Elftes Kapitel

Der Erzählende machte eine Pause oder hatte vielmehr schon geendigt,

als er bemerken mußte, daß Charlotte höchst bewegt sei; ja sie stand

auf und verließ mit einer stummen Entschuldigung das Zimmer; denn die

Geschichte war ihr bekannt. Diese Begebenheit hatte sich mit dem

Hauptmann und einer Nachbarin wirklich zugetragen, zwar nicht ganz wie

sie der Engländer erzählte, doch war sie in den Hauptzügen nicht

entstellt, nur im einzelnen mehr ausgebildet und ausgeschmückt, wie es

dergleichen Geschichten zu gehen pflegt, wenn sie erst durch den Mund

der Menge und sodann durch die Phantasie eines geist- und

geschmackreichen Erzählers durchgehen. Es bleibt zuletzt meist alles

und nichts, wie es war.

Ottilie folgte Charlotten, wie es die beiden Fremden selbst verlangten,

und nun kam der Lord an die Reihe zu bemerken, daß vielleicht abermals

ein Fehler begangen, etwas dem Hause Bekanntes oder gar Verwandtes

erzählt worden. „Wir müssen uns hüten“, fuhr er fort, „daß wir nicht

noch mehr Übles stiften. Für das viele Gute und Angenehme, das wir hier

genossen, scheinen wir den Bewohnerinnen wenig Glück zu bringen; wir

wollen uns auf eine schickliche Weise zu empfehlen suchen“.

„Ich muß gestehen“, versetzte der Begleiter, „daß mich hier noch etwas

anderes festhält, ohne dessen Aufklärung und nähere Kenntnis ich dieses

Haus nicht gern verlassen möchte. Sie waren gestern, Mylord, als wir

mit der tragbaren dunklen Kammer durch den Park zogen, viel zu

beschäftigt, sich einen wahrhaft malerischen Standpunkt auszuwählen,

als daß Sie hätten bemerken sollen, was nebenher vorging. Sie lenkten

vom Hauptwege ab, um zu einem wenig besuchten Platze am See zu

gelangen, der Ihnen ein reizendes Gegenüber anbot. Ottilie, die uns

begleitete, stand an zu folgen und bat, sich auf dem Kahne dorthin

begeben zu dürfen. Ich setzte mich mit ihr ein und hatte meine Freude

an der Gewandtheit der schönen Schifferin. Ich versicherte ihr, daß ich

seit der Schweiz, wo auch die reizendsten Mädchen die Stelle des

Fährmanns vertreten, nicht so angenehm sei über die Wellen geschaukelt

worden, konnte mich aber nicht enthalten, sie zu fragen, warum sie

eigentlich abgelehnt, jenen Seitenweg zu machen; denn wirklich war in

ihrem Ausweichen eine Art von ängstlicher Verlegenheit. ‘Wenn Sie mich

nicht auslachen wollen’, versetzte sie freundlich, ‘so kann ich Ihnen

darüber wohl einige Auskunft geben, obgleich selbst für mich dabei ein

Geheimnis obwaltet. Ich habe jenen Nebenweg niemals betreten, ohne daß

mich ein ganz eigener Schauer überfallen hätte, den ich sonst nirgends

empfinde und den ich mir nicht zu erklären weiß. Ich vermeide daher

lieber, mich einer solchen Empfindung auszusetzen, um so mehr, als sich

gleich darauf ein Kopfweh an der linken Seite einstellt, woran ich

sonst auch manchmal leide’. Wir landeten, Ottilie unterhielt sich mit

Ihnen, und ich untersuchte indes die Stelle, die sie mir aus der Ferne

deutlich angegeben hatte. Aber wie groß war meine Verwunderung, als ich

eine sehr deutliche Spur von Steinkohlen entdeckte, die mich überzeugt,

man würde bei einigem Nachgraben vielleicht ein ergiebiges Lager in der

Tiefe finden.

Verzeihen Sie, Mylord, ich sehe Sie lächeln und weiß recht gut, daß Sie

mir eine leidenschaftliche Aufmerksamkeit auf diese Dinge, an die Sie

keinen Glauben haben, nur als weiser Mann und als Freund nachsehen;

aber es ist mir unmöglich, von hier zu scheiden, ohne das schöne Kind

auch die Pendelschwingungen versuchen zu lassen“.

Es konnte niemals fehlen, wenn die Sache zur Sprache kam, daß der Lord

nicht seine Gründe dagegen abermals wiederholte, welche der Begleiter

bescheiden und geduldig aufnahm, aber doch zuletzt bei seiner Meinung,

bei seinen Wünschen verharrte. Auch er gab wiederholt zu erkennen, daß

man deswegen, weil solche Versuche nicht jedermann gelängen, die Sache

nicht aufgeben, ja vielmehr nur desto ernsthafter und gründlicher

untersuchen müßte, da sich gewiß noch manche Bezüge und

Verwandtschaften unorganischer Wesen untereinander, organischer gegen

sie und abermals untereinander offenbaren würden, die uns gegenwärtig

verborgen seien.

Er hatte seinen Apparat von goldnen Ringen, Markasiten und andern

metallischen Substanzen, den er in einem schönen Kästchen immer bei

sich führte, schon ausgebreitet und ließ nun Metalle, an Fäden

schwebend, über liegende Metalle zum Versuche nieder. „Ich gönne Ihnen

die Schadenfreude, Mylord“, sagte er dabei, „die ich auf Ihrem Gesichte

lese, daß sich bei mir und für mich nichts bewegen will. Meine

Operation ist aber auch nur ein Vorwand. Wenn die Damen zurückkehren,

sollen sie neugierig werden, was wir Wunderliches hier beginnen“.

Die Frauenzimmer kamen zurück. Charlotte verstand sogleich, was

vorging. „Ich habe manches von diesen Dingen gehört“, sagte sie, „aber

niemals eine Wirkung gesehen. Da Sie alles so hübsch bereit haben,

lassen Sie mich versuchen, ob es mir nicht auch anschlägt“.

Sie nahm den Faden in die Hand, und da es ihr Ernst war, hielt sie ihn

stet und ohne Gemütsbewegung; allein auch nicht das mindeste Schwanken

war zu bemerken. Darauf ward Ottilie veranlaßt. Sie hielt den Pendel

noch ruhiger, unbefangener, unbewußter über die unterliegenden Metalle.

Aber in dem Augenblicke ward das Schwebende wie in einem entschiedenen

Wirbel fortgerissen und drehte sich, je nachdem man die Unterlage

wechselte, bald nach der einen, bald nach der andern Seite, jetzt in

Kreisen, jetzt in Ellipsen, oder nahm seinen Schwung in graden Linien,

wie es der Begleiter nur erwarten konnte, ja über alle seine Erwartung.

Der Lord selbst stutzte einigermaßen, aber der andere konnte vor Lust

und Begierde gar nicht enden und bat immer um Wiederholung und

Vermannigfaltigung der Versuche. Ottilie war gefällig genug, sich in

sein Verlangen zu finden, bis sie ihn zuletzt freundlich ersuchte, er

möge sie entlassen, weil ihr Kopfweh sich wieder einstelle. Er, daüber

verwundert, ja entzückt, versicherte ihr mit Enthusiasmus, daß er sie

von diesem Übel völlig heilen wolle, wenn sie sich seiner Kurart

anvertraue. Man war einen Augenblick ungewiß; Charlotte aber, die

geschwind begriff, wovon die Rede sei, lehnte den wohlgesinnten Antrag

ab, weil sie nicht gemeint war, in ihrer Umgebung etwas zuzulassen,

wovor sie immerfort eine starke Apprehension gefühlt hatte.

Die Fremden hatten sich entfernt und, ungeachtet man von ihnen auf eine

sonderbare Weise berührt worden war, doch den Wunsch zurückgelassen,

daß man sie irgendwo wieder antreffen möchte. Charlotte benutzte

nunmehr die schönen Tage, um in der Nachbarschaft ihre Gegenbesuche zu

enden, womit sie kaum fertig werden konnte, indem sich die ganze

Landschaft umher, einige wahrhaft teilnehmend, andre bloß der

Gewohnheit wegen, bisher fleißig um sie bekümmert hatten. Zu Hause

belebte sie der Anblick des Kindes; es war gewiß jeder Liebe, jeder

Sorgfalt wert. Man sah in ihm ein wunderbares, ja ein Wunderkind,

höchst erfreulich dem Anblick, an Größe, Ebenmaß, Stärke und

Gesundheit; und was noch mehr in Verwunderung setzte, war jene doppelte

Ähnlichkeit, die sich immer mehr entwickelte. Den Gesichtszügen und der

ganzen Form nach glich das Kind immer mehr dem Hauptmann, die Augen

ließen sich immer weniger von Ottiliens Augen unterscheiden.

Durch diese sonderbare Verwandtschaft und vielleicht noch mehr durch

das schöne Gefühl der Frauen geleitet, welche das Kind eines geliebten

Mannes, auch von einer andern, mit zärtlicher Neigung umfangen, ward

Ottilie dem heranwachsenden Geschöpf soviel als eine Mutter oder

vielmehr eine andre Art von Mutter. Entfernte sich Charlotte, so blieb

Ottilie mit dem Kinde und der Wärterin allein. Nanny hatte sich seit

einiger Zeit, eifersüchtig auf den Knaben, dem ihre Herrin alle Neigung

zuzuwenden schien, trotzig von ihr entfernt und war zu ihren Eltern

zurückgekehrt. Ottilie fuhr fort, das Kind in die freie Luft zu tragen,

und gewöhnte sich an immer weitere Spaziergänge. Sie hatte das

Milchfläschchen bei sich, um dem Kinde, wenn es nötig, seine Nahrung zu

reichen. Selten unterließ sie dabei, ein Buch mitzunehmen, und so

bildete sie, das Kind auf dem Arm, lesend und wandelnd, eine gar

anmutige Penserosa.

Die Wahlverwandtschaften · 第 46 / 55 题