Völlig fremde und gegeneinander gleichgültige Menschen, wenn sie eine
Zeitlang zusammenleben, kehren ihr Inneres wechselseitig heraus, und es
muß eine gewisse Vertraulichkeit entstehen. Um so mehr läßt sich
erwarten, daß unsern beiden Freunden, indem sie wieder nebeneinander
wohnten, täglich und stündlich zusammen umgingen, gegenseitig nichts
verborgen blieb. Sie wiederholten das Andenken ihrer früheren Zustände,
und der Major verhehlte nicht, daß Charlotte Eduarden, als er von
Reisen zurückgekommen, Ottilien zugedacht, daß sie ihm das schöne Kind
in der Folge zu vermählen gemeint habe. Eduard, bis zur Verwirrung
entzückt über diese Entdeckung, sprach ohne Rückhalt von der
gegenseitigen Neigung Charlottens und des Majors, die er, weil es ihm
gerade bequem und günstig war, mit lebhaften Farben ausmalte.
Ganz leugnen konnte der Major nicht und nicht ganz eingestehen; aber
Eduard befestigte, bestimmte sich nur mehr. Er dachte sich alles nicht
als möglich, sondern als schon geschehen. Alle Teile brauchten nur in
das zu willigen, was sie wünschten; eine Scheidung war gewiß zu
erlangen; eine baldige Verbindung sollte folgen, und Eduard wollte mit
Ottilien reisen.
Unter allem, was die Einbildungskraft sich Angenehmes ausmalt, ist
vielleicht nichts Reizenderes, als wenn Liebende, wenn junge Gatten ihr
neues, frisches Verhältnis in einer neuen, frischen Welt zu genießen
und einen dauernden Bund an soviel wechselnden Zuständen zu prüfen und
zu bestätigen hoffen. Der Major und Charlotte sollten unterdessen
unbeschränkte Vollmacht haben, alles, was sich auf Besitz, Vermögen und
die irdischen wünschenswerten Einrichtungen bezieht, dergestalt zu
ordnen und nach Recht und Billigkeit einzuleiten, daß alle Teile
zufrieden sein könnten. Worauf jedoch Eduard am allermeisten zu fußen,
wovon er sich den größten Vorteil zu versprechen schien, war dies: da
das Kind bei der Mutter bleiben sollte, so würde der Major den Knaben
erziehen, ihn nach seinen Einsichten leiten, seine Fähigkeiten
entwickeln können. Nicht umsonst hatte man ihm dann in der Taufe ihren
beiderseitigen Namen Otto gegeben.
Das alles war bei Eduarden so fertig geworden, daß er keinen Tag länger
anstehen mochte, der Ausführung näherzutreten. Sie gelangten auf ihrem
Wege nach dem Gute zu einer kleinen Stadt, in der Eduard ein Haus
besaß, wo er verweilen und die Rückkunft des Majors abwarten wollte.
Doch konnte er sich nicht überwinden, daselbst sogleich abzusteigen,
und begleitete den Freund noch durch den Ort. Sie waren beide zu
Pferde, und in bedeutendem Gespräch verwickelt ritten sie zusammen
weiter.
Auf einmal erblickten sie in der Ferne das neue Haus auf der Höhe,
dessen rote Ziegeln sie zum erstenmal blinken sahen. Eduarden ergreift
eine unwiderstehliche Sehnsucht; es soll noch diesen Abend alles
abgetan sein. In einem ganz nahen Dorfe will er sich verborgen halten;
der Major soll die Sache Charlotten dringend vorstellen, ihre Vorsicht
überraschen und durch den unerwarteten Antrag sie zu freier Eröffnung
ihrer Gesinnung nötigen. Denn Eduard, der seine Wünsche auf sie
übergetragen hatte, glaubte nicht anders, als daß er ihren
entschiedenen Wünschen entgegenkomme, und hoffte eine so schnelle
Einwilligung von ihr, weil er keinen andern Willen haben konnte.
Er sah den glücklichen Ausgang freudig vor Augen, und damit dieser dem
Lauernden schnell verkündigt würde, sollten einige Kanonenschläge
losgebrannt werden und, wäre es Nacht geworden, einige Raketen steigen.
Der Major ritt nach dem Schlosse zu. Er fand Charlotten nicht, sondern
erfuhr vielmehr, daß sie gegenwärtig oben auf dem neuen Gebäude wohne,
jetzt aber einen Besuch in der Nachbarschaft ablege, von welchem sie
heute wahrscheinlich nicht so bald nach Hause komme. Er ging in das
Wirtshaus zurück, wohin er sein Pferd gestellt hatte.
Eduard indessen, von unüberwindlicher Ungeduld getrieben, schlich aus
seinem Hinterhalte durch einsame Pfade, nur Jägern und Fischern
bekannt, nach seinem Park und fand sich gegen Abend im Gebüsch in der
Nachbarschaft des Sees, dessen Spiegel er zum erstenmal vollkommen und
rein erblickte.
Ottilie hatte diesen Nachmittag einen Spaziergang an den See gemacht.
Sie trug das Kind und las im Gehen nach ihrer Gewohnheit. So gelangte
sie zu den Eichen bei der überfahrt. Der Knabe war eingeschlafen; sie
setzte sich, legte ihn neben sich nieder und fuhr zu lesen. Das Buch
war eins von denen, die ein zartes Gemüt an sich ziehen und nicht
wieder loslassen. Sie vergaß Zeit und Stunde und dachte nicht, daß sie
zu Lande noch einen weiten Rückweg nach dem neuen Gebäude habe; aber
sie saß versenkt in ihr Buch, in sich selbst, so liebenswürdig
anzusehen, daß die Bäume, die Sträuche ringsumher hätten belebt, mit
Augen begabt sein sollen, um sie zu bewundern und sich an ihr zu
erfreuen. Und eben fiel ein rötliches Streiflicht der sinkenden Sonne
hinter ihr her und vergoldete Wange und Schulter.
Eduard, dem es bisher gelungen war, unbemerkt so weit vorzudringen, der
seinen Park leer; die Gegend einsam fand, wagte sich immer weiter.
Endlich bricht er durch das Gebüsch bei den Eichen, er sieht Ottilien,
sie ihn; er fliegt auf sie zu und liegt zu ihren Füßen. Nach einer
langen, stummen Pause, in der sich beide zu fassen suchen, erklärt er
ihr mit wenig Worten, warum und wie er hieher gekommen. Er habe den
Major an Charlotten abgesendet, ihr gemeinsames Schicksal werde
vielleicht in diesem Augenblick entschieden. Nie habe er an ihrer Liebe
gezweifelt, sie gewiß auch nie an der seinigen. Er bitte sie um ihre
Einwilligung. Sie zauderte, er beschwur sie; er wollte seine alten
Rechte geltend machen und sie in seine Arme schließen; sie deutete auf
das Kind hin.
Eduard erblickt es und staunt. „Großer Gott!“ ruft er aus, „wenn ich
Ursache hätte, an meiner Frau, an meinem Freunde zu zweifeln, so würde
diese Gestalt fürchterlich gegen sie zeugen. Ist dies nicht die Bildung
des Majors? Solch ein Gleichen habe ich nie gesehen“.
„Nicht doch!“ versetzte Ottilie; „alle Welt sagt, es gleiche mir“. „Wär
es möglich?“ versetzte Eduard, und in dem Augenblick schlug das Kind
die Augen auf, zwei große, schwarze, durchdringende Augen, tief und
freundlich. Der Knabe sah die Welt schon so verständig an; er schien
die beiden zu kennen, die vor ihm standen. Eduard warf sich bei dem
Kinde nieder, er kniete zweimal vor Ottilien. „Du bists!“ rief er aus,
„deine Augen sinds. Ach! Aber laß mich nur in die deinigen schaun. Laß
mich einen Schleier werfen über jene unselige Stunde, die diesem Wesen
das Dasein gab. Soll ich deine reine Seele mit dem unglücklichen
Gedanken erschrecken, daß Mann und Frau entfremdet sich einander ans
Herz drücken und einen gesetzlichen Bund durch lebhafte Wünsche
entheiligen können? Oder ja, da wir einmal so weit sind, da mein
Verhältnis zu Charlotten getrennt werden muß, da du die Meinige sein
wirst, warum soll ich es nicht sagen? Warum soll ich das harte Wort
nicht aussprechen: dies Kind ist aus einem doppelten Ehbruch erzeugt!
Es trennt mich von meiner Gattin und meine Gattin von mir, wie es uns
hätte verbinden sollen. Mag es denn gegen mich zeugen, mögen diese
herrlichen Augen den deinigen sagen, daß ich in den Armen einer andern
dir gehörte; mögest du fühlen, Ottilie, recht fühlen, daß ich jenen
Fehler, jenes Verbrechen nur in deinen Armen abbüßen kann!“
„Horch!“ rief er aus, indem er aufsprang und einen Schuß zu hören
glaubte, als das Zeichen, das der Major geben sollte. Es war ein Jäger,
der im benachbarten Gebirg geschossen hatte. Es erfolgte nichts weiter;
Eduard war ungeduldig.
Nun erst sah Ottilie, daß die Sonne sich hinter die Berge gesenkt
hatte. Noch zuletzt blinkte sie von den Fenstern des obern Gebäudes
zurück. „Entferne dich, Eduard!“ rief Ottilie. „O lange haben wir
entbehrt, so lange geduldet. Bedenke, was wir beide Charlotten schuldig
sind. Sie muß unser Schicksal entscheiden, laß uns ihr nicht
vorgreifen. Ich bin die Deine, wenn sie es vergönnt; wo nicht, so muß
ich dir entsagen. Da du die Entscheidung so nah glaubst, so laß uns
erwarten. Geh in das Dorf zurück, wo der Major dich vermutet. Wie
manches kann vorkommen, das eine Erklärung fordert. Ist es
wahrscheinlich, daß ein roher Kanonenschlag dir den Erfolg seiner
Unterhandlungen verkünde? Vielleicht sucht er dich auf in diesem
Augenblick. Er hat Charlotten nicht getroffen, das weiß ich; er kann
ihr entgegengegangen sein, denn man wußte, wo sie hin war. Wie
vielerlei Fälle sind möglich! Laß mich! Jetzt muß sie kommen. Sie
erwartet mich mit dem Kinde dort oben“.
Ottilie sprach in Hast. Sie rief sich alle Möglichkeiten zusammen. Sie
war glücklich in Eduards Nähe und fühlte, daß sie ihn jetzt entfernen
müsse. „Ich bitte, ich beschwöre dich, Geliebter!“ rief sie aus, „kehre
zurück und erwarte den Major!“—„Ich gehorche deinen Befehlen“, rief
Eduard, indem er sie erst leidenschaftlich anblickte und sie dann fest
in seine Arme schloß. Sie umschlang ihn mit den ihrigen und drückte ihn
auf das zärtlichste an ihre Brust. Die Hoffnung fuhr wie ein Stern, der
vom Himmel fällt, über ihre Häupter weg. Sie wähnten, sie glaubten
einander anzugehören; sie wechselten zum erstenmal entschiedene, freie
Küsse und trennten sich gewaltsam und schmerzlich.
Die Sonne war untergegangen, und es dämmerte schon und duftete feucht
um den See. Ottilie stand verwirrt und bewegt; sie sah nach dem
Berghause hinüber und glaubte Charlottens weißes Kleid auf dem Altan zu
sehen. Der Umweg war groß am See hin; sie kannte Charlottens
ungeduldiges Haaren nach dem Kinde. Die Platanen sieht sie gegen sich
über, nur ein Wasserraum trennt sie von dem Pfade, der sogleich zu dem
Gebäude hinaufführt. Mit Gedanken ist sie schon drüben wie mit den
Augen. Die Bedenklichkeit, mit dem Kinde sich aufs Wasser zu wagen,
verschwindet in diesem Drange. Sie eilt nach dem Kahn, sie fühlt nicht,
daß ihr Herz pocht, daß ihre Füße schwanken, daß ihr die Sinne zu
vergehen drohn.
Sie springt in den Kahn, ergreift das Ruder und stößt ab. Sie muß
Gewalt brauchen, sie wiederholt den Stoß, der Kahn schwankt und gleitet
eine Strecke seewärts. Auf dem linken Arme das Kind, in der linken Hand
das Buch, in der rechten das Ruder, schwankt auch sie und fällt in den
Kahn. Das Ruder entfährt ihr nach der einen Seite und, wie sie sich
erhalten will, Kind und Buch nach der andern, alles ins Wasser. Sie
ergreift noch des Kindes Gewand; aber ihre unbequeme Lage hindert sie
selbst am Aufstehen. Die freie rechte Hand ist nicht hinreichend sich
umzuwenden, sich aufzurichten; endlich gelingts, sie zieht das Kind aus
dem Wasser, aber seine Augen sind geschlossen, es hat aufgehört zu
atmen.
In dem Augenblick kehrt ihre ganze Besonnenheit zurück, aber um desto
größer ist ihr Schmerz. Der Kahn treibt fast in der Mitte des Sees, das
Ruder schwimmt fern, sie erblickt niemanden am Ufer, und auch was hätte
es ihr geholfen, jemanden zu sehen! Von allem abgesondert, schwebt sie
auf dem treulosen, unzugänglichen Elemente.
Sie sucht Hülfe bei sich selbst. So oft hatte sie von Rettung der
Ertrunkenen gehört. Noch am Abend ihres Geburtstags hatte sie es
erlebt. Sie entkleidet das Kind und trocknets mit ihrem Musselingewand.
Sie reißt ihren Busen auf und zeigt ihn zum erstenmal dem freien
Himmel; zum erstenmal drückt sie ein Lebendiges an ihre reine nackte
Brust, ach! Und kein Lebendiges. Die kalten Glieder des unglücklichen
Geschöpfs verkälten ihren Busen bis ins innerste Herz. Unendliche
Tränen entquellen ihren Augen und erteilen der Oberfläche des
Erstarrten einen Schein von Wärme und Leben. Sie läßt nicht nach, sie
überhüllt es mit ihrem Schal, und durch Streicheln, Andrücken,
Anhauchen, Küssen, Tränen glaubt sie jene Hülfsmittel zu ersetzen, die
ihr in dieser Abgeschnittenheit versagt sind.
Alles vergebens! Ohne Bewegung liegt das Kind in ihren Armen, ohne
Bewegung steht der Kahn auf der Wasserfläche; aber auch hier läßt ihr
schönes Gemüt sie nicht hülflos. Sie wendet sich nach oben. Knieend
sinkt sie in dem Kahne nieder und hebt das erstarrte Kind mit beiden
Armen über ihre unschuldige Brust, die an Weiße und leider auch an
Kälte dem Marmor gleicht. Mit feuchtem Blick sieht sie empor und ruft
Hülfe von daher, wo ein zartes Herz die größte Fülle zu finden hofft,
wenn es überall mangelt.
Auch wendet sie sich nicht vergebens zu den Sternen, die schon einzeln
hervorzublinken anfangen. Ein sanfter Wind erhebt sich und treibt den
Kahn nach dem Platanen.