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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1917 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber
dem Original unverändert; fremdsprachliche Passagen wurden nicht
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Sammlung Göschen
Grundfragen der Soziologie
(Individuum und Gesellschaft)
Von
Georg Simmel
[Illustration]
+Berlin und Leipzig+
=G. J. Göschen’sche Verlagshandlung G. m. b. H.=
1917
+Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht,
von der Verlagshandlung vorbehalten.+
Druck von Georg Reimer in Berlin.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Erstes Kapitel. Das Gebiet der Soziologie 5
Zweites Kapitel. Das soziale und das individuelle Niveau
(Beispiel der Allgemeinen Soziologie) 34
Drittes Kapitel. Die Geselligkeit (Beispiel der Reinen oder
Formalen Soziologie) 50
Viertes Kapitel. Individuum und Gesellschaft in
Lebensanschauungen des 18. und 19. Jahrhunderts (Beispiel
der Philosophischen Soziologie) 71
Erstes Kapitel.
Das Gebiet der Soziologie.
Die Aufgabe, über die Wissenschaft Soziologie Auskunft zu geben, findet
ihre erste Schwierigkeit darin, daß ihr Anspruch auf den Titel einer
Wissenschaft keineswegs unbestritten ist; und daß, wo ihr dieser selbst
zugestanden wird, über ihren Inhalt und ihre Ziele sich ein Chaos von
Meinungen ausbreitet, deren Widersprüche und Unklarheiten den Zweifel,
ob man es hier überhaupt mit einer wissenschaftlich berechtigten
Fragestellung zu tun hat, immer von neuem nähren. Nun wäre der Mangel
an einer unbestrittenen, grenzgesicherten Definition zu verschmerzen,
wenn wenigstens eine Summe einzelner Probleme vorläge, die, in andern
Wissenschaften nicht oder nicht erschöpfend behandelt, die Tatsache
oder den Begriff der „Gesellschaft“ als ein Element enthielten und
darin ihren gemeinsamen Berührungspunkt besäßen. Wären sie dann auch
in ihren sonstigen Inhalten, Richtungen, Lösungsarten so verschieden,
daß man sie nicht gut als einheitliche Wissenschaft behandeln
könnte, so würde doch der Begriff Soziologie ihnen eine vorläufige
Unterkunft gewähren, es stünde wenigstens äußerlich fest, wo man sie
zu suchen hätte -- wie etwa der Begriff Technik durchaus legitim für
einen ungeheuren Bezirk von Aufgaben gilt, ohne daß es Verständnis
und Lösung der einzelnen gerade viel förderte, daß ein gemeinsamer
Charakterzug ihr an diesem Eigennamen teilgibt. Allein selbst diese
schmale Verknüpfung mannigfaltigster Probleme, die immerhin eine in
tieferer Schicht aufzufindende Einheit verspräche, scheint an der
Problematik des einzig zusammenhaltenden Begriffes zu zersplittern, des
Begriffes Gesellschaft -- an der Problematik, mit der jene prinzipielle
Leugnung einer Soziologie überhaupt sich beweisen möchte. Und es ist
merkwürdigerweise einerseits eine Abschwächung, andrerseits eine
Übersteigerung dieses Begriffes, an die solche Beweise geknüpft wurden.
Alle Existenz, so hören wir, komme ausschließlich den Individuen,
ihren Beschaffenheiten und Erlebnissen zu, und „Gesellschaft“ sei eine
Abstraktion, unentbehrlich für praktische Zwecke, höchst nützlich
auch für eine vorläufige Zusammenfassung der Erscheinungen, aber kein
wirklicher +Gegenstand+ jenseits der Einzelwesen und der Vorgänge
an ihnen. Wenn ein jedes von diesen in seiner naturgesetzlichen und
historischen Bestimmtheit erforscht sei, so bliebe für eine davon
gesonderte Wissenschaft überhaupt kein reales Objekt mehr übrig. Ist
für diese Kritik die Gesellschaft sozusagen zu wenig, so ist sie für
eine andere gerade zu viel, um einen Wissenschaftsbezirk abzugrenzen.
Alles, was Menschen sind und tun, so heißt es nun andrerseits, geht
innerhalb der Gesellschaft, durch sie bestimmt und als ein Teil
ihres Lebens vor sich. Es gebe also überhaupt keine Wissenschaft von
menschlichen Dingen, die nicht Wissenschaft von der Gesellschaft sei.
An Stelle der künstlich gegeneinander isolierten Einzelwissenschaften
historischer, psychologischer, normativer Art habe also die
Gesellschaftswissenschaft zu treten und in ihrer Einheit zum Ausdruck
zu bringen, daß alle menschlichen Interessen, Inhalte und Vorgänge
durch die Vergesellschaftung zu konkreten Einheiten zusammengingen.
Ersichtlich aber nimmt diese Bestimmung, die der Soziologie alles geben
will, ihr ebensoviel fort wie die andere, die ihr nichts geben will.
Denn da Rechtswissenschaft und Philologie, die Wissenschaft von der
Politik und die von der Literatur, die Psychologie und die Theologie
und alle andern, die den Bezirk des Menschlichen unter sich aufgeteilt
haben, ihre Existenz fortsetzen werden, so ist nicht das geringste
dadurch gewonnen, daß man die Gesamtheit der Wissenschaften in einen
Topf wirft und diesem das neue Etikett: Soziologie -- aufklebt. Die
Gesellschaftswissenschaft befindet sich also, unterschieden von andern,
wohlgegründeten Wissenschaften, in der ungünstigen Lage, zunächst ihr
Recht auf Existenz überhaupt beweisen zu müssen -- freilich auch in der
günstigen, daß dieser Beweis über die sowieso nötige Aufklärung ihrer
Grundbegriffe und ihrer besonderen Fragestellung gegenüber der gegebnen
Wirklichkeit führt.
Es ist zunächst ein Irrtum über das Wesen der Wissenschaft, aus der
angeblich allein realen Existenz der „Individuen“ zu folgern, daß
jedes, auf deren Zusammenfassungen gehende Erkennen sich spekulative
Abstraktionen und Irrealitäten zum Objekt mache. Unser Denken faßt
vielmehr +allenthalben+ die Gegebenheiten zu Gebilden, als Gegenständen
der Wissenschaft, in einer Weise zusammen, die in dem unmittelbar
Wirklichen gar kein Gegenbild findet. Niemand scheut sich, von der
Entwicklung z. B. des gotischen Stiles zu sprechen, obgleich es
nirgends gotischen Stil als aufzeigbare Existenz gibt, sondern nur
einzelne Werke, in denen die +Stil+elemente doch nicht greifbar
gesondert neben den +individuellen+ Elementen liegen. Der gotische Stil
als einheitlicher Gegenstand historischer Erkenntnis ist ein aus den
Realitäten erst herausgewonnenes +geistiges+ Gebilde, aber selbst keine
unmittelbare Realität. Wir wollen unzählige Male gar nicht wissen, wie
individuelle Dinge sich im einzelnen verhalten, sondern wir formen aus
ihnen eine neue, kollektive Einheit, wie wir, nach dem gotischen Stil,
seinen Gesetzen, seiner Entwicklung fragend, nicht einen einzelnen Dom
oder Palast beschreiben, trotzdem wir den +Stoff+ jener jetzt erfragten
Einheit aus diesen Einzelheiten gewinnen. So fragen wir weiterhin etwa,
wie sich „die Griechen“ und „die Perser“ in der Schlacht bei Marathon
benommen haben. Hätte die Auffassung recht, die nur Individuen als
Wirklichkeiten anerkennt, so wäre die geschichtliche Erkenntnis dann
und erst dann an ihrem Ziele, wenn wir das Verhalten jedes einzelnen
Griechen und jedes einzelnen Persers kennten, somit seine ganze
Lebensgeschichte, aus der sein Verhalten in der Schlacht psychologisch
begreiflich wird. Allein selbst die Erfüllung dieses phantastischen
Anspruchs würde unserer Fragestellung nicht genügen. Denn deren
Gegenstand ist überhaupt nicht dieser und jener Einzelne, sondern: die
Griechen und die Perser -- offenbar ein ganz anderes Gebilde, durch
eine gewisse geistige Synthese zustande kommend, nicht aber durch
die Beobachtung der als einzelne betrachteten Individuen. Sicher ist
jedes von diesen durch eine von der jedes andern irgendwie abweichende
Entwicklung zu seinem Verhalten geführt worden, wahrscheinlich hat sich
keines wirklich genau so wie das andere benommen; und in keinem liegt
das mit dem andern Gleiche und das von ihm Abweichende in Sonderung
nebeneinander, sondern beides bildet die unzertrennliche Einheit des
persönlichen Lebens. Dennoch formen wir aus allen zusammen jene höheren
Einheiten: die Griechen und die Perser, und die kürzeste Besinnung
zeigt, daß wir fortwährend mit solchen Begriffen die individuellen
Existenzen übergreifen. Wollten wir, weil diese allein „Wirklichkeiten“
wären, all jene geistigen Neubildungen aus unserem Erkenntnisbezirk
ausschalten, so würde er seiner unbezweifeltsten und legitimiertesten
Inhalte verlustig gehen. Die eigensinnige Behauptung: es gäbe doch
nun einmal nur menschliche +Individuen+, und sie allein seien deshalb
die konkreten Gegenstände einer Wissenschaft, kann uns nicht hindern,
von der Geschichte des Katholizismus oder der Sozialdemokratie,
von Städten und Reichen, von der Frauenbewegung und der Lage des
Handwerks und tausend andern Gesamtereignissen und Kollektivgebilden
zu sprechen -- und nicht anders von der Gesellschaft überhaupt. So
ausgedrückt ist sie freilich ein abstrakter Begriff, aber jede der
unzähligen Ausgestaltungen und Gruppierungen, die er umfaßt, ist ein
erforschbares, erforschenswertes Objekt, das keineswegs aus den einzeln
aufgewiesenen individuellen Existenzen besteht.
Doch könnte dies noch immer eine Unvollkommenheit unseres Erkennens,
eine nur vorläufige Unvermeidlichkeit sein, die ihren prinzipiellen
Abschluß, erreichbar oder nicht, in dem Wissen um die Individuen,
als die endgültig konkreten Wesenheiten, suchen müßte. Allein, genau
angesehen, sind auch die Individuen keineswegs letzte Elemente, „Atome“
der menschlichen Welt. Die allerdings vielleicht unauflösbare Einheit,
die der Begriff Individuum bedeutet, ist überhaupt kein Gegenstand des
Erkennens, sondern nur des Erlebens; die Art, wie ein jeder sie an sich
und am Andern weiß, ist keiner sonstigen Art des Wissens vergleichlich.
Was wir wissenschaftlich am Menschen erkennen, sind einzelne Züge,
vielleicht nur je einmal vorhanden, vielleicht auch in gegenseitiger
Beeinflussung stehend, ein jeder aber relativ isolierte Betrachtung
und Herleitung fordernd. Diese Herleitung führt für einen jeden auf
unzählige Einflüsse der physischen, kulturellen, personalen Umwelt,
von überall her angesponnen, in unabsehliche Zeitweiten reichend. Nur
indem wir diese Elemente so herauslösen und begreifen und sie auf
immer einfachere, tiefer und weiter zurückliegende reduzieren, nähern
wir uns dem wirklich „Letzten“, d. h. im strengen Sinne Realen, das
aller höheren geistigen Zusammenfassung erst zugrunde liegen soll.
Denn für diese Betrachtungsweise „existieren“ die Farbenmoleküle,
die Buchstaben, die Wasserteilchen; aber das Gemälde, das Buch,
der Fluß sind nur Synthesen, als Einheiten bestehen sie nicht in
objektiver Realität, sondern nur in einem Bewußtsein, das sie sich
treffen läßt. Ersichtlich aber sind auch jene angeblichen Elemente
hochzusammengesetzte Gebilde. Und wenn nun wahrhafte Realität nur den
wahrhaft letzten Einheiten zukommt, nicht aber den Erscheinungen, in
denen diese Einheiten eine +Form+ finden, alle Form vielmehr, die immer
eine Verbindung ist, nur von einem verbindenden Subjekt hinzugefügt
wird, -- so liegt auf der Hand, daß die anzuerkennende Realität uns in
völlige Unfaßbarkeit entgleitet; und dann ist es ein ganz willkürlicher
Grenzstrich, der diese Zurückgliederung am „Individuum“ beendet,
da doch auch dieses der immer weiterstrebenden Analyse als eine
Zusammensetzung aus einzelnen Qualitäten und Schicksalen, Kräften und
historischen Hergeleitetheiten erscheinen muß, die im Verhältnis zu ihm
ebenso die elementaren Wirklichkeiten sind, wie die Individuen selber
im Verhältnis zur „Gesellschaft“.
Der angebliche Realismus also, der jene Kritik am Begriff der
Gesellschaft und demnach auch an dem der Soziologie übt, läßt gerade
alle erkennbare Realität verschwinden, weil er sie ins Unendliche
hinausrückt, im Ungreifbaren sucht. Tatsächlich muß das Erkennen
nach einem ganz andern Strukturprinzip begriffen werden, nach einem,
das dem gleichen äußeren Erscheinungskomplex eine ganze Anzahl
verschiedenartiger, aber gleichmäßig als definitiv und einheitlich
anzuerkennender Objekte des Erkennens entnimmt. Man wird dies am
besten mit dem Symbol der verschiedenen +Distanz+ von jenem Komplex
bezeichnen, in die sich der Geist stellt. Wenn wir einen räumlichen
Gegenstand in zwei Meter, in fünf, in zehn Meter Abstand vor uns
sehen, so gibt das jedesmal ein anderes Bild, jedesmal ein solches,
das in seiner bestimmten Art und nur in dieser „richtig“ sein kann,
und gerade innerhalb dieser auch Falschheiten Raum gewährt. Würde
z. B. ein ganz detailliert gesehener Ausschnitt eines Gemäldes, wie
ihn die größte Augennähe gibt, in diejenige Anschauung eingefügt, die
einer Entferntheit von ein paar Metern entspricht, so würde diese
letztere dadurch völlig verwirrt und gefälscht werden -- obgleich
man aus oberflächlicheren Begriffen heraus eben diese Detailschauung
für „wahrer“ als das Fernbild halten könnte. Allein auch die ganz
nahe Wahrnehmung hat noch irgendeine Distanz und deren untere Grenze
ist gar nicht festzulegen. Das von einem Abstand aus, welches er
auch sei, gewonnene Bild hat sein Recht für sich, es kann durch kein
von einem andern her entstehendes ersetzt oder korrigiert werden.
So nun sehen wir, an einen gewissen Umfang menschlicher Existenz
„nahe“ herantretend, jedes Individuum in seinem genauen Sich-Abheben
vom anderen; nehmen wir den Blickpunkt aber weiter, so verschwindet
das einzelne als solches, und es entsteht uns das Bild einer
„Gesellschaft“ mit eigenen Formen und Farben, mit der Möglichkeit, es
zu erkennen und zu verkennen, in keinem Fall aber geringer berechtigt
als jenes, in dem die Teile sich gegeneinander absetzen, oder ein
bloßes Präliminarstadium dieses. Der bestehende Unterschied ist nur
der zwischen verschiedenen Erkenntnisabsichten, denen verschiedene
Distanznahmen entsprechen.
Ja, man könnte das Recht der gesellschaftswissenschaftlichen
Betrachtung in seiner Unabhängigkeit davon, daß alles reale Geschehen
sich nur an Einzelwesen vollzieht, noch radikaler begründen. Es
ist nicht einmal wahr, daß mit der Erkenntnis der +individuellen+
Ereignisreihen die unmittelbare Wirklichkeit ergriffen wäre. Diese
Wirklichkeit nämlich ist zunächst als ein Komplex von Bildern
gegeben, als eine Oberfläche von kontinuierlich aneinandergesetzten
Erscheinungen. Wenn wir dieses allein wirklich primäre Dasein in
Schicksale von Individuen gliedern, die einfache Tatsächlichkeit der
Erscheinungen auf einzelne Träger zurückbeziehen und gleichsam in ihnen
als in Knotenpunkten sammeln, so ist auch dies eine nachträgliche
geistige +Formung+ des unmittelbar vorliegenden Wirklichen, die wir
nur aus fortwährender Gewohnheit wie ganz selbstverständlich und mit
der Natur der Dinge selbst gegeben vollziehen. Sie ist, wenn man will,
genau so subjektiv, aber auch, da sie ein gültiges Erkenntnisbild
ergibt, genau so objektiv, wie die Zusammenfassung des Gegebenen unter
der Kategorie der Gesellschaft. Nur die besonderen Zwecke des Erkennens
entscheiden, ob die unmittelbar erscheinende oder erlebte Realität auf
ein personales oder auf ein kollektives Subjekt hin befragt werden
soll -- beides sind gleichmäßig „Standpunkte“, die sich nicht wie
Wirklichkeit und Abstraktion zueinander verhalten, sondern die, als
Arten unserer Betrachtung, beide von der „Wirklichkeit“ abstehen --
von der Wirklichkeit, die als solche überhaupt nicht Wissenschaft
sein kann, sondern erst vermittels solcher Kategorien die Form der
Erkenntnis annimmt.
Noch aber ist von einem ganz andern Standpunkte her zuzugeben, daß
die menschliche Existenz nur an Individuen wirklich ist, ohne daß
die Gültigkeit des Gesellschaftsbegriffes darunter litte. Faßt man
diesen in seiner weitesten Allgemeinheit, so bedeutet er die seelische
Wechselwirkung zwischen Individuen. An dieser Bestimmung darf nicht
irre machen, daß gewisse Grenzerscheinungen sich ihr nicht ohne
weiteres fügen: wenn zwei Personen sich flüchtig anblicken oder sich
an einer Billettkasse gegenseitig drängen, so wird man sie darum noch
nicht vergesellschaftet nennen. Allein hier ist die Wechselwirkung
auch eine so oberflächliche und vorüberfliegende, daß man in +ihrem+
Maße auch von Vergesellschaftung reden könnte, bedenkend, daß solche
Wechselwirkungen nur häufiger und intensiver zu werden, sich mit
mehren, generell gleichen zu vereinen brauchen, um diese Bezeichnung zu
berechtigen. Es ist ein oberflächliches Haften an dem -- für die äußere
Praxis freilich ausreichenden -- Sprachgebrauch, wenn man die Benennung
als Gesellschaft nur der +dauernden+ Wechselbeziehung vorbehalten will,
nur derjenigen, die sich zu einem bezeichenbaren Einheitsgebilde
objektiviert hat: zu Staat und Familie, Zünften und Kirchen, Klassen
und Zweckverbänden usw. Außer diesen aber besteht eine unermeßliche
Zahl von kleineren, in den einzelnen Fällen geringfügig erscheinenden
Beziehungsformen und Wechselwirkungsarten zwischen den Menschen, die,
indem sie sich zwischen die umfassenden, sozusagen offiziellen sozialen
Formungen schieben, doch erst die Gesellschaft, wie wir sie kennen,
zustande bringen. Die Beschränkung auf jene gleicht der früheren
Wissenschaft vom inneren menschlichen Körper, die sich auf die großen,
festumschriebenen Organe: Herz, Leber, Lunge, Magen usw. beschränkte
und die unzähligen, populär nicht benannten oder nicht bekannten Gewebe
vernachlässigte, ohne die jene deutlicheren Organe niemals einen
lebendigen Leib ergeben würden. Aus den Gebilden der genannten Art, die
die herkömmlichen Gegenstände der Gesellschaftswissenschaft bilden,
ließe sich das in der Erfahrung vorliegende Leben der Gesellschaft
durchaus nicht zusammensetzen; ohne die Dazwischenwirkung unzähliger,
im einzelnen weniger umfänglicher Synthesen würde es in eine Vielzahl
unverbundener Systeme auseinanderbrechen. Fortwährend knüpft sich
und löst sich und knüpft sich von neuem die Vergesellschaftung unter
den Menschen, ein ewiges Fließen und Pulsieren, das die Individuen
verkettet, auch wo es nicht zu eigentlichen Organisationen aufsteigt.
Daß die Menschen sich gegenseitig anblicken und daß sie aufeinander
eifersüchtig sind, daß sie sich Briefe schreiben oder miteinander zu
Mittag essen, daß sie sich ganz jenseits aller greifbaren Interessen
sympathisch oder antipathisch berühren, daß die Dankbarkeit der
altruistischen Leistung eine unzerreißbar bindende Weiterwirkung
bietet, daß einer den andern nach dem Wege fragt und daß sie sich
füreinander anziehen und schmücken -- all die tausend von Person zu
Person spielenden momentanen oder dauernden, bewußten oder unbewußten,
vorüberfliegenden oder folgenreichen Beziehungen, aus denen diese
Beispiele ganz zufällig gewählt sind, knüpfen uns unaufhörlich
zusammen. Hier liegen die Wechselwirkungen zwischen den Elementen,
die die ganze Zähigkeit und Elastizität, die ganze Buntheit und
Einheitlichkeit dieses so deutlichen und so rätselhaften Lebens der
Gesellschaft tragen. Alle jene großen Systeme und überindividuellen
Organisationen, an die man bei dem Begriff von Gesellschaften zu
denken pflegt, sind nichts anderes als die Verfestigungen -- zu
dauernden Rahmen und selbständigen Gebilden -- von unmittelbaren,
zwischen Individuum und Individuum stündlich und lebenslang hin und her
gehenden Wechselwirkungen. Sie gewinnen damit freilich Eigenbestand
und Eigengesetzlichkeit, mit denen sie sich diesen gegenseitig sich
bestimmenden Lebendigkeiten auch gegenüber- und entgegenstellen
können. Aber Gesellschaft in ihrem fortwährend sich realisierenden
Leben bedeutet immer, daß die Einzelnen vermöge gegenseitig ausgeübter
Beeinflussung und Bestimmung verknüpft sind. Sie ist also eigentlich
etwas Funktionelles, etwas, was die Individuen tun und leiden, und
ihrem Grundcharakter nach sollte man nicht von Gesellschaft, sondern
von Vergesellschaftung sprechen. Gesellschaft ist dann nur der Name
für einen Umkreis von Individuen, die durch derartig sich auswirkende
Wechselbeziehungen aneinander gebunden sind und die man deshalb als
eine Einheit bezeichnet, gerade wie man ein System körperlicher Massen,
die sich in ihrem Verhalten durch ihre gegenseitigen Einwirkungen
vollständig bestimmen, als Einheit ansieht. Nun kann man sich dem
letzteren gegenüber darauf versteifen, nur die einzelnen materiellen
Stücke seien die echte „Realität“, ihre wechselseitig erregten
Bewegungen und Modifikationen seien als etwas nie Handgreifliches
gewissermaßen nur Realitäten zweiten Grades; sie hätten ihren Ort
eben nur in jenen Substanzstücken, die sogenannte Einheit sei nur die
Zusammenschau dieser stofflichen Sonderexistenzen, deren empfangene
und ausgeteilte Impulse und Formungen doch in einer jeden verblieben.
In demselben Sinne kann man freilich dabei bleiben, die eigentlichen
Realitäten seien doch immer nur die menschlichen Individuen. Gewonnen
wird dadurch nichts. Gesellschaft ist dann allerdings sozusagen keine
Substanz, nichts für sich Konkretes, sondern ein +Geschehen+, ist die
Funktion des Empfangens und Bewirkens von Schicksal und Gestaltung
des einen von seiten des andern. Nach dem Greifbaren tastend, fänden
wir nur Individuen, und zwischen ihnen gleichsam nur leeren Raum. Die
Folgen dieser Betrachtung werden uns später beschäftigen; aber wenn sie
die „Existenz“ in einem engeren Sinne auch wirklich nur den Individuen
übrig läßt, so muß sie doch auch das Geschehen, die Dynamik des Wirkens
und Leidens, mit der diese Individuen sich gegenseitig modifizieren,
als etwas „Wirkliches“ und Erforschbares stehen lassen.
+Jede+ Wissenschaft zieht aus der Totalität oder der erlebten
Unmittelbarkeit der Erscheinungen +eine+ Reihe oder +eine+ Seite
unter Führung je eines bestimmten Begriffes heraus, und nicht
weniger als alle andern handelt die Soziologie legitim, wenn sie
die individuellen Existenzen zerlegt und nach einem nur ihr eigenen
Begriff wieder neu zusammenfaßt, und also fragt: Was geschieht mit
den Menschen, nach welchen Regeln bewegen sie sich, nicht insofern
sie die Ganzheit ihrer erfaßbaren Einzelexistenzen entfalten, sondern
sofern sie vermöge ihrer Wechselwirkung Gruppen bilden und durch diese
Gruppenexistenz bestimmt werden? So darf sie die Geschichte der Ehe
behandeln, ohne das Zusammenleben einzelner Paare zu analysieren,
das Prinzip der Ämterorganisation, ohne einen Tag auf dem Bureau zu
schildern, die Gesetze und Resultate des Klassenkampfes ergründen,
ohne auf den Verlauf eines Streiks oder die Verhandlungen über einen
Lohntarif einzugehen. Gewiß sind die Gegenstände solcher Fragen durch
Abstraktionsprozesse zustande gekommen; aber damit unterscheiden
sie sich nicht von den Wissenschaften wie Logik oder theoretische
Nationalökonomie, die gleichfalls unter der Anleitung durch bestimmte
Begriffe -- dort des Erkennens, hier der Wirtschaft -- zusammenhängende
Gebilde aus der Wirklichkeit zustande bringen, und Gesetze und
Evolutionen an ihnen entdecken, während diese Gebilde als isolierte
Erfahrbarkeiten gar nicht bestehen.
Steht so die Soziologie auf einer Abstraktion aus der vollen
Wirklichkeit -- hier unter Führung des Begriffes Gesellschaft vollzogen
-- und ist dennoch der Vorwurf der Irrealität hinfällig, der von der
behaupteten alleinigen Realität der Individuen herkam, so schützt diese
Einsicht sie auch vor der Überspannung, die ich zuvor als eine nicht
geringere Gefährdung ihres Bestandes als einer Wissenschaft erwähnte.
Da der Mensch in jedem Augenblick seines Seins und Tuns durch die
Tatsache, daß er ein gesellschaftliches Wesen ist, bestimmt sei, so
schienen alle Wissenschaften vom Menschen sich in die Wissenschaft vom
gesellschaftlichen Leben zurückzuschmelzen: alle Gegenstände jener
Wissenschaften seien nur einzelne, besonders geformte Kanäle, durch
die das gesellschaftliche Leben, einziger Träger aller Kraft und alles
Sinnes, rinne. Ich zeigte, daß damit nichts anderes erlangt sei, als
ein neuer, gemeinschaftlicher Name für all die Erkenntnisse, die in
ihren besonderen Inhalten und Benennungen, Richtungen und Methoden
ganz ungestört und selbstgesetzlich weiterbestehen werden. Ist dies
also auch eine irrige Dehnung der Vorstellung von der Gesellschaft
und der Soziologie, so liegt ihr doch eine an sich bedeutsame und
folgenreiche Tatsache zugrunde. Die Einsicht: der Mensch sei in
seinem ganzen Wesen und allen Äußerungen dadurch bestimmt, daß er in
Wechselwirkung mit andern Menschen lebt -- muß allerdings zu einer
neuen +Betrachtungs+weise in allen sogenannten Geisteswissenschaften
führen.
Die großen Inhalte des geschichtlichen Lebens: die Sprache wie die
Religion, die Staatenbildung wie die materielle Kultur wußte man
noch im 18. Jahrhundert wesentlich nur auf die „Erfindung“ einzelner
Persönlichkeiten zurückzuführen, und wo Verstand und Interessen
des Einzelmenschen dazu nicht auszureichen schienen, blieb nur der
Appell an transzendente Mächte übrig -- zu denen übrigens das „Genie“
jener einzelnen Erfinder eine Mittelstufe bildete: denn mit dem
Geniebegriff drückte man eigentlich nur aus, daß die bekannten und
begreiflichen Kräfte des Individuums zu der Produktion der Erscheinung
nicht zulangten. So war die Sprache entweder die Erfindung Einzelner
oder ein göttliches Geschenk, die Religion -- als geschichtliches
Ereignis -- die Erfindung schlauer Priester oder göttlicher Wille, die
sittlichen Gesetze entweder von Heroen der Masse eingeprägt oder von
Gott verliehen, oder von der „Natur“ -- einer nicht weniger mystischen
Hypostasierung -- den Menschen mitgegeben. Aus dieser ungenügenden
Alternative hat der Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Produktion
erlöst. All jene Gebilde erzeugen sich in den Wechselbeziehungen der
Menschen, oder manchmal auch +sind+ sie derartige Wechselbeziehungen,
die also aus dem für sich betrachteten Individuum freilich nicht
herleitbar sind. Neben jene beiden Möglichkeiten ist eben nun
die dritte gestellt: die Produktion von Erscheinungen durch das
gesellschaftliche Leben, und zwar im zweifachen Sinne, durch das
Nebeneinander wechselwirkender Individuen, das in jedem erzeugt, was
doch aus ihm allein nicht erklärbar ist, und durch das Nacheinander der
Generationen, deren Vererbungen und Überlieferungen mit dem Eigenerwerb
des Einzelnen unlösbar verschmelzen, und es bewirken, daß der
gesellschaftliche Mensch, im Unterschied gegen alles untermenschliche
Leben, nicht nur Nachkomme, sondern Erbe ist. Durch das Bewußtwerden
der sozialen Produktionsart, die sich zwischen die rein individuelle
und die transzendente einschiebt, ist eine genetische Methode in
alle Geisteswissenschaften gekommen, ein neues Werkzeug zur Lösung
ihrer Probleme -- mögen diese den Staat oder die Kirchenorganisation,
die Sprache oder die sittliche Verfassung betreffen. Die Soziologie
ist nicht nur eine Wissenschaft mit eigenen, gegen alle andern
Wissenschaften arbeitsteilig abgegrenzten Objekten, sondern sie ist
eben auch eine +Methode+ der historischen und der Geisteswissenschaften
überhaupt geworden. Um sie auszunutzen, brauchen diese Wissenschaften
ihren Standort durchaus nicht zu verlassen, sie brauchen nicht, wie
jene phantastische Überspannung des Soziologiebegriffes forderte, zu
Teilen der Soziologie zu werden. Diese vielmehr akklimatisiert sich
jedem besonderen Forschungsgebiet, dem nationalökonomischen wie dem
kulturgeschichtlichen, dem ethischen wie dem theologischen. Damit aber
verhält sie sich nicht wesentlich anders als seinerzeit die Induktion,
die als neues Forschungsprinzip in alle möglichen Problemgruppen
eindrang und den darin feststehenden Aufgaben zu neuen Lösungen
verhalf. So wenig aber daraufhin Induktion eine besondere Wissenschaft
ist oder gar eine allbefassende, so wenig ist es, auf +diese+ Momente
hin, die Soziologie. Soweit sie sich darauf stützt, daß der Mensch als
Gesellschaftswesen verstanden werden muß, und daß die Gesellschaft der
Träger alles historischen Geschehens ist, enthält sie kein +Objekt+,
das nicht schon in einer der bestehenden Wissenschaften behandelt
würde, sondern nur einen neuen Weg für alle diese, eine Methode der
Wissenschaft, die gerade wegen ihrer Anwendbarkeit auf die Gesamtheit
der Probleme nicht eine Wissenschaft mit eignem Inhalt ist[1].
Und eben weil die Methode diese Allgemeinheit besitzt, bildet sie
ein gemeinsames Fundament für einzelne Problemgruppen, die zuvor
gewisser Aufklärungen entbehrten, die der einen nur von der andern
kommen können; der Gemeinsamkeit des Vergesellschaftetseins, das die
Kräfte der Individuen sich gegenseitig bestimmen läßt, entspricht
die Gemeinsamkeit der soziologischen Erkenntnisweise, vermöge deren
dem einen Problem eine Lösungs- oder Vertiefungsmöglichkeit mit
einem inhaltlich ganz heterogenen Erkenntnisgebiet zukommt. Ich
erwähne nur einige Beispiele, die von dem Allersingulärsten zu
dem Allerallgemeinsten aufführen. Der Kriminalist kann etwa über
das Wesen der sogenannten „Massenverbrechen“ mancherlei von einer
soziologischen Untersuchung über die Psychologie des Theaterpublikums
lernen. Denn hier ist der Gegenstand eines kollektiv-impulsiven
Verhaltens noch jederzeit genau feststellbar, und dieses verläuft in
der sozusagen abstrakten, genau umgrenzten Sphäre der Kunst; damit
wird -- sehr bedeutsam für jenes Schuldproblem -- die Bestimmbarkeit
des Einzelnen durch eine aktuell zusammenbefindliche Masse, das
Ausschalten der individuellen und der objektiven Werturteile durch
das „Mitgerissenwerden“ so rein experimentell und beweiskräftig
beobachtbar, wie kaum je sonst. -- Der Religionsforscher wird vielfach
geneigt sein, das Leben der religiösen Gemeinde, die Opferwilligkeit
innerhalb ihrer auf Grund der Hingebung an ein allen gemeinsames Ideal,
die Formung des gegenwärtigen Lebens durch die Hoffnung auf einen
vollkommenen, über das Leben der aktuellen Individuen hinausliegenden
Zustand -- er wird geneigt sein, dieses auf die Kraft des religiösen
Glaubensinhaltes zu schieben. Wenn ihm nun nahegebracht wird, daß
etwa eine sozialdemokratische Arbeiterschaft dieselben Züge des
gemeinsamen und des gegenseitigen Verhaltens ausbildet -- so kann
diese Analogie ihn einerseits lehren, daß das religiöse Verhalten
nicht ausschließlich an die religiösen Inhalte gebunden, sondern eine
allgemein menschliche Form ist, die sich nicht nur an transzendenten
Gegenständen, sondern an manchen andern Gefühlsveranlassungen ganz
ebenso realisiert. Andrerseits aber wird er das für ihn Wesentlichere
einsehen, daß auch das in sich geschlossene religiöse Leben Momente
enthält, die nicht spezifisch religiös, sondern sozial sind, bestimmte
Arten der gegenseitigen Gesinnung und Praxis, die freilich mit der
religiösen Stimmung organisch verwachsen, aber erst, indem sie
soziologisch herausanalysiert werden, erkennen lassen, was denn an
dem religiösen Verhalten als die rein religiösen -- und als solche
gegen alles Soziale gleichgültigen -- Elemente gelten dürfe. --
Endlich ein letztes Beispiel für die gegenseitige Befruchtung der
Problemgruppen durch das gemeinsame Anteilhaben ihrer Gegenstände
an dem menschlichen Vergesellschaftetsein. Der Historiker der
politischen oder der allgemeinen Kulturgeschichte ist jetzt vielfach
geneigt, die Konfigurationen z. B. der inneren Politik auf die
entsprechenden wirtschaftlichen Verfassungen und Vorgänge als auf ihre
zureichende Ursache zurückzuführen. Wird dies nun etwa auf den starken
Individualismus in den politischen Konstitutionen der italienischen
Frührenaissance angewandt, derart, daß diese aus der Befreiung des
+Wirtschafts+verkehrs von zünftigen und kirchenrechtlichen Fesseln
erklärt werden, so wird er einer Beobachtung des Kunsthistorikers eine
neue Wendung dieser Auffassung verdanken können. Der Kunsthistoriker
stellt schon am Anfang der hier fraglichen Epoche die ungeheure
Ausbreitung der Porträtbüsten und ihren naturalistisch-individuellen
Charakter fest und zeigt damit, wie die öffentliche Wertung ihren
Akzent von dem, was den Menschen gemeinsam ist und was deshalb leicht
in etwas abstraktere und ideellere Sphären rückt, auf das geschoben
hat, was dem +einzelnen+ zukommt, auf die Bedeutung der persönlichen
Kraft, auf das Übergewicht des Konkreten vor dem allgemeinen, καθ’ ὅλον
geltenden Gesetz. Dies legt den Gedanken nahe, daß jene wirtschaftliche
Wendung ihrerseits schon eine Äußerungsweise einer fundamentalen,
soziologischen sei, die ihre Ausgestaltung auch als eine bestimmte
Kunst und als eine bestimmte Politik gefunden hat, ohne daß eine
von diesen unmittelbar die andere verursachte. So verhelfen diese
soziologischen Analogien überhaupt vielleicht zu einer tieferen, den
historischen Materialismus überwindenden Auffassung: vielleicht sind
die Wandlungen der Geschichte, ihrer eigentlich wirksamen Schicht nach,
solche der soziologischen Formen: wie sich die Individuen und die
Gruppen zueinander verhalten, wie das Individuum zu seiner Gruppe, wie
die Wertbetonungen, die Akkumulierungen, die Prärogativen unter den
sozialen Elementen als solchen hin und her rücken -- das ist vielleicht
das eigentliche epochale Geschehen, und wenn die Wirtschaftsart alle
andern Kulturprovinzen nach sich zu bestimmen scheint, so ist die
Wahrheit dieses verlockenden Scheines die, daß die Wirtschaft selbst
durch soziologische Verschiebungen bestimmt ist, die von sich aus
ebenso alle andern kulturellen Gestaltungen bestimmen; daß auch die
Wirtschaftsform nur ein „Überbau“ über den Verhältnissen und Wandlungen
der rein soziologischen Struktur ist, die die letzte historische
Instanz bildet und alle andern Lebensinhalte freilich in einem gewissen
Parallelismus mit dem wirtschaftlichen gestalten muß. --
Von diesen Erwägungen aus öffnet sich, über den bloßen Begriff der
Methode hinaus, der Blick auf den ersten prinzipiellen Problemkreis
der Soziologie. Aber wenn er auch fast das ganze Feld menschlicher
Existenz umfaßt, so verliert er dadurch nicht den Charakter jener
immerhin einseitigen Abstraktion, den keine Wissenschaft abstreifen
kann. Denn so sozial bestimmt, gleichsam von Gesellschaftlichkeit
durchdrungen jeder Punkt der wirtschaftlichen und geistigen, der
politischen und rechtlichen, ja der religiösen und allgemein
kulturellen Sphäre sei, so verwebt sich doch diese Bestimmung an
einem jeden innerhalb des vollen Erlebens mit andern, die aus andern
Dimensionen stammen. Vor allem mit denen der reinen Sachlichkeit.
Es ist immer irgendein Sachgehalt, technischer oder dogmatischer,
intellektueller oder physiologischer Art, der die Entwicklung der
sozialen Kräfte trägt und der durch seinen eigenen Charakter, seine
Gesetze und seine Logik diese Entwicklung in bestimmten Richtungen und
Schranken hält. Jede gesellschaftliche Arbeit, die sich an irgendeiner
Materie vollzieht, muß sich deren Naturgesetzlichkeit fügen, jede
intellektuelle Leistung bindet sich, mit welchen Schwankungen auch
immer, an Denkgesetze und Verhalten von Objekten, jede Reihe von
Schöpfungen auf künstlerischem oder politischem, rechtlichem oder
medizinischem, philosophischem oder überhaupt erfinderischem Gebiet
hält eine gewisse Ordnung ein, die uns aus den sachlichen Verhältnissen
ihrer Inhalte -- Steigerung, Anknüpfung, Differenzierung, Kombination
usw. -- verständlich wird. Hier ganz beliebige Schritte zu tun,
beliebige Abstände zu überspringen, beliebige Synthesen zu vollziehen
vermag kein menschliches Wollen und Können, sondern dieses folgt
einer gewissen inneren Logik der Dinge selbst. So könnte man die
Kunstgeschichte als eine durchaus verständliche Entwicklung aufbauen,
indem man die Kunstwerke für sich allein und gänzlich anonym in ihrer
Zeitordnung und stilistischen Evolution vorführte, entsprechend die
Rechtsentwicklung als das Nacheinander der Institutionen und Gesetze,
die wissenschaftliche Produktion durch die bloße Aufreihung, eine
historische oder eine systematische, der in ihr gewonnenen Resultate
usw. Und hier ebenso, wie wenn man ein Lied auf seinen musikalischen
Wert, eine physikalische Theorie auf ihre Wahrheit, eine Maschine auf
ihre Zweckmäßigkeit hin ansieht, zeigt es sich, daß jeder menschliche
Lebensinhalt, auch wenn er nur innerhalb der Bedingtheit und durch
die Dynamik des gesellschaftlichen Lebens realisiert wird, eine von
diesem ganz unabhängige Betrachtungsweise gestattet. Innerhalb der
Reihe der Sachen selbst und gemessen an ihrer eigenen Idee haben sie
einen Sinn, ein Gesetz, ein Wertmaß, das jenseits des sozialen wie des
individuellen Lebens steht und eine eigene Feststellung, ein eigenes
Verständnis ermöglicht. Der vollen Wirklichkeit gegenüber ist freilich
auch dies eine Abstraktion, da kein Sachgehalt sich durch seine
eigene Logik verwirklicht, sondern es nur durch die geschichtlichen
und seelischen Kräfte vermag; was dasteht, ist eine dem Erkennen
unmittelbar gar nicht erfaßbare Einheit, und was wir Sachgehalt nennen,
ist eine Aufnahme von einer einseitigen Kategorie her.
Unter der Leitung einer entsprechenden erscheint die
Menschheitsgeschichte als Verhalten und Erzeugnis von +Individuen+.
Wie man das Kunstwerk auf seine rein artistische Bedeutung hin ansehen
und in die objektive Reihe der Kunsterzeugnisse überhaupt einstellen
kann, als wäre es „vom Himmel gefallen“ -- so mag man es auch aus der
Persönlichkeit und der Entwicklung, aus dem Erlebnis und den Tendenzen
seines Schöpfers heraus begreifen, als einen Pulsschlag oder ein
unmittelbares Ergebnis des individuellen Lebens, aus dessen Kontinuität
es sich, in dieser Richtung gesehen, überhaupt nicht herauslöst.
Gewisse Kulturtatsachen mögen sich dieser Blickeinstellung leichter
als andere bieten, vor allem die Kunst und alles, woran der Hauch des
Schöpfertums noch fühlbar ist; prinzipiell aber ist dies Getragensein
von dem tätigen und aufnehmenden, dem typischen oder einzigartigen
Subjekt eine der Möglichkeiten, jene Einheit alles menschlichen
Erzeugens in die Verständlichkeit zu übersetzen, es erscheint als
eines der Momente, die in jedem mitwirken und nach deren Gesetz sich
gleichsam eine Ebene bilden läßt, auf die man das Ganze projizieren
kann.
Der Zweck dieser Ausführungen liegt in der Erkenntnis, daß neben
dem gesellschaftlichen Leben als begründender Kraft und umfassender
Formel des menschheitlichen Lebens auch noch Herleitung und Deutung
des letzteren aus dem sachlichen Sinn seiner Inhalte und auch noch
aus dem Wesen und der Produktivität der Individuen als solcher
besteht -- vielleicht auch noch aus anderen, bisher nicht entschieden
herausgearbeiteten Kategorien. Diese Zerlegungen und Konstruktionsarten
unseres unmittelbaren, als Einheit von all diesem empfundenen Lebens
und Schaffens, liegen in der gleichen Schicht und haben das gleiche
Recht. Infolgedessen -- und darauf kommt es jetzt an -- kann eine
einzelne von ihnen nicht beanspruchen, uns den alleinigen und allein
ausreichenden Weg der Erkenntnis zu führen, also auch nicht die,
die von der gesellschaftlichen Form unseres Daseins bestimmt ist.
Auch sie ist nur eine einseitige, die andern ergänzend und von ihnen
ergänzt. Aber freilich, unter diesem Vorbehalt kann sie prinzipiell der
Ganzheit menschlicher Existenz eine Erkenntnismöglichkeit gewähren. Die
Tatsachen der Politik wie der Religion, der Wirtschaft wie des Rechts,
der Kulturstile als ganzer und der Sprache und unzählige andere können
danach befragt werden, wie sie, jenseits individuell verantwortlicher
Leistungen wie objektiv-sachlicher Bedeutung, als Leistungen des
Subjekts Gesellschaft begreiflich, als Entwicklungen dieses Subjekts
darstellbar sind; und es machte den Erkenntniswert davon keineswegs
illusorisch, wenn über das Wesen dieses Subjekts auch keine völlig
erschöpfende und völlig unstrittige Definition bestünde. Es ist nun
einmal eine Eigentümlichkeit unseres Geistes, daß er auf begrifflich
noch unsicheren Fundamenten doch ein sicheres Gebäude aufführen
kann: physikalische und chemische Feststellungen leiden nicht unter
der Dunkelheit und Problematik des Begriffes der Materie, rechtliche
nicht unter dem Streit über das Wesen des Rechts und seiner ersten
Grundsätze, psychologische nicht darunter, daß das „Wesen der Seele“
uns durchaus fragwürdig ist. Wenn demnach die „soziologische Methode“
angewendet wird, um den Verfall des Römerreiches oder das Verhältnis
von Religion und Wirtschaft bei den großen Kulturvölkern, um die
Entstehung des deutschen Nationalstaatsgedankens oder die Herrschaft
des Barockstils zu entwickeln, d. h. wenn solche Geschehnisse oder
Zustände als Summierungen ununterscheidbarer Beiträge, als Ergebnisse
der Wechselwirkung von Individuen, als Lebensstadien überindividueller
Gruppeneinheiten erscheinen -- so mag man diese nach soziologischer
Methode geführten Untersuchungen als Soziologie bezeichnen.
Allein aus ihnen erhebt sich, durch eine weitere Abstraktion, die man
wohl als Ergebnis einer höchst differenzierten Wissenschaftskultur
charakterisieren kann, eine Problemgruppe von im engeren Sinne
soziologischer Natur. Wenn nämlich alle möglichen Tatsächlichkeiten
des Lebens daraufhin betrachtet werden, daß sie sich innerhalb
einer gesellschaftlichen Gruppe und durch sie vollziehen, so
muß es Gemeinsamkeiten ihres Vollzuges geben (wenn auch, gemäß
den verschiedenen Umständen, nicht allenthalben die gleichen),
Charakterzüge, die daraufhin und nur daraufhin hervortreten, daß
sich das gesellschaftliche Leben als Ursprung oder Subjekt jener
Ereignisse zeigt. Dahin gehören Fragen wie die: ob sich etwa in
den geschichtlichen Entwicklungen der allerverschiedensten Art,
die sich nur in ihrem Getragensein durch je eine Gruppe begegnen,
ein gemeinsames Gesetz finden läßt, ein nur auf diese Tatsache
zurückführbarer Rhythmus? So hat man z. B. behauptet, alle historischen
Evolutionen realisierten sich, auf ihrer ersten Stufe, in einer
ungeschiedenen Einheit vielfacher Elemente, führten auf der zweiten
zu einer differenzierten Verselbständigung dieser, nun gegeneinander
entfremdeten, und zeigten auf der dritten eine neue Einheit, die aber
jetzt in dem harmonischen Ineinandergreifen der in ihrer Besonderheit
erhaltenen Elemente bestünde; kürzer: der Weg aller voll ausgelebten
Entwicklungen ginge von der undifferenzierten Einheit über die
differenzierte Mannigfaltigkeit zu der differenzierten Einheit.
Oder, man erblickt in allem historischen Leben einen von organischer
Gemeinsamkeit zu mechanischem Nebeneinander fortschreitenden Prozeß;
Besitz, Arbeiten, Interessen erwüchsen zunächst in der Solidarität der
Individuen, die das Gruppenleben tragen, verteilten sich dann aber auf
egoistische Personen, von denen jede nur das Ihre suche und sich nur
aus dieser Gesinnung heraus mit anderen verbinde; jenes erste sei die
Darstellung eines unbewußten, nur im Gefühl offenbarten Willens unseres
tiefsten Wesens, während das andere ein Produkt der Willkür und des
berechnenden Verstandes sei. Oder: man glaubte eine feste Beziehung
zwischen der geistigen Weltanschauung jeder bestimmten Epoche und
ihrem sozialen Zustande festzustellen, indem beides gewissermaßen nur
zwei Äußerungen der biologischen Entwicklung seien. Die menschliche
Erkenntnis durchlaufe im großen drei Stadien: das theologische, das
die Naturerscheinungen aus der Willkür irgendwelcher Wesen erklärt,
das metaphysische, in dem die übernatürlichen Ursachen zwar durch
gesetzmäßige ersetzt werden, aber durch mystische und spekulative wie
die „Lebenskraft“, die „Naturzwecke“ usw., endlich das positive, das
die heutige experimentelle und exakte Wissenschaft darstellt. Durch
diese Stadien entwickle sich jeder Wissenszweig hindurch, und die
Beobachtung hiervon enträtsle uns also die in alle möglichen Gebiete
sich verzweigende soziale Entwicklung.
Ferner reihen sich in diese Kategorie Fragen ein wie die nach den
Bedingungen der Macht von Gruppen, in ihrem Unterschied gegen die der
Macht von Individuen. Die Bedingungen der letzteren sind unmittelbarer
anschaulich: Intelligenz, Energie, geeigneter Wechsel von Konsequenz
und Biegsamkeit -- obgleich auch gewisse noch dunkle Kräfte bestehen
müssen, die die historische Mächtigkeit von Erscheinungen wie Jesus
auf der einen, Napoleon auf der andern Seite eigentlich begründen,
und die durch Benennungen wie Suggestionskraft, Prestige usw.
keineswegs geklärt sind. In den Machtübungen der Gruppen, sowohl
ihren Individuen wie andern Gruppen gegenüber, wirken außer solchen
noch andere Energien: Fähigkeit zu straffer Konzentration ebenso wie
zur Auflösung in individuelle Sonderbetätigungen, bewußter Glaube
an führende Geister wie dumpfe Expansionstriebe, parallele Egoismen
der Einzelnen wie aufopfernde Hingabe an das Ganze, fanatischer
Dogmatismus wie überallhin prüfende geistige Freiheit. Alles dies wirkt
nicht nur zu dem Aufstieg -- und, negativ gewendet, zum Verfall --
politischer Volkseinheiten, sondern aller möglichen wirtschaftlichen
und religiösen, parteimäßigen und familiären Gruppierungen; aber immer
geht die Frage hier nicht auf das Zustandekommen der Vergesellschaftung
als solcher, sondern auf die induktiv festzustellenden Schicksale von
Gesellschaft, als eines schon zustande gekommenen Subjekts.
Eine andere Frage, die sich gegenüber allen soziologisch betrachteten
Zuständen und Ereignissen erhebt, ist die: Wie denn das kollektive
Verhalten, Handeln, Gedankenbilden dem +Werte+ nach zu den
entsprechenden, aus Individuen unmittelbar hervorgehenden Äußerungen
stehe? Welche Unterschiede des Niveaus, an irgendwie idealen Maßstäben
gemessen, zwischen den sozialen Erscheinungen und den individuellen
bestehen? So wenig wie für die vorige Frage wird für diese die innere,
grundlegende Struktur der Gesellschaft zum Problem; vielmehr diese
Struktur wird schon vorausgesetzt, die Lebenstatsachen werden von ihr
aus betrachtet, und die Frage ist: Welche allgemeinen Züge treten an
diesen Tatsachen hervor, wenn sie in diese Blickrichtung eingestellt
sind? Das zweite Kapitel der vorliegenden Blätter wird die Untersuchung
auf das Niveauproblem, als auf ein Beispiel dieses soziologischen Typs
-- man könnte ihn den der „allgemeinen Soziologie“ nennen -- wenden.