Nicht zu viel Aepfel und Nüsse können vertragen,
So ist ja des Schulmeisters Absicht hier gut,
Wenn er selbst alles verzehren thut.
20. Was ihr da noch, ^pro sexto^, klaget,
Und von des Schulzen Einliegers Frau saget,
^Item^ von der Schenke und Kartenspiel,
So wäre zwar dies von Herrn Jobs zu viel.
21. Indessen ist es _Unser_ gnädiger Wille,
Daß man von solchen Dingen schweige stille,
Denn wer davon etwas saget noch,
Der soll zur Strafe zwei Tage ins Loch.
22. Uebrigens sollen sämmtliche Beschwerden
Künftig genauer untersuchet werden,
Wenn von der vorhabenden Reise _Wir_
Glücklich sind retourniret allhier.
23. Bis dahin befehlen _Wir_, bei Hals und Kragen!
Euch ruhig und stille zu betragen.
_Gegeben auf Unserm Rittersitz._
Resolution für die Bauern in Ohnewitz.
Dreißigstes Kapitel.
Wie zu Ohnewitz an einem Mittwochen ein Aufruhr entstand und allerlei
Wunderzeichen vorhergingen, und wie Herr Hieronimus mit Prügeln u. s. w.
fortgetrieben wurde.
1. Und diese Resolution machte durchgehends
Im ganzen Dorfe viel Aufsehens,
Und es entstand überall herum
Unter den Bauern ein mächtig Gebrumm.
2. Denn sie sahen itzo offenbare,
Daß der Patron Jobsens Gönner ware,
Und daß nichts auszurichten mit Glimpf
Und sie schwuren also zu rächen den Schimpf.
3. Dieser wichtigen Ursache wegen kamen
Sie oftmals in der Schenke zusammen,
Und überlegten bei Tabak und Bier,
Wie die Sache anzugreifen allhier.
4. Sie haben auch sämmtlich alsobalden
Ihre Kindlein alle zu Hause gehalten,
Und kein's von ihnen, weder groß noch klein,
Ferner geschickt in die Schule hinein.
5. Aber die Vernünftigsten von den Bauern
Riethen, auf gute Gelegenheit zu lauern,
Da alsdann alle mannichfalt
Gebrauchen könnten Ernst und Gewalt.
6. Dieser gar kluge Vorschlag hat ihnen
Sämmtlich gut und thunlich geschienen,
Und man bestimmte dazu nunmehr
Die Zeit, wenn der Patron verreiset wär'.
7. Zwar wurden alle diese Anstalten
Noch zur Zeit höchst geheim gehalten,
Bis endlich der erschreckliche Tag kam,
Da die Unruhe den Anfang nahm.
8. Ehe aber dieses alles geschehen,
Sind zu Ohnewitz große Zeichen gesehen,
Wie denn vor wicht'gen Begebenheiten sich
Vorbedeutungen zeigen gemeiniglich.
9. So hat zum Exempel eine kleine Weile
Vorhero eine sehr große Eule
Auf dem Kirchthurm, um Mitternacht,
Ein erschrecklich Geschrei gemacht.
[Illustration]
10. Auch hat einer von den Ohnewitzer Leuten,
Als er aus der Schenke kam, die Glocke hören läuten,
Auch fiel der sehr alte Schornstein
Auf der Schule mit Geprassel ein.
11. Auch hat des Küsters Kuhe geboren
Ein Kalb mit ungewöhnlich langen Ohren,
Auch viel Hunde führten zum Theil
In dem Dorfe ein gräßlich Geheul.
12. Auch sah man hier und da Irrlichter,
Und sonst bei Nacht wunderbare Gesichter,
Auch trug sich's zu, im hellen Mittag,
Daß des Müllers Esel ein Bein brach.
13. Dieses alles schiene anzuzeigen,
Daß sich bald etwas werde ereigen;
Doch merkte man da erst die Gefahr,
Als schon alles erfüllet war.
14. Nun war es gerade ein Mittwochen,
Da der Aufruhr endlich ausgebrochen
Und jeder Bauer, um Glocke acht,
Hat sich Morgens aus dem Hause gemacht.
15. Es war recht gräulich anzusehen,
Wie sich ein jeder mit Waffen versehen,
Prügel und Flegel in großer Zahl
Hatten die Zusammenverschwornen all'.
16. Alles ward nun in dem Dorfe rege,
Und man weissagte Tod und Schläge,
Und jeder Hund und jeder Hahn
Fing zu bellen und zu krähen an.
17. Auf der Haide, die beim Dorfe ware,
Versammelte sich die ganze Schaare,
Und nun gingen sie in Procession
Nach des Schulmeisters Wohnung schon.
18. Ihnen folgten zu beiden Seiten
Viele Kinder, welche sich sehr freuten,
Daß sie nunmehro würden heut
Vom bösen Schulmeister befreit.
19. Noch lag Herr Jobs ruhig in seinem Bette,
Als wenn alles sicher gestanden hätte,
Bis da plötzlich der ganze Schwarm
Hereinbrach mit großem Allarm.
20. Aber sobald er vom Schlaf erwecket,
Hat er sich darob heftig erschrecket,
Weil er nun erst den Hochverrath
Wider ihn gespürt und gemerket hat.
21. Ohne ihm viele Zeit zu lassen,
That man ihn gleich derbe anfassen,
Und zur genauen Noth erlaubte man,
Daß er sich vorhero kleidete an.
22. Man that ihm nun sehr ernstlich bedeuten,
Nie Ohnewitz wieder zu beschreiten,
Sagte ihm auch manches Scheltwort,
Und jug mit Prügeln unsern Held fort.
23. Also war dieser Handel geschlichtet,
Und die Expedition glücklich verrichtet,
Und mit einem lauten hu! hu!
Eilte man nun der Schenke zu.
24. Jeder behauptete itzt steif und feste,
Er habe bei der Sache gethan das Beste,
Und jeder wollt' nun beim Branntewein
Der größeste Held gewesen sein.
25. Jedoch einige, anstatt sich zu freuen,
Wollte nun der Handel schier gereuen,
Und es ahneten sie gleichsam von fern
Brüchte und Loch bei der Rückkunft des Herrn.
Einunddreißigstes Kapitel.
Wie Hieronimus auf seiner Flucht nach dem Bayerlande ein neues Abenteuer
hatte, indem er seine geliebte Amalia in der Komödie antraf. Sehr
freundlich zu lesen.
1. Wie der Fuchs, wenn er den jagenden Hunden
Endlich aus dem Gesicht ist verschwunden,
Froh ist, daß nur ein Maul voll Haar,
Und weiter nichts, diesmal verloren war.
2. So wußte sich auch in seinem größten
Ungelücke Hieronimus damit zu trösten,
Und war froh, daß er eben mit hei-
ler Haut den Bauern entgangen sei.
3. Zwar hat, seitdem er sich von Ohnewitz entfernet,
Er mit seinem eigenen Schaden gelernet,
Wie gar sauer, elend und schwer
Es im Schulamte gehet her.
4. Er nahm sich auch vor, nie in seinem Leben
Wieder Bücher im Druck herauszugeben,
Denn blos und allein von Autorsucht
Rührte sein Unglück und jetzige Flucht.
5. Indeß, da der Patron nach dem Bayerlande
Sich jetzt mit der Gemahlin auf Reisen befande,
So wollte auch Hieronimus dort bei ihm
Schutz suchen vor der Bauern Grimm.
6. Er hat sich also nicht lange besonnen,
Sondern auch seine Reise dahin begonnen,
Jedoch hielte bald seinen Lauf
Ein neues Abenteuer auf.
7. Denn er hat, wider alles Verhoffen,
Auf der Reise ein Hinderniß angetroffen,
Als er just in einer großen Stadt
Einige Tage ausgeruhet hat.
8. Hier, um seine melancholischen Grillen
Einigermaßen zu dämpfen und zu stillen,
Fiel es ihm einmal des Abends ein,
Zu gehen in die Komödie ein.
9. Er ward bald unter den Schauspielerinnen
Einer wohlgeputzten Schönen innen,
Welche an Gesicht, Stimme, Wuchs und Haar,
Seine ehmals geliebte Amalia war.
10. Himmel! wie ward er da entzücket,
Als er selbige so unvermuthet erblicket!
Fast wäre das ganze Parterre davon
Gerathen in schreckliche Confusion.
11. Sie hatte kaum ihre Rolle geendet,
Als er sich sofort zu ihr gewendet,
Und nun gab's manchen Freudenkuß
Zwischen ihr und dem Hieronimus.
12. Beide waren begierig zu vernehmen,
Durch welchen Zufall sie hier zusammen kämen,
Hieronimus eilte drum bald mit ihr
Höchst vergnügt ins sichre Quartier.
13. Da hat erst Amalia alles vernommen,
Was ihm Wunderbares vorgekommen,
Seitdem ihn damals, in der Nacht,
Der alte Herr hatte fortgejagt.
14. Und wie's ihm mit der frommen Dame gegangen,
Und was sie gedachte mit ihm anzufangen,
Und wie man ihm nachhero einmal
Des Nachts sein Geld im Wirthshause stahl.
15. Und wie er im Wald einen Räuber getödtet
Und einem Gnädigen das Leben gerettet,
Und er darauf zu Ohnewitz gar
Ein Schulmeister geworden war.
16. Und das Unglück, welches ihn betroffen,
Und wie er jetzt, wider alles Verhoffen,
Sie in der Komödie gefunden allhier,
Dies alles erzählte er weitläuftig ihr.
17. Nunmehr war auch des Hieronimi Begehren,
Von ihr alle Begebenheiten zu hören,
Und die Schöne erzählte darauf
Ihm folgendermaßen ihren Lebenslauf.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Wie die Jungfrau Amalia dem Hieronimus ihren Lebenslauf erzählen that.
Ein sehr langes Kapitel, weil eine Frauensperson spricht. Accurat
hundert Verse.
1. _Amalia Ripsraps_ ist eigentlich mein Name.
Derjenige Ort, wo ich zur Welt kame
Und das Tageslicht zuerst gesehn,
Ist die berühmte Stadt N. N.
2. Mein Vater war dort ein Advocate,
Welcher viele Processe zu führen hatte,
Sintemal er die Jura aus dem Grund
Und das Chicaniren verstund.
[Illustration]
3. Auch die allerverworrensten Rechtssachen
Wußte er noch weit verworrener zu machen,
Und durch manche List und Rank
Zoge er kurze Processe lang.
4. Seine Geschicklichkeit that erretten
Manchen guten Schelm von Galgen und Ketten;
Und ein grade zu gehöriger Zeit
Von ihm angerathener falscher Eid
5. Machte manchen muthwilligen Betrüger
Ueber seinen ehrlichen Gegner zum Sieger,
Und half theils manchen aus harter Noth,
Theils manchen armen Teufel vom Brod.
6. Er haßte herzlich Frieden und Verträge,
Und riethe viel lieber in alle Wege,
Auch bei der geringsten Kleinigkeit,
Zum Processe und Rechtsstreit.
7. Seine Clienten ließ er immer tanzen
Durch alle mögliche rechtliche Instanzen,
Bis dann endlich selbige zuletzt
Ihren letzten Heller zugesetzt.
8. Uebrigens diente er mit möglichsten Treuen
Seinen sich ihm anvertrauenden Parteien,
Jedoch nahm er auch dann und wann
Von der Gegenpartei Geschenke an.
9. So erwarb er sich ein ziemliches Vermögen;
Was andern ein Fluch war, war ihm ein Segen,
Und wenn andre gezankt und gekriegt,
Zog er den Vortheil und war vergnügt.
10. Meine selige Mutter war die Tochter
Von einem ehemaligen reichen Pachter,
Der, weil er sehr gerne geprocessirt,
Sich und sein Vermögen geruinirt.
11. Mein Vater hatte ihm als Advocate
Gedient mit seinem getreuen Rathe,
Und er truge dafür zum Lohn
Die artige Tochter des Pachters davon.
12. Sie hatte schon viele ausgeschlagen,
Welche sich, sie zu freien, angetragen,
Als sich noch ihr Vater im Wohlstand
Und bei gutem Vermögen befand.
13. Jedoch als sich die Actien verschlimmert,
Hat sich keiner mehr um sie bekümmert;
Denn auch das schönste Mädchengesicht
Reizt ohne Geld zum Ehestand nicht.
14. Indessen hat es ihr doch geglücket,
Daß sie endlich meinen Vater bestricket,
Denn höchst gründlich verstand sie
Alle Künste der Galanterie.
15. Mein Vater hatte sie sehr oft gesehen,
Und da ist es dann, wie gesagt, geschehen,
Daß er dieselbige unbeschwert
Von dem Pachter zur Frau begehrt.
16. Sie schmeckten zusammen in ihrer Ehe
Vieles Vergnügen und weniges Wehe,
Wenigstens im ersten Vierteljahr
Da ihnen die Ehe noch neu war.
17. Sie wußten von den processirenden Partieen
Für die Küche manchen Vortheil zu ziehen,
Denn die Frau Advocatin bekam,
Was etwa der Herr Advocate nicht nahm.
18. Auch zog sie noch manche heimliche Gewinnste
Durch ihr schönes Gesicht und galante Künste,
Wenn etwa eine verliebte reiche Partie
Sich besonderlich bewarbe um sie.
19. Wenn der Herr Gemahl Acten geschrieben,
So ist sie selten auch müßig geblieben,
Und sie nahm in der Schlafstube dann
Gemeiniglich geheime Audienz an.
20. Ob ich's nun gleich eben nicht will wagen,
Drauf zu schwören und als gewiß zu sagen,
Daß just gedachter Herr Advocat
Mein Vater gewesen in der That;
21. So habe ich doch niemals es gehöret,
Daß sich derselbe hätte beschweret,
Als mich, nach ohngefähr einem Jahr,
Meine Mutter zur Welt gebar.
22. Von meinen ersten Kinderjahren
Habe ich zwar nichts Sonderliches erfahren,
Doch liebten mein Vater und Mutter mich
Als ihr einziges Töchterlein zärtelich.
23. Man sparte auch gar keine Bemühung
An meiner Bildung, Pflege und Erziehung,
Und schickte mich frühe, da ich noch klein,
Fleißig zu lernen, in die Schule hinein.
24. Jedoch schonte man an mir in alle Wege
Vorwürfe, herbe Verweise und Schläge,
Und richtete in jeder Kleinigkeit sich
Nach meinem Willen sorgfältiglich.
25. Als ich kaum zehn Jahr alt gewesen,
Fing ich schon an Romane zu lesen,
Und ward von der Liebe schon mehr gewahr,
Als andre Mädchen im achtzehnten Jahr.
26. Mit muntern Jünglingen und artigen Knaben
Mochte ich herzlich gerne zu schaffen haben,
Und fing gar manchen prakt'schen Roman
In meinem dreizehnten Jahre schon an.
27. Vielleicht war es ein Fehler der Erzeugung,
Daß ich auch sehr frühe eine Neigung,
Die auch nachher niemals verschwand,
Eine Neigung zum Stehlen empfand.
28. Meine Eltern, geschlagen mit Blindheit,
Hielten dieses für Triebe der Kindheit,
Und haben, wenn ich was Böses gemacht,
Nur über ihr schlaues Töchterchen g'lacht.
29. Mein funfzehntes Jahr war kaum verschwunden,
Als sich schon Freier bei mir eingefunden,
Denn bei meinem nicht häßlichen Gesicht
Fehlte es mir an Anbetern nicht.
30. Ob nun gleichwol mancher von ihnen
Meinem Vater nicht verwerflich geschienen,
So fande indessen meine Mutter jedoch
Vieles an ihnen zu tadelen noch.
31. Nur einen Mann von sehr hohem Stande,
Allenfalls aus den Vornehmsten im Lande,
Bestimmte sie einzig und allein
Für mich, ihr artiges Töchterlein.
32. Es kam aber kein Mann von hohem Stande,
Der mich zur Frau zu machen rathsam befande,
Mir wurde indessen dabei recht bang,
Denn die Verzög'rung fiel mir zu lang.
33. Ich suchte also und dergestalten
Mich anderweitig schadenfrei zu halten,
Und ließ zum geheimen Rendezvous
Manchen jungen artigen Herrn zu.
34. Aus Furcht, etwas Schlimmes zu erleben
Und daß es künftig möchte geben
In meiner Heirath ein Hinderniß,
Wenn sie mir zu viel Freiheit ließ,
35. Fing die Mutter an ernstlich drauf zu denken,
Meine Liebesstreiche einzuschränken,
Und gab sowol bei Tag als bei Nacht,
Auf meine Schritte und Tritte Acht.
36. Ward nun gleich dadurch meine Neigung gehindert,
So ward sie doch mehr vermehrt als vermindert,
Denn eine stark verbotene Frucht
Wird nur desto emsiger gesucht,
37. Und je größer Hinderniß, je mehr Verlangen.
So ist es auch mit meiner Neigung gegangen,
Denn ich suchte zu jeder Zeit
Sie zu befriedigen Gelegenheit.
38. Des Nachts ließ ich oft durch mein Fenster
Manche mit Fleisch und Bein versehene Gespenster,
Die dann meistens die halbe Nacht
Bis am Morgen bei mir zugebracht.
39. Auch konnte ich oft mir die Zeit vertreiben
Mit manchem erhaltenen Liebesschreiben
Von so herzbrechendem Inhalt, als man
In jedem Romane lesen kann.
40. Ich ging grade im zwanzigsten Jahre,
Als ich einstmals auf einem Balle ware;
Da ward ich mit einem Herren bekannt,
Herr Baron von _Hogier_ genannt -- --
41. Hier fiel ihr Hieronimus ins Wort plötzlich:
»Herr von Hogier? -- -- das ist entsetzlich!
Sein Name sowol als sein eigentlicher Stand
Ist mir, meine Seele! nicht unbekannt;
42. Herr von Hogier war ein Bärenhäuter!«
Ja, das war er, sprach Amalia weiter,
Und Sie sollen, lieber Hieronimus! sehn,
Was zwischen mir und ihm ist geschehn.
43. Herr von Hogier hat mir dazumalen
Von Person und Wesen höchlich gefallen,
Denn sein reiches Kleid und große Perück'
Nahm mich schon ein im Augenblick.
44. Er that mir höchst verliebte Anträge
Und mir gefielen seine Vorschläge,
Um desto mehr, da er hoch und theuer schwur:
Ich sei seine einzige Göttin nur.
45. Auch sprach er viel von seinen Gütern und Vermögen,
Welche im Lande Sachsen wären gelegen,
Ob er gleich bishero nur so
Reisete durch die Welt incognito.
46. Er that mir auch deutlich proponiren,
Er wolle mich gerne von Hause entführen,
Ich möchte nur mit vielen Juwelen und
Geld mich versehn auf die bestimmte Stund.
47. Als mich nun Nachts nichts verhindert,
Hab ich zu Hause Kisten und Kasten geplündert;
Steckte, was ich da bekam, zu mir
Und entfloh mit dem Herrn von Hogier.
48. Wir eilten, bis wir uns endlich befanden
Fast an den äußersten Grenzen der schwäbischen Landen,
Und haben in den ersten vier Tagen fast
Keine zwölf Stunden ausgerast't.
49. Was wol die Eltern gedacht, als sie gefunden
Ihre Kasten leer und die Tochter verschwunden,
Und wie sie geweinet, geflucht und geschmählt,
Das bleibt an seinen Ort gestellt.
50. Als wir endlich in X. angekommen,
So haben wir uns einmal vorgenommen,
Einige Tage da auszuruhn
Und uns etwas zu Gute zu thun.
51. Wir blieben da also ruhig liegen,
Lebten in Wonne und Vergnügen,
Und der Herr Baron von Hogier
Stellte sich zärtlich gegen mir.
52. Ich hielte mich nun in meinem Sinne
Glücklicher als eine Prinzessinne,
Und gedachte an nichts als Freud,
Lust, Liebe und Ergötzlichkeit.
53. Doch war nunmehro mein Unglück nahe;
Denn ehe ich es mir versahe,
Hat sich einst heimlich in der Nacht
Herr von Hogier per Post davon gemacht.
54. Auch mein Geld, lieber Hieronimus! denk' Er!
Nebst meinen Juwelen waren zum Henker,
Auch alle Kostbarkeiten zumal,
Welche ich vorher meinen Eltern stahl.
55. Nun sah ich alsobald offenbare,
Daß Herr von Hogier ein Spitzbube ware,
Und daß es nicht allzurichtig stand
Mit seinen Gütern im Sachsenland.
56. Es ist also leichtlich zu gedenken,
Wie sehr mich diese Sache mußte kränken,
Denn ich hätte vom Herrn von Hogier
Nie eingebildet den Streich mir.
57. Einsam nunmehr und von allen verlassen,
Konnte ich vor Betrübniß mich kaum fassen,
Und wußte nicht, wohin und woher
Für mich eine sichere Zuflucht wär'.
58. Wieder nach meinen Eltern zu gehen,
Das durfte unmögelich geschehen;
Denn es wäre da sicherlich
Gar nicht gut gegangen für mich.
59. Indessen waren zu allem Gelücke,
Noch vierundzwanzig Ducaten zurücke,
Welche ich mit aller Vorsichtigkeit
Genäht hatte in mein Unterkleid.
60. Diese übrige vierundzwanzig Ducaten
Kamen mir diesmal recht gut zu statten,
Denn sie waren nun, um und um,
Mein ganzes Vermögen und Reichthum.
61. Ich wollte nun nicht länger verweilen
Dem Herrn von Hogier nachzueilen,
Sondern jug gleich am selbigen Tag
Ihm ebenfalls mit der Post nach.
62. Denn ich hatte im Posthause vernommen,
Daß er da Extrapost bekommen,
Und daß er also im Schwabenland
Sich noch vermuthlich reisend befand.
63. Hätte ich ihn unterweges attrapiret,
So wäre er sogleich arretiret,
Und so hätte ich gewiß alsdenn
Meine Sachen wieder bekommen.
64. Mein Lieber! es war grade diese Reise,
Als ich auf die bewußte Weise
Sie auf dem Postwagen traf an,
Wo unsre Bekanntschaft zuerst begann.
65. Uebrigens ist es mir niemals geglücket,
Daß ich Herrn von Hogier hätte erblicket,
Und ich habe auch niemals nachher
Gehöret, wo er geblieben wär' -- --
66. Hier ist Hieronimus abermalen
Der Amalia in die Rede gefallen:
»Potz tausend! ich weiß es, wo der Dieb,
Der Herr von Hogier, der Schurke, einst blieb!
67. Kurz vor unsrer Bekanntschaft, liebe Amalie!
Hatte mich Herr von Hogier, die Canaille,
Im Wirthshause um vieles Geld
Mit seinem falschen Spiele geprellt;
68. Dies war die Ursache meines Kummers
Und meines melancholischen Schlummers,
Den ich endlich bei Ihnen vergaß,
Als ich damals auf dem Postwagen saß.
69. Auch war Herr von Hogier einer der beiden
Angetroffenen verkleideten Kaufleuten,
Welche im Wirthshause hernachmal'n,
Mir den Beutel mit dem Gelde stahl'n.
70. Auch der Räuber, den ich getödtet,
Als ich jenen Herrn mit der Dame gerettet,
War wahrlich, von Person und Gesicht,
Kein andrer als dieser Bösewicht.
71. Sie können sich also zufrieden geben,
Der Spitzbube ist nicht mehr am Leben,
Und ich habe uns also mit Recht
Für alle Betrügereien gerächt.«
72. Amalie versetzte: diese Geschichten,
Welche Sie, mein Lieber! mir da berichten,
Sind wahrhaftig recht sehr curios,
Und meine Verwunderung drob ist groß!
73. Das Sprüchwort: _was auch gar klein gesponnen,
Kommt doch endelich an die Sonnen_,
Trifft auch gewiß hier haarklein
Bei dem Schurken von Hogier ein.
74. Doch, um im Erzählen fortzufahren,
Als wir damalen getrennet waren,
Setzte ich wegen der Sackuhr
Meinen Weg fort, doch zu Fuß nur.
75. Gleich drauf mußte es sich zutragen,
Daß ein alter Herr mit seinem Wagen
Grade auch diese Straße kam,
Welcher mich, da gehend, wahrnahm.
76. Er nöthigte mich durch sein freundlich Bezeigen,
In seinen Wagen bei ihm einzusteigen;
Und weil ihm meine Person gefiel,
Gab er mir der guten Worte viel:
77. Immer bei ihm als Kammerjungfer zu bleiben
Und ihm die Zeit angenehm zu vertreiben;
Denn er wäre mit Leib und Seel'
Unbeweibt und noch Junggesell.
78. Nun ware es eines Theils gefährlich,
Andern Theils, wie ich itzt dachte, auch thörlich
Gehandelt und gethan von mir,
Ferner zu suchen den Herrn von Hogier.
79. Was mir der alte Herr angetragen,
Wollte ich also nicht ausschlagen,
Obgleich sein Alter und graues Haar
Mir so recht nicht anständig war.
80. Ich bin also bei ihm geblieben,
Habe ihm die Zeit gut vertrieben,
Und ich betrug mich gegen ihn,
Als wäre ich seine Gemahlin.
81. Er hat mich deswegen hochgehalten,
Ließ mich im Hause schalten und walten,
Und über Gesinde, Mägde und Knecht',
Hatte ich zu befehlen ein Recht.
82. Ich durchsah Stuben, Küche und Keller,
Scheunen, Kammern, Boden und Söller,
Besorgte die Wäsche, Tische und Bett
Und was noch sonst vorfallen thät.
83. Von allen Kasten hatte ich die Schlüssel!
Jedes Geschirre bis zur kleinsten Schüssel,
Sogar Silbergeräthe und Leinewand,
Stunde alles unter meiner Hand.
84. Auch von manchem Abend bis zum Morgen
Trug ich für den alten Herrn alle Sorgen
Und beruhigte ihn, wenn er allerhand
Gewisse geheime Bedürfnisse empfand.
85. Denn der gute alte Herre thate
Nicht das mindeste ohne meinen Rathe,
Und nichts geschahe überall
Ohne meinen gegebenen Beifall.
86. Ich bekam, wie leicht zu gedenken,
Von ihm viel ansehnliche Geschenken,
Stahl auch überdies von Zeit zu Zeit
Noch heimlich manche Kleinigkeit.
87. Ob's nun gleich äußerlich an nichts fehlte,
So war doch noch etwas, welches mich quälte,
Und mir fiele deswegen im Anfang
Bei dem alten Herren die Zeit lang.
88. Zwar in der Folge war der Hausschreiber
Zuweilen wol mein Zeitvertreiber,
Doch weil er sich meist kränklich befand,
So war sein Umgang nicht interessant.
89. Es gereichte mir also zum wahren Vergnügen,
Nach seinem Tode einen neuen Hausschreiber zu kriegen,
Und Sie, mein Lieber! waren just der
Damals neu angesetzte Secretär.
90. Sie gefielen mir gleich, da ich Sie gesehen,
Ich muß es Ihnen offenherzig gestehen,
Und dieses war dann die Ursach,
Warum ich für Sie so kräftig sprach.
91. Uebrigens ist Ihnen von den Dingen allen,
Welche damals unter uns vorgefallen,
Bis er Sie Nachts einst bei mir fand,
Lieber Hieronimus! nichts unbekannt.
92. Als er Sie damals dimittiret,
Hat mich Ihr Abschied sehr gerühret,
Er fuhr aber noch destomehr
Ueber mich mit Verweisen her.
93. Fast hätte ich ebenfalls müssen reisen,
So zornig that er sich beweisen,
Und gewiß mit sehr vieler Müh'
Befriedigte ich ihn mit Caressen noch hie.
94. Indessen war doch seit diesen Stunden
Seine Neigung zu mir sehr verschwunden,
Weil eine junge neue Küchenmagd
Ihm besser als meine Person behagt.
95. Um nun meinen Kummer und Melancholeien
Wegen Ihrer Abwesenheit zu zerstreuen,
Lebte ich nachhero etwas frei
Mit des alten Herren Lakei.
96. Als er aber unsre Vertraulichkeit gesehen,
Da half mir kein weiter Bitten noch Flehen,
Sondern ich mußte allsofort
Mit Sack und Pack wandern von dort.
97. Da ich nun mit Geld ziemlich versehen,
Entschloß ich mich so lange durch die Welt zu gehen,
Bis eine neue Gelegenheit sich
Zeigte zum künft'gen Unterhalt für mich.
98. Auf meiner Reise durch diese Lande
Stieß ich auf eine Schauspielerbande,
Und auf meine Bitte nahm man
Mich als eine neue Actrice an.
99. Schon hab' ich mich bei ihnen solchergestalten
Einige Monate lang aufgehalten,
Und gespielet sehr gut und wohl
Jede mir aufgegebene Roll'.
100. Uebrigens ist's mir eine große Freude,
Daß uns das Schicksal nunmehr beide
Wieder hat so gesund und vergnügt
Zum dritten Male beisammengefügt.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Wie Hieronimus Lust bekam, ein Schauspieler zu werden, und wie er dazu
von der Jungfrau Amalia überredet ward.
1. Hieronimus hat die in vorigen hundert
Versen erzählte Geschichte sehr bewundert,
Und vergaß, in seinem jetzigen Zustand,
Den Herrn Patron und das Bayerland.
2. Er that vielmehr von nun an den Schluß fassen,
Amalien niemals wieder zu verlassen,
Und nahm sich desfalls vor zur Hand,
Auch zu werden ein Komödiant.
3. Als dieses Amalia gemerket,
Hat sie ihn in seinem Vorsatze gestärket,
Und rühmte drauf diesen Stand hoch
In dem folgenden Apolog:
4. »Ich weiß es aus sehr vielen Proben,
Daß der Schauspielerstand höchlich zu loben
Vor einem jeglichen andern Stand,
Der da ist in der Welt bekannt.
5. Denn man sieht darin deutlich und eben,
Wie es in dem ganzen menschlichen Leben
Bald sehr böse und bald sehr schön,
Unter einander pflegt herzugehn.
6. Bald gibt's gar lustige Komödien,
Bald aber jammervolle Tragödien,
Bald lachet man, tanzet und singt,
Bald greint man, seufzet und hinkt.