Der Erzählende machte eine Pause oder hatte vielmehr schon geendigt,
als er bemerken mußte, daß Charlotte höchst bewegt sei; ja sie stand
auf und verließ mit einer stummen Entschuldigung das Zimmer; denn die
Geschichte war ihr bekannt. Diese Begebenheit hatte sich mit dem
Hauptmann und einer Nachbarin wirklich zugetragen, zwar nicht ganz wie
sie der Engländer erzählte, doch war sie in den Hauptzügen nicht
entstellt, nur im einzelnen mehr ausgebildet und ausgeschmückt, wie es
dergleichen Geschichten zu gehen pflegt, wenn sie erst durch den Mund
der Menge und sodann durch die Phantasie eines geist- und
geschmackreichen Erzählers durchgehen. Es bleibt zuletzt meist alles
und nichts, wie es war.
Ottilie folgte Charlotten, wie es die beiden Fremden selbst verlangten,
und nun kam der Lord an die Reihe zu bemerken, daß vielleicht abermals
ein Fehler begangen, etwas dem Hause Bekanntes oder gar Verwandtes
erzählt worden. „Wir müssen uns hüten“, fuhr er fort, „daß wir nicht
noch mehr Übles stiften. Für das viele Gute und Angenehme, das wir hier
genossen, scheinen wir den Bewohnerinnen wenig Glück zu bringen; wir
wollen uns auf eine schickliche Weise zu empfehlen suchen“.
„Ich muß gestehen“, versetzte der Begleiter, „daß mich hier noch etwas
anderes festhält, ohne dessen Aufklärung und nähere Kenntnis ich dieses
Haus nicht gern verlassen möchte. Sie waren gestern, Mylord, als wir
mit der tragbaren dunklen Kammer durch den Park zogen, viel zu
beschäftigt, sich einen wahrhaft malerischen Standpunkt auszuwählen,
als daß Sie hätten bemerken sollen, was nebenher vorging. Sie lenkten
vom Hauptwege ab, um zu einem wenig besuchten Platze am See zu
gelangen, der Ihnen ein reizendes Gegenüber anbot. Ottilie, die uns
begleitete, stand an zu folgen und bat, sich auf dem Kahne dorthin
begeben zu dürfen. Ich setzte mich mit ihr ein und hatte meine Freude
an der Gewandtheit der schönen Schifferin. Ich versicherte ihr, daß ich
seit der Schweiz, wo auch die reizendsten Mädchen die Stelle des
Fährmanns vertreten, nicht so angenehm sei über die Wellen geschaukelt
worden, konnte mich aber nicht enthalten, sie zu fragen, warum sie
eigentlich abgelehnt, jenen Seitenweg zu machen; denn wirklich war in
ihrem Ausweichen eine Art von ängstlicher Verlegenheit. ‘Wenn Sie mich
nicht auslachen wollen’, versetzte sie freundlich, ‘so kann ich Ihnen
darüber wohl einige Auskunft geben, obgleich selbst für mich dabei ein
Geheimnis obwaltet. Ich habe jenen Nebenweg niemals betreten, ohne daß
mich ein ganz eigener Schauer überfallen hätte, den ich sonst nirgends
empfinde und den ich mir nicht zu erklären weiß. Ich vermeide daher
lieber, mich einer solchen Empfindung auszusetzen, um so mehr, als sich
gleich darauf ein Kopfweh an der linken Seite einstellt, woran ich
sonst auch manchmal leide’. Wir landeten, Ottilie unterhielt sich mit
Ihnen, und ich untersuchte indes die Stelle, die sie mir aus der Ferne
deutlich angegeben hatte. Aber wie groß war meine Verwunderung, als ich
eine sehr deutliche Spur von Steinkohlen entdeckte, die mich überzeugt,
man würde bei einigem Nachgraben vielleicht ein ergiebiges Lager in der
Tiefe finden.
Verzeihen Sie, Mylord, ich sehe Sie lächeln und weiß recht gut, daß Sie
mir eine leidenschaftliche Aufmerksamkeit auf diese Dinge, an die Sie
keinen Glauben haben, nur als weiser Mann und als Freund nachsehen;
aber es ist mir unmöglich, von hier zu scheiden, ohne das schöne Kind
auch die Pendelschwingungen versuchen zu lassen“.
Es konnte niemals fehlen, wenn die Sache zur Sprache kam, daß der Lord
nicht seine Gründe dagegen abermals wiederholte, welche der Begleiter
bescheiden und geduldig aufnahm, aber doch zuletzt bei seiner Meinung,
bei seinen Wünschen verharrte. Auch er gab wiederholt zu erkennen, daß
man deswegen, weil solche Versuche nicht jedermann gelängen, die Sache
nicht aufgeben, ja vielmehr nur desto ernsthafter und gründlicher
untersuchen müßte, da sich gewiß noch manche Bezüge und
Verwandtschaften unorganischer Wesen untereinander, organischer gegen
sie und abermals untereinander offenbaren würden, die uns gegenwärtig
verborgen seien.
Er hatte seinen Apparat von goldnen Ringen, Markasiten und andern
metallischen Substanzen, den er in einem schönen Kästchen immer bei
sich führte, schon ausgebreitet und ließ nun Metalle, an Fäden
schwebend, über liegende Metalle zum Versuche nieder. „Ich gönne Ihnen
die Schadenfreude, Mylord“, sagte er dabei, „die ich auf Ihrem Gesichte
lese, daß sich bei mir und für mich nichts bewegen will. Meine
Operation ist aber auch nur ein Vorwand. Wenn die Damen zurückkehren,
sollen sie neugierig werden, was wir Wunderliches hier beginnen“.
Die Frauenzimmer kamen zurück. Charlotte verstand sogleich, was
vorging. „Ich habe manches von diesen Dingen gehört“, sagte sie, „aber
niemals eine Wirkung gesehen. Da Sie alles so hübsch bereit haben,
lassen Sie mich versuchen, ob es mir nicht auch anschlägt“.
Sie nahm den Faden in die Hand, und da es ihr Ernst war, hielt sie ihn
stet und ohne Gemütsbewegung; allein auch nicht das mindeste Schwanken
war zu bemerken. Darauf ward Ottilie veranlaßt. Sie hielt den Pendel
noch ruhiger, unbefangener, unbewußter über die unterliegenden Metalle.
Aber in dem Augenblicke ward das Schwebende wie in einem entschiedenen
Wirbel fortgerissen und drehte sich, je nachdem man die Unterlage
wechselte, bald nach der einen, bald nach der andern Seite, jetzt in
Kreisen, jetzt in Ellipsen, oder nahm seinen Schwung in graden Linien,
wie es der Begleiter nur erwarten konnte, ja über alle seine Erwartung.
Der Lord selbst stutzte einigermaßen, aber der andere konnte vor Lust
und Begierde gar nicht enden und bat immer um Wiederholung und
Vermannigfaltigung der Versuche. Ottilie war gefällig genug, sich in
sein Verlangen zu finden, bis sie ihn zuletzt freundlich ersuchte, er
möge sie entlassen, weil ihr Kopfweh sich wieder einstelle. Er, daüber
verwundert, ja entzückt, versicherte ihr mit Enthusiasmus, daß er sie
von diesem Übel völlig heilen wolle, wenn sie sich seiner Kurart
anvertraue. Man war einen Augenblick ungewiß; Charlotte aber, die
geschwind begriff, wovon die Rede sei, lehnte den wohlgesinnten Antrag
ab, weil sie nicht gemeint war, in ihrer Umgebung etwas zuzulassen,
wovor sie immerfort eine starke Apprehension gefühlt hatte.
Die Fremden hatten sich entfernt und, ungeachtet man von ihnen auf eine
sonderbare Weise berührt worden war, doch den Wunsch zurückgelassen,
daß man sie irgendwo wieder antreffen möchte. Charlotte benutzte
nunmehr die schönen Tage, um in der Nachbarschaft ihre Gegenbesuche zu
enden, womit sie kaum fertig werden konnte, indem sich die ganze
Landschaft umher, einige wahrhaft teilnehmend, andre bloß der
Gewohnheit wegen, bisher fleißig um sie bekümmert hatten. Zu Hause
belebte sie der Anblick des Kindes; es war gewiß jeder Liebe, jeder
Sorgfalt wert. Man sah in ihm ein wunderbares, ja ein Wunderkind,
höchst erfreulich dem Anblick, an Größe, Ebenmaß, Stärke und
Gesundheit; und was noch mehr in Verwunderung setzte, war jene doppelte
Ähnlichkeit, die sich immer mehr entwickelte. Den Gesichtszügen und der
ganzen Form nach glich das Kind immer mehr dem Hauptmann, die Augen
ließen sich immer weniger von Ottiliens Augen unterscheiden.
Durch diese sonderbare Verwandtschaft und vielleicht noch mehr durch
das schöne Gefühl der Frauen geleitet, welche das Kind eines geliebten
Mannes, auch von einer andern, mit zärtlicher Neigung umfangen, ward
Ottilie dem heranwachsenden Geschöpf soviel als eine Mutter oder
vielmehr eine andre Art von Mutter. Entfernte sich Charlotte, so blieb
Ottilie mit dem Kinde und der Wärterin allein. Nanny hatte sich seit
einiger Zeit, eifersüchtig auf den Knaben, dem ihre Herrin alle Neigung
zuzuwenden schien, trotzig von ihr entfernt und war zu ihren Eltern
zurückgekehrt. Ottilie fuhr fort, das Kind in die freie Luft zu tragen,
und gewöhnte sich an immer weitere Spaziergänge. Sie hatte das
Milchfläschchen bei sich, um dem Kinde, wenn es nötig, seine Nahrung zu
reichen. Selten unterließ sie dabei, ein Buch mitzunehmen, und so
bildete sie, das Kind auf dem Arm, lesend und wandelnd, eine gar
anmutige Penserosa.