gefunden. Für ihn ist die sittliche Aufgabe gerade die, daß jeder
die Menschheit auf eine +besondere+ Weise darstelle. Gewiß ist
jeder einzelne ein „Kompendium“ der ganzen Menschheit, ja, noch
weitergehend, eine Synthese der Kräfte, die das Universum bilden,
aber ein jeder formt dieses allen gemeinsame Material zu einer völlig
einzigen Gestalt, und auch hier wie bei der früheren Anschauung ist
die Wirklichkeit zugleich die Vorzeichnung des Sollens: nicht nur als
schon Seiender ist der Mensch unvergleichlich, in einen nur von ihm
erfüllten Rahmen gestellt, sondern, von anderer Seite gesehen, ist
die Verwirklichung dieser Unvergleichbarkeit, das Ausfüllen dieses
Rahmens, seine +sittliche+ Aufgabe, jeder ist +berufen+, sein eigenes,
nur ihm eigenes Urbild zu verwirklichen. Der große weltgeschichtliche
Gedanke, daß nicht nur die Gleichheit der Menschen, sondern auch ihre
Verschiedenheit eine sittliche Forderung sei, wird durch Schleiermacher
zum Drehpunkt einer Weltanschauung: durch die Vorstellung, daß
das Absolute nur in der Form des Individuellen lebe, daß die
Individualität nicht eine Einschränkung des Unendlichen sei, sondern
sein Ausdruck und Spiegel, wird das Sozialprinzip der Arbeitsteilung
in den metaphysischen Grund der Dinge eingesenkt. Freilich hat
die in die letzten Tiefen der individuellen Natur hinabreichende
Differenzierung leicht einen mystisch-fatalistischen Zug. („So mußt
du sein, dir kannst du nicht entfliehen. +So sagten schon Sibyllen,
so Propheten.+“) Dessentwegen mußte sie dem hellen Rationalismus der
Aufklärungsepoche fremd bleiben, während sie sich eben durch ihn
der Romantik empfahl, zu der Schleiermacher in engster Beziehung
stand. Für diesen Individualismus -- man könnte ihn den qualitativen
nennen gegenüber dem quantitativen des 18. Jahrhunderts oder den
der Einzigkeit gegenüber dem der Einzelheit -- war die Romantik
vielleicht der breiteste Kanal, durch den er in das Bewußtsein des 19.
Jahrhunderts einfloß. Wie Goethe die künstlerische, Schleiermacher die
metaphysische, so schuf sie ihm die Basis des Gefühls, des Erlebens.
Die Romantiker haben sich zuerst wieder nach Herder (in dem deshalb
auch ein Quell der qualitativen Individualistik zu suchen ist) in die
Besonderheit, Einzigkeit der historischen Realitäten hineingelebt; das
Recht und die singuläre Schönheit des geschmähten Mittelalters, des
Orients, den die Aktivitätskultur des liberalen Europas verachtete,
haben sie tief gefühlt: in diesem Sinn will Novalis seinen „einen
Geist“ sich in unendlich viele fremde verwandeln lassen und sagt, daß
er „gleichsam in allen Gegenständen steckt, die er betrachtet, und
die unendlichen, gleichzeitigen Empfindungen eines zusammenstimmenden
Pluralis fühlt“. Vor allem aber: der Romantiker erlebt innerhalb
seines +inneren+ Rhythmus die Unvergleichbarkeit, das Sonderrecht,
das scharfe, qualitative Sich-gegeneinander-Absetzen seiner Elemente
und Momente, das diese Form des Individualismus ja auch zwischen den
Bestandteilen der +Gesellschaft+ sieht. Auch hier zeigt Lavater ein
interessantes Vorläufertum: seine Physiognomik vergräbt sich manchmal
so in das Spezielle der sichtbaren und inneren Züge des Menschen, daß
er zu dessen +ganzer+ Individualität nicht zurückgelangt, sondern an
dem Interesse für dieses Individuell-Einzelnste hängen bleibt. Die
romantische Seele durchfühlt eine endlose Reihe von Gegensätzen, von
denen jeder einzelne im Augenblick seines Gelebtwerdens als Absolutes,
Fertiges, Selbstgenugsames erscheint, um im nächsten überwunden zu
werden, und genießt in dem Anderssein des einen gegen den andern
das Selbst eines jeden erst ganz. „Wer nur auf einem Punkte klebt,
ist nichts als eine vernünftige Auster“, sagt Friedrich Schlegel.
Das Leben des Romantikers überträgt in das proteische Nacheinander
seiner Gegensätzlichkeiten von Stimmung und Aufgabe, von Überzeugung
und Gefühl das Nebeneinander des Gesellschaftsbildes, in dem jeder
einzelne durch seinen Unterschied gegen den andern, durch die personale
Einzigkeit seines Wesens und seiner Betätigungen erst den Sinn seiner
Existenz findet -- der individuellen nicht weniger als der sozialen.
Diese Auffassung und Aufgabe des Individuums weist in ihrer rein
gesellschaftlichen Wendung ersichtlich auf die Herstellung eines
höheren Ganzen aus den so differenzierten Elementen hin. Je
eigenartiger die Leistung (aber auch die Bedürfnisse) des Einzelnen,
desto dringender ist die gegenseitige Ergänzung, desto höher erhebt
sich über die arbeitsteiligen Glieder der Gesamtorganismus, der aus
ihnen zusammenwächst und ihre ineinandergreifenden Wirkungen und
Gegenwirkungen einschließt und vermittelt. Die Besonderheit der
Individuen fordert eine Verfassungsmacht, die dem Einzelnen seinen
Platz anweist, aber damit auch zum Herrn über ihn wird. Darum schlägt
dieser Individualismus (die Freiheit auf ihren rein innerlichen Sinn
beschränkend) leicht in antiliberale Neigungen um und bildet auch
so das volle Gegenstück zu dem des 18. Jahrhunderts, der aus seinen
atomisierten und prinzipiell als ununterschieden gesetzten Individuen
konsequenterweise gar nicht zu der Idee einer Gesamtheit als eines aus
mannigfaltigen Gliedern vereinheitlichten Organismus gelangen konnte.
Wodurch dieser vielmehr die freien und gleichen Elemente zusammenhält,
das ist ausschließlich das über allen stehende +Gesetz+, dessen
Bedeutung es ist, die Freiheit eines jeden so weit einzuschränken, daß
sie mit der Freiheit eines jeden zusammen bestehen kann, das Gesetz,
dessen Paten die Gesetzlichkeit einer mechanistisch konstruierten Natur
und das Gesetz im römisch-rechtlichen Sinne waren. Von beiden Seiten
her entgeht diesem Individualismus das konkret-soziale Lebensgebilde,
das nicht aus den isolierten und gleichen Einzelnen summierbar ist,
sondern sich nur aus den arbeitsteiligen Wechselwirkungen und über
dieselben als eine in den Einzelnen auch nicht ~pro rata~ auffindbare
Einheit erhebt.
Die Lehre von Freiheit und Gleichheit ist die geistesgeschichtliche
Grundlage der freien Konkurrenz, die der differentiellen
Persönlichkeiten ist die Grundlage der Arbeitsteilung. Der
Liberalismus des 18. Jahrhunderts stellte den Einzelnen auf seine
eigenen Füße, und nun durfte er ganz so weit gehen, wie diese ihn
trugen. Die Theorie ließ die naturgegebene Verfassung der Dinge
dafür sorgen, daß die unbeschränkte Konkurrenz der Einzelnen zu
einer Harmonie aller Interessen zusammenging, daß das Ganze sich
bei dem rücksichtslosen Streben zum individuellen Vorteil am besten
befände: das ist die Metaphysik, mit der der Naturoptimismus des
18. Jahrhunderts die freie Konkurrenz sozial rechtfertigt. Mit dem
Individualismus des Andersseins, der Vertiefung der Individualität
bis zur Unvergleichlichkeit des Wesens ebenso wie der Leistung, zu
der man berufen ist -- war nun auch die Metaphysik der Arbeitsteilung
gefunden. Die beiden großen Prinzipien, die in der Wirtschaft des 19.
Jahrhunderts untrennbar zusammenwirken: Konkurrenz und Arbeitsteilung
-- erscheinen so als die wirtschaftlichen Projizierungen der
philosophischen Aspekte des sozialen Individuums oder diese umgekehrt
als die Sublimierungen jener ökonomisch-realen Produktionsformen;
oder, vielleicht richtiger und die Möglichkeit dieser doppelten
Verhältnisrichtungen begründend, entspringen sie gemeinsam einer jener
tiefen Wandlungen der Geschichte, die wir nicht nach ihrem eigentlichen
Wesen und Motiv, sondern nur nach den Erscheinungen erkennen können,
die sie gleichsam in der Mischung mit den einzelnen, inhaltlich
bestimmten Provinzen des Lebens ergeben.
Die Folgen freilich, die die unbeschränkte Konkurrenz und die
arbeitsteilige Vereinseitigung der Individuen für deren innere
Kultur ergeben haben, lassen sie nicht gerade als die geeignetsten
Mehrer dieser Kultur erscheinen. Vielleicht aber gibt es über der
wirtschaftlichen Form der Zusammenwirksamkeit der beiden großen
soziologischen Motive -- der einzigen bisher realisierten -- noch
eine höhere, die das verhüllte Ideal unserer Kultur ist. Lieber aber
möchte ich glauben, daß die Idee der schlechthin freien Persönlichkeit
und die der schlechthin einzigartigen Persönlichkeit noch nicht die
letzten Worte des Individualismus sind; daß die Arbeit der Menschheit
immer mehr, immer mannigfaltigere Formen aufbringen wird, mit denen
die Persönlichkeit sich bejahen und den Wert ihres Daseins beweisen
wird. Und wenn in glücklichen Perioden diese Mannigfaltigkeiten sich
zu Harmonien zusammenordnen, so ist doch auch ihr Widerspruch und
Kampf jener Arbeit nicht nur ein Hemmnis, sondern ruft sie zu neuen
Kraftentfaltungen auf und führt sie zu neuen Schöpfungen.
End of Project Gutenberg's Grundfragen der Soziologie, by Georg Simmel