Charlotte von ihrer Seite befindet sich munter und wohl. Sie freut sich
an dem tüchtigen Knaben, dessen vielversprechende Gestalt ihr Auge und
Gemüt stündlich beschäftigt. Sie erhält durch ihn einen neuen Bezug auf
die Welt und auf den Besitz. Ihre alte Tätigkeit regt sich wieder; sie
erblickt, wo sie auch hinsieht, im vergangenen Jahre vieles getan und
empfindet Freude am Getanen. Von einem eigenen Gefühl belebt, steigt
sie zur Mooshütte mit Ottilien und dem Kinde; und indem sie dieses auf
den kleinen Tisch als auf einen häuslichen Altar niederlegt und noch
zwei Plätze leer sieht, gedenkt sie der vorigen Zeiten, und eine neue
Hoffnung für sie und Ottilien dringt hervor.
Junge Frauenzimmer sehen sich bescheiden vielleicht nach diesem oder
jenem Jüngling um, mit stiller Prüfung, ob sie ihn wohl zum Gatten
wünschten; wer aber für eine Tochter oder einen weiblichen Zögling zu
sorgen hat, schaut in einem weitern Kreis umher. So ging es auch in
diesem Augenblick Charlotten, der eine Verbindung des Hauptmanns mit
Ottilien nicht unmöglich schien, wie sie doch auch schon ehemals in
dieser Hütte nebeneinander gesessen hatten. Ihr war nicht unbekannt
geblieben, daß jene Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat wieder
verschwunden sei.
Charlotte stieg weiter, und Ottilie trug das Kind. Jene überließ sich
mancherlei Betrachtungen. Auch auf dem festen Lande gibt es wohl
Schiffbruch; sich davon auf das schnellste zu erholen und herzustellen,
ist schön und preiswürdig. Ist doch das Leben nur auf Gewinn und
Verlust berechnet! Wer macht nicht irgendeine Anlage und wird darin
gestört! Wie oft schlägt man einen Weg ein und wird davon abgeleitet!
Wie oft werden wir von einem scharf ins Auge gefaßten Ziel abgelenkt,
um ein höheres zu erreichen! Der Reisende bricht unterwegs zu seinem
höchsten Verdruß ein Rad und gelangt durch diesen unangenehmen Zufall
zu den erfreulichsten Bekanntschaften und Verbindungen, die auf sein
ganzes Leben Einfluß haben. Das Schicksal gewährt uns unsre Wünsche,
aber auf seine Weise, um uns etwas über unsere Wünsche geben zu können.
Diese und ähnliche Betrachtungen waren es, unter denen Charlotte zum
neuen Gebäude auf der Höhe gelangte, wo sie vollkommen bestätigt
wurden. Denn die Umgebung war viel schöner, als man sichs hatte denken
können. Alles störende Kleinliche war ringsumher entfernt, alles Gute
der Landschaft, was die Natur, was die Zeit daran getan hatte, trat
reinlich hervor und fiel ins Auge, und schon grünten die jungen
Pflanzungen, die bestimmt waren, einige Lücken auszufüllen und die
abgesonderten Teile angenehm zu verbinden.
Das Haus selbst war nahezu bewohnbar, die Aussicht, besonders aus den
obern Zimmern, höchst mannigfaltig. Je länger man sich umsah, desto
mehr Schönes entdeckte man. Was mußten nicht hier die verschiedenen
Tagszeiten, was Mond und Sonne für Wirkungen hervorbringen! Hier zu
verweilen war höchst wünschenswert, und wie schnell ward die Lust zu
bauen und zu schaffen in Charlotten wieder erweckt, da sie alle grobe
Arbeit getan fand! Ein Tischer, ein Tapezier, ein Maler, der mit
Patronen und leichter Vergoldung sich zu helfen wußte, nur dieser
bedurfte man, und in kurzer Zeit war das Gebäude im Stande. Keller und
Küche wurden schnell eingerichtet; denn in der Entfernung vom Schlosse
mußte man alle Bedürfnisse um sich versammeln. So wohnten die
Frauenzimmer mit dem Kinde nun oben, und von diesem Aufenthalt, als von
einem neuen Mittelpunkt, eröffneten sich ihnen unerwartete
Spaziergänge. Sie genossen vergnüglich in einer höheren Region der
freien, frischen Luft bei dem schönsten Wetter.
Ottiliens liebster Weg, teils allein, teils mit dem Kinde, ging
herunter nach den Platanen auf einem bequemen Fußsteig, der sodann zu
dem Punkte leitete, wo einer der Kähne angewunden war, mit denen man
überzufahren pflegte. Sie erfreute sich manchmal einer Wasserfahrt,
allein ohne das Kind, weil Charlotte deshalb einige Besorgnis zeigte.
Doch verfehlte sie nicht, täglich den Gärtner im Schloßgarten zu
besuchen und an seiner Sorgfalt für die vielen Pflanzenzöglinge, die
nun alle der freien Luft genossen, freundlich teilzunehmen.
In dieser schönen Zeit kam Charlotten der Besuch eines Engländers sehr
gelegen, der Eduarden auf Reisen kennengelernt, einigemal getroffen
hatte und nunmehr neugierig war, die schönen Anlagen zu sehen, von
denen er soviel Gutes erzählen hörte. Er brachte ein
Empfehlungsschreiben vom Grafen mit und stellte zugleich einen stillen,
aber sehr gefälligen Mann als seinen Begleiter vor. Indem er nun bald
mit Charlotten und Ottilien, bald mit Gärtnern und Jägern, öfters mit
seinem Begleiter und manchmal allein die Gegend durchstrich, so konnte
man seinen Bemerkungen wohl ansehen, daß er ein Liebhaber und Kenner
solcher Anlagen war, der wohl auch manche dergleichen selbst ausgeführt
hatte. Obgleich in Jahren, nahm er auf eine heitere Weise an allem
teil, was dem Leben zur Zierde gereichen und es bedeutend machen kann.
In seiner Gegenwart genossen die Frauenzimmer erst vollkommen ihrer
Umgebung. Sein geübtes Auge empfing jeden Effekt ganz frisch, und er
hatte um so mehr Freude an dem Entstandenen, als er die Gegend vorher
nicht gekannt und, was man daran getan, von dem, was die Natur
geliefert, kaum zu unterscheiden wußte.
Man kann wohl sagen, daß durch seine Bemerkungen der Park wuchs und
sich bereicherte. Schon zum voraus erkannte er, was die neuen,
heranstrebenden Pflanzungen versprachen. Keine Stelle blieb ihm
unbemerkt, wo noch irgendeine Schönheit hervorzuheben oder anzubringen
war. Hier deutete er auf eine Quelle, welche, gereinigt, die Zierde
einer ganzen Buschpartie zu werden versprach, hier auf eine Höhle, die,
ausgeräumt und erweitert, einen erwünschten Ruheplatz geben konnte,
indessen man nur wenige Bäume zu fällen brauchte, um von ihr aus
herrliche Felsenmassen aufgetürmt zu erblicken. Er wünschte den
Bewohnern Glück, daß ihnen so manches nachzuarbeiten übrigblieb, und
ersuchte sie, damit nicht zu eilen, sondern für folgende Jahre sich das
Vergnügen des Schaffens und Einrichtens vorzubehalten.
Übrigens war er außer den geselligen Stunden keineswegs lästig; denn er
beschäftigte sich die größte Zeit des Tags, die malerischen Aussichten
des Parks in einer tragbaren dunklen Kammer aufzufangen und zu
zeichnen, um dadurch sich und andern von seinen Reisen eine schöne
Frucht zu gewinnen. Er hatte dieses schon seit mehreren Jahren in allen
bedeutenden Gegenden getan und sich dadurch die angenehmste und
interessanteste Sammlung verschafft. Ein großes Portefeuille, das er
mit sich führte, zeigte er den Damen vor und unterhielt sie teils durch
das Bild, teils durch die Auslegung. Sie freuten sich, hier in ihrer
Einsamkeit die Welt so bequem zu durchreisen, Ufer und Häfen, Berge,
Seen und Flüsse, Städte, Kastelle und manches andre Lokal, das in der
Geschichte einen Namen hat, vor sich vorbeiziehen zu sehen.
Jede von beiden Frauen hatte ein besonderes Interesse, Charlotte das
allgemeinere, gerade an dem, wo sich etwas historisch Merkwürdiges
fand, während Ottilie sich vorzüglich bei den Gegenden aufhielt, wovon
Eduard viel zu erzählen pflegte, wo er gern verweilt, wohin er öfters
zurückgekehrt; denn jeder Mensch hat in der Nähe und in der Ferne
gewisse örtliche Einzelheiten, die ihn anziehen, die ihm seinem
Charakter nach, um des ersten Eindrucks, gewisser Umstände, der
Gewohnheit willen besonders lieb und aufregend sind.
Sie fragte daher den Lord, wo es ihm denn am besten gefalle und wo er
nun seine Wohnung aufschlagen würde, wenn er zu wählen hätte. Da wußte
er denn mehr als eine schöne Gegend vorzuzeigen und, was ihm dort
widerfahren, um sie ihm lieb und wert zu machen, in seinem eigens
akzentuierten Französisch gar behaglich mitzuteilen.
Auf die Frage hingegen, wo er sich denn jetzt gewöhnlich aufhalte,
wohin er am liebsten zurückkehre, ließ er sich ganz unbewunden, doch
den Frauen unerwartet, also vernehmen:
„ich habe mir nun angewöhnt, überall zu Hause zu sein, und finde
zuletzt nichts bequemer, als daß andre für mich bauen, pflanzen und
sich häuslich bemühen. Nach meinen eigenen Besitzungen sehne ich mich
nicht zurück, teils aus politischen Ursachen, vorzüglich aber, weil
mein Sohn, für den ich alles eigentlich getan und eingerichtet, dem ich
es zu übergeben, mit dem ich es noch zu genießen hoffte, an allem
keinen Teil nimmt, sondern nach Indien gegangen ist, um sein Leben
dort, wie mancher andere, höher zu nutzen oder gar zu vergeuden.
Gewiß, wir machen viel zu viel vorarbeitenden Aufwand aufs Leben.
Anstatt daß wir gleich anfingen, uns in einem mäßigen Zustand behaglich
zu finden, so gehen wir immer mehr ins Breite, um es uns immer
unbequemer zu machen. Wer genießt jetzt meine Gebäude, meinen Park,
meine Gärten? Nicht ich, nicht einmal die Meinigen: fremde Gäste,
Neugierige, unruhige Reisende.
Selbst bei vielen Mitteln sind wir immer nur halb und halb zu Hause,
besonders auf dem Lande, wo uns manches Gewohnte der Stadt fehlt. Das
Buch, das wir am eifrigsten wünschten, ist nicht zur Hand, und gerade,
was wir am meisten bedürften, ist vergessen. Wir richten uns immer
häuslich ein, um wieder auszuziehen, und wenn wir es nicht mit Willen
und Willkür tun, so wirken Verhältnisse, Leidenschaften, Zufälle,
Notwendigkeit und was nicht alles“.
Der Lord ahnete nicht, wie tief durch seine Betrachtungen die
Freundinnen getroffen wurden. Und wie oft kommt nicht jeder in diese
Gefahr, der eine allgemeine Betrachtung selbst in einer Gesellschaft,
deren Verhältnisse ihm sonst bekannt sind, ausspricht! Charlotten war
eine solche zufällige Verletzung auch durch Wohlwollende und
Gutmeinende nichts Neues; und die Welt lag ohnehin so deutlich vor
ihren Augen, daß sie keinen besondern Schmerz empfand, wenngleich
jemand sie unbedachtsam und ungvorsichtig nötigte, ihren Blick da- oder
dorthin auf eine unerfreuliche Stelle zu richten. Ottilie hingegen, die
in halbbewußter Jugend mehr ahnete als sah und ihren Blick wegwenden
durfte, ja mußte von dem, was sie nicht sehen mochte und sollte,
Ottilie ward durch diese traulichen Reden in den schrecklichsten
Zustand versetzt; denn es zerriß mit Gewalt vor ihr der anmutige
Schleier, und es schien ihr, als wenn alles, was bisher für Haus und
Hof, für Garten, Park und die ganze Umgebung geschehen war, ganz
eigentlich umsonst sei, weil der, dem es alles gehörte, es nicht
genösse, weil auch der, wie der gegenwärtige Gast, zum Herumschweifen
in der Welt, und zwar zu dem gefährlichsten, durch die Liebsten und
Nächsten gedrängt worden. Sie hatte sich an Hören und Schweigen gewöhnt
aber sie saß diesmal in der peinlichsten Lage, die durch des Fremden
weiteres Gespräch eher vermehrt als vermindert wurde, das er mit
heiterer Eigenheit und Bedächtlichkeit fortsetzte.
„Nun glaub ich“, sagte er, „auf dem rechten Wege zu sein, da ich mich
immerfort als einen Reisenden betrachte, der vielem entsagt, um vieles
zu genießen. Ich bin an den Wechsel gewöhnt, ja er wird mir Bedürfnis,
wie man in der Oper immer wieder auf eine neue Dekoration wartet,
gerade weil schon so viele dagewesen. Was ich mir von dem besten und
dem schlechtesten Wirtshause versprechen darf, ist mir bekannt; es mag
so gut oder so schlimm sein, als es will, nirgends find ich das
Gewohnte, und am Ende läuft es auf eins hinaus, ganz von einer
notwendigen Gewohnheit oder ganz von der willkürlichsten Zufälligkeit
abzuhangen. Wenigstens habe ich jetzt nicht den Verdruß, daß etwas
verlegt oder verloren ist, daß mir ein tägliches Wohnzimmer unbrauchbar
wird, weil ich es muß reparieren lassen, daß man mir eine liebe Tasse
zerbricht und es mir eine ganze Zeit aus keiner andern schmecken will.
Alles dessen bin ich überhoben, und wenn mir das Haus über dem Kopf zu
brennen anfängt, so packen meine Leute gelassen ein und auf, und wir
fahren zu Hofraum und Stadt hinaus. Und bei allen diesen Vorteilen,
wenn ich es genau berechne, habe ich am Ende des Jahres nicht mehr
ausgegeben, als es mich zu Hause gekostet hätte“.
Bei dieser Schilderung sah Ottilie nur Eduarden vor sich, wie er nun
auch mit Entbehren und Beschwerde auf ungebahnten Straßen hinziehe, mit
Gefahr und Not zu Felde liege und bei soviel Unbestand und Wagnis sich
gewöhne, heimatlos und freundlos zu sein, alles wegzuwerfen, nur um
nicht verlieren zu können. Glücklicherweise trennte sich die
Gesellschaft für einige Zeit. Ottilie fand Raum, sich in der Einsamkeit
auszuweinen. Gewaltsamer hatte sie kein dumpfer Schmerz ergriffen als
diese Klarheit, die sie sich noch klarer zu machen strebte, wie man es
zu tun pflegt, daß man sich selbst peinigt, wenn man einmal auf dem
Wege ist, gepeinigt zu werden.
Der Zustand Eduards kam ihr so kümmerlich, so jämmerlich vor, daß sie
sich entschloß, es koste, was es wolle, zu seiner Wiedervereinigung mit
Charlotten alles beizutragen, ihren Schmerz und ihre Liebe an
irgendeinem stillen Orte zu verbergen und durch irgendeine Art von
Tätigkeit zu betriegen.
Indessen hatte der Begleiter des Lords, ein verständiger, ruhiger Mann
und guter Beobachter, den Mißgriff in der Unterhaltung bemerkt und die
Ähnlichkeit der Zustände seinem Freunde offenbart. Dieser wußte nichts
von den Verhältnissen der Familie; allein jener, den eigentlich auf der
Reise nichts mehr interessierte als die sonderbaren Ereignisse, welche
durch natürliche und künstliche Verhältnisse, durch den Konflikt des
Gesetzlichen und des Ungebändigten, des Verstandes und der Vernunft,
der Leidenschaft und des Vorurteils hervorgebracht werden, jener hatte
sich schon früher und mehr noch im Hause selbst mit allem bekannt
gemacht, was vorgegangen war und noch vorging.
Dem Lord tat es leid, ohne daß er darüber verlegen gewesen wäre. Man
müßte ganz in Gesellschaft schweigen, wenn man nicht manchmal in den
Fall kommen sollte; denn nicht allein bedeutende Bemerkungen, sondern
die trivialsten Äußerungen können auf eine so mißklingende Weise mit
dem Interesse der Gegenwärtigen zusammentreffen. „Wir wollen es heute
abend wiedergutmachen“, sagte der Lord, „und uns aller allgemeinen
Gespräche enthalten. Geben Sie der Gesellschaft etwas von den vielen
angenehmen und bedeutenden Anekdoten und Geschichten zu hören, womit
Sie Ihr Portefeuille und Ihr Gedächtnis auf unserer Reise bereichert
haben!“
Allein auch mit dem besten Vorsatze gelang es den Fremden nicht, die
Freunde diesmal mit einer unverfänglichen Unterhaltung zu erfreuen.
Denn nachdem der Begleiter durch manche sonderbare, bedeutende,
heitere, rührende, furchtbare Geschichten die Aufmerksamkeit erregt und
die Teilnahme aufs höchste gespannt hatte, so dachte er mit einer zwar
sonderbaren, aber sanfteren Begebenheit zu schließen und ahnete nicht,
wie nahe diese seinen Zuhörern verwandt war.
Die wunderlichen Nachbarskinder
Novelle
Zwei Nachbarskinder von bedeutenden Häusern, Knabe und Mädchen, in
verhältnismäßigem Alter, um dereinst Gatten zu werden, ließ man in
dieser angenehmen Aussicht miteinander aufwachsen, und die
beiderseitigen Eltern freuten sich einer künftigen Verbindung. Doch man
bemerkte gar bald, daß die Absicht zu mißlingen schien, indem sich
zwischen den beiden trefflichen Naturen ein sonderbarer Widerwille
hervortrat. Vielleicht waren sie einander zu ähnlich. Beide in sich
selbst gewendet, deutlich in ihrem Wollen, fest in ihren Vorsätzen;
jedes einzeln geliebt und geehrt von seinen Gespielen; immer
Widersacher, wenn sie zusammen waren, immer aufbauend für sich allein,
immer wechselsweise zerstörend, wo sie sich begegneten, nicht
wetteifernd nach einem Ziel, aber immer kämpfend um einen Zweck;
gutartig durchaus und liebenswürdig und nur hassend, ja bösartig, indem
sie sich aufeinander bezogen.
Dieses wunderliche Verhältnis zeigte sich schon bei kindischen Spielen,
es zeigte sich bei zunehmenden Jahren. Und wie die Knaben Krieg zu
spielen, sich in Parteien zu sondern, einander Schlachten zu liefern
pflegen, so stellte sich das trozig mutige Mädchen einst an die Spitze
des einen Heers und focht gegen das andre mit solcher Gewalt und
Erbitterung, daß dieses schimpflich wäre in die Flucht geschlagen
worden, wenn ihr einzelner Widersacher sich nicht sehr brav gehalten
und seine Gegnerin doch noch zuletzt entwaffnet und gefangengenommen
hätte. Aber auch da noch wehrte sie sich so gewaltsam, daß er, um seine
Augen zu erhalten und die Feindin doch nicht zu beschäftigen, sein
seidenes Halstuch abreißen und ihr die Hände damit auf den Rücken
binden mußte.
Dies verzieh sie ihm nie, ja sie machte so heimliche Anstalten und
Versuche, ihn zu beschädigen, daß die Eltern, die auf diese seltsamen
Leidenschaften schon längst achtgehabt, sich miteinander verständigen
und beschlossen, die beiden feindlichen Wesen zu trennen und jene
lieblichen Hoffnungen aufzugeben.
Der Knabe tat sich in seinen neuen Verhältnissen bald hervor. Jede Art
von Unterricht schlug bei ihm an. Gönner und eigene Neigung bestimmten
ihn zum Soldatenstande. Überall, wo er sich fand, war er geliebt und
geehrt. Seine tüchtige Natur schien nur zum Wohlsein, zum Behagen
anderer zu wirken, und er war in sich, ohne deutliches Bewußtsein,
recht glücklich, den einzigen Widersacher verloren zu haben, den die
Natur ihm zugedacht hatte.
Das Mädchen dagegen trat auf einmal in einen veränderten Zustand. Ihre
Jahre, eine zunehmende Bildung und mehr noch ein gewisses inneres
Gefühl zogen sie von den heftigen Spielen hinweg, die sie bisher in
Gesellschaft der Knaben auszuüben pflegte. Im ganzen schien ihr etwas
zu fehlen, nichts war um sie herum, das wert gewesen wäre, ihren Haß zu
erregen. Liebenswürdig hatte sie noch niemanden gefunden.
Ein junger Mann, älter als ihr ehemaliger nachbarlicher Widersacher,
von Stand, Vermögen und Bedeutung, beliebt in der Gesellschaft, gesucht
von Frauen, wendete ihr seine ganze Neigung zu. Es war das erstemal,
daß sich ein Freund, ein Liebhaber, ein Diener um sie bemühte. Der
Vorzug, den er ihr vor vielen gab, die älter, gebildeter, glänzender
und anspruchsreicher waren als sie, tat ihr gar zu wohl. Seine
fortgesetzte Aufmerksamkeit, ohne daß er zudringlich gewesen wäre, sein
treuer Beistand bei verschiedenen unangenehmen Zufällen, sein gegen
ihre Eltern zwar ausgesprochnes, doch ruhiges und nur hoffnungsvolles
Werben, da sie freilich noch sehr jung war: das alles nahm sie für ihn
ein, wozu die Gewohnheit, die äußern, nun von der Welt als bekannt
angenommenen Verhältnisse das Ihrige beitrugen. Sie war so oft Braut
genannt worden, daß sie sich endlich selbst dafür hielt, und weder sie
noch irgend jemand dachte daran, daß noch eine Prüfung nötig sei, als
sie den Ring mit demjenigen wechselte, der so lange Zeit für ihren
Bräutigam galt.
Der ruhige Gang, den die ganze Sache genommen hatte, war auch durch das
Verlöbnis nicht beschleunigt worden. Man ließ eben von beiden Seiten
alles so fortgewähren, man freute sich des Zusammenlebens und wollte
die gute Jahreszeit durchaus noch als einen Frühling des künftigen
ernsteren Lebens genießen.
Indessen hatte der Entfernte sich zum schönsten ausgebildet, eine
verdiente Stufe seiner Lebensbestimmung erstiegen und kam mit Urlaub,
die Seinigen zu besuchen. Auf eine ganz natürliche, aber doch
sonderbare Weise stand er seiner schönen Nachbarin abermals entgegen.
Sie hatte in der letzten Zeit nur freundliche, bräutliche
Familienempfindungen bei sich genährt, sie war mit allem, was sie
umgab, in Übereinstimmung; sie glaubte glücklich zu sein und war es
auch auf gewisse Weise. Aber nun stand ihr zum erstenmal seit langer
Zeit wieder etwas entgegen: es war nicht hassenswert; sie war des
Hasses unfähig geworden, ja der kindische Haß, der eigentlich nur ein
dunkles Anerkennen des inneren Wertes gewesen, äußerte sich nun in
frohem Erstaunen, erfreulichem Betrachten, gefälligem Eingestehen, halb
willigem halb unwilligem und doch notwendigem Annahen, und das alles
war wechselseitig. Eine lange Entfernung gab zu längeren Unterhaltungen
Anlaß. Selbst jene kindische Unvernunft diente den Aufgeklärteren zu
scherzhafter Erinnerung, und es war, als wenn man sich jenen neckischen
Haß wenigstens durch eine freundschaftliche, aufmerksame Behandlung
vergüten müsse, als wenn jenes gewaltsame Verkennen nunmehr nicht ohne
ein ausgesprochenes Anerkennen bleiben dürfe.
Von seiner Seite blieb alles in einem verständigen, wünschenswerten
Maß. Sein Stand, seine Verhältnisse, sein Streben, sein Ehrgeiz
beschäftigten ihn so reichlich, daß er die Freundlichkeit der schönen
Braut als eine dankenswerte Zugabe mit Behaglichkeit aufnahm, ohne sie
deshalb in irgendeinem Bezug auf sich zu betrachten oder sie ihrem
Bräutigam zu mißgönnen, mit dem er übrigens in den besten Verhältnissen
stand.
Bei ihr hingegen sah es ganz anders aus. Sie schien sich wie aus einem
Traum erwacht. Der Kampf gegen ihren jungen Nachbar war die erste
Leidenschaft gewesen, und dieser heftige Kampf war doch nur, unter der
Form des Widerstrebens, eine heftige, gleichsam angeborne Neigung. Auch
kam es ihr in der Erinnerung nicht anders vor, als daß sie ihn immer
geliebt habe. Sie lächelte über jenes feindliche Suchen mit den Waffen
in der Hand; sie wollte sich des angenehmsten Gefühls erinnern, als er
sie entwaffnete; sie bildete sich ein, die größte Seligkeit empfunden
zu haben, da er sie band, und alles, was sie zu seinem Schaden und
Verdruß unternommen hatte, kam ihr nur als unschuldiges Mittel vor,
seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie verwünschte jene Trennung,
sie bejammerte den Schlaf, in den sie verfallen, sie verfluchte die
schleppende, träumerische Gewohnheit, durch die ihr ein so
unbedeutender Bräutigam hatte werden können; sie war verwandelt,
doppelt verwandelt, vorwärts und rückwärts, wie man es nehmen will.
Hätte jemand ihre Empfindungen, die sie ganz geheimhielt, entwickeln
und mit ihr teilen können, so würde er sie nicht gescholten haben; denn
freilich konnte der Bräutigam die Vergleichung mit dem Nachbar nicht
aushalten, sobald man sie nebeneinander sah. Wenn man dem einen ein
gewisses Zutrauen nicht versagen konnte, so erregte der andere das
vollste Vertrauen; wenn man den einen gern zur Gesellschaft mochte, so
wünschte man sich den andern zum Gefährten; und dachte man gar an
höhere Teilnahme, an außerordentliche Fälle, so hätte man wohl an dem
einen gezweifelt, wenn einem der andere vollkommene Gewißheit gab. Für
solche Verhältnisse ist den Weibern ein besonderer Takt angeboren, und
sie haben Ursache sowie Gelegenheit, ihn auszubilden.
Je mehr die schöne Braut solche Gesinnungen bei sich ganz heimlich
nährte, je weniger nur irgend jemand dasjenige auszusprechen im Fall
war, was zugunsten des Bräutigams gelten konnte, was Verhältnisse, was
Pflicht anzuraten und zu gebieten, ja was eine unabänderliche
Notwendigkeit unwiderruflich zu fordern schien, desto mehr begünstigte
das schöne Herz seine Einseitigkeit; und indem sie von der einen Seite
durch Welt und Familie, Bräutigam und eigne Zusage unauflöslich
gebunden war, von der andern der emporstrebende Jüngling gar kein
Geheimnis von seinen Gesinnungen, Planen und Aussichten machte, sich
nur als ein treuer und nicht einmal zärtlicher Bruder gegen sie bewies
und nun gar von seiner unmittelbaren Abreise die Rede war, so schien
es, als ob ihr früher kindischer Geist mit allen seinen Tücken und
Gewaltsamkeiten wiedererwachte und sich nun auf einer höheren
Lebensstufe mit Unwillen rüstete, bedeutender und verderblicher zu
wirken. Sie beschloß zu sterben, um den ehemals Gehaßten und nun so
heftig Geliebten für seine Unteilnahme zu strafen und sich, indem sie
ihn nicht besitzen sollte, wenigstens mit seiner Einbildungskraft,
seiner Reue auf ewig zu vermählen. Er sollte ihr totes Bild nicht
loswerden, er sollte nicht aufhören, sich Vorwürfe zu machen, daß er
ihre Gesinnungen nicht erkannt, nicht erforscht, nicht geschätzt habe.
Dieser seltsame Wahnsinn begleitete sie überallhin. Sie verbarg ihn
unter allerlei Formen; und ob sie den Menschen gleich wunderlich
vorkam, so war niemand aufmerksam oder klug genug, die innere, wahre
Ursache zu entdecken.
Indessen hatten sich Freunde, Verwandte, Bekannte in Anordnungen von
Mancherlei Festen erschöpft. Kaum verging ein Tag, daß nicht irgend
etwas Neues und Unerwartetes angestellt worden wäre. Kaum war ein
schöner Platz der Landschaft, den man nicht ausgeschmückt und zum
Empfang vieler froher Gäste bereitet hätte. Auch wollte unser junger
Ankömmling noch vor seiner Abreise das Seinige tun und lud das junge
Paar mit einem engeren Familienkreise zu einer Wasserlustfahrt. Man
bestieg ein großes, schönes, wohlausgeschmücktes Schiff, eine der
Jachten, die einen kleinen Saal und einige Zimmer anbieten und auf das
Wasser die Bequemlichkeit des Landes überzutragen suchen.
Man fuhr auf dem großen Strome mit Musik dahin; die Gesellschaft hatte
sich bei heißer Tageszeit in den untern Räumen versammelt, um sich an
Geistes- und Glücksspielen zu ergötzen. Der junge Wirt, der niemals
untätig bleiben konnte, hatte sich ans Steuer gesetzt, den alten
Schiffsmeister abzulösen, der an seiner Seite eingeschlafen war; und
eben brauchte der Wachende alle seine Vorsicht, da er sich einer Stelle
nahte, wo zwei Inseln das Flußbette verengten und, indem sie ihre
flachen Kiesufer bald an der einen, bald an der andern Seite
hereinstreckten, ein gefährliches Fahrwasser zubereiteten. Fast war der
sorgsame und scharfblickende Steurer in Versuchung, den Meister zu
wecken, aber er getraute sichs zu und fuhr gegen die Enge. In dem
Augenblick erschien auf dem Verdeck seine schöne Feindin mit einem
Blumenkranz in den Haaren. Sie nahm ihn ab und warf ihn auf den
Steuernden. „Nimm dies zum Andenken!“ rief sie aus. „Störe mich nicht!“
rief er ihr entgegen, indem er den Kranz auffing; „ich bedarf aller
meiner Kräfte und meiner Aufmerksamkeit“. „Ich störe dich nicht
weiter“, rief sie; „du siehst mich nicht wieder!“ Sie sprachs und eilte
nach dem Vorderteil des Schiffs, von da sie ins Wasser sprang. Einige
Stimmen riefen: „rettet! Rettet! Sie ertrinkt“. Er war in der
entsetzlichsten Verlegenheit. Über dem Lärm erwacht der alte
Schiffsmeister, will das Ruder ergreifen, der jüngere es ihm übergeben,
aber es ist keine Zeit, die Herrschaft zu wechseln: das Schiff
strandet, und in eben dem Augenblick, die lästigsten Kleidungsstücke
wegwerfend, stürzte er sich ins Wasser und schwamm der schönen Feindin
nach.
Das Wasser ist ein freundliches Element für den, der damit bekannt ist
und es zu behandeln weiß. Es trug ihn, und der geschickte Schwimmer
beherrschte es. Bald hatte er die vor ihm fortgerissene Schöne
erreicht; er faßte sie, wußte sie zu heben und zu tragen; beide wurden
vom Strom gewaltsam fortgerissen, bis sie die Inseln, die Werder weit
hinter sich hatten und der Fluß wieder breit und gemächlich zu fließen
anfing. Nun erst ermannte, nun erholte er sich aus der ersten
zudringenden Not, in der er ohne Besinnung nur mechanisch gehandelt; er
blickte mit emporstrebendem Haupt umher und ruderte nach Vermögen einer
flachen, buschichten Stelle zu, die sich angenehm und gelegen in den
Fluß verlief. Dort brachte er seine schöne Beute aufs Trockne; aber
kein Lebenshauch war in ihr zu spüren. Er war in Verzweiflung, als ihm
ein betretener Pfad, der durchs Gebüsch lief, in die Augen leuchtete.
Er belud sich aufs neue mit der teuren Last, er erblickte bald eine
einsame Wohnung und erreichte sie. Dort fand er gute Leute, ein junges
Ehepaar. Das Unglück, die Not sprach sich geschwind aus. Was er nach
einiger Besinnung forderte, ward geleistet. Ein lichtes Feuer brannte,
wollne Decken wurden über ein Lager gebreitet, Pelze, Felle und was
Erwärmendes vorrätig war, schnell herbeigetragen. Hier überwand die
Begierde zu retten jede andre Betrachtung. Nichts ward versäumt, den
schönen, halbstarren, nackten Körper wieder ins Leben zu rufen. Es
gelang. Sie schlug die Augen auf, sie erblickte den Freund, umschlang
seinen Hals mit ihren himmlischen Armen. So blieb sie lange; ein
Tränenstrom stürzte aus ihren Augen und vollendete ihre Genesung.
„Willst du mich verlassen“, rief sie aus, „da ich dich so
wiederfinde?“—„Niemals“, rief er, „niemals!“ und wußte nicht, was er
sagte noch was er tat. „Nur schone dich“, rief er hinzu, „schone dich!
Denke an dich um deinet- und meinetwillen“.
Sie dachte nun an sich und bemerkte jetzt erst den Zustand, in dem sie
war. Sie konnte sich vor ihrem Liebling, ihrem Retter nicht schämen;
aber sie entließ ihn gern, damit er für sich sorgen möge; denn noch
war, was ihn umgab, naß und triefend.
Die jungen Eheleute beredeten sich; er bot dem Jüngling und sie der
Schönen das Hochzeitskleid an, das noch vollständig dahing, um ein Paar
von Kopf zu Fuß und von innen heraus zu bekleiden. In kurzer Zeit waren
die beiden Abenteurer nicht nur angezogen, sondern geputzt. Sie sahen
allerliebst aus, staunten einander an, als sie zusammentraten, und
fielen sich mit unmäßiger Leidenschaft, und doch halb lächelnd über die
Vermummung, gewaltsam in die Arme. Die Kraft der Jugend und die
Regsamkeit der Liebe stellten sie in wenigen Augenblicken völlig wieder
her, und es fehlte nur die Musik, um sie zum Tanz aufzufordern.
Sich vom Wasser zur Erde, vom Tode zum Leben, aus dem Familienkreise in
eine Wildnis, aus der Verzweiflung zum Entzücken, aus der
Gleichgültigkeit zur Neigung, zur Leidenschaft gefunden zu haben, alles
in einem Augenblick—der Kopf wäre nicht hinreichend, das zu fassen; er
würde zerspringen oder sich verwirren. Hiebei muß das Herz das Beste
tun, wenn eine solche Überraschung ertragen werden soll.
Ganz verloren eins ins andere, konnten sie erst nach einiger Zeit an
die Angst, an die Sorgen der Zurückgelassenen denken, und fast konnten
sie selbst nicht ohne Angst, ohne Sorge daran denken, wie sie jenen
wiederbegegnen wollten. „Sollen wir fliehen? Sollen wir uns verbergen?“
sagte der Jüngling. „Wir wollen zusammenbleiben“, sagte sie, indem sie
an seinem Hals hing.
Der Landmann, der von ihnen die Geschichte des gestrandeten Schiffs
vernommen hatte, eilte, ohne weiter zu fragen, nach dem Ufer. Das
Fahrzeug kam glücklich einhergeschwommen; es war mit vieler Mühe
losgebracht worden. Man fuhr aufs ungewisse fort, in Hoffnung, die
Verlornen wiederzufinden. Als daher der Landmann mit Rufen und Winken
die Schiffenden aufmerksam machte, an eine Stelle lief, wo ein
vorteilhafter Landungsplatz sich zeigte, und mit Winken und Rufen nicht
aufhörte, wandte sich das Schiff nach dem Ufer, und welch ein
Schauspiel ward es, da sie landeten! Die Eltern der beiden Verlobten
drängten sich zuerst ans Ufer; den liebenden Bräutigam hatte fast die
Besinnung verlassen. Kaum hatten sie vernommen, daß die lieben Kinder
gerettet seien, so traten diese in ihrer sonderbaren Verkleidung aus
dem Busch hervor. Man erkannte sie nicht eher, als bis sie ganz
herangetreten waren. „Wen seh ich?“ riefen die Mütter. „Was seh ich?“
riefen die Väter. Die Geretteten warfen sich vor ihnen nieder. „Eure
Kinder!“ riefen sie aus, „ein Paar“. „Verzeiht!“ rief das Mädchen.
„Gebt uns Euren Segen!“ rief der Jüngling. „Gebt uns Euren Segen!“
riefen beide, da alle Welt staunend verstummte. „Euren Segen!“ ertönte
es zum drittenmal, und wer hätte den versagen können!