Als Mittler gekommen war, sich mit Eduarden über die Sache zu
unterhalten, fand er ihn allein, den Kopf in die rechte Hand gelehnt,
den Arm auf den Tisch gestemmt. Er schien sehr zu leiden. „Plagt Ihr
Kopfweh Sie wieder?“ fragte Mittler. „Es plagt mich“, versetzte jener;
„und doch kann ich es nicht hassen, denn es erinnert mich an Ottilien.
Vielleicht leidet auch sie jetzt, denk ich, auf ihren linken Arm
gestützt, und leidet wohl mehr als ich. Und warum soll ich es nicht
tragen wie sie? Diese Schmerzen sind mir heilsam, sind mir, ich kann
beinah sagen, wünschenswert; denn nur mächtiger, deutlicher, lebhafter
schwebt mir das Bild ihrer Geduld, von allen ihren übrigen Vorzügen
begleitet, vor der Seele, nur im Leiden empfinden wir recht vollkommen
alle die großen Eigenschaften, die nötig sind, um es zu ertragen“.
Als Mittler den Freund in diesem Grade resigniert fand, hielt er mit
seinem Anbringen nicht zurück, das er jedoch stufenweise, wie der
Gedanke bei den Frauen entsprungen, wie er nach und nach zum Vorsatz
gereift war, historisch vortrug. Eduard äußerte sich kaum dagegen. Aus
dem wenigen, was er sagte, schien hervorzugehen, daß er jenen alles
überlasse; sein gegenwärtiger Schmerz schien ihn gegen alles
gleichgültig gemacht zu haben.
Kaum war er allein, so stand er auf und ging in dem Zimmer hin und
wider. Er fühlte seinen Schmerz nicht mehr, er war ganz außer sich
beschäftigt. Schon unter Mittlers Erzählung hatte die Einbildungskraft
des Liebenden sich lebhaft ergangen. Er sah Ottilien allein oder so gut
als allein auf wohlbekanntem Wege, in einem gewohnten Wirtshause,
dessen Zimmer er so oft betreten; er dachte, er überlegte, oder
vielmehr er dachte, er überlegte nicht; er wünschte, er wollte nur. Er
mußte sie sehn, sie sprechen. Wozu, warum, was daraus entstehen sollte,
davon konnte die Rede nicht sein. Er widerstand nicht, er mußte.
Der Kammerdiener ward ins Vertrauen gezogen und erforschte sogleich Tag
und Stunde, wann Ottilie reisen würde. Der Morgen brach an; Eduard
säumte nicht, unbegleitet sich zu Pferde dahin zu begeben, wo Ottilie
übernachten sollte. Er kam nur allzuzeitig dort an; die überraschte
Wirtin empfing ihn mit Freuden; sie war ihm ein großes Familienglück
schuldig geworden. Er hatte ihrem Sohn, der als Soldat sich sehr brav
gehalten, ein Ehrenzeichen verschafft, indem er dessen Tat, wobei er
allein gegenwärtig gewesen, heraushob, mit Eifer bis vor den Feldherrn
brachte und die Hindernisse einiger Mißwollenden Überwand. Sie wußte
nicht, was sie ihm alles zuliebe tun sollte. Sie räumte schnell in
ihrer Putzstube, die freilich auch zugleich Garderobe und Vorratskammer
war, möglichst zusammen; allein er kündigte ihr die Ankunft eines
Frauenzimmers an, die hier hereinziehen sollte, und ließ für sich eine
Kammer hinten auf dem Gange notdürftig einrichten. Der Wirtin erschien
die Sache geheimnisvoll, und es war ihr angenehm, ihrem Gönner, der
sich dabei sehr interessiert und tätig zeigte, etwas Gefälliges zu
erweisen. Und er, mit welcher Empfindung brachte er die lange, lange
Zeit bis zum Abend hin! Er betrachtete das Zimmer ringsumher, in dem er
sie sehen sollte; es schien ihm in seiner ganzen häuslichen Seltsamkeit
ein himmlischer Aufenthalt. Was dachte er sich nicht alles aus, ob er
Ottilien überraschen, ob er sie vorbereiten sollte! Endlich gewann die
letztere Meinung Oberhand; er setzte sich hin und schrieb. Dies Blatt
sollte sie empfangen.