Auf einem unterhaltenden Spaziergange;
Denn sie glaubten dem Sprüchwort fest:
^Aurora musis amica est.^
11. Sie fanden nach geendigtem Spazieren
Um halb 12 Uhr die Herrschaft dejeuniren,
Und Herr von Ohnwitz, als er Hieronimum sah,
Rief ihm laut zu: »Victoria!
12. Ich gratulire Ihm zur Ohnwitzer Pfarre!«
Hieronimus stund da vor Erstaunen wie ein Narre,
Und wußte nicht eigentlich, ob dies da
Aus gnädigem Spaß oder Ernst geschah.
13. Aber er ließ sich bald näher überführen,
Daß es Ernst sei mit dem Gratuliren,
Und für Spaß ihm hier nicht Noth sei,
Sintemal der Pfarrer wirklich todt sei.
14. Nun überlege einmal der Leser mit kaltem Blute,
Wie da dem Hieronimus geworden zu Muthe,
Als er so urplötzlich unverhofft da
Zum Pastor sich metamorphosirt sah.
15. Denn diese Pfarrei war einträglich und wichtig,
Und trug jährlich ganz gewiß und richtig,
Ohne die Accidentien, rein
Blanke 900 Gulden ein.
16. Die Accidentien waren gleichfalls ansehnlich,
Etwa 100 Gulden ^pro^ Jahr gewöhnlich;
Also kamen nach der Summa Summarum draus
Des Jahrs circa 1000 Gulden zu Haus.
17. Davon ließ sich nun sehr gemächlich leben,
Auch zum Sparpfennig etwas aufheben;
So daß sich kein Pfarrer im ganzen Land
So reputirlich als der Ohnwitzer stand.
18. Wenn etwa andre dorfgeistliche Herren
Sich von ihrem kleinen Dienstchen mußten kümmerlich nähren
Und bei Wasser, oder höchstens Koventbier,
Krumm liegen und verdursten schier,
19. Und kaum hatten, was sie am nöthigsten brauchten,
Aus kurzen Tabakspfeifen ihren Kneller rauchten,
Und bei Sauerkohl, Kartoffeln und Erbsenbrei,
Sungen die erbärmlichste Litanei;
20. Da befand sich hingegen ein Ohnewitzer Paster
Bei seiner langen Pfeife mit virginischem Knaster
Und einem gut gefüllten Weinfaß
Und Schinken, Braten und Wildpret, baß.
21. Dabei thät er in mächtig großem Ansehen,
Wie ein Klosterguardian, bei seinen Amtsbrüdern stehen,
Und bei der Synode oder bei dem Convent,
Bekam er das größte Compliment.
22. Selbst wenn er auf dem freiherrlichen Schlosse
Visiten gab und Mahlzeiten genosse,
So saß er aus Regard während der Mahlzeit
Der gnädigen Frau immer nahe zur Seit'.
23. Der vorige Pfarrer wußte sowol Junge als Alten
Vorzüglich in Furcht und Respect zu halten,
Und behauptete überall, spat und früh,
Seine Oberautorität in der Parochie;
24. Und bei vorfallenden Kindtaufenschmäusen,
Oder bei Hochzeiten, oder bei Leichenspeisen,
Saß er oben an und führte immerfort,
Als wär' er in der Kirche, das große Wort.
25. Wer nicht wollte ganz nach seiner Pfeife tanzen,
Den pflegte er verblümt auf der Kanzel zu kuranzen,
So daß ihm Hören und Sehen verging,
Und er aus Angst ein neues Leben anfing.
26. Er befand sich zwar weder kränklich noch gebrechlich,
Sondern gut bei Leibe, war aber sehr gemächlich:
Drum hielt er sich einen Candidat als Caplan,
Welcher die Pfarrdienste für ihn gethan;
27. Aber Copulationen, Taufen und derlei Pflichten
Pflegte er doch gewöhnlich in persona zu verrichten;
Wenigstens wohnte er der Schmauserei,
Welche dabei vorfiele, bei.
28. Er war übrigens in der Lehr' weder Heterodoxe,
Noch im gemeinen Umgang ein knurrender Ochse,
Sondern führte seine Ohnwitzer Schäfelein
Auf 'ner Weide vom ketzerischen Unkraut rein;
29. Und seine Gemeinsgliederinnen,
Besonders junge, wurden oft innen
Seiner guten Laune, denn der lose Pastor
Machte ihnen manch Späschen, doch in Ehren, vor.
[Illustration]
30. Kurz! ein Ohnwitzer Pfarrer lebt wie ein Engel,
Hat wenig Arbeit, denn sein Kirchensprengel
Ist nicht weitläuftig sondern klein und eng,
Und der Communicanten ist 'ne geringe Meng'.
31. Er kann im Schlafrock, Pantoffeln und Nachtmützen
Im Großvaterstuhl fast den ganzen Tag sitzen,
Und verrichten gewissenhaft allesammt,
Was da vorfällt in seinem Pfarreramt.
32. Nur des Sonntags einmal zu kanzliren,
Alle Vierteljahr ein Paar zu copuliren,
Nebst Taufen, Begraben und ein bischen Kinderlehr',
Dieses ist alles und sonst kein Haar mehr.
33. Das Dorf selbst ist sehr herrlich gelegen,
Ueberall blühet und lachet der Segen,
Und alles, was die ländliche Natur
Schönes hat, zieret Ohnwitzens Flur.
34. Weiden, Wälder, Gebüsch und Gesträuche,
Schattige Haine, glatte Bäche und Teiche,
Wiesen, Obstgärten, Hügel und Thal,
Garten und Feld, wechselt ab überall.
35. Da kann mit Vögelfangen und Fischereien,
Sich der Pfarrer nach Gefallen zerstreuen,
Wenn ihn etwa ein sauers Amtsgeschäft
Zu sehr angegriffen und entkräft't;
36. Oder auch manchem Kirschvogel, Rebhuhn und Hasen,
Das Lebenslicht auf der Jagd ausblasen;
Denn er hat Vogelfang, Jagd und Fischerei,
Nebst Taubenflug bei seiner Pfarre frei.
37. Wenn er sich dabei gut insinuiret
Und die Bauern nicht zu sehr cujoniret,
So kann er mit Frau und Kinderlein
Bei einem oder andern täglich Gast sein.
38. Wir wollen also, was wir ohn' unsern Schaden auch können,
Dem Hieronimus sein künftiges Glücke gönnen,
Und in dem folgenden Kapitelchen
Mit ihm ins geistliche Examen gehn.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Wie Hieronimus in dem Examen gut bestand und mehr wußte als seine
Examinaters.
1. Ehe er die Pfarre wirklich konnte antreten,
War der Ordnung wegen, ein Examen von nöthen,
Und er meldete sich bald darum
Beim hochwürdigen Ministerium.
2. Es geschah mit allen Umständen, wie sonst bräuchlich.
Hieronimus betrug sich diesmal unvergleichlich,
Und beantwortete Augenblicks
Jeden Artikel frei und fix.
3. Das erregte nun bei sämmtlichen Examinatoren
Ein mächtiges Spitzen ihrer ansehnlichen Nasen und Ohren,
Weil ihnen noch nie ein Fall war bekannt,
Daß ein Ordinandus so gut bestand.
4. Die Herren konnten ihn nichts mindeste fragen,
Oder er wußt' ihnen gleich alles vollkommen zu sagen,
Ja, es fand sich, daß er weit mehr verstund,
Als jeder von ihnen ihn fragen kunt.
5. Keiner brauchte nun nach der Antwort auf die Fragen,
So wie ehmals im Examen, _Hem! Hem!_ zu sagen;
Sondern es hieß nun: ^Domine Hieronime!
Respondisti bene benissime!^
6. Sie fragten zwar mitunter einfältige Fragen,
Worauf ein Schulkind hätte Antwort können sagen,
Wie's wol mal im Examen ergeht,
Wenn man beim Exam'nator gut steht.
7. Doch einige wünschten ihn zu fangen durch verfängliche Fragen,
Sie konnten ihn aber dadurch nicht ins Bockshorn jagen;
Gaben ihm also sämmtlich den Ruhm
Als 'nen hochgelehrten Theologum.
8. Das Testimonium ward förmlich concipiret,
Mit dem großen Ministerialsiegel sigilliret,
Alsdann ihm überreicht, und jeder hat
Ihm gratulirt vorerst als Candidat.
[Illustration]
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Wie Hieronimus nun Pastor ward und für künftigen Sonntag auf seine
Antrittspredigt studirte, welche im 29ten Kapitel zu lesen sein wird.
1. Daß er so gut hatte thun bestehen,
Gab ihm auf dem Schlosse ein wichtiges Ansehen,
Und Herr von Ohnewitz hieß hinfort Hie-
ronimum nicht mehr _Er_, sondern _Sie_.
2. In folgenden Zeiten und Tagen heckte
Man noch aus für ihn manche gute Projecte,
Besonders wie er hübsch einrichten könnt'
Sein zukünftiges Etablissement.
3. Unter anderm wollte man ihm nebenbei rathen,
Die Wittwe des Seligverstorbenen zu heirathen;
Allein, als man ihm dieses kund gab,
Schlug er diesen Antrag rund ab.
[Illustration]
4. Zwar war die Wittwe ein herzensgutes Weibchen,
Noch jung und liebevoll wie ein Turteltäubchen;
Hatt' nur ein einzigs Kind, dies aber gab,
Weil's kränkelte, Hoffnung zu sterben bald ab.
5. Sie hatte sich manches Kapitälchen ersparet,
Und zum Nothpfennig dafür sich aufbewahret,
Wenn etwa ihres Herren Mannes Tod
Sie setzte außer Nahrung und Brod.
6. Sie wußte aus Butter, Käse und vielen andern Sachen,
Sich manchen Extragroschen zu erwerben und zu machen,
Verkaufte jährlich viel Honig und Wachs,
Und spann fleißig aus selbst gezogenem Flachs.
7. War auch sehr beliebt in der ganzen Gemeinde,
Alle Bauern waren ihre Gönner und Freunde,
Und sonntäglich trug manche Bäuerin
Ihr Geschenke für die Küche hin;
8. Sie besaß übrigens viel Herzensgüte,
War gar nicht von zanksüchtigem Gemüthe,
Und kurzum, insoweit wäre sie
Wol gewesen für Hieronimum 'ne gute Partie.
9. Aber er hielt es für Unrecht, durch eine Quarre
Anzutreten eine geistliche Bedienung oder Pfarre,
Er dachte auch ohnehin noch immer dran,
Wie's ihm mit der ersten Ehe gegahn.
10. Zum Beweis aber, daß er uneigennützig verfahre,
Verglich er sich mit der Wittwe wegen dem Nachjahre,
Und sicherte aus den Pfarreinkünften ihr
Jährlich 100 Gulden dafür;
11. Jedoch nur so lange als ihr Wittwenstand bestehe
Und sie nicht schritte zu einer neuen Ehe,
Sollte bestehen dieser Pakt;
Aber es endigte sich bald der Contrakt.
12. Denn es hat kaum anderthalb Jahr gewähret,
Da sie schon wieder zu heirathen begehret
Und genommen einen andern Mann;
Ich führe solches nur beiläufig an.
13. Hieronimus ward bald drauf als Paster ordniret,
Und hat auf eine feine Antrittsrede studiret,
Und man machte für nächstkünftigen Sonntag schon
Anstalten zur Introduction.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Unruhe der Ohnwitzer Gemeinde über die Anstellung des neuen Pastors.
1. Aber die Ohnwitzer Kossaten und Bauern
Wollten hierüber für Aerger fast versauern,
Und wo sie einer den andern sahn,
Stießen sie brummend die Köpfe an:
2. »Da schickt uns nun der gnädige Herr wieder den Narr her
Und gibt uns denselben gar zum Pfarrherr! --
Nein, das soll durchaus nit geschehn,
Und sollte es auch drunter und drüber gehn.
3. Denn es ist ja ein unerhörtes Exempel,
Daß ein Nachtwächter in der Kirche oder im Tempel
Weder in Ohnewitz noch in der Welt,
Als Pastor oder Priester ward angestellt.«
4. Eine Supplik, welche der Schulmeister vom Dorfe
In der Schenke, ^vigore commissionis^, entworfe,
Nebst förmlicher Erklärung der Protestation,
Ware das Resultat davon.
5. Als nun solche in geziemenden Ausdrücken fertig,
Waren des andern Tages alle Bauern gegenwärtig,
Und damit wallte der ganze Troß
Durch Dick und Dünne zum Herren aufs Schloß.
6. Aber der gnädige Herr auf dem Schlosse
Fürchtete sich nicht vor diesem großen Trosse,
Nahm zwar die Supplik an mit Freundlichkeit,
Gab ihnen aber mündlich folgenden Bescheid:
7. »Ihr Ochsen, ihr Räckel, ihr Esel, ihr Flegel!
Nehmt einmal für allemal euch dies zur Regel:
Herr Hieronimus soll euer Pfarrer doch sein,
Oder ich laß euch alle sperren ins Hundeloch ein!«
8. Da hingen nun auf einmal die armen Tröpfe
Ihre breiten Mäuler und dicken Köpfe,
Sagten: Ach ja, lieber gnädiger Herr!
Und gingen hin, wo sie gekommen her.
9. Aber einige von ihnen nahmen, aus Rache
Gegen den neuen Pfarrer, hoch und theuer Absprache,
Seiner künftigen Predigt und Lehr'
Nicht zu geben das mind'ste Gehör;
10. Auch von allem, was er aus Gottes Worte
Ihnen vortrüg' an diesem oder jenem Orte
Zu ihrem Seelenheile, kurzum,
Immer zu thun das Contrarium;
11. Ihn auch sonst auf alle Weise zu kränken,
Nie ihm etwas in die Küche zu schenken,
Selbst jedes pflichtschuldige Accidens so klein
Und so knapp, als möglich sei, zu richten ein.
12. Als man indeß Sonntags die Glocke geläutet
Und zur Antrittspredigt alles war bereitet,
Fanden sich alle Ohnwitzer, groß und klein,
Höchst zahlreich in die Kirche hinein.
13. Selbst die, welche vorher das Gegentheil abgesprochen,
Haben aus Neugier ihren Vorsatz gebrochen,
Und sagten: Ich will doch einmal 'neingehn,
Und, was der Kerl da saget, besehn.
14. Der neue Herr wies recht seine Rednertalente
In der Oration. Ich zeige die Hauptcontente,
So viel ich davon mich erinnern kann,
Im folgenden neuen Kapitel an.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Eintrittspredigt des neuen Herrn Pfarrers; sehr erbaulich, aber
abgebrochen, damit der Leser nicht einschlafe.
1. »Geliebtesten Freunde und Zuhörer! ich betrete
Hiemit zum erstenmal diese geweihte Stätte,
Und zeige euch heute öffentlich
Als euern rechtmäßigen Seelsorger mich.
2. Der Himmel hat dieses ohn' alles mein Denken,
Ohne mein Suchen und Zuthun also wollen lenken,
Indem er mich zum Prediger schüf
Und mich zu euch nach Ohnewitz rief.
3. Zwar weiß ich, meine Hochtheuer- und Vielgeliebte,
Daß manchen von euch dieser Ruf herzlich betrübte,
Sintemal ich in euerm Sinn
Nur ein Aergerniß und Thorheit bin.
4. Weil ich vorher euer simpler Schulmeister gewesen,
Ja gar zu Schildburg als Nachtwächter gebläsen,
Darum nun glaubet und denket ihr,
Es stecke kein rechtschaff'ner Lehrer in mir.
5. Allein ich will euch aus alten Geschichten
Viele auffallende Beispiele berichten,
Daß oft aus einem simpeln Ding und schlechten Mann,
Was Rechtschaff'nes und Großes werden kann.
6. Ihr könnt selbst gehörigen Ortes nachschlagen
Alles, was ich euch hier werde vortragen.
Wer war unser erster Stammvater _Adam_?
War's nicht ein Erdenkloß, wovon er herkam?
7. _Abram_ ging als Exulant aus Haran,
_Jakob_ hütete die Schafe bei Laban;
Und dennoch wurden sie beide nachher
Hochberühmete Erzväter.
8. _Ismael_ mußt' als Jungfernkind fast todt dürsten
Und ward doch ein Vater von 12 Fürsten.
_Joseph_, erst Sklave und Arrestant,
Ward Finanzminister in Egyptenland.
9. _Moses_ lag als Findling am Ufer im Schilfe,
Wäre ertrunken ohne ohngefähre Hilfe,
Und dennoch wurde er hernachmal
Der große Israeliten-General.
10. _Gideon_, erst Drescher, schlug die Midianiter.
_Jephtha_, ein Hurkind und simpler Gileaditer,
Schlug die Kinder Ammon und war
Richter in Israel sechs Jahr.
11. _Saul_ triebe zuerst die Langohren,
Ward doch hernächst zum König erkoren,
Und _David_ mit seinem Hirtenstab
Ward König, that auch den Goliath ab.
12. _Hiob_ ward vom Satan arm geschlagen,
Aber doch reich in seinen alten Tagen,
Und _Ruth_, die Aehrenleserin,
Wurde die reiche Frau _Boasin_.
13. _Jehu_ bedeutete erst als Capitain wenig,
Ward doch nachher in Israel ein König,
Und rottete des gottlosen Ahabs Haus,
Bis zum letzten, der an die Wand pißt, aus.
14. _Nebucadnezar_ ging eine Zeitlang auf allen Vieren
Und fraß Gras und Heu gleich andern Thieren,
Und man nahm ihm Purpur und Königskron';
Doch bestieg er nachher den verlornen Thron.
15. _Esther_, ein blutarmes Waisenwichtchen,
Das nichts hatte als ein hübsches Gesichtchen,
Ward doch eine große Königin
Und des Ahasverus liebe Gemahlin.
16. Auch unter den _Propheten_ und _Aposteln_ waren Leute
Von geringer Abkunft und wenigem Bedeute;
Hirten, Zöllner, Fischer, ein Teppichfabrikant,
Und von anderm schlechten Gewerbe und Stand.
17. Ich gehe zur mehrern Erweckung lieber,
Meine Geliebten! zur Profangeschichte hinüber;
Ob ich gleich, aus altem und neuem Testament,
Euch viele Exempel noch nennen könnt'.
18. Der allgemein bekannte große _Artaxerxes_,
Jeder von euch, meine theuern Zuhörer, merk' es!
Stand erst in sehr geringem Ansehn
Und ward doch König in Persien.
19. _Darius_ war gar nun ein ehrlicher Büttel,
Bekam doch den Perserthron und Königstitel,
Und _Agathokles_, eines Töpfers Sohn,
Bestieg den sicilianischen Thron.
20. _Telephanes_, ein Wagner, legte das Handwerk nieder
Und ward ein großmächtiger König der Lyder.
_Hyperbolus_ fabricirte Leuchten zum Sehn,
Und ward hernächst Fürst zu Athen.
21. Vom berühmten _Phokion_ kann man lesen,
Daß er eines Löffelmachers Sohn gewesen,
Und Egyptens große _Rhodopin_,
Ward aus 'ner Bordellschwester Königin.
22. _Romulus_ und _Remus_, zwar vom Götterstamme,
Hatten als Findlinge eine Wölfin zur Amme,
Da doch Roma, die große Stadt,
Von ihnen den ersten Ursprung hat.
23. Vom König _Tullius Hostilius_ melden die Schreiber,
Er sei gewesen ein lumpichter Kühtreiber,
Und vom Böhmer-König _Primislas_
Melden die Chroniken eben das.
24. Kaiser _Valentinian_ drehte anfangs Seile und Stricke;
Den Kaiser _Probus_ hob aus dem Gärtnerstaub das Glücke;
_Bonosus_ und _Johann Zimisces_ waren vorher
Schulmeister und hernach Kaiser.
25. Kaiser _Aurel_ war ein Bauernbube vom Lande,
Der große _Tamerlan_ gleichfalls vom Bauernstande,
Kaiser _Mauriz, der Cappadocier_,
War gar, wie ich ehmals, Nachtwächter.
26. Papst _Niklas quintus_ war erst Mediciner;
Der große Fürst _Narses_ ein verschnittener Diener;
Kaiser _Justin_, und _Galer_, und Papst _Sixt_, alle drei,
Hüteten in ihrer Jugend die Säu'.
27. _Lutherus_, ein armer Augustiner Pater,
Ward nachher der so große Reformater,
Schaffte das Fasten ab und machte die Klerisei
Vom beschwerlichen Cölibate frei.
28. Auch hat man viel alte Poeten und Philosophen,
Welche blutarm waren, angetroffen:
_Plautus_ mußte die Mühle drehn,
Arm waren _Codrus_, _Epiktet_, _Demosthen_.
29. _Euripid_, _Aesop_, _Horaz_ und andre Poeten
Waren anfangs arme Schlucker und in Nöthen;
Und es geht auch noch in der neuern Zeit
Meist den Philosophen und Poeten nicht breit.
30. Ich könnte noch gar leicht aus unsern Tagen
Euch nicht nur viele Exempel, sondern auch Beispiele sagen,
Wie das Glücksrad sich wunderlich dreht
Und Geringe aus dem Staube erhöht.
31. Mancher anfänglich elender Schuhputzer
Ist jetzt ein ansehnlicher Herr und Stutzer,
Und ihr müßt ^nolens volens^ für ihn
Eure Mütze und Hut tief abziehn.
32. Auch manche Frau thut mit Titeln stolziren,
Und mit seidenen Kleidern schwenzeliren,
Und ist, obgleich vom Mistfinken-Stamm,
Nunmehr eine großherrliche Madam.
33. Wenn ihr die angeführten Exempel genau betrachtet
Und mich dann noch wegen meines vorigen Zustandes verachtet:
So würde das, ihr sehet es selbst ein,
Höchst ungerecht und unbillig sein.
34. Ihr sollt's in der Folge finden und erleben,
Daß ich mir alle Mühe werde geben,
Für euch alle, klein und groß insgesammt,
Redlich zu führen mein Pfarreramt.
35. Ich liebe euch alle hochtheuer und herzlich,
Und würde es empfinden höchst schmerzlich,
Wenn ich einen von euch dereinst sollte sehn
Zur Linken unter den Böcken stehn.
36. Auch meinen Feinden will ich gerne vergeben,
Und ihr wahrer Freund zu sein, mich bestreben« -- --
Den Rest der schönen Predigt übergeh' ich,
Als hieher eigentlich nicht gehörig.
Dreißigstes Kapitel.
Was diese Rede für Sensation machte, und die Wirkung, welche sie
hervorbrachte.
1. Was diese Rede für Sensation machte,
Und die Wirkung, welche sie hervorbrachte,
Das übersteigt gewißlich hoch und weit
Alle menschliche Begreiflichkeit.
2. Alle Bauern saßen stumm und starr wie Pfeiler,
Sperrten thürweit auf Augen, Nasen und Mäuler;
Und die Bäurinnen, als von sensiblerer Haut,
Weinten Thränen und schluchzsten laut.
3. »Nun wahrlich! wir müssen es bekennen und sagen,
Wir haben doch in allen unsern Lebenstagen,
Keine Predigt so gelehrt und schön,
Als diese vom neuen Herrn Pfarrer gesehn!
4. Das ist ein Mann, ein Mann ohne Gleichen,
Der kann einem 's harte Herz recht erweichen,
Und weiß von Adam an bis zu dieser Frist
Alles, was in der Welt passiret ist.
5. Alles, was er sagt, kann man begreifen und verstehen,
Dabei thut er sich so sanftmüthig begehen,
Und er spricht und redet kein einziges Wort
Ueberflüssig und am unrechten Ort.
6. Unser vor'ger Ehrnpfarrer konnte zwar auch gut fegen
Und den Text stattlich sagen und auslegen,
Und führte als ein sehr gelehrter Mann
Manchen uns unbekannten Spruch an;
7. Allein er konnte bei allem Ermahnen und Schändiren,
Uns doch nie so das Herz prickeln und rühren,
Und ihn übertrifft an Gelehrsamkeit,
Unser lieber neuer Herr Pfarrer weit.«
8. So lautete ohngefähr der Ohnwitzer jetzige Sprache,
Und es hatte sich verändert der ganze Status der Sache,
So daß, wer ihn vorher am meisten gehaßt,
Jetzt für ihn war der größte Enthusiast.
9. Kurz, nie war eine Predigt, wie diese so allgewaltig,
Nie der Beifall so groß und so mannichfaltig,
Und nie hat je eine solche Frucht und Kraft,
Als diese Antrittsrede verschafft.
10. Das konnte schon sofort an Thaten und Werken,
Herr Hieronimus bei der neuen Gemeine sehn und merken;
Denn man schleppte reichlich allerlei
Geschenke für ihn ins Pfarrhaus herbei:
11. Tische, Bänke, Spiegel, Kasten, Stühle,
Oefen, Bettstellen, Betten, Polstern, Pfühle,
Werg, Baumwolle, Leinewand, Flachs,
Holz, Kohlen, Oel, Unschlitt, Schmalz, Wachs;
12. Kaffeekannen, Theepötte, Dosen, Töpfe,
Teller, Schüsseln, Löffel, allerlei Näpfe,
Speck, Schinken, Fleisch und was sonst zur Noth
Zur Haushaltung gehört unters tägliche Brod.
13. Gerste, Hafer, Rocken, Weizen für den Söller,
Wein, Bier und dergleichen für den Keller,
Schweine, Kühe, Hämmel fett und schön,
Tauben, Enten, Hühner, Gänse, Truthähn'.
14. Das Pfarrhaus war schön getünchet und gezieret,
Vor der Thür ein grüner Bogen aufgeführet,
Und so führte man unter Jubel und Juchhein,
Ihn ins Ohnewitzer Pfarrhaus hinein.
15. Auch machten dabei ein Paar Musikanten,
Die sich als Virtuosen im Dorfe befanden,
Mit ihrer Leyer und Schalmei
Ein sehr anmuthiges Dudeldumdei.
16. Es haben auch die Herren Consistorialen
Zu Ohnewitz angerichtet damalen
Eine herrliche Mahlzeit mit Kosten und Müh',
Wozu Herr von Ohnwitz seinen Pariser Koch lieh.
17. Auch ward in der ganzen Ohnwitzer Gemeine
(Und jeder gab dazu reichlich das Seine)
Eine Collecte von baarem Geld
Für den neuen Herrn Pfarrer angestellt.
Einunddreißigstes Kapitel.
Der neue Pfarrer schreibet mit frohem Sinn seiner Mutter noch einen
Brief hin.
[Illustration]
1. Alsbald nun Ehren Jobs dergestalten
Seinen Einzug ins Pfarrhaus hatte gehalten,
So schriebe er mit ganz frohem Sinn
Seiner Mutter folgenden Brief hin.
2. _Meine theure Mutter!_
Ich eile Euch zu sagen,
Was sich mit mir kürzlich hat zugetragen;
Erschrecket nur nicht so sehr davor,
Ich bin zu Ohnewitz geworden Pastor.
3. Nach meiner Retour von Akademien,
Dachte ich zwar mit dem jungen Herrn auf Reisen zu ziehen,
Aber der Himmel disponirt,
Wenn gleich der Mensch proponirt.
4. Denn als schon alles zur Reise war veranstaltet,
Hat das Glück so über mich gewaltet,
Daß der hiesige Pfarrer den Schlagfluß bekam
Und aus dieser Welt sein Adieu nahm.
5. Herr von Ohnwitz, ^qua^ Patron der Pfarreie,
Bezeigte nun für mich die Gnade und Treue,
Daß er mir bald und allsofort
Die Pfarre ertheilte an diesem Ort.
6. Es setzte zwar unter den hiesigen Leuten
Anfangs einige Händel und Schwierigkeiten,
Wie dann gemeinlich Zank und Geschrei
Entsteht bei Besetzung einer Pfarrei.
7. Allein es ist bald alles nach Wunsch und Verlangen
Bei dieser mir interessanten Sache gegangen,
Ich bin als Pfarrer geordinirt
Und wirklich ins Pfarrhaus eingeführt.
8. Die ganze liebe Ohnwitzer Gemeine,
Reiche und Arme, Große und Kleine,
Freuen sich, ehren und lieben mich,
Als ihren neuen Pfarrer zärtlich.
9. Man hat mich reichlich mit Hausrath versehen,
Das sollt Ihr selbst künftig finden und verstehen,
Auch in Söller, Keller, Küche und Stall
Sind Lebensmittel in großer Zahl.
10. Die Pfarre selbst ist sehr einträglich
Und für ihren Besitzer nicht ungemächlich,
Sie bringt gewöhnlich Jahr aus, Jahr ein,
Reine 1000 Gulden baar ein.
11. Meine Wünsche sind also alle gestillet,
Nur ein einz'ger noch ist bisher unerfüllet,
Nämlich Euch bald im Wohlergehn,
Nebst Schwester Esther bei mir zu sehn.
12. Ich bitte Euch also, nicht zu verweilen,
Sondern je eher, desto lieber zu mir zu eilen,
Und dann lebenslänglich bei mir
Zu nehmen Euer künftig Quartier.
13. Man ging im Dorf collectiren herumme
Und sammelte für mich eine artige Summe;
Dieses Geld sende ich Euch allhier,
Um die Reisekosten zu bestreiten dafür;
14. Denn ich habe ohnehin zu meiner Etablirung
Und der vorläufig nöthigen Regulirung,
Nebst zu einem Alltags- und Sonntagskleid
Geld genug von des gnädigen Herrn Gewogenheit.
15. Mit Euern dortigen Möbeln und sonstigen Sachen
Könnt Ihr meinen andern Geschwistern ein Geschenk machen;
Weil, so lange mir selbst nichts gebricht,
Euch soll bei mir nichts gebrechen nicht.
16. Denn ich will stets im Wittwerstande bleiben
Und niemals eine neue Heirath treiben,
Nur Ihr und mein liebes Schwesterlein
Sollt meine Haushälterinnen sein.
17. Und thäte ich etwa früher als Ihr sterben,
So werdet ihr doch deswegen nicht verderben,
Denn Herr von Ohnewitz hat auf diesen Fall schon
Mir für Euch versprochen 'ne Pension.
18. Euch die Reise desto besser zu bequemen,
Könnt Ihr eine commode Extrapost nehmen.
Ich erwarte mit kindlicher Sehnsucht Euch
Und meine jüngste Schwester zugleich.«
19. Um nun desto eher das Vergnügen zu genießen
Seine Mutter und Schwester in die Arme zu schließen,
Ward vorgedachtes Schreiben, zur Hand,
Durch einen Expressen abgesandt.