Zwölftes Kapitel

Der Hauptzweck des Feldzugs war erreicht und Eduard, mit Ehrenzeichen

geschmückt, rühmlich entlassen. Er begab sich sogleich wieder auf jenes

kleine Gut, wo er genaue Nachrichten von den Seinigen fand, die er,

ohne daß sie es bemerkten und wußten, scharf hatte beobachten lassen.

Sein stiller Aufenthalt blickte ihm aufs freundlichste entgegen; denn

man hatte indessen nach seiner Anordnung manches eingerichtet,

gebessert und gefördert, sodaß die Anlagen und Umgebungen, was ihnen an

Weite und Breite fehlte, durch das Innere und zunächst Genießbare

ersetzten.

Eduard, durch einen raschen Lebensgang an entschiedenere Schritte

gewöhnt, nahm sich nunmehr vor, dasjenige auszuführen, was er lange

genug zu überdenken Zeit gehabt hatte. Vor allen Dingen berief er den

Major. Die Freude des Wiedersehens war groß. Jugendfreundschaften wie

Blutsverwandtschaften haben den bedeutenden Vorteil, daß ihnen Irrungen

und Mißverständnisse, von welcher Art sie auch seien, niemals von Grund

aus schaden und die alten Verhältnisse sich nach einiger Zeit

wiederherstellen.

Zum frohen Empfang erkundigte sich Eduard nach dem Zustande des

Freundes und vernahm, wie vollkommen nach seinen Wünschen ihn das Glück

begünstigt habe. Halb scherzend vertraulich fragte Eduard sodann, ob

nicht auch eine schöne Verbindung im Werke sei. Der Freund verneinte es

mit bedeutendem Ernst.

„Ich kann und darf nicht hinterhaltig sein“, fuhr Eduard fort; „ich muß

dir meine Gesinnungen und Vorsätze sogleich entdecken. Du kennst meine

Leidenschaft für Ottilien und hast längst begriffen, daß sie es ist,

die mich in diesen Feldzug gestürzt hat. Ich leugne nicht, daß ich

gewünscht hatte, ein Leben loszuwerden, das mir ohne sie nichts weiter

nütze war; allein zugleich muß ich dir gestehen, daß ich es nicht über

mich gewinnen konnte, vollkommen zu verzweifeln. Das Glück mit ihr war

so schön, so wünschenswert, daß es mir unmöglich blieb, völlig Verzicht

darauf zu tun. So manche tröstliche Ahnung, so manches heitere Zeichen

hatte mich in dem Glauben, in dem Wahn bestärkt, Ottilie könne die

Meine werden. Ein Glas mit unserm Namenszug bezeichnet, bei der

Grundsteinlegung in die Lüfte geworfen, ging nicht zu Trümmern; es ward

aufgefangen und ist wieder in meinen Händen. ‘So will ich mich denn

selbst’, rief ich mir zu, als ich an diesem einsamen Orte soviel

zweifelhafte Stunden verlebt hatte, ‘mich selbst will ich an die Stelle

des Glases zum Zeichen machen, ob unsre Verbindung möglich sei oder

nicht. Ich gehe hin und suche den Tod, nicht als ein Rasender, sondern

als einer, der zu leben hofft. Ottilie soll der Preis sein, um den ich

kämpfe; sie soll es sein, die ich hinter jeder feindlichen

Schlachtordnung, in jeder Verschanzung, in jeder belagerten Festung zu

gewinnen, zu erobern hoffe. Ich will Wunder tun mit dem Wunsche,

verschont zu bleiben, im Sinne, Ottilien zu gewinnen, nicht sie zu

verlieren’. Diese Gefühle haben mich geleitet, sie haben mir durch alle

Gefahren beigestanden; aber nun finde ich mich auch wie einen, der zu

seinem Ziele gelangt ist, der alle Hindernisse überwunden hat, dem nun

nichts mehr im Wege steht. Ottilie ist mein, und was noch zwischen

diesem Gedanken und der Ausführung liegt, kann ich nur für nichts

bedeutend ansehen“.

„Du löschest“, versetzte der Major, „mit wenig Zügen alles aus, was man

dir entgegensetzen könnte und sollte; und doch muß es wiederholt

werden. Das Verhältnis zu deiner Frau in seinem ganzen Werte dir

zurückzurufen, überlasse ich dir selbst; aber du bist es ihr, du bist

es dir schuldig, dich hierüber nicht zu verdunkeln. Wie kann ich aber

nur gedenken, daß euch ein Sohn gegeben ist, ohne zugleich

auszusprechen, daß ihr einander auf immer angehört, daß ihr um dieses

Wesens willen schuldig seid, vereint zu leben, damit ihr vereint für

seine Erziehung und für sein künftiges Wohl sorgen möget“.

„Es ist bloß ein Dünkel der Eltern“, versetzte Eduard, „wenn sie sich

einbilden, daß ihr Dasein für die Kinder so nötig sei. Alles, was lebt,

findet Nahrung und Beihülfe; und wenn der Sohn nach dem frühen Tode des

Vaters keine so bequeme, so begünstigte Jugend hat, so gewinnt er

vielleicht ebendeswegen an schnellerer Bildung für die Welt, durch

zeitiges Anerkennen, daß er sich in andere schicken muß, was wir denn

doch früher oder später alle lernen müssen. Und hievon ist ja die Rede

gar nicht: wir sind reich genug, um mehrere Kinder zu versorgen, und es

ist keineswegs Pflicht noch Wohltat, auf Ein Haupt so viele Güter zu

häufen“.

Als der Major mit einigen Zügen Charlottens Wert und Eduards lange

bestandenes Verhältnis zu ihr anzudeuten gedachte, fiel ihm Eduard

hastig in die Rede: „wir haben eine Torheit begangen, die ich nur

allzuwohl einsehe. Wer in einem gewissen Alter frühere Jugendwünsche

und Hoffnungen realisieren will, betriegt sich immer; denn jedes

Jahrzehnt des Menschen hat sein eigenes Glück, seine eigenen Hoffnungen

und Aussichten. Wehe dem Menschen, der vorwärts oder rückwärts zu

greifen durch Umstände oder durch Wahn veranlaßt wird! Wir haben eine

Torheit begangen; soll sie es denn fürs ganze Leben sein? Sollen wir

uns aus irgendeiner Art von Bedenklichkeit dasjenige versagen, was uns

die Sitten der Zeit nicht absprechen? In wie vielen Dingen nimmt der

Mensch seinen Vorsatz, seine Tat zurück, und hier gerade sollte es

nicht geschehen, wo vom Ganzen und nicht vom Einzelnen, wo nicht von

dieser oder jener Bedingung des Lebens, wo vom ganzen Komplex des

Lebens die Rede ist!“

Der Major verfehlte nicht, auf eine ebenso geschickte als

nachdrückliche Weise Eduarden die verschiedenen Bezüge zu seiner

Gemahlin, zu den Familien, zu der Welt, zu seinen Besitzungen

vorzustellen; aber es gelang ihm nicht, irgendeine Teilnahme zu

erregen.

„Alles dieses, mein Freund“, erwiderte Eduard, „ist mir vor der Seele

vorbeigegangen, mitten im Gewühl der Schlacht, wenn die Erde vom

anhaltenden Donner bebte, wenn die Kugeln sausten und pfiffen, rechts

und links die Gefährten niederfielen, mein Pferd getroffen, mein Hut

durchlöchert ward; es hat mir vorgeschwebt beim stillen nächtlichen

Feuer unter dem gestirnten Gewölbe des Himmels. Dann traten mir alle

meine Verbindungen vor die Seele; ich habe sie durchgedacht,

durchgefühlt; ich habe mir zugeeignet, ich habe mich abgefunden, zu

wiederholten Malen, und nun für immer.

In solchen Augenblicken, wie kann ich dirs verschweigen, warst auch du

mir gegenwärtig, auch du gehörtest in meinen Kreis; und gehören wir

denn nicht schon lange zueinander? Wenn ich dir etwas schluldig

geworden, so komme ich jetzt in den Fall, dir es mit Zinsen abzutragen;

wenn du mir je etwas schuldig geworden, so siehst du dich nun imstande,

mir es zu vergelten. Ich weiß, du liebst Charlotten, und sie verdient

es; ich weiß, du bist ihr nicht gleichgültig, und warum sollte sie

deinen Wert nicht erkennen! Nimm sie von meiner Hand, führe mir

Ottilien zu! Und wir sind die glücklichsten Menschen auf der Erde“.

„Eben weil du mich mit so hohen Gaben bestechen willst“, versetzte der

Major, „muß ich desto vorsichtiger, desto strenger sein. Anstatt daß

dieser Vorschlag, den ich still verehre, die Sache erleichtern möchte,

erschwert er sie vielmehr. Es ist, wie von dir, nun auch von mir die

Rede, und so wie von dem Schicksal, so auch von dem guten Namen, von

der Ehre zweier Männer, die, bis jetzt unbescholten, durch diese

wunderliche Handlung, wenn wir sie auch nicht anders nennen wollen, in

Gefahr kommen, vor der Welt in einem höchst seltsamen Lichte zu

erscheinen“.

„Eben daß wir unbescholten sind“, versetzte Eduard, „gibt uns das

Recht, uns auch einmal schelten zu lassen. Wer sich sein ganzes Leben

als einen zuverlässigen Mann bewiesen, der macht eine Handlung

zuverlässig, die bei andern zweideutig erscheinen würde. Was mich

betrifft, ich fühle mich durch die letzten Prüfungen, die ich mir

auferlegt, durch die schwierigen, gefahrvollen Taten, die ich für

andere getan, berechtigt, auch etwas für mich zu tun. Was dich und

Charlotten betrifft, so sei es der Zukunft anheimgegeben; mich aber

wirst du, wird niemand von meinem Vorsatze zurückhalten. Will man mir

die Hand bieten, so bin ich auch wieder zu allem erbötig; will man mich

mir selbst überlassen oder mir wohl gar entgegen sein, so muß ein

Extrem entstehen, es werde auch, wie es wolle“.

Der Major hielt es für seine Pflicht, dem Vorsatz Eduards solange als

möglich Widerstand zu leisten, und er bediente sich nun gegen seinen

Freund einer klugen Wendung, indem er nachzugeben schien und nur die

Form, den Geschäftsgang zur Sprache brachte, durch welchen man diese

Trennung, diese Verbindungen erreichen sollte. Da trat denn so manches

Unerfreuliche, Beschwerliche, Unschickliche hervor, daß sich Eduard in

die schlimmste Laune versetzt fühlte.

„Ich sehe wohl“, rief dieser endlich, „nicht allein von Feinden,

sondern auch von Freunden muß, was man wünscht, erstürmt werden. Das,

was ich will, was mir unentbehrlich ist, halte ich fest im Auge; ich

werde es ergreifen und gewiß bald und behende. Dergleichen

Verhältnisse, weiß ich wohl, heben sich nicht auf und bilden sich

nicht, ohne daß manches falle, was steht, ohne daß manches weiche, was

zu beharren Lust hat. Durch Überlegung wird so etwas nicht geendet; vor

dem Verstande sind alle Rechte gleich, und auf die steigende Waagschale

läßt sich immer wieder ein Gegengewicht legen. Entschließe dich also,

mein Freund, für mich, für dich zu handeln, für mich, für dich diese

Zustände zu entwirren, aufzulösen, zu verknüpfen! Laß dich durch keine

Betrachtungen abhalten; wir haben die Welt ohnehin schon von uns reden

machen; sie wird noch einmal von uns reden, uns sodann, wie alles

übrige, was aufhört neu zu sein, vergessen und uns gewähren lassen, wie

wir können, ohne weitern Teil an uns zu nehmen“.

Der Major hatte keinen andern Ausweg und mußte endlich zugeben, daß

Eduard ein für allemal die Sache als etwas Bekanntes und

Vorausgesetztes behandelte, daß er, wie alles anzustellen sei, im

einzelnen durchsprach und sich über die Zukunft auf das heiterste,

sogar in Scherzen erging.

Dann wieder ernsthaft und nachdenklich fuhr er fort: „wollten wir uns

der Hoffnung, der Erwartung überlassen, daß alles sich von selbst

wieder finden, daß der Zufall uns leiten und begünstigen solle, so wäre

dies ein sträflicher Selbstbetrug. Auf diese Weise können wir uns

unmöglich retten, unsre allseitige Ruhe nicht wiederherstellen; und wie

sollte ich trösten können, da ich unschuldig die Schuld an allem bin!

Durch meine Zudringlichkeit habe ich Charlotten vermocht, dich ins Haus

zu nehmen, und auch Ottilie ist nur in Gefolg von dieser Veränderung

bei uns eingetreten. Wir sind nicht mehr Herr über das, was daraus

entsprungen ist, aber wir sind Herr, es unschädlich zu machen, die

Verhältnisse zu unserm Glücke zu leiten. Magst du die Augen von den

schönen und freundlichen Aussichten abwenden, die ich uns eröffne,

magst du mir, magst du uns allen ein trauriges Entsagen gebieten,

insofern du dirs möglich denkst, insofern es möglich wäre: ist denn

nicht auch alsdann, wenn wir uns vornehmen, in die alten Zustände

zurückzukehren, manches Unschickliche, Unbequeme, Verdrießliche zu

übertragen, ohne daß irgend etwas Gutes, etwas Heiteres daraus

entspränge? Würde der glückliche Zustand, in dem du dich befindest, dir

wohl Freude machen, wenn du gehindert wärst, mich zu besuchen, mit mir

zu leben? Und nach dem, was vorgegangen ist, würde es doch immer

peinlich sein. Charlotte und ich würden mit allem unserm Vermögen uns

nur in einer traurigen Lage befinden. Und wenn du mit andern

Weltmenschen glauben magst, daß Jahre, daß Entfernung solche

Empfindungen abstumpfen, so tief eingegrabene Züge auslöschen, so ist

ja eben von diesen Jahren die Rede, die man nicht in Schmerz und

Entbehren, sondern in Freude und Behagen zubringen will. Und nun

zuletzt noch das Wichtigste auszusprechen: wenn wir auch unserm äußern

und innern Zustande nach das allenfalls abwarten könnten, was soll aus

Ottilien werden, die unser Haus verlassen, in der Gesellschaft unserer

Vorsorge entbehren und sich in der verruchten, kalten Welt jämmerlich

herumdrücken müßte! Male mir einen Zustand, worin Ottilie ohne mich,

ohne uns glücklich sein könnte, dann sollst du ein Argument

ausgesprochen haben, das stärker ist als jedes andre, das ich, wenn

ichs auch nicht zugeben, mich ihm nicht ergeben kann, dennoch recht

gern aufs neue in Betrachtung und Überlegung ziehen will“.

Diese Aufgabe war so leicht nicht zu lösen, wenigstens fiel dem Freunde

hierauf keine hinlängliche Antwort ein, und es blieb ihm nichts übrig,

als wiederholt einzuschärfen, wie wichtig, wie bedenklich und in

manchem Sinne gefährlich das ganze Unternehmen sei, und daß man

wenigstens, wie es anzugreifen wäre, auf das ernstlichste zu bedenken

habe. Eduard ließ sichs gefallen, doch nur unter der Bedingung, daß ihn

der Freund nicht eher verlassen wolle, als bis sie über die Sache

völlig einig geworden und die ersten Schritte getan seien.

Die Wahlverwandtschaften · 第 47 / 55 题