Achtes Kapitel

Es gibt wenig Menschen, die sich mit dem Nächstvergangenen zu

beschäftigen wissen. Entweder das Gegenwärtige hält uns mit Gewalt an

sich, oder wir verlieren uns in die Vergangenheit und suchen das völlig

Verlorene, wie es nur möglich sein will, wieder hervorzurufen und

herzustellen. Selbst in großen und reichen Familien, die ihren

Vorfahren vieles schuldig sind, pflegt es so zu gehen, daß man des

Großvaters mehr als des Vaters gedenkt.

Zu solchen Betrachtungen ward unser Gehülfe aufgefordert, als er an

einem der schönen Tage, an welchen der scheidende Winter den Frühling

zu lügen pflegt, durch den großen, alten Schloßgarten gegangen war und

die hohen Lindenalleen, die regelmäßigen Anlagen, die sich von Eduards

Vater herschrieben, bewundert hatte. Sie waren vortrefflich gediehen in

dem Sinne desjenigen, der sie pflanzte, und nun, da sie erst anerkannt

und genossen werden sollten, sprach niemand mehr von ihnen; man

besuchte sie kaum und hatte Liebhaberei und Aufwand gegen eine andere

Seite hin ins Freie und Weite gerichtet.

Er machte bei seiner Rückkehr Charlotten die Bemerkung, die sie nicht

ungünstig aufnahm. „Indem uns das Leben fortzieht“, versetzte sie,

„glauben wir aus uns selbst zu handeln, unsre Tätigkeit, unsre

Vergnügungen zu wählen, aber freilich, wenn wir es genau ansehen, so

sind es nur die Plane, die Neigungen der Zeit, die wir mit auszuführen

genötigt sind“.

„Gewiß“, sagte der Gehülfe; „und wer widersteht dem Strome seiner

Umgebungen? Die Zeit rückt fort und in ihr Gesinnungen, Meinungen,

Vorurteile und Liebhabereien. Fällt die Jugend eines Sohnes gerade in

die Zeit der Umwendung, so kann man versichert sein, daß er mit seinem

Vater nichts gemein haben wird. Wenn dieser in einer Periode lebte, wo

man Lust hatte, sich manches zuzueignen, dieses Eigentum zu sichern, zu

beschränken, einzuengen und in der Absonderung von der Welt seinen

Genuß zu befestigen, so wird jener sodann sich auszudehnen suchen,

mitteilen, verbreiten und das Verschlossene eröffnen“.

„Ganze Zeiträume“, versetzte Charlotte, „gleichen diesem Vater und

Sohn, den Sie schildern. Von jenen Zuständen, da jede kleine Stadt ihre

Mauern und Gräben haben mußte, da man jeden Edelhof noch in einen Sumpf

baute und die geringsten Schlösser nur durch eine Zugbrücke zugänglich

waren, davon können wir uns kaum einen Begriff machen. Sogar größere

Städte tragen jetzt ihre Wälle ab, die Gräben selbst fürstlicher

Schlösser werden ausgefüllt, die Städte bilden nur große Flecken, und

wenn man so auf Reisen das ansieht, sollte man glauben, der allgemeine

Friede sei befestigt und das goldne Zeitalter vor der Tür. Niemand

glaubt sich in einem Garten behaglich, der nicht einem freien Lande

ähnlich sieht; an Kunst, an Zwang soll nichts erinnern; wir wollen

völlig frei und unbedingt Atem schöpfen. Haben Sie wohl einen Begriff,

mein Freund, daß man aus diesem in einen andern, in den vorigen Zustand

zurückkehren könne?“

„Warum nicht?“ versetzte der Gehülfe; „jeder Zustand hat seine

Beschwerlichkeit, der beschränkte sowohl als der losgebundene. Der

letztere setzt Überfluß voraus und führt zur Verschwendung. Lassen Sie

uns bei Ihrem Beispiel bleiben, das auffallend genug ist. Sobald der

Mangel eintritt, sogleich ist die Selbstbeschränkung wiedergegeben.

Menschen, die ihren Grund und Boden zu nutzen genötigt sind, führen

schon wieder Mauern um ihre Gärten auf, damit sie ihrer Erzeugnisse

sicher seien. Daraus entsteht nach und nach eine neue Ansicht der

Dinge. Das Nützliche erhält wieder die Oberhand, und selbst der

Vielbesitzende meint zuletzt auch das alles nutzen zu müssen. Glauben

Sie mir: es ist möglich, daß Ihr Sohn die sämtlichen Parkanlagen

vernachlässigt und sich wieder hinter die ernsten Mauern und unter die

hohen Linden seines Großvaters zurückzieht“.

Charlotte war im stillen erfreut, sich einen Sohn verkündigt zu hören,

und verzieh dem Gehülfen deshalb die etwas unfreundliche Prophezeiung,

wie es dereinst ihrem lieben, schönen Park ergehen könne. Sie versetzte

deshalb ganz freundlich: „wir sind beide noch nicht alt genug, um

dergleichen Widersprüche mehrmals erlebt zu haben; allein wenn man sich

in seine frühe Jugend zurückdenkt, sich erinnert, worüber man von

älteren Personen klagen gehört, Länder und Städte mit in die

Betrachtung aufnimmt, so möchte wohl gegen die Bemerkung nichts

einzuwenden sein. Sollte man denn aber einem solchen Naturgang nichts

entgegensetzen, sollte man Vater und Sohn, Eltern und Kinder nicht in

Übereinstimmung bringen können? Sie haben mir freundlich einen Knaben

geweissagt; müßte denn der gerade mit seinem Vater im Widerspruch

stehen? Zerstören, was seine Eltern erbaut haben, anstatt es zu

vollenden und zu erheben, wenn er in demselben Sinne fortfährt?“

„Dazu gibt es auch wohl ein vernünftiges Mittel“, versetzte der

Gehülfe, „das aber von den Menschen selten angewandt wird. Der Vater

erhebe seinen Sohn zum Mitbesitzer, er lasse ihn mitbauen, -pflanzen

und erlaube ihm, wie sich selbst, eine unschädliche Willkür. Eine

Tätigkeit läßt sich in die andre verweben, keine an die andre

anstückeln. Ein junger Zweig verbindet sich mit einem alten Stamme gar

leicht und gern, an den kein erwachsener Ast mehr anzufügen ist“.

Es freute den Gehülfen, in dem Augenblick, da er Abschied zu nehmen

sich genötigt sah, Charlotten zufälligerweise etwas Angenehmes gesagt

und ihre Gunst aufs neue dadurch befestigt zu haben. Schon allzulange

war er von Hause weg; doch konnte er zur Rückreise sich nicht eher

entschließen als nach völliger Überzeugung, er müsse die herannahende

Epoche von Charlottens Niederkunft erst vorbeigehen lassen, bevor er

wegen Ottiliens irgendeine Entscheidung hoffen könne. Er fügte sich

deshalb in die Umstände und kehrte mit diesen Aussichten und Hoffnungen

wieder zur Vorsteherin zurück.

Charlottens Niederkunft nahte heran. Sie hielt sich mehr in ihren

Zimmern. Die Frauen, die sich um sie versammelt hatten, waren ihre

geschlossenere Gesellschaft. Ottilie besorgte das Hauswesen, indem sie

kaum daran denken durfte, was sie tat. Sie hatte sich zwar völlig

ergeben; sie wünschte für Charlotten, für das Kind, für Eduarden sich

auch noch ferner auf das dienstlichste zu bemühen; aber sie sah nicht

ein, wie es möglich werden wollte. Nichts konnte sie vor völliger

Verworrenheit retten, als daß sie jeden Tag ihre Pflicht tat.

Ein Sohn war glücklich zur Welt gekommen, und die Frauen versicherten

sämtlich, es sei der ganze leibhafte Vater. Nur Ottilie konnte es im

stillen nicht finden, als sie der Wöchnerin Glück wünschte und das Kind

auf das herzlichste begrüßte. Schon bei den Anstalten zur Verheiratung

ihrer Tochter war Charlotten die Abwesenheit ihres Gemahls höchst

fühlbar gewesen; nun sollte der Vater auch bei der Geburt des Sohnes

nicht gegenwärtig sein; er sollte den Namen nicht bestimmen, bei dem

man ihn künftig rufen würde.

Der erste von allen Freunden, die sich beglückwünschend sehen ließen,

war Mittler, der seine Kundschafter ausgestellt hatte, um von diesem

Ereignis sogleich Nachricht zu erhalten. Er fand sich ein, und zwar

sehr behaglich. Kaum daß er seinen Triumph in Gegenwart Ottiliens

verbarg, so sprach er sich gegen Charlotten laut aus und war der Mann,

alle Sorgen zu heben und alle augenblicklichen Hindernisse

beiseitezubringen. Die Taufe sollte nicht lange aufgeschoben werden.

Der alte Geistliche, mit einem Fuß schon im Grabe, sollte durch seinen

Segen das Vergangene mit dem Zukünftigen zusammenknüpfen; Otto sollte

das Kind heißen; es konnte keinen andern Namen führen als den Namen des

Vaters und des Freundes.

Es bedurfte der entschiedenen Zudringlichkeit dieses Mannes, um die

hunderterlei Bedenklichkeiten, das Widerreden, Zaudern, Stocken,

Besser- oder Anderswissen, das Schwanken, Meinen, Um- und Wiedermeinen

zu beseitigen, da gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten aus einer

gehobenen Bedenklichkeit immer wieder neue entstehen und, indem man

alle Verhältnisse schonen will, immer der Fall eintritt, einige zu

verletzten.

Alle Meldungsschreiben und Gevatterbriefe übernahm Mittler; sie sollten

gleich ausgefertigt sein, denn ihm war selbst höchlich daran gelegen,

ein Glück, das er für die Familie so bedeutend hielt, auch der übrigen

mitunter mißwollenden und mißredenden Welt bekanntzumachen. Und

freilich waren die bisherigen leidenschaftlichen Vorfälle dem Publikum

nicht entgangen, das ohnehin in der Überzeugung steht, alles, was

geschieht, geschehe nur dazu, damit es etwas zu reden habe.

Die Feier des Taufaktes sollte würdig, aber beschränkt und kurz sein.

Man kam zusammen, Ottilie und Mittler sollten das Kind als Taufzeugen

halten. Der alte Geistliche, unterstützt vom Kirchdiener, trat mit

langsamen Schritten heran. Das Gebet war verrichtet, Ottilien das Kind

auf die Arme gelegt, und als sie mit Neigung auf dasselbe heruntersah,

erschrak sie nicht wenig an seinen offenen Augen; denn sie glaubte in

ihre eigenen zu sehen; eine solche Übereinstimmung hätte jeden

überraschen müssen. Mittler, der zunächst das Kind empfing, stutzte

gleichfalls, indem er in der Bildung desselben eine so auffallende

Ähnlichkeit, und zwar mit dem Hauptmann, erblickte, dergleichen ihm

sonst noch nie vorgekommen war.

Die Schwäche des guten alten Geistichen hatte ihn gehindert, die

Taufhandlung mit mehrerem als der gewöhnlichen Liturgie zu begleiten.

Mittler indessen, voll von dem Gegenstande, gedachte seiner frühern

Amtsverrichtungen und hatte überhaupt die Art, sich sogleich in jedem

Falle zu denken, wie er nun reden, wie er sich äußern würde. Diesmal

konnte er sich um so weniger zurückhalten, als es nur eine kleine

Gesellschaft von lauter Freunden war, die ihn umgab. Er fing daher an,

gegen das Ende des Akts mit Behaglichkeit sich an die Stelle des

Geistlichen zu versetzen, in einer muntern Rede seine Patenpflichten

und Hoffnungen zu äußern und um so mehr dabei zu verweilen, als er

Charlottens Beifall in ihrer zufriedenen Miene zu erkennen glaubte.

Daß der gute alte Mann sich gern gesetzt hätte, entging dem rüstigen

Redner, der noch viel weniger dachte, daß er ein größeres Übel

hervorzubringen auf dem Wege war; denn nachdem er das Verhältnis eines

jeden Anwesenden zum Kinde mit Nachdruck geschildert und Ottiliens

Fassung dabei ziemlich auf die Probe gestellt hatte, so wandte er sich

zuletzt gegen den Greis mit diesen Worten: „Und Sie, mein würdiger

Altvater, können nunmehr mit Simeon sprechen; ‘Herr, laß deinen Diener

in Frieden fahren; denn meine Augen haben den Heiland dieses Hauses

gesehen’“.

Nun war er im Zuge, recht glänzend zu schließen, aber er bemerkte bald,

daß der Alte, dem er das Kind hinhielt, sich zwar erst gegen dasselbe

zu neigen schien, nachher aber schnell zurücksank. Vom Fall kaum

abgehalten, ward er in einen Sessel gebracht, und man mußte ihn

ungeachtet aller augenblicklichen Beihülfe für tot ansprechen.

So unmittelbar Geburt und Tod, Sarg und Wiege nebeneinander zu sehen

und zu denken, nicht bloß mit der Einbildungskraft, sondern mit den

Augen diese ungeheuern Gegensätze zusammenzufassen, war für die

Umstehenden eine schwere Aufgabe, je überraschender sie vorgelegt

wurde. Ottilie allein betrachtete den Eingeschlummerten, der noch immer

seine freundliche, einnehmende Miene behalten hatte, mit einer Art von

Neid. Das Leben ihrer Seele war getötet; warum sollte der Körper noch

erhalten werden?

Führten sie auf diese Weise gar manchmal die unerfreulichen

Begebenheiten des Tags auf die Betrachtung der Vergänglichkeit, des

Scheidens, des Verlierens, so waren ihr dagegen wundersame nächtliche

Erscheinungen zum Trost gegeben, die ihr das Dasein des Geliebten

versicherten und ihr eigenes befestigten und belebten. Wenn sie sich

abends zur Ruhe gelegt und im süßen Gefühl noch zwischen Schlaf und

Wachen schwebte, schien es ihr, als wenn sie in einen ganz hellen, doch

mild erleuchteten Raum hineinblickte. In diesem sah sie Eduarden ganz

deutlich, und zwar nicht gekleidet, wie sie ihn sonst gesehen, sondern

im kriegerischen Anzug, jedesmal in einer andern Stellung, die aber

vollkommen natürlich war und nichts Phantastisches an sich hatte:

stehend, gehend, liegend, reitend. Die Gestalt, bis aufs kleinste

ausgemalt, bewegte sich willig vor ihr, ohne daß sie das mindeste dazu

tat, ohne daß sie wollte oder die Einbildungskraft anstrengte. Manchmal

sah sie ihn auch umgeben, besonders von etwas Beweglichem, das dunkler

war als der helle Grund; aber sie unterschied kaum Schattenbilder, die

ihr zuweilen als Menschen, als Pferde, als Bäume und Gebirge vorkommen

konnten. Gewöhnlich schlief sie über der Erscheinung ein, und wenn sie

nach einer ruhigen Nacht morgens wieder erwachte, so war sie erquickt,

getröstet; sie fühlte sich überzeugt, Eduard lebe noch, sie stehe mit

ihm noch in dem innigsten Verhältnis.

Die Wahlverwandtschaften · 第 42 / 55 题