Vierzehntes Kapitel

Sie eilt nach dem neuen Gebäude, sie ruft den Chirurgus hervor, sie

übergibt ihm das Kind. Der auf alles gefaßte Mann behandelt den zarten

Leichnam stufenweise nach gewohnter Art. Ottilie steht ihm in allem

bei; sie schafft, sie bringt, sie sorgt, zwar wie in einer andern Welt

wandelnd, denn das höchste Unglück wie das höchste Glück verändert die

Ansicht aller Gegenstände; und nur, als nach allen durchgegangenen

Versuchen der wackere Mann den Kopf schüttelt, auf ihre hoffnungsvollen

Fragen erst schweigend, dann mit einem leisen Nein antwortet, verläßt

sie das Schlafzimmer Charlottens, worin dies alles geschehen, und kaum

hat sie das Wohnzimmer betreten, so fällt sie, ohne den Sofa erreichen

zu können, erschöpft aufs Angesicht über den Teppich hin.

Eben hört man Charlotten vorfahren. Der Chirurg bittet die Umstehenden

dringend, zurückzubleiben, er will ihr entgegnen, sie vorbereiten; aber

schon betritt sie ihr Zimmer. Sie findet Ottilien an der Erde, und ein

Mädchen des Hauses stürzt ihr mit Geschrei und Weinen entgegen. Der

Chirurg tritt herein, und sie erfährt alles auf einmal. Wie sollte sie

aber jede Hoffnung mit einmal aufgeben! Der erfahrne, kunstreiche,

kluge Mann bittet sie nur, das Kind nicht zu sehen; er entfernt sich,

sie mit neuen Anstalten zu täuschen. Sie hat sich auf ihren Sofa

gesetzt, Ottilie liegt noch an der Erde, aber an der Freundin Kniee

herangehoben, über die ihr schönes Haupt hingesenkt ist. Der ärztliche

Freund geht ab und zu; er scheint sich um das Kind zu bemühen, er

bemüht sich um die Frauen. So kommt die Mitternacht herbei, die

Totenstille wird immer tiefer. Charlotte verbirgt sichs nicht mehr, daß

das Kind nie wieder ins Leben zurückkehre; sie verlangt es zu sehen.

Man hat es in warme wollne Tücher reinlich eingehüllt, in einen Korb

gelegt, den man neben sie auf den Sofa setzt; nur das Gesichtchen ist

frei; ruhig und schön liegt es da.

Von dem Unfall war das Dorf bald erregt worden und die Kunde sogleich

bis nach dem Gasthof erschollen. Der Major hatte sich die bekannten

Wege hinaufbegeben; er ging um das Haus herum, und indem er einen

Bedienten anhielt, der in dem Angebäude etwas zu holen lief,

verschaffte er sich nähere Nachricht und ließ den Chirurgen

herausrufen. Dieser kam, erstaunt über die Erscheinung seines alten

Gönners, berichtete ihm die gegenwärtige Lage und übernahm es,

Charlotten auf seinen Anblick vorzubereiten. Er ging hinein, fing ein

ableitendes Gespräch an und führte die Einbildungskraft von einem

Gegenstand auf den andern, bis er endlich den Freund Charlotten

vergegenwärtigte, dessen gewisse Teilnahme, dessen Nähe dem Geiste, der

Gesinnung nach, die er denn bald in eine wirkliche übergehen ließ.

Genug, sie erfuhr, der Freund stehe vor der Tür, er wisse alles und

wünsche eingelassen zu werden.

Der Major trat herein; ihn begrüßte Charlotte mit einem schmerzlichen

Lächeln. Er stand vor ihr. Sie hub die grünseidne Decke auf, die den

Leichnam verbarg, und bei dem dunklen Schein einer Kerze erblickte er

nicht ohne geheimes Grausen sein erstarrtes Ebenbild. Charlotte deutete

auf einen Stuhl, und so saßen sie gegeneinander über, schweigend, die

Nacht hindurch. Ottilie lag noch ruhig auf den Knieen Charlottens; sie

atmete sanft; sie schlief, oder sie schien zu schlafen.

Der Morgen dämmerte, das Licht verlosch, beide Freunde schienen aus

einem dumpfen Traum zu erwachen. Charlotte blickte den Major an und

sagte gefaßt: „erklären Sie mir, mein Freund, durch welche Schickung

kommen Sie hieher, um teil an dieser Trauerszene zu nehmen?“

„Es ist hier“, antwortete der Major ganz leise, wie sie gefragt

hatte—als wenn sie Ottilien nicht aufwecken wollten -, „es ist hier

nicht Zeit und Ort, zurückzuhalten, Einleitungen zu machen und sachte

heranzutreten. Der Fall, in dem ich Sie finde, ist so ungeheuer, daß

das Bedeutende selbst, weshalb ich komme, dagegen seinen Wert

verliert“.

Er gestand ihr darauf ganz ruhig und einfach den Zweck seiner Sendung,

insofern Eduard ihn abgeschickt hatte, den Zweck seines Kommens,

insofern sein freier Wille, sein eigenes Interesse dabei war. Er trug

beides sehr zart, doch aufrichtig vor; Charlotte hörte gelassen zu und

schien weder darüber zu staunen noch unwillig zu sein.

Als der Major geendigt hatte, antwortete Charlotte mit ganz leiser

Stimme, sodaß er genötigt war, seinen Stuhl heranzurücken: in einem

Falle, wie dieser ist, habe ich mich noch nie befunden, aber in

Ähnlichen habe ich mir immer gesagt: ‘wie wird es morgen sein?’ Ich

fühle recht wohl, daß das Los von mehreren jetzt in meinen Händen

liegt; und was ich zu tun habe, ist bei mir außer Zweifel und bald

ausgesprochen. Ich willige in die Scheidung. Ich hätte mich früher dazu

entschließen sollen; durch mein Zaudern, mein Widerstreben habe ich das

Kind getötet. Es sind gewisse Dinge, die sich das Schicksal hartnäckig

vornimmt. Vergebens, daß Vernunft und Tugend, Pflicht und alles Heilige

sich ihm in den Weg stellen: es soll etwas geschehen, was ihm recht

ist, was uns nicht recht scheint; und so greift es zuletzt durch, wir

mögen uns gebärden, wie wir wollen.

Doch was sag ich! Eigentlich will das Schicksal meinen eigenen Wunsch,

meinen eigenen Vorsatz, gegen die ich unbedachtsam gehandelt, wieder in

den Weg bringen. Habe ich nicht selbst schon Ottilien und Eduarden mir

als das schicklichste Paar zusammengedacht? Habe ich nicht selbst beide

einander zu nähern gesucht? Waren Sie nicht selbst, mein Freund,

Mitwisser dieses Plans? Und warum konnte ich den Eigensinn eines Mannes

nicht von wahrer Liebe unterscheiden? Warum nahm ich seine Hand an, da

ich als Freundin ihn und eine andre Gattin glücklich gemacht hätte? Und

betrachten Sie nur diese unglückliche Schlummernde! Ich zittere vor dem

Augenblicke, wenn sie aus ihrem halben Totenschlafe zum Bewußtsein

erwacht. Wie soll sie leben, wie soll sie sich trösten, wenn sie nicht

hoffen kann, durch ihre Liebe Eduarden das zu ersetzen, was sie ihm als

Werkzeug des wunderbarsten Zufalls geraubt hat? Und sie kann ihm alles

wiedergeben nach der Neigung, nach der Leidenschaft, mit der sie ihn

liebt. Vermag die Liebe, alles zu dulden, so vermag sie noch viel mehr,

alles zu ersetzen. An mich darf in diesem Augenblick nicht gedacht

werden.

Entfernen Sie sich in der Stille, lieber Major. Sagen Sie Eduarden, daß

ich in die Scheidung willige, daß ich ihm, Ihnen, Mittlern die ganze

Sache einzuleiten überlasse, daß ich um meine künftige Lage unbekümmert

bin und es in jedem Sinne sein kann. Ich will jedes Papier

unterschreiben, das man mir bringt; aber man verlange nur nicht von

mir, daß ich mitwirke, daß ich bedenke, daß ich berate“.

Der Major stand auf. Sie reichte ihm ihre Hand über Ottilien weg. Er

drückte seine Lippen auf diese liebe Hand. „Und für mich, was darf ich

hoffen?“ lispelte er leise.

„Lassen Sie mich Ihnen die Antwort schuldig bleiben“, versetzte

Charlotte. „Wir haben nicht verschuldet, unglücklich zu werden, aber

durch nicht verdient, zusammen glücklich zu sein“.

Der Major entfernte sich, Charlotten tief im Herzen beklagend, ohne

jedoch das arme abgeschiedene Kind bedauern zu können. Ein solches

Opfer schien ihm nötig zu ihrem allseitigen Glück. Er dachte sich

Ottilien mit einem eignen Kind auf dem Arm, als den vollkommensten

Ersatz für das, was sie Eduarden geraubt; er dachte sich einen Sohn auf

dem Schoße, der mit mehrerem Recht sein Ebenbild trüge als der

abgeschiedene.

So schmeichelnde Hoffnungen und Bilder gingen ihm durch die Seele, als

er auf dem Rückwege nach dem Gasthofe Eduarden fand, der die ganze

Nacht im Freien den Major erwartet hatte, da ihm kein Feuerzeichen,

kein Donnerlaut ein glückliches Gelingen verkünden wollte. Er wußte

bereits von dem Unglück, und auch er, anstatt das arme Geschöpf zu

bedauern, sah diesen Fall, ohne sichs ganz gestehen zu wollen, als eine

Fügung an, wodurch jedes Hindernis an seinem Glück auf einmal beseitigt

wäre. Gar leicht ließ er sich daher durch den Major bewegen, der ihm

schnell den Entschluß seiner Gattin verkündigte, wieder nach jenem

Dorfe und sodann nach der kleinen Stadt zurückzukehren, wo sie das

Nächste überlegen und einleiten wollten.

Charlotte saß, nachdem der Major sie verlassen hatte, nur wenige

Minuten in ihre Betrachtungen versenkt; denn sogleich richtete Ottilie

sich auf, ihre Freundin mit großen Augen anblickend. Erst erhob sich

von dem Schoße, dann von der Erde und stand vor Charlotten.

„Zum zweitenmal“—so begann das herrliche Kind mit einem

unüberwindlichen, anmutigen Ernst—„zum zweitenmal widerfährt mir

dasselbe. Du sagtest mir einst, es begegne den Menschen in ihrem Leben

oft ähnliches auf ähnliche Weise und immer in bedeutenden Augenblicken.

Ich finde nun die Bemerkung wahr und bin gedrungen, dir ein Bekenntnis

zu machen. Kurz nach meiner Mutter Tode, als ein kleines Kind, hatte

ich meinen Schemel an dich gerückt; du saßest auf dem Sofa wie jetzt;

mein Haupt lag auf deinen Knieen, ich schlief nicht, ich wachte nicht;

ich schlummerte. Ich vernahm alles, was um mich vorging, besonders alle

Reden sehr deutlich; und doch konnte ich mich nicht regen, mich nicht

äußern und, wenn ich auch gewollt hätte, nicht andeuten, daß ich meiner

selbst mich bewußt fühlte. Damals sprachst du mit einer Freundin über

mich; du bedauertest mein Schicksal, als eine arme Waise in der Welt

geblieben zu sein; du schildertest meine abhängige Lage und wie mißlich

es um mich stehen könne, wenn nicht ein besondrer Glücksstern über mich

walte. Ich faßte alles wohl und genau, vielleicht zu streng, was du für

mich zu wünschen, was du von mir zu fordern schienst. Ich machte mir

nach meinen beschränkten Einsichten hierüber Gesetze; nach diesen habe

ich lange gelebt, nach ihnen war mein Tun und Lassen eingerichtet zu

der Zeit, da du mich liebtest, für mich sorgtest, da du mich in dein

Haus aufnahmst, und auch noch eine Zeit hernach.

Aber ich bin aus meiner Bahn geschritten, ich habe meine Gesetze

gebrochen, ich habe sogar das Gefühl derselben verloren, und nach einem

schrecklichen Ereignis klärst du mich wieder über meinen Zustand auf,

der jammervoller ist als der erste. Auf deinem Schoße ruhend, halb

erstarrt, wie aus einer fremden Welt vernehm ich abermals deine leise

Stimme über meinem Ohr; ich vernehme, wie es mit mir selbst aussieht;

ich schaudere über mich selbst; aber wie damals habe ich auch diesmal

in meinem halben Totenschlaf mir meine neue Bahn vorgezeichnet.

Ich bin entschlossen, wie ichs war, und wozu ich entschlossen bin, mußt

du gleich erfahren. Eduards werd ich nie! Auf eine schreckliche Weise

hat Gott mir die Augen geöffnet, in welchem Verbrechen ich befangen

bin. Ich will es büßen; und niemand gedenke mich von meinem Vorsatz

abzubringen! Darnach, Liebe, Beste, nimm deine Maßregeln. Laß den Major

zurückkommen; schreibe ihm, daß keine Schritte geschehen. Wie ängstlich

war mir, daß ich mich nicht rühren und regen konnte, als er ging. Ich

wollte auffahren, aufschreien: du solltest ihn nicht mit so

frevelhaften Hoffnungen entlassen“.

Charlotte sah Ottiliens Zustand, sie empfand ihn; aber sie hoffte durch

Zeit und Vorstellungen etwas über sie zu gewinnen. Doch als sie einige

Worte aussprach, die auf eine Zukunft, auf eine Milderung des

Schmerzes, auf Hoffnung deuteten: „nein!“ rief Ottilie mit Erhebung;

„sucht mich nicht zu bewegen, nicht zu hintergehen! In dem Augenblick,

in dem ich erfahre, du habest in die Scheidung gewilligt, büße ich in

demselbigen See mein Vergehen, mein Verbrechen“.

Die Wahlverwandtschaften · 第 49 / 55 题