Dieser Zusammenhang legt nahe, daß in der Geselligkeit alles das

unterkommen wird, was man schon von sich aus als soziologische

Spielform bezeichnen kann: vor allem das eigentliche Spiel selbst,

das in der Geselligkeit aller Epochen einen breiten Raum einnimmt.

Der Ausdruck des „+Gesellschafts+spieles“ ist in dem tieferen Sinne

bedeutsam, auf den ich vorher hinwies. Die ganzen Wechselwirkungs- oder

Vergesellschaftungsformen zwischen den Menschen: das Übertreffenwollen

und der Tausch, die Parteibildung und das Abgewinnenwollen, die

Chancen der zufälligen Begegnung und Trennung, der Wechsel zwischen

Gegnerschaft und Kooperation, das Überlisten und die Revanche -- alles

dieses, im Ernste der Wirklichkeit von Zweckinhalten erfüllt, führt

im Spiel ein vom Reize dieser Funktionen selbst und allein getragenes

Leben. Denn selbst wo das Spiel sich um einen Geldpreis dreht, ist

nicht dieser, der doch auch auf viele andere Weisen zu erwerben wäre,

das Spezifische des Spieles, sondern dessen Attraktionen liegen für

den richtigen Spieler in der Dynamik und dem Hazard jener soziologisch

bedeutsamen Betätigungsformen selbst. Das Gesellschaftsspiel hat

den tieferen Doppelsinn, daß es nicht nur in einer Gesellschaft als

seinem äußeren Träger gespielt wird, sondern daß mit ihm tatsächlich

„Gesellschaft“ „gespielt“ wird. Weiterhin hat, in der Soziologie der

Geschlechter, die Erotik ihre Spielform ausgebildet: die +Koketterie+,

die innerhalb der Geselligkeit ihre leichteste, spielendste, aber

auch weiteste Realisierung findet[3]. Dreht sich die erotische Frage

zwischen den Geschlechtern um Gewähren und Versagen (deren Gegenstände

natürlich unendlich mannigfaltig und abgestuft und keineswegs nur

radikaler oder gar nur physiologischer Natur sind), so ist es das Wesen

der weiblichen Koketterie, ein andeutendes Gewähren und ein andeutendes

Versagen wechselnd gegeneinander zu spannen, den Mann anzuziehen,

ohne es zu einer Entscheidung kommen zu lassen, ihn zurückzuweisen,

ohne ihm alle Hoffnung zu nehmen. Die Kokette steigert ihren Reiz auf

das Höchste, indem sie dem Manne die Gewährung sozusagen ganz nahe

rückt, ohne daß es ihr schließlich damit Ernst wäre; ihr Verhalten

pendelt zwischen dem Ja und dem Nein, ohne auf einem Halt zu machen.

Sie zeichnet damit gleichsam spielend die bloße und reine Form der

erotischen Entscheidungen und kann deren polare Entgegengesetztheiten

in einem ganz einheitlichen Benehmen zusammenbringen, da der

entschiedene und entscheidende Inhalt, der sie auf einem von beiden

festlegte, prinzipiell in die Koketterie nicht eintritt. Und diese

Entlastung von aller Schwere fester Inhalte und bleibender Realitäten

gibt der Koketterie jenen Charakter des Schwebenden, der Distanz, des

Ideellen, dessentwegen man mit einem gewissen Recht von der „Kunst“

-- nicht nur von den „Künsten“ -- der Koketterie spricht. Damit sie

sich aber auf dem Boden der Geselligkeit als ein so heimisches Gewächs

ausbreiten könne, wie die Erfahrung es zeigt, muß ihr von seiten

des Mannes ein ganz besonderes Verhalten begegnen. Solange der Mann

sich dem Reize der Koketterie versagt, oder solange er umgekehrt ihr

bloßes Opfer ist, das von ihren Schwingungen zwischen dem halben Ja

und dem halben Nein willenlos mitgeschleift wird, -- so lange hat die

Koketterie noch nicht die der Geselligkeit eigentlich adäquate Gestalt.

Es fehlt ihr jene freie Wechselwirkung und Äquivalenz der Elemente,

die das Grundgesetz der Geselligkeit ist. Diese tritt erst dann ein,

wenn der Mann nach nicht mehr als nach diesem frei schwebenden Spiele

verlangt, in dem nur wie ein fernes Symbol irgendwelches erotische

Definitivum anklingt, und wenn er nicht erst aus dem Begehren oder

aus der Befürchtung eines solchen den Reiz jener Andeutungen und

Präliminarien zieht. Die Koketterie, wie sie gerade auf den Höhen

der geselligen Kultur ihre Anmut entfaltet, hat die Wirklichkeit

des erotischen Begehrens, Gewährens oder Versagens hinter sich

gelassen und ergeht sich in dem Wechselspiele der Silhouetten dieser

Ernsthaftigkeiten. Wo diese letzteren eintreten oder dahinter stehen,

wird das ganze Geschehen sozusagen zu einer Privatangelegenheit der

beiden Personen, die nun in der Ebene der Realität abläuft; unter dem

soziologischen Zeichen der Geselligkeit aber, in die die eigentliche,

das volle Leben in sich bindende Zentralität der Personen überhaupt

nicht eintritt, ist Koketterie das neckische oder auch ironische Spiel,

mit dem die Erotik gleichsam die reinen Schemata ihrer Wechselwirkungen

von ihrem stofflichen oder ganz individuellen Inhalt gelöst hat. Wie

die Geselligkeit die Formen der Gesellschaft spielt, so spielt die

Koketterie die Formen der Erotik -- eine Wesensverwandtschaft, die

diese eben gewissermaßen zu einem Element jener prädestiniert.

In welchem Maße die Geselligkeit so die Abstraktion der sonst durch

ihren Inhalt bedeutsamen soziologischen Wechselwirkungsformen

vollzieht und ihnen, die nun gleichsam um sich selbst kreisen,

einen Schattenkörper leiht, dies offenbart sich schließlich an dem

breitesten Träger aller menschlichen Gemeinsamkeit, am +Gespräch+. Das

Entscheidende ist hier als die ganz banale Erfahrung auszudrücken:

daß im Ernst des Lebens die Menschen um eines Inhaltes willen reden,

den sie mitteilen oder über den sie sich verständigen wollen, in

der Geselligkeit aber das Reden zum Selbstzweck wird, aber nicht

im naturalistischen Sinne, wie im Geschwätz, sondern in dem der

+Kunst+ des Sich-Unterhaltens, mit deren eigenen artistischen

Gesetzen; im rein geselligen Gespräch ist sein Stoff nur noch der

unentbehrliche Träger der Reize, die der lebendige Wechseltausch

der Rede als solcher entfaltet. Alle die Formen, mit denen dieser

Tausch sich verwirklicht: der Streit und der Appell an die von beiden

Parteien anerkannten Normen; der Friedensschluß durch Kompromiß und

das Entdecken gemeinsamer Überzeugungen; das dankbare Aufnehmen des

Neuen und das Ablenken von dem, worüber doch keine Verständigung zu

hoffen ist -- alle diese Formen gesprächhafter Wechselwirkung, sonst

im Dienste unzähliger Inhalte und Zwecke des menschlichen Verkehrs,

haben hier ihre Bedeutung in sich selbst, das heißt in dem Reize

des Beziehungsspieles, das sie, bindend und lösend, siegend und

unterliegend, gebend und nehmend, zwischen den Individuen stiften; der

Doppelsinn des „Sich-Unterhaltens“ tritt in seine Rechte. Damit dieses

Spiel sein Genügen an der bloßen Form bewahre, darf der Inhalt kein

Eigengewicht bekommen: sobald die Diskussion sachlich wird, ist sie

nicht mehr gesellig; sie dreht ihre teleologische Spitze um, sobald

die Ergründung einer Wahrheit -- die durchaus ihren +Inhalt+ bilden

kann -- zu ihrem +Zwecke+ wird. Damit zerstört sie ihren Charakter als

gesellige Unterhaltung ebenso, wie wenn sie sich zu einem ernsthaften

Streite zuspitzt. Die +Form+ des gemeinsamen Suchens des Richtigen,

die +Form+ des Streites mag bestehen; aber sie darf den Ernst ihres

jeweiligen Inhaltes so wenig zu ihrer Substanz werden lassen, wie man

in ein perspektivisch wirkendes Gemälde ein Stück der dreidimensionalen

Wirklichkeit seines Gegenstandes einfügen dürfte. Nicht als ob der

Inhalt der gesellschaftlichen Unterhaltung gleichgültig sei: er

soll durchaus interessant, fesselnd, ja bedeutend sein -- nur daß

er nicht an sich den Zweck der Unterhaltung bilde, daß diese nicht

dem objektiven Resultat gelte, das sozusagen ideell außerhalb der

Unterhaltung bestünde. Äußerlich mögen deshalb zwei Unterhaltungen

ganz gleich verlaufen, +gesellig+, dem inneren Sinne nach, ist nur

diejenige, in der jene Inhalte, mit all ihrem Werte und Reize, doch nur

an dem funktionellen Spiele der Unterhaltung als solcher ihr Recht,

ihren Platz, ihren Zweck finden, an der Form des Redetausches mit ihrer

besonderen und sich selbst normierenden Bedeutsamkeit. Darum gehört zum

Wesen der geselligen Unterhaltung, daß sie ihren Gegenstand leicht und

rasch wechseln könne; denn da der Gegenstand hier nur Mittel ist, kommt

ihm die ganze Austauschbarkeit und Zufälligkeit zu, die überhaupt den

Mitteln gegenüber dem feststehenden Zwecke eignet. So also bietet, wie

gesagt, die Geselligkeit den vielleicht einzigen Fall, in dem das Reden

legitimer Selbstzweck ist. Denn dadurch, daß es schlechthin zweiseitig

ist, ja vielleicht mit Ausnahme des „Sich-Ansehens“ die reinste

und sublimierteste Zweiseitigkeitsform unter allen soziologischen

Erscheinungen überhaupt, wird es zur Erfüllung einer Relation, die

sozusagen nichts als Relation sein will, in der also das, was sonst

bloße Form der Wechselwirkung ist, zu deren selbstgenugsamem Inhalt

wird. Es ergibt sich aus diesen gesamten Zusammenhängen, daß auch

das Erzählen von Geschichten, Witzen, Anekdoten, so oft es auch ein

Lückenbüßer und Armutszeugnis sein mag, doch auch einen feinen Takt

zeigen kann, in dem alle Motive der Geselligkeit anklingen. Denn

zunächst wird damit die Unterhaltung auf einer Basis gehalten, die

jenseits aller individuellen Intimität, jenseits jenes rein Personalen

steht, das sich nicht in die Kategorien der Geselligkeit fügen will.

Aber dennoch ist dieses Objektive nicht um seines Inhaltes, sondern

um des Geselligkeitsinteresses willen vorgebracht; daß dieser gesagt

und aufgenommen wird, ist kein Selbstzweck, sondern ein bloßes Mittel

für die Lebendigkeit, das Sichverstehen, das Gemeinsamkeitsbewußtsein

des Kreises. Es ist damit nicht nur ein Inhalt gegeben, an dem alle

gleichmäßig teilhaben können, sondern es ist die Gabe eines einzelnen

an die Gesamtheit, aber eine solche, hinter der der Gebende sozusagen

unsichtbar wird: die feinste, gesellig erzählte Geschichte ist die,

bei der der Erzählende seine Person völlig zurücktreten läßt; die

ganz vollendete hält sich in dem glücklichen Gleichgewichtspunkt der

sozusagen geselligen Ethik, in dem sowohl das subjektiv Individuelle

wie das objektiv Inhaltliche sich völlig in den Dienst an der reinen

Geselligkeitsform aufgelöst haben.

Es ist hiermit angedeutet, daß die Geselligkeit die Spielform auch

für die ethischen Kräfte der konkreten Gesellschaft ist. Die großen,

diesen Kräften gestellten Probleme: daß der Einzelne sich in einen

Gesamtzusammenhang einzuordnen und für ihn zu leben habe, daß ihm

aber aus diesem wieder Werte und Erhöhungen zurückfließen müssen, daß

das Leben des Individuums ein Umweg für die Zwecke des Ganzen, das

Leben des Ganzen aber ein Umweg für die Zwecke des Individuums sei --

den Ernst, ja die vielfache Tragik dieser Forderungen überträgt die

Geselligkeit in das symbolische Spiel ihres Schattenreiches, in dem es

keine Reibungen gibt, weil Schatten sich eben nicht aneinander stoßen

können. Wenn es ferner die ethische Aufgabe der Vergesellschaftung ist,

das Sichzusammenfinden und das Sichlösen ihrer Elemente zum genauen

und aufrichtigen Ausdruck ihrer inneren, durch die Ganzheit ihres

Lebens bestimmten Relationen zu machen, so löst sich innerhalb der

Geselligkeit diese Freiheit und Adäquatheit von ihren konkreten und

inhaltlich tieferen Bedingnissen ab; wie sich in einer „Gesellschaft“

Gruppen bilden und sich spalten, wie das Zwiegespräch in ihr sich

rein nach Impuls und Gelegenheit entspinnt, vertieft, lockert,

abschließt, dies ist ein Miniaturbild des Gesellschaftsideales, das

man die Freiheit der Bindung nennen könnte. Wenn alles Miteinander und

Auseinander das streng angemessene Phänomen innerer Wirklichkeiten

sein soll, so sind diese letzteren hier fortgefallen, und nur

jene Erscheinung ist geblieben, deren den eigenen Formgesetzen

gehorsames Spiel, deren in sich geschlossene Anmut jene Angemessenheit

+ästhetisch+ repräsentiert, die der Ernst der Realitäten sonst

+ethisch+ fordert. --

Diese Gesamtdeutung der Geselligkeit wird von gewissen historischen

Entwicklungen anschaulich realisiert. Im früheren deutschen Mittelalter

finden wir ritterliche Bruderschaften, die von befreundeten

Patrizierfamilien gebildet waren. Die religiösen und praktischen

Zwecke dieser Einungen scheinen sich aber ziemlich früh verloren zu

haben, und im 14. Jahrhundert sind die +ritterlichen+ Interessen und

Verhaltungsweisen ihr allein übriggebliebenes inhaltliches Spezifikum.

Bald nachher aber verschwindet auch dieses, und es verbleiben nur

noch rein gesellige Vereinigungen aristokratischer Schichten. Hier

entwickelt sich also die Geselligkeit offensichtlich als das Residuum

einer inhaltbestimmten Gesellschaft -- als das Residuum, das, weil

der Inhalt verloren gegangen ist, nur aus der Form und den Formen

des Miteinander und Füreinander bestehen kann. Daß der Eigenbestand

dieser Formen nur das innere Wesen des Spieles oder, tiefergreifend,

der Kunst zeigen kann, tritt noch sichtbarer an der Hofgesellschaft

des ~Ancien Régime~ hervor. Hier waren aus dem Wegfall der konkreten

Lebensinhalte, die der französischen Aristokratie gewissermaßen durch

das Königtum ausgesogen waren, freischwebende Formen entstanden, zu

denen das Bewußtsein dieses Standes kristallisiert war -- Formen,

deren Kräfte, Bestimmtheiten, Relationen rein gesellig waren und

keineswegs etwa Symbole oder Funktionen der realen Bedeutungen und

Intensitäten der Personen und Institutionen. Das Etikettenwesen der

höfischen Geselligkeit war zum Selbstzweck geworden, es etikettierte

keinen Inhalt mehr, sondern hatte immanente Gesetze ausgebildet, jenen

der Kunst vergleichbar, die nur aus dem Gesichtspunkt der Kunst heraus

gelten und durchaus nicht den Zweck haben, die Wirklichkeit der

Modelle, der Dinge außerhalb der Kunst, in ihr nachzubilden.

Mit dieser Erscheinung erreicht die Geselligkeit zwar ihren

souveränsten, aber zugleich in die Karikatur übergehenden Ausdruck.

Gewiß ist es ihr Wesen, aus den realistischen Wechselbeziehungen der

Menschen die Realität auszuscheiden und nach den Formgesetzen dieser

in sich bewegten, jetzt keinen Zweck außerhalb ihrer anerkennenden

Relationen ihr luftiges Reich zu errichten. Allein die tief strömende

Quelle, aus der dieses Reich seine Bewegtheiten speist, ist dennoch

nicht in jenen sich selbst bestimmenden Formen, sondern nur in

der Lebendigkeit der realen Individuen, in ihren Empfindungen und

Attraktionen, in der Fülle ihrer Impulse und Überzeugungen zu suchen.

Alle Geselligkeit ist nur ein +Symbol+ des Lebens, wie es sich in dem

Flusse eines leicht beglückenden Spieles zeichnet, aber eben doch ein

Symbol des +Lebens+, dessen Bild nur so weit verändernd, wie die hier

zu ihm gewonnene Distanz es fordert; gerade wie auch die freieste und

phantastischste, von aller Wirklichkeitskopie entfernteste Kunst sich

von einem tiefen und treuen Verhältnis zur Wirklichkeit nährt, wenn sie

nicht hohl und verlogen wirken soll. Auch die Kunst steht zwar +über+

dem Leben, aber über dem +Leben+. Schneidet die Geselligkeit die Fäden,

die sie mit der Lebenswirklichkeit verbinden und aus denen sie ihr

freilich ganz anders stilisiertes Gewebe spinnt, völlig ab, so wird

sie aus einem Spiele zu einer Spielerei mit leeren Formen, zu einem

unlebendigen und auf seine Unlebendigkeit stolzen Schematismus.

Aus diesem Zusammenhange wird ersichtlich, daß die Menschen über die

+Oberflächlichkeit+ des gesellschaftlichen Verkehrs mit Recht und mit

Unrecht klagen. Es gehört nämlich zu den wirkungsvollsten Tatsachen

der geistigen Existenz, daß, wenn wir aus der Ganzheit des Seins

irgendwelche Elemente zu einem eigenen Reich zusammenschließen, das

nach eigenen Gesetzen und nicht nach denen des Ganzen verwaltet wird,

dieses Reich freilich in einer völligen Abschnürung von dem Leben des

Ganzen, bei aller inneren Vollendung, ein ausgehöhltes und in der Luft

schwebendes Wesen zeigen kann: dann aber, oft nur durch Imponderabilien

verändert, gerade in diesem Abstand von aller unmittelbaren Realität,

deren tiefstes Wesen vollständiger, einheitlicher, sinngemäßer zeigen

kann, als irgendein Versuch, es realistischer und ohne Distanznahme zu

ergreifen. Je nachdem diese oder jene Empfindung vorliegt, wird das

eigene und unter eigenen Normen ablaufende Leben, das die Oberflächen

der gesellschaftlichen Wechselwirkungen in der Geselligkeit gewonnen

haben, für uns eine formelhafte, bedeutungslose Unlebendigkeit sein --

oder ein symbolisches Spiel, in dessen ästhetischen Reiz alle feinste,

sublimierte Dynamik des gesellschaftlichen Daseins überhaupt und seines

Reichtums gesammelt ist. Wir sind in der ganzen Kunst, in der ganzen

Symbolik des religiösen und kirchlichen Lebens, großenteils sogar

in den Formulierungskomplexen der Wissenschaft auf diesen Glauben,

auf dieses Gefühl angewiesen, daß die Eigengesetzlichkeiten bloßer

Erscheinungsteile, die Kombination ausgewählter Oberflächenelemente

eine Beziehung zu der Tiefe und Ganzheit der vollen Realität besitzen,

die, wenn auch oft nicht formulierbar, jene zum Träger und Vertreter

des unmittelbar wirklichen und fundamentalen Daseins macht. Wir

verstehen daraus die erlösende und beglückende Wirkung mancher dieser,

aus den bloßen Formen des Daseins aufgebauten Reiche; denn in ihnen

sind wir zwar vom Leben erlöst, aber wir haben es doch. Wie uns der

Anblick des Meeres innerlich befreit, nicht obgleich, sondern weil in

seinem Aufrauschen, um abzufließen, Abfließen, um wieder aufzurauschen,

in dem Spielen und Gegenspielen seiner Wellen das ganze Leben zu dem

einfachsten Ausdruck seiner Dynamik stilisiert ist, ganz frei von aller

erlebbaren Wirklichkeit und aller Schwere der Einzelschicksale, deren

letzter Sinn dennoch in dieses bloße Bild einzufließen scheint -- so

offenbart etwa die Kunst das Geheimnis des Lebens: daß wir uns nicht

durch einfaches Wegsehen von ihm erlösen, sondern gerade indem wir in

dem scheinbar ganz selbstherrlichen Spiel seiner Formen den Sinn und

die Kräfte seiner tiefsten Wirklichkeit, aber ohne diese Wirklichkeit

selbst, gestalten und erleben. Für so viel tiefe und den Druck des

Lebens in jedem Augenblick fühlende Menschen würde die Geselligkeit

nicht dies Befreiende, erlösend Heitere enthalten können, wenn sie

wirklich nur das Sichflüchten vor diesem Leben, die bloß momentane

Aufhebung seines Ernstes wäre. Sie mag vielfach dies nur Negative sein,

ein Konventionalismus und innerlich lebloser Austausch von Formeln;

so vielleicht häufig im ~Ancien Régime~, wo die dumpfe Angst vor

einer bedrohlichen Wirklichkeit die Menschen in jenes bloße Wegsehen

hineintrieb, in jene Abschnürung von den Mächten des tatsächlichen

Lebens. Das Befreiende und Erleichternde aber, das gerade der tiefere

Mensch in der Geselligkeit findet, ist: daß das Zusammensein und der

Einwirkungstausch, in denen die ganzen Aufgaben und die ganze Schwere

des Lebens sich darstellt, hier in gleichsam artistischem Spiel

genossen werden, in jener gleichzeitigen Sublimierung und Verdünnung,

in der die inhaltbegabten Kräfte der Wirklichkeit nur noch wie aus der

Ferne anklingen, ihre Schwere in einen Reiz verflüchtigend.

[3] Das Wesen der Koketterie habe ich ausführlich in meinem Buche:

Philosophische Kultur -- behandelt.

Viertes Kapitel.

Individuum und Gesellschaft in Lebensanschauungen des 18. und 19.

Jahrhunderts.

(Beispiel der Philosophischen Soziologie.)

Das eigentliche praktische Problem der Gesellschaft liegt in dem

Verhältnis, das ihre Kräfte und Formen zu dem Eigenleben der

Individuen besitzen. Mag die Gesellschaft an den Individuen oder noch

außerhalb dieser existieren. Aber selbst wer ein eigentliches „Leben“

nur den Individuen zuerkennte und das Leben der Gesellschaft mit

dem ihrer einzelnen Mitglieder identifizierte, würde eine Vielheit

tatsächlicher Konflikte nicht leugnen können. Einerseits, weil

die sozialen Elemente an den Individuen eben zu dem Sondergebilde

„Gesellschaft“ zusammenrinnen und dieses eigene Träger und Organe

gewinnt, die dem Einzelnen mit Forderungen und Exekutiven wie eine ihm

fremde Partei gegenübertreten. Andrerseits ist der Konflikt gerade

durch das Einwohnen der Gesellschaft in dem Einzelnen nahegelegt.

Denn die Fähigkeit des Menschen, sich selbst in Parteien zu zerlegen

und irgendeinen +Teil+ seiner selbst als sein eigentliches Selbst zu

empfinden, das mit andern Teilen kollidiert und um die Bestimmung

seines Handelns kämpft -- diese Fähigkeit setzt den Menschen, insoweit

er sich als Sozialwesen fühlt, in ein oft gegensätzliches Verhältnis

zu den durch seinen Gesellschaftscharakter nicht ergriffenen Impulsen

und Interessen seines Ich: der Konflikt zwischen der Gesellschaft und

dem Individuum setzt sich in das Individuum selbst als der Kampf seiner

Wesensteile fort. Der umfassendste und tiefstgreifende Zwist zwischen

der Gesellschaft und dem Individuum scheint mir nicht auf einen

einzelnen Interesseninhalt zu gehen, sondern auf die allgemeine Form

des Einzellebens. Die Gesellschaft will eine Ganzheit und organische

Einheit sein, so daß jedes ihrer Individuen nur ein Glied ist; in die

spezielle Funktion, die es als solches zu üben hat, soll es womöglich

seine gesamten Kräfte gießen, soll sich umformen, bis es ganz zum

geeignetsten Träger dieser Funktion geworden ist. Allein gegen diese

Rolle sträubt sich der Einheits- und Ganzheitstrieb, den das Individuum

für sich allein hat. Es will in sich abgerundet sein und nicht nur

die ganze Gesellschaft abrunden helfen, es will die Gesamtheit seiner

Fähigkeiten entfalten, gleichviel, welche Verschiebungen unter

ihnen das Interesse der Gesellschaft forderte. Dieser Widerstreit

zwischen dem Ganzen, das von seinen Elementen die Einseitigkeiten

der Teilfunktion fordert, und dem Teil, der selbst ein Ganzes sein

will, ist prinzipiell nicht zu lösen: man kann kein Haus aus Häusern

bauen, sondern nur aus besonders geformten Steinen, keinen Baum aus

Bäumen erwachsen lassen, sondern nur aus differenzierten Zellen.

Diese Formulierung scheint mir den Gegensatz der beiden Parteien

deshalb so weitgreifend zu umschreiben, weil sie ihn über die übliche

Reduktion auf Egoismus und Altruismus vollkommen hinausführt. Denn

einerseits freilich erscheint das Ganzheitsstreben des einzelnen als

Egoismus, dem der Altruismus seiner Einordnung als einseitig geformten

sozialen Gliedes gegenübersteht; andrerseits aber ist dieses Verlangen

der Gesellschaft ein Egoismus, eine Vergewaltigung des Einzelnen

durch die Vielen und ihren Nutzen, die jenen oft zu einer völligen

Vereinseitigung und Verkümmerung bringt; und daß das Individuum darauf

drängt, sich in sich zu vollenden, braucht keineswegs als Egoismus zu

gelten, sondern kann ein objektives Ideal sein, bei dem durchaus nicht

nach seinem Erfolg für das Glück und die im engeren Sinne persönlichen

Interessen des Subjekts gefragt wird, ein überpersönlicher Wert, der

sich an der Persönlichkeit verwirklicht.

Mit dem zuletzt Angedeuteten, sogleich weiter Auszuführenden

scheint mir allerdings eine ganz wesentliche Entwicklungsstufe des

kulturphilosophischen Bewußtseins erreicht, auf der auch die Ethik

des Individuums, und indirekt die der Gesellschaft, ein neues Licht

empfängt. Es ist die populäre Meinung, daß alle Absichten, die sich

in dem undurchbrochenen Seins- und Interessenkreise des wollenden

Individuums selbst halten, egoistischer Natur wären. Diese wäre

nur da überwunden, wo der Wille sich auf das Wohl des Du oder der

Gesellschaft richte. In Wirklichkeit aber hat die tiefere Reflexion

über die Lebenswerte schon lange ein Drittes festgestellt, am

entschiedensten vielleicht bei Goethe und Nietzsche, wenn auch nicht

in abstrakter Formulierung: daß die Vollkommenheit des Individuums

rein als solche und gleichgültig gegen ihre Bedeutung für irgendwelche

andere oder dieser nur zufällig verbunden, ein objektiver Wert sei,

der sich aber auch ebenso unabhängig gegen den eigenen Glücks- oder

Unglückszustand dieses Individuums stellen kann. Was ein Mensch nach

Kraft und Vornehmheit, nach Leistungen und Harmonie der Existenz

bedeutet, ist unzählige Male ohne Beziehung dazu, was er selbst oder

was andere +davon haben+. Die Welt ist eben so viel wertvoller dadurch,

daß ein in sich wertvolles, in seinem Sein vollkommenes Wesen in ihr

lebt. Natürlich besteht solcher Wert unzählige Male in der praktischen

Hingebung an Einzelne oder an Gesamtheiten; allein ihn darauf zu

beschränken, ist ein willkürliches moralistisches Dogma. Auch gibt

es eine Schönheit und Perfektion des Daseins, ein Arbeiten an sich

selbst, eine leidenschaftliche Bemühung um ideale Güter, welches

alles sich in das Gefühl seines Trägers keineswegs immer als Glück

fortsetzt. Diese Einstellung, sozusagen von dem weltmäßigen Wert her,

setzt doch nur eine entsprechende des individuellen Bewußtseins fort.

Jeder höhere Mensch begehrt unzählige Male Zustände und Geschehnisse,

Erkenntnisse und Werke, in deren So-Sein und Dasein er ein definitiv

befriedigendes Ziel sieht. Gelegentlich mag Förderung oder Befinden

Anderer solchen Willensinhalt ausmachen; notwendig aber ist dies nicht,

die Sache selbst wird gewollt, nur um ihrer eigenen Verwirklichung

willen, und andere daher ebenso zu opfern wie sich selbst, ist kein zu

hoher Preis: jenes ~fiat justitia pereat mundus~ oder die Erfüllung

des göttlichen Willens, bloß weil es der göttliche ist, der Fanatismus

des Künstlers, den die Vollendung seines Werkes jede altruistische wie

egoistische Rücksicht vergessen macht, oder der politische Idealist,

den die Begeisterung für eine Verfassungsform ganz gleichgültig dagegen

macht, wie sich die Individuen dabei befinden -- alles dies sind

Beispiele für jene, bis zu ganz unscheinbaren Inhalten herabgehende,

rein objektive Wertung. Das handelnde Subjekt weiß sich selbst nur

als den eigentlich zufälligen Gegenstand oder Vollbringer dieses

Auftrags von der Sache her; die Leidenschaft für sie fragt hier so

wenig nach dem Ich, dem Du, der Gesellschaft als solcher, wie der Wert

des Weltzustandes sich etwa ausschließlich (wenn auch natürlich zum

Teil) an deren Lust oder Leid messen läßt. Aber es liegt auf der Hand,

daß die von Personen und Gesamtheiten, soweit sie sich als letzte

Wertinstanzen fühlen, herkommenden Ansprüche mit diesen objektiven

nicht ohne weiteres zusammengehen. Insbesondere, wo der Einzelne

einen solchen objektiven Wert an sich selbst oder einem sozial nicht

geschätzten Werk herzustellen strebt, ist es der Gesellschaft höchst

gleichgültig, daß er dabei durchaus überegoistisch verfährt. Sie

fordert ihn für sich und will ihn in die ihrer Ganzheit einfügsame Form

bringen, oft in so harter Unverträglichkeit mit derjenigen, die er als

objektiven Wert sich selbst abverlangt, wie sie nur zwischen einem rein

egoistischen und einem sozialen Anspruch bestehen mag. Die mit jenen

Wertungen erreichte Stufe hat freilich den Gegensatz von Egoismus und

Altruismus hinter sich gelassen; aber der zwischen dem Einzelnen und

der Gesellschaft versöhnt sich prinzipiell auch auf ihr nicht.

Grundfragen der Soziologie · 第 5 / 8 段