In der Philosophie Kants erlangt dieser Begriff der Individualität

seine höchste intellektuelle Sublimierung. Alles Erkennen, so lehrt er,

kommt zustande, indem die an sich zusammenhangslose Mannigfaltigkeit

der Sinneseindrücke zu Einheiten geformt wird. Dies ist dadurch

möglich, daß der Intellekt, in dem dies sich abspielt, selbst eine

Einheit, ein Ich ist. Daß wir statt vorüberhuschender Empfindungen

ein Bewußtsein von +Gegenständen+ haben, ist der Ausdruck der

Vereinheitlichung, die unser Ich an jenen vornimmt, das Objekt ist

das Gegenbild des Subjekts. So wird das Ich -- nicht das zufällige,

psychologische, individuelle, sondern das fundamentale, schöpferische,

unwandelbare -- zum Träger und Produzenten der Objektivität; die

Erkenntnis ist in dem Maße objektiv wahr, sachlich notwendig, in dem

sie von jenem reinen Ich, von der letzten Instanz in der erkennenden

Seele, geformt wird. Aus dieser unerschütterlichen Voraussetzung der

+einen+ Wahrheit, der +einen objektiven+ Welt, folgt deshalb, daß in

allen Menschen das Ich, das jene bildet oder bilden könnte, immer das

gleiche sein muß. So ist der Kantische Idealismus, der die erkennbare

Welt zum Produkte des Ich macht und zugleich an der Einzigkeit und

Immergleichheit der wahren Erkenntnis festhält, ein Ausdruck jenes

Individualismus, der in allem, was Mensch ist, den unbedingt gleichen

Kern sieht, der das im Tiefsten Produktive in uns allen für ebenso

gleichartig -- wenn auch nicht immer gleich entwickelt und erscheinend

-- halten muß, wie die erkannte Welt, die für jeden, der Mensch ist,

dieselbe ist. -- In derselben Tiefe, in der für Kant aus der Gleichheit

der Ichs die +Gleichheit+ ihrer Welten erwächst, wurzelt ihm ihre

+Freiheit+. Das Ich des Idealismus, als dessen Vorstellung allein

eine Welt gegeben sein kann, verkörpert die absolute Unabhängigkeit

der Person von allen Bedingungen und Bestimmungen außerhalb ihrer.

Indem das Ich alle bewußten Daseinsinhalte formt, darunter auch

das empirische Ich, kann es nicht selbst wieder von irgendwelchen

unter ihnen geformt werden. Aus allen Verflechtungen mit der Natur,

mit einem Du, mit der Gesellschaft hat das Ich hier seine absolute

Souveränität herausgewonnen, es steht so sehr auf sich selbst, daß

sogar seine Welt noch auf ihm stehen kann. Dieses Ich müssen alle

geschichtlichen Mächte schon gewähren lassen, da es überhaupt nichts

über sich, ja, nichts neben sich hat und seinem Begriffe nach keinen

andern Weg gehen kann, als den seine eigene Wesensform ihm vorzeichnet.

Indem diese Epoche die von aller Bindung und Sonderbestimmung gelöste

und deshalb immer gleiche Individualität: das Abstraktum Mensch --

zur letzten Substanz der Persönlichkeit macht, steigert sie jenes

Abstraktum zugleich zum letzten +Werte+ dieser. Der Mensch, sagt

Kant, ist zwar unheilig genug, aber die Menschheit in ihm ist heilig.

Und Schiller: „Der Idealist denkt von der Menschheit so groß, daß er

darüber in Gefahr kommt, die Menschen zu verachten.“ Für Rousseau,

der gewiß ein starkes Gefühl für die individuellen Verschiedenheiten

hat, liegen diese dennoch auf der Oberfläche: je mehr der Mensch zu

seinem eigenen Herzen zurückkehrt, statt der äußeren Relationen seine

innere Absolutheit erfaßt, um so stärker fließt in ihm, d. h. in jedem

gleichmäßig, die Quelle der Güte und des Glücks. Wenn so der Mensch

wirklich er selbst ist, besitzt er eine gesammelte Kraft, die für mehr

als seine Selbsterhaltung ausreicht und die er sozusagen auf andere

überströmen kann, durch die er die andern in sich aufnehmen, mit sich

identifizieren kann: wir sind also um so sittlich wertvoller, um so

mitleidiger und gütiger, je mehr jeder nur er selbst ist, d. h. je

mehr er jenen innersten Kern in sich souverän werden läßt, in dem

alle Menschen, jenseits der Verworrenheit ihrer gesellschaftlichen

Bindungen und zufälligen Einkleidungen, identisch sind. Indem das

echte Individuum mehr ist als die empirische Individualität, hat es in

diesem Mehr die Möglichkeit, abzugeben, seinen empirischen Egoismus

zu übergreifen. Der Naturbegriff bildet hier zugleich den Knotenpunkt

zwischen Natur und Ethik; seine Doppelrolle im 18. Jahrhundert kommt

in Rousseau zum stärksten Ausdruck. Ich wies auf ihre Bedeutung für

das Individualitätsproblem schon hin: die Natur ist nicht nur das,

was eigentlich allein +ist+, das Substantielle in allem Flackern und

Wirbeln der Geschichte, sondern sie ist zugleich das Seinsollende, das

Ideal, um dessen wachsende Verwirklichung es sich erst handelt. Dies

kann als widerspruchsvoll erscheinen: daß das wahrhaft Seiende ein

erst noch zu erreichendes Ziel sein solle. Tatsächlich aber sind dies

die beiden Seiten eines einheitlich-psychologischen Verhaltens zu mehr

als einem von unseren Wertbegriffen, das wir nicht anders als in jener

für die Logik nicht kommensurabeln Zweiheit ausdrücken können. Und

gerade in der Besonderung zu dem Ichproblem wird die Doppelbedeutung

des „Natürlichen“ am ehesten nachfühlbar. Wir fühlen in uns eine

letzte Realität, die das Wesen unseres Wesens bildet und mit der sich

dennoch unsere empirische Wirklichkeit nur sehr unvollkommen deckt --

keineswegs nur ein über der letzteren schwebendes, phantasiehaftes

Ideal, sondern in irgendeiner Form doch schon daseiend, wie mit

ideellen Linien in unsere Existenz eingezeichnet, aber doch die +Norm+

für diese enthaltend, der vollen Herausarbeitung und Ausgestaltung in

dem Material unseres Daseins erst harrend. Im 18. Jahrhundert wird

diese Empfindung höchst mächtig: daß das Ich, welches wir ja schon

sind, doch ein erst zu erarbeitendes sei -- weil wir es eben nicht

rein und absolut sind, sondern in Verhüllungen und Entstellungen

durch unsere geschichtlich-gesellschaftlichen Schicksale; und daß

diese Normierung des Ich durch das Ich sittlich gerechtfertigt sei,

weil jenes ideale, im höheren Sinne wirkliche Ich das allgemein

menschliche sei und durch seine Erreichung die wahre Gleichheit

unter allem, was Mensch ist, erreicht werde. Ganz erschöpfend hat

Schiller das ausgedrückt: „Jeder individuelle Mensch trägt, der Anlage

und Bestimmung nach, einen reinen, idealischen Menschen in sich,

mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechselungen

übereinzustimmen, die große Aufgabe seines Daseins ist. Dieser reine

Mensch gibt sich, mehr oder weniger deutlich, in jedem Subjekt zu

erkennen.“

Die Formel des „kategorischen Imperativ“, in die Kant unsere sittliche

Aufgabe zusammenfaßt, ist die tiefsinnigste Ausgestaltung dieses

Begriffes der Individualität. Er stellt zuerst den ganzen moralischen

Wert des Menschen auf die Freiheit. Solange wir Teile des Mechanismus

der Welt, die gesellschaftliche eingeschlossen, sind, haben wir so

wenig „Wert“ wie die ziehende Wolke oder das verwitternde Gestein.

Erst indem wir aus einem bloßen Produkt und Schnittpunkt äußerer

Kräfte zu einem aus dem eigenen Ich heraus entwickelten Wesen werden,

können wir +verantwortlich+ sein und damit ebenso die Möglichkeit

der Schuld wie die des sittlichen Wertes erwerben. Innerhalb des

natürlich-gesellschaftlichen Kosmos gibt es kein „Fürsichsein“, keine

„Persönlichkeit“: wenn wir uns aber auf die absolute Freiheit stellen

-- das metaphysische Gegenbild des ~laissez faire~ -- gewinnen wir

zugleich Persönlichkeit und die Würde des Sittlichen. Was aber das

Sittliche sei, drückt der „kategorische Imperativ“ aus: „Handle so,

daß die Maxime deines Willens zugleich als Prinzip einer allgemeinen

Gesetzgebung gelten könne.“ Hiermit ist das Ideal der Gleichheit

zum Sinne alles Sollens geworden. Aller selbstschmeichlerischen

Einbildung ist vorgebeugt, als sei man zu einem ganz besonderen Handeln

und Genießen berechtigt, weil man „anders als die andern“ sei: die

sittliche Rechtsprechung „ohne Ansehen der Person“, die Gleichheit

vor dem moralischen Gesetz ist in der Forderung vollendet, daß die

eigene Handlung widerspruchslos als die notwendige Handlungsweise Aller

gedacht werden könne. Die Freiheit, als der Quell aller Sittlichkeit,

erhält ihren Inhalt an der Gleichheit, die absolut auf sich allein

stehende, selbstverantwortliche Persönlichkeit ist eben diejenige,

deren Handeln durch die prinzipiell gleiche Berechtigung aller zu

ebendemselben sittlich legitimiert wird. Nicht nur: allein der freie

Mensch ist sittlich, sondern: allein der sittliche Mensch ist frei,

-- weil nur +sein+ Handeln jene allgemeine Gesetzlichkeit besitzt,

die ausschließlich an dem unbeeinflußten, auf sich allein stehenden

Ich wirklich ist. Dadurch hat der Individualitätsbegriff des 18.

Jahrhunderts: die persönliche Freiheit, die die Gleichheit nicht aus-,

sondern einschließt, weil die wahre „Person“ in jedem zufälligen

Menschen eben die gleiche ist, -- in Kant seine abstrakte Vollendung

gefunden.

Im 19. Jahrhundert nun geht dieser in zwei Ideale auseinander, die man,

ganz roh und vieler Einschränkungen bedürftig, als die Tendenz auf

Gleichheit ohne Freiheit und auf Freiheit ohne Gleichheit bezeichnen

könnte. Die erstere durchzieht den Sozialismus, freilich ohne ihn

zu erschöpfen, aber doch mit tieferer Bedeutung, als seine meisten

Vertreter zugeben; indem diese die mechanische Gleichmacherei energisch

ablehnen, täuschen sie sich über die Rolle, die der Gleichheitsgedanke

immer als Träger sozialistischer Idealbildung spielen wird. Die

Vergesellschaftung der Produktionsmittel mag, wie ich schon hervorhob,

viele individuelle Unterschiede zur Geltung bringen, die jetzt durch

die Einrangierung in ein Klassenniveau, durch mangelhafte Ausbildung,

durch Arbeitsübermaß, durch Not und Sorge verkümmern. Dennoch würde

dem jetzigen Zustand gegenüber das Ausschalten der unverdienten

Bevorzugungen und Zurücksetzungen durch Geburt, Konjunkturen,

Kapitalansammlung, Verschiedenwertung des gleichen Arbeitsquantums

usw. jedenfalls zur erheblichsten Nivellierung der ökonomischen Lagen

führen. Und gemäß der strengen Abhängigkeit, die gerade für die

sozialistische Theorie zwischen dem wirtschaftlichen und dem gesamten

geistigen Status herrscht, müßte die relative Ausgleichung in jenem ihr

Gegenbild in einer umfassenden personalen finden. Die Hauptsache aber

ist, daß die je nach den Programmen verschiedenen Nivellierungsmaße

doch nur die Oszillationen der Theorie um die Tatsache des

Gleichheitsideales bedeuten, die zu den großen charakterologischen

Bestimmtheiten der Menschheit gehört. Es wird immer einen Typus von

Personen geben, deren soziale Wertgedanken mit der Gleichheit Aller

schlechthin abschließen, so nebelhaft und gar nicht im einzelnen

ausdenkbar dieses Ideal sei -- gerade wie für einen andern Typus die

Unterschiede und Distanzen einen letzten unreduzierbaren, durch sich

selbst gerechtfertigten Wert der gesellschaftlichen Existenzform

ausmachen. Wenn nun freilich einer der führenden Sozialisten

behauptet, alle sozialistischen Maßregeln, auch die äußerlich sich

als Zwänge darstellen, gingen auf Ausbildung und Sicherung der

freien Persönlichkeit, zum Beispiel bedeute der Maximalarbeitstag

nur das Verbot, auf die persönliche Freiheit für länger als eine

bestimmte Zahl von Stunden zu verzichten, stünde also prinzipiell

dem Verbote gleich, sich dauernd in persönliche Knechtschaft zu

verkaufen -- so zeigt das, daß er noch innerhalb des Individualismus

des 18. Jahrhunderts und seines schematischen Freiheitsbegriffes

steht. Vielleicht ist kein empirischer Mensch +ausschließlich+

von der einen oder von der andern jener beiden Tendenzen geleitet,

vielleicht würde auch die absolute Verwirklichung der einen oder der

andern etwas ganz Unmögliches sein; das hindert nicht, daß sie die

Grundtypen der Charakterverschiedenheiten in ihrer gesellschaftlichen

Äußerungsweise sind. Wo eine von beiden einmal besteht, wird man ihren

Träger durch verstandesmäßige Gründe nicht umstimmen; denn solche

Tendenz geht nicht aus Zweckmäßigkeitsüberlegungen um eines höheren

Endzweckes willen -- z. B. des allgemeinen Glückes der der personalen

Vervollkommnung oder der Rationalisierung des Lebens -- hervor, so oft

sie sich auch für das nachträgliche Bewußtsein so darstellen wird.

Sie ist vielmehr selbst die letzte Instanz, auf der sich dann erst

alle andern Absichten, Entscheidungen, Deduktionen aufbauen; in ihr

drückt sich das Sein des Menschen, die Substanz seines Wesens aus.

Sein Verhältnis zu seinen Mitmenschen ist für ihn etwas zu Wichtiges,

Weitgreifendes, Fundamentales, als daß nicht die Entscheidung, ob

er ihnen gleich oder ungleich ist, sein will oder sein soll -- im

einzelnen wie im Prinzip -- aus seinem tiefsten Wesensgrund kommen

müßte. Aus den Naturen, die in dieser Weise dem ganz allgemeinen

Gleichheitsideal zu tendieren, scheint mir der Sozialismus seine

meisten, jedenfalls seine fanatischsten Anhänger zu beziehen. -- Das

Verhältnis nun, das die relative Gleichheit eines sozialisierten

Zustandes zu der Freiheit zeigen würde, ist ein sehr kompliziertes. Es

unterliegt einer typischen Zweideutigkeit, mit der die Differenzierung

der Klassen sehr oft einheitliche, die Gesamtheit treffende Einflüsse

oder Umgestaltungen heimsucht: indem nämlich die Ausbildungsstufe

und die Lebensbedingungen der Gruppenteile äußerst verschiedenartig

sind, wird eine gemeinsame Modifikation des Daseins an diesen Teilen

äußerst verschiedenartige, ja, diametral entgegengesetzte Erfolge

auslösen. Ebendasselbe Maß allgemeiner Egalisierung, das dem unter

der fortwährenden Hungerchance lebenden, von den Härten der Lohnarbeit

bedrückten Arbeiter ein sehr hohes Maß von Freiheit gewähren würde,

müßte für den Unternehmer, den Rentier, den Künstler, den Gelehrten,

für die führenden Persönlichkeiten der jetzigen Ordnung eine mindestens

ebenso erhebliche Einschränkung ihrer Freiheit bedeuten. Es ist ein

formal entsprechender soziologischer Dualismus, der die Frauenfrage

spaltet: dieselbe Freiheit zu wirtschaftlicher Produktivität, die

von Frauen der höheren Stände ersehnt wird, damit sie zu fundierter

Selbständigkeit und befriedigender Kraftbewährung kämen -- eben diese

ist für die Fabrikarbeiterin die fürchterliche Hemmung, ihren Pflichten

und ihrem Glück als Frau und Mutter nachzugehen. Die Aufhebung der

häuslich-familiären Umschränktheit läuft, auf zwei klassenmäßig

verschiedene Schichten treffend, in eine völlige Wertverschiedenheit

ihrer Erfolge aus. Diese Umbiegung hat also die Synthese von Freiheit

und Gleichheit in der sozialistischen Strömung erlitten: der Akzent ist

auf die Gleichheit gerückt, und nur daß diese von der Klasse, deren

Interessen der Sozialismus vertritt, im ersten Augenblick als Freiheit

empfunden werden würde, hat dieser Partei den Antagonismus beider

Ideale ferngestellt.

Nun könnte freilich die Freiheitseinbuße, die der Sozialismus

gewissen gesellschaftlichen Schichten auferlegen würde, nur

eine Übergangserscheinung sein, nur so lange bestehend, wie die

Nachwirkungen des jetzigen Zustandes noch Unterschiedsempfindungen

Raum geben. Gegenüber den oben berührten Schwierigkeiten für die

Vereinigung von Freiheit und Gleichheit bleibt dem Sozialismus

überhaupt nichts übrig, als auf eine +Anpassung+ an die Gleichheit

zu rekurrieren, die als Gesamtbefriedigung auch die über sie

hinausgehenden Freiheitswünsche zurückbildete. Indes ist das

Anrufen der allaushelfenden Anpassung schon deshalb bedenklich,

weil sie sich jeder gegenteiligen Chance nicht weniger bereitwillig

leiht. Nicht weniger plausibel könnte man behaupten, daß die auf

soziale +Differenzen+ ausgehenden Freiheitsinstinkte sich an jede

Verminderung des absoluten Quantums dieser Differenzen anpassen

könnten. Da unsere Empfindungen von Natur auf +Reizunterschiede+

angewiesen sind, so würden, nach einer kurzen Anpassungsperiode,

die individuellen Unterschiede an die geringen Lagedifferenzen, die

selbst der sozialisierteste Zustand nicht beseitigen kann, die ganz

unverminderten Leidenschaften des Begehrens und des Neides, der

Herrschaft und des Unterdrücktheitsgefühles knüpfen. Die Ausübung der

Freiheit auf Kosten anderer fände, angesichts jener psychologischen

Struktur des Menschen, selbst bei der äußersten erreichbaren Gleichheit

ein unvermindert ergiebiges Ausbreitungsfeld. Und wenn man selbst

die Gleichheit nur in dem Sinne der Gerechtigkeit verstünde: daß die

sozialen Einrichtungen einem jeden sein Freiheitsquantum nicht mit

mechanischer Immergleichheit, sondern genau im Verhältnis seiner

qualitativen Bedeutung zumäßen -- so würde dies doch unrealisierbar

sein, und zwar auf Grund einer selten hervorgehobenen Tatsache, die

indes für das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft

von der tiefsten Bedeutsamkeit ist. Während jedes gesellschaftliche

Leben eine Stufenfolge von Über- und Unterordnungen -- schon aus

technischen Gründen -- fordert, und unter dieser Voraussetzung

Gleichheit im Sinne der Gerechtigkeit nur bedeuten kann, daß die

persönliche Qualifikation und die Stelle auf jener Skala sich genau

entsprechen -- ist diese Proportion überhaupt und prinzipiell

unmöglich, und zwar aus dem sehr einfachen Grunde: daß es immer mehr

Personen gibt, die zu übergeordneten Stellungen befähigt sind, als

es übergeordnete Stellungen gibt. Von den Millionen Untertanen eines

Fürsten gibt es sicher eine große Anzahl, die ebenso gute oder bessere

Fürsten sein würden; von den Arbeitern einer Fabrik sehr viele, die

ebensogut Unternehmer oder wenigstens Werkführer sein könnten; von

den gemeinen Soldaten sehr viele, die die volle, wenngleich latente

Qualifikation zum Offizier haben. Hierin liegt die Beobachtungswahrheit

des Sprichwortes: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand

dazu. Der zur Ausfüllung höherer Stellungen erforderte „Verstand“

ist eben bei vielen Menschen vorhanden, aber er bewährt, entwickelt,

offenbart sich erst, wenn sie diese Stellungen einnehmen. Bedenkt

man die barocken Zufälle, durch die die Menschen auf allen Gebieten

in ihre Positionen gelangen, so wäre es ein unbegreifliches Wunder,

daß nicht eine sehr viel größere als die tatsächliche Summe von

Unfähigkeit in der Ausfüllung derselben hervortritt, wenn man nicht

annehmen müßte, daß eben die Fähigkeiten zu den Stellungen in sehr

großer Verbreitung vorhanden sind. Diese Inkommensurabilität zwischen

dem Quantum der Befähigungen zur Überordnung und dem ihrer möglichen

Betätigung erklärt sich vielleicht aus dem Unterschiede zwischen

dem Charakter der Menschen als Gruppenwesen und als Individuen, den

diese Blätter zuvor erörtert haben. Die Gruppe als solche ist niedrig

und führungsbedürftig, weil die Individuen im ganzen nur die Allen

gemeinsamen Seiten ihrer Persönlichkeit in sie hineingeben; welches

immer die gröberen, primitiveren, „untergeordneten“ sind. Sobald also

überhaupt gruppenmäßige Vereinigungen stattfinden, ist es zweckmäßig,

daß die ganze Masse sich in der Form der Unterordnung unter Wenige

organisiere. Das verhindert aber nicht, daß jeder einzelne aus dieser

Masse für sich höhere, feinere Eigenschaften besitze. Nur sind diese

individueller, gehen nach +verschiedenen+ Seiten über den Gemeinbesitz

hinaus und helfen deshalb der Niedrigkeit derjenigen Qualitäten nicht

auf, in denen sich alle mit Sicherheit begegnen. Aus diesem Verhältnis

folgt, daß die Gruppe als Ganzes des Führers bedarf, es also nur viele

Untergeordnete und nur wenig Übergeordnete geben kann, andrerseits aber

jeder einzelne aus der Gruppe höher qualifiziert bzw. öfter zu einer

führenden Stellung „berufen“ ist, als er als Gruppenelement realisieren

kann. Auch in der sozialen Struktur geht es nach dem Grundsatz zu:

Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Mit dieser Antinomie

findet sich das ständische Prinzip und die jetzige Ordnung ab, indem

sie Klassen pyramidenförmig mit immer geringerer Mitgliederzahl

übereinanderbauen und dadurch die Zahl der zu leitenden Stellungen

„Qualifizierten“ ~a priori~ einschränken. Da es bei Gleichberechtigung

aller zu allen Stellen unmöglich wäre, jeden berechtigten Anspruch

zu erfüllen, so trifft die ständische und klassenmäßige Ordnung eine

von vornherein beschränkende Auswahl, die sich gar nicht nach den

Individuen richtet, sondern umgekehrt die Individuen präjudiziert.

Ob eine sozialistische Ordnung schließlich ohne ein solches Apriori

für Über- und Unterordnung auskommen würde, ist fraglich. In ihr soll

einerseits, unter Wegfall jeder zufälligen Chance, nur die Begabung

über die Erreichung der Positionen entscheiden, andrerseits jede

Begabung sich „frei“ entwickeln, d. h. die ihr angemessene Stelle

finden, infolgedessen es, nach dem eben Erörterten, mehr Über- als

Untergeordnete, mehr Befehlende als Ausführende geben müßte. Bedeutet

Freiheit im sozialen Sinn, daß jedes Maß individueller Kraft und

Bedeutung sich in dem Mischungsmaß von Führen und Folgen innerhalb der

Gruppe adäquat ausdrückt, so ist sie von vornherein ausgeschlossen:

den Konflikt zwischen der individuellen Totalität des Menschen und

seinem Wesen als Element der Gruppe, der jene Proportion und damit die

Synthese von Freiheit und Gleichheit auf der Basis der Gerechtigkeit

hindert, kann auch eine sozialistische Verfassung nicht beseitigen,

weil er sozusagen zu den +logischen+ Voraussetzungen der Gesellschaft

überhaupt gehört.

Ich begnüge mich gegenüber dem vielbehandelten Verhältnis des

Sozialismus zur individuellen Freiheit mit diesen fragmentarischen

Andeutungen und skizziere jetzt die eigentümliche Form des

Individualismus, die die Synthese des 18. Jahrhunderts mit ihrer

Gründung der Gleichheit auf die Freiheit und der Freiheit auf die

Gleichheit auflöste. An die Stelle jener Gleichheit, die das tiefste

Sein der Menschen ausspricht und andrerseits erst realisiert werden

+soll+, setzt sie die Ungleichheit -- die, ebenso wie dort die

Gleichheit, nur der Freiheit bedürfe, um aus ihrer vielfach bloßen

Angelegtheit und Möglichkeit heraustretend, das menschliche Dasein

zu bestimmen. Die Freiheit bleibt der Generalnenner, auch bei dieser

Entgegengesetztheit ihrer Korrelate. Sobald das Ich im Gefühl der

Gleichheit und Allgemeinheit hinreichend erstarkt war, suchte es

wieder die Ungleichheit, aber nur die von innen heraus gesetzte.

Nachdem die prinzipielle Lösung des Individuums von den verrosteten

Ketten der Zunft, des Geburtsstandes, der Kirche vollbracht war, geht

sie nun dahin weiter, daß die so verselbständigten Individuen sich

auch +voneinander+ unterscheiden wollen: nicht mehr darauf, daß man

überhaupt ein freier Einzelner ist, kommt es an, sondern daß man dieser

Bestimmte und Unverwechselbare ist. Das moderne Differenzierungsstreben

kommt damit zu einer Steigerung, die seine soeben erst gewonnene

Form wieder dementiert, ohne daß diese Entgegengesetztheit an der

Identität des Grundtriebes irre machen dürfte. Er geht durch die ganze

Neuzeit: das Individuum sucht nach sich selber, als ob es sich noch

nicht hätte, und ist doch sicher, an seinem Ich den einzig festen

Punkt zu haben. Begreiflich genug verlangt es bei der unerhörten

Erweiterung des theoretischen und des praktischen Gesichtskreises nach

einem solchen immer dringlicher, und kann ihn nun aber in keiner

der Seele äußeren Instanz mehr finden. Das Doppelbedürfnis: nach

zweifelsfreier Deutlichkeit und nach rätselhafter Unergründlichkeit,

durch die geistige Entwicklung des modernen Menschen immer weiter

auseinandergetrieben, stillt sich, als wenn es ein einziges wäre,

am Ich, an dem Gefühle der Persönlichkeit -- freilich kommen auch

dem Sozialismus seine psychologischen Hilfskräfte einerseits aus

begrifflich demonstrierendem Rationalismus, andrerseits aus ganz

dunkeln, vielleicht atavistisch-kommunistischen Instinkten. Alle

Verhältnisse zu Andern sind so schließlich nur Stationen des Weges, auf

dem das Ich zu sich selber kommt: mag es sich den andern im letzten

Grunde gleichfühlen, weil es, auf sich und seinen Kräften allein

stehend, noch dieses stützenden Bewußtseins bedarf, sei es, daß es der

Einsamkeit seiner Qualität gewachsen ist und die vielen eigentlich nur

da sind, damit jeder einzelne an den andern seine Unvergleichbarkeit

und die Individualität seiner Welt ermessen könne.

Diese Individualisierungstendenz führt also historisch, wie

ich schon andeutete, über das Ideal der zwar völlig freien

und selbstverantwortlichen, aber der Hauptsache nach gleichen

Persönlichkeiten zu dem andern: der gerade ihrem tiefsten Wesen

nach unvergleichlichen Individualität, die zu einer nur durch sie

ausfüllbaren Rolle berufen ist. Im 18. Jahrhundert klingt dies Ideal

schon an, bei Lessing, Herder, Lavater; den Christuskult des letzteren

hat man seiner Sehnsucht, selbst Gott zu individualisieren, zugeschoben

und noch eine Steigerung davon seinem Verlangen nach immer neuen

Christusbildern. Seine erste volle Ausgestaltung gewinnt diese Form

des Individualismus im Kunstwerk: im Wilhelm Meister. Denn in den

Lehrjahren wird zum ersten Male eine Welt gezeichnet, die ganz auf

die individuelle Eigenheit ihrer Individuen gestellt ist und sich nur

durch diese organisiert und entwickelt, und zwar ganz unbeschadet

der Tatsache, daß die Figuren als Typen gemeint sind; so oft sie

sich in der Realität wiederholen mögen, es bleibt der innere Sinn

jeder einzelnen, daß jede gerade in ihrem letzten Grunde von der

andern, an die das Schicksal sie rühren läßt, unterschieden ist, daß

der +Akzent+ des Lebens und der Entwicklung nicht auf dem Gleichen,

sondern auf dem absolut Eigenen ruht. In den Wanderjahren rückt das

Interesse von den Menschen auf die Menschheit -- nicht in dem Sinne des

abstrakten Menschen überhaupt, den wir im 18. Jahrhundert herrschen

sehen, sondern im Sinne der Kollektivität, der konkreten Gesamtheit

der lebenden Gattung. Und nun ist es höchst interessant, wie jener

auf die Unvergleichlichkeit, die qualitative Einzigkeit gehende

Individualismus sich auch auf der Basis dieses Interesses geltend

macht. Nicht die ganze Persönlichkeit innerhalb der Gesellschaft wird

von der Besonderheitsforderung her gewertet, sondern die objektive

+Leistung+ der Persönlichkeit für die Gesellschaft. „Narrenpossen

sind, so heißt es jetzt, eure allgemeine Bildung und alle Anstalten

dazu. Daß ein Mensch +etwas+ vorzüglich leiste, wie nicht leicht ein

anderer in der nächsten Umgebung, darauf kommt es an.“ Diese ganze

Gesinnung ist der absolute Gegensatz zu dem Ideal der freien und

gleichen Persönlichkeiten, den Fichte einmal, diese Geistesströmung

in einen Satz zusammendrängend, so formuliert: „Ein Vernunftwesen

muß schlechthin ein Individuum sein, aber nicht eben dieses oder

jenes bestimmte“ -- und in der Forderung, daß das individuelle,

unterschiedlich bestimmte Ich sich im sittlichen Prozeß wieder in

das reine, absolute Ich -- die philosophische Kristallisierung des

„allgemeinen Menschen“ des 18. Jahrhunderts -- hinaufentwickle. Wie

in zugespitzter Antithese hierzu hat Friedrich Schlegel den neuen

Individualismus in die Formel gefaßt: „Gerade die Individualität ist

das Ursprüngliche und Ewige im Menschen; an der Personalität ist so

viel nicht gelegen. Die Bildung und Entwicklung dieser Individualität

als höchsten Beruf zu treiben, wäre göttlicher Egoismus.“

Grundfragen der Soziologie · 第 7 / 8 段