Eduard an Ottilien

„Indem du diesen Brief liesest, Geliebteste, bin ich in deiner Nähe. Du

mußt nicht erschrecken, dich nicht entsetzen; du hast von mir nichts zu

befürchten. Ich werde mich nicht zu dir drängen. Du siehst mich nicht

eher, als du es erlaubst.

Bedenke vorher deine Lage, die meinige. Wie sehr danke ich dir, daß du

keinen entscheidenden Schritt zu tun vorhast; aber bedeutend genug ist

er. Tu ihn nicht! Hier, auf einer Art von Scheideweg, überlege

nochmals: kannst du mein sein, willst du mein sein? O du erzeigst uns

allen eine große Wohltat und mir eine überschwengliche.

Laß mich dich wiedersehen, dich mit Freuden wiedersehen. Laß mich die

schöne Frage mündlich tun und beantworte sie mir mit deinem schönen

Selbst. An meine Brust, Ottilie! Hieher, wo du manchmal geruht hast und

wo du immer hingehörst!“

Indem er schrieb, ergriff ihn das Gefühl, sein Höchstersehntes nahe

sich, es werde nun gleich gegenwärtig sein. Zu dieser Türe wird sie

hereintreten, diesen Brief wird sie lesen, wirklich wird sie wie sonst

vor mir dastehen, deren Erscheinung ich mir so oft herbeisehnte. Wird

sie noch dieselbe sein? Hat sich ihre Gestalt, haben sich ihre

Gesinnungen verändert? Er hielt die Feder noch in der Hand, er wollte

schreiben, wie er dachte; aber der Wagen rollte in den Hof. Mit

flüchtiger Feder setzte er noch hinzu:“ ich höre dich kommen. Auf einen

Augenblick leb wohl!“

Er faltete den Brief, überschrieb ihn; zum Siegeln war es zu spät. Er

sprang in die Kammer, durch die er nachher auf den Gang zu gelangen

wußte, und augenblicks fiel ihm ein, daß er die Uhr mit dem Petschaft

noch auf dem Tisch gelassen. Sie sollte diese nicht zuerst sehen; er

sprang zurück und holte sie glücklich weg. Vom Vorsaal her vernahm er

schon die Wirtin, die auf das Zimmer losging, um es dem Gast

anzuweisen. Er eilte gegen die Kammertür, aber sie war zugefahren. Den

Schlüssel hatte er beim Hineinspringen heruntergeworfen, der lag

inwendig; das Schloß war zugeschnappt, und er stund gebannt. Heftig

drängte er an der Türe; sie gab nicht nach. O wie hätte er gewünscht,

als ein Geist durch die Spalten zu schlüpfen! Vergebens! Er verbarg

sein Gesicht an den Türpfosten. Ottilie trat herein, die Wirtin, als

sie ihn erblickte, zurück. Auch Ottilien konnte er nicht einen

Augenblick verborgen bleiben. Er wendete sich gegen sie, und so standen

die Liebenden abermals auf die seltsamste Weise gegeneinander. Sie sah

ihn ruhig und ernsthaft an, ohne vor- oder zurückzugehen, und als er

eine Bewegung machte, sich ihr zu nähern, trat sie einige Schritte

zurück bis an den Tisch. Auch er trat wieder zurück. „Ottilie“, rief er

aus, „laß mich das furchtbare Schweigen brechen! Sind wir nur Schatten,

die einander gegenüberstehen? Aber vor allen Dingen höre! Es ist ein

Zufall, daß du mich gleich jetzt hier findest. Neben dir liegt ein

Brief, der dich vorbereiten sollte. Lies, ich bitte dich, lies ihn! Und

dann beschließe, was du kannst“.

Sie blickte herab auf den Brief, und nach einigem Besinnen nahm sie ihn

auf, erbrach und las ihn. Ohne die Miene zu verändern, hatte sie ihn

gelesen, und so legte sie ihn leise weg; dann drückte sie die flachen,

in die Höhe gehobenen Hände zusammen, führte sie gegen die Brust, indem

sie sich nur wenig vorwärts neigte, und sah den dringend Fordernden mit

einem solchen Blick an, daß er von allem abzustehen genötigt war, was

er verlangen oder wünschen mochte. Diese Bewegung zerriß ihm das Herz.

Er konnte den Anblick, er konnte die Stellung Ottiliens nicht ertragen.

Es sah völlig aus, als würde sie in die Kniee sinken, wenn er beharrte.

Er eilte verzweifelnd zur Tür hinaus und schickte die Wirtin zu der

Einsamen.

Er ging auf dem Vorsaal auf und ab. Es war Nacht geworden, im Zimmer

blieb es stille. Endlich trat die Wirtin heraus und zog den Schlüssel

ab. Die gute Frau war gerührt, war verlegen, sie wußte nicht, was sie

tun sollte. Zuletzt im Weggehen bot sie den Schlüssel Eduarden an, der

ihn ablehnte. Sie ließ das Licht stehen und entfernte sich.

Eduard im tiefsten Kummer warf sich auf Ottiliens Schwelle, die er mit

seinen Tränen benetzte. Jammervoller brachten kaum jemals in solcher

Nähe Liebende eine Nacht zu.

Der Tag brach an; der Kutscher trieb, die Wirtin schloß auf und trat in

das Zimmer. Sie fand Ottilien angekleidet eingeschlafen, sie ging

zurück und winkte Eduarden mit einem teilnehmenden Lächeln. Beide

traten vor die Schlafende; aber auch diesen Anblick vermochte Eduard

nicht auszuhalten. Die Wirtin wagte nicht, das ruhende Kind zu wecken,

sie setzte sich gegenüber. Endlich schlug Ottilie die schönen Augen auf

und richtete sich auf ihre Füße. Sie lehnt das Frühstück ab, und nun

tritt Eduard vor sie. Er bittet sie inständig, nur ein Wort zu reden,

ihren Willen zu erklären. Er wolle allen ihren Willen, schwört er; aber

sie schweigt. Nochmals fragt er sie liebevoll und dringend, ob sie ihm

angehören wolle. Wie lieblich bewegt sie mit niedergeschlagenen Augen

ihr Haupt zu einem sanften Nein! Er fragt, ob sie nach der Pension

wolle. Gleichgültig verneint sie das. Aber als er fragt, ob er sie zu

Charlotten zurückführen dürfe, bejaht sies mit einem getrosten Neigen

des Hauptes. Er eilt ans Fenster, dem Kutscher Befehle zu geben; aber

hinter ihm weg ist sie wie der Blitz zur Stube hinaus, die Treppe hinab

in dem Wagen. Der Kutscher nimmt den Weg nach dem Schlosse zurück;

Eduard folgt zu Pferde in einiger Entfernung.

Die Wahlverwandtschaften · 第 52 / 55 题