„Indem du diesen Brief liesest, Geliebteste, bin ich in deiner Nähe. Du
mußt nicht erschrecken, dich nicht entsetzen; du hast von mir nichts zu
befürchten. Ich werde mich nicht zu dir drängen. Du siehst mich nicht
eher, als du es erlaubst.
Bedenke vorher deine Lage, die meinige. Wie sehr danke ich dir, daß du
keinen entscheidenden Schritt zu tun vorhast; aber bedeutend genug ist
er. Tu ihn nicht! Hier, auf einer Art von Scheideweg, überlege
nochmals: kannst du mein sein, willst du mein sein? O du erzeigst uns
allen eine große Wohltat und mir eine überschwengliche.
Laß mich dich wiedersehen, dich mit Freuden wiedersehen. Laß mich die
schöne Frage mündlich tun und beantworte sie mir mit deinem schönen
Selbst. An meine Brust, Ottilie! Hieher, wo du manchmal geruht hast und
wo du immer hingehörst!“
Indem er schrieb, ergriff ihn das Gefühl, sein Höchstersehntes nahe
sich, es werde nun gleich gegenwärtig sein. Zu dieser Türe wird sie
hereintreten, diesen Brief wird sie lesen, wirklich wird sie wie sonst
vor mir dastehen, deren Erscheinung ich mir so oft herbeisehnte. Wird
sie noch dieselbe sein? Hat sich ihre Gestalt, haben sich ihre
Gesinnungen verändert? Er hielt die Feder noch in der Hand, er wollte
schreiben, wie er dachte; aber der Wagen rollte in den Hof. Mit
flüchtiger Feder setzte er noch hinzu:“ ich höre dich kommen. Auf einen
Augenblick leb wohl!“
Er faltete den Brief, überschrieb ihn; zum Siegeln war es zu spät. Er
sprang in die Kammer, durch die er nachher auf den Gang zu gelangen
wußte, und augenblicks fiel ihm ein, daß er die Uhr mit dem Petschaft
noch auf dem Tisch gelassen. Sie sollte diese nicht zuerst sehen; er
sprang zurück und holte sie glücklich weg. Vom Vorsaal her vernahm er
schon die Wirtin, die auf das Zimmer losging, um es dem Gast
anzuweisen. Er eilte gegen die Kammertür, aber sie war zugefahren. Den
Schlüssel hatte er beim Hineinspringen heruntergeworfen, der lag
inwendig; das Schloß war zugeschnappt, und er stund gebannt. Heftig
drängte er an der Türe; sie gab nicht nach. O wie hätte er gewünscht,
als ein Geist durch die Spalten zu schlüpfen! Vergebens! Er verbarg
sein Gesicht an den Türpfosten. Ottilie trat herein, die Wirtin, als
sie ihn erblickte, zurück. Auch Ottilien konnte er nicht einen
Augenblick verborgen bleiben. Er wendete sich gegen sie, und so standen
die Liebenden abermals auf die seltsamste Weise gegeneinander. Sie sah
ihn ruhig und ernsthaft an, ohne vor- oder zurückzugehen, und als er
eine Bewegung machte, sich ihr zu nähern, trat sie einige Schritte
zurück bis an den Tisch. Auch er trat wieder zurück. „Ottilie“, rief er
aus, „laß mich das furchtbare Schweigen brechen! Sind wir nur Schatten,
die einander gegenüberstehen? Aber vor allen Dingen höre! Es ist ein
Zufall, daß du mich gleich jetzt hier findest. Neben dir liegt ein
Brief, der dich vorbereiten sollte. Lies, ich bitte dich, lies ihn! Und
dann beschließe, was du kannst“.
Sie blickte herab auf den Brief, und nach einigem Besinnen nahm sie ihn
auf, erbrach und las ihn. Ohne die Miene zu verändern, hatte sie ihn
gelesen, und so legte sie ihn leise weg; dann drückte sie die flachen,
in die Höhe gehobenen Hände zusammen, führte sie gegen die Brust, indem
sie sich nur wenig vorwärts neigte, und sah den dringend Fordernden mit
einem solchen Blick an, daß er von allem abzustehen genötigt war, was
er verlangen oder wünschen mochte. Diese Bewegung zerriß ihm das Herz.
Er konnte den Anblick, er konnte die Stellung Ottiliens nicht ertragen.
Es sah völlig aus, als würde sie in die Kniee sinken, wenn er beharrte.
Er eilte verzweifelnd zur Tür hinaus und schickte die Wirtin zu der
Einsamen.
Er ging auf dem Vorsaal auf und ab. Es war Nacht geworden, im Zimmer
blieb es stille. Endlich trat die Wirtin heraus und zog den Schlüssel
ab. Die gute Frau war gerührt, war verlegen, sie wußte nicht, was sie
tun sollte. Zuletzt im Weggehen bot sie den Schlüssel Eduarden an, der
ihn ablehnte. Sie ließ das Licht stehen und entfernte sich.
Eduard im tiefsten Kummer warf sich auf Ottiliens Schwelle, die er mit
seinen Tränen benetzte. Jammervoller brachten kaum jemals in solcher
Nähe Liebende eine Nacht zu.
Der Tag brach an; der Kutscher trieb, die Wirtin schloß auf und trat in
das Zimmer. Sie fand Ottilien angekleidet eingeschlafen, sie ging
zurück und winkte Eduarden mit einem teilnehmenden Lächeln. Beide
traten vor die Schlafende; aber auch diesen Anblick vermochte Eduard
nicht auszuhalten. Die Wirtin wagte nicht, das ruhende Kind zu wecken,
sie setzte sich gegenüber. Endlich schlug Ottilie die schönen Augen auf
und richtete sich auf ihre Füße. Sie lehnt das Frühstück ab, und nun
tritt Eduard vor sie. Er bittet sie inständig, nur ein Wort zu reden,
ihren Willen zu erklären. Er wolle allen ihren Willen, schwört er; aber
sie schweigt. Nochmals fragt er sie liebevoll und dringend, ob sie ihm
angehören wolle. Wie lieblich bewegt sie mit niedergeschlagenen Augen
ihr Haupt zu einem sanften Nein! Er fragt, ob sie nach der Pension
wolle. Gleichgültig verneint sie das. Aber als er fragt, ob er sie zu
Charlotten zurückführen dürfe, bejaht sies mit einem getrosten Neigen
des Hauptes. Er eilt ans Fenster, dem Kutscher Befehle zu geben; aber
hinter ihm weg ist sie wie der Blitz zur Stube hinaus, die Treppe hinab
in dem Wagen. Der Kutscher nimmt den Weg nach dem Schlosse zurück;
Eduard folgt zu Pferde in einiger Entfernung.