Aber die gleiche Voraussetzung macht auch die umgekehrte Schätzung

verständlich. Lessings Ausspruch: „Die ersten Gedanken sind jedermanns

Gedanken“ bedeutet nichts anderes, als daß die instinktiv, d. h. aus

den gesichertsten -- weil am längsten in uns lebenden -- Schichten

aufsteigenden Gedanken die sind, die eben darum in der größten

Allgemeinheit verbreitet sind. Und dies begründet seinen abschätzigen

Ton solchen Gedanken gegenüber, jenseits deren ihm offenbar erst

die wertvolleren beginnen, in denen Individualität und Neuheit sich

in untrennbarer Wechselwirkung zeigen. In Indien finden wir die

soziale Stufenordnung der Gewerbe von ihrem Alter abhängig: die

jüngeren sind in der Regel die höher geachteten -- doch wohl aus

dem Grunde, daß sie die komplizierteren, feineren, diffizileren und

deshalb nur der individuellen Begabung zugängigeren sein müssen.

Der Grund für die Schätzung des Neuen und Seltenen liegt in der

„Unterschiedsempfindlichkeit“ unserer seelischen Verfassung.

Was unser Bewußtsein auf sich ziehen, unser Interesse erregen,

unsere innere Bewegtheit steigern soll, muß sich irgendwie von dem

Selbstverständlichen, Alltäglichen, in uns und außer uns Gewohnten

abheben. Vor allem wird die praktische Bedeutung der Menschen

füreinander durch Gleichheit und Verschiedenheit bestimmt. Die

Gleichheit mit andern ist zwar als Tatsache wie als Tendenz von

nicht geringerer Wichtigkeit als die Unterscheidung gegen sie, und

beide sind in den mannigfaltigsten Formen die großen Prinzipien für

alle äußere und innere Entwicklung, so daß die Kulturgeschichte

der Menschheit schlechthin als die Geschichte des Kampfes und der

Versöhnungsversuche zwischen ihnen aufgefaßt werden kann; allein für

das Handeln innerhalb der Verhältnisse des Einzelnen ist doch der

Unterschied gegen die Andern von weit größerem Interesse als die

Gleichheit mit ihnen. Die Differenzierung gegen andere Wesen ist es,

was unsere Tätigkeit großenteils herausfordert und bestimmt; auf die

Beobachtung ihrer Verschiedenheiten sind wir angewiesen, wenn wir

sie benutzen und die richtige Stellung unter ihnen einnehmen wollen.

Der Gegenstand des praktischen Interesses ist das, was uns ihnen

gegenüber Vorteil oder Nachteil verschafft, aber nicht das, worin

wir mit ihnen übereinstimmen, das vielmehr die selbstverständliche

Grundlage vorschreitenden Handelns bildet. Darwin erzählt, er habe bei

seinem vielfachen Verkehr mit Tierzüchtern nie einen getroffen, der

an die gemeinsame Abstammung der Arten geglaubt habe; das Interesse

an derjenigen Abweichung, die die von ihm gezüchtete Spielart

charakterisiere und ihr den praktischen Wert für ihn verleihe, fülle

das Bewußtsein so aus, daß für die Gleichheit in allen Hauptsachen

mit den übrigen Rassen oder Gattungen kein Raum darin mehr vorhanden

sei. Dieses Interesse an der Differenziertheit des Besitzes erstreckt

sich begreiflich auch auf alle andern Beziehungen des Ich. Man wird

im allgemeinen sagen können, daß bei objektiv gleicher Wichtigkeit

der Gleichheit mit einer Allgemeinheit und der Individualisierung

ihr gegenüber für den subjektiven Geist die erstere mehr in der Form

der Unbewußtheit, die letztere mehr in der der Bewußtheit existieren

wird. Die organische Zweckmäßigkeit spart das Bewußtsein in jenem

Falle, weil es in diesem für die praktischen Lebenszwecke nötiger ist.

Das Interesse an der Differenziertheit ist sogar groß genug, um sie

praktisch auch da zu erzeugen, wo eigentlich kein sachlicher Grund

dazu vorliegt. So bemerkt man, daß Vereinigungen -- von gesetzgebenden

Körperschaften bis zu Vergnügungskomitees -- die durchaus einheitliche

Gesichtspunkte und Ziele haben, nach einiger Zeit in Parteien

auseinandergehen, die sich zueinander verhalten, wie die ganze sie

einschließende Vereinigung etwa zu einer von radikal andern Tendenzen

bewegten. Es ist, als ob jeder Einzelne seine Bedeutung so sehr nur

im Gegensatz gegen andere fühlte, daß dieser Gegensatz künstlich

geschaffen wird, wo er von vornherein nicht da ist, ja wo die ganze

Gemeinsamkeit, innerhalb deren nun der Gegensatz gesucht wird, auf

Einheitlichkeit andern Gegensätzen gegenüber gegründet ist.

Daß das Neue, Seltene oder Individuelle (ersichtlich sind dies nur drei

verschiedene Seiten eben desselben Grundphänomens) als das wertmäßig

Erlesene gilt, wie es die Kultur- und Sozialgeschichte in unzähligen

Wiederholungen zeigt, soll hier nur sein Gegenstück beleuchten: daß

die Eigenschaften und Verhaltungsweisen, mit denen der Einzelne,

weil er sie mit den andern teilt, Masse bildet, als die wertmäßig

niedrigeren auftreten. Hier liegt das vor, was man die soziologische

Tragik schlechthin nennen könnte. Der Einzelne mag noch so feine,

hochentwickelte, durchgebildete Qualitäten besitzen -- gerade je mehr

das der Fall ist, desto unwahrscheinlicher wird die Gleichheit und also

die Einheitsbildung gerade dieser mit den Qualitäten anderer, desto

mehr strecken sie sich nach der Dimension der Unvergleichbarkeit hin,

auf desto niedrigere, primitiv sinnlichere Schichten reduziert sich

das, worin er sich mit Sicherheit den andern angleichen und mit ihnen

eine einheitlich charakterisierte Masse formen kann. So konnte es

geschehen, daß von dem „Volk“, der „Masse“ mit Verachtung gesprochen

wurde, ohne daß doch die Einzelnen sich dadurch getroffen zu fühlen

brauchten, weil tatsächlich kein Einzelner damit gemeint war: sowie man

den Einzelnen als solchen und als ganzen ansieht, so besitzt er sehr

viel höhere Qualitäten jenseits derer, die er in die Kollektiveinheit

hineingibt. Dieses Verhältnis ist von Schiller klassisch formuliert

worden: „Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und

verständig. Sind sie ~in corpore~, gleich wird euch ein Dummkopf

daraus.“ Unter stärkerer Betonung des Momentes der Individualitäten,

die, nach ganz verschiedenen Seiten auseinandergehend, eben nur

die niedrigst gelegenen Abschnitte der Persönlichkeiten als ihren

Treffpunkt übriglassen, hat Heine das Verhältnis ausgesprochen:

„Selten habt ihr mich verstanden, Selten auch verstand ich euch. Nur

wenn wir im Kot uns fanden, Dann verstanden wir uns gleich.“ Diese

Niveaudifferenz zwischen dem Subjekt Individuum und dem Subjekt

Masse erstreckt sich durch die gesellschaftliche Existenz so weit

hin und so folgenreich, daß es lohnt, noch einige Äußerungen gerade

solcher Persönlichkeiten heranzuziehen, deren historische Stellungen,

sonst äußerst verschieden, ihnen allen besonders reiche Erfahrungen

überprivater Verhältnisse zubrachten. Solon soll ausgesprochen haben:

jeder seiner Athener sei ein schlauer Fuchs, wenn er sie aber auf der

Pnyx zusammenhabe, sei es eine Herde Schafe. Der Kardinal Retz bemerkt

in seinen Memoiren, wo er das Verfahren des Pariser Parlaments zur Zeit

der Fronde beschreibt, daß zahlreiche Körperschaften, wenn sie auch

noch so viel hochstehende und gebildete Personen einschließen, doch bei

gemeinschaftlichem Beraten und Vorgehen immer wie der Pöbel handeln,

d. h. durch solche Vorstellungen und Leidenschaften wie das gemeine

Volk regiert werden. Ganz ähnlich wie Solon äußert sich Friedrich

der Große, seine Generale seien die vernünftigsten Leute, wenn er

mit jedem allein spräche, versammle er sie aber zu einem Kriegsrat,

so seien sie Schafsköpfe. Das Entsprechende meint offenbar der

englische Historiker Freeman mit der Bemerkung, das Unterhaus sei zwar

hinsichtlich des Ranges der zusammensetzenden Persönlichkeiten eine

aristokratische Körperschaft, sei es aber versammelt, so benehme es

sich gänzlich wie ein Demokratenhaufe. Der beste Kenner der englischen

Gewerkvereine hat festgestellt, daß deren Massenversammlungen oft die

törichtesten und verderblichsten Beschlüsse fassen, so daß die meisten

Vereine sie zugunsten von Delegiertenversammlungen aufgegeben haben.

Das bestätigen Beobachtungen, die, inhaltlich unbedeutend, nicht nur

durch ihre Massenhaftigkeit soziologisch wichtig werden, sondern auch

weil sie immerhin Symbole auch historisch wichtigster Zustände und

Geschehnisse sind. So können Essen und Trinken, die ältesten und in

geistiger Hinsicht wesenlosesten Funktionen, das Vereinigungsmittel,

oft das einzige, höchst heterogener Personen und Kreise bilden; so

zeigen selbst gebildete Herrengesellschaften die Tendenz, sich in

der Erzählung niedriger Zoten zu ergehen; so wird die ungemessenste

Fröhlichkeit und das reserveloseste Vereinigtheitsgefühl in jüngeren

Kreisen immer durch solche Gesellschaftsspiele erreicht, die den

primitivsten und geistig anspruchslosesten Charakter tragen. Darum

verdirbt die Notwendigkeit, es größeren Massen zu Dank zu machen,

überhaupt sich ihnen dauernd zu exponieren, so leicht den Charakter:

sie biegt das Individuum von seiner individuellen Ausbildungshöhe zu

dem Punkt herunter, auf dem es sich allen, d. h. jedem beliebigen,

zuordnet. Wenn man es am Journalisten, am Schauspieler, am Demagogen

bedenklich findet, daß sie „die Gunst der Masse suchen“, so wäre das

noch nicht ohne weiteres ein berechtigter Vorwurf, wenn diese Masse aus

der Summe der ganzen personalen Existenzen bestünde, die zu verachten

durchaus kein Grund vorliegt. Aber tatsächlich ist sie gar nicht dies,

sondern ein neues Gebilde, das sich nicht aus den jeweils vollständigen

Individualitäten ihrer Teilnehmer, sondern aus denjenigen Wesensteilen

eines jeden herstellt, in denen er mit andern koinzidiert und die also

keine andern als die primitivsten, in der organischen Entwicklung

zuunterst stehenden sein können. +Dieser+ Masse und dem Niveau, das

jedem ihrer Elemente zugängig sein muß, dienen jene geistig und ethisch

gefährdeten Persönlichkeiten, nicht aber jedem ihrer Elemente für

sich. Es ist klar, daß bei diesem Niveau all die Verhaltungsweisen

ausgeschaltet sind, die eine Mehrheit nebeneinander wirksamer

Vorstellungsreihen voraussetzen. Alle Handlungen von Massen vermeiden

deshalb die Umwege, sie gehen, erfolgreich oder nicht, in der kürzesten

Linie auf ihre Ziele los und werden jeweils von +einer+ Idee, und zwar

einer möglichst einfachen, beherrscht: die Wahrscheinlichkeit ist zu

gering, daß jedes Mitglied einer größeren Masse einen mannigfaltigeren,

und zwar den identischen, Gedankenkomplex in Bewußtsein und Überzeugung

trägt. Da nun aber angesichts der Kompliziertheit unserer Verhältnisse

jede einfache Idee eine radikale, vielerlei andere Ansprüche negierende

sein muß, so begreifen wir daraus die Macht der radikalen Parteien

in Zeiten, wo die großen Massen in Bewegung gesetzt sind, und die

Schwäche der vermittelnden, für beide Seiten des Gegensatzes Recht

fordernden. Außerordentlich charakteristisch für den Unterschied des

griechischen und des römischen Naturells ist es, daß die griechischen

Stadtbürger als einheitliche Masse unter dem unmittelbaren Eindruck

des Redners abstimmten, die Römer aber nach festen, gewissermaßen als

Individuen auftretenden Gruppen: ~centuriatim~, ~tributim~ usw. Daher

die verhältnismäßige Ruhe und Verständigkeit der römischen Beschlüsse

und die häufige Maß- und Besinnungslosigkeit der griechischen. Aus

jener seelischen Homophonie der Menge folgen aber auch gewisse

negative Tugenden, deren Gegenteil eine Mehrheit gleichzeitig bewußter

Gedankenketten voraussetzt: die Menge lügt nicht und heuchelt nicht.

Freilich fehlt ihr aus der gleichen seelischen Verfassung heraus im

allgemeinen auch jedes Bewußtsein von Verantwortung.

Nimmt man eine genetische und systematische Stufenfolge der seelischen

Äußerungen an, so wird man doch wohl das Gefühl (natürlich nicht

+alle+ Gefühle) für die primäre, fundierend allgemeine, gegenüber dem

Intellekt halten. Lust und Schmerz sowie gewisse triebhafte Gefühle,

die der Erhaltung des Ich und der Gattung dienen, haben sich jedenfalls

vor allem Verfahren mit Begriffen, Urteilen und Schlüssen entwickelt.

An der Ausbildung des Intellekts offenbart sich deshalb vor allem

jenes Zurückbleiben des sozialen hinter dem individuellen Niveau,

während sich innerhalb des Gefühlsbezirkes das Gegenteil zeigen kann.

Es ist gar kein Widerspruch gegen die angeführten Abschätzungen des

~in corpore~-Verhaltens, wenn Carl Maria von Weber über das große

Publikum sagt: „Der einzelne ist ein Esel und das Ganze ist doch Gottes

Stimme.“ Denn das ist die Erfahrung des Musikers, der das +Gefühl+ der

Masse anruft, nicht ihre Intellektualität. Darum hat auch, wer auf die

Massen wirken wollte, es jederzeit durch Appell an ihre Gefühle, aber

sehr selten durch noch so bündige theoretische Darlegungen erreicht.

Insbesondere gilt dies gegenüber räumlich zusammenbefindlichen Massen.

Hier besteht etwas, was man Kollektivnervosität nennen könnte: eine

Empfindlichkeit, eine Leidenschaft, eine Exzentrizität ist großen

Massen oft eigen, die sich vielleicht kaum an einem einzelnen ihrer

Mitglieder, wenn es in diesem Augenblick allein stünde, zeigen würde.

Schon an den herdenweise lebenden Tieren ist dies beobachtet: der

leiseste Flügelschlag, der kleinste Sprung eines einzelnen artet oft

in einen panischen Schrecken der ganzen Herde aus. Die oft ungeheure

Wirkung flüchtiger Anregungen, die einer Masse gegeben werden, das

lawinenartige Anschwellen geringster Impulse von Liebe und Haß, die

sachlich oft ganz unbegreifliche Erregtheit einer Masse, in der sie

besinnungslos vom Gedanken zur Tat stürmt und die den Einzelnen ohne

weiteres mitreißt -- dies geht doch wohl auf gegenseitige Beeinflussung

durch schwer feststellbare Ausstrahlungen des Gefühls zurück, die,

weil sie zwischen jedem und jedem stattfinden, schließlich in jedem

eine weder aus ihm selbst noch aus der Sache erklärbare Erregtheit

aufsummen. Es ist eine der belehrendsten, rein soziologischen

Erscheinungen: das Individuum fühlt sich von der ihn umwogenden

„Stimmung“ der Masse wie von einer äußeren Gewalt hingenommen,

gleichgültig gegen sein individuelles Sein und Wollen -- und dabei

besteht doch diese Masse ausschließlich aus solchen Individuen,

nichts als deren reinste Wechselwirkung liegt vor und entfaltet eine

Dynamik, die durch ihre Größe als etwas Objektives erscheint und

jedem seinen eigenen Beitrag verbirgt; tatsächlich reißt er doch

selbst mit, indem er mitgerissen wird. Eine solche Höchststeigerung

des Gefühls vermöge des bloßen Zusammenseins zeigt wie in einem

Schulbeispiel ein Bericht über die Quäker. Obgleich die Innerlichkeit

und der Subjektivismus ihres religiösen Prinzips eigentlich jeder

Gemeinsamkeit des Gottesdienstes widerstreitet, findet diese dennoch

statt, indessen oft so, daß sie stundenlang schweigend zusammensitzen;

und nun rechtfertigen sie diese Gemeinsamkeit dadurch, daß sie uns

dienen könne, uns dem Geiste Gottes näher zu bringen: da dies aber

für sie nur in einer Inspiration und nervösen Exaltation besteht,

so muß offenbar das bloße, auch schweigende Beieinandersein diese

hervorrufen. Ein englischer Quäker am Ende des 17. Jahrhunderts

beschreibt ekstatische Erscheinungen, die an einem Mitglied der

Versammlung vorgehen, und fährt fort: in Kraft der Verbindung aller

Glieder einer Gemeinde zu +einem+ Leibe teile sich häufig ein solcher

Zustand eines einzelnen allen mit, so daß eine ergreifende fruchtbare

Erscheinung zutage gefördert werde, die schon viele dem Verein

unwiderstehlich gewonnen habe. Daß die Erhöhung der Emotionalität

-- als wäre die Zahl der einander sinnlich Nahen gewissermaßen der

Multiplikator der vom Individuum mitgebrachten Gefühlspotenz -- vor

allem über die Intellektualität dieses Individuums hinwegflutet,

lehren unzählige Fälle. Hundertfach lachen wir alle im Theater oder

in Versammlungen über Witze, über die wir im Zimmer nur die Achseln

zucken würden, bei welchen beschämend harmlosen Scherzen verzeichnen

selbst die Parlamentsberichte: Heiterkeit! Und nicht nur die kritischen

Hemmungen des Verstandes, sondern auch die der Moral sind leicht in

diesem soziologischen Rauschzustand aufgehoben. Er allein erklärt

die sogenannten Massenverbrechen, an denen nachher jeder einzelne

Teilnehmer sich für unschuldig erklärt -- mit gutem subjektiven

Gewissen und auch nicht ohne objektives Recht, da die Überbetontheit

der Gefühlsschwingung jene bestimmte und gewohnte Proportion der

seelischen Kräfte zerstört, die der Träger der einheitlich dauernden

Persönlichkeit und damit der Verantwortlichkeit ist. Daß eben diese

Hingerissenheit einer Menge auch nach einer ethisch wertvollen Seite,

einer edeln Begeisterung, einer unbegrenzten Opferwilligkeit hin gehen

kann, hebt die Verschobenheit und Unzurechnungsfähigkeit solchen

Zustandes nicht auf, sondern zeigt um so klarer, daß er uns jenseits

der Wertnormen stellt, zu denen das individuelle Bewußtsein sich,

praktisch wirksam oder nicht, schon emporentwickelt hatte.

Nach allem früher Gesagten kann man die Bildung eines sozialen Niveaus

in die wertmäßige Formel fassen: Was allen gemeinsam ist, kann nur der

Besitz des am wenigsten Besitzenden sein. Dies symbolisiert sich schon

in dem äußerlichen Sinn des „Besitzes“. In England wurde 1407 offiziell

anerkannt, daß die Initiative für Geldbewilligungen dem Unterhaus

gehören solle; und ausdrücklich nennt der Verfassungshistoriker der

Zeit als das Grundmotiv dafür, daß es dem ärmsten der drei Stände

zustehe, das Höchstmaß der Leistungen der Allgemeinheit zu bestimmen.

Was alle gleichmäßig geben, kann nur die Quote des Ärmsten sein. Hier

liegt auch der rein soziologische unter den Gründen, aus denen der

Usurpator, der eine schon ständisch geteilte Gesellschaft unterwerfen

will, sich auf die untersten Schichten zu stützen pflegt. Denn um sich

gleichmäßig über alle zu erheben, muß er sie nivellieren. Dies aber

läßt sich nicht so erreichen, daß die Tieferen erhoben, sondern nur,

daß die Höheren auf deren Standort herabgedrückt werden. Es ist deshalb

durchaus täuschend, wenn man das Niveau einer als Einheit angesehenen,

praktisch als Einheit wirkenden Gesamtheit ein „durchschnittliches“

nennt. Der Durchschnitt würde bedeuten, daß die Standhöhe der einzelnen

Individuen gleichsam addiert und das Resultat durch ihre Anzahl

dividiert sei. Dies würde eine Erhöhung der Tiefststehenden unter ihnen

involvieren, die nicht zu leisten ist. Ganz nahe vielmehr dem Niveau

dieser letzteren befindet sich das der Gesamtheit, insofern alle seine

Träger mit gleichmäßigen Seinswerten, gleichmäßiger Wirksamkeit an ihm

beteiligt sein sollen. Nicht bei dem „Mittel“, sondern der unteren

Grenze der Teilhaber zu liegt der Charakter des Kollektivverhaltens;

und wenn ich mich nicht täusche, hat diese Tatsache den Sprachgebrauch

innerlich schon richtiggestellt, indem wir unter „Mittelmäßigkeit“

keineswegs den wirklichen Wertdurchschnitt einer Totalität von

Existenzen oder Leistungen, sondern eine recht tief +unter+ diesem

bleibende Wertqualität verstehen.

Da dieser enge Rahmen nur für kurze Strecken soziologischer Wege,

nicht aber für ihren Abschluß Raum hat, die Frage an seine Inhalte

also nicht auf endgültige Entscheidung über diese, sondern nur auf

Form und Methode ihrer Behandlung geht, so deute ich nur noch zwei der

mannigfachen Einschränkungen und Gegenbegriffe an, die dies allgemeine

Schema der sozialen Niveaubildung findet. Zunächst wird dieses Niveau

praktisch fast niemals an dem +aller+tiefsten seiner Träger festgelegt,

sondern, wie ich schon andeutete, tendiert es nur zu diesem hin,

bleibt aber meistens etwas oberhalb seiner. Denn irgend etwas von

Widerstand -- freilich in sehr verschiedenem Maße -- pflegt sich gegen

die kollektivistische Senkung doch seitens der höherstehenden Elemente

zu melden, und er summiert sich zu einem gewissen Haltmachen der

Gesamtaktion vor dem tiefstmöglichen Wertgrade.

Tiefergreifend ist eine andere Einschränkung, die das -- selbst

prinzipiell als richtig anerkannte -- Schema findet. Dieses besagte

doch: das gleichmäßige Haben und Sein aller kann nur ein solches

sein, das sich an dem das Wenigste habenden, das Geringste seienden

Gliede findet. Steht also die Herstellung des Gebildes Masse, die

Niveauausgleichung sonst verschiedener Persönlichkeiten in Frage, so

kann sie nur durch das immer mögliche Herabsteigen der Höheren, nicht

aber durch das selten oder nie mögliche Heraufsteigen aller Tieferen

geschehen. Dieser psychologisch gewendete Mechanismus ist indes nicht

unbezweifelbar. Jenes Herabsteigen des Höheren ist tatsächlich +nicht+

immer möglich. Die ganze Erwägung ruhte nämlich auf dem -- natürlich

ganz rohen und problematischen -- Bilde der seelischen Struktur, daß

verschiedene Schichten in ihr gleichsam übereinandergebaut sind:

die primitiven, ungeistigen, welche biologisch die gefestetsten und

also allenthalben vorauszusetzen sind -- und darüber die dem Inhalte

nach selteneren, jüngeren, schließlich ganz verfeinerten, die bis

zu völliger Individualität differenziert sind. Und nun schien eine

Tatsächlichkeit so ausdrückbar, daß selbst bei höchster Ausbildung

der letzteren ihre bewußte oder unbewußte Ausschaltung geschehen und

das Verhalten des Individuums ausschließlich von den ersteren her

bestimmt werden kann, wodurch dann ein einheitlicher Gesamtgeist aus

nun gleichmäßigen Beiträgen erzeugbar wird. Allein, dies mag manchmal

oder oft geschehen, +immer+ geschieht es nicht. In manchen Naturen sind

jene niedrigeren Schichten mit den höheren zu so fester, individueller

Einheit verbunden, daß der als physische Analogie verführerische

Ausdruck: der Mensch könne zwar immer leicht heruntersteigen, schwer

aber und oft gar nicht herauf -- unzutreffend wird. Auf ethischem

Gebiet ist dies ohne weiteres einsichtig. Erscheinen hier Qualitäten

wie Genußgier und Grausamkeit, Habsucht und Verlogenheit als die

tiefsten Stufen der seelischen Schichtung, so ist es für den edleren

Menschen, selbst wenn er von Rudimenten oder Uneingeständlichkeiten

solcher Art nicht frei wäre, einfach unmöglich, sich in seinem

Handeln auf dies Niveau zu begeben, ja selbst zugunsten harmloserer

Niveausenkung überhaupt seine höheren Qualitäten abzustellen. Solche

Unmöglichkeit gilt weit über das Ethische hinaus. Der Kammerdiener

versteht freilich den Helden nicht, weil er sich nicht zu dessen

Höhe erheben kann; aber der Held versteht auch den Kammerdiener

nicht, weil er nicht zu dessen Untergeordnetheit herabsteigen kann.

Es ist ein höchst bezeichnender Unterschied zwischen den Menschen,

ob sie überhaupt +imstande sind+, ihre wertvollsten Kräfte und

Interessiertheiten vor den niederen schweigen zu lassen, wie zweifellos

und in welchem Maße diese auch in ihnen vorhanden seien. Das ist

jedenfalls einer der Hauptgründe, aus denen zu allen Zeiten gewisse

vornehme und geistige Persönlichkeiten sich dem öffentlichen Leben

ferngehalten haben, insbesondere da sie wohl selbst angesichts einer

möglichen Führerrolle empfanden, was ein großer Politiker einmal im

Hinblick auf seine Partei so formulierte: „Ich bin ihr Führer, also

muß ich ihnen folgen.“ Einen höheren Gesamtwert solcher abstinenten

Persönlichkeiten zeigt dies noch nicht, trotz des auf das gleiche

Grundverhältnis zurückgehenden Bismarckschen Wortes, daß „die

Politik den Charakter verdirbt“. Eher verkündet es eine gewisse

Schwäche und Mangel an Selbstsicherheit in den höheren Schichten der

Persönlichkeit, wenn sie es nicht wagt, sich so weit auf das soziale

Niveau hinabzubegeben, wie es für den Kampf dagegen -- der immer ein

Kampf dafür ist -- erfordert wird. Ersichtlich aber wird dadurch, daß

die Menschen des höchsten individuellen Niveaus so oft die Berührung

mit dem sozialen scheuen, die allgemeine Hebung des letzteren

hintangehalten.

Drittes Kapitel.

Die Geselligkeit.

(Beispiel der Reinen oder Formalen Soziologie.)

Das Grundmotiv, das, nach der Bezeichnung im einleitenden Kapitel,

eine „reine Soziologie“ als besonderen Problemkreis konstituierte,

muß jetzt im Übergang zu einer exemplifizierenden Anwendung noch

einmal formuliert werden. Denn jenes Motiv bestimmt nicht nur als das

allgemeine, mit vielen anderen geteilte Forschungsprinzip dieses

Beispiel, sondern es gibt selbst unmittelbar den +Stoff+ für den jetzt

zu schildernden Anwendungsfall her.

Jenes entscheidende Motiv ist von zwei Begriffen her festgelegt: daß

man von jeder menschlichen Gesellschaft zwischen ihrem Inhalt und

ihrer Form unterscheiden kann, und daß sie selbst ganz allgemein

die Wechselwirkung unter Individuen bedeutet. Diese Wechselwirkung

entsteht immer aus bestimmten Trieben heraus oder um bestimmter

Zwecke willen. Erotische Instinkte, sachliche Interessiertheiten,

religiöse Impulse, Zwecke der Verteidigung wie des Angriffs, des

Spieles wie des Erwerbes, der Hilfeleistung wie der Belehrung und

unzählige andere bewirken es, daß der Mensch in ein Zusammensein, ein

Füreinander-, Miteinander-, Gegeneinanderhandeln, in eine Korrelation

der Zustände mit anderen tritt, d. h. Wirkungen auf sie ausübt und

Wirkungen von ihnen empfängt. Diese Wechselwirkungen bedeuten, daß

aus den individuellen Trägern jener veranlassenden Triebe und Zwecke

eine Einheit, eben eine „Gesellschaft“, wird. Ich bezeichne nun alles

das, was in den Individuen, den unmittelbar konkreten Orten aller

historischen Wirklichkeit, als Trieb, Interesse, Zweck, Neigung,

psychische Zuständlichkeit und Bewegung derart vorhanden ist, daß

daraus oder daran die Wirkung auf andere und das Empfangen ihrer

Wirkungen entsteht -- dieses bezeichne ich als den Inhalt, gleichsam

die Materie der Vergesellschaftung. An und für sich sind diese

Stoffe, mit denen das Leben sich füllt, diese Motivierungen, die es

treiben, noch nicht sozialen Wesens. Weder Hunger noch Liebe, weder

Arbeit noch Religiosität, weder die Technik noch die Funktionen und

Resultate der Intelligenz bedeuten ihrem unmittelbaren Sinne nach

schon Vergesellschaftung; vielmehr, sie bilden diese erst, indem sie

das isolierte Nebeneinander der Individuen zu bestimmten Formen des

Miteinander und Füreinander gestalten, die unter den allgemeinen

Begriff der Wechselwirkung gehören. Die Vergesellschaftung ist also

die in unzähligen verschiedenen Arten sich verwirklichende Form, in der

die Individuen auf Grund jener -- sinnlichen oder idealen, momentanen

oder dauernden, bewußten oder unbewußten, kausal treibenden oder

teleologisch ziehenden -- Interessen zu einer Einheit zusammenwachsen

und innerhalb deren diese Interessen sich verwirklichen.

Grundfragen der Soziologie · 第 3 / 8 段