20. Ich habe es mit Mitleiden gelesen,

Daß du jüngsthin todtkrank gewesen;

Aber du hast nicht wol gethan,

Daß du viele Arznei gewendet an.

21. Denn ich habe oft und viel erfahren,

Daß, besonders in den jüngeren Jahren,

Die sich selbst überlaßne Natur

Mehr wirkt, als die beste Mixtur.

22. Dein gebrauchter Arzt und Arzeneien,

Sind fast theuer zum Verabscheuen,

Und wie mir dünken sollte, so ist

Weder Apotheker, noch Arzt ein Christ.

23. Da auch eine Wärterin, wie ich gelesen,

In der Krankheit bei dir ist gewesen;

So reichte für diese Aufwärterin,

Statt sieben, ein einziger Gulden hin;

24. Wenn sie nicht etwa sonst, vor diesen,

Liebesdienste andrer Art dir erwiesen,

Denn, lieber Sohn! ich schließe dies

Schier aus den sieben Gulden gewiß.

25. Was auch nun den Conditor anlanget,

Welcher ebenfalls acht Gulden verlanget,

So wäre gewesen ein Thaler genug,

Und du warest gewißlich nicht klug.

26. Denn Citronen, Confituren und Leckereien

Geben eigentlich dem Kranken kein Gedeihen,

Aber ein Hafer- oder Gerstentrank

Nutzet weit mehr, wenn man ist krank.

27. Es ist nicht gut, daß du bist gefallen

Von der Treppe, drum sorge ja für allen,

Daß du hinfüro nicht wieder fällst,

Denn die Cur beträget viel Gelds.

28. Dein Wundarzt hat dich recht hergenommen,

Denn für zwölf Thaler, wie ich vernommen,

Heilt unser berühmter Stadtbalbier

Einen Arm- oder Beinbruch schier.

29. Doch freut's mich, daß dein Arm wieder curiret;

Denn wenn ein Pfarrer auf der Kanzel peroriret,

So muß der Arm geschmeidig und fein

Beim Klopfen und Gestusmachen sein.

30. Ich muß dich ferner auch herzlich beklagen

Wegen deinem sehr schwachen Magen;

Mein Magen ist, leider! auch nicht viel nütz,

Weil ich sehr öfters zu Rathe sitz.

31. Indeß thut Burgunder mit Gewürzen

Dich nur unnöthig in Kosten stürzen;

Schlucke lieber oft ein Pfefferkorn ein,

Das soll sehr gut für den Magen sein.

32. Du willst auch noch 30 bis 40 Gulden

Haben, zur Bezahlung einiger Schulden;

Ich sinne nun hin, die Kreuz und die Queer,

Beim Himmel! wo kommen die Schulden doch her?

33. Du hast ja schon Alles specificiret

Und Posten für Posten zum höchsten aufgeführet,

Und vierzig Gulden, bei meiner Seel!

Sind nicht, wie du glaubst, ein Bagatell.

34. Endlich soll ich gar noch ein Dutzend Pistolen

Zu andern Ausgaben für dich herbei holen;

Es wäre dir vielleicht zwar angenehm,

Mir aber kommt's höchst unbequem.

35. Denn mit den verlangten 30 Ducaten

Kannst du dich wegen der Ausgaben schon berathen,

Dieses letztere Dutzend Louisd'or

Kommt mir also als Ueberfluß vor.

36. Auch mit dem Ersatz der dir gestohlnen 14 Kronen

Hättest du mich billig sollen verschonen,

Denn, wahrlich! der Ersatz schmerzet mir

Weit mehr, als der angebliche Verlust dir.

37. Daß du übrigens zu meinem Troste willst verlangen,

Man solle den Dieb ^sans façon^ drum aufhangen,

Dieses wäre gewiß gar nicht christlich,

Vielleicht bessert der Anonymus einst noch sich.

38. Ueberhaupt muß ich dir im Vertrauen sagen:

In unsern heutigen aufgeklärten Tagen

Ist Gottlob! die heilige Justiz

Nicht wie ehemals so scharf und spitz.

39. Und um den Raub solcher Kleinigkeiten

Braucht Keiner mehr die doppelte Leiter zu beschreiten,

Wenigstens in unserm klugen Schildburg

Gehen viel größere Diebe frei und frank durch.

40. Wenn du künftig Gelder willst aufsparen,

So rathe ich, solche vorsicht'ger zu bewahren;

Denn auf keinem Dinge in der Welt

Wird so allgemein speculirt als auf Geld.

41. Ich und deine Mutter verstehn es besser,

Wir bewahren unsre Baarschaft hinter Riegel und Schlösser

Und geben sowol bei Tag als bei Nacht

Darauf sehr sorgfältig und ängstiglich Acht.

42. Doch um deinen Geldmangel zu stillen,

Will ich noch einmal dein Verlangen erfüllen,

Und ich sende die Gelder mancherlei

Im versiegelten leinenen Sacke hiebei.

43. Jedoch muß ich dir hienebst andeuten,

Es sind heur gar nahrlose Zeiten,

Und es fällt mir wahrlich gar schwer,

Alle Gelder zu nehmen woher.

44. Mit dem Handel gibt's nur Kleinigkeiten,

Denn es ist kein Geld unter den Leuten,

Und die Rathsherrnschaft wirft auch nicht viel ab,

Drum sind meine Einkünfte so knapp.

45. Ich werde es also sehr gerne sehen,

Wenn du von der Universität thust gehen,

Zumalen da du, zu dieser Frist,

Gewißlich schon ausgelernet bist.

46. Denn wenn du noch länger alda bleibest

Und das kostbare Studiren forttreibest,

So werde ich noch zum armen Mann

Und keine Gelder mehr schaffen kann.

47. Wir werden dich hier mit großem Verlangen

Als einen gelehrten Sohn stattlich empfangen,

Besonders freut deine Mutter sich

Auf deine Zuhausekunft inniglich.

48. Ich möchte dir gern etwas Neues schreiben,

Es thut aber Alles hier beim Alten bleiben;

Ich bin indessen früh und spat

Nach Gewohnheit gewesen oft im Rath.

49. Da haben wir, in Pleno, thun dichten,

Um verschiedene Aenderungen einzurichten,

Damit in der hiesigen Polizei

Alles fein sauber und ordentlich sei.

50. Deine Mutter hat an Zähnen viel ausgestanden;

Aber ein großer Wundarzt aus fremden Landen

Vor einigen Tagen hier kam

Und die bösen Zähne wegnahm.

51. Deine Schwester Gertrud hat einen Freier,

Es ist der Procurator Herr Geier,

Die Sache ist schon gekommen sehr weit,

Und die Gertrud ist schon ziemlich breit.

52. Unser Pfarrer ist immer kränklich,

Man hält seinen Zustand für bedenklich,

Stürbe einst dieser rechtschaffene Mann,

So würd'st du vielleicht unser Pfarrer dann.

53. Unsers reichen Nachbars sein Lieschen

Vermeldet dir ein herzliches Grüßchen,

Das Mädchen wird wirklich artig und fein

Und könnte einst deine Frau Pfarrerin sein.

54. Endlich grüßen dich allesammt wieder

Deine sämmtlichen Schwestern und Brüder,

Sie freuen sich über dein Wohlergehn

Und hoffen schier baldigst dich hier zu sehn.

55. Ich beharre übrigens

Dein treuer Vater

Hans Jobs, ^pro tempore^ Senater.

N. S. Dein Schreiben mir zwar gefällt,

Aber verschone mich weiter mit Geld.

Sechszehntes Kapitel.

Wie Hieronimus ausstudirt hatte, und wie er nach seiner Heimat reisete,

und wie es mit seiner Gelehrsamkeit bewandt war; fein artig im

gegenwärtigen Kupfer vorgestellt.

[Illustration]

1. Sintemal man nicht ewig auf Universitäten

Bleiben kann, so war's endlich vonnöthen,

Daß nach verflossener drei Jahren Zeit,

Sich Hieronimus machte zur Abfahrt bereit.

2. Um seiner Eltern Verlangen und Willen,

Die nun seine Heimkunft begehrten, zu erfüllen,

That er Alles zu dieser Frist,

Was zum Abmarsche nöthig ist.

3. Zwar brauchte er nicht viel einzupacken;

Denn außer Stiefeln, Degen, Weste und Jacken,

Und was man an seinem Leibe sonst sah,

War nicht 's mindeste Geräthe da.

4. Nach Büchern brauchte man gar nicht zu fragen,

Denn diese thaten ihm niemals behagen,

Und außer einer einzigen Predigt nur

Besaß er nicht die geringste Scriptur.

5. Ein Freund hatte ihm selbige verehret

Und sie ihm nach und nach auswendig gelehret,

Damit er doch einmal ohne Beschwer

Zu Hause könnt' predigen, wenn's nöthig wär.

6. Es that also der Gedanke bei ihm aufsteigen,

Wie er sich daheim den Eltern könnt' zeigen,

Damit man nicht auf diese Manier

Den kahlen Zustand der Sache erführ.

7. Zuletzt fiel es ihm ein zu sagen,

Wenn man nach Koffer und Mantelsack wollt fragen,

Daß ihm Alles gestohlen wär

Auf seiner Reise gen Hause her.

8. Auch thaten einige Seufzer entstehen;

Armer Hieronime! wie wird's dir ergehen,

Wenn man dich einmal examinirt?

Denn du hast nichts gelernt noch studirt.

9. Zwar hat's ihm herzlich gereut und verdrossen,

So daß er fast Thränen darob vergossen,

Weil er für alle Kosten und Zeit

Nicht erworben mehrere Gelehrsamkeit.

10. Aber alles sein Trachten, Dichten und Denken,

Wünschen, Seufzen, Jammern und Kränken

Brachten ihm itzo keinen Gewinn,

Denn die Zeit war einmal dahin.

11. Um also seine Grillen zu verlieren,

Ließ er formaliter invitiren

Seine Freunde auf der Universität,

Und gab ihnen den Schmaus zum Valet.

12. Hier wurde dann tapfer nochmal geschmauset,

Getrunken, gelärmet und gesauset,

Bis endlich der traurige Morgen kam

Und Hieronimus Abschied nahm.

13. Dieser ging ihm recht sehr zu Herzen

Und erregte ihm fast herbe Schmerzen,

Ja, er hat wirklich laut geweint

Und im Arm seiner Freunde gegreint.

14. Eh er aber sein Ade genommen,

Ist er vorher zum Professor gekommen,

Dieser hat ihm für baares Geld,

Ein academisch Zeugniß zugestellt.

15. Es ist zwar nicht gar löblich gewesen,

Doch Hieronimus, ohne es zu lesen

(Denn es war gesetzt in Griechisch und Latein)

Steckte es in den Schubsack hinein.

16. Ich lasse ihn also nach Hause reisen,

Und vorher will ich noch dem Leser weisen

Im oben bevorstehenden Kupferblatt,

Wie's um seine Gelehrsamkeit gestanden hat.

Siebzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus mit Stiefeln und Sporen bei den lieben Seinigen wieder

angelanget ist.

[Illustration]

1. Als einst nach eingenommener Mittagsspeise

Der Senator Jobs (denn es war so seine Weise)

Mit seinem Pfeifchen im Lehnstuhl saß

Und die politische Zeitung las;

2. Indeß Frau Jobs einiger Sachen wegen

In der Küche ein kleines Lärmen that erregen,

Auch sonst einige Ordnung gemacht

Und keine Seel an was Böses gedacht;

3. Kam ein stolzer Reiter mit starken Schritten

Auf der Straße eilig daher geritten,

Und gleich hörten sie, Knall und Fall

Vor der Hausthür einen Karbatschenschall.

4. Ob diesem fast fürchterlichen Knallen

Ließ Jobs die Zeitung aus der Hand fallen,

Und die Pfeife selbst war in Gefahr;

Frau Jobs aber verstummte gar.

5. Aber aus diesem recht panischen Schrecken

That sie der Reiter bald aufwecken;

Weil er, im völligen Reisestaat,

Zu ihnen in die Stube trat.

6. Die Alten schienen beide ihn nicht zu kennen,

Er wollte sich auch vorerstlich nicht nennen,

Bis endlich der gute Vater da

In ihm seinen lieben Hieronimus sah.

7. Es fehlt mir schier an allen nöthigen Dingen,

Die gewaltig große Freude zu besingen,

Welche der fromme Senator empfand,

Fast entging ihm aller Verstand.

8. Auch die Mutter konnte sich nicht fassen,

Noch vor Freude Händ' und Füße lassen,

Als sie eben itzt und nunmehr

Sah, daß es Hieronimus wär.

9. Fast hätten im Uebermaß der Freude

Klare Thränen geweinet alle beide,

Und das Willkomm! und dem Himmel sei Dank!

Und so weiter, währete lang.

10. Es waren auch darauf nicht minder

Des Senators Jobsens übrige Kinder

Alle zusammen bei der Hand,

Und kein einziges hat ihn gekannt.

11. Es war recht spaßhaft anzusehen,

Wie sich die Kinder thaten begehen:

Eins hielt ihn für'n großen Herrn,

Welcher gekommen wär von fern;

12. Das andere hielt ihn, wegen dem Degen

Und der übrigen gefährlichen Kleidung wegen,

Für einen, der Kinder im Sack steckt,

Besonders wurden die jüngsten erschreckt.

13. Aber sehr lustig ging es mit der Esther,

Unsers Hieronimi allerjüngsten Schwester,

Denn sie hielt ihn noch lange hernach

Für'n fremden Oheim von Gengenbach.

14. In den drei Jahren, die er dort verschlendert,

Hatte sich seine Person sehr verändert,

Und er war dick geworden am Bauch,

Sein Bart ziemlich gewachsen auch.

15. Es war also eben kein Wunder zu nennen,

Wenn ihn anfangs niemand mochte kennen,

Besonders, da sein Studentenhabit

Auch nicht, wer er eigentlich war, verrieth.

16. Ein sehr großer Hut mit einer Feder,

Hosen und Weste von gelbem Bocksleder,

Ein kurzes Collet von grauem Tuch

Verstellte den Hieronimus genug.

17. Dabei kam ein mächtig großer Degen,

Welcher, der mehreren Sicherheit wegen,

Sowol zum Stich, als Hiebe im Streit

Eingerichtet war spitz und breit.

18. Imgleichen die martialische Miene,

Welche Tod und Wunden zu drohen schiene;

Die Haare hingen struppicht am Kopf

Und den Nacken drückte ein dicker Zopf.

19. Diese und mehr seltsame Kleidungsstücke

Zogen bald auf sich des Vaters Blicke,

Denn ein sittsames schwarzes Kleid

Hätte den Alten weit mehr erfreut.

20. Auch wollte des Hieronimus übriges Betragen

Dem alten Vater Jobs nicht zum besten behagen,

Weil bei dem Hieronimus fort und fort

Flüche erfolgten auf jedes Wort.

21. Er gab ihm also deutlich zu verstehen,

Daß er nun anders sich möchte begehen,

Denn ein junger Theologus

Müsse leben nach geistlichem Fuß.

22. Als er kurz darauf nach dem Koffer gefraget,

Hat Hieronimus alsobald gesaget

Und dabei kräftig geschworen: daß er

Vom Postwagen jüngst ihm gestohlen wär'.

23. Diese Nachricht, daß er den Koffer verloren,

Klang unangenehm in des Vaters Ohren

Und er fing zu knurren drob an,

Hätte es nicht die Mutter gethan.

24. Denn sie hielte den Alten zurücke,

Sprach, das ist ja ein Ungelücke,

Woran unser lieber Sohn nicht schuld;

Er ergabe sich also in Geduld.

25. Indessen verbreitete auch das Gerüchte,

Des Hieronimus Wiederkunftsgeschichte

Ueberall in dem Städtelein aus

Und wälzete sich von Haus zu Haus.

26. Der ganzen Bürgerschaft schien dran gelegen,

Und überall that sich Verwunderung erregen,

Und wo ein Mensch nur den andern sah,

So hieß es: Hieronimus ist wieder da.

27. Es wurde übrigens angenehm und freudig

In Senator Jobsens Hause allerseitig

Der Rest des übrigen Tages verbracht

Und weiter nicht an den Koffer gedacht.

28. Hieronimus labte sich an Trank und Speise

Weidlich, denn er war matt von der Reise,

Rauchte dabei auch ohne Beschwer

Des Vaters großen Tabaksbeutel leer.

Achtzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus nun anfing geistlich zu werden und wie er ein schwarzes

Kleid und eine Perücke bekam, und wie er auf der Kanzel zum ersten Mal

predigte, u. s. w.

1. Als nun der andere Morgen vorhanden

Und alles im Hause war aufgestanden

Und beim Frühstück und Kaffeetisch

Jeder sich befande munter und frisch,

2. Hub der Vater an zu discuriren:

Mein lieber Sohn! es will sich gebühren,

Daß deine bisherige Kleiderei

Anders in Zukunft beschaffen sei.

3. Vorab mußt du den schrecklichen Degen

Von deiner Seite, von nun an, legen,

Weil ein Geistlicher niemals nicht

Anders als mit der Bibel ficht;

4. Auch das graue Collet und die lederne Weste

Nebst Hosen, Stiefeln und dem übrigen Reste,

Wie auch den mächtigen Federhut;

Denn alles dies steht keinem Geistlichen gut.

5. Denn wenn Jemand diesen Anzug sähe,

Möchte er billig denken: o wehe,

Das könnte eher ein Kürassier

Sein, als ein künftiger Pfarrer hier!

6. Wisse auch, daß eine runde Perücke

Auf den geistlichen Kopf sich besser schicke;

Denn diese lässet ehrwürdig und wohl,

Ein struppichtes Haar und Zopf läßt toll.

7. Ich habe also mir vorgenommen,

Um zu lassen den Schneider kommen,

Damit dir dieser ein schwarzes Kleid

Und einen Mantel noch mache heut.

8. Auch ist der Perückenmacher bestellet,

Damit er, wenn es dir gefället,

Zu deines Kopfes künftiger Zier

Eine Perücke bringe dir.

9. Das wird ein ehrbares Ansehen dir geben,

Es ist aber auch nöthig daneben,

Daß du hinfüro nicht mehr so fluchst,

Sondern auch geistlich zu leben suchst.

10. Hieronimus hörte zwar etwas spröde

Seines alten Vaters vernünftige Rede,

Doch ließ er sich endlich ebenfalls

Alles gefallen und bereden all's.

11. Man sah ihn darauf, eh der Tag noch vergangen,

Im schwarzen Kleide und Perücke prangen,

Es war auch ein weißes Krägelein da,

Gemacht von der Mutter ^manu propria^.

12. Geistlich staffirt vom Kopf bis zu'n Füßen,

That er nun den Eltern kund und zu wissen,

Daß er, zu predigen in dieser Livrei,

Am künftigen Sonntag gesonnen sei.

13. Er hat sich auch treu des Versprechens entledigt,

Und am folgenden Sonntag gepredigt,

Und ohne einen sonderlichen Anstoß

Ward er glücklich der Predigt los.

14. Denn, wie oben, Kapitel sechszehn, gehöret,

Hatte ein Freund ihm eine Predigt verehret,

Diese kam ihm vortrefflich zur Hand,

Weil er sie ganz auswendig verstand.

15. Sie war gar vortrefflich componiret,

Mit vielen erbaulichen Sprüchen gezieret,

Und so voll vom gelehrten Tand,

Daß sie Hieronimus selbst nicht verstand.

16. Auch sein äußerer Anstand war prächtig,

Seine Arme und Hände bewegte er mächtig,

Und der Stimme starker Tenor

Drang den Zuhörern stattlich ins Ohr.

17. Es wurde übrigens von vielen hundert

Zuhörern seine Predigt bewundert,

Viele stießen die Köpfe an

Und sagten: »das gibt ein ganzer Mann!

18. Wer Henker hätte das denken sollen,

Daß so was einst hätte werden wollen

Aus des Jobsens dummen Hieronimus?

Er erregt ja Verwundernuß!«

19. Auch waren alle Verwandten gegenwärtig,

Gafften Hieronimus an, der so fertig,

Als hätte er längst gestanden im Amt,

Sie erbauen konnte allesammt.

20. Aber, ich vermag nicht das Entzücken

Der beiden guten Eltern auszudrücken,

Denn sie hielten nun beiderseits

Ihn für den größten Redner bereits.

21. Als nun der Gottesdienst verrichtet,

Ward ein groß Freudenmahl angerichtet,

Und in Senator Jobsens Haus

Kamen alle Verwandten zum Schmaus.

22. Da hat man, während dem Mittagsessen,

Nichts zu Hieronimi Lobe vergessen,

Und man trank öfters zu dieser Zeit

Aus großen Gläsern seine Gesundheit.

23. Es ward auch zu denselbigen Stunden

Von der ganzen Versammlung für gut befunden,

Daß bei obwaltenden Umständen nunmehr,

Zu des Hieronimus größerer Ehr,

24. Er es nächstens müsse wagen

Und sich zum Candidaten lassen schlagen,

Damit er in optima Forma hie

Werde Candidatus Ministerii.

25. Zwar wäre es dieserhalb wol vonnöthen

Vorerst vors Examen hinzutreten,

Doch bei der gezeigten Gelehrsamkeit

Hätte dieses keine Schwierigkeit.

26. Um so mehr, da der hiesige Pfarrer schwächlich

Wäre, so könnte Hieronimus gemächlich

Und ohne allen Zank und Geschrei

Antreten die erledigte Pfarrei;

27. Wenn es nämlich bald glücklich gelünge,

Daß der Pfarrer den Weg alles Fleisches ginge,

Denn seine kränkliche Constitution

Ließe dieses fest hoffen schon.

28. Hieronimus vermochte so viel Gründen und Flehen

Nunmehro nicht länger zu widerstehen,

Er gab also, obgleich ängstlich genung,

Dazu seine Einwilligung.

29. Er leerete übrigens zwar mit Vergnügen

Manches großes Glas in starken Zügen,

Doch wenn er ans künft'ge Examen gedacht,

So hat ihm dieses ein Grausen gemacht.

30. Endlich suchte er seine traurigen Grillen

Durch einen tüchtigen Rausch zu stillen,

Obgleich sein Mißfallen der alte Jobs

Bezeigte, durch ernsthaftes Schütteln des Kopfs.

Neunzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus zum Candidaten examinirt ward, und wie es ihm dabei

erging.

1. Indeß ist es beim Entschlusse geblieben,

Und nach wenigen Wochen hat man verschrieben

Die ganze hochehrwürdige Klerisei

Zu Hieronimus Examen herbei.

2. Jedoch, wie ihm ob solcher Gefahre,

Des nahen Examens zu Muthe ware,

Und sein gemachtes ängstliches Gesicht,

Dies alles begreift der Leser nicht.

3. Es wäre also solches zu schildern vergebens.

Die fürchterlichste Stunde seines Lebens,

Nahte nunmehro endlich herzu;

Ach! du armer Hieronimus, du!

4. Nenne mir nun, Jungfer Muse, die Namen

Der geistlichen Herrn, welche zum Examen

Aus jeder Gegend der Schwäbischen Welt

Am bestimmten Tage sich eingestellt.

5. Der erste war der _Herr Inspector_,

In der Lehre stark wie ein andrer Hector,

Ein stattlicher dickgebauchter Mann;

Man sah ihm gleich den Inspector an.

6. Seine Verdienste schafften ihm diese Würde;

Er trug übrigens seines Amtes Bürde

Geduldig und mit gar frohem Muth

Und aß und trank täglich gut.

7. Nach ihm kam der _geistliche Assesser_,

Ein Mann von Person zwar etwas größer,

Doch an Körper und Waden dünn

Und von etwas mürrischem Sinn.

8. Er triebe nebst der geistlichen Sache

Verschiedene Stücke aus dem ökonomischen Fache

Und trank nur Bier und schlechten Wein,

Denn seine Einkünfte waren klein.

9. Auch Herr _Krager_, ein Mann von hohen Jahren,

In den Kirchenvätern sehr wohl erfahren,

Die er, so oft die Gelegenheit kam

Seinen Satz zu erweisen, hernahm.

10. Auch Herr _Krisch_, ein Mann von guten Sitten,

Ungemein stark in Postillen beritten;

Wobei er sich so gut und noch besser befand

Als der beste Pfarrer im Schwabenland.

11. Auch Herr _Beff_, ein weidlicher Linguiste,

Und im Leben und Wandel ein ziemlicher Christe,

Im Vortrag ein ewiges Einerlei,

Doch niemals gegen Orthodoxei.

12. Auch Herr _Schrei_, stark in der Rede,

Weder in Gesellschaft noch auf der Kanzel blöde,

Lebte übrigens munter und frisch

Mit seiner Köchin exemplarisch.

13. Auch Herr _Plotz_, ein Mann wie ein Engel,

Er hatte zwar in der Jugend viele Mängel,

Nachdem er aber sein Amt trat an,

Ward er ein gar frommer Mann.

14. Er hielte seine hochgeliebte Gemeine

Von allen Lastern und bösem Wesen reine,

Und strafte zur Zeit und zur Unzeit

Alle und jede, doch nach Gelegenheit.

15. Auch Herr _Keffer_, nie müde in Lehr' und Strafen,

Er nahm sich treulich an seiner Schafen,

Doch fande sich in der Heerde sein

Mancher hartnäckige Bock mit ein.

16. Oft war er, um sie zurechte zu führen,

Er deshalb genöthiget zu processiren,

Denn er verstand die Jura, in der That,

So gut als der beste Advocat.

17. Außer diesen obengenannten kamen

Noch mehr geistliche Herren zum Examen,

Die ich nicht alle Mann für Mann

Sogar genau mehr nennen kann.

18. Als nun die ganze geistliche Schaare

Der hochehrwürdigen Herren beisammen ware,

So setzten, ^praemissis praemittendis^,

Sich alle um einen großen Tisch.

19. Hieronimus trat mit Zittern und Zagen

Vor die sämmliche Gesellschaft der weißen Kragen

Und scharrete ihnen demüthig den Gruß.

O weh dir! o weh dir! Hieronimus!

20. Zuvorderst erkundigten die Examinatores

Sich nach seinen bisherigen Sitten und Mores

Und fragten ihn bald, ob er auch hätt'

Ein Zeugniß von der Universität?

21. Hieronimus, ohne sonderliche Umstände,

Gab das Attest in des Inspectors Hände,

Welcher dasselbe alsbald dann luß;

O weh dir! o weh dir! Hieronimus!

22. Es war zwar, wie oben schon angeführet,

In Latein und Griechisch concipiret,

Folglich zu lesen ein schweres Stück;

Doch verstand zu allem Ungelück

23. Der Inspector etwas von den Sprachen,

Um hier die nöthigste Dollmetschung zu machen;

Denn für jeden andern geistlichen Herr

War die Uebersetzung zu schwer.

24. Damit nun hier nichts möge fehlen,

Will ich dem geneigten Leser erzählen,

Was eigentlich in dem Attestat

Von Wort zu Wort gestanden hat.

25. Zuerst Name und Titel vom Professer

Und in drei Buchstaben etwas größer

Wünschte er, durch ^L. B. S.^ dem

^Lectori Benevolo Salutem^!

26. _Sintemal und immaßen drei Jahre

Und einige Wochen hieselbst ware

Herr Hieronimus Jobsius

Als Theologiä Studiosus;_

27. _Derselbe aber abzureisen nunmehro

Ernstlich ist gesonnen, und dero-

halben um ein schriftlich Attestat

Mich geziemendermaßen bat:_

28. _So habe ich nicht unterlassen können,

Ihme solches schriftliches Zeugniß zu gönnen:

Daß derselbe alle viertel Jahr

Bei mir einmal im Collegio war._

29. _Ob er sich sonst des Studirens privatim beflissen,

Wird ihm wol sagen sein eigen Gewissen,

Dann in diesem schriftlichen Bericht

Behaupte und zeuge ich solches nicht._

30. _Und von seinem sonstigen Betragen

Wäre zwar nicht viel Gutes zu sagen,

Allein die christliche Liebe will,

Daß ich davon schweige still._

31. _Uebrigens wünsch' ich ihm auf alle Weise

Hiedurch eine glückliche Abreise,

Und der gütige Himmel leite ihn

Künftig zu allem Guten hin!_

32. Was man für große Augen gemachet,

Und daß Herr Hieronimus nicht gelachet,

Als man den Inhalt fand dergestalt,

Ein solches begreifet der Leser alsbald.

33. Indeß ist es für diesmal geschehen,

Daß man die Sache hat übersehen,

Und man redete von dem Attest

Aus christlicher Erbarmung und Liebe das Best'.

34. Denn die Herren dachten weislich zurücke,

Daß sie auch wol viele lustige Stücke

Auf Academien getrieben vor dem;

Man schritte also weiter ^ad rem^.

35. Der Herr _Inspector_ machte den Anfang,

Hustete viermal mit starkem Klang,

Schnäuzte und räusperte auch viermal sich

Und fragte, indem er den Bauch strich:

36. _Ich, als zeitlicher ^pro tempore^ Inspector,

Und der hiesigen Geistlichkeit Director,

Frage Sie: ^Quid sit Episcopus?^_

Alsbald antwortete Hieronimus:

37. Ein Bischof ist, wie ich denke,

Ein sehr angenehmes Getränke

Aus rothem Wein, Zucker und Pomeranzensaft

Und wärmet und stärket mit großer Kraft.

38. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses

Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes;

Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!

Drauf die andern ^secundum ordinem^.

39. Nun hub der _Assessor_ an zu fragen:

_Herr Hieronimus! thun Sie mir sagen,

Wer die Apostel gewesen sind?_

Hieronimus antwortete geschwind:

40. Apostel nennet man große Krüge,

Darin gehet Wein und Bier zur G'nüge,

Auf den Dörfern und sonst beim Schmaus

Trinken die durstigen Bursche daraus.

Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen · 第 4 / 20 段