Einen verwandten und doch nach der letzten, weltanschaulichen Gesinnung

anders orientierten Gegensatz läßt die moderne Auseinanderlegung

der soziologischen Begriffe oft um dieselben materiellen Inhalte

spielen. Die Gesellschaft -- und ihr Repräsentant im Einzelnen,

das sozial-sittliche Gewissen -- verlangt unzählige Male ein

Spezialistentum, das nicht nur, wie hervorgehoben, die harmonische

Totalität des Menschen unentwickelt läßt oder zerstört; sondern

inhaltlich stellt jenes sich oft ebenso feindlich zu den Eigenschaften,

die man die allgemein menschlichen zu nennen pflegt. Den Unterschied

zwischen dem Menschheitsinteresse und dem sozialen Interesse hat, wie

es scheint, zuerst Nietzsche mit prinzipieller Deutlichkeit gefühlt.

Die Gesellschaft ist +eine+ der Formungen, in die die Menschheit die

Inhalte ihres Lebens bringt; aber weder ist sie für diese +alle+

wesentlich, noch ist sie die einzige, innerhalb deren die Entwicklung

des Menschlichen sich vollzieht. Alle rein sachlichen Bedeutsamkeiten,

an denen unsere Seele irgendwie teilhat, die logische Erkenntnis und

die metaphysische Phantasie über die Dinge, die Schönheit des Daseins

und sein Bild in der Selbstherrlichkeit der Kunst, das Reich der

Religion und der Natur -- alles dies, soweit es zu unserem Besitz

wird, hat innerlich und seinem Wesen nach mit „Gesellschaft“ nicht

das mindeste zu schaffen; die Menschheitswerte, die sich an unserem

größeren oder geringeren Besitz innerhalb dieser idealen Welten

messen, haben zu den sozialen Werten, mit denen sie sich freilich oft

genug kreuzen, eine nur zufällige Beziehung. Andrerseits sind die

rein personalen Eigenschaften: Kraft und Schönheit, Denktiefe und

Gesinnungsgröße, Milde und Vornehmheit, Mut und Herzensreinheit --

von einer autonomen Bedeutung, die von ihren sozialen Verflechtungen

völlig unabhängig ist. Es sind Werte des menschlichen Seins und als

solche von den sozialen Werten, die immer auf den +Wirkungen+ von

Personen beruhen, durchaus getrennt; sie sind freilich zugleich

Elemente des sozialen Geschehens, als Wirkungen wie als Ursachen,

aber dies ist nur +eine+ Seite ihrer Bedeutung, während die andere

in der bloßen, nicht über sich hinausweisenden Tatsache ihres

Daseins an der Persönlichkeit besteht. Dieses, genau genommen,

unmittelbare Sein der Menschen aber ist für Nietzsche der Ort, an

dem die jeweilige Höhe des Menschengeschlechts sich erhebt. Ihm sind

alle gesellschaftlichen Institutionen, alles Geben und Nehmen des

Individuums, wodurch es zum Sozialwesen wird, nur Vorbedingungen oder

Folgen der Beschaffenheitswerte des Einzelnen, mit denen er eine

Stufe der Menschheitsentwicklung ausmacht. Alle utilitarisch-soziale

Wertung hängt nicht ganz von der Eigenbedeutung der Persönlichkeit

ab, sondern auch von denen, die sein Tun aufnehmen, sein Wert tritt

damit aus ihm heraus, und er empfängt ihn nur zurück als den Reflex

von Vorgängen und Gebilden, in denen sich seine Eigenheit mit ihm

äußeren Wesen und Umständen gemischt hat. Daraufhin hat schon die

Ethik, vor allem die Kantische, den Schätzungsgrund des Menschen von

seinem Tun in seine Gesinnung zurückverlegt: der gute Wille, eine

nicht näher zu beschreibende Beschaffenheit des letzten Quellpunktes

unseres Handelns, hinter aller Erscheinung des letzteren stehend,

mache unseren Wert aus, während diese Erscheinung selbst und mit ihr

alle Wirksamkeiten schon eine bloße Folge seien, die jenes Wesentliche

bald richtig ausdrücke, bald verzerre und so von den Mächten der

Phänomenalität in ein bloß zufälliges Verhältnis zu dem Grundwert

gesetzt werde. Nietzsche hat dies verbreitert oder prinzipieller

gefaßt, indem er den Kantischen Gegensatz zwischen Gesinnung und

äußeren Taterfolgen, der schon von sich aus den Wert des Individuums

aus seiner sozialen Abhängigkeit erlöste, in den zwischen dem Sein

und den Wirkungen des Menschen überführte. Das qualitative +Sein+ der

Persönlichkeiten aber dokumentiert, wohin es die Entwicklung unserer

Art gebracht hat, mit ihren jeweilig höchsten Exemplaren schreitet

die Menschheit über ihre Vergangenheit hinaus. Die Grenzen des bloß

gesellschaftlichen Daseins, die Wertabmessung des Menschen nach seinen

Wirkungen sind damit durchbrochen. Die Menschheit ist so nicht nur

ein quantitatives Mehr der Gesellschaft gegenüber, sie ist nicht die

Summe aller Gesellschaften, sondern eine völlig eigenartige Synthese

derselben Elemente, die in andrer die Gesellschaften ergeben.

Dem Individuum gegenüber sind beides gleichsam zwei verschiedene

methodische Gesichtspunkte, von denen aus es betrachtet werden kann,

die es mit verschiedenen Maßen messen und deren Ansprüche aufs härteste

kollidieren können. Was uns mit der Menschheit als Ganzem verbindet

und was wir als Beitrag zu ihrer Gesamtentwicklung leisten können:

Religiöses und Wissenschaftliches, interfamiliäre und internationale

Interessen, die ästhetische Vervollkommnung der Persönlichkeit und die

rein sachliche, auf keinerlei „Nutzen“ ausgehende Produktion -- alles

dies mag gelegentlich auch der Gesellschaft, in die wir historisch

hineingewachsen sind, förderlich sein; prinzipiell aber ist es von weit

über sie hinwegsehenden Forderungen abhängig, die der Höherbildung

und sachlichen Bereicherung des Typus Mensch dienen und sich bis zum

Gegensatz gegen die spezielleren Ansprüche zuspitzen, wie sie von der

Gruppe, die für uns „die Gesellschaft“ ist, gestellt werden. In vielen

andern Beziehungen aber drängt diese Gesellschaft auf ein Nivellement

ihrer Mitglieder, innerhalb ihres engeren Kreises schafft sie einen

Durchschnitt, über den mit individuellen Besonderheiten der Quantität

und Qualität des Lebens hinauszustreben sie ihren Elementen auf das

äußerste erschwert. Die Besonderung, die sie dem menschlich Allgemeinen

entgegen fordert, verbietet sie gegenüber dem sozial Allgemeinen. So

ist die Persönlichkeit von zwei Seiten her bedrängt: die Gesellschaft

gibt ihr ein Maß, das sie weder in der Richtung des Allgemeineren,

noch in der des Individuelleren überschreiten darf. Diese Konflikte,

in die der Einzelne nicht nur seiner politischen Gruppe, sondern auch

der Familie wie dem Wirtschaftsverband, der Partei wie der religiösen

Gemeinde gegenüber gerät, haben sich schließlich in der neueren

Geschichte zu dem sozusagen abstrakten Bedürfnis nach individueller

Freiheit sublimiert. Dies ist der Allgemeinbegriff, der das Gemeinsame

der mannigfachen Beschwerden und Selbstbehauptungen des Individuums

gegenüber der Gesellschaft deckte.

Es ist das 18. Jahrhundert, in dem das Bedürfnis nach Freiheit

überhaupt, nach Lösung der Fesseln, mit denen die Gesellschaft als

solche das Individuum als solches gebunden hat, seine stärkste

Bewußtheit und Wirksamkeit fand. Diese prinzipielle Forderung ist

feststellbar in ihrer volkswirtschaftlichen Einkleidung bei den

Physiokraten, die die freie Konkurrenz der Einzelinteressen als

die natürliche Ordnung der Dinge preisen; in ihrer gefühlsmäßigen

Ausgestaltung durch Rousseau, für den die Vergewaltigung des Menschen

durch die geschichtlich gewordene Gesellschaft der Ursprung aller

Verkümmerung und alles Bösen ist; in ihrer politischen Formung durch

die Französische Revolution, die die individuelle Freiheit so ins

Absolute steigerte, um den Arbeitern sogar die Vereinigungen zur

Wahrung ihrer Interessen zu untersagen; in ihrer philosophischen

Sublimierung durch Kant und Fichte, die das Ich zum Träger der

erkennbaren Welt und seine absolute Autonomie zu dem sittlichen Werte

schlechthin machten. Die Unzulänglichkeit der gesellschaftlich gültigen

Lebensformen im 18. Jahrhundert im Verhältnis zu den materiellen

und geistigen Produktivkräften der Zeit kam den Individuen als eine

unerträgliche Bindung ihrer Energien zum Bewußtsein: so die Vorrechte

der oberen Stände, wie die despotische Kontrolle von Handel und Wandel,

die immer noch mächtigen Reste der Zunftverfassungen wie der unduldsame

Zwang des Kirchentums, die Fronpflichten der bäuerlichen Bevölkerung

wie die politische Bevormundung im Staatsleben und die Einengungen der

Stadtverfassungen. In der Bedrücktheit durch solche Institutionen,

die jedes innere Recht verloren hatten, entstand das Ideal der bloßen

Freiheit des Individuums; wenn nur jene Bindungen fielen, die die

Kräfte der Persönlichkeit in ihr unnatürliche Bahnen zwängen, so

würden alle inneren und äußeren Werte, zu denen die Spannkräfte

vorhanden, aber politisch, religiös, wirtschaftlich lahmgelegt waren,

sich entfalten und die Gesellschaft aus der Epoche der historischen

Unvernunft in die der natürlichen Vernünftigkeit überführen. Weil die

Natur all jene Bindungen nicht kannte, erschien das Ideal der Freiheit

als das des „natürlichen“ Zustandes. -- Versteht man unter Natur

das ursprüngliche Sein unserer Gattung und jedes einzelnen Menschen

(unbeschadet einer Zweideutigkeit des „Ursprünglichen“: als zeitlich

Ersten und als wesenhaft Fundamentalen), an das der Kulturprozeß sich

ansetzt --, so suchte das 18. Jahrhundert in einer gewaltigen Synthese

den End- oder Höhepunkt dieses Prozesses wieder an seinen Ausgangspunkt

zu knüpfen. Die Freiheit des Einzelnen war zu leer und zu schwach, um

seine Existenz zu tragen; wenn die historischen Mächte sie nicht mehr

erfüllten und stützten, so leistete dies nun die Idee, daß man diese

Freiheit nur recht rein und restlos zu gewinnen brauchte, um sich

wieder auf dem Urgrund unseres gattungsmäßigen und persönlichen Seins

zu befinden, der so sicher und fruchtbar wäre wie die Natur überhaupt.

Dieses Freiheitsbedürfnis des Individuums, das sich durch die

geschichtliche Gesellschaft eingeengt und deformiert fühlte, führt

aber in seiner Verwirklichung zu einem Selbstwiderspruch. Denn es

ist offenbar nur dann dauernd zu realisieren, wenn die Gesellschaft

aus lauter gleich starken und innerlich wie äußerlich genau gleich

begünstigten Individuen besteht. Da diese Bedingung aber nirgendwo

erfüllt ist, vielmehr die machtgebenden und rangbestimmenden Kräfte

der Menschen durchaus von vornherein ungleich sind, qualitativ

wie quantitativ, so wird jene völlige Freiheit unvermeidlich zum

Ausnutzen dieser Ungleichheit seitens der Begünstigten führen, der

Klugen gegenüber den Dümmeren, der Starken gegenüber den Schwachen,

der Zugreifenden gegenüber den Schüchternen. Sind alle äußeren

Hemmnisse beseitigt, so muß die Verschiedenheit der inneren Potenzen

sich in einer entsprechenden Verschiedenheit der äußeren Positionen

ausdrücken: die Freiheit, die die allgemeine Institution gibt, wird

durch die personalen Verhältnisse wieder illusorisch, und da in allen

Machtverhältnissen der einmal gewonnene Vorsprung den Gewinn eines

weiteren erleichtert -- wovon die „Akkumulierung des Kapitals“ nur ein

Einzelfall ist --, so wird sich die Ungleichheit der Macht in raschen

Progressionen erweitern und die Freiheit des so Bevorzugten immer

sich auf Kosten der Freiheit des Unterdrückten entfalten. Aus diesem

Grunde war die paradoxe Frage durchaus gerechtfertigt, ob nicht die

Vergesellschaftung aller Produktionsmittel die einzige Bedingung wäre,

unter der -- die freie Konkurrenz durchzuführen wäre! Nur also, indem

man dem Einzelnen die Möglichkeit gewaltsam nimmt, seine eventuelle

Überlegenheit über den Niederen voll auszunutzen, kann ein überall

gleiches Maß von Freiheit in der Gesellschaft herrschen. Darum ist es

unter Voraussetzung dieses Ideals nicht richtig, daß der Sozialismus

die Aufhebung der Freiheit bedeute. Er hebt vielmehr nur dasjenige auf,

was bei gegebener Freiheit zum Mittel wird, die Freiheit der einen

zugunsten der andern zu unterdrücken: den Privatbesitz, der nicht

nur zum Ausdruck, sondern sogar zum Multiplikator der individuell

verschiedenen Kräfte wird und diese Verschiedenheit so lange zu

steigern vermag, bis sich -- in radikalem Ausdruck -- an dem einen

Pol der Gesellschaft ein Maximum von Freiheit, an dem andern ein

Minimum gesammelt hat. Die volle Freiheit eines jeden kann nur bei

voller Gleichheit mit jedem andern statthaben. Diese aber ist nicht

nur im ganz Persönlichen unerreichbar, sondern auch im Ökonomischen,

solange dieses die Ausnutzung persönlicher Überlegenheiten gestattet.

Erst indem diese Möglichkeit ausgeschaltet, d. h. der Privatbesitz an

Produktionsmitteln aufgehoben wird, ist hier Gleichheit möglich, und

also die von der Ungleichheit nicht abtrennbare Schranke der Freiheit

beseitigt. Unleugbar tritt gerade an dieser „Möglichkeit“ die tiefe

Antinomie von Freiheit und Gleichheit hervor, da sie nur durch die

Versenkung beider in das Negative der Besitz- und Machtlosigkeit zu

lösen ist. Es scheint, als ob damals nur Goethe sie klar durchschaut

hätte: die Gleichheit, sagt er, verlange Subordinierung unter eine

allgemeine Norm, die Freiheit „strebe ins Unbedingte“; „Gesetzgeber

oder Revolutionärs, die Gleichheit und Freiheit zugleich versprechen,

sind Phantasten oder Scharlatans“. Es war vielleicht ein Instinkt

für diesen Sachverhalt, der der Freiheit und Gleichheit als dritte

Forderung die Brüderlichkeit hinzufügen ließ. Denn verwirft man

das Mittel des Zwanges, um den Widerspruch zwischen Freiheit und

Gleichheit aufzuheben, so führt nur der ausdrückliche Altruismus zu

demselben Erfolge: nur durch sittlichen Verzicht auf das Geltendmachen

natürlicher Vorzüge wäre die Gleichheit wiederherzustellen, nachdem

die Freiheit sie vernichtet hätte. Im übrigen aber ist der typische

Individualismus des 18. Jahrhunderts gegen diese innere Schwierigkeit

der Freiheit völlig blind. Jene ständischen, zünftigen, kirchlichen,

geistigen Bindungen, gegen die er sich wehrte, hatten unzählige

Ungleichheiten zwischen den Menschen geschaffen, deren Ungerechtigkeit

und deren nur äußerlich-historischen Ursprung man empfand. So

schloß man, daß die Beseitigung der Institutionen, mit der +diese+

Ungleichheiten fallen müßten, alle Ungleichheiten überhaupt aus der

Welt schaffen würde. Freiheit und Gleichheit erschienen als die

selbstverständlich harmonischen Seiten eines einzigen Menschheitsideals.

Dies wurde nun noch von einer tieferen geschichtlichen Strömung

getragen: von dem eigentümlichen Naturbegriff in dem Geiste jener

Zeit. Das 18. Jahrhundert war in seinen theoretischen Interessen

durchaus naturwissenschaftlich orientiert: es hat, die Arbeit des

17. fortsetzend, den modernen Begriff des Naturgesetzes als das

höchste Erkenntnisideal statuiert. Für dieses aber verschwindet die

eigentliche Individualität, das Unvergleichliche, Unauflösliche des

einzelnen Daseins. Hier besteht nur das allgemeine Gesetz, und jede

Erscheinung, ein Mensch oder ein Nebelfleck in der Milchstraße,

ist nur ein einzelner Fall desselben, ist selbst bei völliger

Unwiederholtheit seiner Form ein bloßer Schnittpunkt und auflösbares

Zusammen schlechthin allgemeiner Gesetzesbegriffe. So mindestens

verstand man damals die „Natur“ -- nur die Dichter verstanden sie

anders. Darum steht der allgemeine Mensch, der Mensch überhaupt,

im Interessenzentrum dieser Zeit, statt des historisch gegebenen,

des besonderen und differenzierten. Dieser letztere ist prinzipiell

auf jenen reduziert, in jeder individuellen Person lebt als ihr

Wesentliches jener allgemeine Mensch, wie jedes noch so besonders

gestaltete Stück Materie doch in seinem Wesen die durchgehenden

Gesetze der Materie überhaupt darstellt. Damit aber ergibt sich

zugleich das Recht, Freiheit und Gleichheit von vornherein zueinander

gehören zu lassen. Denn wenn das Allgemeinmenschliche, sozusagen

das Naturgesetz Mensch, als der wesentliche Kern in jedem, durch

empirische Eigenschaften, gesellschaftliche Stellung, zufällige

Bildung individualisierten Menschen besteht, so braucht man ihn eben

nur von all diesen historischen, sein tiefstes Wesen überdeckenden

Einflüssen und Ablenkungen zu +befreien+, damit als dieses Wesen

das allen Gemeinsame, der Mensch als solcher, an ihm hervortrete.

Hier liegt der Drehpunkt dieses Individualitätsbegriffes, der zu den

großen geistesgeschichtlichen Kategorien gehört: wenn der Mensch von

allem, was nicht ganz er selbst ist, befreit wird, wenn er sich selbst

gefunden hat, so verbleibt als die eigentliche Substanz seines Daseins

der Mensch schlechthin, die Menschheit, die in ihm wie in jedem andern

lebt, das immer gleiche Grundwesen, das nur empirisch-historisch

verkleidet, verkleinert, entstellt ist. Wenn Freiheit bedeutet, daß

sich in der ganzen Peripherie des Daseins das zentrale Ich unbehindert

und restlos ausdrückt, daß der Punkt des unbedingten Selbst im

Menschen die Alleinherrschaft über seine Existenz besitzt, so ist

dies nun derjenige, in dem alle Menschen wesentlich gleich sind,

der reine Begriff der Menschheit, das Allgemeine, gegen das alle

+unterschiedene+ Individualität etwas Äußerlich-Zufälliges ist. Diese

Bedeutung des Allgemeinen ist es, aus der heraus die Literatur der

Revolutionszeit fortwährend von dem Volke, dem Tyrannen, der Freiheit

ganz im allgemeinen spricht; derentwegen die „natürliche Religion“

eine Vorsehung überhaupt, eine Gerechtigkeit überhaupt, eine göttliche

Erziehung überhaupt hat, ohne das Recht besonderer Gestaltungen dieses

Allgemeinen anzuerkennen; derentwegen das „Naturrecht“ auf der Fiktion

isolierter und gleichartiger Individuen beruht. Für diese Anschauung

zergeht die Gemeinsamkeit im Sinne der Kollektiveinheit -- der

kirchlichen oder wirtschaftlichen, der ständischen oder der staatlichen

(da dem Staate nur die negative Funktion des Schutzes, des Abhaltens

von Störungen zukommt); es bleibt der auf sich ruhende, individuell

freie Einzelmensch, und an die Stelle jener historisch-sozialen

Gemeinsamkeiten tritt die Überzeugung von der Allgemeinheit der

Menschennatur, die als das Wesentliche, Unverlierbare, immer

Identifizierbare in jedem subsistiert, nur aufgefunden und an ihm

aufgedeckt zu werden braucht, damit er vollkommen sei. Und wie sie jene

Isolierung der Individuen mildert und erträglich macht, so macht sie

ebenso die Freiheit sittlich möglich, indem sie die Entwicklung der

Ungleichheit, die unvermeidliche Konsequenz dieser, von der Wurzel her

abzuschneiden scheint. Darum kann Friedrich der Große den Fürsten als

„den ersten Richter, den ersten Finanzmann, den ersten Minister der

Gesellschaft“ bezeichnen, in demselben Atem aber als „einen +Menschen+

wie den geringsten seiner Untertanen“. Mit alledem überträgt sich die

soziologische Antinomie, von der ich ausging, in die Paradoxe der

Moral: daß sie die innerste, eigenste Bewegtheit des Menschen ist und

zugleich den Verzicht auf das Selbst fordert; und in die der Religion:

wer seine Seele verliert, der wird sie gewinnen.

Grundfragen der Soziologie · 第 6 / 8 段