,

Entbote also schleunig den Herrn Cousin

In dieser Absicht nach Schwabenland hin.

5. Sobald nun die gedachte liebe Tante

Diese Nachricht ihrem lieben Cousin sandte,

So ermangelte derselbe nicht,

Ihr zu entrichten die christanverwandtliche Pflicht,

6. Um zu erhalten ihren letzten frommen Segen;

Denn sie besaß ein großes Vermögen,

Theils ^in Natura^, theils auf'm Papier,

Nebst Möbeln, Juwelen und Silbergeschirr.

7. Nun lauerten zwar lange auf ihr Absterben

Im Schwabenlande andre Collateralerben;

Jedoch der Herr Pathe von Ohnwitz allein

Sollte nach ihrem letzten Willen der Erbe sein.

[Illustration]

8. Er hatte sie höchst schwach angetroffen,

So gar daß sie, wider alles Verhoffen,

Drei Tage nach gemachtem Testament,

Heimfuhre aus diesem Elend.

9. Herr von Ohnewitz, den ihr Betragen sehr rührte,

Besonders als er sah, daß sie agonicirte,

Drückte ihr persönlich die Augen zu

Und wünschte ihr eine angenehme ewige Ruh.

10. Nachdem er drauf in Kurzem alles das Seine

Von dieser Erbschaft gebracht hatte ins Reine,

Kehrte hochgedachter Herr von Ohnewitz

Wieder zurück nach seinem freiherrlichen Sitz.

11. Und da mußte, zu beiderseitigem Vergnügen,

Es das Schicksal so wunderbar drehen und fügen,

Daß Herr von Ohnwitz in seinem Retour,

Durch Schildburg bei dieser Gelegenheit fuhr.

12. Weil nun bekanntlich die Gastwirthe in Schwaben

Besondre Fertigkeit im Schneiden und Erzählen haben,

So machte auch Herrn von Ohnwitz Wirth zur Hand

Ihn mit des Hieronimi Geschichte bekannt.

13. Folglich läßt sich nun ohne Lügen und Mühe,

Die im dreizehnten Kapitel erzählte Entrevüe

Erklären, und daß solche geschehen sei

Ohne Wunderwerk und ohne Hexerei.

Siebzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus mit dem Herrn von Ohnewitz reiset und sein Abschied von

seinen Freunden in Schildburg, ^item^ von Herrn Judex Squenz.

1. Nachdem nun diese Erzählung war abgebrochen

Und man noch manches andre gesagt und gesprochen,

Legte der reiche Herr Patron folgenden Plan

Zu Hieronimi künftigem Glücke an:

2. Vorab sollte er wieder mit ihm nach Ohnwitz reisen,

Bei ihm auf dem Schlosse wohnen und speisen,

Und dann könnte man ferner warten und sehn,

Was zu seiner Versorgung möchte geschehn.

3. Diese Offerte that Hieronimo gaudiren;

Denn ohne lange zu complimentiren,

Empfahl er sich zur hohen Gewogenheit

Und war zu allem unterthänigst bereit.

4. Nun war am Reisewagen was zu bessern und zu putzen;

Diesen Aufenthalt suchte Hieronimus zu benutzen.

Er ging vorerst und nahm mittlerweil'

Abschied von seinen Freunden in der Eil'.

5. Um sich aber zur Abfahrt desto besser zu berathen,

Schenkte ihm der Herr Patron einen Beutel voll Ducaten;

Diesen ließ aber der gute Hieronimus

Halb seiner Mutter und jüngsten Schwester zum Abschiedsgruß;

6. Gab auch der Mutter noch alle seine Habe zum Erbe.

Der Abschied war übrigens traurig, bitter und herbe;

Sie hing lange weinend an seinem Hals

Und seine Schwester Esther ebenfalls.

7. Den Proceß mit dem Nachtwächter, seinem Collegen,

Schlug er nieder und wünschte ihm allen Segen,

Und in seinem Beruf Wachsamkeit und Geduld;

Bezahlte auch den größten Theil der Proceßschuld.

[Illustration]

8. Auch Herrn Schneller that er freundlich begegnen,

Unterließ nicht ihn nochmals für seine Rettung zu segnen,

Und dieser gab ihm auf die Reise noch mit

Eine große Flasche voll Aquavit.

9. So letzte er sich zärtlich mit allen seinen Freunden,

Vergab seinen ehmals nächtlichen Schwägern und allen Feinden;

Aber dem Herrn Judex Peter Squenz

Wünschte er noch heimlich die Pestilenz.

10. Nunmehr hat er sich höchlich vergnüget

Wieder zum Herrn Patron ins Quartier verfüget.

Alles war fertig, man trank noch ein Glas,

Stieg ein in den Wagen und reisete fürbaß.

Achtzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus mit dem Herrn von Ohnewitz auf der Reise ist, und was

sich da zugetragen hat, weil er vernünftig befunden ward.

1. Auf der Reise ist ihnen nichts Sonderliches passiret,

Außer was jedem Reisenden durch Deutschland arriviret,

Und was zu bemerken die Mühe nicht lohnt,

Weils längst so jeder Passagier gewohnt.

2. Nämlich hier und da bei Nacht leuchtende Irrgeister,

Und bei Tage viele grobe Postmeister;

Meist schlechte Wege und langsame Post;

In den Quartieren magre, doch theure Kost;

3. Verfallene Nachtherbergen, aber drinnen

Gutherzige Mägde und freundliche Wirthinnen,

Wo man um manchen baaren Thaler Geld

Auf feine und grobe Art wird geprellt;

4. Kalte Stuben; alte Schlafstätten;

Zur nächtlichen Ruhe unreine Betten,

Wornach, wenn's sonst nicht schlimmer noch geht,

Doch ein wenig Jucken der Haut entsteht;

[Illustration]

5. Statt guter Pferde elende Schindmären;

Ueberall Zölle, Schlagbäume und Barrieren;

Scharfer Krätzer, statt gutem Wein;

Und was derlei Kleinigkeiten mehr sein.

6. Sie vertrieben sich auf die bestmöglichste Weise

Die Zeit auf ihrer langwierigen Reise,

Und ein gut gefülltes Flaschenfutt'ral

Kam ihnen dabei zu statten mannichmal.

7. Ueber viele ihnen vorkommende Sachen

Wußte Hieronimus seine Anmerkungen zu machen;

Und der staunende Herr von Ohnewitz fand

Darin überall großen Witz und Verstand.

8. Einmal that er den Finger an die Nase legen

Und schien lange genau etwas zu erwägen,

Bis er plötzlich das Stillschweigen brach

Und Folgendes zu Hieronimo sprach:

9. »Lieber Hieronimus! höre Er, was ich von Ihm halte:

Ich sehe, Er ist vernünftig und nicht mehr der Alte,

Und finde Ihn im Gehirn und Verstand

Ganz und gar gleichsam umgewandt;«

10. (Hieronimus machte hier sehr ehrerbietig

Einen Bückling und erwiderte: »Sie sind sehr gütig!«

Doch diesen Umstand erzähle ich hie

Nur gleichsam als in Parenthesi.)

11. »Der Himmel gebe ferner dazu sein Gedeihen,

So wird mich solches sehr herzlich erfreuen!

Denn ich bin von fest entschlossnem Sinn

Noch etwas Rechtes zu machen aus Ihm.

12. Meinen Sohn, den ich will lassen studiren,

Soll Er auf die Universität als Hofmeister führen,

Ich schieße gerne die Kosten all' her

Und geb' Ihm 400 Gulden und mehr.

13. Indem Er dann diese Bedienung verwaltet,

Kann Er, denn Er ist noch nicht veraltet,

Allda das ^Studium theologicum^ dann

Wieder anfangen gleichsam von vorne an;

14. Und wenn Er einst, wie ich hoffe, hochgelehret,

Wieder von der Academie zurücke kehret,

So geb' ich, bei meiner hochadligen armen Seel'!

Ihm zu Ohnwitz die erste vacante Pfarrstell'.«

15. Hier wollte Hieronimo für Freude das Herz brechen;

Nur stammelnd vermochte er Folgendes zu sprechen:

»Tausend Dank -- Ach ja -- gnädiger Herr Patron!

Will gern Hofmeister sein bei Ihrem Herrn Sohn.«

Neunzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus zu Ohnewitz ankam, und wie er mit dem jungen Herrn als

Hofmeister nach der Universität reiset, und so weiter.

1. Ich habe von der Reise nichts weiter zu sagen,

Als daß man ohne Anstoß nach einigen Tagen,

Ins Ohnewitzer Territorium kam

Und die Reise ein glückliches Ende nahm.

2. Als sie aber beide dem Dorf waren nahe

Und Hieronimus den Kirchthurm zu Ohnewitz sahe,

Liefe ihm über die Haut der Schweiß

Kalt wie im Wintermonate das Eis.

3. Denn er erinnerte sich mit erneuerten Schmerzen,

Wie sehr ihm das Exil damals gegangen zu Herzen,

Und was er alles seit seiner Flucht

Sonst noch erfahren hatt' und versucht.

4. An seinem Beispiel läßt sich greifen mit beiden Händen,

Wie wunderlich die menschlichen Fata sich oft wenden;

Vormals jug man ihn mit Prügeln fort

Und nun erscheint er als Hofmeister dort.

5. Als sie endlich in den Schloßplatz gefahren,

Demnächst aus dem Wagen gestiegen waren,

Und Herr von Ohnwitz seine Dame embrassirt,

Hat er ihr seinen Gast bald präsentirt.

6. Sie hat ihn beim ersten Anblick wieder erkennet,

Ihn ihren alten Freund und Erretter genennet,

Und ließ hierauf den frohen Hieronimus

Allerhöchstgnädigst zum Rockkuß.

7. Aber nun ging's aufs neue an ein Fragen,

Was sich wol alles mit ihm habe zugetragen?

Wo er gestecket, und warum er

Nicht eher nach Ohnwitz gekommen wär'?

8. Man sagt, Damen wären überhaupt neugierig,

Drum war auch diese Dame alles zu wissen begierig,

Und wirklich erfuhr auch die gnädige Frau

Von ihm alle passirte Dinge genau.

9. Sie hat ihn herzlich ob seinen Schicksalen bedauert,

Besonders über die Flucht von Ohnewitz getrauert,

Und daß man mit so grobem Ungestüm

So unschuldig damals begegnet ihm.

10. Aber über einige ihm arrivirte Sachen

Wollte sie auch fast sich zu Tode lachen;

Besonders machte es ihr große Lust,

Daß seine Frau die Zeche bezahlen gemußt.

11. Uebrigens hat sie von ihrem Gemahl vernommen,

Daß Hieronimus nach seinem Tode mehr Verstand bekommen,

Und deswegen stimmte sie auch gern bei,

Daß er Hofmeister des jungen Herren sei.

12. Er ward noch baß auf dem Schlosse von Jungen und Alten,

Als im 27ten Kapitel des ersten Theils, Vers 9 und 10 gehalten,

Und er hatte niemals, weder vorher noch hernach,

In seinem Leben so gute Tag'.

13. Aber mancher Ohnwitzer Flegel von Bauer

Sah über seine Ankunft sehr scheel und sauer,

Denn sie dachten aufs neue daran,

Was ihnen Fiscus seinetwegen gethan.

14. Der brave Hieronimus aber schlug sich

Alle ehemalige Schmach aus dem Sinn und betrug sich

Gegen Reiche und Arme, Alt und Jung,

Vor wie nach mit Klugheit und Mäßigung.

15. Der junge Herr Baron ward ihm bald gewogen,

Denn er war sehr artig und gut erzogen,

Und hatte dabei weit mehr Verstand,

Als sonst meistens ein junger Herr vom Land.

16. Auch hatten, sowol sein nicht ungelehrter Herr Vater,

Als auch sein bisheriger geschickter Informator,

Mit Ernst auf seine Bildung bedacht

Ihm alle seine Kenntnisse beigebracht.

17. Nun ließ sich Hieronimus von dem jungen Herren

In vielen nöthigen Sachen unvermerkt belehren,

Also legte er nach und nach, in Sprachen und

Humanioribus, einen guten Grund.

18. Auch so lang sein Aufenthalt zu Ohnwitz gewähret,

Hat er fleißig mit allerlei Büchern verkehret,

Und manchesmal die ganze liebe Nacht

Auf der Schloßbibliothek studirt und gewacht.

[Illustration]

19. Zur Erholung spazierte er dann und wann mit seinem Eleven

In Feld, Wald, oder nach den Bauerhöfen,

Und da lernte er beiläufig noch manches Stück

Aus der Oekonomie und der Physik.

20. Mit dem jungen Herrn von Ohnwitz zu ziehen

Abgeredetermaßen nach Akademien,

War endlich die bestimmte Zeit da

Und man machte die Präparatoria.

21. Westen, Nachtmützen, Strümpfe, Halstücher,

Hemden, Schlafpelze und mancherlei Bücher,

Packte man ein im Ueberfluß,

Sowol für den jungen Herrn als Hieronimus.

22. Kisten und Koffer waren fast schier zu enge,

Denn von allem war da die schwere Menge,

Doch billig zieh ich allem übrigen vor

Die mitgegebenen 500 Louisd'or.

23. Ein Lakei mußte sie zur Bedienung begleiten.

Wir lassen sie nun in Gottes Namen fahren oder reiten,

Genug, Baron, Hieronimus und der Lakei

Kamen glücklich an auf der Akademei.

Zwanzigstes Kapitel.

Seine diesmaligen Studia und glückliche Beendigung derselben.

1. Diesmal hat Hieronimus sich trefflich aufgeführet,

Tag und Nacht emsig gelernet und studiret,

Und er versäumte in seinem Studium

Nicht ein einziges Collegium.

2. Er hat sogar oft Trinken und Essen

Und andre Bedürfnisse vernachlässigt und vergessen,

Saß manchmal da, hörte und sahe nicht,

So sehr war er aufs studiren erpicht.

3. Er ward zwar oft von andern Studenten vexiret,

Bei Gelegenheit auch wegen seines Alters cujoniret;

Allein, er als ein vernünftiger Mann

Achtete das nicht, und that gar nicht übel dran.

4. Wenn aber einige, die seinen ehmaligen Stand kannten,

Ihn den Nachtwächter von Schildburgs Zion nannten,

So ärgerte er sich doch heimlich oft drob,

Denn er fand den Spaß zu gemein und zu grob.

5. Die Beschreibung seines Studirens will ich unterlassen

Und nur hiemit in Kürze alles zusammenfassen:

Er lebte ganz nach dem Gegenfuß

Des vormaligen fidelen Burschen Hieronimus.

6. Er hatte den Beifall aller seiner Lehrer,

War von allen ihr fleißigster Zuhörer,

Und nach weniger Jahre Müh'

War er wirklich viel gelehrter als sie.

7. Auch an seinem Eleven sah er nichts als Freude;

Und so endigten nach drei Jahren rühmlich beide,

Der eine das ^Studium juridicum^,

Der andere das ^theologicum^.

8. Ich mag es diesmal nicht weitläuftig beschreiben,

Wie es dagegen viel andre Studenten thaten treiben;

Denn dies ist alles schon, wie man nach kann sehn,

Im 13ten Kapitel des ersten Theils geschehn.

9. Mit den lobvollesten Testimoniis versehen

Endigten sie nun in Gesundheit und Wohlergehen

Den wohlgeführeten Burschenlauf

Und machten sich beide gen Ohnewitz auf.

10. Sie langten daselbst an wohlbehalten,

Fanden alles und jedes noch bei dem Alten,

Nicht das Geringste war verändert alldo,

Sondern alles wie vorher ^in statu quo^.

11. Aber sie wurden stattlich aufgenommen und empfangen,

Denn die gnädige Frau Mama trug längst Verlangen

Nach ihrem so zärtlich geliebtesten Sohn,

Den seit drei Jahren nicht gesehnen Baron.

12. Weder seine Gesundheit noch seine Sitten

Hatten sich verschlimmert noch sonst gelitten,

Wie's doch meist auf der Universität

Bekanntlich den jungen Leuten sonst geht.

13. Es war vielmehr seine Statur etwas vergrößert

Und sein äußerer Anstand verschönert und verbessert,

Und die gnädige Frau Mama konnte, traun!

Sich kaum satt an ihm lecken, küssen und schaun.

14. Auch der alte Herr war voll Entzücken

Ueber seinen Sohn in allen und jeden Stücken;

Besonders fand er ihn hochgelehrt und klug,

Denn er sprach überall wie ein Buch.

15. Daß Hieronimus an diesem freundlichen Willkommen

Auch einen nicht geringen Antheil genommen,

Weil er den jungen Herrn gehofmeistert so,

Das versteht sich ^ex eo ipso^.

16. Da war im freiherrlichen Schlosse ein prächtiges Leben;

Ein Tractament ward fürstlich angerichtet und gegeben,

Und gleichsam wie zu Frankfurt bei der Kaiserwahl,

Sprang roth und weißer Wein im Speisesaal.

17. Ja es ging, ^sans comparaison^, dem jungen Barone,

Wie in der Geschichte jenem verlornen Sohne,

Als dieser wiederkam mit reuigem Muth

Aus dem Bordell und von der Schweinehut.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Ein braves Kapitel; enthaltend Geld und einen Brief des Hieronimi an

seine Mutter.

1. Ich lasse Hieronimum nun auf'm Schlosse weilen und walten,

Denn er kann es da recht gut aushalten,

Und mache aus seinem letzten Studentenstand

Noch etwas Rühmlich's von ihm bekannt.

2. Er konnte in gedachten seinen Studierjahren

Vieles vom Hofmeistergehalte ersparen,

Und hatte sicher alle Quartal

Uebrig ein 60 Gulden Kap'tal.

3. Dieses wußte er nicht besser anzuwenden,

Als es seiner Mutter nach Schildburg zu senden,

Und solches thate er dann auch baar

Richtig und rein alle Vierteljahr.

4. Aus dem Inhalte vom folgenden Briefe,

Welcher mir von ohngefähr in die Hände liefe,

Erhellt es dem geneigten Leser zur Genüg',

Daß ich die Wahrheit rede und nicht lüg'.

5. »_Geliebte Mutter!_

meine kindlichen Pflichten

Schuldigermaßen gegen Euch zu verrichten,

Sende ich gegenwärtig abermal

60 Gulden zum gewohnten Quartal.

6. Wollte Euch herzlich gerne mehr senden,

Habe aber diesmal nichts weiter in Händen

Und bin selber bis aufs nächste Kap'tal,

Das ich von Ohnwitz erhalte, schier kahl.

[Illustration]

7. Hoffe jedoch, es werde heut oder morgen

Der Himmel mich irgendwo als Pfarrer versorgen,

Und dann sollt Ihr, geliebte Mutter mein!

Lebenslang bei mir zugleich versorget sein.

8. Ihr könnt nicht glauben, wie sehr mich's noch kränke,

Wenn ich meinen vormaligen Jugendlauf bedenke,

Und wie ich Euch dadurch gar zuletzt

In die schofelsten Umstände versetzt.

9. Gott halte Euch gesund und bei langem Leben,

Da will ich dann alles Ernstes mich bestreben,

Daß alles wieder werde gut gemacht,

Was ich verdorben und durchgebracht.

10. Mit meinem Studiren geht's, Gottlob! ziemlich,

Auch mein Eleve beträgt sich höchst rühmlich;

Herr von Ohnewitz freuet sich sehr darob

Und gibt uns beiden oft schriftlich sein Lob.

11. Neuigkeiten wollte ich Euch gerne schreiben;

Allein, was die Musensöhne hier machen und treiben

Ist meistens nicht von gar großem Gewicht

Und interessirt Euch sonderlich nicht.

12. Ich bin immer gesund an Leib und Gemüthe

Und erhalte von des alten Herrn von Ohnewitz Güte,

Zu jeder vierteljährigen Frist,

Was mehr als zum Bedürfniß hinreichend ist.

13. Ich mache mir also noch die kleine Freude

Und sende, etwa zu einem neuen Kleide,

Beiliegende 2 Louisd'or für

Schwester Esther, im besondern Papier.

14. Uebrigens beharre ich bis an mein Ende,

Nebst einem großen und zärtlichen Complimente

An meine Schwester vom jungen Baron,

_Euer treuer und gehorsamer Sohn._«

15. Auf die vorgedachten rührenden Zeilen

Schrieb, ohne lange damit zu verweilen,

Die alte Frau Jobs, die Senatorin,

Ihrem guten Sohne folgende Antwort hin.

16. Sie enthält gar viel und mancherlei Sachen;

Will drum draus ein neues Kapitelchen machen,

Man würde sonst, weil der Brief etwas lang,

Beim Durchlesen desselben müde und bang.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Worin länglich die Antwort der Frau Wittwe Schnaterin Jobs zu lesen, auf

den Brief ihres Sohnes.

1. »_Mein geliebtster Sohn!_

An dich zu schreiben

Konnte ich nicht lassen unterbleiben,

Besonders rührte es mich, daß du

Mir wieder 60 Gulden sandtest zu.

2. Alles ist mir richtig gekommen zu Handen,

Und ich habe aus deinem Briefe verstanden

Deine Herzensgüte und Zärtlichkeit,

Und das hat mich mehr als das Geld erfreut.

[Illustration]

3. Zwar ist mir letztes sehr gut zu statten gekommen,

Denn Geld gereicht immer zum Nutzen und Frommen;

Aber deine gutartige Kindlichkeit

Geht, so wahr ich 'ne ehrliche Wittfrau bin! weit.

4. Ich hab' mich vormals freilich sehr müssen behelfen

Und nach dem nöthigsten Unterhalt kümmerlich gelfen,

Und, wahr ist's, aus Ungeduld

Gab ich dir davon oft alleine die Schuld.

5. Allein, alles ist längst vergessen und vergeben,

Denn du erleichterst mir und unsrer Esther das Leben,

Schickst uns so viel Geld, und seitdem

Leben wir gemächlich und sehr bequem.

6. Ehmals schmachteten wir in Frost und Hitze,

Aßen kaum satt Wasserschnell, Brei und Grütze,

Trunken nur Kofent und kahlen Thee,

Und in der Haushaltung war lauter Weh.

7. Uns borgte weder Schuster, Weber noch Schneider

Die nöthigen Schuhe, Leinwand und Kleider,

Und in unsrer Wohnung überall

War's durchlauchtig wie in 'nem Nothstall.

8. Zwar suchten deine Schwester und ich uns mit Ehren

Durch fleißige Handarbeiten zu ernähren,

Allein, wir kamen damit nicht weit

In dieser so hoch schwer theuern Zeit.

9. Esther hätte zwar extra was können acquiriren,

Denn viele junge Herren suchten sie zu verführen,

Doch weil sie ihnen keine Audienz gab,

So zogen sie mit der langen Nase ab.

10. Nun aber sind wir frei von Nahrungssorgen,

Brauchen nicht mehr zu darben und zu borgen,

Und danken den frohen Lebensgenuß

Dir, mein geliebter Hieronimus!

11. Der Himmel wolle ferner dich beglücken

Und dir einst eine fette Pfarre zuschicken;

Dann beschließ' ich, wie du es schreibest mir,

Meine alten Tage, so Gott will, bei dir.

Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen · 第 11 / 20 段