Dreizehntes Kapitel

Völlig fremde und gegeneinander gleichgültige Menschen, wenn sie eine

Zeitlang zusammenleben, kehren ihr Inneres wechselseitig heraus, und es

muß eine gewisse Vertraulichkeit entstehen. Um so mehr läßt sich

erwarten, daß unsern beiden Freunden, indem sie wieder nebeneinander

wohnten, täglich und stündlich zusammen umgingen, gegenseitig nichts

verborgen blieb. Sie wiederholten das Andenken ihrer früheren Zustände,

und der Major verhehlte nicht, daß Charlotte Eduarden, als er von

Reisen zurückgekommen, Ottilien zugedacht, daß sie ihm das schöne Kind

in der Folge zu vermählen gemeint habe. Eduard, bis zur Verwirrung

entzückt über diese Entdeckung, sprach ohne Rückhalt von der

gegenseitigen Neigung Charlottens und des Majors, die er, weil es ihm

gerade bequem und günstig war, mit lebhaften Farben ausmalte.

Ganz leugnen konnte der Major nicht und nicht ganz eingestehen; aber

Eduard befestigte, bestimmte sich nur mehr. Er dachte sich alles nicht

als möglich, sondern als schon geschehen. Alle Teile brauchten nur in

das zu willigen, was sie wünschten; eine Scheidung war gewiß zu

erlangen; eine baldige Verbindung sollte folgen, und Eduard wollte mit

Ottilien reisen.

Unter allem, was die Einbildungskraft sich Angenehmes ausmalt, ist

vielleicht nichts Reizenderes, als wenn Liebende, wenn junge Gatten ihr

neues, frisches Verhältnis in einer neuen, frischen Welt zu genießen

und einen dauernden Bund an soviel wechselnden Zuständen zu prüfen und

zu bestätigen hoffen. Der Major und Charlotte sollten unterdessen

unbeschränkte Vollmacht haben, alles, was sich auf Besitz, Vermögen und

die irdischen wünschenswerten Einrichtungen bezieht, dergestalt zu

ordnen und nach Recht und Billigkeit einzuleiten, daß alle Teile

zufrieden sein könnten. Worauf jedoch Eduard am allermeisten zu fußen,

wovon er sich den größten Vorteil zu versprechen schien, war dies: da

das Kind bei der Mutter bleiben sollte, so würde der Major den Knaben

erziehen, ihn nach seinen Einsichten leiten, seine Fähigkeiten

entwickeln können. Nicht umsonst hatte man ihm dann in der Taufe ihren

beiderseitigen Namen Otto gegeben.

Das alles war bei Eduarden so fertig geworden, daß er keinen Tag länger

anstehen mochte, der Ausführung näherzutreten. Sie gelangten auf ihrem

Wege nach dem Gute zu einer kleinen Stadt, in der Eduard ein Haus

besaß, wo er verweilen und die Rückkunft des Majors abwarten wollte.

Doch konnte er sich nicht überwinden, daselbst sogleich abzusteigen,

und begleitete den Freund noch durch den Ort. Sie waren beide zu

Pferde, und in bedeutendem Gespräch verwickelt ritten sie zusammen

weiter.

Auf einmal erblickten sie in der Ferne das neue Haus auf der Höhe,

dessen rote Ziegeln sie zum erstenmal blinken sahen. Eduarden ergreift

eine unwiderstehliche Sehnsucht; es soll noch diesen Abend alles

abgetan sein. In einem ganz nahen Dorfe will er sich verborgen halten;

der Major soll die Sache Charlotten dringend vorstellen, ihre Vorsicht

überraschen und durch den unerwarteten Antrag sie zu freier Eröffnung

ihrer Gesinnung nötigen. Denn Eduard, der seine Wünsche auf sie

übergetragen hatte, glaubte nicht anders, als daß er ihren

entschiedenen Wünschen entgegenkomme, und hoffte eine so schnelle

Einwilligung von ihr, weil er keinen andern Willen haben konnte.

Er sah den glücklichen Ausgang freudig vor Augen, und damit dieser dem

Lauernden schnell verkündigt würde, sollten einige Kanonenschläge

losgebrannt werden und, wäre es Nacht geworden, einige Raketen steigen.

Der Major ritt nach dem Schlosse zu. Er fand Charlotten nicht, sondern

erfuhr vielmehr, daß sie gegenwärtig oben auf dem neuen Gebäude wohne,

jetzt aber einen Besuch in der Nachbarschaft ablege, von welchem sie

heute wahrscheinlich nicht so bald nach Hause komme. Er ging in das

Wirtshaus zurück, wohin er sein Pferd gestellt hatte.

Eduard indessen, von unüberwindlicher Ungeduld getrieben, schlich aus

seinem Hinterhalte durch einsame Pfade, nur Jägern und Fischern

bekannt, nach seinem Park und fand sich gegen Abend im Gebüsch in der

Nachbarschaft des Sees, dessen Spiegel er zum erstenmal vollkommen und

rein erblickte.

Ottilie hatte diesen Nachmittag einen Spaziergang an den See gemacht.

Sie trug das Kind und las im Gehen nach ihrer Gewohnheit. So gelangte

sie zu den Eichen bei der überfahrt. Der Knabe war eingeschlafen; sie

setzte sich, legte ihn neben sich nieder und fuhr zu lesen. Das Buch

war eins von denen, die ein zartes Gemüt an sich ziehen und nicht

wieder loslassen. Sie vergaß Zeit und Stunde und dachte nicht, daß sie

zu Lande noch einen weiten Rückweg nach dem neuen Gebäude habe; aber

sie saß versenkt in ihr Buch, in sich selbst, so liebenswürdig

anzusehen, daß die Bäume, die Sträuche ringsumher hätten belebt, mit

Augen begabt sein sollen, um sie zu bewundern und sich an ihr zu

erfreuen. Und eben fiel ein rötliches Streiflicht der sinkenden Sonne

hinter ihr her und vergoldete Wange und Schulter.

Eduard, dem es bisher gelungen war, unbemerkt so weit vorzudringen, der

seinen Park leer; die Gegend einsam fand, wagte sich immer weiter.

Endlich bricht er durch das Gebüsch bei den Eichen, er sieht Ottilien,

sie ihn; er fliegt auf sie zu und liegt zu ihren Füßen. Nach einer

langen, stummen Pause, in der sich beide zu fassen suchen, erklärt er

ihr mit wenig Worten, warum und wie er hieher gekommen. Er habe den

Major an Charlotten abgesendet, ihr gemeinsames Schicksal werde

vielleicht in diesem Augenblick entschieden. Nie habe er an ihrer Liebe

gezweifelt, sie gewiß auch nie an der seinigen. Er bitte sie um ihre

Einwilligung. Sie zauderte, er beschwur sie; er wollte seine alten

Rechte geltend machen und sie in seine Arme schließen; sie deutete auf

das Kind hin.

Eduard erblickt es und staunt. „Großer Gott!“ ruft er aus, „wenn ich

Ursache hätte, an meiner Frau, an meinem Freunde zu zweifeln, so würde

diese Gestalt fürchterlich gegen sie zeugen. Ist dies nicht die Bildung

des Majors? Solch ein Gleichen habe ich nie gesehen“.

„Nicht doch!“ versetzte Ottilie; „alle Welt sagt, es gleiche mir“. „Wär

es möglich?“ versetzte Eduard, und in dem Augenblick schlug das Kind

die Augen auf, zwei große, schwarze, durchdringende Augen, tief und

freundlich. Der Knabe sah die Welt schon so verständig an; er schien

die beiden zu kennen, die vor ihm standen. Eduard warf sich bei dem

Kinde nieder, er kniete zweimal vor Ottilien. „Du bists!“ rief er aus,

„deine Augen sinds. Ach! Aber laß mich nur in die deinigen schaun. Laß

mich einen Schleier werfen über jene unselige Stunde, die diesem Wesen

das Dasein gab. Soll ich deine reine Seele mit dem unglücklichen

Gedanken erschrecken, daß Mann und Frau entfremdet sich einander ans

Herz drücken und einen gesetzlichen Bund durch lebhafte Wünsche

entheiligen können? Oder ja, da wir einmal so weit sind, da mein

Verhältnis zu Charlotten getrennt werden muß, da du die Meinige sein

wirst, warum soll ich es nicht sagen? Warum soll ich das harte Wort

nicht aussprechen: dies Kind ist aus einem doppelten Ehbruch erzeugt!

Es trennt mich von meiner Gattin und meine Gattin von mir, wie es uns

hätte verbinden sollen. Mag es denn gegen mich zeugen, mögen diese

herrlichen Augen den deinigen sagen, daß ich in den Armen einer andern

dir gehörte; mögest du fühlen, Ottilie, recht fühlen, daß ich jenen

Fehler, jenes Verbrechen nur in deinen Armen abbüßen kann!“

„Horch!“ rief er aus, indem er aufsprang und einen Schuß zu hören

glaubte, als das Zeichen, das der Major geben sollte. Es war ein Jäger,

der im benachbarten Gebirg geschossen hatte. Es erfolgte nichts weiter;

Eduard war ungeduldig.

Nun erst sah Ottilie, daß die Sonne sich hinter die Berge gesenkt

hatte. Noch zuletzt blinkte sie von den Fenstern des obern Gebäudes

zurück. „Entferne dich, Eduard!“ rief Ottilie. „O lange haben wir

entbehrt, so lange geduldet. Bedenke, was wir beide Charlotten schuldig

sind. Sie muß unser Schicksal entscheiden, laß uns ihr nicht

vorgreifen. Ich bin die Deine, wenn sie es vergönnt; wo nicht, so muß

ich dir entsagen. Da du die Entscheidung so nah glaubst, so laß uns

erwarten. Geh in das Dorf zurück, wo der Major dich vermutet. Wie

manches kann vorkommen, das eine Erklärung fordert. Ist es

wahrscheinlich, daß ein roher Kanonenschlag dir den Erfolg seiner

Unterhandlungen verkünde? Vielleicht sucht er dich auf in diesem

Augenblick. Er hat Charlotten nicht getroffen, das weiß ich; er kann

ihr entgegengegangen sein, denn man wußte, wo sie hin war. Wie

vielerlei Fälle sind möglich! Laß mich! Jetzt muß sie kommen. Sie

erwartet mich mit dem Kinde dort oben“.

Ottilie sprach in Hast. Sie rief sich alle Möglichkeiten zusammen. Sie

war glücklich in Eduards Nähe und fühlte, daß sie ihn jetzt entfernen

müsse. „Ich bitte, ich beschwöre dich, Geliebter!“ rief sie aus, „kehre

zurück und erwarte den Major!“—„Ich gehorche deinen Befehlen“, rief

Eduard, indem er sie erst leidenschaftlich anblickte und sie dann fest

in seine Arme schloß. Sie umschlang ihn mit den ihrigen und drückte ihn

auf das zärtlichste an ihre Brust. Die Hoffnung fuhr wie ein Stern, der

vom Himmel fällt, über ihre Häupter weg. Sie wähnten, sie glaubten

einander anzugehören; sie wechselten zum erstenmal entschiedene, freie

Küsse und trennten sich gewaltsam und schmerzlich.

Die Sonne war untergegangen, und es dämmerte schon und duftete feucht

um den See. Ottilie stand verwirrt und bewegt; sie sah nach dem

Berghause hinüber und glaubte Charlottens weißes Kleid auf dem Altan zu

sehen. Der Umweg war groß am See hin; sie kannte Charlottens

ungeduldiges Haaren nach dem Kinde. Die Platanen sieht sie gegen sich

über, nur ein Wasserraum trennt sie von dem Pfade, der sogleich zu dem

Gebäude hinaufführt. Mit Gedanken ist sie schon drüben wie mit den

Augen. Die Bedenklichkeit, mit dem Kinde sich aufs Wasser zu wagen,

verschwindet in diesem Drange. Sie eilt nach dem Kahn, sie fühlt nicht,

daß ihr Herz pocht, daß ihre Füße schwanken, daß ihr die Sinne zu

vergehen drohn.

Sie springt in den Kahn, ergreift das Ruder und stößt ab. Sie muß

Gewalt brauchen, sie wiederholt den Stoß, der Kahn schwankt und gleitet

eine Strecke seewärts. Auf dem linken Arme das Kind, in der linken Hand

das Buch, in der rechten das Ruder, schwankt auch sie und fällt in den

Kahn. Das Ruder entfährt ihr nach der einen Seite und, wie sie sich

erhalten will, Kind und Buch nach der andern, alles ins Wasser. Sie

ergreift noch des Kindes Gewand; aber ihre unbequeme Lage hindert sie

selbst am Aufstehen. Die freie rechte Hand ist nicht hinreichend sich

umzuwenden, sich aufzurichten; endlich gelingts, sie zieht das Kind aus

dem Wasser, aber seine Augen sind geschlossen, es hat aufgehört zu

atmen.

In dem Augenblick kehrt ihre ganze Besonnenheit zurück, aber um desto

größer ist ihr Schmerz. Der Kahn treibt fast in der Mitte des Sees, das

Ruder schwimmt fern, sie erblickt niemanden am Ufer, und auch was hätte

es ihr geholfen, jemanden zu sehen! Von allem abgesondert, schwebt sie

auf dem treulosen, unzugänglichen Elemente.

Sie sucht Hülfe bei sich selbst. So oft hatte sie von Rettung der

Ertrunkenen gehört. Noch am Abend ihres Geburtstags hatte sie es

erlebt. Sie entkleidet das Kind und trocknets mit ihrem Musselingewand.

Sie reißt ihren Busen auf und zeigt ihn zum erstenmal dem freien

Himmel; zum erstenmal drückt sie ein Lebendiges an ihre reine nackte

Brust, ach! Und kein Lebendiges. Die kalten Glieder des unglücklichen

Geschöpfs verkälten ihren Busen bis ins innerste Herz. Unendliche

Tränen entquellen ihren Augen und erteilen der Oberfläche des

Erstarrten einen Schein von Wärme und Leben. Sie läßt nicht nach, sie

überhüllt es mit ihrem Schal, und durch Streicheln, Andrücken,

Anhauchen, Küssen, Tränen glaubt sie jene Hülfsmittel zu ersetzen, die

ihr in dieser Abgeschnittenheit versagt sind.

Alles vergebens! Ohne Bewegung liegt das Kind in ihren Armen, ohne

Bewegung steht der Kahn auf der Wasserfläche; aber auch hier läßt ihr

schönes Gemüt sie nicht hülflos. Sie wendet sich nach oben. Knieend

sinkt sie in dem Kahne nieder und hebt das erstarrte Kind mit beiden

Armen über ihre unschuldige Brust, die an Weiße und leider auch an

Kälte dem Marmor gleicht. Mit feuchtem Blick sieht sie empor und ruft

Hülfe von daher, wo ein zartes Herz die größte Fülle zu finden hofft,

wenn es überall mangelt.

Auch wendet sie sich nicht vergebens zu den Sternen, die schon einzeln

hervorzublinken anfangen. Ein sanfter Wind erhebt sich und treibt den

Kahn nach dem Platanen.

Die Wahlverwandtschaften · 第 48 / 55 题