Fünfzehntes Kapitel

Wenn sich in einem glücklichen, friedlichen Zusammenleben Verwandte,

Freunde, Hausgenossen, mehr als nötig und billig ist, von dem

unterhalten, was geschieht oder geschehen soll, wenn sie sich einander

ihre Vorsätze, Unternehmungen, Beschäftigungen wiederholt mitteilen

und, ohne gerade wechselseitigen Rat anzunehmen, doch immer das ganze

Leben gleichsam ratschlagend behandeln, so findet man dagegen in

wichtigen Momenten, eben da, wo es scheinen sollte, der Mensch bedürfe

fremden Beistandes, fremder Bestätigung am allermeisten, daß sich die

einzelnen auf sich selbst zurückziehen, jedes für sich zu handeln,

jedes auf seine Weise zu wirken strebt und, indem man sich einander die

einzelnen Mittel verbirgt, nur erst der Ausgang, die Zwecke, das

Erreichte wieder zum Gemeingut werden.

Nach so viel wundervollen und unglücklichen Ereignissen war denn auch

ein gewisser stiller Ernst über die Freundinnen gekommen, der sich in

einer liebenswürdigen Schonung äußerte. Ganz in der Stille hatte

Charlotte das Kind nach der Kapelle gesendet. Es ruhte dort als das

erste Opfer eines ahnungsvollen Verhängnisses.

Charlotte kehrte sich, soviel es ihr möglich war, gegen das Leben

zurück, und hier fand sie Ottilien zuerst, die ihres Beistandes

bedurfte. Sie beschäftigte sich vorzüglich mit ihr, ohne es jedoch

merken zu lassen. Sie wußte, wie sehr das himmlische Kind Eduarden

liebte; sie hatte nach und nach die Szene, die dem Unglück

vorhergegangen war, herausgeforscht und jeden Umstand teils von

Ottilien selbst, teils durch Briefe des Majors erfahren.

Ottilie von ihrer Seite erleichterte Charlotten sehr das

augenblickliche Leben. Sie war offen, ja gesprächig, aber niemals war

von dem Gegenwärtigen oder kurz Vergangenen die Rede. Sie hatte stets

aufgemerkt, stets beobachtet, sie wußte viel; das kam jetzt alles zum

Vorschein. Sie unterhielt, sie zerstreute Charlotten, die noch immer

die stille Hoffnung nährte, ein ihr so wertes Paar verbunden zu sehen.

Allein bei Ottilien hing es anders zusammen. Sie hatte das Geheimnis

ihres Lebensganges der Freundin entdeckt; sie war von ihrer frühen

Einschränkung, von ihrer Dienstbarkeit entbunden. Durch ihre Reue,

durch ihren Entschluß fühlte sie sich auch befreit von der Last jenes

Vergehens, jenes Mißgeschicks. Sie bedurfte keiner Gewalt mehr über

sich selbst; sie hatte sich in der Tiefe ihres Herzens nur unter der

Bedingung des völligen Entsagens verziehen, und diese Bedingung war für

alle Zukunft unerläßlich.

So verfloß einige Zeit, und Charlotte fühlte, wie sehr Haus und Park,

Seen, Felsen- und Baumgruppen nur traurige Empfindungen täglich in

ihnen beiden erneuerten. Daß man den Ort verändern müsse, war allzu

deutlich, wie es geschehen solle, nicht so leicht zu entscheiden.

Sollten die beiden Frauen zusammenbleiben? Eduards früherer Wille

schien es zu gebieten, seine Erklärung, seine Drohung es nötig zu

machen; allein wie war es zu verkennen, daß beide Frauen mit allem

guten Willen, mit aller Vernunft, mit aller Anstrengung sich in einer

peinlichen Lage nebeneinander befanden? Ihre Unterhaltungen waren

vermeidend. Manchmal mochte man gern etwas nur halb verstehen, öfters

wurde aber doch ein Ausdruck, wo nicht durch den Verstand, wenigstens

durch die Empfindung mißdeutet. Man fürchtet sich zu verletzen, und

gerade die Furcht war am ersten verletzbar und verletzte am ersten.

Wollte man den Ort verändern und sich zugleich, wenigstens auf einige

Zeit, voneinander trennen, so trat die alte Frage wieder hervor, wo

sich Ottilie hinbegeben solle. Jenes große, reiche Haus hatte

vergebliche Versuche gemacht, einer hoffnungsvollen Erbtochter

unterhaltende und wetteifernde Gespielinnen zu verschaffen. Schon bei

der letzten Anwesenheit der Baronesse und neuerlich durch Briefe war

Charlotte aufgefordert worden, Ottilien dorthin zu senden; jetzt

brachte sie es abermals zur Sprache. Ottilie verweigerte aber

ausdrücklich, dahin zu gehen, wo sie dasjenige finden würde, was man

große Welt zu nennen pflegt.

„Lassen Sie mich, liebe Tante“, sagte sie, „damit ich nicht

eingeschränkt und eigensinnig erscheine, dasjenige aussprechen, was zu

verschweigen, zu verbergen in einem andern Falle Pflicht wäre. Ein

seltsam unglücklicher Mensch, und wenn er auch schuldlos wäre, ist auf

eine fürchterliche Weise gezeichnet. Seine Gegenwart erregt in allen,

die ihn sehen, die ihn gewahr werden, eine Art von Entsetzen. Jeder

will das Ungeheure ihm ansehen, was ihm auferlegt ward; jeder ist

neugierig und ängstlich zugleich. So bleibt ein Haus, eine Stadt, worin

eine ungeheure Tat geschehen, jedem furchtbar, der sie betritt. Dort

leuchtet das Licht des Tages nicht so hell, und die Sterne scheinen

ihren Glanz zu verlieren.

Wie groß, und doch vielleicht zu entschuldigen, ist gegen solche

Unglückliche die Indiskretion der Menschen, ihre alberne

Zudringlichkeit und ungeschickte Gutmütigkeit! Verzeihen Sie mir, daß

ich so rede; aber ich habe unglaublich mit jenem armen Mädchen

gelitten, als es Luciane aus den verborgenen Zimmern des Hauses

hervorzog, sich freundlich mit ihm beschäftigte, es in der besten

Absicht zu Spiel und Tanz nötigen wollte. Als das arme Kind bange und

immer bänger zuletzt floh und in Ohnmacht sank, ich es in meine Arme

faßte, die Gesellschaft erschreckt, aufgeregt und jeder erst recht

neugierig auf die Unglückselige ward, da dachte ich nicht, daß mir ein

gleiches Schicksal bevorstehe; aber mein Mitgefühl, so wahr und

lebhaft, ist noch lebendig. Jetzt kann ich mein Mitleiden gegen mich

selbst wenden und mich hüten, daß ich nicht zu ähnlichen Auftritt Anlaß

gebe“.

„Du wirst aber, liebes Kind“, versetzte Charlotte, „dem Anblick der

Menschen dich nirgends entziehen können. Klöster haben wir nicht, in

denen sonst eine Freistatt für solche Gefühle zu finden war“.

„Die Einsamkeit macht nicht die Freistatt, liebe Tante“, versetzte

Ottilie. „Die schätzenswerteste Freistatt ist da zu suchen, wo wir

tätig sein können. Alle Büßungen, alle Entbehrungen sind keineswegs

geeignet, uns einem ahnungsvollen Geschick zu entziehen, wenn es uns zu

verfolgen entschieden ist. Nur wenn ich im müßigen Zustande der Welt

zur Schau dienen soll, dann ist sie mir widerwärtig und ängstigt mich.

Findet man mich aber freudig bei der Arbeit, unermüdet in meiner

Pflicht, dann kann ich die Blicke eines jeden aushalten, weil ich die

göttlichen nicht zu scheuen brauche“.

„Ich müßte mich sehr irren“, versetzte Charlotte, „wenn deine Neigung

dich nicht zur Pension zurückzöge“.

„Ja“, versetzte Ottilie, „ich leugne es nicht; ich denke es mir als

eine glückliche Bestimmung, andre auf dem gewöhnlichen Wege zu

erziehen, wenn wir auf dem sonderbarsten erzogen worden. Und sehen wir

nicht in der Geschichte, daß Menschen, die wegen großer sittlicher

Unfälle sich in die Wüsten zurückzogen, dort keineswegs, wie sie

hofften, verborgen und gedeckt waren? Sie wurden zurückgerufen in die

Welt, um die Verirrten auf den rechten Weg zu führen; und wer konnte es

besser als die in den Irrgängen des Lebens schon Eingeweihten! Sie

wurden berufen, den Unglücklichen beizustehen; und wer vermochte das

eher als sie, denen kein irdisches Unheil mehr begegnen konnte!“

„Du wählst eine sonderbare Bestimmung“, versetzte Charlotte. „Ich will

dir nicht widerstreben; es mag sein, wenn auch nur, wie ich hoffe, auf

kurze Zeit“.

„Wie sehr danke ich Ihnen“, sagte Ottilie, „daß Sie mir diesen Versuch,

diese Erfahrung gönnen wollen. Schmeichle ich mir nicht zu sehr, so

soll es mir glücken. An jenem Orte will ich mich erinnern, wie manche

Prüfungen ich ausgestanden und wie klein, wie nichtig sie waren gegen

die, die ich nachher erfahren mußte. Wie heiter werde ich die

Verlegenheiten der jungen Auschößlinge betrachten, bei ihren kindlichen

Schmerzen lächeln und sie mit leiser Hand aus allen kleinen Verirrungen

herausführen. Der Glückliche ist nicht geeignet, Glücklichen

vorzustehen; es liegt in der menschlichen Natur, immer mehr von sich

und von andern zu fordern, je mehr man empfangen hat. Nur der

Unglückliche, der sich erholt, weiß für sich und andere das Gefühl zu

nähren, daß auch ein mäßiges Gute mit Entzücken genossen werden soll“.

„Laß mich gegen deinen Vorsatz“, sagte Charlotte zuletzt nach einigem

Bedenken, „noch einen Einwurf anführen, der mir der wichtigste scheint.

Es ist nicht von dir, es ist von einem Dritten die Rede. Die

Gesinnungen des guten, vernünftigen, frommen Gehülfen sind dir bekannt;

auf dem Wege, den du gehst, wirst du ihm jeden Tag werter und

unentbehrlicher sein. Da er schon jetzt seinem Gefühl nach nicht gern

ohne dich leben mag, so wird er auch künftig, wenn er einmal deine

Mitwirkung gewohnt ist, ohne dich sein Geschäft nicht mehr verwalten

können. Du wirst ihm anfangs darin beistehen, um es ihm hernach zu

verleiden“.

„Das Geschick ist nicht sanft mit mir verfahren“, versetzte Ottilie,

„und wer mich liebt, hat vielleicht nicht viel Besseres zu erwarten. So

gut und verständig als der Freund ist, ebenso, hoffe ich, wird sich in

ihm auch die Empfindung eines reinen Verhältnisses zu mir entwickeln;

er wird in mir eine geweihte Person erblicken, die nur dadurch ein

ungeheures Übel für sich und andre vielleicht aufzuwiegen vermag, wenn

sie sich dem Heiligen widmet, das, uns unsichtbar umgebend, allein

gegen die ungeheuren zudringenden Mächte beschirmen kann“.

Charlotte nahm alles, was das liebe Kind so herzlich geäußert, zur

stillen Überlegung. Sie hatte verschiedentlich, obgleich auf das

leiseste, angeforscht, ob nicht eine Annäherung Ottiliens zu Eduard

denkbar sei; aber auch nur die leiseste Erwähnung, die mindeste

Hoffnung, der kleinste Verdacht schien Ottilien aufs tiefste zu rühren,

ja sie sprach sich einst, da sie es nicht umgehen konnte, hierüber ganz

deutlich aus.

„Wenn dein Entschluß“, entgegnete ihr Charlotte, „Eduarden zu entsagen,

so fest und unveränderlich ist, so hüte dich nur vor der Gefahr des

Wiedersehens. In der Entfernung von dem geliebten Gegenstande scheinen

wir, je lebhafter unsere Neigung ist, desto mehr Herr von uns selbst zu

werden, indem wir die ganze Gewalt der Leidenschaft, wie sie sich nach

außen erstreckte, nach innen wenden; aber wie bald, wie geschwind sind

wir aus diesem Irrtum gerissen, wenn dasjenige, was wir entbehren zu

können glaubten, auf einmal wieder als unentbehrlich vor unsern Augen

steht. Tue jetzt, was du deinen Zuständen am gemäßesten hältst; prüfe

dich, ja verändre lieber deinen gegenwärtigen Entschluß: aber aus dir

selbst, aus freiem, wollendem Herzen. Laß dich nicht zufällig, nicht

durch Überraschung in die vorigen Verhältnisse wieder hineinziehen;

dann gibt es erst einen Zwiespalt im Gemüt, der unerträglich ist. Wie

gesagt, ehe du diesen Schritt tust, ehe du dich von mir entfernst und

ein neues Leben anfängst, das dich wer weiß auf welche Wege leitet, so

bedenke noch einmal, ob du denn wirklich für alle Zukunft Eduarden

entsagen kannst. Hast du dich aber hierzu bestimmt, so schließen wir

einen Bund, daß du dich mit ihm nicht einlassen willst, selbst nicht in

eine Unterredung, wenn er dich aufsuchen, wenn er sich zu dir drängen

sollte“. Ottilie besann sich nicht einen Augenblick, sie gab Charlotten

das Wort, das sie sich schon selbst gegeben hatte.

Nun aber schwebte Charlotten immer noch jene Drohung Eduards vor der

Seele, daß er Ottilien nur so lange entsagen könne, als sie sich von

Charlotten nicht trennte. Es hatten sich zwar seit der Zeit die

Umstände so verändert, es war so mancherlei vorgefallen, daß jenes vom

Augenblick ihm abgedrungene Wort gegen die folgenden Ereignisse für

aufgehoben zu achten war; dennoch wollte sie auch im entferntesten

Sinne weder etwas wagen noch etwas vornehmen, das ihn verletzen könnte,

und so sollte Mittler in diesem Falle Eduards Gesinnungen erforschen.

Mittler hatte seit dem Tode des Kindes Charlotten öfters, obgleich nur

auf Augenblicke, besucht. Dieser Unfall, der ihm die Wiedervereinigung

beider Gatten höchst unwahrscheinlich machte, wirkte gewaltsam auf ihn;

aber immer nach seiner Sinnesweise hoffend und strebend, freute er sich

nun im stillen über den Entschluß Ottiliens. Er vertraute der

lindernden, vorüberziehenden Zeit, dachte noch immer die beiden Gatten

zusammenzuhalten und sah diese leidenschaftlichen Bewegungen nur als

Prüfungen ehelicher Liebe und Treue an.

Charlotte hatte gleich anfangs den Major von Ottiliens erster Erklärung

schriftlich unterrichtet, ihn auf das inständigste gebeten, Eduarden

dahin zu vermögen, daß keine weiteren Schritte geschähen, daß man sich

ruhig verhalte, daß man abwarte, ob das Gemüt des schönen Kindes sich

wieder herstelle. Auch von den spätern Ereignissen und Gesinnungen

hatte sie das Nötige mitgeteilt, und nun war freilich Mittlern die

schwierige Aufgabe übertragen, auf eine Veränderung des Zustandes

Eduarden vorzubereiten. Mittler aber, wohl wissend, daß man das

Geschehene sich eher gefallen läßt, als daß man in ein noch zu

Geschehendes einwilligt, überredete Charlotten, es sei das beste,

Ottilien gleich nach der Pension zu schicken.

Deshalb wurden, sobald er weg war, Anstalten zur Reise gemacht. Ottilie

packte zusammen, aber Charlotte sah wohl, daß sie weder das schöne

Köfferchen noch irgend etwas daraus mitzunehmen sich anschickte. Die

Freundin schwieg und ließ das schweigende Kind gewähren. Der Tag der

Abreise kam herbei; Charlottens Wagen sollte Ottilien den ersten Tag

bis in ein bekanntes Nachtquartier, den zweiten bis in die Pension

bringen; Nanny sollte sie begleiten und ihre Dienerin bleiben. Das

leidenschaftliche Mädchen hatte sich gleich nach dem Tode des Kindes

wieder an Ottilien zurückgefunden und hing nun an ihr wie sonst durch

Natur und Neigung, ja sie schien durch unterhaltende Redseligkeit das

bisher Versäumte wieder nachbringen und sich ihrer geliebten Herrin

völlig widmen zu wollen. Ganz außer sich war sie nun über das Glück,

mitzureisen, fremde Gegenden zu sehen, da sie noch niemals außer ihrem

Geburtsort gewesen, und rannte vom Schlosse ins Dorf, zu ihren Eltern,

Verwandten, um ihr Glück zu verkündigen und Abschied zu nehmen.

Unglücklicherweise traf sie dabei in die Zimmer der Maserkranken und

empfand sogleich die Folgen der Ansteckung. Man wollte die Reise nicht

aufschieben; Ottilie drang selbst darauf; sie hatte den Weg schon

gemacht, sie kannte die Wirtleute, bei denen sie einkehren sollte; der

Kutscher vom Schlosse führte sie; es war nichts zu besorgen.

Charlotte widersetzte sich nicht; auch sie eilte schon in Gedanken aus

diesen Umgebungen weg, nur wollte sie noch die Zimmer, die Ottilie im

Schloß bewohnt hatte, wieder für Eduarden einrichten, gerade so wie vor

der Ankunft des Hauptmanns gewesen. Die Hoffnung, ein altes Glück

wiederherzustellen, flammt immer einmal wieder in dem Menschen auf, und

Charlotte war zu solchen Hoffnungen abermals berechtigt, ja genötigt.

Die Wahlverwandtschaften · 第 50 / 55 题