Die wissenschaftliche Abstraktion legt noch von einer anderen Richtung

her eine Linie durch die volle Konkretheit der gesellschaftlichen

Erscheinungen, alles das verbindend, was in einem gleich zu

erörternden, mir eigentlich als ganz entscheidend erscheinenden Sinne

„soziologisch“ ist, und dies zu der Einheit einer Erkenntnisweise

bringend -- obgleich es in der Wirklichkeit in dieser Isoliertheit

und Wiederzusammenfügung nicht besteht, sondern aus der Lebenseinheit

eben dieser Wirklichkeit durch einen herzugebrachten Begriff

herausabstrahiert ist. All jene gesellschaftlichen Tatsachen sind

doch, wie schon erwähnt wurde, nicht +nur+ gesellschaftliche, es ist

immer ein Sachgehalt sinnlicher oder geistiger, technischer oder

physiologischer Art, der gesellschaftlich getragen oder produziert

oder fortgepflanzt wird und so das Gesamtgebilde des sozialen Lebens

ergibt. Aber diese gesellschaftliche Formung solcher Inhalte muß doch

auch für sich in einer arbeitsteiligen Wissenschaft erforschbar sein,

gerade wie die geometrische Abstraktion die bloßen Raumformen der

Körper erforscht, die doch nur als Formen materieller Inhalte empirisch

vorliegen. Kann man sagen, Gesellschaft sei Wechselwirkung unter

Individuen, so wäre: die Formen dieser Wechselwirkung zu beschreiben,

Aufgabe der Gesellschaftswissenschaft im engsten und eigentlichsten

Sinne der „Gesellschaft“. War der erste Problemkreis erfüllt von dem

ganzen geschichtlichen Leben, soweit es gesellschaftlich geformt

ist, immer aber diese Gesellschaftlichkeit als Ganzes umgreifend,

so dieser zweite von den Formen selbst, die aus der bloßen Summe

lebender Menschen Gesellschaft und Gesellschaften machen. Diese

Forschung -- man könnte sie die „reine Soziologie“ nennen -- zieht

aus den Erscheinungen das Moment der Vergesellschaftung, induktiv und

psychologisch von der Mannigfaltigkeit ihrer Inhalte und Zwecke, die

für sich noch nicht gesellschaftlich sind, gelöst, wie die Grammatik

die reinen Formen der Sprache von den Inhalten sondert, an denen diese

Formen lebendig sind. Tatsächlich finden wir an gesellschaftlichen

Gruppen, welche ihren Zwecken und ihrer ganzen Bedeutung nach die

denkbar verschiedensten sind, die gleichen formalen Verhaltungsweisen

der Individuen zueinander. Über- und Unterordnung, Konkurrenz,

Nachahmung, Arbeitsteilung, Parteibildung, Vertretung, Gleichzeitigkeit

des Zusammenschlusses nach innen und des Abschlusses nach außen und

unzähliges Ähnliches findet sich an einer staatlichen Gesellschaft wie

an einer Religionsgemeinde, an einer Verschwörerbande wie an einer

Wirtschaftsgenossenschaft, an einer Kunstschule wie an einer Familie.

So mannigfaltig auch die Interessen sind, aus denen es überhaupt zu

diesen Vergesellschaftungen kommt -- die Formen, in denen sie sich

vollziehen, können dennoch die gleichen sein. Und nun andrerseits:

das inhaltlich gleiche Interesse kann sich in sehr verschiedenartig

geformten Vergesellschaftungen darstellen, z. B. das wirtschaftliche

Interesse realisiert sich ebenso durch Konkurrenz wie durch planmäßige

Organisation der Produzenten, bald durch Abschluß gegen andere

Wirtschaftsgruppen, bald durch Anschluß an sie; die religiösen

Lebensinhalte fordern, inhaltlich die identischen bleibend, einmal eine

freiheitliche, ein andermal eine zentralistische Gemeinschaftsform;

die Interessen, die den Beziehungen der Geschlechter zugrunde liegen,

befriedigen sich in der kaum übersehbaren Mannigfaltigkeit der

Familienformen usw.

Wie also die Form die identische sein kann, in der die divergentesten

Inhalte sich vollziehen, so kann umgekehrt auch der Stoff beharren,

während das Miteinander der Individuen, das ihn trägt, sich in einer

Mannigfaltigkeit von Formen bewegt; wodurch denn die Tatsachen,

obgleich in ihrer Gegebenheit Stoff und Form eine unlösbare Einheit des

sozialen Lebens ausmachen, deren Trennung zum Zweck des soziologischen

Problems: der Feststellung, systematischen Ordnung, psychologischen

Begründung und historischen Entwicklung der reinen Formen der

Vergesellschaftung, legitimieren. Eine Spezialwissenschaft ist die

Soziologie hier nicht, wie bei der ersten Problemgruppe, nach ihren

Gegenständen, wohl aber nach ihrer eindeutig umgrenzten Fragestellung

gegenüber diesen Gegenständen. Das dritte Kapitel dieser Skizze wird an

der Erscheinung der „Geselligkeit“ einerseits ein einzelnes Beispiel,

andrerseits ein Symbol des Gesamtbildes dieser Art von Untersuchung

bieten[2].

Die Einstellungen gegenüber den gegebenen Tatsachen, die das jetzige

Stadium der Wissenschaft verlangt, machen zuletzt noch einen dritten

Bezirk von Fragen an die Tatsache Gesellschaft kenntlich. Insofern sie

sich gleichsam an deren obere und untere Grenze anschließen, sind sie

freilich nur im weiteren Sinne als soziologische zu bezeichnen, ihrem

eigenen Charakter nach aber als philosophische. Ihren +Inhalt+ nur

bildet jene einfache Tatsache -- wie die Natur und die Kunst, aus denen

wir +unmittelbar+ Naturwissenschaft und Kunstwissenschaft entwickeln,

doch auch die Gegenstände der Naturphilosophie und Kunstphilosophie

hergeben, deren Interessen und Methoden in einer andern Schicht des

Denkens liegen, derjenigen, wo jede tatsächliche Einzelheit nach ihrer

Bedeutung für die Ganzheit von Geist, Leben, Dasein überhaupt und nach

ihrer Legitimation von diesen Ganzheiten her befragt wird.

Wie also jede andere exakte, auf das unmittelbare Verständnis

des Gegebenen gerichtete Wissenschaft, ist auch die soziale von

zwei +philosophischen+ Gebieten eingegrenzt. Das eine umfaßt die

Bedingungen, Grundbegriffe, Voraussetzungen der Einzelforschung, die

in dieser selbst keine Erledigung finden können, da sie ihr vielmehr

schon zugrunde liegen; in dem andern wird diese Einzelforschung

zu Vollendungen und Zusammenhängen geführt und mit Fragen und

Begriffen in Beziehung gesetzt, die innerhalb der Erfahrung und des

unmittelbar gegenständlichen Wissens keinen Platz haben. Jenes ist

die Erkenntnistheorie der fraglichen Einzelgebiete, dieses ihre

Metaphysik. Die Aufgaben der einzelnen Sozialwissenschaften: die Lehre

von der Wirtschaft und den Institutionen, die Geschichte der Sitten

und die der Parteien, die Bevölkerungstheorie und die Erörterung der

beruflichen Gliederung, könnten gar nicht behandelt werden, wenn nicht

gewisse Begriffe, Axiome, Verfahrungsweisen indiskutabel vorausgesetzt

würden. Wenn wir nicht ein Maß egoistischer Gewinn- und Genußsucht,

aber auch eine Beschränkbarkeit dieses Maßes durch Zwang, Sitte, Moral

annähmen; wenn wir uns nicht das Recht zusprächen, von den Stimmungen

einer Masse als Einheit zu reden, obgleich viele ihrer Elemente nur

äußerlich mitmachen oder dissentieren; wenn wir nicht die Entwicklung

innerhalb einer Kulturprovinz daraufhin für begriffen erklärten, daß

wir sie als eine aufsteigende, einer psychologischen Logik folgende,

in uns nachbilden können -- so würden wir unzählige Tatsachen gar

nicht zu einem sozialen Bilde formen können. In all diesem und sehr

vielem Ähnlichen liegen Verfahrungsweisen des Denkens vor, mit

denen es an den Rohstoff der einzelnen Geschehnisse herantritt,

um aus ihm sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, wie

das Denken die äußeren Erscheinungen von gewissen Voraussetzungen

über Raum, Stoff, Bewegung, Zählbarkeit aus ergreift und ohne diese

niemals aus jenen die Wissenschaft der Physik zustande bringen

könnte. Die einzelne soziale Wissenschaft pflegt mit Recht diese

Basis ihrer selbst fraglos hinzunehmen; ja, sie kann sie innerhalb

ihrer selbst gar nicht behandeln, weil sie ersichtlich alle übrigen

Sozialwissenschaften hinzunehmen müßte. Hier also tritt die Soziologie

als die Erkenntnistheorie der sozialen Sonderwissenschaften ein, als

die Analyse und Systematik der Grundlagen, die in diesen formend und

normierend wirken.

Wie diese Fragestellungen unter die konkreten Erkenntnisse vom

sozialen Dasein hinuntergehen, so gehen andere über diese hinaus:

sie versuchen durch Hypothese und Spekulation den unvermeidlich

fragmentarischen Charakter dieser wie jeder Empirie zu einem

geschlossenen Gesamtbilde zu ergänzen; sie ordnen die chaotisch

zufälligen Ereignisse in Reihen, die einer Idee folgen oder einem

Zweck zustreben; sie fragen, wo das gleichgültig-naturgesetzliche

Abrollen der Ereignisse einem +Sinn+ der Einzelerscheinungen oder

des Ganzen Raum gäbe; sie behaupten oder sie bezweifeln -- beides

gleichmäßig einer überempirischen Weltanschauung entspringend --, daß

diesem ganzen Spiel der gesellschaftlich-geschichtlichen Erscheinungen

eine religiöse Bedeutung, eine erkennbare oder zu ahnende Beziehung

zu dem metaphysischen Grunde des Seins einwohne. Im besonderen

ergeben sich hier Fragen wie diese: Ist die Gesellschaft der Zweck

der menschlichen Existenz oder ein Mittel für das Individuum? Liegt

der definitive Wert der sozialen Entwicklung in der Ausbildung der

Persönlichkeit oder in der der Assoziation? Ist Sinn und Zweck

überhaupt in den gesellschaftlichen Gebilden als solchen vorhanden

oder realisieren diese Begriffe sich nur an der Einzelseele? Zeigen

die typischen Entwicklungsstadien der Gesellschaften eine Analogie

mit kosmischen Evolutionen, so daß es eine allgemeine Formel oder

Rhythmus von Entwicklung überhaupt gäbe -- z. B. den Wechsel von

Differenzierung und Integrierung --, der sich an den gesellschaftlichen

wie an den materiellen Tatsachen gleichmäßig offenbart? Werden die

sozialen Bewegungen vom Prinzip der Kraftersparnis, werden sie von

materialistischen oder von ideologischen Motiven gelenkt? Dieser Typus

von Fragen ist ersichtlich nicht auf dem Wege der Tatsachenfeststellung

beantwortbar; vielmehr handelt es sich um die +Deutung+ festgestellter

Tatsachen und darum, das Relative und Problematische der bloßen

sozialen Wirklichkeit zu einer Gesamtanschauung zu führen, die mit der

Empirie nicht konkurriert, weil sie ganz andern Bedürfnissen als diese

dient.

Es liegt auf der Hand, daß die Problembehandlung auf diesem Gebiet

von der Verschiedenheit der Weltanschauungen, von individuellen

und parteimäßigen Wertschätzungen, von letzten, unbegründbaren

Überzeugungen mehr abhängig ist, als innerhalb der beiden andern, von

den Tatsächlichkeiten enger umgrenzten Bezirke der Soziologie. Darum

würde die Behandlung einer Einzelfrage als Beispiel nicht die an dieser

Stelle erforderte Objektivität zeigen können, nicht in gleichem Maße

wie bei den andern den ganzen Typus gültig veranschaulichen. Es scheint

mir deshalb rätlicher, im letzten Kapitel eine Linie hierher gehöriger

Theorien in derjenigen -- von der allgemeinen Geistesgeschichte

getragenen -- Entwicklung zu zeichnen, die sie, durch mannigfache

Gegensätze hindurch, innerhalb einer bestimmten Epoche gefunden hat.

[1] Ich entnehme die letzten Sätze, sowie noch einige andere

meinem größeren Werke: Soziologie; Untersuchungen über die Formen

der Vergesellschaftung (1908), das manche der auf diesen Blättern

berührten Gedanken ausführlicher und namentlich mit breiterer

Begründung auf geschichtliche Tatsachen behandelt.

[2] Ich darf wohl darauf hinweisen, daß mein bereits erwähntes

Werk: Soziologie -- die „Formen der Vergesellschaftung“ in

der mir zur Zeit erreichbaren, wenngleich in keiner Weise

abschließenden Vollständigkeit darzustellen sucht.

Zweites Kapitel.

Das soziale und das individuelle Niveau.

(Beispiel der Allgemeinen Soziologie.)

Als in den letzten Jahrzehnten die Vergesellschaftung, das Leben

der Gruppen als Einheiten, zum Gegenstand eigentlich soziologischer

Erörterung wurde -- also nicht das geschichtliche Schicksal oder

die praktische Politik der einzelnen, sondern dasjenige, was ihnen,

eben weil sie „Gesellschaften“ sind, gemeinsam ist -- war es eine

nächstliegende Frage, welche Wesenszüge dieses Subjekt Gesellschaft

überhaupt von denen des individuellen Lebens als solchen unterschieden.

In äußerlicher Hinsicht liegen die Differenzen auf der Hand, z. B. die

prinzipielle Unsterblichkeit der Gruppe gegenüber der Vergänglichkeit

des Einzelmenschen, die Möglichkeit der Gruppe, wichtigste Elemente

in einem Umfange auszuscheiden, ohne darüber zugrunde zu gehen, der

entsprechend für das Einzelleben Vernichtung bedeuten würde, und

ähnliches. Jene auftauchenden Fragen aber waren innerlicher, wenn man

will: psychologischer Natur. Ob man nun die jenseits ihrer Individuen

stehende Einheit der Gruppe für eine Fiktion oder eine Realität hält

-- um der Deutung der Tatsachen willen muß man sie so behandeln,

+als ob+ sie ein Subjekt mit eigenem Leben, eigener Gesetzlichkeit,

eigenen Charakterzügen wäre. Und die Unterschiede eben dieser

Bestimmungen von denen der individuellen Existenz als solcher fordern

ihre Verdeutlichung, um das Recht der soziologischen Fragestellung zu

begründen.

Hier hat man nun die Behauptung aufgestellt -- von der aus sich

viele Linien zur Feststellung jener Differenzen ziehen lassen --

daß die Handlungen von Gesellschaften eine unvergleichlich größere

Zweckmäßigkeit und Treffsicherheit hätten, als die von Individuen.

Der Einzelne werde von widersprechenden Empfindungen, Antrieben und

Gedanken hin und her gezogen, er wisse zwischen den Möglichkeiten

seines Verhaltens keineswegs immer mit subjektiver Sicherheit,

geschweige denn mit objektiver Richtigkeit zu entscheiden; die soziale

Gruppe dagegen, auch wenn sie ihre Aktionsrichtungen oft wechselte,

wäre doch in jedem Augenblick für die jeweilige schwankungslos

entschlossen und ginge geradeswegs vorwärts, vor allem, sie wüßte

stets, wen sie für ihren Feind und wen für ihren Freund zu halten

hätte. Zwischen Wollen und Tun, Mitteln und Zwecken einer Allgemeinheit

bestehe eine geringere Diskrepanz als bei Individuen. In diesem

Verhältnis also erschienen die letzteren als „frei“, während die

Handlungen einer Masse „naturgesetzlich“ bestimmt seien. Und so

bestreitbar diese Formulierung ist, so übersteigert sie doch nur eine

tatsächliche, höchst bemerkenswerte Differenz der beiden Erscheinungen.

Sie entsteht daraus, daß die Ziele des öffentlichen Geistes, einer

Kollektivität überhaupt, denjenigen entsprechen, die sich im Individuum

als dessen fundamental einfache und primitive darzubieten pflegen.

Darüber kann nur die Macht, die sie durch die Ausdehnung ihres

Bereiches gewinnen, und die höchst komplizierte Technik, mit der

namentlich das moderne öffentliche Wesen jene Ziele durch Verwendung

individueller Intelligenzen realisiert, täuschen. In demselben Maße,

in dem der Einzelne in seinen primitivsten Zwecken schwankungslos und

irrtumslos ist, in eben dem Maße ist es die soziale Gruppe überhaupt.

Die Sicherung der Existenz, der Gewinn neuen Besitzes, die Lust an der

Behauptung und Erweiterung der eigenen Machtsphäre, der Schutz des

Erworbenen -- dies sind grundlegende Triebe für den Einzelnen, in denen

er sich mit beliebig vielen andern zweckmäßigerweise zusammenschließen

kann. Weil der Einzelne in diesen prinzipiellen Strebungen nicht wählt

noch schwankt, kennt auch die soziale Strebung, die jene vereinigt,

keine Wahl oder Schwankung. Es kommt hinzu, daß, wie der Einzelne bei

rein egoistischen Handlungen klar bestimmt und zielsicher handelt,

die Masse es bei allen ihren Zielsetzungen tut; sie kennt nicht den

Dualismus zwischen selbstischen und selbstlosen Trieben, in dem das

Individuum oft ratlos steht und der es so vielfach zwischen beiden

hindurch ins Leere greifen läßt. Zutreffend hat man das Recht, also die

erste und wesentliche Lebensbedingung großer wie kleiner Gesamtheiten,

als das „ethische Minimum“ bezeichnet. Die Normen, die für den Bestand

des Ganzen, wenn auch nur notdürftig, ausreichen, sind demnach für das

Individuum gerade nur das Minimum, mit dem es äußerlich als soziales

Wesen existieren kann; hielte es nur sie ein, bände es sich nicht

darüber hinaus an eine große Anzahl weiterer Gesetze, so würde es eine

ethische Abnormität, eine ganz unmögliche Existenz sein.

Hiermit ist ein Niveauunterschied zwischen der Masse und dem Einzelnen

angedeutet, der nur dadurch entstehen und begriffen werden kann, daß in

dem Einzelnen selbst die Qualitäten und Verhaltungsweisen, mit denen er

„Masse bildet“ und die er in den Gesamtgeist hineingibt, sich von den

andern sondern lassen, die gleichsam sein Privateigentum ausmachen und

mit denen er sich als Individuum von dem Bezirk des mit allen Geteilten

abscheidet. Jener erstere Teil seines Wesens aber kann ersichtlich nur

aus den primitiveren, im Sinne der Feinheit und Geistigkeit niedrigeren

Wesenselementen gebildet werden. Und zwar zunächst darum, weil nur

diese mit relativer Sicherheit in einem jeden vorhanden sind. Wenn

nämlich die Organismenwelt eine allmähliche Entwicklung durch die

niedrigsten Formen hindurch zu den höheren durchmacht, so sind die

niedrigeren und primitiveren Eigenschaften jedenfalls die älteren;

sind es aber die älteren, so sind es auch die verbreiteteren, weil die

Gattungserbschaft um so sicherer jedem Individuum überliefert wird, je

länger sie sich schon erhalten und gefestigt hat. Kürzlich erworbene

Organe, wie die höheren und komplizierteren es in höherem Grade sind,

erscheinen stets variabler, und man kann nicht mit Bestimmtheit sagen,

daß jedes Exemplar der Gattung schon an ihnen teilhaben wird. Das

Alter der Vererbung einer Eigenschaft ist das Band, das zwischen der

Niedrigkeit und der Verbreitung derselben eine reale Beziehung knüpft.

Aber es steht nicht nur die Vererbung im rein biologischen Sinne in

Frage. Auch die in Worten und Erkenntnissen, in Gefühlsrichtungen und

Willens- und Urteilsnormen objektiv gewordenen geistigen Elemente,

die als Traditionen, bewußte und unbewußte, in die Einzelnen

eingehen, tun das um so sicherer, um so allgemeiner, je fester und

selbstverständlicher sie in die Geistigkeit einer sich zeitlich

entwickelnden Gesellschaft eingewachsen sind, d. h. je älter sie sind.

In demselben Maße aber sind sie auch unkomplizierter, gewissermaßen

grobkörniger, den unmittelbaren Äußerungen und Notwendigkeiten des

Lebens näherliegend. Sobald seelische Inhalte in das Verfeinerte,

Differenzierte aufsteigen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, daß sie

sich in jedermanns Besitz finden, und rücken sie in das andere

Gebiet: das -- mehr oder weniger -- individuelle, dasjenige, das der

Einzelne nur zufällig noch mit andern teilt. Wir verstehen aus diesem

Grundverhältnis das die ganze Kulturgeschichte durchziehende Phänomen:

daß einerseits das Alte als solches eine besondere Schätzung genießt,

andrerseits aber gerade das Neue und Seltene als solches. Über das

erstere bedarf es nicht vieler Worte. Vielleicht indes verdankt das

von jeher Bestehende und Überlieferte seine Schätzung nicht nur der

Patina des Alters und ihrem mystisch-romantischen Reize, sondern gerade

dem hier betonten Umstande, daß es zugleich das am allgemeinsten

Verbreitete, am sichersten in jedem Individuum Wurzelnde ist;

innerhalb eines jeden wohnt es in oder nahe der Schicht, in der die

instinktiven, unbeweisbaren und unwiderleglichen Wertungen entstehen.

Wenn im frühen Mittelalter über einen vor Gericht strittigen Gegenstand

zwei einander widersprechende Königsurkunden vorgezeigt wurden und

allgemein dann die ältere Kraft haben sollte, so wirkte dabei wohl

weniger die Überzeugung von der größeren Gerechtigkeit der älteren, als

das Gefühl, daß sie durch ihr längeres Bestehen die Bestimmung, was

denn gerecht sei, in einem weiteren Bezirk verbreitet und gefestigt

hat, als die jüngere es schon vermochte; sie wird höher geschätzt,

weil dieses längere Bestehen die reale Ursache davon ist, daß sie dem

Gerechtigkeitsgefühl der Majorität entspricht. Nimmt man aber überhaupt

an -- was man trotz aller zuzugebenden Ausnahmen doch wohl muß --

daß das Ältere auch das Einfachere und Unspezialisiertere, weniger

Gegliederte ist, so ist es eben nicht nur um dieser Beschaffenheit

willen der größeren Allgemeinheit zugänglich, sondern es ist dies

auch schon, bloß weil es das Ältere ist, also das jedem Einzelnen mit

größerer Sicherheit äußerlich und innerlich Überlieferte und deshalb

ein selbstverständlicher Berechtigtes und Werttragendes.

Grundfragen der Soziologie · 第 2 / 8 段