Sie eilt nach dem neuen Gebäude, sie ruft den Chirurgus hervor, sie
übergibt ihm das Kind. Der auf alles gefaßte Mann behandelt den zarten
Leichnam stufenweise nach gewohnter Art. Ottilie steht ihm in allem
bei; sie schafft, sie bringt, sie sorgt, zwar wie in einer andern Welt
wandelnd, denn das höchste Unglück wie das höchste Glück verändert die
Ansicht aller Gegenstände; und nur, als nach allen durchgegangenen
Versuchen der wackere Mann den Kopf schüttelt, auf ihre hoffnungsvollen
Fragen erst schweigend, dann mit einem leisen Nein antwortet, verläßt
sie das Schlafzimmer Charlottens, worin dies alles geschehen, und kaum
hat sie das Wohnzimmer betreten, so fällt sie, ohne den Sofa erreichen
zu können, erschöpft aufs Angesicht über den Teppich hin.
Eben hört man Charlotten vorfahren. Der Chirurg bittet die Umstehenden
dringend, zurückzubleiben, er will ihr entgegnen, sie vorbereiten; aber
schon betritt sie ihr Zimmer. Sie findet Ottilien an der Erde, und ein
Mädchen des Hauses stürzt ihr mit Geschrei und Weinen entgegen. Der
Chirurg tritt herein, und sie erfährt alles auf einmal. Wie sollte sie
aber jede Hoffnung mit einmal aufgeben! Der erfahrne, kunstreiche,
kluge Mann bittet sie nur, das Kind nicht zu sehen; er entfernt sich,
sie mit neuen Anstalten zu täuschen. Sie hat sich auf ihren Sofa
gesetzt, Ottilie liegt noch an der Erde, aber an der Freundin Kniee
herangehoben, über die ihr schönes Haupt hingesenkt ist. Der ärztliche
Freund geht ab und zu; er scheint sich um das Kind zu bemühen, er
bemüht sich um die Frauen. So kommt die Mitternacht herbei, die
Totenstille wird immer tiefer. Charlotte verbirgt sichs nicht mehr, daß
das Kind nie wieder ins Leben zurückkehre; sie verlangt es zu sehen.
Man hat es in warme wollne Tücher reinlich eingehüllt, in einen Korb
gelegt, den man neben sie auf den Sofa setzt; nur das Gesichtchen ist
frei; ruhig und schön liegt es da.
Von dem Unfall war das Dorf bald erregt worden und die Kunde sogleich
bis nach dem Gasthof erschollen. Der Major hatte sich die bekannten
Wege hinaufbegeben; er ging um das Haus herum, und indem er einen
Bedienten anhielt, der in dem Angebäude etwas zu holen lief,
verschaffte er sich nähere Nachricht und ließ den Chirurgen
herausrufen. Dieser kam, erstaunt über die Erscheinung seines alten
Gönners, berichtete ihm die gegenwärtige Lage und übernahm es,
Charlotten auf seinen Anblick vorzubereiten. Er ging hinein, fing ein
ableitendes Gespräch an und führte die Einbildungskraft von einem
Gegenstand auf den andern, bis er endlich den Freund Charlotten
vergegenwärtigte, dessen gewisse Teilnahme, dessen Nähe dem Geiste, der
Gesinnung nach, die er denn bald in eine wirkliche übergehen ließ.
Genug, sie erfuhr, der Freund stehe vor der Tür, er wisse alles und
wünsche eingelassen zu werden.
Der Major trat herein; ihn begrüßte Charlotte mit einem schmerzlichen
Lächeln. Er stand vor ihr. Sie hub die grünseidne Decke auf, die den
Leichnam verbarg, und bei dem dunklen Schein einer Kerze erblickte er
nicht ohne geheimes Grausen sein erstarrtes Ebenbild. Charlotte deutete
auf einen Stuhl, und so saßen sie gegeneinander über, schweigend, die
Nacht hindurch. Ottilie lag noch ruhig auf den Knieen Charlottens; sie
atmete sanft; sie schlief, oder sie schien zu schlafen.
Der Morgen dämmerte, das Licht verlosch, beide Freunde schienen aus
einem dumpfen Traum zu erwachen. Charlotte blickte den Major an und
sagte gefaßt: „erklären Sie mir, mein Freund, durch welche Schickung
kommen Sie hieher, um teil an dieser Trauerszene zu nehmen?“
„Es ist hier“, antwortete der Major ganz leise, wie sie gefragt
hatte—als wenn sie Ottilien nicht aufwecken wollten -, „es ist hier
nicht Zeit und Ort, zurückzuhalten, Einleitungen zu machen und sachte
heranzutreten. Der Fall, in dem ich Sie finde, ist so ungeheuer, daß
das Bedeutende selbst, weshalb ich komme, dagegen seinen Wert
verliert“.
Er gestand ihr darauf ganz ruhig und einfach den Zweck seiner Sendung,
insofern Eduard ihn abgeschickt hatte, den Zweck seines Kommens,
insofern sein freier Wille, sein eigenes Interesse dabei war. Er trug
beides sehr zart, doch aufrichtig vor; Charlotte hörte gelassen zu und
schien weder darüber zu staunen noch unwillig zu sein.
Als der Major geendigt hatte, antwortete Charlotte mit ganz leiser
Stimme, sodaß er genötigt war, seinen Stuhl heranzurücken: in einem
Falle, wie dieser ist, habe ich mich noch nie befunden, aber in
Ähnlichen habe ich mir immer gesagt: ‘wie wird es morgen sein?’ Ich
fühle recht wohl, daß das Los von mehreren jetzt in meinen Händen
liegt; und was ich zu tun habe, ist bei mir außer Zweifel und bald
ausgesprochen. Ich willige in die Scheidung. Ich hätte mich früher dazu
entschließen sollen; durch mein Zaudern, mein Widerstreben habe ich das
Kind getötet. Es sind gewisse Dinge, die sich das Schicksal hartnäckig
vornimmt. Vergebens, daß Vernunft und Tugend, Pflicht und alles Heilige
sich ihm in den Weg stellen: es soll etwas geschehen, was ihm recht
ist, was uns nicht recht scheint; und so greift es zuletzt durch, wir
mögen uns gebärden, wie wir wollen.
Doch was sag ich! Eigentlich will das Schicksal meinen eigenen Wunsch,
meinen eigenen Vorsatz, gegen die ich unbedachtsam gehandelt, wieder in
den Weg bringen. Habe ich nicht selbst schon Ottilien und Eduarden mir
als das schicklichste Paar zusammengedacht? Habe ich nicht selbst beide
einander zu nähern gesucht? Waren Sie nicht selbst, mein Freund,
Mitwisser dieses Plans? Und warum konnte ich den Eigensinn eines Mannes
nicht von wahrer Liebe unterscheiden? Warum nahm ich seine Hand an, da
ich als Freundin ihn und eine andre Gattin glücklich gemacht hätte? Und
betrachten Sie nur diese unglückliche Schlummernde! Ich zittere vor dem
Augenblicke, wenn sie aus ihrem halben Totenschlafe zum Bewußtsein
erwacht. Wie soll sie leben, wie soll sie sich trösten, wenn sie nicht
hoffen kann, durch ihre Liebe Eduarden das zu ersetzen, was sie ihm als
Werkzeug des wunderbarsten Zufalls geraubt hat? Und sie kann ihm alles
wiedergeben nach der Neigung, nach der Leidenschaft, mit der sie ihn
liebt. Vermag die Liebe, alles zu dulden, so vermag sie noch viel mehr,
alles zu ersetzen. An mich darf in diesem Augenblick nicht gedacht
werden.
Entfernen Sie sich in der Stille, lieber Major. Sagen Sie Eduarden, daß
ich in die Scheidung willige, daß ich ihm, Ihnen, Mittlern die ganze
Sache einzuleiten überlasse, daß ich um meine künftige Lage unbekümmert
bin und es in jedem Sinne sein kann. Ich will jedes Papier
unterschreiben, das man mir bringt; aber man verlange nur nicht von
mir, daß ich mitwirke, daß ich bedenke, daß ich berate“.
Der Major stand auf. Sie reichte ihm ihre Hand über Ottilien weg. Er
drückte seine Lippen auf diese liebe Hand. „Und für mich, was darf ich
hoffen?“ lispelte er leise.
„Lassen Sie mich Ihnen die Antwort schuldig bleiben“, versetzte
Charlotte. „Wir haben nicht verschuldet, unglücklich zu werden, aber
durch nicht verdient, zusammen glücklich zu sein“.
Der Major entfernte sich, Charlotten tief im Herzen beklagend, ohne
jedoch das arme abgeschiedene Kind bedauern zu können. Ein solches
Opfer schien ihm nötig zu ihrem allseitigen Glück. Er dachte sich
Ottilien mit einem eignen Kind auf dem Arm, als den vollkommensten
Ersatz für das, was sie Eduarden geraubt; er dachte sich einen Sohn auf
dem Schoße, der mit mehrerem Recht sein Ebenbild trüge als der
abgeschiedene.
So schmeichelnde Hoffnungen und Bilder gingen ihm durch die Seele, als
er auf dem Rückwege nach dem Gasthofe Eduarden fand, der die ganze
Nacht im Freien den Major erwartet hatte, da ihm kein Feuerzeichen,
kein Donnerlaut ein glückliches Gelingen verkünden wollte. Er wußte
bereits von dem Unglück, und auch er, anstatt das arme Geschöpf zu
bedauern, sah diesen Fall, ohne sichs ganz gestehen zu wollen, als eine
Fügung an, wodurch jedes Hindernis an seinem Glück auf einmal beseitigt
wäre. Gar leicht ließ er sich daher durch den Major bewegen, der ihm
schnell den Entschluß seiner Gattin verkündigte, wieder nach jenem
Dorfe und sodann nach der kleinen Stadt zurückzukehren, wo sie das
Nächste überlegen und einleiten wollten.
Charlotte saß, nachdem der Major sie verlassen hatte, nur wenige
Minuten in ihre Betrachtungen versenkt; denn sogleich richtete Ottilie
sich auf, ihre Freundin mit großen Augen anblickend. Erst erhob sich
von dem Schoße, dann von der Erde und stand vor Charlotten.
„Zum zweitenmal“—so begann das herrliche Kind mit einem
unüberwindlichen, anmutigen Ernst—„zum zweitenmal widerfährt mir
dasselbe. Du sagtest mir einst, es begegne den Menschen in ihrem Leben
oft ähnliches auf ähnliche Weise und immer in bedeutenden Augenblicken.
Ich finde nun die Bemerkung wahr und bin gedrungen, dir ein Bekenntnis
zu machen. Kurz nach meiner Mutter Tode, als ein kleines Kind, hatte
ich meinen Schemel an dich gerückt; du saßest auf dem Sofa wie jetzt;
mein Haupt lag auf deinen Knieen, ich schlief nicht, ich wachte nicht;
ich schlummerte. Ich vernahm alles, was um mich vorging, besonders alle
Reden sehr deutlich; und doch konnte ich mich nicht regen, mich nicht
äußern und, wenn ich auch gewollt hätte, nicht andeuten, daß ich meiner
selbst mich bewußt fühlte. Damals sprachst du mit einer Freundin über
mich; du bedauertest mein Schicksal, als eine arme Waise in der Welt
geblieben zu sein; du schildertest meine abhängige Lage und wie mißlich
es um mich stehen könne, wenn nicht ein besondrer Glücksstern über mich
walte. Ich faßte alles wohl und genau, vielleicht zu streng, was du für
mich zu wünschen, was du von mir zu fordern schienst. Ich machte mir
nach meinen beschränkten Einsichten hierüber Gesetze; nach diesen habe
ich lange gelebt, nach ihnen war mein Tun und Lassen eingerichtet zu
der Zeit, da du mich liebtest, für mich sorgtest, da du mich in dein
Haus aufnahmst, und auch noch eine Zeit hernach.
Aber ich bin aus meiner Bahn geschritten, ich habe meine Gesetze
gebrochen, ich habe sogar das Gefühl derselben verloren, und nach einem
schrecklichen Ereignis klärst du mich wieder über meinen Zustand auf,
der jammervoller ist als der erste. Auf deinem Schoße ruhend, halb
erstarrt, wie aus einer fremden Welt vernehm ich abermals deine leise
Stimme über meinem Ohr; ich vernehme, wie es mit mir selbst aussieht;
ich schaudere über mich selbst; aber wie damals habe ich auch diesmal
in meinem halben Totenschlaf mir meine neue Bahn vorgezeichnet.
Ich bin entschlossen, wie ichs war, und wozu ich entschlossen bin, mußt
du gleich erfahren. Eduards werd ich nie! Auf eine schreckliche Weise
hat Gott mir die Augen geöffnet, in welchem Verbrechen ich befangen
bin. Ich will es büßen; und niemand gedenke mich von meinem Vorsatz
abzubringen! Darnach, Liebe, Beste, nimm deine Maßregeln. Laß den Major
zurückkommen; schreibe ihm, daß keine Schritte geschehen. Wie ängstlich
war mir, daß ich mich nicht rühren und regen konnte, als er ging. Ich
wollte auffahren, aufschreien: du solltest ihn nicht mit so
frevelhaften Hoffnungen entlassen“.
Charlotte sah Ottiliens Zustand, sie empfand ihn; aber sie hoffte durch
Zeit und Vorstellungen etwas über sie zu gewinnen. Doch als sie einige
Worte aussprach, die auf eine Zukunft, auf eine Milderung des
Schmerzes, auf Hoffnung deuteten: „nein!“ rief Ottilie mit Erhebung;
„sucht mich nicht zu bewegen, nicht zu hintergehen! In dem Augenblick,
in dem ich erfahre, du habest in die Scheidung gewilligt, büße ich in
demselbigen See mein Vergehen, mein Verbrechen“.