Der Hauptzweck des Feldzugs war erreicht und Eduard, mit Ehrenzeichen
geschmückt, rühmlich entlassen. Er begab sich sogleich wieder auf jenes
kleine Gut, wo er genaue Nachrichten von den Seinigen fand, die er,
ohne daß sie es bemerkten und wußten, scharf hatte beobachten lassen.
Sein stiller Aufenthalt blickte ihm aufs freundlichste entgegen; denn
man hatte indessen nach seiner Anordnung manches eingerichtet,
gebessert und gefördert, sodaß die Anlagen und Umgebungen, was ihnen an
Weite und Breite fehlte, durch das Innere und zunächst Genießbare
ersetzten.
Eduard, durch einen raschen Lebensgang an entschiedenere Schritte
gewöhnt, nahm sich nunmehr vor, dasjenige auszuführen, was er lange
genug zu überdenken Zeit gehabt hatte. Vor allen Dingen berief er den
Major. Die Freude des Wiedersehens war groß. Jugendfreundschaften wie
Blutsverwandtschaften haben den bedeutenden Vorteil, daß ihnen Irrungen
und Mißverständnisse, von welcher Art sie auch seien, niemals von Grund
aus schaden und die alten Verhältnisse sich nach einiger Zeit
wiederherstellen.
Zum frohen Empfang erkundigte sich Eduard nach dem Zustande des
Freundes und vernahm, wie vollkommen nach seinen Wünschen ihn das Glück
begünstigt habe. Halb scherzend vertraulich fragte Eduard sodann, ob
nicht auch eine schöne Verbindung im Werke sei. Der Freund verneinte es
mit bedeutendem Ernst.
„Ich kann und darf nicht hinterhaltig sein“, fuhr Eduard fort; „ich muß
dir meine Gesinnungen und Vorsätze sogleich entdecken. Du kennst meine
Leidenschaft für Ottilien und hast längst begriffen, daß sie es ist,
die mich in diesen Feldzug gestürzt hat. Ich leugne nicht, daß ich
gewünscht hatte, ein Leben loszuwerden, das mir ohne sie nichts weiter
nütze war; allein zugleich muß ich dir gestehen, daß ich es nicht über
mich gewinnen konnte, vollkommen zu verzweifeln. Das Glück mit ihr war
so schön, so wünschenswert, daß es mir unmöglich blieb, völlig Verzicht
darauf zu tun. So manche tröstliche Ahnung, so manches heitere Zeichen
hatte mich in dem Glauben, in dem Wahn bestärkt, Ottilie könne die
Meine werden. Ein Glas mit unserm Namenszug bezeichnet, bei der
Grundsteinlegung in die Lüfte geworfen, ging nicht zu Trümmern; es ward
aufgefangen und ist wieder in meinen Händen. ‘So will ich mich denn
selbst’, rief ich mir zu, als ich an diesem einsamen Orte soviel
zweifelhafte Stunden verlebt hatte, ‘mich selbst will ich an die Stelle
des Glases zum Zeichen machen, ob unsre Verbindung möglich sei oder
nicht. Ich gehe hin und suche den Tod, nicht als ein Rasender, sondern
als einer, der zu leben hofft. Ottilie soll der Preis sein, um den ich
kämpfe; sie soll es sein, die ich hinter jeder feindlichen
Schlachtordnung, in jeder Verschanzung, in jeder belagerten Festung zu
gewinnen, zu erobern hoffe. Ich will Wunder tun mit dem Wunsche,
verschont zu bleiben, im Sinne, Ottilien zu gewinnen, nicht sie zu
verlieren’. Diese Gefühle haben mich geleitet, sie haben mir durch alle
Gefahren beigestanden; aber nun finde ich mich auch wie einen, der zu
seinem Ziele gelangt ist, der alle Hindernisse überwunden hat, dem nun
nichts mehr im Wege steht. Ottilie ist mein, und was noch zwischen
diesem Gedanken und der Ausführung liegt, kann ich nur für nichts
bedeutend ansehen“.
„Du löschest“, versetzte der Major, „mit wenig Zügen alles aus, was man
dir entgegensetzen könnte und sollte; und doch muß es wiederholt
werden. Das Verhältnis zu deiner Frau in seinem ganzen Werte dir
zurückzurufen, überlasse ich dir selbst; aber du bist es ihr, du bist
es dir schuldig, dich hierüber nicht zu verdunkeln. Wie kann ich aber
nur gedenken, daß euch ein Sohn gegeben ist, ohne zugleich
auszusprechen, daß ihr einander auf immer angehört, daß ihr um dieses
Wesens willen schuldig seid, vereint zu leben, damit ihr vereint für
seine Erziehung und für sein künftiges Wohl sorgen möget“.
„Es ist bloß ein Dünkel der Eltern“, versetzte Eduard, „wenn sie sich
einbilden, daß ihr Dasein für die Kinder so nötig sei. Alles, was lebt,
findet Nahrung und Beihülfe; und wenn der Sohn nach dem frühen Tode des
Vaters keine so bequeme, so begünstigte Jugend hat, so gewinnt er
vielleicht ebendeswegen an schnellerer Bildung für die Welt, durch
zeitiges Anerkennen, daß er sich in andere schicken muß, was wir denn
doch früher oder später alle lernen müssen. Und hievon ist ja die Rede
gar nicht: wir sind reich genug, um mehrere Kinder zu versorgen, und es
ist keineswegs Pflicht noch Wohltat, auf Ein Haupt so viele Güter zu
häufen“.
Als der Major mit einigen Zügen Charlottens Wert und Eduards lange
bestandenes Verhältnis zu ihr anzudeuten gedachte, fiel ihm Eduard
hastig in die Rede: „wir haben eine Torheit begangen, die ich nur
allzuwohl einsehe. Wer in einem gewissen Alter frühere Jugendwünsche
und Hoffnungen realisieren will, betriegt sich immer; denn jedes
Jahrzehnt des Menschen hat sein eigenes Glück, seine eigenen Hoffnungen
und Aussichten. Wehe dem Menschen, der vorwärts oder rückwärts zu
greifen durch Umstände oder durch Wahn veranlaßt wird! Wir haben eine
Torheit begangen; soll sie es denn fürs ganze Leben sein? Sollen wir
uns aus irgendeiner Art von Bedenklichkeit dasjenige versagen, was uns
die Sitten der Zeit nicht absprechen? In wie vielen Dingen nimmt der
Mensch seinen Vorsatz, seine Tat zurück, und hier gerade sollte es
nicht geschehen, wo vom Ganzen und nicht vom Einzelnen, wo nicht von
dieser oder jener Bedingung des Lebens, wo vom ganzen Komplex des
Lebens die Rede ist!“
Der Major verfehlte nicht, auf eine ebenso geschickte als
nachdrückliche Weise Eduarden die verschiedenen Bezüge zu seiner
Gemahlin, zu den Familien, zu der Welt, zu seinen Besitzungen
vorzustellen; aber es gelang ihm nicht, irgendeine Teilnahme zu
erregen.
„Alles dieses, mein Freund“, erwiderte Eduard, „ist mir vor der Seele
vorbeigegangen, mitten im Gewühl der Schlacht, wenn die Erde vom
anhaltenden Donner bebte, wenn die Kugeln sausten und pfiffen, rechts
und links die Gefährten niederfielen, mein Pferd getroffen, mein Hut
durchlöchert ward; es hat mir vorgeschwebt beim stillen nächtlichen
Feuer unter dem gestirnten Gewölbe des Himmels. Dann traten mir alle
meine Verbindungen vor die Seele; ich habe sie durchgedacht,
durchgefühlt; ich habe mir zugeeignet, ich habe mich abgefunden, zu
wiederholten Malen, und nun für immer.
In solchen Augenblicken, wie kann ich dirs verschweigen, warst auch du
mir gegenwärtig, auch du gehörtest in meinen Kreis; und gehören wir
denn nicht schon lange zueinander? Wenn ich dir etwas schluldig
geworden, so komme ich jetzt in den Fall, dir es mit Zinsen abzutragen;
wenn du mir je etwas schuldig geworden, so siehst du dich nun imstande,
mir es zu vergelten. Ich weiß, du liebst Charlotten, und sie verdient
es; ich weiß, du bist ihr nicht gleichgültig, und warum sollte sie
deinen Wert nicht erkennen! Nimm sie von meiner Hand, führe mir
Ottilien zu! Und wir sind die glücklichsten Menschen auf der Erde“.
„Eben weil du mich mit so hohen Gaben bestechen willst“, versetzte der
Major, „muß ich desto vorsichtiger, desto strenger sein. Anstatt daß
dieser Vorschlag, den ich still verehre, die Sache erleichtern möchte,
erschwert er sie vielmehr. Es ist, wie von dir, nun auch von mir die
Rede, und so wie von dem Schicksal, so auch von dem guten Namen, von
der Ehre zweier Männer, die, bis jetzt unbescholten, durch diese
wunderliche Handlung, wenn wir sie auch nicht anders nennen wollen, in
Gefahr kommen, vor der Welt in einem höchst seltsamen Lichte zu
erscheinen“.
„Eben daß wir unbescholten sind“, versetzte Eduard, „gibt uns das
Recht, uns auch einmal schelten zu lassen. Wer sich sein ganzes Leben
als einen zuverlässigen Mann bewiesen, der macht eine Handlung
zuverlässig, die bei andern zweideutig erscheinen würde. Was mich
betrifft, ich fühle mich durch die letzten Prüfungen, die ich mir
auferlegt, durch die schwierigen, gefahrvollen Taten, die ich für
andere getan, berechtigt, auch etwas für mich zu tun. Was dich und
Charlotten betrifft, so sei es der Zukunft anheimgegeben; mich aber
wirst du, wird niemand von meinem Vorsatze zurückhalten. Will man mir
die Hand bieten, so bin ich auch wieder zu allem erbötig; will man mich
mir selbst überlassen oder mir wohl gar entgegen sein, so muß ein
Extrem entstehen, es werde auch, wie es wolle“.
Der Major hielt es für seine Pflicht, dem Vorsatz Eduards solange als
möglich Widerstand zu leisten, und er bediente sich nun gegen seinen
Freund einer klugen Wendung, indem er nachzugeben schien und nur die
Form, den Geschäftsgang zur Sprache brachte, durch welchen man diese
Trennung, diese Verbindungen erreichen sollte. Da trat denn so manches
Unerfreuliche, Beschwerliche, Unschickliche hervor, daß sich Eduard in
die schlimmste Laune versetzt fühlte.
„Ich sehe wohl“, rief dieser endlich, „nicht allein von Feinden,
sondern auch von Freunden muß, was man wünscht, erstürmt werden. Das,
was ich will, was mir unentbehrlich ist, halte ich fest im Auge; ich
werde es ergreifen und gewiß bald und behende. Dergleichen
Verhältnisse, weiß ich wohl, heben sich nicht auf und bilden sich
nicht, ohne daß manches falle, was steht, ohne daß manches weiche, was
zu beharren Lust hat. Durch Überlegung wird so etwas nicht geendet; vor
dem Verstande sind alle Rechte gleich, und auf die steigende Waagschale
läßt sich immer wieder ein Gegengewicht legen. Entschließe dich also,
mein Freund, für mich, für dich zu handeln, für mich, für dich diese
Zustände zu entwirren, aufzulösen, zu verknüpfen! Laß dich durch keine
Betrachtungen abhalten; wir haben die Welt ohnehin schon von uns reden
machen; sie wird noch einmal von uns reden, uns sodann, wie alles
übrige, was aufhört neu zu sein, vergessen und uns gewähren lassen, wie
wir können, ohne weitern Teil an uns zu nehmen“.
Der Major hatte keinen andern Ausweg und mußte endlich zugeben, daß
Eduard ein für allemal die Sache als etwas Bekanntes und
Vorausgesetztes behandelte, daß er, wie alles anzustellen sei, im
einzelnen durchsprach und sich über die Zukunft auf das heiterste,
sogar in Scherzen erging.
Dann wieder ernsthaft und nachdenklich fuhr er fort: „wollten wir uns
der Hoffnung, der Erwartung überlassen, daß alles sich von selbst
wieder finden, daß der Zufall uns leiten und begünstigen solle, so wäre
dies ein sträflicher Selbstbetrug. Auf diese Weise können wir uns
unmöglich retten, unsre allseitige Ruhe nicht wiederherstellen; und wie
sollte ich trösten können, da ich unschuldig die Schuld an allem bin!
Durch meine Zudringlichkeit habe ich Charlotten vermocht, dich ins Haus
zu nehmen, und auch Ottilie ist nur in Gefolg von dieser Veränderung
bei uns eingetreten. Wir sind nicht mehr Herr über das, was daraus
entsprungen ist, aber wir sind Herr, es unschädlich zu machen, die
Verhältnisse zu unserm Glücke zu leiten. Magst du die Augen von den
schönen und freundlichen Aussichten abwenden, die ich uns eröffne,
magst du mir, magst du uns allen ein trauriges Entsagen gebieten,
insofern du dirs möglich denkst, insofern es möglich wäre: ist denn
nicht auch alsdann, wenn wir uns vornehmen, in die alten Zustände
zurückzukehren, manches Unschickliche, Unbequeme, Verdrießliche zu
übertragen, ohne daß irgend etwas Gutes, etwas Heiteres daraus
entspränge? Würde der glückliche Zustand, in dem du dich befindest, dir
wohl Freude machen, wenn du gehindert wärst, mich zu besuchen, mit mir
zu leben? Und nach dem, was vorgegangen ist, würde es doch immer
peinlich sein. Charlotte und ich würden mit allem unserm Vermögen uns
nur in einer traurigen Lage befinden. Und wenn du mit andern
Weltmenschen glauben magst, daß Jahre, daß Entfernung solche
Empfindungen abstumpfen, so tief eingegrabene Züge auslöschen, so ist
ja eben von diesen Jahren die Rede, die man nicht in Schmerz und
Entbehren, sondern in Freude und Behagen zubringen will. Und nun
zuletzt noch das Wichtigste auszusprechen: wenn wir auch unserm äußern
und innern Zustande nach das allenfalls abwarten könnten, was soll aus
Ottilien werden, die unser Haus verlassen, in der Gesellschaft unserer
Vorsorge entbehren und sich in der verruchten, kalten Welt jämmerlich
herumdrücken müßte! Male mir einen Zustand, worin Ottilie ohne mich,
ohne uns glücklich sein könnte, dann sollst du ein Argument
ausgesprochen haben, das stärker ist als jedes andre, das ich, wenn
ichs auch nicht zugeben, mich ihm nicht ergeben kann, dennoch recht
gern aufs neue in Betrachtung und Überlegung ziehen will“.
Diese Aufgabe war so leicht nicht zu lösen, wenigstens fiel dem Freunde
hierauf keine hinlängliche Antwort ein, und es blieb ihm nichts übrig,
als wiederholt einzuschärfen, wie wichtig, wie bedenklich und in
manchem Sinne gefährlich das ganze Unternehmen sei, und daß man
wenigstens, wie es anzugreifen wäre, auf das ernstlichste zu bedenken
habe. Eduard ließ sichs gefallen, doch nur unter der Bedingung, daß ihn
der Freund nicht eher verlassen wolle, als bis sie über die Sache
völlig einig geworden und die ersten Schritte getan seien.