6. Wenn ich aber nach rechtem Maß und Ehle,

Gleich nicht Alles, wie's sich ziemt hätte, erzähle,

So weiß doch der _geneigte Leser_ schon,

Daß man so was nennt _Volkston_.

7. Von meinem Aeltervater Hans Sachsen

Ist mir die Kunst zu reimen angewachsen,

Drum lieb' ich so sehr die Poesie

Und erzähl' Alles in Reimen hie.

8. Man brauchet gar nicht darob zu spotten,

Die Verse meines Vetters, des Wandsbecker Boten,

Bleiben gewiß noch weit zurück

Hinter den Versen aus meiner Fabrik.

9. Ich habe mich zugleich emsig bemühet,

Wie der _geneigte Leser_ mit Augen siehet,

Daß das Büchlein, wie sich's gebührt,

Mit schönen Figuren würde geziert.

10. Konnte aber nicht neue Kupfer bekommen,

Hab' sie also anderswoher oft genommen,

Doch passen selbige von ohngefähr,

Wie man findet, genau hierher.

11. Sind zwar nicht Chodowieckis Gemächte,

Können jedoch, wie ich fast gedächte,

Noch immer, wie jene gut genug,

Durch die arge Welt helfen das Buch.

12. Und ob die Bilder gleich nicht sind die feinsten,

So sind die Verse ja auch nicht die reinsten;

Und darum ist's ja löblich und gut,

Daß eins mit dem andern harmoniren thut.

13. Nun, mein Büchlein, ich will's nicht hindern,

Geh, ohne mich, zu den Menschenkindern;

Manches Büchel, nicht besser als du,

Eilt ja jährlich den Messen zu!

14. Hiemit will ich förmlich nun legen,

Kraft meiner Finger und von Autors wegen,

Als dein zärtlicher Vater gar mildiglich

Meinen Segen, liebes Büchlein! auf dich.

15. Der Himmel wolle dich fein lange bewahren,

Vor Kritiken, Motten und Fidibus-Gefahren,

Und was etwa noch sonst für Noth

Denen gedruckten Büchelchen droht!

16. Du müssest in- und außerhalb Schwaben,

Deinem Vaterlande, viele Leser haben;

Damit Schrift, Papier und Druckerei

Nicht, Gott behüte mich! verloren sei.

17. Allen und Jeden, die lesen und bezahlen,

Melde meinen Gruß zu tausend Malen,

Und jedem hochweisen Herrn Recensent

Vermelde insonders mein Compliment.

18. Sag' ihnen, doch demüthig, wie sich's gebühret,

S' hätten gepriesen und gerecensiret

Manches geringe Büchlein hoch,

Viel elender geschrieben als du noch.

Zweites Kapitel.

Von den Eltern unsers Helden und wie er geboren ward, und von einem

nachdenklichen Traum, den seine Mutter hatte.

[Illustration]

1. Eh' ich weiter gehe, muß ich etwas melden

Von den beiden Eltern unsers Helden,

Auch noch ein oder anders Wort,

Von seinem wahren Geburtsort.

2. Und zwar war es ein Städtlein in Schwaben,

Wo seine Eltern gewohnet haben,

Alda sein Vater, Hans Jobs, ohne Gefahr

_Erster_ ehrwürdiger Rathsherr war.

3. Er war reich, hatte Schafe, Kühe und Rinder,

Auch außer unserm Helden noch viele Kinder,

Sowol von männlich- als weiblichem Geschlecht,

Und lebte übrigens schlecht und recht.

4. Hatte dabei einen kleinen Weinhandel,

War aufrichtig im Leben und Wandel,

Und sowol im Rathhaus als daheim fromm,

Dabei auch ein großer Oekonom.

5. Er war von Religion ein ächter Lutheraner,

In der Philosophie aber nicht Kartesian- noch Wolfianer,

Weil er überhaupt weder _Kartes, Wolf_ oder _Kant_

Noch sonst eigentlich Philosophie verstand.

6. Jedoch hatte er ein wenig studiret

Und ein Jahr lang das Gymnasium frequentiret,

Wußte folglich in so weit viel mehr

Als sonst gewöhnlich ein hochweiser Rathsherr.

7. Er lieh gern Dürftigen und Elenden,

Wenn sie Etwas hatten zu verpfänden,

Nahm höchstens zwölf Procent davon

Und war sehr dick und klein von Constitution.

8. Aß übrigens und trank nach Appetite

Und bei seinem phlegmatischen Geblüte,

Rauchte er manche Pfeife Tabak,

Und fand am Zeitungslesen Geschmack.

9. Doch oft litte er von überlaufender Galle

An einem starken podagrischen Anfalle,

Doch hinderte ihn dieses niemals nicht

Zu verrichten als Rathsherr seine Pflicht.

10. Die Mutter war von ehrsamem Stande,

Die beredtsamste Frau im ganzen Schwabenlande,

Groß und hager und tugendsam

Und so sanftmüthig als ein Lamm.

11. Doch, wie es in den allermeisten Ehen

Leider! nicht selten pfleget zu geschehen,

Hatte sie im Hause dann und wann,

Bei Gelegenheit, die Hosen an.

12. Dies gab nun zwar, wie leicht zu gedenken,

Zuweilen kleine Händel und Gezänken;

Im übrigen aber liebte sich

Dieses theure Paar gar zärtlich.

13. Sie hatten nun seit etlichen Jahren

Die Geburt mehrerer Kinder schon erfahren,

Doch geschahe es abermals zur Hand,

Daß sich Frau Jobs wieder schwanger befand.

14. Als sie nun nach etwa neun Monaten sahe,

Daß die Zeit ihrer Entbindung sich nahe:

So machte gedachte Frau Jobs alsbald

Zur Niederkunft die gehörige Anstalt.

15. Ehe ich aber nun weiter hier dichte,

Erzähl' ich erst eine besondere Geschichte,

Oder einen Traum dieser Frau vielmehr,

Welcher allerdings gehört hieher.

16. Die Erfahrung lässet manches Mal sehen,

Daß die Träume gewiß nicht zu verschmähen,

Lieber Leser! das glaube mir,

Du siehst davon ein Exempel hier.

17. Einst nämlich lag Frau Jobsen im Bette,

Und es kam ihr im Traum vor, als hätte

Sie ein gewaltiges großes Horn,

Statt eines kleinen Kindleins, geborn.

18. Dieses Horn nun tönte und krachte

So mächtig, daß sie darob erwachte,

Und sie hat, seitdem sie erwacht,

Oefters darüber nachgedacht.

19. Eine Frau, welche sie über die Deutung gefraget,

Hat ihr damals zu ihrem Troste gesaget:

Es zeige deutlich der Traum an,

Daß ihr Kind werde ein gewaltiger Mann.

20. Und daß seine Stimme ihn würde ernähren,

Er würde sie als Pfarrer lassen hören;

Denn das beweise klärlich und schön

Das große Horn mit seinem Getön.

21. Doch wir wollen uns hieran nicht kehren,

Die Zukunft wird die Bedeutung wol lehren,

Wenn das Kind zu seinen Jahren wächst.

Ich schreite nun wieder zum Text.

22. Die Mutter legte nun Windel und Hemder

Zurechte, und am dreißigsten September

Wurde dieselbe zu rechter Zeit

Durch die Geburt eines Knäbleins erfreut.

23. Welch ein Vergnügen gab dies dem Vater!

Himmel! wie freute sich der Senater!

Und wie sprang er nicht, als er da

Das artige Büblein zur Welt sah.

Drittes Kapitel.

Wie Frau Kindbetterin Jobsen einen Besuch von ihren Freundinnen bekam,

und was Frau Gevatterin Schnepperle dem Kinde geprophezeit hat.

1. Frau Jobsen war also, wie eben gesprochen,

Mit dem jungen Jöbslein in den Wochen,

Er selbst lag eingewickelt neben ihr da,

Schlief, und wußt' nicht, wie ihm geschah.

2. Wie voll Jubel Alles im Hause gewesen,

Das läßt sich nicht Alles genau lesen;

Verwandte und Nachbarn nahmen am Heil

Auch, wie leicht zu erachten ist, Theil.

3. Täglich war in der Wochenstube Lärmen,

Als wenn im Maimonate Bienen schwärmen

Und es ging immer sum, sum, sum

Ums Wochenbette lustig herum.

4. Es waren jetzt genau drei Tage,

Seitdem die Mutter im Wochenbette lage,

Als zum Kaffee auf den Nachmittag,

Ein ganzer Schwarm Frauen ihr zusprach.

[Illustration]

5. Und zwaren von allen diesen Madamen,

Die auf den Kaffee zu Frau Jobsen kamen,

Zeichnete sich bei dem braunen Schmaus

Frau Schnepperle durch Beredsamkeit aus.

6. Der Vater des Jöbschens war ihr Vetter;

Zuerst sprach die Gesellschaft vom Wetter

Und von dergleichen Sachen mehr,

Die wichtig sind in das Kreuz und die Quer.

7. Darauf forschte man, wie sich Frau Kindbetterin befinde?

Erkundigte sich auch nach dem jungen Kinde:

Ob's mit Appetit den Futterbrei

Genösse und fein stille sei?

8. Man that ihm hierauf nach der Reih' die Ehre,

Hob es auf, rühmte seine Größe und Schwere,

Und bewunderte einmüthig weit und breit

Seine mehr als gemeine Artigkeit.

9. »Meine hochgeehrte Frau Base!«

Schnatterte Frau Schnepperle, etwas durch die Nase,

»Das Kind wird wahrlich ein gelehrter Mann,

Ich seh's ihm an seinem Gesichte an.

10. Habe neulich ein schönes Buch gelesen,

Als ich auf der Rathsbibliothek gewesen,

Welches von der Kunst Physiognomei

Handelt, und was davon zu halten sei;

11. Darin stunden schrecklich viele Gesichter,

Gelehrte, dumme, fromme Bösewichter,

Silhouetten von feiner und schlimmer Gestalt,

Auch Köpfe von Thieren, jung und alt.

12. Wenn ich etwa nicht unrecht gesehen,

So glaub' ich daraus zu verstehen,

Daß ein solches verkehrtes Gesicht

Viel zukünftiges Genie verspricht.

13. Und wollte schier gewiß versichern:

Das Kind geht einst um mit Büchern;

Und ist wol gar zum Pfarrer bestimmt,

Wenn es künftig zu Jahren kümmt.

14. Seine starke Stimme scheint es anzuzeigen,

Daß es einst werde die Kanzel besteigen.«

(Notabene: Der kleine Jobs schrie hier just,

Gerade als wenn er es hätte gewußt.)

15. Die Frau Schnepperle sprach noch viel Worte,

Sie gehören aber nicht an diesen Orte.

Alle Frauen fielen mit großem Geschrei

Der Rede der klugen Frau Schnepperle bei.

16. Nachdem nun die Visite war zu Ende,

Reichten sie alle der Frau Jobsen die Hände,

Dankten für alle genossene Ehr'

Und gingen hin, wo sie gekommen her.

17. Die Wöchnerin bekam zwar vom Lärm Kopfschmerzen,

Nahm aber die Rede der Frau Schnepperle zu Herzen;

Zumal da diese im Ruf stand,

Als wäre ihr was von der Magie bekannt.

Viertes Kapitel.

Wie das Kindlein getauft ward, und wie es _Hieronimus_ genannt ward.

1. Als noch einige Tage waren vergangen,

Schien das Kind die Taufe zu verlangen,

Indem es immer erbärmlich schrie

Und seiner Mutter machte viel Müh'.

2. Es half davor weder Brust noch Süppchen

Noch ein im Munde gestecktes Zuckerpüppchen,

Sondern es rief in einem fort,

Daß Niemand hören konnt' sein eigen Wort.

3. Man machte drum in Senator Jobsens Hause

Anstalten zum Kindtaufenschmause

Und schleppte der Speisen mancherlei

Zum morgenden Tractamente herbei.

4. Auch wurden Torten, Kuchen und mehr Sachen

Zum Nachtische bereitet und gebachen,

Auch an Wein, und Tabak und Bier

War gewiß kein Mangel hier.

5. Gevattern, Freunde und Verwandte,

Hebamme, Nachbarn und Bekannte

Stellten sich darauf artig und fein,

Zur gehörigen Stunde ein.

6. Auch Küster und Pfarrer mit dem Formulare,

Wie leicht zu gedenken ist, da ware;

Imgleichen ein ganzer hochweiser Senat

Sich zeitig dabei eingefunden hat.

7. Es waren auch sonst noch viele Gäste

Auf diesem großen und hohen Feste,

Und ich sag' es zu Jobsens Ehr':

Es ging Alles fein ordentlich her.

8. Jedoch that sich ein Disput erheben,

Was man dem Kind für einen Namen wollt' geben:

Heinz, Kunz, Matz, Peter oder Hans,

Diez, Jost, Hermann oder Franz.

9. Von diesen sonst schönen Namen allen

Wollte keiner allgemein gefallen,

Und es würde gewiß noch zuletzt

Haben nicht geringe Händel gesetzt.

10. Der Pfarrer aber, als ein kluger Herre,

That den Ausspruch, daß es rathsam wäre,

Bei diesem Zwist im Kalender zu sehen,

Was am Geburtstag möcht' für ein Name stehen.

11. Es ward also, ohne weiter zu fragen,

Vom Küster der Kalender aufgeschlagen,

Und man fand darauf ohne Müh'

Den Namen des heiligen Hieronimus hie.

12. Solcher kluger Rath hat gleich Allen,

Sowol Gevattern, als Eltern gefallen;

Und man faßte also in pleno den Schluß,

Das Kind sollte heißen Hieronimus.

13. Nachdem nun der wichtige Handel geschlichtet,

Ward der Actus vom Herrn Pfarrer verrichtet,

Und zwar nach dem gewöhnlichen Fuß,

Und nun hieß das Kind _Hieronimus_.

14. Alles Uebrige ging ruhig und schöne,

Pfarrer und Küster thaten sich recht bene,

Und es wurde fast die halbe Nacht

Gegessen, getrunken, geraucht und gelacht.

Fünftes Kapitel.

Womit sich das kleine Kind Hieronimus beschäftiget hat.

1. So lang Hieronimüschen in Windeln geblieben,

Hat er sich die Zeit damit vertrieben,

Daß er schlief, aß, sog oder trank,

Oder zuhörte der Mutter Wiegengesang.

2. Und zwar schlief, aß, sog und trank er nicht minder,

Als sonst zu thun pflegen zwei oder drei Kinder;

Wurde dabei recht fleißig gewiegt,

War aber bei dem allen noch nicht vergnügt.

3. Sondern lärmte schier oft ganze Tage

Und erhub in der Wiege bittere Klage,

Als wenn ihn was Großes hätte gequält,

Obgleich dem Schreier gar nichts gefehlt.

4. Einige kluge Leute wollten behaupten,

Als wenn sie nicht ohne Ursache glaubten,

Daß etwa eine Behexerei

(Mit Respect zu melden) im Spiele sei.

5. Drob ward oft der Arzt herbeigeführet

Und die Hebamme consuliret,

Und manches Rhabarbartränklein

Auch wol Mohnsaft gegeben ein.

6. Er war also seiner Mutter fast beschwerlich,

Indeß befand er sich dabei gar herrlich,

Wuchs, und ward mit jedem Augenblick

Fett, groß, mächtig, stark und dick.

7. Vater und Mutter hatten also beide

An diesem lieben Kinde viele Freude,

Und gaben manchen herzlichen Kuß

Ihrem kleinen Hieronimus.

8. Mehr hab' ich von den ersten drei oder vier Jahren

Des kleinen Jöbschen nicht können erfahren.

Beschließe also dies Kapitel hiemit

Und thue zum folgenden den Schritt.

Sechstes Kapitel.

Thaten und Meinungen des Hieronimus in seinen Knabenjahren, und wie er

in die Schule ging.

1. Von den andern Kinderjahren unsers Helden

Kann ich zwar ebenfalls nicht viel melden,

Sintemal die Laufbahn des Lebens sein

Bishero gewesen noch eng und klein.

2. Gefolglich ist von seinen Thaten und Werken

Eben nichts Sonderliches anzumerken;

Jedoch blieb immer, so lang er noch jung,

Essen und Trinken seine Hauptbeschäftigung.

3. Er hatte aber sonst noch viele gute Gaben,

Spielte lieber mit Mädchen als mit Knaben,

Zankte und neckte auch oft beim Spiel

Und machte der losen Streiche viel.

4. Auch lernte er ohne sonderliche Mühe

Lügen, Fluchen und Schwören frühe,

Und hat dadurch in der Nachbarschaft

Bei andern Kindern viel Erbauung geschafft.

5. Er schluckte und naschte ebenfalls gerne,

Aß Obst, Rosinen und Mandelkerne,

Und kaufte für sein bekommenes Geld

Die leckersten Sachen von der Welt.

6. Mit seinen Geschwistern konnt' er sich nicht vertragen,

Aber sein Vater that ihn nie schlagen,

Und seine Mutter, die gute Frau,

Nahm auch selten Alles so genau.

7. Auch war er viel größer als andre Kinder,

Keiner seinesgleichen sprang und lief geschwinder,

Und kein einziger war so stark als er,

Und wer ihn erzürnte, den nahm er her.

8. Da es ihm nun nicht fehlte an Kräfte,

So verrichtete er manche Hausgeschäfte,

Holte zuweilen Futter fürs Vieh

Und unterzog sich der Oekonomie.

9. Oder er ritte die Pferde in die Tränke,

Oder er holte Bier aus der Schenke,

Brachte auch manches frische Ei,

Aus dem Hühner- und Gänsstall herbei.

[Illustration]

10. War auch sonst ein guter dummer Junge,

Hatte dabei eine starke kräftige Lunge,

Und predigte oft auf der Bank aus Scherz.

Dies alles ging seinen Eltern ans Herz.

11. Denn sie sahen mit innigstem Vergnügen

Solche Talente im Hieronimus liegen,

Und dachten sehr oft in ihrem Sinn,

Da stecket gewiß ein Pfarrer in.

12. Besonders die Mutter, wenn sie daran dachte,

Was ihr vormals Frau Schnepperle sagte,

Und an ehmals gehabten Traum,

Wußte sich für Freude zu lassen kaum.

13. Denn Alles schien sich zusammen zu schicken

Und die Sache natürlich auszudrücken;

Und wenn sie dieses erwoge, so war

Der künftige Pfarrer hier offenbar.

14. Er wurde also und dergestalten

Fleißig zur Schule angehalten,

Welches doch Hieronimo übel gefiel,

Denn er war viel lieber beim Spiel.

15. Und die Bücher waren ihm zuwider,

Er warf sie oft auf die Erde nieder,

Und bei dem Lumpen A, B, C, D,

That ihm immer der Kopf weh.

16. Zwar der Präceptor that sich bemühen

Ihn zu allem Guten zu erziehen,

Und er und die Ruthe in Compagnie

Arbeiteten fleißig an seinem Genie.

17. Dieser Mann hatte vorzügliche Gaben

Zu erziehen muthwillige Knaben,

Und auf ihre Hosen und Rock

Spielte sehr oft sein mächtiger Stock.

18. Nach vielem Bemühen und sauerm Schweiße

Gelang's des Mannes herkul'schem Fleiße,

Und Hieronimus buchstabirte bald,

Als er ohngefähr war zehn Jahr alt.

19. Wie alt er aber eigentlich gewesen,

Als er fertig das Deutsche konnte lesen,

Das weiß ich eigentlich in der That

Nicht so genau und accurat.

20. Da er nun zu größern Jahren gekommen,

Ward er aus der Deutschen Schule genommen,

Und, um zu lernen das Latein,

Geschickt in die Lateinische Schule hinein.

21. Wie es ihm nun daselbst ergangen,

Und was er Gutes sonst angefangen,

Dieses stell' ich dem Leser hier

In dem folgenden Kapitel für.

Siebentes Kapitel.

Wie der Knabe Hieronimus in die Lateinische Schule kam, und wie er da

nicht viel lernte.

[Illustration]

1. Hieronimus, um weiter zu studiren,

Fing nun an ^Mensa^ zu decliniren,

Trieb auch sonst jedes nöthige Stück

Aus der lateinischen Grammatik.

2. Lernte danebst manche Vocabel auswendig,

Indeß ging doch Alles sehr elendig;

Denn das verwünschte Lauselatein

Wollte nicht in seinen Kopf hinein.

3. Beim Conjugiren und beim Syntaxis,

Und bei der lateinischen Praxis

Da war vollends der Henker los,

Und er bekam manchen Rippenstoß.

4. Denn der Rector, als ein Hypochondriacus,

Schonte gar nicht den Hieronimus,

Und prügelte oft, als wäre er toll,

Dem armen Knaben das Leder voll.

5. Bei dieser peinlichen Lehrmethode

Grämte sich der Junge fast zu Tode,

Und wünschte oftmal in seinem Sinn

Den mürr'schen Rector zum Henker hin.

6. Zwar spielte er ihm wieder heimlich viel Possen

Für die Schläge, welche er von ihm genossen,

Und der Mann hatte manchen Verdruß

Ob dem muthwilligen Hieronimus.

7. Denn seine Papiere und große Perücke

Riß er ihm incognito oft in Stücke,

Und that auch sonst noch dem braven Mann

Alles gebrannte Herzeleid an.

8. Auch brachte er seine Schulkameraden

Viel und manchmal in bittern Schaden,

Weil er sich mit keinem vertrug

Und sie öfters zu Boden schlug.

9. Auch weder ihre Kleider, noch ihre Bücher

Waren vor seinem Muthwillen sicher,

Und er spielte viel Schabernack,

Meistens von bösem Nachgeschmack.

10. Wenn auch einer etwa sich übel betragen,

Thät er ihn gleich beim Rector verklagen;

Dann ging's über den armen Buben her

Und er freuete sich drob sehr.

11. Der Schule übrigens überdrüssig

Ging er zu Hause größtentheils müßig,

Und so verstrich allmählich die Zeit

In unnützlicher Unthätigkeit.

12. Vom Griechischen will ich gar nichts sagen,

Denn das wollte ihm nimmer behagen.

Und beim barbarischen Typto, Typteis,

Kam Hieronimus über und über in Schweiß.

13. Er dachte also klüglich: das sei ferne,

Daß ich solch kauderwelsches Zeug lerne;

Und was nun noch das Hebräische betrifft,

Dieses floh er vollends als Gift.

14. Er machte also gar wenig Progressen.

Außer im Lügen, Schwören, Trinken und Essen,

Auch etwa in Erfindung eines Fluchs

Ward der Knabe fein stark und wuchs.

Achtes Kapitel.

Wie die Eltern des Hieronimus mit dem Rector und mit andern Freunden zu

Rathe gingen, was sie aus dem Knaben machen sollten.

1. Nachdem nun der Knabe achtzehn Jahre

Und noch etwas darüber alt ware,

Auch wirklich schon eines halben Kopfs

Größer war, als der alte Hans Jobs;

2. Fingen die Eltern an nachzusinnen,

Was nun ferner mit ihm zu beginnen,

Denn es war jetzt die höchste Zeit

Und die Sache von äußerster Wichtigkeit.

3. Vor Allen that man den Rector fragen,

Was derselbe vom Knaben möchte sagen,

Und wozu er das meiste Geschick

Haben möchte zum künftigen Glück.

4. Dieser Mann nun wollte nicht heucheln

Noch den Eltern mit leerer Hoffnung schmeicheln,

Drum sagte er ihnen gleich rund heraus:

»Aus dem Knaben wird nichts Rechtes aus.

5. Das Studiren ist wahrlich nicht seine Sache;

Drum ist's am klügsten gethan, man mache

Einen hiesigen Rathsherrn aus ihm,

Oder thu' ihn sonst wo zum Handwerke hin.

6. Ich habe es mannichmal in den Schulstunden

Zu meinem höchsten Leidwesen gefunden,

Daß in ihm nichts Besonders sitzt,

Welches einem ehrsamen Publico nützt.«

7. Diese Rede hat den Eheleuten Jobsen,

Wie leicht zu schließen ist, heftig verdrobsen;

Drum hörten sie solche mit Verachtung an,

Und hielten den Rector für 'n dummen Mann.

8. Es wurden nun mehr Freunde zu Rathe gezogen,

Und die Sache vernünftiger ^pro et contra^ erwogen,

Und 's ging in der Versammlung gerade so her,

Als wenn der alte Jobs zu Rathhause wär'.

9. Nämlich, nach etwa drittehalb Stunden

Ward ein Mittel zur Vereinigung funden:

_Man stellte weislich auf 'n neuen Termin

Die Sache zur nähern Erwägung dahin._

Neuntes Kapitel.

Wie die Zigeunerin Urgalindine auch wegen des Hieronimus um Rath

gefraget ward, welche die Kunst ^Chiromantia^ verstand.

1. Die Gesellschaft war nun kaum in Frieden

Aus Rathsherrn Jobsens Hause geschieden,

So führte das Glück von ohngefähr

Eine alte Zigeunerin her.

2. Sie war von einem uralten Stamme,

Urgalindine war ihr Name,

Und Aegypten ihr eigentliches Vaterland,

Und die Mutter ehemals als Hexe verbrannt.

3. Sie konnte der Menschen Thun und Wesen

Deutlich in den Strichen der Hände lesen,

Sagte auch manches so deutlich vorher,

Als wenn's wirklich schon geschehen wär'.

4. Manches Mädchen hat sie recht sehr erfreuet,

Wenn sie ihm nahe Hochzeit geprophezeiet,

Und den Bräutigam so klärlich genannt,

Als hätte sie ihn schon längstens gekannt.

5. Manchen unmuthsvoll wartenden Erben

Wahrsagte sie des reichen Onkels Sterben,

Und erfreuete solche oft;

Denn die Onkels starben unverhofft.

6. Manchen fast verzweifelnden Ehegatten,

Welche, leider! böse Weiber hatten

Und den Tod derselben gerne sahn,

Kündigte sie nahe Erlösung an.

7. Manchem Stutzer, der kräftig gerochen

Nach Jasmin und Pomade, hat sie versprochen,

Trotz aller seiner Lächerlichkeit,

Dennoch dummer Schönen Gewogenheit.

8. Ihre Rede wußte sie stets also zu fügen,

Daß sie immer gereichten zum Vergnügen;

Doch half eine kluge Zweideutigkeit

Ihr manchmal aus der Verlegenheit.

9. Jedem verkündigte sie eine besondere gute Märe,

Tapfern Soldaten Pulver, Kugeln und Ehre,

Armen Schluckern einen Haufen Geld,

Alten Matronen das Himmelszelt.

10. Sie verstund noch viel mehr andere Künste;

Aber ihre große und seltene Verdienste

Machten sie nicht von Häschern frei,

Denn sie stahl ein wenig nebenbei.

11. Kurz! man fand nirgends ihresgleichen,

Endors Hexe hätte ihr müssen weichen,

Wenigstens in Lügen und Chiromantie

War keine Zigeunerin klüger als sie.

12. Als Frau Jobs ihre Ankunft vernommen,

Ist sie zu ihr hinaus gekommen,

Und hielte wol an des Hauses Thür

Folgende kurze Rede an ihr:

13. »Meine geliebte Frau Urgalinde,

Kommen Sie doch einmal zu meinem Kinde,

Um ihm zu sagen gutes Glück

Von seinem zukünftigen Geschick.

14. Sie werden hoffentlich die Güte haben;

Und mir es sagen, was von dem Knaben

Hieronimus eigentlich zu machen ist

Ohne Trug und arge List.«

15. »_Madame_«, antwortete sie, »_das soll geschehen,

Lasse sie mich nur seine Hände sehen;

Dann sag' ich als eine aufrichtige Frau

Ihm sein künftiges Schicksal genau._«

16. Man ließ also den Hieronimus holen,

Und Frau Urgalinde hat ihm befohlen,

Seine rechte Hand zu reichen dar,

Welche etwas beschmutzet war.

17. Die Zigeunerin mit forschendem Blicke

Erkundete nun alle und jede Stücke,

Maß die Flächen und Linien auch,

Alles nach Chiromanten Gebrauch.

18. Darauf ward sie einen Augenblick stille,

Endlich gleich einer Delphischen Sibylle

Murmelte sie etwas zwischen dem Zahn

Und hub folgende Prophezeiung an:

19. »_Ich sehe, mein lieber Hieronimus, ich sehe,

Nach der Kunst, die ich gründlich verstehe,

Dein ganzes künftiges Schicksal. Mein Sohn!

Deines Halses gewaltiger Ton_

20. _Wird manchen frechen Bösewicht schrecken,

Manchen schlafenden Sünder wirst du aufwecken,

Dermaßen, daß die ganze Stadt

An deiner Rede Erbauung hat._

21. _Fromme und Böse wirst du bewahren,

Sie warnen für Leibes- und Seelen-Gefahren

Und über Jung und Alt, Groß und Klein

Ein munterer getreuer Hüter sein._

22. _Jedermann wird deine weisen Lehren

In dieser Stadt dereinst öffentlich hören,

Und wenn dann dein geöffneter Mund spricht,

So antwortet dir Keiner nicht._

23. _Ich darf es für dieses Mal nicht wagen,

Dir ein mehrers von deinem Geschicke zu sagen,

Es ist auch dieses dermalen genug,

Nun gehe hin, mein Sohn, und sei klug._«

24. Hier endigte sich Urgalindinens Rede;

Sowol Mutter als Vater waren beede,

Ob dem, was itzo geprophezeit,

Sehr zufrieden und höchlich erfreut.

25. Denn in ihren Gedanken war er

Ganz gewiß ein künftiger Pfarrherr,

Wenn anders die Weissagung träfe ein;

Denn wie könnte es deutlicher sein?

26. Urgalindine ist drauf weggegangen,

Nachdem sie einen stattlichen Lohn empfangen.

Man saget, als sie linksum gemacht,

Habe sie über Eltern und Sohn gelacht.

27. Nunmehr wurde dem Rector zum Possen

Sowol vom Herrn Jobs als Frau Jobs beschlossen,

Daß der geliebte Hieronimus

Werden sollte ein Theologus.

28. Es wird also nach Akademien

Im folgenden Kapitel Hieronimus ziehen,

Wenn wir vorhero haben gesehn,

Was noch bei seinem Abschied geschehn.

Zehntes Kapitel.

Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen · 第 2 / 20 段