An und bei ihrem sämmtlichen Gesinde,
Und versammelte sie täglich zweimal,
Zum Singen und Gebet, in ihrem Saal.
7. Sie bestrafte bei ihnen auf liebreiche Weise
Das kleinste Vergehn mit Entziehung der Speise,
Und hielte viel vom Fasten und Kastei'n
Und von einem halben Nösel Branntewein.
8. Da nun, ohne Zweifel, zu zweien
Sich besser läßt trinken und kasteien,
Auch überhaupt in Gesellschaft
Man singen kann mit größerer Kraft:
9. So hatte sie schon längst sich umgesehen,
Einen frommen Menschen auszuspähen,
Welcher ihr, sowol spät als früh,
Möcht' leisten geistliche Compagnie.
10. Es waren nun zwar viele frommen
Müßiggänger zu ihr gekommen,
Und hatten, wie sich's ziemt und gebührt,
Die geistlichen Dienste geofferirt;
11. Aber bisher hatte keiner von allen
Das Glücke gehabt, ihr zu gefallen,
Denn bald schien ihr der eine zu alt,
Bald der andre zu jung noch, und bald
12. War einer zu mager, bald einer zu schwächlich,
Bald einer ein Krüppel, oder sonsten gebrechlich,
Bald einer stumm, taub, scheel oder blind,
Oder ein häßliches Weltkind.
13. Hieronimus that es endlich wagen,
Seine Dienste ihr anzutragen
Als geistlicher Assistent, und, siehe da!
Er gefiel ihr, sobald sie ihn sah.
14. Denn er war weder krank noch schwächlich,
Weder stumm, taub, blind oder gebrechlich,
Weder zu jung und weder zu alt,
Auch eben nicht von magrer Gestalt.
15. Seine halbgeistliche Kleidung und Perücke
Gefiel auch der Alten im Augenblicke,
Und er versicherte derselben geschwind,
Daß er wäre kein Weltkind.
16. Er mußte also bei so gestalten Sachen
Die erste Probe noch heute machen,
Und er wohnte mit großem Geschrei
Der frommen, singenden Versammlung bei.
17. Hat auch, mit einem ernsthaften Wesen,
Aus der Hauspostill eine Predigt gelesen
Und that alles mit besonderm Anstand,
Daß die Dame Vergnügen drin fand.
18. Durch ihn ward ihr frommer geistlicher Eifer
Tagtäglich dann immer fester und steifer,
Und ihr ohnedem geistlicher Sinn
Mehr und mehr erbauet durch ihn.
19. Sie ließ sich auch von dem frommen Candidaten
In allen ihren Handlungen leiten und rathen,
Und so ward in kurzer Zeit hier
Hieronimus der Liebling von ihr.
20. Wenn er sich zuweilen auch etwa verginge,
Und sich ungeistlicher Dinge unterfinge:
So übersah sie doch immer dies
Als eine menschliche Schwachheit gewiß.
21. Er brauchte auch, ^pro poena^, solchergestalten
Das sonst eingeführte Fasten nicht zu halten,
Sondern er bekam vielmehr zum Trost
Lauter leckere und gesunde Kost.
22. Champagner, Kaffee und Chocolade,
Liqueurs, Mandelmilch, Limonade
Bekam der fromme Hieronimus,
Auch täglich zu trinken im Ueberfluß.
23. Er lebte also, mit einem Worte,
Sehr vergnügt an diesem heiligen Orte,
Wo er blos nur aß und trank,
Und zuweilen las und sang.
24. Das Schlimmste war, daß er der frommen Dame
Fast gar nicht aus den Augen kame;
Denn sie hatte zu bilden im Sinn
Einen recht frommen Menschen aus ihm.
25. Wenn er bei ihr im Canapee saße
Und aus einem frommen Buch was vorlase:
So streichelte sie das fromme Schaf,
Und rief entzückt aus: das ist brav!
26. Oft schmiegte sie sich an seine dicken Wangen,
Wenn sie mit einander ein Lied sangen,
Und so lagen sie Arm in Arm,
Und sangen so rührend, daß Gott erbarm!
27. Bei einem so vertraulichen Wandel,
Merkte zuletzt Hieronimus den Handel,
Daß es der alten Dame nun
Um etwas mehr, als Singen zu thun.
28. Ob dieser so wichtigen Entdeckung
Ueberfiel ihn eine heftige Schreckung.
Und ob solcher großen Gefahr
Saß er da fast sprachlos und starr.
29. Als er sich von der ersten Bewegung
Erholet, dachte er, mit vieler Regung,
An das vormals genossene Glück
Mit der schönen Amalie zurück.
30. Diese war schön, lieblich und ohne Mängel,
Die Dame hingegen häßlich, wie ein schwarzer Engel,
Gelb, zahnlos, kahl, hager und grau,
Kurz, eine unerträgliche Frau.
31. Nun hätte er sich sollen drücken
Und in die Umstände einstweilen schicken,
Und die Sache mit der alten Frau
Nicht eben nehmen so genau;
32. Allein dies wollte ihm nicht passen,
Er hatte also freiwillig sie verlassen,
Und so blieb dann hinfort die Dame allein
Mit ihrem Gesangbuch und Branntewein.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Wie Hieronimus ein schlimmes und ein gutes Abenteuer hatte, und wie er
einmal in seinem Leben eine kluge That verrichtet hat.
1. Hieronimus, ehe und bevoren
Er die Abreis' von der alten Wittwe erkoren,
Hat mit einem Beutel voll Geld sich schön
Aus dem Kasten der Dame versehn.
2. Denn dafür, daß er gesungen und gebetet,
Und von frommen Dingen geredet,
Und die Caressen gehöret an,
Mußte er billig ja etwas han.
3. Mit diesem Gelde that er nun wandern
Von einer schönen Stadt zur andern,
Und indem er also herumgeirrt,
Lernte er kennen manchen Wirth.
4. Traf er etwa hin und wieder
Schöne Quartiere und lustige Brüder,
Oder eine gute Wirthin im Haus,
So ruht er gemeinlich einige Tage aus.
5. Es hat sich aber einsmals begeben,
Daß er auf seiner Wanderschaft gar eben,
Als es schon war Nachmittags spat,
In einer großen Schenke abtrat.
6. Es war das allerbeste Wirthshaus in Schwaben,
Man konnte viel fordern und wenig haben,
Und der Wirth war ein redlicher Mann,
Schrieb gerne mit doppelter Kreide an.
7. Da waren ebenfalls, grade heute,
Noch angekommen zwei fremde Leute,
Welche Hieronimus, der Kleidung nach,
Für reisende Handelsmänner ansach.
8. Zwaren hat gleich einer von ihnen
Ihm, von Person, etwas bekannt geschienen,
Wenn nur ein großes Pflaster nicht
Verstellet hätte das halbe Gesicht.
9. Diese Herren haben gesellschaftlich indessen
Mit dem Hieronimus getrunken und gegessen,
Und in kurzem richtete drauf
Hieronimus mit ihnen Freundschaft auf.
10. Denn der Mann mit dem Pflaster im Gesichte
Erzählte manche spaßhafte Geschichte,
Theils geschehen, und theils erdacht,
Worob sich Hieronimus fast krank gelacht.
11. Auch Hieronimus hat ihnen erzählet
Seine Begebenheit, und nichts verhehlet,
Wie es alles gegangen wär' her,
Als er war bei der Betschwester.
12. Sie haben über diese wunderlichen Sachen
Ebenfalls recht herzlich müssen lachen,
Und Hieronimus, bei dieser Gelegenheit,
That mit dem eroberten Gelde breit.
13. Nachdem nun lustig und guter Dinge
Der Tag dermaßen zu Ende ginge;
So eilte Hieronimus Abends spät,
Trunken vom Wein und Lachen, nach Bett.
14. Er war kaum in tiefen Schlaf begraben,
Als sich die beiden Herren zu ihm begaben,
Und sie nahmen fein säuberlich
Den Beutel mit dem Gelde zu sich.
15. Als Morgens spät Hieronimus erwachte,
Und gar nun nicht an was Böses gedachte,
So fand er, beim Ankleiden von ohngefähr,
Den Geldbeutel verschwunden, die Tasche leer.
16. Zwaren sahe er hier anfänglich
Die Sache nicht eben für verfänglich,
Sondern als eine Kurzweile an,
Welche die lustigen Kaufleute gethan.
17. Als er aber nach ihnen fragte,
Und der Herr Wirth ihm sagte:
Es wären schon in aller Früh
Diese Herren stille gereiset von hie.
18. Da gehub er an zu lamentiren
Und großen Jammer und Klagen zu führen,
Und für Ungeduld blieb fürwahr,
In dem Kopfe kein einzig Haar.
19. Ob seinem ängstlichen Klagen und Harmen
That sich der fromme Wirth bald erbarmen,
Und hat für Alles, was er verzehrt,
Weiter nichts, als seinen Rock begehrt.
20. That ihm dabei den Rath ertheilen,
Sich nun nicht länger mehr zu verweilen,
Denn ohne baares Geld hätte hier
Niemals ein fremder Gast Quartier.
21. Dieses Exempel Hieronimi kann uns lehren,
Wie sich die Sachen in der Welt verkehren,
Und wie sich manchesmal unverhofft
Das menschliche Glück verändert oft.
22. Noch gestern besaß er reiche Beute
Und der Wirth hieß ihn Herr, aber heute
Jug ihn fort, ohne Rock und Geld,
Der fromme Wirth in die weite Welt.
23. Er konnte nun, mit Muße, unterwegen
Seinen kläglichen Zustand überlegen,
Und er wünschte sich fast im Augenblick
Zu der Betschwester auf dem Schlosse zurück.
24. Doch, wenn er an ihre Caressen gedachte,
Und ihre Person sich vorstellig machte,
So überkam ihn ein Grausen schier,
Und er verlangte nicht wieder zu ihr.
25. Schon einige Tage hatte er mit rohen Rüben
Auf seiner Reise den Hunger vertrieben,
Und wie ein irrender Ritter sich
Beholfen elendig und kümmerlich.
26. Gleichwie nun, wenn die Noth ist am größten,
Das nahe Glück einen pflegt zu trösten;
So war auch dem armen Hieronimus da
Nunmehro bald wieder Hilfe nah.
27. Denn er hörte am vierten Nachmittage
In einem Wäldchen, das am Wege lage,
Ein erbärmliches lautes Geschrei,
Und dieses lockte ihn bald herbei.
28. Er ist schnell an die Stelle gekommen,
Woher er das Jammergeschrei vernommen,
Und es entdeckte sich ihm alsbald
Eine Scene von traur'ger Gestalt.
29. Eine stillstehende Kutsche mit vier Pferden,
Den bärt'gen Kutscher ohnmächtig auf der Erden,
Eine junge Dame, welche hie
Ganz erbärmlich heulte und schrie;
30. Auch einen reichgekleideten Herren,
Bemüht, sich gegen zwei Räuber zu wehren,
Welche, wie's schiene, waren fest
Entschlossen, ihme zu geben den Rest.
31. Schon erkannte mein Held in einiger Weite
In ihnen die sogenannten zwei Kaufleute,
Er eilte also, wie eine Furie,
Mit aufgehobenem Stocke auf sie.
32. Spitzbuben! wo ist mein Geldbeutel?
Rief er, und zerschlug den Scheitel
Des einen Räubers mit starker Hand,
Und streckt' ihn also todt in den Sand.
33. Mit eben solchen kräftigen Schlägen
Ging er drauf dem andern Räuber entgegen,
Welcher aber sogleich versucht,
Sich zu erretten mit der Flucht.
34. Hieronimus wollte zwar ohn' Verweilen
Auch noch dem fliehenden Buben nacheilen,
Allein der Räuber, schnell wie der Wind,
Floh aus seinen Augen geschwind.
35. Uebrigens ist kaum zu schreiben und zu sagen,
Wie freudig sich der Herr und die Dame betragen,
Als die augenscheinliche Lebensgefahr
Nunmehro glücklich vorüber war.
36. Sie haben beide ihn gar freundlich gegrüßet,
Und die schöne Dame hätte ihn fast geküsset,
Wenn sie hätte gescheuet nicht
Sein lange nicht gewaschnes Gesicht.
37. Es war auch kein Lobspruch zu erdenken,
Welchen sie ihm nicht thaten schenken,
Denn als ihren Erretter sahn
Sie nun den lieben Hieronimus an.
38. Sie nöthigten ihn mit freundlichem Muthe
Mitzureisen nach ihrem adligen Gute,
Wo man mit Gaben mancherlei
Würde belohnen die erwiesene Treu.
39. In seinen so kümmerlichen Umständen
Ergriff er die Gelegenheit mit beiden Händen,
Und sofort, ohne weitere Bitt',
Entschloß er sich gleich zu reisen mit.
40. Er half den verwundeten Kutscher noch tragen,
Und sie legten denselben in den Wagen,
Und in des erschlag'nen Räubers Rock
Bestieg nunmehr Hieronimus den Bock.
41. Ehe er aber noch aufgestiegen,
Suchte er, und fand mit Vergnügen
Seinen Geldbeutel beinahe noch voll
In des erschlagenen Räubers Camisol.
42. Das sonderbarste von der ganzen Geschichte,
Betraf des Todten sein Angesichte;
Denn es war kein Pflaster mehr da,
Und, als ihn Hieronimus genau besah,
43. Erkannte er in ihm, im Augenblicke,
Den Herrn von Hogier mit der großen Perücke,
Welcher ihn einstmals um vieles Geld
Beim Spiel auf seiner Reise geschnellt.
44. So nahm dann dies Abenteuer behende
Für unsern Helden ein erwünschtes Ende,
Und gleich dem Ritter von der traur'gen Gestalt,
Fuhr er mit der Kutsche davon alsbald.
45. Uebrigens, eh ich dies Kapitel will schließen,
Thu ich dem Leser kund und zu wissen,
Dies sei die einzige rühmliche That,
Die bisher Hieronimus verrichtet hat.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Wie Hieronimus vergnügt zu Ohnewitz ankam, und wie er da Schulmeister
ward, in einer Schule von kleinen Knäblein und Mägdlein.
[Illustration]
1. Derjenige Herr und die junge Dame,
Zu deren Rettung Hieronimus herbei kame,
Waren ein liebes artiges Paar,
Welches kürzlich erst getrauet war.
2. Der Herr hatte unter sein adliges Gebiete
Dörfer und Schlösser von mancherlei Güte,
Aber im Dörflein _Ohnewitz_
War eigentlich sein Rittersitz.
3. Um seiner Gemahlin den Gefallen zu erweisen,
That er oft mit ihr kleine Reisen,
Denn er hielte große Freundschaft
Mit allen in seiner Nachbarschaft.
4. Damalen hatte er auch eben
Einem benachbarten Edelmann den Besuch gegeben,
Und wurde bei der Rückkehr im Wald
Angegriffen von den Räubern bald.
5. Sogleich warfen sie den Kutscher zu Boden,
Daß er da lag fast ohne Odem;
Drauf forderten sie mit Ungestüm
Sein Geld und sonstige Sachen von ihm.
6. Sie rissen ihn auch aus dem Wagen
Und fingen an auf ihn loszuschlagen;
Als auf das ängstlich Geschrei der Dam'
Hieronimus, wie gesagt, zur Rettung kam.
7. Diese Geschichte erzählten sie unter-
wegens ihrem Erretter, der nun munter
Daher fuhr mit gar leisem Schritt,
So gut es der gehabte Schrecken litt.
8. Hieronimus hat ihnen gleichfalls erzählet,
Wie ihn das Schicksal bishero gequälet,
Und so gelangten sie, wie der Blitz,
Endlich an zu Ohnewitz.
9. Hier vergaß man bald alles Leiden,
Lebete herrlich und in Freuden,
Und für den ehrlichen Hieronimus ward
Gesorget auf die liebreichste Art.
10. Neue Kleider, Essen und Trinken,
Wein, Tabak, Braten und Schinken
Waren da, alles in Ueberfluß,
Zum Dienste unsers Hieronimus.
11. Nach einigen so vergnügt verstrichenen Wochen
Hat auch der Herr dem Hieronimus versprochen,
Für seinen zukünftigen Unterhalt
Zu sorgen ferner bester Gestalt.
12. Nun ist auch grade dazumalen
Ein absonderlicher Umstand vorgefallen,
Welcher für unsern Hieronimus gar
Sehr erwünscht und gelegen war.
13. Nämlich, die Ohnewitzer Bauern haben
Eine Schule für kleine Mägdlein und Knaben,
Und der Herr, als des Dorfes Patron,
Hatte darüber die Collation.
14. Das A, B, C, D zu studiren,
Und zu lernen Lesen und Buchstabiren,
Waren alleinig die Studia,
Welche man hieselbsten treiben sah.
15. Alle Gelegenheiten, mehrers zu lernen,
That der Herr Patron weislich entfernen,
Denn ein Bauer, welcher gelehrt
Ist, wird hochmüthig und höchst verkehrt.
16. Ja, die Erfahrung lehrt es, wenn der
Bauer schon versteht seinen Kalender
Und sein Katechismus-Büchlein,
So bildet er sich schon was Rechtes ein.
17. Hat er sich nun noch höher verstiegen,
So läßt er gemeiniglich die Arbeit liegen,
Und dann sieht's höchst elendig und kraus
Mit den Pächten und Abgaben aus.
18. Außer dreißig Thaler Fixum trug dies Dienstchen
Dem Herren Schulmeister noch manches Gewinnstchen
An Eiern, Butter, Hühnern und Gäns
Und manchem ähnlichen Accidens.
19. Auch ging er, wenn die Herrschaft zu Hause,
Am Neujahrstag bei ihr zu Schmause
Und bekam dann für die Gratulation
Noch ein Geschenk, nach Proportion.
20. Nun hat es sich damals just begegnet,
Daß der Schulmeister dies Zeitliche gesegnet;
Und also war man weislich bedacht,
Daß ein neuer würde gemacht.
21. Sobald dies der Herr Patron gehöret,
Hat er dem Hieronimus den Dienst verehret;
Und folglich trat Hieronimus dann
Das Amt des Dorfschulmeisters an.
22. Zwar wollte nun anfangs das Schulleben
Ihm kein sonderliches Vergnügen geben,
Denn er hielte von Müßiggang mehr,
Als von solcher beschwerlicher Lehr'.
23. Doch, da er auf dem herrschaftlichen Schlosse
Manche Wohlthat und Mahlzeit genosse,
Und sich nach geendigter Schule erquickt;
So hat er sich in das Lehramt geschickt.
24. Und sich nunmehr ernstlich vorgenommen,
Seinen Pflichten möglichst nachzukommen,
Damit er nun lebenslang hinfort
Bleiben möchte an diesem Ort.
25. Auch gedachte er, in verschiedenen Sachen
Einige wichtige Aenderungen zu machen,
Weil er im hiesigen Schulstand
Viele eingerissene Fehler fand.
26. Er fing auch, nach langem Deliberiren,
Wirklich an, manches zu reformiren,
Jedoch bekam ihm dieses nicht wohl,
Wie der geneigte Leser bald hören soll.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Wie Hieronimus ein Autor ward, und wie er ein neues A-b-c-Buch heraus
gab, und wie er darob von den Bauern bei dem gnädigen Herrn hart
verklagt ward.
1. Gleich bei dem Antritt der Schulregierung,
Fand Hieronimus, mit äußerster Rührung,
Daß das eingeführte A-b-c-Buch
Nicht für Kinder sei faßlich genug.
2. Denn da bisher die Mädchen und Knaben
Gebraucht hatten die Ballhornschen Ausgaben,
So nahm Hieronimus hier und da
Darinnen verschiedene Fehler wahr.
3. Nachdem er nun bei sich zu Rathe gegangen,
Hat er zu veranstalten angefangen,
Unter folgendem Titel, davon
Eine nagelneue Edition:
[Illustration]
4. _Neues A-b-c-Buch, verbessert
Und mit verschiedenen Zusätzen vergrößert
Von dem Autor Hieronimus
Jobs, Theologiä Candidatus._
5. Zu den schon längst bekannten Buchstaben,
Welche wir im Alphabete haben,
Setzte er noch das _fft_,
Imgleichen das _sch_, und _sp_.
6. Die Sporen des Hahns auf der letzten Seiten,
Und mehr andre solche Kleinigkeiten,
Ließ er hingegen, weislich und klug,
Aus dem nagelneuen A-b-c-Buch.
7. Er fügte aber unterdessen nicht minder,
Zur Ergötzung der lernenden Kinder,
Ein Nestlein mit einem großen Ei
Dem ungesporneten Hahne bei.
8. Kaum war dies Buch zu Ohnewitz eingeführet,
So ward es von den Bauern recensiret,
Und gab zu einem grimmigen Streit
Die allererste Gelegenheit.
9. Denn es wollte keinem einzigen von allen
Recensenten die Einrichtung gefallen,
Und sie sahen alle, Mann für Mann,
Die Aenderung als höchst gefährlich an.
10. Selbst den allerklügsten unter ihnen
Hat's beim neuen A-b-c-Buch geschienen,
Als hätte Hieronimus dadurch gezeigt,
Wie sehr er zur Autorsucht geneigt.
11. Wie wenn im Sommer von schwülen Düften
Ein Ungewitter entsteht in den Lüften,
So geht vor dem Donner ordinär
Erst ein gelindes Murmeln vorher.
12. Gleichermaßen entstund unter den Leuten
Erst ein leises Gemurmel von allen Seiten
Und es zoge sich bald darauf
Ein Gewitter über Hieronimus auf.
13. Er konnte nun zwar in Worten und Werken
Den Unwillen der Ohnewitzer leicht merken,
Doch verließ er, den Bauern zum Trutz,
Sich auf des gnäd'gen Patron seinen Schutz.
14. Jedoch die Ohnewitzer wollten nun zeigen,
Daß sie länger nicht gesonnen zu schweigen;
Denn sie spürten je länger, je mehr,
An dem Schulmeister neues Beschwer.
15. Sie traten also sämmtlich zusammen,
Und der Küster verfertigte in ihrem Namen
Eine Klagschrift in folgendem Ton:
_Hochwohlgeborner, gnädiger Patron!_
16. _Wir sämmtliche Bauern und Kossathen_
In Hochderoselben Ohnewitzer Staaten
Nehmen in aller Unterthänigkeit
Unsern Schulmeister zu verklagen die Freiheit.
17. Sintemal sich derselbe leider vergangen,
Und verschiedene Neuerungen angefangen,
Alles unter dem nichtigen Vorwand,
Zu verbessern den hiesigen Schulstand.
18. Sich auch dabei nicht so aufführet,
Wie's einem frommen Schulmeister gebühret,
Sondern vielmehr, ofte und viel,
Uns Bauern gibt ein böses Beispiel.
19. Um von den Punkten, worüber wir queruliren,
Nur die vornehmlichsten anzuführen,
So hat er ^pro primo^ und erstens sich
Unterfangen eigenmächtiglich,
20. Ein neues A-b-c-Buch zu verfassen
Und drin die Sporen des Hahnes auszulassen,
Da doch der Sporen, zu jeder Frist,
Ein wesentlich Stück des Hahnes ist.
21. Dagegen hat er das Lernen selbst beschweret,
Weil er das Alphabet hat vermehret;
Denn _fft_, _sp_ und _sch_,
Steht wider alle Gewohnheit da.
22. Auch, obgleich die Hähne niemals pflegen
Hühnereier in Nester hinzulegen,
So liegt doch ein Ei nun bei dem Hahn,
Gleichsam als hätt' es der Hahn gethan.
23. Nun können solche Dinge beim Studiren
Die Kinder leicht auf Irrthümer führen,
Und ein neues A-b-c-Buch ist überhaupt
Eine Neuerung und unerlaubt.
24. ^Pro secundo^ lassen wir nicht unberühret,
Daß von Alters her ein Eselskopf eingeführet,
Welchen in unsrer Schule zur Buß'
Jedes muthwillige Kind tragen muß.
25. So hart und empfindlich nun diese Strafe
Sonst demjenigen war, den sie trafe,
So trugen die Kinder doch gern und mit Lust
Den Eselskopf an ihrem Hals und Brust.
26. Herr Jobs ist aber nicht damit vergnüget,
Sondern er hat jetzt zum Kopfe gefüget
Einen Hals, Leib, Beine und Schwanz,
Und so ist es nun ein Esel ganz.
27. Wie jämmerlich indeß die Kindlein klagen,
Wenn sie den ganzen Esel müssen tragen,
Und stehen da gleichsam zum Spectakel so,
Ist kaum zu glauben. ^Pro tertio^
28. Thut Herr Jobs mit mächtigen Ohrfeigen
Sich gar zu barbarisch in der Schule bezeigen,
Und einige Knaben sind wirklich schon
Taub und gehörlos worden davon.
29. ^Pro quarto:^ sind die Kinder der ärmern Bauern,
Ob der vielen Prügel, höchlich zu bedauern;
Denn, wegen Ansehen der Person,
Kriegen sie meist doppelte Portion.
30. ^Pro quinto:^ sucht er in den Taschen
Der Kinder nach, ob sie auch naschen,
Und findet er Aepfel und Nüsse allhie,
So nimmt er sie weg und isset selbst sie.
31. ^Pro sexto:^ ist von seinem sonstigen Betragen
Noch allerlei Besondres zu sagen,
Denn mit des Schulzen Einliegers Frau
Lebt er, wie es heißt, gar zu genau.
32. Auch besucht er fast täglich die Dorfschenke
Und genießt da allerlei hitziges Getränke,
Hat auch oft bis um Mitternacht
Mit dem Schulzen beim Spiel zugebracht.
33. Wir hätten zwar noch mehrere Klagen
Allerunterthänigst vorzutragen;
Denn es sind noch viele Gravamina
Neben den schon erwähnten da.
34. Wollen sie aber diesmal nicht berühren,
Sondern nur unterthäniglich suppliciren:
Daß Sie, lieber gnädiger Herr!
Uns geben einen andern Schulmeister.
35. Beharren übrigens _Eure Hochwohlgeborne Gnaden_
Allerunterthänigste Bauern und Kossathen.
Im Dorfe Ohnewitz gegeben.
N. N. N. N. N. N.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Wie die klagenden Bauern zu Ohnewitz von dem Herrn Patron eine gnädige
Resolution bekamen, und wie sie zur Ruhe verwiesen wurden, und wie sie
mit dem Loche bedrohet wurden. Alles im Canzlei-Stil.
1. Es war nun durch zwei Deputaten
Die Klagschrift übergeben an Ihro Gnaden,
Und vom hochgedachten Herrn Patron
Erfolgte folgende Resolution:
2. _Wir haben mißfällig wahrgenommen_
Aus der Vorstellung, womit ihr eingekommen,
Wasmaßen ihr gar große Beschwer
Führt über euern Schulmeister her.
3. Ob _Wir_ nun gleich höchst ungerne sehen,
Daß solche Streitigkeiten bei euch entstehen;
So haben _Wir_ doch nach der Breite und Läng'
Erwogen eurer Beschwerden Meng'.
4. Können indeß bis dato nicht finden,
Daß Beklagter Schuld sei großer Sünden,
Und daß man mit Recht, über die Sach'
Ein solches großes Allarm mach'.
5. Zwaren ist es dermalen nicht ohne,
Herr Jobs hat in seiner Schule schone
Ein neues A-b-c-Buch eingeführt
Und _Uns_ unterthänigst dedicirt.
6. Auch ist von ihm, wie vor Augen lieget,
Einiges drin weggelassen, einiges beigefüget,
Jedoch leuchtet es gar nicht ein,
Wie dieses so schädlich könne sein.
7. Denn obgleich hier der Hahn die Sporen
Aus Versehen des Kupferstechers verloren,
So kann man bei der zweiten Edition,
Den Fehler leichtlich verbessern schon.
8. Auch die wenigsten Recensenten heutiger Zeiten
Merken in den Büchern auf solche Kleinigkeiten,
Sondern die guten lieben Herrn
Uebersehen solche kleine Fehler gern.
9. Was betrifft die zugefügten Buchstaben,
So stehn selbige schon in ältern Ausgaben;
Wenigstens _fft_, _sp_ und _sch_
Dienen als Varianten da.
10. Es scheint zwar sich weniger zu schicken,
Bei dem Hahn ein Ei auszudrücken;
Doch braucht drum das Ei vom Hahn
Eben nicht zu werden weggethan.
11. Denn vom Ei gleich aufs Legen zu schließen
Wäre unvernünftig und gegen Gewissen;
Denn es beweiset weiter nichts in der That,
Als bei Menschen der Titel und's Prädicat.
12. Ueberdem weiß man ja auch gar eben,
Daß Hähne sich oft mit Eierbrüten abgeben,
In ^hoc casu^ wäre also, traun!
Der Hahn eigentlich ein Kapaun.
13. Wenn ihr ^pro secundo^ proponiret:
Daß Herr Jobs einen ganzen Esel eingeführet,
So hat er, _Unsers_ Bedünkens, dran
Als ein vernünftiger Mann gethan.
14. Denn er zeigt damit nichts mehr, nichts minder,
Als daß sowol ihr selbst als eure Kinder,
Alte und junge, groß und klein,
Leibhaftig vollkommene Esel sein.
15. ^Pro tertio:^ wegen der Schläge an die Ohren,
Worüber einige Knaben ihr Gehör verloren;
Halten _Wir_ es gar nicht für gut,
Daß euer Schulmeister solches thut.
16. Auch was ihr ^pro quarto^ zu klagen findet,
Halten _Wir_ in so weit für gegründet,
Denn ein Richter und Schulmann
Muß niemals sehn die Person an.
17. Sondern Arme sowol als Reiche
Verdienen, wenn sie böse sind, gleiche Streiche,
Und man muß zu jeglicher Zeit
Strafen mit Unparteilichkeit.
18. Jedoch, wenn er die Kinder visitiret
Und ihnen das Obst aus der Tasche entführet:
So zeigt er, ^pro quinto^, artig und wohl,
Daß ein Kind in der Schule nicht naschen soll.