der Universität verreiste.
[Illustration]
1. Ehe man den Hieronimus ließ gehen,
Wurde er erst im Ueberfluß versehen
Mit Kleidern, Wäsche, Büchern und Geld
Und was man sonst zum Studiren nöthig hält.
2. Es ward gefolglich auf diese Weise
Alles bereitet zur nahen Abreise;
Aber beim Abschied ging's bitter und schwer
Auf einer und der andern Seite her.
3. Der gute alte Jobs, der dicke Senater,
Weinte laut, wie im Mai ein Kater,
Und reichte schluchzend den Abschiedskuß
Seinem theuern Sohne Hieronimus.
4. Gab ihm auch den väterlichen Segen:
»Fahre wohl auf allen deinen Wegen
Und studire fleißig, mein Sohn,
Damit wir haben Freude davon!
5. Wenn dir etwa künftig etwas fehlet
Und vielleicht ein Geldmangel quälet:
So schreibe nur immer kühnlich mir;
Was du verlangst, das schicke ich dir.«
6. Hieronimus wurde, wie sich's gebühret,
Ob des Vaters Rede höchlich gerühret,
Und versprach öfters zu schreiben hin,
Wenn ihm der Beutel würde dünn.
7. Mit der Mutter ging es noch schlimmer,
Sie erhob ein jämmerliches Gewimmer,
Und durchdrungen vom herbesten Schmerz
Drückte sie den lieben Sohn lange ans Herz.
8. Endlich trat sie auf einige Augenblicke
Mit Hieronimus ein wenig beiseite zurücke,
Und reichte ihm noch ein Päcklein dar,
Worinnen verschiedenes Geld war.
9. Dieser fromme, mütterliche Segen
That den Hieronimus inniglich sehr bewegen,
Und er steckte, unter lautem Gewein,
Das erhaltene Päcklein ein.
10. Nun kamen seine Geschwister an die Reihe,
Denen er, unter erbärmlichem Geschreie,
Allen nach einander die Hand gab
Und nunmehr reisete Hieronimus ab.
11. Der lieben Eltern Trauern und Klage
Währte noch nachher verschiedene Tage
Und dem guten Vater schmeckte schier
Weder Wein, Zeitung, Tabak noch Bier.
12. Bei der Mutter war die Betrübniß am größten,
Und man vermochte fast nicht sie zu trösten,
Doch bei den Schwestern und Brüdern war,
Wie ich vernommen, weniger Gefahr.
Eilftes Kapitel.
Wie Hieronimus zu Pferde bis zur Poststation kam, und wie er im
Wirthshause einen vornehmen Herrn fand, Herr von Hogier genannt, welcher
ihm heilsame Lehren gab und ein Spitzbube war.
[Illustration]
1. Hieronimus also nunmehro wegreitet,
Seines Vaters Hausknecht ihn begleitet
Bis zu dem nächsten Städtelein,
Da steigt er dann i'n Postwagen ein.
2. Ob nun gleich der Abschied nahe gegangen,
So truge derselbe doch großes Verlangen
Nach der geliebten Universität,
Wo es täglich so lustig ergeht.
3. Kaum hatte er nun Schildburg verlassen
Und er sich befand auf der Landstraßen,
Als er Vater, Mutter, Geschwister vergaß,
Und sich höchlich ergötzte, daß
4. Er nunmehr, als ein freier Studente,
Baß sich täglich vergnügen könnte,
Und des mürrschen Rectors Prügel und Lehr',
Dem Himmel sei Dank! entloffen wär'.
5. Vorzüglich freuete er sich nicht wenig
Und dünkte sich reicher als ein König,
Wenn ihm das Geld im Sinne kam,
Das er von Hause mitte nahm.
6. Vor Allem vergnügte ihn besonder
Das liebe Päcklein, welches er von der
Hochbetrübten Frau Mutter empfing,
Als es ans bittere Scheiden ging.
7. Da es ihm nun an Zeitvertreib fehlte,
Zog er das Päcklein hervor und zählte
Das Geld, welches drin enthalten war,
Und fand mit innigster Freude baar
8. Mehr als dreißig verschiedene Stücke,
Alle von Silber, groß, schwer und dicke,
Gulden und Thaler mannichfalt
Meistens von Gepräge rar und alt.
9. Seine Mutter hatte sie nach und nach ersparet,
Und zum Nothpfennige aufbewahret,
Denn sie war eine weidliche Frau
Klug und sparsam, oder vielmehr genau.
10. Zuweilen mußte ihm auch imgleichen
Der Knecht, sein Begleiter, etwas reichen
Zum Zeitvertreib von den Victualien,
Womit ihn die Eltern zur Reise versehn.
11. Als nun unter diesen Gedanken und Dingen
Dem reisenden Hieronimus die Stunden vergingen:
So gelangte er endlich sehr müde und matt
Ins Wirthshaus der oben gedachten Stadt.
12. Allhie befand sich nun der Postwagen,
Der ihn nach der Universität sollte tragen;
Selbiger war aber zu dieser Zeit
Noch nicht völlig zur Abfahrt bereit.
13. Hieronimus ließ nun vor allen Dingen
Seinen getreuen Gaul zu Stalle bringen,
Welchem sein Knecht das Futter gab,
Und band den schweren Mantelsack ab.
14. Er hat aber auch nicht vergessen,
Sich zu erlaben mit Trinken und Essen,
Und so ward er bald darauf am Tisch
Wieder gestärket, munter und frisch.
15. Es war auch da ein fremder Herr logiret,
Mit einer großen Perücke und reich schameriret,
Welcher aus fernen Ländern kam,
_Herr Baron von Hogier_ war sein Nam'.
16. Dieser erzeigte unserm Helden viel Ehre
Und erkundete freundlich, wer er wäre.
Hieronimus antwortete drauf behend:
»Gnädiger Herr! ich bin ein Student
17. Zu Hochdero Diensten, und ich ziehe
Gleich itzo nach der Akademie
Um zu studiren spät und früh
Die Wissenschaft der Theologie.«
18. »So! dazu wünsch' ich Ihnen viel Glücke!«
Antwortete der Herr mit der großen Perücke;
»Aber nehmen Sie sich wol in Acht,
Daß Sie nicht werden in Schaden gebracht!
19. Ich hab' auch hohe Schulen vormals gesehen
Weiß wol, wie's da pflegt zu ergehen,
Mancher junge Bursche wird da ums Geld,
Durch das verwünschte Spielen geprellt.
20. Und viele, anstatt fleißig zu studiren,
Lassen sich zu Ausschweifungen verführen,
Und verbringen die kostbare Zeit
In aller erdenklicher Liederlichkeit.
21. Ich selbst habe öfters in jüngern Jahren
Die traurige Wahrheit davon, leider! erfahren,
Nehmen Sie also sich fleißig in Acht,
Und denken sie dran, ich hab' es gesagt!«
22. Hieronimus versetzte: »Lieber Heere!
Ich danke viel für die weise Lehre,
Und werde Ihren trefflichen Unterricht
In meinem Leben vergessen nicht.
23. Uebrigens muß ich Euer Gnaden sagen,
Das Spielen thut mir zwar sehr behagen,
Hab' die Ehre zu versichern doch,
Wenn ich spiele, spiel' ich nicht hoch.«
24. »Niedrige Spiele laß ich passiren,
Denn so kann man eben nicht verlieren,
Und man vertreibet sich doch die Zeit
Sehr angenehm und mit Artigkeit.
25. Wir, zum Exempel, könnten nun Beide,
Blos zum Zeitvertreib und zur Freude,
Etwa ein kleines Spielchen auch thun.«
Erwidert der Herr mit der Perücke nun.
26. Hieronimus, gleich im Augenblicke,
Fand den Vorschlag des Herrn mit der Perücke,
Ein Spielchen zu machen, sehr angenehm,
So lange bis der Postwagen käm'.
27. Sie brauchten nun gar nicht lange zu warten,
Der Wirth brachte alsbald neue Karten
Für seine beiden Gäste heran,
Und nunmehr fing man zu spielen an.
28. Anfangs ward niedrig pointiret,
Aber Hieronimus, durch Gewinnsucht verführet,
Fing nun höher zu setzen an,
Weil er die ersten Spiele gewann.
29. Nun aber wendete sich das Glücke
Zum Herrn von Hogier mit der großen Perücke,
Als welchem itzo in jeglichem Spiel
Immer die Karte günstiglich fiel.
30. Das Geld, welches Hieronimus zur Reise
Bestimmt hatte, ging auf diese Weise
Bald hin, und da er noch weiter verlor,
Zog er nun auch das Päcklein hervor.
31. Aber das Glück warf stets noch günstige Blicke
Auf den Herrn mit der großen Perücke,
Und mit einem jeglichen neuen Satz,
Entstand im Päcklein ein leerer Platz.
32. Und in weniger als dreiviertel Stunden
War der mütterliche Segen ganz verschwunden,
Und der Herr mit der großen Perück'
Hatte Alles gewonnen, Stück vor Stück.
33. Denn, daß der Herr mit der großen Perücke
Ihn listiger Weise beim Spiele berücke,
Das merkte der gute Hieronimus nicht --
Denn Herr von Hogier hatte ein ehrlich Gesicht.
34. Es wär ihm endlich gar noch eingefallen
Auch seinen Mantelsack loszuschnallen,
Und er hätte das drin erhaltene Geld
Auch noch auf die unglückliche Karte gestellt.
35. Doch, zu des Hieronimus größtem Glücke
Und zum Leidwesen des Herrn mit der Perücke,
Blies grade itzo der Postillon
Und Hieronimus fuhre davon.
36. Beim Abschied warf er viele unwillige Blicke
Auf den Herrn mit der großen Perücke,
Und mit einigem Ungestüm
Nahm er nunmehr Ade von ihm.
Zwölftes Kapitel.
Wie Hieronimus auf dem Postwagen fuhr, und wie er daselbst eine Schöne
fand, welche er liebgewann, und welche ihm die Sackuhr stahl.
1. Wie's dem Hieronimus im Postwagen
Ferner erging, will ich nun sagen,
Denn er kam so noch nicht los,
Sondern hatte wieder einigen Anstoß.
2. Er dachte hieselbsten öfters zurücke
An den Herrn mit der großen Perücke,
Und es fiele ihm itzo erst ein,
Er müsse ein Spitzbube gewesen sein.
3. Das mütterliche Päcklein ging ihm sehr zu Herzen
Und er konnte dessen Verlust nicht verschmerzen.
Seufzte, und wünschte in seinem Sinn
Den Herrn mit der Perücke zum Henker hin.
4. Er murmelte sogar unverständliche Töne,
Jedoch eine neben ihm sitzende Schöne,
Welche er anfangs bemerkte kaum,
Riß ihn bald aus dem schwermüthigen Traum.
5. Sie schien alt zu sein etwa zwanzig Jahre,
Schön von Gesicht, schwarz von Augen und Haare,
Und rosenroth von Wangen und Mund,
Dabei auch von schönem Wuchse, und
6. Kurz zu sagen, in ihrem ganzen Wesen,
Konnte man nichts als lauter Anmuth lesen;
Sie erkundigte sich in Kurzweil und Scherz
Alsbald nach des traurigen Hieronimi Schmerz.
7. Wobei sie denselben freundlich anlachte;
Dies Lächeln that gute Wirkung und machte,
Daß er, da er dichte neben ihr saß,
Seinen Verlust des Päckleins vergaß.
8. Er gerieth auch wirklich fast in Entzücken,
Weil er in ihrer ganzen Person und Blicken
So viel treffliche Reize fand,
Gefährlich vor sein bischen Verstand.
9. Es hatte noch keine halbe Stunde gewähret,
Als er schon die Lieb', in bester Form, ihr erkläret,
So bündig, als je ein Held im Roman
Die Brunst seiner Schönen erklären kann.
10. Sie schien nicht ungern ihn anzuhören,
Und that ihn gar nicht im Vortrage stören,
Hieronimus ward also endlich so frei
Und rückte näher zu ihr herbei.
11. Ich weiß nicht, ob sonst noch etwas passiret,
Was, laut zu sagen, sich nicht gebühret,
Genug, sie vertrieben sich beide die Zeit
In süßer, vertraulicher Zärtlichkeit.
12. Als sie endlich zur Poststation gekommen,
Hat sie freundlich von ihm Ade genommen,
Wohin sie sich aber nachhero gewandt,
Das soll uns künftig werden bekannt.
13. Da indessen nach einigen Stunden,
Seitdem die Schöne vom Wagen verschwunden,
Hieronimus nach der Sackuhr mal sah,
War auch diese verschwunden und nicht mehr da.
14. Dieser abermalige fatale Possen,
Hat den guten Hieronimus mächtig verdrossen,
Denn er dachte alsbald daran,
Daß die Schöne den Diebstahl gethan.
15. Indeß war nun für den guten Knaben
Weiter nichts übrig, als Geduld zu haben,
Es fiel ihm jedoch nun hintennach ein
Hinfüro etwas vorsichtiger zu sein.
16. Er hat sich dabei feste vorgenommen,
Sobald er auf die Universität gekommen,
Um Geld und um eine neue Uhr
Seinen Eltern zu schreiben nur.
17. Er ist endlich, ohne weitere Unfälle,
Angelangt glücklich an Ort und Stelle,
Folglich war unser Hieronimus
Nunmehro ein Academicus.
Dreizehntes Kapitel.
Wie Hieronimus auf der Universität gar fleißig die Theologie studiren
thät.
1. Als nun Hieronimus arriviret,
Ist er, stante Pede, immatriculiret
Und ward also sofort allhie
Ein Studiosus der Theologie.
2. Sintemal sich nun auf Universitäten
Aus mancherlei Landen, Orten und Städten
Viele Studenten finden ein,
Junge und alte, groß und klein.
3. Gleichergestalten und imgleichen fanden
Sich auch hier solche aus allerlei Landen
Und jährlich kamen noch viele herbei,
Um zu studiren Mancherlei.
4. Zum Exempel: die Theologiam,
Jura, Medicin und Philosophiam,
Und was man sonst für gute Künste hält,
Zum Fortkommen dereinstens in der Welt.
5. Die meisten aber, anstatt zu studiren,
Thaten nur ihre Gelder verschlemmiren
Und lebten lustig und guter Ding,
Indessen die edle Zeit verging.
6. Hieronimus, dem's Studiren zuwider,
Mengte sich bald unter die lustigen Brüder
Und betrug sich in kurzer Zeit schon so,
Als wäre er längstens gewesen do.
7. Denn so gut als der beste Academicus
Lebte er täglich in Floribus,
Und es wurde manche liebe Nacht
In Sausen und Brausen zugebracht.
8. Wein, Tabak und Bier war sein Leben,
Er that dabei die Stimme hoch erheben,
Wenn er mit lautem und starkem Klang
Das ^Gaudeamus igitur^ sang.
9. Als ein wahres Muster fideler Studenten
Verfuhr er bei Allen, die ihn kennten,
Und lebte immer fein burschikos:
Sein drob erhaltener Ruhm war groß.
10. Jene drei verhaßte Geschwister:
Häscher, Pedellen und Philister,
Hat Hieronimus als ein Held
Oeftermalen jämmerlich geprellt.
11. Mehrmals hat er sie periiret,
Oder sie sonst lästerlich vexiret,
Ansonsten sich noch gezeiget auch,
Alles nach Renommistengebrauch.
12. Des Sommers ist er fleißig ausgeritten,
's Winters beim Schnee gefahren auf Schlitten,
Und keine Ergötzlichkeit überhaupt
Hielte Hieronimus für unerlaubt.
13. Mehrmals ist er auch zum Vergnügen
Nach den benachbarten Dörfern gestiegen,
Allwo er dann meistens auf dem Land
Manche gutwillige Schöne fand.
14. Die Fenster hat er oft nächtlich eingeschlagen,
Jungen Füchsen angethan viele Plagen,
Spielte Würfel, Karten und Billiard
Und also nicht sehr gelehrt ward.
15. Im Raufen und Schlagen fand er Vergnügen,
Täglich that er in der Schenke liegen,
Ging aber auch, alle zwei Monat einmal
Zur Abwechselung in den Collegiensaal.
16. Wenn er muthwillige Schulden gemachet,
Hat er die Gläubiger ausgelachet.
Auch ihnen gespielet manchen Betrug,
Sonst auch gemachet der Streiche genug.
17. Kleider und Bücher that er versetzen
Und sich dafür mit Schmausen ergötzen,
Kurz zu sagen zu seiner Zeit
Uebertraf ihn Keiner an Lustigkeit.
18. Zwar mußte er oft ins Carzer gehen,
Ist ihm auch sonst noch wol Strafe geschehen,
Hätt' auch beinahe einmal zum Lohn,
Fast bekommen die Relegation.
19. Drei Jahre lang hat er dies Leben getrieben
Und seinen Eltern oft um Geld geschrieben,
Doch waren die Briefe so eingericht't,
Daß sie seine Aufführung merkten nicht.
20. Zu unsers Hieronimus großem Lobe
Kommt im folgenden Kapitel eine Probe
Von dieser curiosen Correspondenz!
Beschließe also das itz'ge eilends.
Vierzehntes Kapitel.
Welches die Kopei enthält von einem Briefe, welchen nebst vielen andern
der Student Hieronimus an seine Eltern schreiben thät.
[Illustration]
1. _Sehr geliebteste Eltern!_
Ich melde,
Hiebei, daß es mir fehlet an Gelde,
Habet also die Gewogenheit
Und schicket mir bald eine Kleinigkeit.
2. Nämlich etwa 20 bis 30 Ducaten,
Denn ich weiß mich kaum mehr zu rathen,
Weil es alles so knapp geht hier,
Drum sendet doch dieses Geld bald mir.
3. Alles ist hier ganz erschrecklich theuer,
Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer,
Und was sonst etwa vorfällt noch,
Drum schicket die 30 Ducaten doch.
4. Kaum begreift ihr die starke Ausgabe,
Welche ich auf der Universität habe
Für so viele Bücher und Collegia,
Ach wären doch die 30 Ducaten schon da!
5. Ich studire täglich recht fleißig.
Sendet mir doch nächstens die 30
Ducaten, so bald als möglich ist, her,
Denn mein Beutel ist jämmerlich leer.
6. Wäsche, Schuhe, Strümpfe und Kleider,
Friseur, Nähterin, Schuster und Schneider,
Tinte, Federn, Bleistift, Papier,
Kosten viel, schickt die Ducaten mir!
7. Das Geld, welches ihr hoffentlich bald sendet,
Wird, ich schwör' es euch, gut angewendet.
Ja, liebe Eltern! ich behelfe mich
Sehr genau und höchst kümmerlich.
8. Wenn andre Studenten saufen und schwärmen,
So entziehe ich mich allem wilden Lärmen,
Und schließe mich mit den Büchern allein
Auf meiner Studirkammer weislich ein.
9. Außer den nöthigen Kosten und Speise
Erspar ich, liebe Eltern! auf alle Weise
Und trink vor'n Durst kaum einmal Thee,
Denn Geld ausgeben thut schrecklich mir weh.
10. Andre Studenten, die lüderlich prassen,
Thun mich wegen meiner Eingezogenheit hassen,
Und sagen: da geht der Knicker einher,
Er studirt, als wenn er ein Pfarrer schon wär.
11. Manchen Verdruß sie drob schon mir machten,
Ich thu aber ihre Spötterei verachten,
Und was man von meiner Frömmigkeit spricht.
Vergeßt doch die 30 Ducaten nicht!
12. Täglich hab' ich mich zehn ganze Stunden
In den Collegiis bisher eingefunden,
Und wann dann diese Collegia aus,
Studir' ich in übrigen Stunden zu Haus.
13. Die Professors sind trefflich mit mir zufrieden,
Und rathen fast, mich nicht so zu ermüden
In meinen beständigen Studiis
Philosophicis und Theologicis.
14. Es möchte sich zwar nicht geziemen
Mich gegen euch, liebe Eltern! selber zu rühmen,
Doch sage und versich'r ich euch frei,
Daß ich der fleißigste von Allen sei.
15. Oft will mir von allen gelehrten Dingen
Fast der Kopf, sammt dem Hirn, zerspringen,
Und manchmal wird mir gar wunderlich.
(A propos! die Ducaten erwarte ich.)
16. Ja, liebe Eltern! ich lese schier beständig
Und strap'ziere meine Sinnen sehr elendig,
Und meistentheils wird sogar die Nacht
Mit tiefem Meditiren zugebracht.
17. Nächstens gedenk' ich auf die Kanzel zu steigen,
Und mich einmal im Predigen zu zeigen;
Ich disputir' mich auch im Collegium
Ueber gelehrte Materien tapfer herum.
18. Vergesset doch nicht die Ducaten zu schicken,
Damit ich sie schier baldigst möge erblicken.
Ihr bekommt einst dafür in meiner Person
Einen hochgelehrten und klugen Sohn.
19. Da ich auch ein _Privatissimum_ gesonnen
Zu halten und wirklich schon begonnen,
Welches 20 Reichsthaler kosten thut:
So erwart' ich auch diese wohlgemuth.
20. Auch thu ich euch, liebe Eltern! zu wissen,
Daß ich jüngst meinen Rock sehr zerrissen,
Also füget zu obigen Geldern doch
Zwölf Thaler zum neuen Rocke noch.
21. Habe auch neue Stiefel sehr nöthig,
Es ist auch kein Schlafrock mehr vorräthig,
Imgleichen sind meine Pantoffeln und Hut
Auch andre Kleidungsstücke caput.
22. Da ich nun dies alles nicht kann entbehren,
Wollt ihr mir noch a part 4 Louisd'or verehren,
Welche alsdann zur Nothdurft mein
Vielleicht möchten hinreichend sein.
23. Ich bin auch kürzlich todtkrank gewesen,
Und kaum mit genauer Noth wieder genesen,
Doch versich're ich euch mit Hand und Mund
Daß ich itzo sei wieder ziemlich gesund.
24. Der Medicus, welcher mich curiret,
Hat dafür 18 Gulden aufgeführet,
Und die aus der Apotheke gebrauchte Arznei,
Machet, laut Rechnung, zwanzig und drei.
25. Damit nun Arzt und Apotheker kriegen
Das Ihre, werdet ihr gütigst fügen,
Diese ein und vierzig Gulden dazu.
Seid übrigens wegen meiner Gesundheit in Ruh.
26. Die Aufwärterin, welche mich that laben
In der Krankheit, möchte auch wol was haben.
Drum sendet noch sieben Gulden dafür
Und addressirt's mit dem übrigen an mir.
27. Für Citronen, Geleen und Confituren,
Zur Stärkung kranker und schwacher Naturen,
Steht auch noch als ein kleiner Rest,
Acht Gulden bei dem Conditor fest.
28. Diese bemeldte Posten allzumalen
Möchte ich gerne nächstens richtig bezahlen,
Denn ich liebe Ordnung und hüte mich
Vor allen Schulden sorgfältiglich.
29. Ich traue also zu euern milden Händen,
Daß sie mir Alles, nebst den 30 Ducaten senden,
Sobald als euch es möglich wird sein.
Noch fällt mir eine Kleinigkeit ein:
30. Vor 15 Tagen hatte ich's Ungelücke,
Und fiel hoch von der Treppe zurücke,
Als ich ging ins Collegium,
Und stieß mir den rechten Arm fast krumm.
31. Der Chirurgus verlanget derohalben
Zwölf Thaler für Balsam, Pflaster und Salben,
Spiritus und sonstige Schmiererei;
Drum thut auch diese zwölf Thaler noch bei!
32. Doch, damit ihr euch nicht alteriret,
Ich bin, Gottlob! ganz wieder curiret
Und geh' mit gesundem Arm und Bein
Täglich in das Collegium ein.
33. Nur habe ich einen sehr schwachen Magen,
Die Aerzte, die ich consulirt habe, sagen,
Das käme vom vielen Sitzen her,
Und weil ich so erstaunlich fleißig wär.
34. Sie haben mir dieserhalben angerathen:
Warmen Burgunderwein, mit Zimmt und Muskaten,
Des Morgens zu trinken statt des Thee,
Das wäre gut für's Magenweh.
35. Leget also noch bei zwei Pistolen,
Um dafür Burgunder und Würze zu holen;
Gewiß, liebe Eltern! ich trinke es nur
Blos zur verordneten Magencur.
36. Endlich habe ich noch einige Schulden
Von etwa 30 bis 40 Gulden,
Schicket mir also auch, ohne Fehl,
Liebe Eltern! dies Bagatell.
37. Könnte ich, neben bei, für andere Ausgaben
Auch etwa noch ein Dutzend Louisd'or haben,
So käme mir dieses recht bequem,
Und wäre mir wirklich auch angenehm.
38. Wenn ihr euch übrigens gesund befindet
Und nächstens im Briefe mir verkündet,
So wird mir dieses erfreulich sein,
Schließt aber auch ja das Geld mit ein.
39. Hiemit will ich also mein Schreiben beschließen,
Meine Geschwister thu ich freundlich grüßen
Und verharre hierauf zum Schluß
Euer gehorsamer Sohn
_Hieronimus_
40. Ich setze noch eilig zum Postscripte:
Meine hochgeehrte und sehr geliebte
Eltern! ich bitte kindlich,
Schicket doch bald das Geld an mich.
41. Denn, lieber Vater! ich legte 14 französische Kronen
Zurück, sie bis zur äußersten Noth zu schonen,
Allein zum größten Schmerz und Verdruß
Stahl mir solche gestern ein Anonymus.
42. Ich weiß, ihr ersetzt mir, ohne drum zu bitten,
Den Schaden, den ich unschuldig erlitten,
Denn Ihr, als ein hochvernünftiger Mann,
Begreift leicht, daß ich solchen nicht tragen kann.
43. Ich werde indeß möglichst dafür sorgen,
Daß der Anonymus heute oder morgen
Zu eurer Beruhigung und Satisfaction
Bekomme den hanfenen Strick zum Lohn.
Funfzehntes Kapitel.
Folget auch die Kopei der schriftlichen Antwort des alten Senator Jobs
auf vorgemeldeten Brief.
1. Was hierauf des Vaters Antwort gewesen,
Das soll man gleichermaßen nun lesen:
_Mein herzvielgeliebtester Sohn!_
Dein Schreiben hab' ich erhalten schon,
2. Und deine Gesundheit und Wohlergehen
Mit Vergnügen aus demselbigen ersehen,
Jedoch vergnügt es mich eben nicht,
Daß dein Brief wieder von Geld spricht.
3. Es sind noch nicht drei Monate vergangen,
Da du hundert und fünfzig Thaler empfangen,
Fast weiß ich nicht, wo in der Welt
Ich hernehmen soll alle das Geld.
4. Ich höre gern auch, daß du studirest
Und dich fleißig und ordentlich aufführest,
Aber höchst ungern vernehme ich von dir,
Daß du 30 Ducaten forderst von mir.
5. Fast, mein Sohn! sollte ich sagen und glauben,
(Du wirst mir meine Anmerkung erlauben)
Daß, wenn man auf der Universität
Sparsam ist, nicht so viel nöthig hätt'.
6. Zwaren ist es wol gewiß und sicher,
Man hat nicht umsonst Collegia und Bücher,
Jedoch bekommt man für solche Summ'
Manches Buch und Collegium.
7. Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer
Kann auch unmöglich sein so theuer,
Auch Federn, Bleistift, Tinte, Papier
Kaufst du für wenige Groschen g'nug dir.
8. Ich vernehme es zwar auch sehr gerne,
Daß du dich von böser Gesellschaft ferne
Hält'st, und auf der Studirstube sitzst
Und bei den geliebten Büchern schwitzst;
9. Auch daneben nur Thee thust trinken:
Indessen will's mir wahrscheinlich dünken,
Daß, wenn man über den Büchern ruht
Und Thee trinkt, nicht 30 Ducaten verthut.
10. Wenn dich Andre einen Knicker schelten,
So mag dir dieses gleich viel gelten;
Doch, wer so viel Geld verschwendet als du,
Dem kommt der Name Knicker nicht zu.
11. Weil du übrigens von deinem Fleiße schreibest,
So rathe ich, daß du fein dabei verbleibest,
Damit das Geld und die edle Zeit
Angewandt werde in Nützlichkeit.
12. Doch mußt du dich nicht so sehr angreifen
Und im Kopf so viel Gelehrsamkeit häufen,
Denn es trifft, leider! mannichmal ein,
Daß große Gelehrte meist Narren sein.
13. Dein Vorsatz, zu predigen, thut mir gefallen,
Drum übe dich fleißig darin vor allem;
Aber, bei vieler Disputation
Kommt eben nichts Kluges heraus, mein Sohn!
14. Wozu auch das Privatissimum nützet,
Wenn man schon zehn Stunden im Collegio sitzet,
Das begreif' ich um destoweniger wol,
Da es 20 Reichsthaler kosten soll.
15. Doch lasse ich's vor allen andern passiren:
Denn das Geld, welches du zum Studiren
Gebrauchest, gebe ich gerne her,
Und wenn's auch noch dreimal so viel wär.
16. Da auch, wie du schreibst, dein Rock zerrissen,
So kannst du freilich einen neuen nicht missen;
Jedoch das Tuch würde suprafein
Für die verlangten zwölf Thaler sein.
17. Wer aber zum Pfarrherrn will studiren,
Muß nicht mit kostbaren Kleidern stolziren;
Drum wäre ein etwas gröberes Tuch
Zum neuen Rocke dir gut genug.
18. Auch für noch sonstige Kleidungsstücke
Willst du, daß ich vier Louisd'or schicke,
Nämlich für Schlafrock, Pantoffel und Hut,
Weil sie nicht zum Gebrauche mehr gut.
19. Wenn ich aber solches allzumalen
Posten für Posten sonders soll bezahlen,
Wozu sollen dann, lieber Hieronimus mein!
Die verlangten dreißig Ducaten sein?