Wenn sich in einem glücklichen, friedlichen Zusammenleben Verwandte,
Freunde, Hausgenossen, mehr als nötig und billig ist, von dem
unterhalten, was geschieht oder geschehen soll, wenn sie sich einander
ihre Vorsätze, Unternehmungen, Beschäftigungen wiederholt mitteilen
und, ohne gerade wechselseitigen Rat anzunehmen, doch immer das ganze
Leben gleichsam ratschlagend behandeln, so findet man dagegen in
wichtigen Momenten, eben da, wo es scheinen sollte, der Mensch bedürfe
fremden Beistandes, fremder Bestätigung am allermeisten, daß sich die
einzelnen auf sich selbst zurückziehen, jedes für sich zu handeln,
jedes auf seine Weise zu wirken strebt und, indem man sich einander die
einzelnen Mittel verbirgt, nur erst der Ausgang, die Zwecke, das
Erreichte wieder zum Gemeingut werden.
Nach so viel wundervollen und unglücklichen Ereignissen war denn auch
ein gewisser stiller Ernst über die Freundinnen gekommen, der sich in
einer liebenswürdigen Schonung äußerte. Ganz in der Stille hatte
Charlotte das Kind nach der Kapelle gesendet. Es ruhte dort als das
erste Opfer eines ahnungsvollen Verhängnisses.
Charlotte kehrte sich, soviel es ihr möglich war, gegen das Leben
zurück, und hier fand sie Ottilien zuerst, die ihres Beistandes
bedurfte. Sie beschäftigte sich vorzüglich mit ihr, ohne es jedoch
merken zu lassen. Sie wußte, wie sehr das himmlische Kind Eduarden
liebte; sie hatte nach und nach die Szene, die dem Unglück
vorhergegangen war, herausgeforscht und jeden Umstand teils von
Ottilien selbst, teils durch Briefe des Majors erfahren.
Ottilie von ihrer Seite erleichterte Charlotten sehr das
augenblickliche Leben. Sie war offen, ja gesprächig, aber niemals war
von dem Gegenwärtigen oder kurz Vergangenen die Rede. Sie hatte stets
aufgemerkt, stets beobachtet, sie wußte viel; das kam jetzt alles zum
Vorschein. Sie unterhielt, sie zerstreute Charlotten, die noch immer
die stille Hoffnung nährte, ein ihr so wertes Paar verbunden zu sehen.
Allein bei Ottilien hing es anders zusammen. Sie hatte das Geheimnis
ihres Lebensganges der Freundin entdeckt; sie war von ihrer frühen
Einschränkung, von ihrer Dienstbarkeit entbunden. Durch ihre Reue,
durch ihren Entschluß fühlte sie sich auch befreit von der Last jenes
Vergehens, jenes Mißgeschicks. Sie bedurfte keiner Gewalt mehr über
sich selbst; sie hatte sich in der Tiefe ihres Herzens nur unter der
Bedingung des völligen Entsagens verziehen, und diese Bedingung war für
alle Zukunft unerläßlich.
So verfloß einige Zeit, und Charlotte fühlte, wie sehr Haus und Park,
Seen, Felsen- und Baumgruppen nur traurige Empfindungen täglich in
ihnen beiden erneuerten. Daß man den Ort verändern müsse, war allzu
deutlich, wie es geschehen solle, nicht so leicht zu entscheiden.
Sollten die beiden Frauen zusammenbleiben? Eduards früherer Wille
schien es zu gebieten, seine Erklärung, seine Drohung es nötig zu
machen; allein wie war es zu verkennen, daß beide Frauen mit allem
guten Willen, mit aller Vernunft, mit aller Anstrengung sich in einer
peinlichen Lage nebeneinander befanden? Ihre Unterhaltungen waren
vermeidend. Manchmal mochte man gern etwas nur halb verstehen, öfters
wurde aber doch ein Ausdruck, wo nicht durch den Verstand, wenigstens
durch die Empfindung mißdeutet. Man fürchtet sich zu verletzen, und
gerade die Furcht war am ersten verletzbar und verletzte am ersten.
Wollte man den Ort verändern und sich zugleich, wenigstens auf einige
Zeit, voneinander trennen, so trat die alte Frage wieder hervor, wo
sich Ottilie hinbegeben solle. Jenes große, reiche Haus hatte
vergebliche Versuche gemacht, einer hoffnungsvollen Erbtochter
unterhaltende und wetteifernde Gespielinnen zu verschaffen. Schon bei
der letzten Anwesenheit der Baronesse und neuerlich durch Briefe war
Charlotte aufgefordert worden, Ottilien dorthin zu senden; jetzt
brachte sie es abermals zur Sprache. Ottilie verweigerte aber
ausdrücklich, dahin zu gehen, wo sie dasjenige finden würde, was man
große Welt zu nennen pflegt.
„Lassen Sie mich, liebe Tante“, sagte sie, „damit ich nicht
eingeschränkt und eigensinnig erscheine, dasjenige aussprechen, was zu
verschweigen, zu verbergen in einem andern Falle Pflicht wäre. Ein
seltsam unglücklicher Mensch, und wenn er auch schuldlos wäre, ist auf
eine fürchterliche Weise gezeichnet. Seine Gegenwart erregt in allen,
die ihn sehen, die ihn gewahr werden, eine Art von Entsetzen. Jeder
will das Ungeheure ihm ansehen, was ihm auferlegt ward; jeder ist
neugierig und ängstlich zugleich. So bleibt ein Haus, eine Stadt, worin
eine ungeheure Tat geschehen, jedem furchtbar, der sie betritt. Dort
leuchtet das Licht des Tages nicht so hell, und die Sterne scheinen
ihren Glanz zu verlieren.
Wie groß, und doch vielleicht zu entschuldigen, ist gegen solche
Unglückliche die Indiskretion der Menschen, ihre alberne
Zudringlichkeit und ungeschickte Gutmütigkeit! Verzeihen Sie mir, daß
ich so rede; aber ich habe unglaublich mit jenem armen Mädchen
gelitten, als es Luciane aus den verborgenen Zimmern des Hauses
hervorzog, sich freundlich mit ihm beschäftigte, es in der besten
Absicht zu Spiel und Tanz nötigen wollte. Als das arme Kind bange und
immer bänger zuletzt floh und in Ohnmacht sank, ich es in meine Arme
faßte, die Gesellschaft erschreckt, aufgeregt und jeder erst recht
neugierig auf die Unglückselige ward, da dachte ich nicht, daß mir ein
gleiches Schicksal bevorstehe; aber mein Mitgefühl, so wahr und
lebhaft, ist noch lebendig. Jetzt kann ich mein Mitleiden gegen mich
selbst wenden und mich hüten, daß ich nicht zu ähnlichen Auftritt Anlaß
gebe“.
„Du wirst aber, liebes Kind“, versetzte Charlotte, „dem Anblick der
Menschen dich nirgends entziehen können. Klöster haben wir nicht, in
denen sonst eine Freistatt für solche Gefühle zu finden war“.
„Die Einsamkeit macht nicht die Freistatt, liebe Tante“, versetzte
Ottilie. „Die schätzenswerteste Freistatt ist da zu suchen, wo wir
tätig sein können. Alle Büßungen, alle Entbehrungen sind keineswegs
geeignet, uns einem ahnungsvollen Geschick zu entziehen, wenn es uns zu
verfolgen entschieden ist. Nur wenn ich im müßigen Zustande der Welt
zur Schau dienen soll, dann ist sie mir widerwärtig und ängstigt mich.
Findet man mich aber freudig bei der Arbeit, unermüdet in meiner
Pflicht, dann kann ich die Blicke eines jeden aushalten, weil ich die
göttlichen nicht zu scheuen brauche“.
„Ich müßte mich sehr irren“, versetzte Charlotte, „wenn deine Neigung
dich nicht zur Pension zurückzöge“.
„Ja“, versetzte Ottilie, „ich leugne es nicht; ich denke es mir als
eine glückliche Bestimmung, andre auf dem gewöhnlichen Wege zu
erziehen, wenn wir auf dem sonderbarsten erzogen worden. Und sehen wir
nicht in der Geschichte, daß Menschen, die wegen großer sittlicher
Unfälle sich in die Wüsten zurückzogen, dort keineswegs, wie sie
hofften, verborgen und gedeckt waren? Sie wurden zurückgerufen in die
Welt, um die Verirrten auf den rechten Weg zu führen; und wer konnte es
besser als die in den Irrgängen des Lebens schon Eingeweihten! Sie
wurden berufen, den Unglücklichen beizustehen; und wer vermochte das
eher als sie, denen kein irdisches Unheil mehr begegnen konnte!“
„Du wählst eine sonderbare Bestimmung“, versetzte Charlotte. „Ich will
dir nicht widerstreben; es mag sein, wenn auch nur, wie ich hoffe, auf
kurze Zeit“.
„Wie sehr danke ich Ihnen“, sagte Ottilie, „daß Sie mir diesen Versuch,
diese Erfahrung gönnen wollen. Schmeichle ich mir nicht zu sehr, so
soll es mir glücken. An jenem Orte will ich mich erinnern, wie manche
Prüfungen ich ausgestanden und wie klein, wie nichtig sie waren gegen
die, die ich nachher erfahren mußte. Wie heiter werde ich die
Verlegenheiten der jungen Auschößlinge betrachten, bei ihren kindlichen
Schmerzen lächeln und sie mit leiser Hand aus allen kleinen Verirrungen
herausführen. Der Glückliche ist nicht geeignet, Glücklichen
vorzustehen; es liegt in der menschlichen Natur, immer mehr von sich
und von andern zu fordern, je mehr man empfangen hat. Nur der
Unglückliche, der sich erholt, weiß für sich und andere das Gefühl zu
nähren, daß auch ein mäßiges Gute mit Entzücken genossen werden soll“.
„Laß mich gegen deinen Vorsatz“, sagte Charlotte zuletzt nach einigem
Bedenken, „noch einen Einwurf anführen, der mir der wichtigste scheint.
Es ist nicht von dir, es ist von einem Dritten die Rede. Die
Gesinnungen des guten, vernünftigen, frommen Gehülfen sind dir bekannt;
auf dem Wege, den du gehst, wirst du ihm jeden Tag werter und
unentbehrlicher sein. Da er schon jetzt seinem Gefühl nach nicht gern
ohne dich leben mag, so wird er auch künftig, wenn er einmal deine
Mitwirkung gewohnt ist, ohne dich sein Geschäft nicht mehr verwalten
können. Du wirst ihm anfangs darin beistehen, um es ihm hernach zu
verleiden“.
„Das Geschick ist nicht sanft mit mir verfahren“, versetzte Ottilie,
„und wer mich liebt, hat vielleicht nicht viel Besseres zu erwarten. So
gut und verständig als der Freund ist, ebenso, hoffe ich, wird sich in
ihm auch die Empfindung eines reinen Verhältnisses zu mir entwickeln;
er wird in mir eine geweihte Person erblicken, die nur dadurch ein
ungeheures Übel für sich und andre vielleicht aufzuwiegen vermag, wenn
sie sich dem Heiligen widmet, das, uns unsichtbar umgebend, allein
gegen die ungeheuren zudringenden Mächte beschirmen kann“.
Charlotte nahm alles, was das liebe Kind so herzlich geäußert, zur
stillen Überlegung. Sie hatte verschiedentlich, obgleich auf das
leiseste, angeforscht, ob nicht eine Annäherung Ottiliens zu Eduard
denkbar sei; aber auch nur die leiseste Erwähnung, die mindeste
Hoffnung, der kleinste Verdacht schien Ottilien aufs tiefste zu rühren,
ja sie sprach sich einst, da sie es nicht umgehen konnte, hierüber ganz
deutlich aus.
„Wenn dein Entschluß“, entgegnete ihr Charlotte, „Eduarden zu entsagen,
so fest und unveränderlich ist, so hüte dich nur vor der Gefahr des
Wiedersehens. In der Entfernung von dem geliebten Gegenstande scheinen
wir, je lebhafter unsere Neigung ist, desto mehr Herr von uns selbst zu
werden, indem wir die ganze Gewalt der Leidenschaft, wie sie sich nach
außen erstreckte, nach innen wenden; aber wie bald, wie geschwind sind
wir aus diesem Irrtum gerissen, wenn dasjenige, was wir entbehren zu
können glaubten, auf einmal wieder als unentbehrlich vor unsern Augen
steht. Tue jetzt, was du deinen Zuständen am gemäßesten hältst; prüfe
dich, ja verändre lieber deinen gegenwärtigen Entschluß: aber aus dir
selbst, aus freiem, wollendem Herzen. Laß dich nicht zufällig, nicht
durch Überraschung in die vorigen Verhältnisse wieder hineinziehen;
dann gibt es erst einen Zwiespalt im Gemüt, der unerträglich ist. Wie
gesagt, ehe du diesen Schritt tust, ehe du dich von mir entfernst und
ein neues Leben anfängst, das dich wer weiß auf welche Wege leitet, so
bedenke noch einmal, ob du denn wirklich für alle Zukunft Eduarden
entsagen kannst. Hast du dich aber hierzu bestimmt, so schließen wir
einen Bund, daß du dich mit ihm nicht einlassen willst, selbst nicht in
eine Unterredung, wenn er dich aufsuchen, wenn er sich zu dir drängen
sollte“. Ottilie besann sich nicht einen Augenblick, sie gab Charlotten
das Wort, das sie sich schon selbst gegeben hatte.
Nun aber schwebte Charlotten immer noch jene Drohung Eduards vor der
Seele, daß er Ottilien nur so lange entsagen könne, als sie sich von
Charlotten nicht trennte. Es hatten sich zwar seit der Zeit die
Umstände so verändert, es war so mancherlei vorgefallen, daß jenes vom
Augenblick ihm abgedrungene Wort gegen die folgenden Ereignisse für
aufgehoben zu achten war; dennoch wollte sie auch im entferntesten
Sinne weder etwas wagen noch etwas vornehmen, das ihn verletzen könnte,
und so sollte Mittler in diesem Falle Eduards Gesinnungen erforschen.
Mittler hatte seit dem Tode des Kindes Charlotten öfters, obgleich nur
auf Augenblicke, besucht. Dieser Unfall, der ihm die Wiedervereinigung
beider Gatten höchst unwahrscheinlich machte, wirkte gewaltsam auf ihn;
aber immer nach seiner Sinnesweise hoffend und strebend, freute er sich
nun im stillen über den Entschluß Ottiliens. Er vertraute der
lindernden, vorüberziehenden Zeit, dachte noch immer die beiden Gatten
zusammenzuhalten und sah diese leidenschaftlichen Bewegungen nur als
Prüfungen ehelicher Liebe und Treue an.
Charlotte hatte gleich anfangs den Major von Ottiliens erster Erklärung
schriftlich unterrichtet, ihn auf das inständigste gebeten, Eduarden
dahin zu vermögen, daß keine weiteren Schritte geschähen, daß man sich
ruhig verhalte, daß man abwarte, ob das Gemüt des schönen Kindes sich
wieder herstelle. Auch von den spätern Ereignissen und Gesinnungen
hatte sie das Nötige mitgeteilt, und nun war freilich Mittlern die
schwierige Aufgabe übertragen, auf eine Veränderung des Zustandes
Eduarden vorzubereiten. Mittler aber, wohl wissend, daß man das
Geschehene sich eher gefallen läßt, als daß man in ein noch zu
Geschehendes einwilligt, überredete Charlotten, es sei das beste,
Ottilien gleich nach der Pension zu schicken.
Deshalb wurden, sobald er weg war, Anstalten zur Reise gemacht. Ottilie
packte zusammen, aber Charlotte sah wohl, daß sie weder das schöne
Köfferchen noch irgend etwas daraus mitzunehmen sich anschickte. Die
Freundin schwieg und ließ das schweigende Kind gewähren. Der Tag der
Abreise kam herbei; Charlottens Wagen sollte Ottilien den ersten Tag
bis in ein bekanntes Nachtquartier, den zweiten bis in die Pension
bringen; Nanny sollte sie begleiten und ihre Dienerin bleiben. Das
leidenschaftliche Mädchen hatte sich gleich nach dem Tode des Kindes
wieder an Ottilien zurückgefunden und hing nun an ihr wie sonst durch
Natur und Neigung, ja sie schien durch unterhaltende Redseligkeit das
bisher Versäumte wieder nachbringen und sich ihrer geliebten Herrin
völlig widmen zu wollen. Ganz außer sich war sie nun über das Glück,
mitzureisen, fremde Gegenden zu sehen, da sie noch niemals außer ihrem
Geburtsort gewesen, und rannte vom Schlosse ins Dorf, zu ihren Eltern,
Verwandten, um ihr Glück zu verkündigen und Abschied zu nehmen.
Unglücklicherweise traf sie dabei in die Zimmer der Maserkranken und
empfand sogleich die Folgen der Ansteckung. Man wollte die Reise nicht
aufschieben; Ottilie drang selbst darauf; sie hatte den Weg schon
gemacht, sie kannte die Wirtleute, bei denen sie einkehren sollte; der
Kutscher vom Schlosse führte sie; es war nichts zu besorgen.
Charlotte widersetzte sich nicht; auch sie eilte schon in Gedanken aus
diesen Umgebungen weg, nur wollte sie noch die Zimmer, die Ottilie im
Schloß bewohnt hatte, wieder für Eduarden einrichten, gerade so wie vor
der Ankunft des Hauptmanns gewesen. Die Hoffnung, ein altes Glück
wiederherzustellen, flammt immer einmal wieder in dem Menschen auf, und
Charlotte war zu solchen Hoffnungen abermals berechtigt, ja genötigt.