Sechzehntes Kapitel

Als Mittler gekommen war, sich mit Eduarden über die Sache zu

unterhalten, fand er ihn allein, den Kopf in die rechte Hand gelehnt,

den Arm auf den Tisch gestemmt. Er schien sehr zu leiden. „Plagt Ihr

Kopfweh Sie wieder?“ fragte Mittler. „Es plagt mich“, versetzte jener;

„und doch kann ich es nicht hassen, denn es erinnert mich an Ottilien.

Vielleicht leidet auch sie jetzt, denk ich, auf ihren linken Arm

gestützt, und leidet wohl mehr als ich. Und warum soll ich es nicht

tragen wie sie? Diese Schmerzen sind mir heilsam, sind mir, ich kann

beinah sagen, wünschenswert; denn nur mächtiger, deutlicher, lebhafter

schwebt mir das Bild ihrer Geduld, von allen ihren übrigen Vorzügen

begleitet, vor der Seele, nur im Leiden empfinden wir recht vollkommen

alle die großen Eigenschaften, die nötig sind, um es zu ertragen“.

Als Mittler den Freund in diesem Grade resigniert fand, hielt er mit

seinem Anbringen nicht zurück, das er jedoch stufenweise, wie der

Gedanke bei den Frauen entsprungen, wie er nach und nach zum Vorsatz

gereift war, historisch vortrug. Eduard äußerte sich kaum dagegen. Aus

dem wenigen, was er sagte, schien hervorzugehen, daß er jenen alles

überlasse; sein gegenwärtiger Schmerz schien ihn gegen alles

gleichgültig gemacht zu haben.

Kaum war er allein, so stand er auf und ging in dem Zimmer hin und

wider. Er fühlte seinen Schmerz nicht mehr, er war ganz außer sich

beschäftigt. Schon unter Mittlers Erzählung hatte die Einbildungskraft

des Liebenden sich lebhaft ergangen. Er sah Ottilien allein oder so gut

als allein auf wohlbekanntem Wege, in einem gewohnten Wirtshause,

dessen Zimmer er so oft betreten; er dachte, er überlegte, oder

vielmehr er dachte, er überlegte nicht; er wünschte, er wollte nur. Er

mußte sie sehn, sie sprechen. Wozu, warum, was daraus entstehen sollte,

davon konnte die Rede nicht sein. Er widerstand nicht, er mußte.

Der Kammerdiener ward ins Vertrauen gezogen und erforschte sogleich Tag

und Stunde, wann Ottilie reisen würde. Der Morgen brach an; Eduard

säumte nicht, unbegleitet sich zu Pferde dahin zu begeben, wo Ottilie

übernachten sollte. Er kam nur allzuzeitig dort an; die überraschte

Wirtin empfing ihn mit Freuden; sie war ihm ein großes Familienglück

schuldig geworden. Er hatte ihrem Sohn, der als Soldat sich sehr brav

gehalten, ein Ehrenzeichen verschafft, indem er dessen Tat, wobei er

allein gegenwärtig gewesen, heraushob, mit Eifer bis vor den Feldherrn

brachte und die Hindernisse einiger Mißwollenden Überwand. Sie wußte

nicht, was sie ihm alles zuliebe tun sollte. Sie räumte schnell in

ihrer Putzstube, die freilich auch zugleich Garderobe und Vorratskammer

war, möglichst zusammen; allein er kündigte ihr die Ankunft eines

Frauenzimmers an, die hier hereinziehen sollte, und ließ für sich eine

Kammer hinten auf dem Gange notdürftig einrichten. Der Wirtin erschien

die Sache geheimnisvoll, und es war ihr angenehm, ihrem Gönner, der

sich dabei sehr interessiert und tätig zeigte, etwas Gefälliges zu

erweisen. Und er, mit welcher Empfindung brachte er die lange, lange

Zeit bis zum Abend hin! Er betrachtete das Zimmer ringsumher, in dem er

sie sehen sollte; es schien ihm in seiner ganzen häuslichen Seltsamkeit

ein himmlischer Aufenthalt. Was dachte er sich nicht alles aus, ob er

Ottilien überraschen, ob er sie vorbereiten sollte! Endlich gewann die

letztere Meinung Oberhand; er setzte sich hin und schrieb. Dies Blatt

sollte sie empfangen.

Die Wahlverwandtschaften · 第 51 / 55 题